Archiv der Kategorie: Filmkritik

How to Party With Mum

(USA 2018, Regie: Ben Falcone)

Endlich wieder bieder
von Drehli Robnik

Melissa McCarthy ist an sich eine großartige Komikerin – hochpräsent in ihrem Timing, Körpereinsatz und Stimmbruch. Ihr Gemahl Ben Falcone hat bereits zwei Komödien mit ihr in der Hauptrolle inszeniert, …

Melissa McCarthy ist an sich eine großartige Komikerin – hochpräsent in ihrem Timing, Körpereinsatz und Stimmbruch. Ihr Gemahl Ben Falcone hat bereits zwei Komödien mit ihr in der Hauptrolle inszeniert, eine davon („Tammy“, 2014) hatte auch schon ein sentimental anvisiertes Mutter-Thema. In der aktuellen Gemeinschaftsarbeit des Ehepaars (Produktion und Drehbuch haben sie zusammen übernommen) spielt nun McCarthy die Mutterrolle: In „Life of the Party“, eingedeutscht als „How to Party With Mum“, nimmt eine Mittvierzigerin nach einer abrupten unfreiwilligen Scheidung ihr einst der Familie geopfertes Universitätsstudium (Archäologie) wieder auf; sie wird Teil der Campusclique und Partywelt ihrer Tochter und ist dort erstaunlich willkommen, auch erotisch erfolgreich.

Ältere Filmbuffs kennen die Anachronismus-Schulbank-Formel zum Beispiel aus der „Feuerzangenbowle“; etwas Heinz Rühmanneskes haftet auch dem sich anbahnenden Absinken von McCarthy in spießigen Gebrauchshumor an. Bitte bald „Spy 2“ oder „Ghostbusters 2“ oder vielleicht auch mal was Atypisches machen!

Im aktuellen Film, der in den USA zum Muttertag gestartet wurde, hagelt’s statt Frauen-Teamwork (oder gar Frauen-Solidarität) Bitchklischees, Kreuzwehwitze und Streitszenen, die von Formalien und Schinkenbrotobsessionen durchkreuzt werden; manche davon rettet die verlässliche Maya Rudolph. Zwischen Trinkspruchritual, Sorority-Initiation, Sex in der Bibliothek und – besonders dringend gebraucht – Party mit Eighties-Retro-Motto entspinnt sich ein bis ins Detail durchberechneter, dauerbeschallter und dennoch völlig verhatschter Feelgood-Film, der sich zum Findgut-Film auswächst: Ständig drückt uns irgendwer rein, wie urleiwand (für Nicht-Ösis: knorke) die Mama ist. Und das Weltbild in Sachen Jungsein und Studieren, das „How to Party with Mum because She Is the Life of the Party“ vermittelt, ist so zynisch und karrieristisch wie unterwerfungsbereit. Das hat Zukunft.

Randnotiz in Sachen Marginalisierung: Dunkelhäutige Menschen kommen hier in einer alibi- und gönnerhaften Art ins Bild, die für die gesamte Menschheit beleidigend ist. Am Ende ein Cameo von Christina Aguilera als Fundraising-Stargast; es darf getanzt werden. Vielmehr: muss.

Hereditary – Das Vermächtnis

(USA 2018, Regie: Ari Aster)

Den Augen nicht trauen
von Christian Kaiser

Flirrende, bläuliche, unwirkliche Lichteffekte. Spiegelbilder in Scheiben, die sich nicht an der gespiegelten Person orientieren. Sinneseindrücke, die sich als – echter oder vermeintlicher – Alptraum entpuppen. Personen, die sich nach …

Flirrende, bläuliche, unwirkliche Lichteffekte. Spiegelbilder in Scheiben, die sich nicht an der gespiegelten Person orientieren. Sinneseindrücke, die sich als – echter oder vermeintlicher – Alptraum entpuppen. Personen, die sich nach genauem Hinsehen doch bloß als Möbelstück erweisen – was bisweilen an Polanskis „Le locataire“ (FR 1976) erinnert, wo ein Stuhl im Fieberwahn doch nicht so ganz seinem Anblick entspricht. Dort mutiert auch ein harmloser Spielball in der Wahnvorstellung des Protagonisten zum abgetrennten Kopf. In „Hereditary“ wird man Zeuge einer solchen Umwandlung in umgedrehter Reihenfolge.

Überhaupt steckt – wenngleich auch Fellinis Poe-Verfilmung („Außergewöhnliche Geschichten“; IT/FR 1968; Segment „Toby Dammit“) und deren Vorbild Mario Bava Pate gestanden haben mögen – viel Polanski im „Hereditary“: „Rosemary’s Baby“ (USA 1968) macht sich am stärksten bemerkbar, wenn sich die weibliche Hauptfigur von ihrem Mann unverstanden wähnt, wenn sie immer wieder von einer aufdringlichen, freundlichen, älteren Dame umsorgt wird, wenn sich das okkulte Treiben immer deutlicher Bahn bricht.

Was „Hereditary“ mit diesen Polanskis – und mit seiner losen Mieter-Trilogie insgesamt – eint, ist das Spiel mit dem Wahn, mit einer vermeintlichen oder echten Paranoia der Figuren. „Hereditary“ besitzt allerdings vordergründig eine Eindeutigkeit, die man eher aus Polanskis letztem reinen Horrorfilm „The Ninth Gate“ (ES/FR/USA 1999) kennt. Die tote Mutter, die immer einen männlichen Enkel ersehnt hat; der Sohn, der trotz aller versuchten Schwangerschaftsabbrüche zur Welt gekommen ist; die okkulten Symbole, die immer wieder auftauchen – alles nimmt seinen schicksalhaften Lauf, der sich teilweise an H. P. Lovecrafts populärer Horrorstory „The Thing on the Doorstep “ (1937) orientiert, lange Zeit aber vor allem als abgründiges Familiendrama ausgibt.

Es beginnt mit der Beerdigung von Annie Grahams Mutter, mit der sie – woran ihre Grabrede keinen Zweifel lässt – eine eher schwierige Beziehung pflegte. Im Nachlass der Toten befinden sich diverse okkulte Bücher: eines davon verziert mit einem Symbol, das nun immer häufiger im Umfeld der Familie auftaucht – was aber zunächst bloß der Kamera und dem Kinopublikum auffällt. Die gehandicapte Tochter verhält sich in der Folgezeit immer sonderbarer und einen Schicksalsschlag später ist es auch um den Geisteszustand des Sohnes schlecht bestellt: was nicht zuletzt mit den Séancen zusammenzuhängen scheint, die Annie von einer neuen Freundin erlernt hat. Bald keimt in ihr der Verdacht, dass unheilvolle Dinge vor sich gehen. Doch ihr Mann, mit welchem sie einst einen heftigen Ehezwist hatte, sorgt sich eher um die geistige Gesundheit seiner Frau – zumal sie sich schon vor Jahren als Schlafwandlerin ausgesprochen bedenklich verhalten hatte.

Und weil der Film immer wieder mit Albtraumbildern und flüchtigen Sinneseindrücken spielt, nimmt ein Wahn- & Paranoia-Aspekt zunächst großen Raum ein – auch wenn früh gesäte Hinweise auf Unheilvolles dem Publikum und nicht unbedingt den Figuren dargeboten werden. Gegen Ende aber ereignet sich das Übernatürliche immer drastischer und eindeutiger. Doch wie gesagt trügt der Schein in diesem Paranoia-Horrorthriller. Hier herrscht der Wahn und vielleicht verlieren deshalb so viele Lebewesen ihren Kopf in dem Film, weil es gerade darum geht, nicht seinen Kopf zu verlieren, Wahn und Wirklichkeit sauber zu scheiden. Deshalb ist womöglich letztlich doch nicht alles so eindeutig übernatürlich, wie es am Ende zu sein scheint. Denn der Film setzt immerhin mit dem Geschehen innerhalb eines Puppenhauses ein, welches Annie neben vielen weiteren Miniaturmodellen als Abbild der umgebenden Wirklichkeit für eine geplante Kunstausstellung hergestellt hat. Es wirkt einige Zeit so, als ginge es um eine Figur, die mit ihrem Uhrmacher-Okular ganz genau hinschaut und ihre Umgebung dennoch viel zu spät durchschaut.

Doch man kann den Film, der gegen Ende hocheffektiv zum – im positiven Sinne – perversen Alptraum gerät, auch ganz anders lesen. Als Imagination im künstlichen Miniatur-Raum, im kreativen Werk der Hauptfigur, die ihr ungesundes Familienleben in eine monströse Horrorstory umformt: Wir sehen gewissermaßen bloß, was eine Künstlerin – getrieben vom zerrütteten Familienleben – in ihr Werk hineinprojiziert. Ein – ihre Wirklichkeit verarbeitendes – Puppenspiel. Eine Lesart, welche den positiven Nebeneffekt mit sich bringt, dass die (eben nur scheinbare) Eindeutigkeit des Übernatürlichen am Ende nicht zusammenbrechen lässt, was der Film zuvor als durchaus sozialkritisches, rabenschwarzes, leicht satirisches Familiendrama aufgebaut hat. Und darin ähnelt „Hereditary“ dann einem anderen jungen und stark gehypten Horrorfilm – nämlich „The VVitch“ (USA 2015; Regie: Robert Eggers), der ebenfalls zunehmend eindeutiger zu geraten schien, letztlich aber konsequent die Innenperspektive des Hexen-Wahns wiedergibt und mit dem sich „Hereditary“ die Verbeugung vor Kubricks „Shining“ (1980) aufgrund des avantgardistischen Soundtracks und dem Entsetzen vor nackten Leibern welker Vetteln teilt.

Wolf and sheep

(DK/FR/SWE/AFG 2016, Regie: Shahrbanoo Sadat)

Kleines Glück im kargen Leben
von Wolfgang Nierlin

Ein früh verstorbener Familienvater wird zu Grabe getragen. Während die Männer des kleinen Dorfes ein Schaf opfern, spenden die Frauen der Witwe Trost. Eine von ihnen sagt: „Das Leben gilt …

Ein früh verstorbener Familienvater wird zu Grabe getragen. Während die Männer des kleinen Dorfes ein Schaf opfern, spenden die Frauen der Witwe Trost. Eine von ihnen sagt: „Das Leben gilt nichts.“ Nachts hält ein Beter mit Laterne auf dem kargen Friedhofshügel die Totenwache, während aus dem fernen Dunkel das Geheul von Wölfen dringt und für Augenblicke eine nackte Frauengestalt das Bild mit einer unheimlichen Aura auflädt. Die grüne Fee mit dem langen Haar stammt aus einer der phantastischen Geschichten, die man sich hier erzählt und in denen sich Wirklichkeit und Legende unaufhörlich mit immer neuen Erfindungen durchdringen, um mit ihnen die Besonderheiten und das Unverständliche des Lebens zu erklären. Die magische Welt der Nacht und die Wirklichkeit des Tages gehören in dieser abgeschiedenen Gemeinschaft zusammen. Am nächsten Morgen schient ein alter Mann das verletzte Bein einer Ziege und Kinder treiben die Herde auf steinige Höhen.

Völlig unaufgeregt und verhalten beobachtet die junge afghanische Filmemacherin Shahrbanoo Sadat in ihrem Langfilmdebüt „Wolf and Sheep“ das Leben von Menschen, die unter nahezu archaischen Bedingungen ihr Dasein fristen. Diese gehören zur Ethnie der Hazara, der drittgrößten Volksgruppe Afghanistans, die immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist. Angesiedelt in einer trockenen, staubigen Talsenke im zentralen Teil des Landes – gedreht wurde allerdings in Tadschikistan -, schildert Sadat in losen Szenen den einfachen Alltag der Dorfgemeinschaft. Inspiriert von eigenen Erfahrungen, geht es der Regisseurin vor allem darum, den offiziellen, meist klischeebeladenen Bildern ihres Landes Ansichten des „wirklichen Lebens“ entgegenzusetzen. Ihr dokumentarischer Realismus, der der ethnographischen Beobachtung angenähert ist, verzichtet deshalb weitgehend auf eine dramatische Handlung und vertraut auf die Unbekümmertheit ihrer Laienspieler.

Trotzdem schält sich aus der Gleichrangigkeit des Erzählten und der Gleichförmigkeit der Ereignisse allmählich die Geschichte zweier jugendlicher Außenseiter: Während Qodrat (Qodratolla Qadiri), der eingangs zum Halbwaisen geworden ist, Gerüchten um das Liebesleben seiner Mutter ausgesetzt ist, wird die gleichaltrige Ziegenhirtin Sediqua (Sediqua Rasuli) von ihren Freundinnen wegen angeblicher sagenumwobener Sonderlichkeiten insgeheim gemieden. Scheu nähern sich die beiden Jugendlichen über das Knüpfen und Spielen mit einer Steinschleuder einander an. Shahrbanoo Sadat bindet das ein in die Kämpfe und obszönen Reden der pubertierenden Jungen und in die schüchternen Rollenspiele der Mädchen. Die Härten eines beschwerlichen, manchmal unbarmherzigen Lebens, das im Tausch und der Entschädigung immer wieder den Ausgleich findet, sind dabei stets gegenwärtig. Einmal klauen die beiden unschuldig Verliebten zusammen Kartoffeln, um sie danach in einem Erdfeuer zu dämpfen. Für einen langen Moment nur wird ein kurzes Glück greifbar, das danach von den Schicksalen des rauen Lebens wieder zerstreut wird.

Hereditary – Das Vermächtnis

(USA 2018, Regie: Ari Aster)

Vom Schmerz zum Schrecken
von Drehli Robnik

Jubelblurbs von Edelfedern der US-Kinokritik umfloren den Start des Konzept-Horrorfilms „Hereditary – Das Vermächtnis“. Der Jubel erfolgt ja nicht zu Unrecht. Allerdings wird die Art, wie solcher Kritik-Hype uns in …

Jubelblurbs von Edelfedern der US-Kinokritik umfloren den Start des Konzept-Horrorfilms „Hereditary – Das Vermächtnis“. Der Jubel erfolgt ja nicht zu Unrecht. Allerdings wird die Art, wie solcher Kritik-Hype uns in Schnappatmung versetzen will, den Stärken dieses Langfilmdebüts des jungen New Yorkers Ari Aster (Regie & Drehbuch) kaum gerecht. Diesen Film prägt weniger das grell Gellende als vielmehr ein Gestus des Gravitätischen in Sachen grief und relief: Aus lastenden Verlusten, Aufarbeitungsanläufen und Schuldzuweisungen innerhalb einer White Upper Middle Class-Familie entfaltet sich hier Ominöses und entsteht schubweise nackter Schrecken. Nach dem Begräbnis der Oma wird die Enkeltochter immer seltsamer, deren Mutter packt es nicht, ihr Vater ist der Typ aus „In Treatment“, aber hilfos, und dann rückt der wuschelköpfige Sohn immer mehr ins Zentrum…

„Hereditary“ wirft ein intergenerationales Schmerzensnetzwerk mit markanten Raumknoten aus (emblematisch: das Baumhaus vor dem Heim; die Puppenhaus-Szenarien, in denen die Mutter, von Beruf Objektkünstlerin – was sonst? –, Traumata pittoresk vergegenständlicht). Es wirkt ein bisserl gar gut ausgedacht – aber es wirkt. Das ist ähnlich wie bei dem bizarr verdrehten Missbrauchsdrama in einer schwarzen Bürgersfamilie in Asters Kurzfilm vom „Strange Thing About the Johnsons“. Dass schmerzliche Geheimnisse sich in einer Familie lange halten und wirken, das scheint bei Aster – betrachtet man sein „Gesamtwerk“ – kein Milieu-Monopol des weißen Amerika zu sein. Wie sein kurzer Vorgängerfilm hat auch „Hereditary“ einen Showdown am offenen Kamin. Bewahren wir ansonsten über die Story und ihre Auflösungen konspiratives Schweigen.

Beachtlich ist, wie „Hereditary“ Plots und Topoi des modernen Horrorkinos arrangiert, ohne dabei zitathaft oder beliebig zu werden: Zeichnungen von einem weirden Kind, die Neudeutung diverser gut verpackter Familienmemorabilia, abrupt endende Alpträume, Versuche, ein böses Buch zu verbrennen, Fliegenschwärme, Dachbodenmysterien, Klassenzimmervisionen, Leichenfunde, Flackerlicht, Séancen und ein Signature Sound (Zungenschnalzen) zu flirrenden Geigen und dronenden Bläsern.

Rahmend, tragend für diese motivische Vielfalt ist die Verbindung einzelner Over the Top-Momente mit Zusicherungen, die an Figuren im Film wie auch an uns ergehen – nämlich nach Art des hier öfter gesprochenen Eingeständnis-Satzes „Ich weiß, das ist jetzt total unglaubwürdig, aber…“. Eine regelrechte Doppel-Anmutung – du glaubst es nicht, aber es packt dich –, und Toni Collette gibt dem einen labilen Ausdruckskörper; flankiert von Alex Wolff und Gabriel Byrne spielt sie groß auf, ein wenig auch so, als würde sie an ihre Rolle (ebenfalls eine Mutterrolle) vor zwanzig Jahren in „The Sixth Sense“ anknüpfen. Ja, und die Art, wie hier Gesichter, Gesten und schlichte Hausansichten lange starrend verharren, auch mal in jähstem Lichtwechsel und in hellstem Halbdunkel (Morgendämmerung ist das neue Mitternacht), das schafft eine starke Atmosphäre und ist diabolisch creepy. Das kriecht dich. Hundert pro.

Grain – Weizen

(TR/FR/D/SWE/QA 2017, Regie: Semih Kaplanoğlu)

Totes Land, neues Leben
von Wolfgang Nierlin

In einer nicht so fernen, sehr gegenwärtigen Zukunft ist die einst farbige Welt schwarzweiß geworden. Die Kontraste ihrer mal grauen, mal erdigen Töne sind jetzt zwar härter und deutlicher sichtbar, …

In einer nicht so fernen, sehr gegenwärtigen Zukunft ist die einst farbige Welt schwarzweiß geworden. Die Kontraste ihrer mal grauen, mal erdigen Töne sind jetzt zwar härter und deutlicher sichtbar, aber was zwischen ihnen liegt verliert an Kontur. In Semih Kaplanoğlus neuem, kunstvoll gestaltetem Film „Grain – Weizen“ ist der verbleibende Lebensraum in verschiedene Zonen unterschiedlicher Güte und Existenzmöglichkeiten eingeteilt. Zwischen dem Chaos der Städte, der sogenannten „unbehüteten Natur“ und den „Dead Lands“ der verbotenen Zone erstreckt sich eine unfruchtbar gewordene Ödnis, die nur noch wenige Abstufungen kennt und aus der fast alles Leben verschwunden ist. Zwischen dem Sein einer verkümmerten Natur und dem Nichts einer zerstörten Natur sind Grenzen errichtet worden, die durch tödliche Magnetfelder „gesichert“ werden. Wer sie betritt, verbrennt und stirbt einen qualvollen Flammentod.

In Kaplanoğlus parabolischer Endzeitvision sind die dystopischen Motive sehr realistisch gezeichnet: In umzäunten Flüchtlingslagern harren die Menschen aus in der Hoffnung auf ein besseres Leben, über das ein selektierender Gen-Test entscheidet; Ufos überwachen das „tote Land“, in der die verlöschende Vergangenheit des früheren Lebens eingesperrt ist; in den Straßen einer futuristischen Stadtlandschaft toben wüste Straßenkämpfe; und in den Laboren mit ihren riesigen Gewächshäusern forscht man fieberhaft an genetisch veränderten Pflanzen nach Saatgut, das vom zerstörten Lebenskreislauf nicht abgestoßen wird. Da die Nahrungsmittelversorgung mittlerweile ernsthaft bedroht ist, sucht der Wissenschaftler Erol Erin (Jean-Marc Barr), der für die Firma „Novus Vita“ arbeitet, nach einer Lösung des Problems und begibt sich dafür auf Abwege, indem er der Spur des abgetauchten Genetikers Cemil Akman (Ermin Bravo) folgt.

Der Entdecker des sogenannten „M-Partikels“ wird in der verbotenen Zone vermutet. Zusammen mit seinem Kollegen Andrei (Grigoriy Dobrygin) und mit Hilfe des weiblichen Scouts Alice (Cristina Fluter) gelingt es Erin, die Magnetschranke zu überwinden und der Spur des wissenschaftlichen Aussteigers in den „Dead Lands“ zu folgen. Mit Anklängen und Reminiszenzen an Andrei Tarkowskis Filme „Stalker“ (UdSSR 1979) und „Nostalghia“ (UdSSR/IT 1983) beginnt für den kritischen Wissenschaftler Erin eine Art innere Reise, die ihn in der Begegnung mit dem charismatischen Konvertiten Akman zunehmend stärker mit sich selbst konfrontiert und schließlich verändert. Unter dem Boden einer alten Klosterkirche kultiviert Akman nämlich fruchtbare Erde, die es zu „retten“ und auszubringen gilt. So wird Erin, der zwischen empirischem Wissen und spiritueller Sehnsucht gespalten ist, zu Akmans Schüler und Gefolgsmann.

In seiner Erforschung des „menschlichen Parikels“, das die Einheit des Ganzen in sich einschließt, beschreibt Akman nämlich das Dasein als einen ungeteilten Körper, den es vom Ego zu befreien gilt. Erin durchläuft dabei verschiedene Stadien der inneren Umkehr, der Versuchung und der Heilung, in denen Motive an Semih Kaplanoğlus früheren Film „Yumurta – Ei“ (TR 2007) anklingen, beispielsweise in der Szene mit dem Wolf, der nachts Erins Zelt umkreist und ihn gewissermaßen an den Ort „fesselt“. Darüber hinaus zitiert der türkische Regisseur in seinem bildgewaltigen, von apokalyptischen Szenerien, eindrucksvollen Schauplätzen und überraschenden, zunächst rätselhaft anmutenden Wendungen bestimmten Endzeitfilm immer wieder religiöse Motive, die sich nahtlos in die existentielle Thematik einfügen. Die ebenso naturverbundene wie spirituelle Opposition des „Bekehrten“ wird schließlich zum Korrektiv der rationalen technischen Welt. Im Wiederfinden des verloren Geglaubten erscheint schließlich die Hoffnung auf Rettung.

Avengers: Infinity War

(USA 2018, Regie: Joe Russo, Anthony Russo)

To Infinity (War) and not beyond – Die Avengers rüsten sich für den „finalen“ Kampf
von David Auer

Wie der Herr seine Knechte und vice versa brauchen Superheroes ihre Supervillains, und je schillernder jene geraten, desto heldenhafter können diese in Aktion treten. An den Antagonisten (nicht nur) in …

Wie der Herr seine Knechte und vice versa brauchen Superheroes ihre Supervillains, und je schillernder jene geraten, desto heldenhafter können diese in Aktion treten. An den Antagonisten (nicht nur) in Comics und ihren Filmadaptionen müssen sich die Protagonisten messen lassen. Wenn, wie bei den Avengers, ein ganzes Franchise sich auf einen Kulminationspunkt zubewegt, schürt das große Erwartungen. Und die werden von „Avengers: Infinity War“ ja nicht enttäuscht. Schon einmal hat sich eine bunte Superheldentruppe einem lila Ungetüm entgegengestellt. Im letzten Ableger der X-Men-Hauptstory ist der titelgebende Apocalypse eben genau darauf aus, die Apokalypse, und in diesem Sinne auch recht eindimensional – der Film deswegen auch dementsprechend (die Einnahmezahlen am Box Office sprechen Bände; dass über 540 Millionen Dollar weltweit mittlerweile als Flop gelten, auch. Eher eine Ausnahme, sprich kein Anzeichen, vielleicht aber ein Vorzeichen für Superhero Fatigue, die aber bis auf weiteres nicht um sich greift, wie der Kassenerfolg von „Black Panther“ jüngst wieder einmal bewiesen hat.). Nach bald 20 Jahren Comicfilm-Traktiererei muss aber ein komplexerer Gegenspieler her, die zu Fans umfunktionierten Zuschauer lassen sich nicht mehr mit so simplen Motiven wie Weltherrschafts- und Weltzerstörungsgelüsten abspeisen.

Auftritt Thanos: Schon nach dem Abspann der Initialzündung des Marvel Cinematic Universe (MCU), „Iron Man“, hatte dieser einen ultrakurzen Auftritt als grinsender, behelmter Behemoth. Damals haben sich noch nicht so gut wie alle automatisch dem Sitzenbleibritual ergeben, heute ist das gang und gäbe, standardisierte Konsumpraxis, zumindest bei Comic-Verfilmungen (immer häufiger passiert es, dass die meisten auch bei anderen Blockbustern bis zum bitteren Ende sitzen bleiben: Manchmal werden sie belohnt, wie bei „Kong: Skull Island“, der nach den Credits das MonsterVerse anteasert, meist aber enttäuscht). Auch haben die meisten 2008 noch keinen blassen Schimmer gehabt, wer dieser Thanos überhaupt sein soll. Sein erster Auftritt war also vor allem eines: Insider-Service in Reinkultur, aber auch: Ausblick und Werbung für das, was auf die Uneingeweihten und Heldinnen noch zukommen sollte. Eine Dekade später und das Bescheidwissen der meisten mittlerweile vorausgesetzt – immerhin hat Disney über 18 Filme hinweg einen Crashkurs in Sachen Nerd-Wissen angeboten – nun der ultimative payoff: Thanos wie er leibt und lebt, sinniert und leidet, schweren Herzens (SPOILER ALERT) seine Adoptivtochter opfert und mit Gegenaufklärung im Gepäck seine Mission erfüllt. Schillernd eben.

Was ist seine Motivation und warum hat er Gegenaufklärung im Gepäck? Angesichts des Leids, das er im Universum erblickt, und das er allein auf Überbevölkerung in den Galaxien zurückführt, offenbart sich ihm nur eine Lösung dafür: die Hälfte aller Bewohner sämtlicher Planeten – randomisiert, weshalb die Gleichung Thanos=Hitler völlig danebengreift – mit einem Fingerschnippen zu beseitigen, sie so vom Leid zu erlösen, damit die andere Hälfte diesem nicht mehr ausgesetzt ist. Seine Devise lautet, im Universum „Gleichgewicht“ unter dem Deckmantel der Gnade herzustellen – und der Zweck heiligt für ihn die Mittel. Um diesen zu erreichen, muss Thanos aber zuerst alle sechs überall im All verstreuten Infinity Stones zusammenklauben. Die MacGuffins, die das Franchise zusammengehalten haben, erhalten nun also doch ihren übergeordneten tieferen Sinn, sind also keine mehr. Wie er zu ihnen kommt, das ist schon sehr beeindruckend arrangiert: Bei dem Aufgebot an Superhelden, das im finalen Showdown auftritt, hätte auch ein veritabler Clusterfuck dabei herauskommen können. Bei „Infinity War“ handelt es sich aber um einen überraschend übersichtlichen Fleckerlteppich, zusammengewebt aus vielen aufeinanderfolgenden imposanten Set Pieces, in denen sich Iron Man, Captain America und Co. grüppchenweise darum kümmern, Thanos davon abzuhalten, die Infinity Stones in seine Hände zu bekommen, genauer: in seinen Handschuh. Denn das würde bedeuten, dass er sich sämtlicher ihnen innewohnende Kräfte bemächtigte – die da wären: (Kontrolle über) Materie, Energie, Raum, Zeit, Geist und Seele –, womit er eben seine biopolitischen Pläne in die Tat umsetzen könnte.

Mit ein wenig Fantasie ist darin eine Selbstallegorisierung Disneys wiederzuerkennen: Wie Thanos Steine sammelt Disney Studios und wächst so zunehmend zum Monopolisten – mit Übermacht über Kinoraum und -zeit – heran (immer öfter dominieren Disney-Filme die Kinos und ihre Programme überall; ein erschreckendes Handyvideo, das zeigt, wie in einem US-amerikanischen Megaplex ausschließlich „Black Panther“ gezeigt wurde, lässt nichts Gutes – im Sinne einer Verödung des Angebots – für die Blockbuster-Zukunft vermuten). Nicht nur in Sachen Kino, sondern ebenso Fernsehen, das ja, glaubt man dem Pop-Geraune in den Feuilletons und in den zu diesen zugerichteten Blogs dieser Welt, ohnehin besser als Filme funktioniert, und diese wiederum im um sich greifenden Franchise-Wahn immer mehr wie Fernsehen. Jeder Eintrag ins Universum eine Episode, die die nächste teast, inklusive „Staffel“-Finale und was das Medium sonst noch so bereithält, wie z. B. auch Cliffhanger. Davon gibt es am Ende von „Infinity War“ nämlich auch einen, wie nach dem Ende der Credits selbstverständlich wieder eine Quasi-Vorschau auf den nächsten Teil. Wie das Fernsehen ist auch im ihm nachempfundenen Kino aber eines nicht zu finden, nämlich das, was der Begriff verspricht: in die Ferne zu sehen. Anstatt dessen blickt „Infinity War“ weit zurück in die Vergangenheit, ist dabei aber überhaupt nicht weitsichtig, weil er die Entstehung von Zeit, Raum, Materie etc., also den Urknall, als Geburt der Infinity Stones markiert, die sich im Zuge dessen überall im All verstreut hatten. Also merke: Die dem Kapitalismus eigene restlose Verdinglichung hat bereits – retroaktiv gewendet – am Anfang alles Existierenden überhaupt seinen Ursprung; nur so können Abstrakta, die man, bürgerlicher Wissenschaft sei Dank, gelernt hat, als isolierte zu begreifen, in Edelsteinform sich manifestiert haben. Ein Jenseits der Verdinglichung hat es demnach nie gegeben, und Kapitalismus ist immer schon und überall gewesen, selbst in den entferntesten Galaxien. Auch wenn der im MCU nicht zwangsweise auf jedem Planeten sein Unwesen treibt, herrscht trotzdem überall dasselbe Elend, und des Krisenmanagers und Biopolitikers Pseudolösung ist eine, die so nur als vom reaktionären Antikapitalismus produzierte gedacht werden kann.

Schließlich, weil eben gänzlich randomisiert – zweiter SPOILER ALERT! –, geht es auch unseren Heroes an den Kragen, von denen gleich mal schnurstracks alle bis auf die Avengers-Stammcrew sich in Pixel-Asche auflösen. Die Szenen, in denen Thanos mit dem vollendeten Infinity Gauntlet bestückt fingerschnippend seine Mission erfüllt und die nach und nach liebgewonnenen Helden und Heldinnen zerbröseln, sind packend inszeniert und berührend; die Atmosphäre im Kinosaal von absoluter Stille geprägt, der Schock einigen ins Gesicht geschrieben. Ist es nun vorbei? Nein, natürlich nicht! Ein Blick in die IMDB verrät, dass bald ein zweiter „Infinity War“ folgt, genauso wie ein weiterer Spider-Man, Dr. Strange usw. usf. sich bereits in Pre-Production befinden. Es geht also immer so weiter, und das ist ja (nach Benjamin) die Katastrophe. Genauso, wie das Ende der Welt viel eher als das Ende des Kapitalismus vorstellbar und abbildbar ist, ist auch die Fähigkeit, sich das ganz Andere – also dass es z. B. nicht immer so weitergeht – vorstellen zu können, abhandengekommen, bzw. Fantasie überhaupt im Einerlei der Kreativindustrie aufgegangen, sprich als Begriff schon gar nicht mehr satisfaktionsfähig. Egal, Fukuyama hatte recht und das Ende der Geschichte ist eingetreten: Sich utopistisch gebendes Denken heute ebbt zwangsweise ab ins nostalgische Herbeiwünschen der sogenannten goldenen 70er-Jahre, in denen zumindest mehr Menschen als heute verständlicherweise noch ein wenig Hoffnung für die Zukunft hatten (oft nur, weil sie sich ihrer Rente sicher sein konnten, aber auch, weil die Sozialdemokratie noch nicht so umstandslos wie heute bloß als Elendsverwalter, dazu noch ein schlechter, brilliert hat), und hatte sie auch bloß den Namen „demokratischer Kapitalismus“ getragen. Dabei wird die Idee der Utopie im Allgemeinen überhöht wie sonst nix, denn dass zumindest für alle und noch mehr heute schon und bereits seit Langem ja genug zum Essen da wäre, ist Tatsache, kein Nicht-Ort (utopos), und dafür nicht zu sorgen spottet eigentlich jeder Gesellschaft, die sich gerne zivilisiert nennt. Aber „zart wäre einzig das Gröbste: dass keiner mehr hungern soll“ (Adorno). Mit einem klobigen Handschuh kann man aber nicht zärtlich sein; Thanos mag also zwar omnipotent sein, omniszient ist er aber nicht, denn dann hätte er ja z. B. einfach mehr Essen für alle Menschen und Aliens für alle Zeiten herbeischnippen können; oder ganz „banal“ gesagt: Er hätte alle „Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, umwerfen können (der Film dann aber kaum seine schön gerenderten Post-/Apokalypse-Panoramen entfalten können und die Avengers wären, hätten sie ihren größten Widersacher daran gehindert, noch viel deutlicher als sonst als das in Erscheinung getreten, was sie sind, nämlich ein konterrevolutionärer Sicherheitsapparat, der bloß seinen Hegemonieanspruch auf dem Erdball verteidigt). Das ist von Marx – der ja heute jubiläumsbedingt mal wieder durch die Feuilletons gereicht wird, deren Schreiberlinge beflissene Grabpflege leisten für einen zu Tode theoretisierten, akademisierten Marxismus –, der die Stelle damit einleitet, dass mit dieser Lehre die Kritik der Religion endet, und damit ja auch sie, also die Religion selber, da das in ihr aufgehobene Versprechen fürs Jenseits im Diesseits eingelöst würde.

Bekanntlich ist die Religion (zumindest in den deindustrialisierten Industriezentren) bereits aufgehoben und durch jene der Kulturindustrie ersetzt worden, hungern müssen aber trotzdem noch genug, am meisten gerade jene, die von den „Segnungen“ des Kapitals am allerwenigsten verschont bleiben, dafür aber von der Moral, die sein Propagandaapparat verbreitet. Dessen Credo lautet, dass alles so weiter geht, gehen muss, und das auch gut so ist. So wenig wie das prozessierende Unheil kommen das Marvel Cinematic Universe, das Star Wars-Imperium und die X-Men-Maschinerie, allesamt vereint unter Disneys Dach, sobald zur Ruhe, bzw. erst dann, wenn die Kinogeher der jeweiligen Serien überdrüssig geworden sind. Endet aber krisenbedingt das eine Franchise, liegt schon das nächste in den Startlöchern, in dem vermutlich wieder eine Fraktion Widerständiger gegen einen mächtigen Übergegner antreten wird (aus nichts anderen speisen sich die meisten Franchise-Erzählungen). Widerstand, so lehrt die Kulturindustrie, ist zwecklos, bzw. eben nicht, sofern er eben Stoff für die nächsten Blockbuster in Serie hergibt, in denen sie sich selbst als Lösung für eigens produzierte Probleme anpreist. Erst aber, wenn die Herrschaft ihre geknechteten Objekte nicht mehr braucht und vice versa, wären auch Erzählungen, die dieses Herrschaftsverhältnis unverblümt verdoppeln und als unausweichlich darstellen, nicht mehr vonnöten, um es noch irgendwie ertragen zu können – und „Infinity War“ könnte als das genossen werden, was er hoffentlich einmal sein wird: ein vergnügliches, wenn auch etwas zu lang und pompös geratenes Artefakt aus einer längst vergangenen, zum Glück überwundenen Zeit.

Augenblicke: Gesichter einer Reise

(FR 2017, Regie: Agnès Varda, JR)

Porträtgalerie unter freiem Himmel
von Wolfgang Nierlin

„Gemeinsam Bilder machen, aber auf andere Weise“, lautet die relativ offene Projektidee, mit der sich Agnès Varda und JR gemeinsam auf den Weg begeben. Gegenseitige Bewunderung und die gemeinsame Liebe …

„Gemeinsam Bilder machen, aber auf andere Weise“, lautet die relativ offene Projektidee, mit der sich Agnès Varda und JR gemeinsam auf den Weg begeben. Gegenseitige Bewunderung und die gemeinsame Liebe zur Fotografie haben die fast 90-jährige französische Filmemacherin und den jungen Streetart-Künstler zusammengeführt. Dabei spielen die beiden zu Beginn ihres gemeinsamen Films „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ („Visages Villages“) auf humorvolle Weise mit jenen zufälligen Koinzidenzen, die für einmal gerade nicht zu einer Begegnung zwischen ihnen führen. Stattdessen habe man sich gezielt verabredet für einen Film, der verspielt und luftig leicht vom Suchen und Finden handelt und dem, so Varda, der Zufall assistiere. Insofern ist ihr dokumentarisches Roadmovie nicht nur ein Zeugnis ihrer (beginnenden) Freundschaft unter den mit einem Augenzwinkern inszenierten Bedingungen eines großen Altersunterschieds, sondern auch eine Hommage an die Imagination. Vor allem aber verknüpft der Film Begegnungen der jüngsten Gegenwart mit solchen aus der erinnerten Vergangenheit.

Dieses Konzept erinnert an Agnès Vardas früheren Film „Die Strände von Agnès“ (Les plages d’Agnès“, 2008) und trägt unverkennbar wie jener – wenngleich weniger ausdrücklich – autobiographische Züge. Mit der großformatigen, vielfach multiplizier- und teilbaren Porträtkunst von JR kommen zugleich sehr zeitgenössische künstlerische Strategien hinzu. Die beiden Ansätze treffen sich gewissermaßen im sozialen Gedanken ihres Projekts, das Menschen und Orte, Lebenswege und Erinnerungen miteinander verknüpft. In einem zu einer Art mobilem Fotostudio umfunktionierten Wohnmobil fahren Agnès Varda und JR „kreuz und quer“ und von Nord nach Süd durch Frankreich, um Geschichten des Wandels, aber auch des Beharrungsvermögens aufzuspüren. „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“, sagt die Grande Dame des französischen Kinos. Auf ihrer gemeinsamen Reise gestalten die beiden Künstler in der Begegnung mit Menschen eine „Porträtgalerie unter freiem Himmel“.

Der soziale Aspekt ihrer Unternehmung, der die Arbeit und Selbstauskünfte der Porträtierten miteinbezieht, ist dabei von größtem Wert. So besuchen sie eine ehemalige Bergarbeitersiedlung im Norden, die abgerissen werden soll; sie thematisieren den Strukturwandel in der Landwirtschaft; und sie porträtieren Frauen von Hafenarbeitern, um sie aus dem Schatten ihrer Männer zu holen. Immer geht es darum, mit den vergrößerten Porträts dieser Menschen, die als großformatige Plakate auf Fassaden, Container und Güterwaggons geklebt werden, die Erinnerung gegen das Vergessen zu bewahren. Ein nur halb aufgebautes Dorf wird mit den Gesichtern der aus der Umgebung stammenden Menschen belebt; ein alter, auf einen Strand in der Normandie gestürzter Bunker dient als temporäres Kunstobjekt für ein Bild (das verwendete Foto zeigt den später berühmt gewordenen Modefotografen Guy Bourdin 1954 in Saint-Aubin-sur-Mer), das die Flut am nächsten Tag wieder abgewaschen hat.

So sind bei aller Leichtigkeit immer wieder Vergänglichkeit und Tod die subkutanen Themen des Films. Der Besuch des Grabes von Henri Cartier-Bresson auf einem kleinen Friedhof des Örtchens Montjustin in der Provence und die Begegnung mit JRs 100-jähriger Großmutter erzählen davon ebenso wie Agnès Vardas nachlassende Sehkraft oder die Pensionierung eines Chemiearbeiters, der sich vor einem „Sprung ins Leere“ wähnt. Als die beiden schließlich Vardas Nouvelle Vague-Weggefährten Jean-Luc Godard in Rolle am Genfer See besuchen möchten, kommt es zu einer schmerzlichen Enttäuschung. Der menschenfreundliche, in Teilen fast schon idyllisierende Film, der präzise und in einem zügigen Tempo montiert ist, erhält dadurch eine unerwartet kontrastierende Stimmung; und eine Spannung, die letztlich zurück ins Offene, Unbestimmte, nur verschwommen Sichtbare führt.

Der Geschmack von Zement

(D/LBN/SYR/QA 2017, Regie: Ziad Kalthoum)

Ein Denkmal für den Staub
von Jürgen Kiontke

„Dreck fressen“, das ist eine Formulierung für das, was während harter Maloche passiert. Sie bezeichnet auch die Koinzidenz zwischen Arbeit und Krieg: „im Schlamm robben“ steht für schwere Lasten tragen, …

„Dreck fressen“, das ist eine Formulierung für das, was während harter Maloche passiert. Sie bezeichnet auch die Koinzidenz zwischen Arbeit und Krieg: „im Schlamm robben“ steht für schwere Lasten tragen, sich verletzen, Schmerzen.

Regisseur Ziad Kalthoum nimmt den lapidaren Spruch ganz wörtlich und setzt ihm ein filmisches Denkmal: „Der Geschmack von Zement“ heißt sein hochauflösendes Bildwerk, in dem der Staub eine symbolhafte Brücke zwischen Konstruktion und Destruktion bildet. Egal ob Bomben fallen und die Toten und Verletzten aus den Trümmern geborgen werden müssen oder der Krieg vorbei ist und die Infrastruktur wieder aufgerichtet werden muss: Es wird auf jeden Fall Staub aufgewirbelt.

Kalthoums Film handelt vom Leben syrischer Arbeiter, die nach ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg ein Auskommen auf Beiruts Hochhaus-Baustellen gefunden haben. Ein stark reglementiertes Leben: Tagsüber arbeiten sie, nachts ziehen sie sich in einen Raum im Keller der Baustelle zurück; unter rudimentären Umständen: Geschlafen wird auf dem Boden, es gibt kaum persönliche Gegenstände, und ab 19 Uhr ist es ihnen verboten, die Baustelle zu verlassen. Ausgangssperre.

Zement ist überall, die Arbeit ist gefährlich. Dass das Herkunftsland der Arbeiter in Trümmern liegt und sie das Nachbarland aufbauen, ist gefilmter Zynismus. Aber der Einsatz syrischer Arbeiter im Libanon hat Tradition, wie der Erzähler im Off-Text erklärt. Schon die Vorfahren gingen dort arbeiten: „Vaters Hände sahen aus wie der Stadtplan Beiruts.“

Kalthoum, 1981 im syrischen Homs geboren, hat an der Film-Hochschule in Moskau studiert. „Der Geschmack von Zement“ ist sein dritter Film. Kalthoum ist aus der syrischen Armee desertiert. Er sagt: „Die einzige Waffe, die ich tragen kann in diesem Leben, ist die Kamera.“ Und die schießt spektakuläre Bilder der Beiruter Skyline; Kräne ragen in den Abendhimmel, die halbfertigen Etagen enden in der Luft.

Kalthoum positioniert unseren Blick mitten ins Geschehen: Die Aufzüge fahren hier auf dem Kopf stehend nach unten, durch die Rohbau-Etagen leuchtet der Sonnenuntergang – hier macht einer entschiedene Anleihen beim expressionistischen Stummfilm der zwanziger Jahre – mit modernster technischer Ausstattung.

Für das Thema „Zerstörung“ dienen ihm Panzerfahrten durch die zerlegten Städte Syriens, die Kamera auf dem Geschützturm montiert. Die Kanone kracht, Gebäudetrümmer fliegen durch die Gegend, Staub verteilt sich. Jene Zementstaubwolken, die uns wiederbegegnen, wenn nachts eine Bombe in das Wohnhaus gefallen ist und Rettungsmannschaften und Nachbarn versuchen, Verletzte zu bergen. Drohnenflüge und Unterwasserkamerafahrten liefern weitere Bilder.

„Ich setze meine eigenen Erfahrungen als Geflohener in meine Filmsprache um: das Gefühl des Abwartens, das Hereinbrechen der Traumata in der Nacht, das Gefangensein in den Mühlen unserer Gesellschaft“, sagt der Regisseur.

Die Mühle: eine Kamera, an der Innenseite der Zementmischertrommel. Wir sollen den Beton schmecken und spüren. Als Publikum fährst du da Karussell, und das ist nicht das Schlechteste, was das Kino leisten kann. Es ist das Beste. Kalthoum sagt: „Ich setze den Betrachter selbst in die erste Person.“ Und die sitzt hier in der ersten Reihe.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Neues Deutschland

Die Augen des Weges

(PE 2016, Regie: Rodrigo Otero Heraud)

Vom Wissen der Steine und den Wirkungen des Wassers
von Wolfgang Nierlin

Ein Mann geht durch die majestätische Bergwelt der Anden mit ihren weiten Hochebenen und schroffen Felsformationen, mit ihren rauschenden Bächen und grünen Weiden. Er geht die Wege seiner Vorfahren und …

Ein Mann geht durch die majestätische Bergwelt der Anden mit ihren weiten Hochebenen und schroffen Felsformationen, mit ihren rauschenden Bächen und grünen Weiden. Er geht die Wege seiner Vorfahren und spricht aus dem Off des Films über den Weg, der von Geburt an für jeden Menschen vorherbestimmt ist. Er sagt, der Weg selbst habe Augen und leite die Schritte des Wanderers. Der das spricht, heißt Hipólito Peralta Ccama. Als weiser Priester und spiritueller Lehrer bewahrt und vermittelt er das Wissen seiner Vorfahren. In Rodrigo Otero Herauds stimmungsvollem Filmpoem „Die Augen des Weges“ („Los ojos del camino“), das das Gehen als Metapher für den Lebensweg begreift, bespricht Hipólito den Stein und das Wasser und weiß sich dabei in einer tiefen Verbindung mit den Apus, den umgebenden Göttern der Bergwelt: „Wir gehen nie allein.“

Die Zyklen des Lebens und die Kreisläufe der „Mutter Erde“ bilden gewissermaßen eine Einheit im animistischen Denken des Priesters und seiner Vorfahren. Deshalb ist auch die Weitergabe des ererbten Wissens so wichtig. Und deshalb stellt sich Hipólito das Wirken der Götter als kreisförmig vor. Wenn er die Fließrichtung des Wassers, die Eigenschaften von Regen und Nebel, die Wirkungen des Windes und die Weisheit der Steine beschreibt und veranschaulicht, dann geht es immer um einen Prozess des Reifens und Wachsens. Dieser mündet in der Ernte, der Stärkung und zugleich einem Neubeginn. Im Grunde vermittelt dieses andine Wissen eine Praxis ökologischer Nachhaltigkeit, die heute dringender denn je gebraucht wird. Hipólitos Sorge, der so wichtige Traditionsfaden könnte unter den Wirkungen von Egoismus und wirtschaftlicher Habgier reißen, begleitet seine sich in konzentrischen Kreisen entfaltende Meditation (in Quechua) und hält sie zugleich in einer permanenten Spannung.

In den Wiederholungsschleifen und Redundanzen seines Films nimmt Rodrigo Otero Heraud diese zyklischen Bewegungen auf und spiegelt sie zugleich in der Schönheit der ganz real als beseelt verstandenen Natur. Die lineare Auffassung der Zeit im Gehen und die mit ihm verbundene Traditionsvermittlung sowie die kreisförmige Auffassung der Zeit in der natürlichen Abfolge von Werden und Vergehen bilden also eine Einheit. „Gehen heißt auch Zurückkehren“, sagt dementsprechend Hipólito, der aus einer Priester-Familie stammt und dieses Wissen sehr authentisch und glaubwürdig ausstrahlt. Der Film wechselt deshalb immer wieder ins Schwarzweiß und erzeugt so einen mitunter geheimnisvollen Wechsel zwischen Gestern und Heute. Auf teils idealisierte, in bedächtigem Rhythmus aufgenommene Idyllen folgen dokumentarische Bilder der arbeitenden Landbevölkerung und ihrer archaisch anmutenden Rituale. Die Wahrheiten, die Rodrigo Otero Herauds Film vermittelt, sind einfach. Nur scheinen wir sie vergessen zu haben. Wie sagt doch Hipólito gleich zu Beginn einmal: „Der Mensch kommt auf die Welt, damit das Leben mit vollem Herzen erblüht.“

The Untamed

(MEX/D/DEN/FR/NOR 2016, Regie: Amat Escalante)

Reine Schönheit, unauslöschlicher Schmerz
von Wolfgang Nierlin

Das Fremde kommt von weit her, aus den Tiefen des Alls. Es lebt, von einem Wissenschaftler-Ehepaar betreut, in einer Holzhütte im Wald. Die umgebende Lichtung mit dem plätschernden Bach, der …

Das Fremde kommt von weit her, aus den Tiefen des Alls. Es lebt, von einem Wissenschaftler-Ehepaar betreut, in einer Holzhütte im Wald. Die umgebende Lichtung mit dem plätschernden Bach, der grünen Wiese und den grasenden Schafen beschreibt einen locus amoenus. Was man von dem geheimnisvollen Wesen zunächst sieht, ist ein einzelner langer Tentakel, der sich aus dem nackten Schoß einer verzückten jungen Frau löst. Verónica (Simone Bucio) wird später über das vielarmige Alien, das zunächst nur in Andeutungen sichtbar ist, sagen, es sei „die primitive Seite von allem“ und „schenke nur Lust“: „Es ist das Schönste, was du in deinem Leben sehen wirst, vermutlich im ganzen Universum. Nichts wird mehr sein wie es war.“ Trotzdem ist Verónica nach dieser Begegnung verletzt und blutet aus einer Wunde an der Hüfte. Das mysteriöse Es im Zustand seiner reinen Triebnatur, gewährt offensichtlich nicht nur sexuelle Transgression und Ekstase, sondern es verwandelt die Erfahrung einer außerordentlichen Lust auch in einen unauslöschlichen Schmerz.

In Amat Escalantes preisgekröntem Film „The Untamed“ („La región salvaje“) arbeitet die menschliche Triebnatur gegen die Fesseln der Gesellschaft. Doch der tabuisierte Übertritt in die reine Lebendigkeit des Daseins birgt zugleich tödliche Gefahren. Die in parallelen Erzählsträngen entwickelte Geschichte stellt zunächst Verónicas verhängnisvolles Verlangen gegen die unerfüllte Lust eines unglücklichen jungen Paares: Während Alejandra (Ruth Ramos), Mutter zweier kleiner Kinder, unter der Dusche masturbiert, um ihr unbefriedigendes Sexualleben zu kompensieren, treibt es ihr Mann Ángel (Jesús Meza) heimlich mit seinem Schwager Fabián (Eden Villavicencio). Aus Angst vor Diskriminierung verleugnet Ángel seine sexuelle Orientierung, indem er sich selbst homophob gibt. Der zu Eifersucht und impulsiver Wut neigende Landvermesser ist aber auch Opfer einer dominanten mütterlichen Erziehung und leidet unter einem traumatischen Kindheitserlebnis: Seit sein Vater im Beisein des Jungen auf der Jagd einen Hirsch getötet hat, kann Ángel kein Fleisch mehr essen.

Körper und Fleisch sind in unterschiedlichen Ausprägungen die Signaturen von Amat Escalantes verstörend abgründigem Film. Unterlegt mit düsteren Drones, verbindet sich sein direkter, realistischer Stil diesmal mit phantastischen Elementen. Denn nach und nach werden sich die Figuren, geleitet von Neugier und ungestillter Sehnsucht, von Enttäuschung und Schmerz, mit dem vielgliedrigen Tentakel-Monster vereinigen. In der Natur entspricht dessen physisches Bild dem verschlungenen Wurzelwerk eines Baumes. Erfüllung und Tod liegen in Escalantes roher, kreatürlicher Sicht auf die menschliche Existenz nah beieinander. „Ich bin ein Tier“, schreit Ángel, als er nicht mehr anders kann. Einmal grölt eine besoffene, an einer Kneipentheke aufgereihte Männerhorde voller Inbrunst: „Das Leben ist nichts wert. Es fängt mit Weinen an und hört mit Weinen auf.“ Demgegenüber steht das friedliche, von weit her kommende Bild wild kopulierender Tiere. Der Krater, der sie umgibt, könnte von einem Meteoriten stammen.

System Error

(D 2017, Regie: Florian Opitz)

Liebling, ich habe das Wachstum geschrumpft
von Dietrich Kuhlbrodt

Die Weltherrscher von Industrie und Kapital preisen das unendliche Wirtschaftswachstum. Die Unendlichkeit bietet weit mehr als ein nur tausendjähriges Reich. Wo bleiben in diesem Interviewfilm von Florian Opitz („Speed“, „Der …

Die Weltherrscher von Industrie und Kapital preisen das unendliche Wirtschaftswachstum. Die Unendlichkeit bietet weit mehr als ein nur tausendjähriges Reich. Wo bleiben in diesem Interviewfilm von Florian Opitz („Speed“, „Der große Ausverkauf“, „Akte D“) die Einwände? Die Umweltschützer, die Wistleblower, die Mahner, die auf die Endlichkeit der Erde verweisen, die Tatkräftigen, die im Hinterhof ihr Kraut züchten, die Filmer, die uns den brennenden Urwald und die riesigen Sojafelder in Brasilien zeigen, die neuen Veganen, die sich gegen die Massentierhaltung wenden – sie alle kommen nicht vor. Ist das der Systemfehler? Sicherlich nicht. Wir kennen alle die Einwände gegen die Unendlichkeit des Wirtschaftswachstums. Der Film ruft sie energisch auf. Er arbeitet mit dem, was wir eh im Kopf haben.

Aber haben wir ein Rezept gegen die Unendlichkeitsfetischisten des Kapitalismus? Gegen die Player der Hedge Fonds? Gegen Trumps Exberater Anthony Scaramucci, gegen Andreas Gruber, Chefinvestor der Allianz, gegen Carlos Capeletti, größter Massenhühnerhalter Brasiliens? Sie alle haben ihren Auftritt im Film, und wir haben keinen Plan. Opitz vermeidet folgerichtig und mit Erfolg, eine Lösung anzubieten, gar ein Manifest, einen Aufruf. Wer jetzt gefordert wird, das sind wir, Filmzuschauer. „System Error“ aktiviert uns, uns zu dem, was wir eh im Kopf haben, einen Gedanken zu machen: zu unser aller Zukunft und anderem als dem Wirtschaftswachstum. Der Kapitalismus begreift sich als unabänderbar? Quasi als göttliches Gesetz? Hilfe! Wir brauchen Karl Marx! Seine Sätze werden in „System Error“ zur Leitfigur. Jeweils ein Satz, weiß auf schwarzem Grund, als Zwischentitel.

Ja, Ende der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts hat es begonnen. Marx drang wieder ins Bewusstsein ein. Vor ein paar Jahren bildete sich in Neukölln wieder ein Kapital-Lesekreis. (Ich vermeide mal das Wort Basislektüre.) Ich schreib’ das jetzt nur, um auf Lenin zu kommen, der gleich nach seiner Abreise aus Zürich – vor ziemlich genau 100 Jahren – den volkswirtschaftlichen Teil des Buchs als brauchbar für den entstehenden Sozialismus fand. Der Kapitalismus ist eben keine feststehende Größe, mehr so etwas wie Entstandenes und Vergehendes. Denk’ ich doch.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Solo: A Star Wars Story

(USA 2018, Regie: Ron Howard)

Fetischgasmaske im Funkensprühregen
von Thomas Blum

Gibt es irgendwen da draußen, der oder die in dem mittlerweile ziemlich unübersichtlich gewordenen Sammelsurium aus »Star-Wars«-Prequel-, Sequel- und Franchise-Filmen noch halbwegs durchblickt? Klar: Gut gegen Böse, so viel hat …

Gibt es irgendwen da draußen, der oder die in dem mittlerweile ziemlich unübersichtlich gewordenen Sammelsurium aus »Star-Wars«-Prequel-, Sequel- und Franchise-Filmen noch halbwegs durchblickt? Klar: Gut gegen Böse, so viel hat man schon verstanden. Irgendwelche Rebellen, die in sonderbare Mittelaltermarktkleidung gewandet sind, haben sich mit Neonröhren bewaffnet und kämpfen gegen ein sich »das Imperium« nennendes, praktisch das ganze Universum beherrschendes Schweinesystem, dessen ranghohe Offiziere logischerweise schwarze SS-Stiefel und graue Wehrmachtsmäntel tragen und dessen Anführer anscheinend mit einer schweren Atemwegserkrankung zu kämpfen hat. So weit, wie gesagt, alles klar. Aber ist in den offenbar jeweils ineinander lappenden sowie strukturell und personell miteinander verschachtelten Filmen noch so etwas wie eine klare, stringente Erzählung auszumachen oder ist sowieso schon alles wurscht?

Sicher, für die Walt Disney gehörende Produktionsfirma Lucasfilm ist die Marke „Star Wars“ von nicht geringer Bedeutung, ist die Story doch ihrem Wesen nach unendlich und daher auch endlos perpetuierbar: Immerfort können neue skurril kostümierte Figuren, neue Haupt- und Nebenhandlungsstränge, neue Episoden, Vorgeschichten und Epiloge und neue lustige Blechdosenroboter, die possierliche Geräusche machen, hinzuerfunden werden, ohne dass irgendjemandem auffiele, dass er im Grunde immer denselben Film sieht. (Es ist wie mit der Imbissrestaurantkette „McDonalds“: Sieht man sich einen „Star-Wars“-Film an, weiß man schon vorher, was einen erwartet. Man entscheidet sich bewusst dafür, kann also vom Konsumierten/Rezipierten nicht wirklich enttäuscht werden.) Auch der Kern der Handlung der Weltraumoper ist ja sehr nah an unserer Gegenwart, die sie im Grunde nur auf märchenhafte, neoromantische und stark simplifizierte Weise – und in die ferne Zukunft verlegt – nacherzählt: Drecksauregimes und -konzerne expandieren und verwandeln die Welt in einen stündlich hässlicher werdenden Ort, während eine Handvoll Ausgebeuteter sich in windigen Wüstenregionen zusammenschließt, sackartige Roben und Togen anzieht und eine Rebellion anzettelt.

Eine der imposantesten, weil im Gegensatz zu seinen Weltraumkompagnons mit Humor ausgestatteten Figuren im fortwährend verwirrender werdenden „Star-Wars“-Kosmos ist bekanntermaßen der Weltraumcowboy, Abenteurer und Luftikus Han Solo (in den Original-„Star-Wars“-Filmen verkörpert von Harrison Ford), der, gemeinsam mit seinem mittels Grunzlauten kommunizierenden Kumpel Chewbacca, einer Art großem lebenden Flokatiteppich, durchs All düst und allerlei fragwürdige Geschäfte macht.

Der neueste „Star-Wars“-Film, „Solo: A Star Wars Story“, erzählt nun seine Geschichte: die eines jungen, draufgängerischen, in eine junge Frau (Qi’ra) verliebten Mannes (Han), der diverse halsbrecherische Abenteuer erlebt und actionreiche Kämpfe mit bösen Spießgesellen absolviert. Und tatsächlich geht dieser Space-Western gleich standesgemäß los: „It’s a lawless time“, so lautet der erste Satz, der bei Beginn des Films eingeblendet wird. Han muss, gemeinsam mit seinem Schwarm Qi’ra, von seinem Heimatplaneten Corellia, einem vom Imperium zu einer Art Riesenstandort für die Raumschiffproduktion und die daran angeschlossene Sklavenarbeit gemachten Stern, fliehen, und schon da wird optisch und akustisch viel von all dem aufgefahren, was im Wesentlichen auch die spätere Filmhandlung ausmacht: Verfolgungsjagd (auf urbanem nächtlichem Gelände), Schießerei und Geknall, Fanfarendonner, Explosionen, Funkensprühregen, Monsterhunde, zerknitterte Echsenwesen, besagte Blechdosenroboter und die gesichtslosen lustigen weißen Polypropylensoldaten („Sturmtruppen“). Alles also wie gehabt. Und wie immer schön aseptisch und jugendfrei, es ist eben eine Disney-Produktion: kein Sex, keine Gewalt (außer dem gezeigten Spielzeugpistolen-, Feuerwerks- und Explosionsgeknalle).

Der Zuschauer erfährt, warum Han Solo mit Nachnamen eigentlich „Solo“ heißt, wie er zu seinem Raumschiff kommt und wie die Männerfreundschaft Han Solo/Chewbacca entsteht. Überhaupt: schon wieder viel Männerfreundschaft in diesem Film.

Dann geht auch schon die Action weiter (jetzt nicht mehr am Boden, sondern in der Luft, vor einem winterlichen Gebirgspanorama): Han Solo überfällt gemeinsam mit anderen einen Coaxium-Transport, Kampf und Action, Schießerei und Geknall, Explosionen, Funkensprühregen, Fanfarendonner. Apropos Fanfarendonner: „John Powells Filmmusik ist durchgängig allgegenwärtig“, schreibt die »FAZ«. Ja, so kann man das durchaus formulieren. (Coaxium ist übrigens ein superwertvoller Superraumschifftreibstoff, der die gesamte Galaxis antreibt und von dem schon geringste Mengen genügen, um sich durchs halbe All zu katapultieren.) Der Überfall wird jedenfalls vergeigt, Coaxium wird keines erbeutet. Das Beste: Auch nach der ganzen kraftraubenden, turbulenten Kampfaction sehen die überlebenden Beteiligten alle aus wie aus dem Ei gepellt. Super!

Doch jetzt weiter im Plot: Han Solo landet auf einer lauen Abendparty in der Schaltzentrale der superkriminellen Organisation Crimson-Dawn, im Vergleich zu deren Machenschaften ein Mafiamassaker ein Kindergeburtstag ist, und muss dort erfahren, dass seine geliebte Qi’ra mittlerweile eine Art freiwillige Leibeigene des ruchlosen Crimson-Dawn-Anführers ist, einem unvorteilhaft geschnittene Morgenmäntel tragenden FDP-Gesicht namens Dryden Vos. Was tun? „These people are not your friends“, so wird Han Solo von einem Kompagnon gewarnt. Als könnte man sich’s nicht schon denken!

Jedenfalls bekommt Han Solo erneut den Auftrag, mit seinen Kumpels in großem Stil Coaxium zu stehlen. Es kommt, wie’s kommen muss, ein neues Setting muss her: eine Coaxium-Raffinerie auf einem kargen, vegetationsarmen, sandigen Planeten (vermutlich Fuerteventura). Dort folgen Schießerei und Geknall, Fanfarendonner, Explosionen, Funkensprühregen usw.

Später dann natürlich: Lüge, Enttäuschung, Verrat, Intrige, Zweikämpfe. Man kennt das ja.

Das Figurenensemble hat man nicht ohne eine gewisse Liebe zum Quatsch bzw. nicht ohne politischen oder filmhistorischen Anspielungsreichtum zusammengestellt: Es gibt einen aus Metallteilen zusammengeschraubten Droidenpiloten, der in Körpersprache, Gang und Sprechweise dem Klischee einer emanzipierten, resoluten Afroamerikanerin nachempfunden ist und über die Gleichberechtigung von und den freien Willen bei Robotern sinniert. Es gibt hässliche Imperiumsknechte, deren Physiognomie gänzlich von einer Art BDSM-Fetisch-Breath-Control-Gasmaske bedeckt ist, aus deren ins Freie ragenden Atemschlauchenden beständig der Speichel des Trägers rinnt (sehr schöne Idee). Es gibt Piraten/Widerständler, die eine Vorliebe für selbstgebastelte Pelzcapes, Trapperstiefel, futuristische Ritterhelme, Indianerschmuck und Medizinmannmasken zu haben scheinen.

Doch tun sich auch diverse Fragen auf: Warum wirkt die halbe Ausstattung des Films wie aus Mittelalter-, Sandalen-, Piraten-, Ritter-, Kriegs- und Wildwestfilmen zusammengeklaut? Warum ist der halbseidene Lando Calrissian, ein Weggefährte Han Solos, gekleidet wie die schwarzen Zuhälter in den Blaxploitationfilmen der frühen 70er Jahre? Und warum sieht die Gruppe der Widerständler so aus, als hätte man sie direkt vom Set des offenbar gleichzeitig im Studio nebenan gedrehten „Mad-Max“-Sequels geholt? Kann man Liebe zu einer Maschine empfinden? Können Roboter lieben? Und müssen die Disneystudios immer die gleichen, mit ein paar liebevollen Zitatspielereien versehenen superkonventionellen und superöden Blockbuster konzipieren?

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

The Cleaners

(D 2018, Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck)

Vorfallfreie User Experience
von Ricardo Brunn

Jeden Tag werden mehr als 350.000.000 Bilder auf Facebook hochgeladen. 300 Stunden Videomaterial sind es pro Minute bei YouTube. Instagram kommt einer Statistik aus dem Jahr 2016 zufolge täglich auf …

Jeden Tag werden mehr als 350.000.000 Bilder auf Facebook hochgeladen. 300 Stunden Videomaterial sind es pro Minute bei YouTube. Instagram kommt einer Statistik aus dem Jahr 2016 zufolge täglich auf etwa 80.000.000 Fotografien, Tendenz steigend. Weltweit nutzen derzeit über 2,5 Milliarden Menschen Soziale Medien, veröffentlichen und teilen dort Inhalte. Doch nicht alles, was geschrieben oder hochgeladen wird, bleibt sichtbar. Im Hinterzimmer des Internets durchforstet eine Schar an Billiglöhnern die Bilderflut und sortiert die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Mehr als 100.000 sollen es sein, Content Moderatoren genannt, vornehmlich von den Philippinen. Einige von ihnen haben die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck seit 2016 ausfindig gemacht und interviewt. 2017 hat Riesewieck zu den Recherchen das Buch „Digitale Drecksarbeit“ (dtv) veröffentlicht, in Dortmund das Theaterstück „Nach Manila“ inszeniert und Vorträge gehalten. Nun folgt mit „The Cleaners“ die cineastische Aufarbeitung der Thematik.

Als „gigantische Schattenindustrie digitaler Zensur“ wird das Content Moderating im Presseheft beschrieben und ganz im Sinne dieser Wortwahl, gräbt sich „The Cleaners“ tief in die Ästhetik des Neonoirs ein. Architektur rahmt die Figuren, sperrt sie in ein Labyrinth aus Bürowänden, hinter denen dem Auge nichts als Dunkelheit begegnet. Einzige Lichtquelle bleibt der Computermonitor, der die Gesichter der Content Moderatoren eisig aus der Finsternis herausschält, während sie in wenigen Sekunden ihre Entscheidung „ignore“ oder „delete“ für ca. 25.000 Bilder (von der niedlichen Katze bis zur Enthauptung) pro Arbeitstag treffen müssen. Sie thronen, das zeigen die ersten Bilder des Filmes, wie dunkle Ritter hoch über der grell leuchtenden Stadt in einem der zahlreichen Bürotürme Manilas. Doch trotz ihres enormen Einflusses auf die Sozialen Netzwerke hat die erhöhte Position nichts Machtvolles an sich. Ganz im Gegenteil spricht aus jedem Blick der im Film auftretenden Arbeiter Müdigkeit und Erschöpfung.

Von diesem Punkt aus entwirrt „The Cleaners“, einem Politthriller gleich, langsam ein Netz an Hintergründen und fatalen Zusammenhängen. Er veranschaulicht wie Internet-Konzerne die schwierige, kontextsensitive und als zu komplex für Algorithmen eingeschätzte Aufgabe der Beurteilung von Bildern, Videos und Kommentaren outsourcen, ohne sich um die psychischen Schäden der Clickworker zu kümmern. Er fragt nach den strengen, oftmals absurden und im amerikanischen Puritanismus verhafteten Richtlinien, die den Content Moderatoren wenig bis keinen Raum für Intuition lassen und zeigt, wie weich die Grenze zwischen sinnvoller Kontrolle und politischer Einflussnahme tatsächlich ist. Das beginnt bei verfehlten Einschätzungen satirischer oder historischer Materialien, die ohne ihren spezifischen Kontext ausschließlich aufgrund abgebildeter Nacktheit gelöscht werden und endet bei Videos von Kriegsverbrechen, die NGOs in mühevoller Kleinarbeit als Beweismittel vor Ihrer endgültigen Löschung bewahren, oder mit Verträgen über das Blockieren bestimmter Nachrichten zwischen Machthabern totalitärer Staaten und den Betreibern der Sozialen Netzwerke.

Block und Riesewieck bemühen sich redlich darum die verschiedenen Facetten der Zensur und die mit jedem Jahr länger werdenden Schatten der Internetindustrie in ihrem Film auszuleuchten. Es bleibt jedoch am Ende ein Gefühl des Kurzangebundenseins, das sich einerseits natürlich aus dem Bemühen um mehr oder weniger sinnvolle Verknappung, vornehmlich jedoch aus der Tatsache speist, dass alles in „The Cleaners“ dem Prinzip des Thrillers untergeordnet wird. Die Beschaffenheit des Filmes mit seinem Low-Key-Stil und den im Neonlicht erstrahlenden Straßen, die Michael Mann nicht hätte besser einfangen können, den manchmal dröhnenden Elektrosounds, dem Verzicht darauf, den ProtagonistInnen aus ihrem beruflichen Umfeld suchend ins Leben zu folgen, den Datenstromanimationen und der klaren Entlarvung eines Bösewichts, der im Verborgenen agiert, formen ein Bedrohungsszenario, das in seiner Lust auf Spannung allzu sehr den Hang zum Konspirativen aufweist.

„The Cleaners“ folgt hier klar dem Trend der zunehmenden Kommerzialisierung des Dokumentarfilmes. In der bewussten Anpassung an die vermeintlichen Erwartungen eines möglichst großes Publikums wird er ungewollt ein Dokumentarfilm über Bilder, dem es selbst an Bildern fehlt, der seinem Grundkonflikt des Zeigens und Verbergens sowie der Frage nach dem Wahrheitsgehalt eines Bildes ästhetisch nicht begegnet. Es ist ein bereinigter Film, der außerhalb seiner düsteren Machart nicht viel Offenheit zulässt, entscheidende Fragen unberührt lässt und dem deshalb viel abhanden kommt. Die spannungsgeladene Inszenierung suggeriert, dass Unternehmen wie Facebook moralisch agieren müssten, wohingegen eine nüchternere Betrachtungsweise den Schluss nahegelegt hätte, dass die Internetkonzerne nur der Logik des ihren zugrunde liegenden Systems folgen, in dem Moral gar nicht vorkommen kann.

Bei allem aufklärerischen Anspruch ist Blocks und Riesewiecks Debütfilm demnach ein wenig so wie das Objekt seiner Betrachtung: Alle verstörenden Bilder wurden gelöscht, um eine zwar beunruhigende, aber möglichst vorfallfreie User Experience zu schaffen. „The Cleaners“ wird damit zur Veranschaulichungshilfe einer schwerwiegenden Krise der Digitalisierung ohne eigene ästhetische Position, taugt als Geste der Betroffenheit, ist solides Handwerk künstlerisch angehauchter, journalistischer Arbeit. Das reine auf Spannung und damit Unterhaltung getrimmte Konstatieren eines Missstandes macht aus der notwendigen Konfrontation des Publikums aber etwas Gefälliges, Einlullendes. Ein bisschen Kopfschütteln hier, etwas Gänsehaut da und dann doch wieder das altbekannte Schulterzucken. Vor allem, weil der hehren Aufdeckungsarbeit nichts nachfolgt und das sollten wir uns einfach nicht mehr leisten.

Ein Leben

(FR/BEL 2016, Regie: Stéphane Brizé)

Das Leichte und das Schwere
von Wolfgang Nierlin

„Das Leben ist nie so gut oder schlecht wie man glaubt“, heißt es ganz am Ende von Stéphane Brizés tief beeindruckendem Film „Ein Leben“ („Une vie“). Seine Adaption des gleichnamigen …

„Das Leben ist nie so gut oder schlecht wie man glaubt“, heißt es ganz am Ende von Stéphane Brizés tief beeindruckendem Film „Ein Leben“ („Une vie“). Seine Adaption des gleichnamigen Romans von Guy de Maupassant übersetzt den relationalen Gehalt dieses Zitats auf poetische Weise in eine filmische Struktur. Deren zeitliche Koordinaten sind beständig im Fluss. Voraus- und Rückblenden bewirken, dass die Chronologie der Ereignisse aufgebrochen wird und sich Gegenwart, augenblickshaft erinnerte Vergangenheit und ahnungsvolle Zukunft wechselseitig durchdringen. Verstärkt wird dieses zeitliche und seelische Ineinander zusätzlich durch eine asynchrone Montage von Bild und Ton, so dass beispielsweise Worte und Gedanken der filmischen Gegenwart, gesprochen aus dem Off, auf Bilder der Erinnerung treffen. So wird das Hässliche vom Schönen, das Schwere vom Leichten konterkariert oder abgemildert, um jenen Funken Hoffnung zu beseelen, den das Leben in sich trägt.

Stéphane Brizé erzählt die zeitlos gültige Lebensgeschichte einer jungen Landadligen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts entlang dem Wechsel der Jahreszeiten, der (zeitbedingt) zugleich einen anderen, bewussteren Lebensrhythmus beinhaltet. Die wiederkehrende Arbeit im Garten, die Zyklen des von einer göttlichen Natur bestimmten Pflanzens und Erntens, erscheint dabei als Spiegelbild einer reinen, empfindsamen Seele. Der Garten beflügelt die Hoffnung, verkörpert den Schmerz und spendet Trost.

Als die ebenso schöne wie kultivierte Jeanne Le Perthius des Vauds (Judith Chemla), Tochter eines wohlhabenden Barons aus der Normandie, nach kurzer Bedenkzeit den verarmten Vicomte Julien de Lamare (Iwann Arlaud) heiratet, ist ihr reiner, unschuldiger Glaube an das Gute im Menschen noch ungebrochen. Sie ist sich gewiss, dass im Strom der Vergänglichkeit jedes Ding einen Platz und ein Ziel, eine Aufgabe und einen Zusammenhang besitzt. Dieses Vertrauen in die göttliche Schöpfung und den Menschen wird erschüttert, als sie bemerkt, dass sie belogen und von ihrem Mann mit anderen Frauen, die ihr zugleich nahe stehen, betrogen wird.

Reduziert und konzentriert, folgt Brizé den Enttäuschungen und Abstürzen seiner Heldin. Dabei verzichtet er auf eine konventionelle Dramaturgie, um stattdessen die Wende- und Höhepunkte seiner Erzählung aus unvermittelten, abrupten Ellipsen sprechen zu lassen – aus Fragmenten einer aufgesplitterten Zeit. So gewinnt die Einstellung, die Spannung, Intensität und Sinnlichkeit des einzelnen, mit einer Handkamera aufgenommenen (naturalistischen) Bildes an Gewicht. Der französische Regisseur schließt dabei seine unglückliche, durch Verrat und Gewissensnöte sowie den Tod ihrer Eltern und die Abwesenheit ihres Sohnes immer einsamer werdende Heldin in das enge, fast quadratische Academy-Bildformat ein. Jeannes Leben wird zu einem Gefängnis, ihre Ideale und scheinbaren Gewissheiten werden immer wieder enttäuscht. Und doch glimmt in allem Niedergang am Ende auch ein Funken Hoffnung.

3 Tage in Quiberon

(D/AUT/FR 2018, Regie: Emily Atef)

Zerbrechlicher Mensch
von Wolfgang Nierlin

Unruhig flattert ein Drachen im Wind, schwankend in der Brise, die vom Meer her kommt. Im geglückten Moment erscheint das Schwere leicht. Und doch kann der schwebende Papier-Vogel in einem …

Unruhig flattert ein Drachen im Wind, schwankend in der Brise, die vom Meer her kommt. Im geglückten Moment erscheint das Schwere leicht. Und doch kann der schwebende Papier-Vogel in einem Augenblick abstürzen, ist der ganze luftige Zauber fragil. Die Kraft, die ihn trägt, kann ihn ebenso gefährden. In Emily Atefs preisgekröntem Film „3 Tage in Quiberon“ über Romy Schneider kann man dieses Eröffnungsbild als Metapher nehmen für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz. Wenn kurz darauf die Protagonistin von hinten gezeigt wird, an den äußersten rechten Bildrand gedrängt, ist das zugleich ein Hinweis auf ihre Isolation und Einsamkeit, die in eine Spannung gesetzt werden zum Blick in die Weite und den dort vielleicht aufscheinenden Möglichkeiten. Tatsächlich hält sich die berühmte Schauspielerin, grandios verkörpert von Marie Bäumer, im Frühjahr des Jahres 1981, für eine Erholungs- und Entgiftungskur im titelgebenden Ferienort in der Bretagne auf. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit und auf strenge Diät gesetzt, will sie für sich und ihre Kinder „nüchtern werden“.

Gequält von Sorgen, die sie mit einem übermäßigen Alkohol- und Tablettenkonsum bekämpft, leidet die vielbeschäftigte Schauspielerin unter den Konflikten einer berufstätigen Mutter, die ihre Arbeit liebt und braucht und zugleich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchte. In dieser äußeren und inneren Situation, die Emily Atef eher implizit vermittelt, erhält Romy Schneider Besuch von ihrer fiktiven Jugendfreundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), die sich besorgt um sie kümmert. Tiefe Verbundenheit und gegenseitiges Vertrauen sind spürbar, wenn die beiden zusammen ein Bad nehmen oder Hilde ihre Freundin in den Schlaf wiegt. Diese intime Zweisamkeit wird empfindlich gestört, als der Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) und der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), der Romys Vertrauen genießt, für ein exklusives Interview eintreffen.

Dieses in Wort und Bild dokumentierte historische Treffen dient Emily Atef als Anlass für ihr Portrait der Künstlerin als ein verletzlicher, in seinen Widersprüchen gefangener Mensch. Die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Person, zwischen fiktiver Figur und realem Leben hat dabei besonderes Gewicht, wenn Romy gleich zu Beginn des suggestiv geführten Interviews sagt: „Ich bin nicht Sissi. Ich bin Romy Schneider. Ich bin nicht meine Rollen.“ Gegenüber Jürgs zunächst manipulierenden, gar übergriffigen Fragen behauptet die ebenso dünnhäutige wie redselige, offen mitteilungsbedürftige wie verletzliche Schauspielerin ihr Recht auf eine eigene Identität und ein eigenes „normales“ Leben. Mit ihrer ehrlichen, ungezwungenen Art, die nach Austausch und Ausgelassenheit strebt, aber immer wieder in die Ernüchterung und den Zusammenbruch führt, kann sie schließlich auch Jürgs für sich einnehmen. Ihr offensichtlich mehr als väterlicher Freund Lebeck nutzt wiederum diese Gefühlsschwankungen für seine intimen Fotos. In Schwarzweiß aufgenommen, haben diese Emily Atefs konzentriertem, durch seine intensive Nähe einnehmendem Kammerspiel als Inspirationsquelle gedient.

The Cleaners

(D/BR 2018, Regie: Moritz Riesewieck, Hans Block)

Die Säuberungsmaschinen aus Manila
von Britta Rotsch

Jede Minute werden 500 Stunden Video- und Bildmaterial auf YouTube hochgeladen. Auf Facebook sind es 2,5 Millionen Posts und 450.000 Tweets auf Twitter. Löschen oder im Internet lassen? Diese Frage …

Jede Minute werden 500 Stunden Video- und Bildmaterial auf YouTube hochgeladen. Auf Facebook sind es 2,5 Millionen Posts und 450.000 Tweets auf Twitter. Löschen oder im Internet lassen? Diese Frage stellen sich Content-Moderatoren täglich um die 250.000 Mal und kontrollieren, was wir im Netz sehen und was nicht. Ihre Aufgabe ist es, sich tagtäglich durch Texte, Bilder und Videos zu klicken, um pornographische Szenen, Enthauptungen, verfassungsfeindliches Material oder den Penis von Donald Trump auszusieben. Die mies bezahlten Angestellten dort entscheiden mit einem Klick darüber, was mehr als zwei Milliarden Facebook-User auf diesem Planeten in ihrer Filterblase zu sehen bekommen. „Wir müssen verhindern, dass sich der Hass in den sozialen Medien verbreitet“, sagt eine ehemalige Gatekeeperin. Eine Verantwortung, derer sie sich am Anfang der Unterzeichnung ihres Arbeitsvertrags nicht bewusst war.

Diese Schattenwelt ist eine große Outsourcing-Industrie auf den Philippinen. Firmen, die mit Usergenerated Content arbeiten wie Facebook, Youtube, Twitter, LinkedIn, haben ihren Sitz in der philippinischen Hauptstadt. Hier in Manila arbeiten junge Leute, die täglich aus den Slums in die Stadt pendeln und für diese Firmen arbeiten. „Ein sozialer Aufstieg auf den ersten Blick, könnte man denken. Doch hier handelt es sich um eine wirkliche Schattenindustrie“, so der Produzent des Dokumentarfilms, Georg Tschurtschenthaler. Neben weiteren kleineren Standorten wie Berlin, Warschau oder Dublin, ist Manila Welthauptstadt dieser Industrie mit zehntausenden von Arbeitern. „Hier herrscht extreme Geheimhaltung. Facebook beschäftigt Unterfirmen. Mitarbeiter, die für diese Unterfirmen arbeiten, dürfen offiziell nicht über ihren Job sprechen und müssen bei der Einstellung direkt eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben“, erklärt der Produzent. Auch in der Brutstätte Silicon Valley, einer der bedeutendsten Standorte für IT- und High Tech-Industrie weltweit, herrscht eine Schweigespirale und Unwissen. Es dauerte Wochen bis die Regisseure erste Einblicke in die Welt und das System bekamen, denn offiziell sind Firmen wie Facebook nicht unter diesem Namen in Manila bekannt. Mittlerweile verlassen immer mehr Arbeiter diese Blase.

In Manila gibt es weder eine lange Einarbeitungszeit noch Aufklärung über die ausführende Tätigkeit. Worauf sich die Arbeiter bei diesem Job einlassen, wissen sie vorher nicht wirklich. Diese Art von Arbeit ist brutal für den Geist und führt manche Mitarbeiter sogar in den Suizid. Doch der Content wird nicht weniger. Die digitale Welt wächst weiter rasant an. „Das gibt es alles noch nicht so lang. Erst durch die Smartphones ist das Problem so richtig akut geworden, jetzt wo jeder einfach und schnell Videos drehen und hochladen kann“, meint Tschurtschenthaler.

In „The Cleaners“ wird das gezeigt, was viele über soziale Netzwerke ahnten und dennoch ist das Ausmaß dieses Systems erschreckend. Durch das vertraglich festgelegte Regelwerk „Löschen“ oder „Ignorieren“ wird nicht nur das Userverhalten kontrolliert, sondern gefährdet durch die Zensur auch unsere Demokratie. Wenn mit einem Klick und unter Zeitdruck entschieden wird, was in den sozialen Netzwerken zu sehen ist, wird die Meinungsfreiheit immer mehr in die Schranken gewiesen. Kunst und Satire werden step by step ausgelöscht. Ist es wirklich sinnvoller, bestimmte Bilder und Videos den Zuschauenden nicht zu zeigen? Vielleicht hat Tschurtschenthaler Recht damit, dass wir auch solche Bilder sehen sollten. „Nur weil und manche Bilder nicht erreichen, heißt es nicht, dass das alles nicht in Wirklichkeit passiert“.

Die Sanfte

(FRK 2017, Regie: Sergey Loznitsa)

Entmenschlichte Menschen
von Wolfgang Nierlin

Die Kiste mit den Lebensmitteln und der Kleidung kommt wieder zurück. Vergeblich versucht Aljonka (Vasilina Makovtseva), die Sachen ihrem Mann ins Gefängnis zu schicken. Während dieser angeblich unschuldig inhaftiert ist, …

Die Kiste mit den Lebensmitteln und der Kleidung kommt wieder zurück. Vergeblich versucht Aljonka (Vasilina Makovtseva), die Sachen ihrem Mann ins Gefängnis zu schicken. Während dieser angeblich unschuldig inhaftiert ist, lebt seine schweigsame Frau allein mit ihrem Hund in einem abgeschiedenen, verwitterten Holzhaus auf dem Land. Nachts bewacht sie eine kleine, heruntergekommene Tankstelle, was aber keinen Sin macht, wie ihr eine Kollegin zu verstehen gibt. Auch Aljonkas Nachfragen und zaghaften Beschwerden auf dem städtischen Postamt bringen nichts ein. Die resolute, unfreundliche Schalterbeamtin weist sie barsch zurück, die verhärmten Umstehenden haben ihre eigenen Sorgen und auf dem Rückweg im überfüllten Bus findet sie sich wieder inmitten zeternder und schimpfender Menschen. Die Klagen der Leidgeprüften werden sich später, flankiert von patriotischen Reden und wehmütigen Gesängen, wie in einer auf ewig deprimierenden Endlosschleife wiederholen.

Sergey Loznitsa schickt in seinem neuen, erschütternden Film „Die Sanfte“ seine passive Heldin nämlich auf die Reise in eine ferne russische Gefängnisstadt. Von Hindernissen und Zurückweisungen, Kontrollen, Schikanen und Enttäuschungen gekennzeichnet, wird diese Fahrt durch das beschädigte Leben eines kaputten Landes immer mehr zum kafkaesken Trip ins Ungewisse eines undurchschaubaren Systems. Vor allem aber führt Aljonkas zum Scheitern verurteilter Versuch, das Paket persönlich zu überbringen, mitten hinein in den Hass einer Gesellschaft, deren Mitglieder in einem permanenten Gegeneinander gefangen sind. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, zitiert ein Taxifahrer genüsslich Hobbes, bevor er ein Hohelied auf den Nutzen des Gefängnisses anstimmt: Es schütze die Menschen und sichere das wirtschaftliche Überleben der Stadt. Dann bringt er die ahnungslos erscheinende Aljonka in eine billige Absteige, wo sie in ein wüstes, von deprimierender Hässlichkeit gezeichnetes Saufgelage gerät.

In Sergey Loznitsas ebenso realistischer wie grotesker Parabel auf den entmenschlichten Menschen, der in einer sich ewig fortsetzenden Hölle gefangen ist, wird die gleichmütige, unentwegt behördlicher Willkür und Gewalt ausgesetzte Heldin zu einer unfreiwilligen Führerin in die Abgründe einer zerstörerischen Gesellschaft. Deren Kälte und Aggressivität kontrastieren mit dem warmen Licht und den Sepiafarben des Films. In den langen Einstellungen des rumänischen Bildgestalters Oleg Mutu wechseln sich räumlich gestaffelte, parallele Handlungen akzentuierende Kompositionen ab mit Arrangements zusammengedrängter Körper und Gesichter, die beeindruckend authentisch sind. Deren müder, ausgemergelter Ausdruck spiegelt eine schlafende Gesellschaft, die von mächtigen, unsichtbaren „Chefs“ gelenkt wird. „Für die sind Menschen nichts“, sagt einmal einer über deren Niedertracht. In dieser Schlechtigkeit sind jedoch, jeder auf seine Weise, alle gefangen. Schließlich geht es in der verstörend absurden Zuspitzung von Loznitsas Film um nichts weniger als um die Einheit von Volk und Gefängnis.

Karl Marx. Der deutsche Prophet

(D 2018, Regie: Christian Twente)

Mario Marx
von Marit Hofmann

„Jeden Tag verbrachte Mario Adorf einige Stunden in der Maske, um dem wohl umstrittensten deutschen Denker zum Verwechseln ähnlich zu sehen.“ Regisseur Christian Twente verneigt sich vor dieser Leistung des …

„Jeden Tag verbrachte Mario Adorf einige Stunden in der Maske, um dem wohl umstrittensten deutschen Denker zum Verwechseln ähnlich zu sehen.“ Regisseur Christian Twente verneigt sich vor dieser Leistung des 87jährigen Super Mario im Dokudrama „Karl Marx. Der deutsche Prophet“, das Arte am 28. April und das ZDF am 2. Mai zur Primetime zu zeigen wagten.

Weil das ZDF sich nicht festlegen mag, wie es zu dem „widersprüchlichen Weltgeist“ steht, sich aber irgendwie am Brimborium zum 200. Geburtstag beteiligen will, blendet es zur Sicherheit sozialistische Aufmärsche, Mao, Stalin und andere Schreckgespenster ein und lässt andererseits Marx-Biograf Jürgen Neffe betonen, dass der „Philosoph der Freiheit“ so was nun doch nicht gewollt hätte (Mario Marx: „Ich bin kein Putschist, ich bin Philosoph!“). Sein Werk, erläutern die ZDF-Historiker Peter Arens und Stefan Brauburger, „bot das Rüstzeug für eine internationale Arbeiterbewegung, die später in sozialdemokratisch orientierten Parteien ihren Siegeszug antrat, aber auch das ideologische Fundament totalitärer Regime“. Man werde aber dem „nach Luther wirkmächtigsten Deutschen“ kaum „gerecht, wenn man den Blickwinkel auf seine radikalen Potentiale verengt“.

Gerecht wird man ihm, indem man sein Werk auf Phrasen wie diese verengt: „Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer – dies lässt sich auch auf die Lage der Welt von heute übertragen“ und indem man Experten wie den Exinvestmentbanker Rainer Voss, den Historiker Rolf Hosfeld („Marx hatte … immer das große nationale Layout im Auge“) und die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld, die Marx’ Gedanken für „totalen Quatsch“ hält, dekorativ an einen Sekretär in einer alten Fabrik setzt. Gerecht wird man ihm, indem man sein Leben in steifen Spielszenen aus der Sicht von Tochter Eleanor erzählt, denn dass der „weltferne Egomane“ (Arens/Brauburger) gegenüber den Damen der Familie rücksichtslos war und nicht mit Geld umgehen konnte, ist weniger „umstritten“. Gerecht wird man ihm, indem man in Rückblenden die ungestümen Jungs Karl und Friedrich sich spätere All-time-Faves wie „Ein Gespenst geht um in Europa“ und „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ zuwerfen lässt („Das ist gut, schreib das auf!“).

Dass Marx hauptsächlich am Schreibtisch saß, war für Twente „rein vom Filmischen her“ freilich ein „Alptraum“. Der „Hitzkopf“ (Hosfeld) haut dann auch mal auf den Billardtisch („Genossen, man muss das doch dialektisch sehen!“) oder sagt in bräsigem Dialekt Großvaterweisheiten auf: „Der Fortschritt ist nun mal ein störrischer Esel.“ – „Du aber auch!“, versetzt Eleanor. Nein, diese Drombuschs!

Gerecht wird ihm schließlich folgender Dialog: „Wird denn das Früchte tragen, was wir tun, Fritz?“ – „Jetzt hör aber auf, wir haben ihnen das Rüstzeug gegeben. Frisch auf ans Werk, Prophet!“
„In seinem Sessel behaglich dumm / sitzt schweigend das deutsche Publikum“ (Karl Marx).

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Black Panther

(USA 2018, Regie: Ryan Coogler)

Handelt vom struggle und schweigt darüber: „Black Panther“ (All hail our corporate overlords!)
von David Auer

The struggle is real, das hat sich sogar bis zu den Möchtegern-Monopolisten aus dem Hause Disney durchgesprochen. Nach der nahezu Totalinventarisierung des Marvelschen Figuren-Repertoires recycelt der Multimedia-Gigant frisch-fröhlich und unablässig …

The struggle is real, das hat sich sogar bis zu den Möchtegern-Monopolisten aus dem Hause Disney durchgesprochen. Nach der nahezu Totalinventarisierung des Marvelschen Figuren-Repertoires recycelt der Multimedia-Gigant frisch-fröhlich und unablässig auch allegorische Restbestände aus dem gedruckten Universum des Comic-Powerplayers und möchte so auf seinem Weg zur Herrschaft der Leinwände weltweit (manchmal) gesellschaftspolitische Relevanz beanspruchen. Der Zenit der Black-Lives-Matter-Bewegung ist, zumindest hinsichtlich ihrer medial angeleiteten Abwicklung, bereits überschritten, da trägt „Black Panther“ sie schon munter zu Grabe. Im bereits 18. Ableger des Marvel Cinematic Universe wird zum wiederholten Male der Konflikt ausgetragen, den die X-Men auf Papier in den Sechziger-, im Kino in den Nullerjahren, begonnen haben (man könnte meinen, weil der Konflikt ja auch in der extradiegetischen Wirklichkeit nicht zum Erliegen kommt; viel eher aber ist dafür schlicht die Konvention ausschlaggebend: Narrativ haben Comicverfilmungen selten mehr zu bieten als die Zuspitzung des Kampfes zweier verfeindeter Parteien, meist zwischen Gut und Böse, selbst wenn hie und da pflichtschuldig ein paar Nuancen ins Spiel kommen). Trifft Professor X auf Magneto, ist selbst für Eingeweihte unschwer zu erkennen, wer für wen und wofür einstehen soll: der pazifistische Liberale im Rollstuhl für Martin Luther King – auch wenn der sich nicht im Traum liberal geschimpft hätte – und gewaltfreien Widerstand, der behelmte Radikalinski für Malcolm X und revolutionären Aufstand. (Der Vorwurf des „white washing“ ist heutzutage schnell parat, wäre aber nur dann haltbar, wenn man die früheren X-Men-Comics als Allegorisierung allein der Bürgerrechtsbewegung liest; allerdings handelt es sich ja bei dem einen um einen Querschnittsgelähmten, bei dem anderen um einen Shoah-Überlebenden, und beide sind Mutanten – sprich da braucht man nicht viel „appropriaten“, um auch abseits der Hautfarbe einen struggle zu erkennen.) So emanzipationspolitisch aufgeladen, wenn man so will, sind die Avengers-Kinoadaptionen selten, „Black Panther“ ist’s dafür umso stärker; dabei gefällt er sich darin, die Grenzen zwischen dem Protagonisten und Antagonisten bis zur schließlichen falschen Versöhnung (und Beseitigung des allzu Abseitigen) zu verwischen und damit so was wie den gesellschaftlichen Antagonismus schlechthin zu verschleiern.

Auch erzählerisch nimmt Regisseur Ryan Coogler größtmöglichen Abstand vom Mutter-Franchise, dessen Geschehnisse bis auf wenige Andeutungen außen vor bleiben, wenig Abstand dagegen von dem Ansinnen, die leidgeplagte Black History und Gegenwart für seinen Blackbuster in den Dienst zu nehmen. Seit Jahrhunderten gedeiht in Afrika der dank Alien-Technologie hochentwickelte Ethnostaat Wakanda, in dem Tribalismus und Monarchie herrschen, nicht von ungefähr absichtlich versteckt vor der restlichen Welt. Der König und titelgebende Hero muss den Thron gegen die royalen Ambitionen des Antagonisten verteidigen, der die Nation öffnen und die „Verdammten dieser Erde“ (im Sinn Frantz Fanons mehr denn der Prolet-Arier-Bewegung) mit Waffen ausstatten will. (Apropos Ausstattung: Die ist afrofuturistisch und oft auch, wie die Darstellung Teil-Afrikas insgesamt, ethnokitschig.)

Zum dritten Mal schon arbeitet Coogler mit Michael B. Jordan zusammen, der den kampferprobten und narbenübersäten Widersacher mit viel Swag mimt. Am Ende eines kaum aufregenden Showdowns gewinnt nicht dessen aggressive Identitätspolitik, sondern Wischiwaschi-Universalismus; der Panther gibt die NGO für schwarze Kids im Ghetto, tritt vors Weltpublikum, erklärt sich bereit, Wakanda-Technologie mit diesem zu teilen und spätestens, als er von einem single tribe namens Menschheit träumt, ist der Vergleich mit Martin Luther King (genauer: einer trivialisierten Schwundform von ihm) aufgelegt.

Das ist eben so lieb wie liberal und insofern vor allem auch zu verstehen als Eingemeindungsritual ins Marvel Cinematic Universe (geschlossene Grenzen und Ethnopolitik sind hier ein No-Go, denn Disney wie Kapital kennen weder Grenzen noch Rassen: Grenzen nicht, weil seine Produkte ja überall auf der Welt abgesetzt werden und Kapital frei fließen soll; „Rassen“ nicht, weil prinzipiell alle sowohl ausbeutungsfähig als auch Zielgruppe sein und diese Produkte gefälligst erwerben sollen – was nicht heißt, dass Kapitalismus Rassifizierungen und Rassismus nicht auch produziert und davon genauso wie von Grenzen auch profitiert).

Der Panther ist nun also fixer Bestandteil des weltweit operierenden und bunten Kinohelden-Teams Marke Walt Disney Company, der nach Marvel, Pixar und Lucasfilm usw. usf. nun seit kurzem 21st Century Fox und damit die X-Men gehören. Vom struggle wird demnach noch viel zu sehen, hören und lesen sein – wer aber von Monopolisierung nicht reden will, sollte auch vom ihm schweigen.

Hands of Stone – Fäuste aus Stein

(USA 2016, Regie: Jonathan Jakubowicz)

Sand im Getriebe
von Nicolai Bühnemann

Roberto Durán (Edgar Ramirez) stammt aus den Slums von Panama und will als Boxer ganz nach oben. Sein Trainer Ray Arcel (Robert De Niro), eine Legende auf seinem Gebiet, hat …

Roberto Durán (Edgar Ramirez) stammt aus den Slums von Panama und will als Boxer ganz nach oben. Sein Trainer Ray Arcel (Robert De Niro), eine Legende auf seinem Gebiet, hat sich mit der Mafia überworfen. Aber er macht dem Boss (John Turturro) ein Angebot, dass dieser nicht ausschlagen kann: Entweder Arcel macht Durán zum Champion oder er ist endgültig am Ende seines Weges angelangt.

Ist das denkbar generisch? Ja. Ist das unterm Strich auch ziemlich reaktionär? Leider ebenfalls. Danach wird es allerdings komplexer. Die Zeit, die sich der Film für die Backstory Duráns, seine Kindheit in Panama, nimmt, ist durchaus gut angelegt, wobei es auch löblich ist, dass die Dialoge auf Spanisch mit Untertiteln gehalten sind. Der auf historischen Tatsachen beruhende Film lässt die großen Konflikte Duráns erkennen. Sein Gegner Sugar Ray Lennon (Usher) ist leider nicht sonderlich komplex gezeichnet, bleibt die ungebrochen sympathischere Figur. Der eigentliche Star des Films ist allerdings wenig überraschend De Niro und sein Arcel die mit Abstand interessanteste Figur. Dass Turturro nur wenige Minuten screen time hat, ist hingegen sehr schade.

Einen „Männerfilm“ zu drehen ist an sich natürlich kein Problem. Dass sein Frauenbild das schlimmste an ihm ist, hingegen schon. So darf Durans Frau Felicidad (Ana de Armas, der Name bedeutet übersetzt „Glück“) kaum jemals über den Status einer trophy wife hinauskommen, die es noch nach der größten Schweinerei ihres Mannes kaum erwarten kann, zur Versöhnung mit ihm in die Kiste zu springen.

Während sich der venezolanische Regisseur Jonathan Jakubowicz zu Beginn dem Potenzial seines Stoffes durchaus bewusst zu sein scheint, versandet er in der zweiten Hälfte dann auch dramaturgisch mehr und mehr, wobei das abgedroschene letzte Bild und der Inhalt der obligatorischen „Wie es mit den historischen Personen weiterging“-Texttafeln sehr symptomatisch sind. Auf ein Sequel über Arcel und seine Beziehung zur Mafia wäre ich übrigens sehr gespannt. Zur Überbrückung kann ich ja mal „Creed“ (USA 2015; R: Ryan Coogler) nachholen, den wohl tatsächlich letzten Eintrag ins „Rocky“-Franchise.

A beautiful day

(USA/FRK 2017, Regie: Lynne Ramsay)

Äußere und innere Narben
von Wolfgang Nierlin

Eine Atmosphäre latenter Gewalt und atemloser Spannung durchzieht diesen Film, der von Beginn an seine Zuschauer verunsichert. Die Irritation resultiert dabei zunächst aus einer fragmentierten Bildererzählung, die Disparates vereint und …

Eine Atmosphäre latenter Gewalt und atemloser Spannung durchzieht diesen Film, der von Beginn an seine Zuschauer verunsichert. Die Irritation resultiert dabei zunächst aus einer fragmentierten Bildererzählung, die Disparates vereint und gegen einen Zusammenhang zu arbeiten scheint, indem sie Handlungsausschnitte der erzählten Gegenwart mit Erinnerungssplittern verbindet. Die Groß- und Detailaufnahme dient dabei als zentrales stilistisches Mittel der filmischen Abstraktion. Im Close-up ist das Nahe fern, entzieht sich das Sichtbare der Identifizierbarkeit. Unterlegt mit den hypnotischen Sounds und den gegenläufigen Rhythmen des vom Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood komponierten Soundtracks, kreiert die schottische Regisseurin Lynne Ramsay in ihrem preisgekrönten Thriller „A beautiful day“ (engl. Titel „You were never really here“) ein assoziativ gebautes Raum-Zeit-Kontinuum. Dieses scheint zunächst abgelöst, ja abgeschlossen von der Realität, obwohl es durchsetzt ist von flirrenden Bildern der Großstadt New York als Mitspielerin.

Tatsächlich aber spiegelt sich in ihm das traumatisierte Innenleben der männlichen Hauptfigur. Joe (Joaquin Phoenix) ist ein geheimnisvoller, schweigsamer Einzelgänger, der seinen finsteren Blick hinter Kapuze und Bart versteckt und mit einem schleppenden Gang unterwegs ist. Offensichtlich hat der äußerlich selbstsicher und cool wirkende Mann gerade einen blutigen Auftrag erledigt, nach dem er kurz und knapp ins Telefon nuschelt: „It’s done.“ Joe wirkt wie ein harter, furchtloser Kämpfer. Doch sein wuchtiger, mit großen Narben übersäter Körper sowie die wiederholten Flashbacks seiner Alpträume weisen ihn als physisch und psychisch Versehrten aus. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es sich Joe, der noch bei seiner alten Mutter (Judith Roberts) wohnt, zur Aufgabe gemacht hat, gegen Bezahlung minderjährige Mädchen aus den Fängen von Zuhältern und Bordellbetreibern zu befreien. Als Mann mit Prinzipien geht er dabei nicht nur sehr konzentriert und präzise vor, sondern auch äußerst brutal. Doch Lynne Ramsays Filmsprache setzt auch hier auf Distanz und meidet die visuellen Klischees des Genres.

Stattdessen erkundet sie einen individuellen psychischen Raum, dessen vermeintliche Stabilität zunehmend bedroht wird und dessen systematische Selbstkontrolle sich nur noch schwer aufrecht erhalten lässt. Als Joe die minderjährige Nina (Ekaterina Samsonov), Tochter eines hochrangigen Politikers, aus einem New Yorker Luxusbordell befreit, sieht er sich plötzlich mit einem übermächtigen Feind konfrontiert. Er wird selbst zum Gejagten, in dessen Umfeld mehrere Kontaktpersonen sowie seine Mutter brutal ermordet werden. Doch in Lynne Ramsays düsterem Rache-Thriller, der Gegenwärtiges an Vergangenes bindet, ist diese blutige Spur des Todes kein Anlass für auf Action basierte Gewalt. Vielmehr formt die Regisseurin aus den Koordinaten der Verbrechen eine Schlinge, die sich um den müden Körper des innerlich gebrochenen, isolierten Protagonisten legt, der wie die von ihm befreiten schutzlosen Opfer seinerseits der Erlösung bedarf. Im jeweils anderen finden der kinderlose Mann und das elternlose Kind schließlich einen Ersatz für die entbehrte Geborgenheit einer funktionierenden Familie und damit einen Funken Hoffnung inmitten eines ungewissen Aufbruchs.

Leviathan

(USA 2012, Regie: Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel)

Ziellose Ordnungsprinzipien
von Ricardo Brunn

Wo wir uns befinden, bleibt zuallererst einmal unklar. Minutenlang stochert die Kamera im Schwarz der Nacht, sucht das Auge vergeblich nach Objekten, Subjekten, nach irgendetwas, das Halt bieten und eine …

Wo wir uns befinden, bleibt zuallererst einmal unklar. Minutenlang stochert die Kamera im Schwarz der Nacht, sucht das Auge vergeblich nach Objekten, Subjekten, nach irgendetwas, das Halt bieten und eine Erzählung in Gang setzen könnte. Stattdessen blendendes Licht, Meeresrauschen, das uns bis zum Ende des Filmes kaum eine Sekunde mehr verlassen wird, rasselnde Ketten, hydraulisches Kreischen, verfremdete Stimmen, die ihre Kommandos brüllen wie gegnerische Alien-Krieger eines Videospiels, Wasser, das auf rostige Metallplatten prasselt. Vieles ist und wird vor allem Sound bleiben, der aus der Dunkelheit nicht zuordenbar, manchmal übersteuert und kratzig wie aufgewühlte See gegen das Publikum brandet und eine beklemmende Stimmung erzeugt.

„Leviathan“ von Lucien Castaing-Taylor and Véréna Paravel, als recht lose Erforschung der Arbeit auf einem amerikanischen Fabrikschiff angelegt, gebiert sich von Beginn an als ein gefährlicher Strudel. Mit jeder neuen Welle, in die das Hochseeschiff hineinsteuert, wird man unter Wasser gezogen. Vergeblich schnappt man zwischendurch in den nur selten klaren Bildern nach Luft, nur um wenige Momente später wieder im Wasser zu versinken. Ganz so, als wolle einen das Regie-Duo zur Aufgabe zwingen. „Leviathan“ ist filmisches Waterbording, herausfordernd in der konstanten Desorientierung. Jeder Blick ist von einer solchen Subjektivität, wie es das Kino selten gesehen hat. Extrem kleine Digitalkameras, die über das ganze Schiff verstreut wurden, erzeugen ungeahnte Perspektiven, versetzen das Publikum in die Position stürmisch über das Deck hastender Arbeiter oder gefangenen und an Bord des Schiffes hin- und hergespülten Fisches. Und unter diesen unruhigen, verwackelten Bildern beginnt auch der Film selbst zu schwanken. Vom Dokument zum Experiment. In der Subjektivität verliert sich ein Blick von außen, der im Extremfall das Wasser an die obere Bildkante und den das Schiff begleitenden Vogelschwarm an die untere Bildkante schiebt oder eine Zuordnung des Gesehenen gänzlich verweigert. Sehen macht in „Leviathan“ seekrank, die Kälte in den Gliedern, die Nässe auf der Haut und den Geruch von Blut und Fischabfällen, die aus dem Schiffskörper gespiehen werden, physisch erfahrbar.

Zwar zeigt „Leviathan“ in dieser absoluten Subjektivität durchaus die Routinen einer unter beständigem Zeitdruck stehenden industriellen Verarbeitung von Fisch, wenn minutenlang Muschelschalen von Fischern geknackt werden, das schwere Fischernetz mehrfach eingeholt und der noch lebende Fisch emotionslos zerkleinert wird. Nur Sinn will sich einfach keiner ergeben. Alles hier funktioniert, greift sinnvoll ineinander und steht doch fremd nebeneinander. Und das Fischereischiff wird im düsteren und gespenstischen Rausch der Bilder samt seiner Besatzung zu einem Organismus oder Tumor, der wuchert, seinem biologischen Plan folgt und Fragen nach einer Zweckhaftigkeit schon deshalb hinfällig erscheinen lässt. Es geht in „Leviathan“ primär nicht um ein ökonomisches Prinzip, das in seinem nüchternen Funktionieren gezeigt und allein dadurch in seinem Zynismus entlarvt wird. Dass man nach dem Abspann keine Lust mehr auf Fisch hat, ist eher ein Nebenprodukt dieses Filmes, der ins Zentrum seiner Beobachtung die Frage nach den Ordnungsprinzipien unserer Welt stellt, die sich unter dem Eindruck geoökonomischer Interessen vollkommen verselbstständigt haben. Das apokalyptische Moment dieses Filmes liegt in der scheinbaren Unauflösbarkeit der gezeigten Verhältnisse, die im blinden Voranschreiten zum ewigen Wachstum beitragen. „Leviathan“ zeigt die Natur eines Menschen, dessen Suche nach Sicherheit und Reichtum in der Gewinnsucht zum permanenten Kampf mit Widersachern, der Natur und schlussendlich sich selbst geführt hat.

Man wünscht sich, wenn die Augen vom Sehen zu brennen beginnen und die Lider kraftlos werden, geradezu die Erscheinung eines alttestamentarischen Leviathans aus den Tiefen des Meeres, der dem Gezeigten Einhalt gebietet. Aber so wenig wie die Fischer bei der Arbeit eine Mine verziehen, weicht das Schiff von seinem Kurs ab. Und wie zu Beginn nicht klar war, wo wir uns befinden, geht auch die Fahrt des Trawlers nirgendwo hin. Es gibt kein Ankommen, kein Abladen des gefangenen Fisches, keine Erlösung von der Arbeit für die Besatzung. Es gibt nur den traurigen Schlaf vor dem Fernseher in der Messe und das fraglose Weitermachen bis alles wieder in die Dunkelheit fällt.

Noma – Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der Welt

(GB/DK 2015, Regie: Pierre Deschamps)

Wie man aus einer Mücke einen Elefanten brät
von Ricardo Brunn

René Redzepi zählt zu den innovativsten Köchen der Welt. Sein Restaurant „Noma“, 2003 in Kopenhagen eröffnet, wurde innerhalb kürzester Zeit mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet und seit 2010 dreimal in Folge …

René Redzepi zählt zu den innovativsten Köchen der Welt. Sein Restaurant „Noma“, 2003 in Kopenhagen eröffnet, wurde innerhalb kürzester Zeit mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet und seit 2010 dreimal in Folge zum besten Restaurant der Welt gekürt. Nicht ohne Grund, denn Redzepi ist ein Perfektionist. Einer, der sofort merkt, wenn auf seinen Kreationen Thymian anstatt Zitronenthymian serviert wird und dann vor versammelter Mannschaft nicht weniger als ein ganz großes Fass aufmacht. Sein Aufstieg vom mazedonischen Einwandererkind zu einer der einflussreichsten Personen des Kochgewerbes sowie seine an Besessenheit grenzende Akribie leuchtet Pierre Deschamps nun in der Dokumentation „Noma“ kräftig aus.

Über drei Jahre hat der Regisseur den Starkoch, der mit dem Anspruch auftritt, die nordische Küche revolutionieren zu wollen, begleitet. Der Blick hinter die Kulissen des Noma erzählt dabei viel über den (selbstauferlegten) Druck, der auf allen Beteiligten lastet. In jeder Szene geht es um die perfekte Kreation und darum, das Beste zu geben und der Beste zu sein. Eine Sinnkrise ist die Folge, zu der sich zu allem Übel noch eine Lebensmittelvergiftung im Restaurant gesellt. Von einem Moment auf den nächsten ist Redzepis berufliche Existenz gefährdet. Und auch die Verweigerung des dritten Michelin-Sterns ist ein harter Schlag. Am schlimmsten trifft ihn jedoch der Verlust des Titels „Bestes Restaurant der Welt“ im Jahr 2013.

Mit einigem Tamtam werden all diese Begebenheiten zum Porträt eines Menschen vermengt, der sich vehement weigert seine Gäste mit Silberbesteck essen zu lassen und damit gegen die Etikette verstößt, der in einer Sekunde in die Kamera winkt, um ihr dann schelmisch den Stinkefinger zu zeigen, der mit dem Fahrrad nach einem stressigen Tag heimfährt, der beste Vater der Welt für seine Familie ist und einen vorzüglichen fuck auf seine gutbetuchten Gäste gibt, die extra aus New York anreisen. Redzepi beherrscht die Attitüde des smarten Rebellen vorzüglich. Nur wirklich nah kommt man ihm nicht. So wenig wie die vielen Unschärfen, Makroaufnahmen und Zeitlupen des hübsch gefilmten Essens etwas über die Poesie des Kochens erzählen, so wenig offenbart der offensiv zur Schau gestellte Einblick in die Arbeit und das Leben des Sternekochs etwas über den Menschen René Redzepi. Alles ist immer einen Hauch zu perfekt und zu dramatisch. Da wird die Frage, ob es das Lokal ein viertes Mal schaffen kann zum besten Restaurant der Welt gekürt zu werden, ins Zentrum des Filmes gestellt und mit heißer Luft aufgeschäumt, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Verbissenheit mit der der Film Spannung suggeriert, wo doch nur Nudelwasser ganz leicht vor sich hinköchelt, grenzt an Hirnfermentierung.

Dramaturgie ist in „Noma“ wie alles andere auch vor allem ein Luxusproblem. Und jede Es-geht-hier-jetzt-echt-um-alles-Szene wird süffisant mit der Ideologie des Großverdienerhippies angereichert, dass einem das in Birkensaft pochierte Ei auf Waldmeistersauce im Halse stecken bleibt. Letztlich ist „Noma“ ein MacGuffin, ein alberner Bluff in alberner Werbefilmästhetik, der aus jeder Mücke einen Elefanten macht und den Endpunkt einer totalen Entpolitisierung und zugleich Entästhetisierung des Dokumentarfilmes darstellt. Wenn sich im Essen unser Verhältnis zu unserer inneren und äußeren Natur, zu Zeit, Geld und Werten widerspiegelt, dann erzählt „Noma“ in dekadenter Blindheit davon, wie sehr dieses Verhältnis heute verschoben ist.

Der Stellenwert der Ernährung hat mittlerweile groteske Züge angenommen. Kochen und Essen haben, nicht zuletzt auch in ihrem zur Ideologie gewordenen Mantra vom „richtigen“ Essen, das mit reichlich kognitiven Dissonanzen einhergeht, eine kollektive Essstörung kultiviert. Die übersättigte Gesellschaft spielt mit dem Hunger der Konsumwilligen nach dem moralisch Vertretbaren, dem Besonderen und dem Unwiederholbaren. Wo kaum noch etwas Absatzmöglichkeiten schafft und alles im Abonnement permanent verfügbar ist, bietet so etwas wie die Nouvelle Cuisine die ultimative Einzigartigkeit. Und so hat sich eine Fresselite herausgebildet, die für ein 25-Gänge-Menü, das der Umwelt zuliebe aus regionalen Zutaten besteht, von New York nach Kopenhagen fliegt. Essen bedeutet heute nicht immer Genuss, aber häufig Distinktion. Es geht um einen Platz in der Welt, den kein anderer besetzt. Und der Wunsch nach Geltung verführt Mann zum Grill, groß wie ein Auto und die Gutbetuchten zum Besuch eines Monate im Voraus ausgebuchten Nouvelle-Cuisine-Restaurants. Am anderen Ende der Skala arbeitet sich KEEMI auf ihrem Youtube-Kanal regelmäßig durch den Tiefkühlfraß großstädtischer Supermärkte. Mukbang heißt das Phänomen aus Südkorea, bei dem Menschen vor der Kamera mampfen und aus ihrem Alltag berichten. Kauen und sprechen fallen hier gern in eins und nach 30 Minuten ist die Grillplatte für zwei von einer Person vollständig verspeist. Das Magazin „Foodboom“ bringt es dann ganz unironisch im Titel auf den Punkt: Essen knallt.

„Noma“ knallt in diesem Sinne ebenfalls. Und am besten serviert man einen Molotow-Cocktail zu diesem Film, der über die Beschaffenheit eines aufwendig gestalteten Kochbuches nicht hinausfindet. Die Bilder sind hübsch, die Texte nett. Ein perfektes Produkt des Champagner-Kapitalismus. Guten Appetit und Prost!

Chungking Express

(HK 1994, Regie: Wong Kar-Wai)

Von Kalifornien träumen
von Nicolai Bühnemann

Der Mitte der Neunziger überaus populäre Quentin Tarantino musste mal wieder als Vergleich herhalten, um „Chungking Express“, die dritte Regiearbeit Wong Kar-Wais, auch einem westlichen Publikum schmackhaft zu machen. Bei …

Der Mitte der Neunziger überaus populäre Quentin Tarantino musste mal wieder als Vergleich herhalten, um „Chungking Express“, die dritte Regiearbeit Wong Kar-Wais, auch einem westlichen Publikum schmackhaft zu machen. Bei allen formalen und inhaltlichen Unterschieden, so anders wie die Filme aussehen und sich anfühlen, würde ich die Art wie Wong Elemente aus verschiedenen Genretraditionen zu Filmen verflicht, die keine Genrefilme sind, sondern Apropriationen, eher mit einem deutschen Filmemacher vergleichen, der seine Karriere ebenfalls in dieser Zeit begann: Christian Petzold. Wie Petzold generische Erzählungen (Hitchcock, Cain, Harvey) mit unverkennbarer eigener Handschrift in Filme überführt, die sich an ein Arthouse-Publikum richten, so benutzt Wong das asiatische Genrekino oder den Film Noir als Folien, vor denen er seine ganz eigenen Figuren und Erzählungen entwickelt.

So gibt es etwa den Humor mit leichtem Hang zum Albernen, der vielen asiatischen Genrefilmen eignet, die eigentlich keine Komödien sind. Auch stellt sich der nur mit seiner Dienstnummer benannte Polizist 663 (Tony Chiu-Wai Lung) ähnlich unbeholfen an, wenn es darum geht, mit Frauen anzubandeln wie der Protagonist in „A Chinese Ghost Story“. Nachdem er von seiner Freundin verlassen wird, mit der er fünf Jahre zusammen war, kauft er einen Monat lang jeden Tag eine Dose Ananas mit dem Verfallsdatum 1. Mai, seinem Geburtstag. Wenn er seine Ex bis dahin nicht zurückerobert hat, ist für ihn auch ihre Liebe endgültig verfallen. Um über seinen Liebeskummer hinwegzukommen, geht er exzessiv joggen und telefoniert die Liste seiner Verflossenen ab, von denen eine nun bereits seit Jahren verheiratet ist: „So lange haben wir uns nicht gesehen?“ Seine Witzeleien ziehen eine Parallele zwischen dem Paar, das war, und Demi Moore und Bruce Willis, die wohl das amerikanische Promipaar der Zeit waren. In einer Bar begegnet er einer namenlosen Drogendealerin (Brigitte Lin), zu der er sich mit einer überaus kreativen Pick-Up-Line setzt: „Magst du Ananas?“

Letztere ist mit ihrer blonden Perücke und der großen Sonnenbrille ein wandelndes Hitchcock- und De Palma-Zitat. Letztlich ist sie aber weder eine neurotische Kriminelle noch eine klassische femme fatale. Vielmehr ist sie ein eiskalter Profi, der sich mit so eruptiver wie beiläufiger Schusswaffengewalt einiger Kontrahenten entledigt und zur Durchsetzung ihrer Geschäftsinteressen auch vor Kindesentführung nicht zurückschreckt. Für das Spinnen großangelegter Intrigen interessiert sie sich nicht. Dafür kommt sie bei ein paar Drinks an der Bar mit 663 ganz zur Ruhe, schläft anschließend in voller Montur bei ihm, ohne dass zwischen den beiden irgendetwas passieren würde. Der Rhythmus des Films nimmt sehr für ihn ein, der solche Momente der Ruhe dem hektischen Treiben der Stadt entgegensetzt, die die wichtigste Folie für seine fragmentarisch bleibende Erzählung ist.

Gleich zu Beginn bahnt sich die Kamera ihren ruhelosen Weg zwischen den Passanten auf den Straßen, deren Körper und Gesichter in der Unschärfe verwischen. Auch indische EinwandererInnen, die sich ihr Geld mit Drogenschmuggel verdienen, haben ihren Platz im Wirrwarr der Sprachen und Kulturen, als das der Film seinen Schauplatz vorstellt. Mit flinken Fingern werden Drogenpäckchen in Kuscheltiere genäht oder in den Absätzen von Schuhen versteckt und Dollarscheine abgezählt und der Film schneidet das ebenso flink hintereinander.

Es sind die ein ums andere Mal wiederholten amerikanischen Songs, die in diesem babylonischen Treiben den Figuren eine eigene Identität zu geben scheinen. In der zweiten Hälfte geht es um einen anderen Cop, Dienstnummer 223 (Takeshi Kaneshiro), der mit einer Stewardess (Velerie Chow) liiert ist, die wie die Dealerin ihren Job mit ins Bett nimmt, nun aber in Form von Spielzeugflugzeugen. Auch hier gibt es ein Beziehungsdreieck, als er sich in die Angestellte eines Imbisses verguckt. Ja, vierundzwanzig kleine Stunden können einen Unterschied machen, wenn man sich verliebt. Die Frau heißt Faye und wird von Faye Wong mit einem Kurzhaarschnitt gegeben, der wirklich zum Verlieben ist. The Mamas & the Papas aus dem Radio schaffen ihr während sie mit Wischmob, Messern und Salatbesteck ihrer stressigen Tätigkeit nachgeht, einen ganz eigenen kulturellen Ort, an dem sie tanzend von Kalifornien träumen kann.

Transit

(D/F 2018, Regie: Christian Petzold)

In der Schwebe
von Wolfgang Nierlin

Ein Klima aus Angst, Verfolgung und Misstrauen liegt über der Stadt. Polizei-Sirenen als Signale der Hetze hallen bedrohlich durch die Straßen von Paris. Im Frühjahr 1940, angesichts der heranrückenden deutschen …

Ein Klima aus Angst, Verfolgung und Misstrauen liegt über der Stadt. Polizei-Sirenen als Signale der Hetze hallen bedrohlich durch die Straßen von Paris. Im Frühjahr 1940, angesichts der heranrückenden deutschen Armee, kündigen sie brutale Razzien und willkürliche Verhaftungen an. Mit einem sogenannten „Frühjahrsputz“ soll die französische Metropole „gesäubert“ und „dicht gemacht“ werden. Immer enger legt sich die Schlinge aus Denunziation und Gewalt um den eingeschränkten Bewegungsradius von Exilanten, Flüchtlingen und jüdischen Mitbürger. Wer sich nicht verstecken kann, hat bald nur noch die gefährliche Option, sich irgendwie in die noch feie Zone im Süden des Landes durchzuschlagen. Christian Petzolds trotzdem in warmes Licht getauchter Film „Transit“, eine freie Adaption von Anna Seghers gleichnamigem, autobiographisch inspiriertem Roman, macht die unwirkliche Normalität dieser Klaustrophobie fast körperlich spürbar. Unter den Ausgegrenzten und Verfolgten führen Hunger und Verzweiflung gehäuft zu Selbsttötungen.

Der aus Deutschland geflohene Georg (Franz Rogowski), dessen persönliche Hintergründe weitgehend im Dunkeln bleiben, ist einer von ihnen. Ohne Geschichte erscheint der schweigsame Einzelgänger ebenso geheimnisvoll wie gegenwärtig. Georg ist ein außenstehender Beobachter, der zwar verwickelt ist in die Geschicke seiner Leidensgenossen, der diese aber zugleich beobachtet. Von der anderen Seite aus betrachtet, fungiert er als Spiegelbild, Projektionsfläche und Katalysator. Später, bei seiner Ankunft in Marseille, fühlt er sich gar „unsichtbar“ und geht den Geschichten der anderen Flüchtlinge lieber aus dem Weg. Doch weil er sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer falschen Identität tarnt, wird er zunehmend involviert in die Schicksale der anderen und dabei selbst sichtbarer. Noch in Paris, konfrontiert mit dem Selbstmord des Schriftstellers Weidel, hat er dessen Nachlass an sich genommen. Jetzt, auf der illegalen Fahrt nach Süden, gewähren ihm die augenblickshaften Ausschnitte der vorbeiziehenden Landschaft eine Ahnung der Freiheit.

Das Manuskript des toten Schriftstellers, aus dem mittels Voiceover wiederholt zitiert wird, nutzt Petzold für einen Perspektiv- und Erzählerwechsel, wodurch eine Distanz entsteht. Wie in einem Modiano-Roman resultieren daraus eine melancholische Unbestimmtheit und ein Schweben zwischen Raum und Zeit. Verstärkt wird diese oszillierende Atmosphäre noch dadurch, dass Petzold das Historische im Gegenwärtigen situiert und damit ein gewisses zeitloses Nebeneinander evoziert, in dem die Übergänge fließend sind. Analog dazu befinden sich die Menschen in einem Zwischenraum, wo sie sich, herausgefallen aus der Ordnung des Lebens, eine Passage nach Übersee erhoffen. In diesem prekären Kontext tritt Georg unter falschem Namen immer deutlicher in die Sichtbarkeit. Zeitweise wird er zum Ersatzvater und zum beruhigenden, unerschrockenen Begleiter; er entwickelt Gefühle, empfindet Scham und Schuld und findet sich schließlich als Liebender. Doch im Schattenreich zwischen Leben und Tod, das ganz selbstverständlich den Transitraum der Heimatlosigkeit zwischen Gehen und Bleiben grundiert, bleibt alle Zukunft in der Schwebe.

Zentralflughafen THF

(D/FR/BR 2018, Regie: Karim Aïnouz)

Wartehalle für die Zukunft
von Jürgen Kiontke

Als es vor vier Jahren einen Volksentscheid zur Nutzung des Tempelhofer Felds – ehemals der Berliner Innenstadt-Flughafen – gab, mit dem die Berliner den Bebauungsplänen des Senats für das Riesenareal …

Als es vor vier Jahren einen Volksentscheid zur Nutzung des Tempelhofer Felds – ehemals der Berliner Innenstadt-Flughafen – gab, mit dem die Berliner den Bebauungsplänen des Senats für das Riesenareal einen Korb gaben, dürften sie eines nicht im Sinn gehabt haben: dass in den zu Zeiten des Nationalsozialismus errichteten monströsen, Terminal, heute das größte Baudenkmal Europas, einmal Menschen einziehen würden. Es gab Nutzungen für Teile des Gebäudes, sicher. Ein schöner Rockclub logiert dort und auch die Modemesse „Bread & Butter“ hatte dort namensgerecht dick aufgetragen. Aber ein Wohnhaus, das war das Flughafengebäude bestimmt nicht.

Bis zum September 2015, als Deutschland rund eine Million Flüchtlinge aufnahm. Da war Leerraum dringend gesucht. Irgendwann waren die Turnhallen Berlins gefüllt, im angrenzenden Stadtteil Neukölln belegten Migranten den stillgelegten C&A. Da kam man auf die verrückte Idee, auch die Hangars des Flughafens zum Übergangswohnheim zu trimmen. Wie die rund 2.000 Menschen leben, die man dort einquartiert hatte, blieb oft der Spekulation überlassen: Presse und Fernsehen erhielten selten Zugang zu dem Gebäudekomplex. Man wolle die Privatsphäre der Menschen schützen, hieß es seitens des Betreibers. So machten Gerüchte die Runde von überquellenden Toiletten, von Bustransporten zu Duschen irgendwo in der Stadt. Von Achtbett-Zimmern und irrsinnigem Lärm, der die Kriegsversehrten dort unter massiven Stress setzte. Dass der Flughafenkomplex Filmkulisse sein könnte, kam schon mehreren Filmemachern in den Sinn. Selbst Jennifer Lawrence drehte hier schon die „Tribute von Panem“.

Das Gebäude selbst zum Hauptdarsteller zu machen, blieb jedoch dem brasilianischen Regisseur Karim Aïnouz vorbehalten. Als Spezialist für Liegenschaften – zuvor drehte er einen Film über das Centre Pompidou in Paris – und dezidiert politischer Filmemacher, der Minderheiten in den Blick nimmt, begann er vor drei Jahren mit den Dreharbeiten über das gigantische Bauwerk, in dessen weitläufigen Garten, dem Rollfeld, sich die Kite-Surfer und Urban-Gardening-Aktivisten tummeln. Und in dessen Innenausstattung Tausende Bürgerkriegsflüchtlinge warten, dass sie Anerkennung, Wohnung und Arbeit finden, kurz: eine bessere Zukunft. Das Ergebnis heißt „Zentralflughafen – THF“. Der Dokumentarfilm beginnt mit einer Führung für Touristen. Dies sei einmal der „schönste und größte Flughafen der Welt“ gewesen, erklärt der Guide. Nun dürfte er das besonderste Übergangswohnheim sein. Auf drei Monate sollte der Aufenthalt dort ursprünglich begrenzt sein. Manche Flüchtlinge sind jedoch schon über ein Jahr dort.

Wer lebt innerhalb dieser Mauern? Aïnouz‘ Protagonisten, der 18-jährige Ibrahim, der vor dem Bürgerkrieg floh, und der irakische Mediziner Qutaiba, träumen davon, endlich anzukommen. Ein Jahr lang hat Karim Aïnouz den Alltag der beiden mit der Kamera begleitet, verrückte Bilder sind dabei entstanden. Etwa wenn Ibrahim auf einem Sofa vor dem Gemälde der Ampelmännchen sitzt.

Aïnouz weiß, wie man Menschen in Gebäuden inszeniert. Nach Architekturstudien in Brasilia und einem Filmstudium in New York wirkte er als Regieassistent, Drehbuchautor, Produzent und schließlich als Regisseur bei mehr als 20 Filmen mit. Auf der Berlinale 2014 war er mit „Praia do Futuro“ im Wettbewerb. Die prägendste Szene: Der Hauptdarsteller Wagner Moura reinigt als Taucher das Aquarium im Aquadom am Alexanderplatz. Der Taucher inmitten der Fische lässt die massive Architektur schwerelos erscheinen.

Ähnlich transformieren die Protagonisten in „Zentralflughafen THF“ ihre temporäre Behausung – die Nazi-Architektur wird lebendig. Sein Film diene ihm auch zur Bewältigung seiner eigenen Migrationsgeschichte, sagt der Regisseur, gerade in Ibrahim erkenne er sich wieder. Auch er sei als Jugendlicher zwischen den Kontinenten unterwegs gewesen, als er von Brasilien zu seinem Vater nach Frankreich zog. Er habe einen Film über die Solidarität machen wollen, die Menschenrechte im Hinterkopf. „Ich war schockiert, als ich gesehen habe, wie die Leute dort leben.“

„Zentralflughafen THF“ ist ein Film über ein irres Gebäude. Es sei nicht zum Wohnen gedacht, sagt Aïnouz. Das Unangenehmste: „Die Geräusche.“ In der Tat kommen die sehr lauten Durchsagen rüber, als sei der Flughafen noch in Betrieb. Sie lassen den Funktionsbau erahnen und können einen geradezu erschrecken – zum Beispiel, wenn über Lautsprecher zum Impfen gerufen wird. Daneben hallen Kindergeschrei und Arbeitsgeräusche durch die Hangars. Es stellen sich unschöne Assoziationen ein. „Würde man in meinem Film den Ton abdrehen, wirkt alles friedlich“, sagt der Regisseur. Erst der Lärm mache deutlich, dass dies ein Ort der Gestressten sei.

Dennoch ist dies ein ruhiger, ein eleganter und unvermutet hoffnungsfroher Film. Das liegt nicht zuletzt an den Protagonisten. Ibrahim ist zwar traurig, wenn er an den Verlust der Heimat in Syrien denkt. Einmal sitzt er mit zwei anderen auf einer Bank im Freien und raucht Shisha. „Der Blick auf das Feld ist so sensationell, ich werde nie woanders wohnen wollen“, sagt einer. Schallendes Lachen.

Voller Hoffnung bereitet sich Ibrahim mit Sprachlehrern und Jobvermittlern auf ein neues Leben in Deutschland vor.
Und Qutaiba? Der ist sowieso eingespannt. Er arbeitet als Sanitäter und Übersetzer. Sagt, dass man auf jeden Fall jede Gelegenheit zur Arbeit nutzen soll.

Wo andere Filme drastische Zustände mit drastischen Bildern beschreiben, bleibt dieser Film cool und zurückhaltend und zieht die Zuschauer auf diese Weise für das Geschehen. Der Zugang ist denkbar cineastisch: Der stillgelegte Flughafen mit den immensen Ausmaßen dient als Kulisse für die große Erzählung von Flucht und Migration. Ankunft und erst mal kein Abflug. Die Flüchtlinge bewohnen eine Metapher. Man möge den Film unbedingt auf großer Leinwand sehen, empfehlen die Protagonisten. Und draußen? Fährt die Kamera nachts mit den Parkwächtern über das weitläufige Gelände, zur Wildtierbeobachtung. Diese Nacht werden Füchse gesichtet. Ironisch gebrochen erzählt der Film seinen Stoff. In brillanter Montage Gleichzeitigkeiten schildernd.

„Zentralflughafen THF“ wurde dieses Jahr bei einer Auswahl von insgesamt zwölf Filmen mit dem Filmpreis von Amnesty International ausgezeichnet. In der Jury saßen neben der Schauspielerin Friederike Kempter die Leiterin der Abteilung „Kampagnen und Kommunikation“ von Amnesty International, Bettina Müller, der Regisseur Ali Samadi Ahadi, selbst preisgekrönter Dokumentarfilmer („The Green Wave“, 2009). Er sagt: „Das ist ein sehr schöner Film, rund und positiv. Ein Film, der den Zuschauern die Einladung ausspricht hinzugucken.“ Wir lebten in einer Zeit, wo uns die Ohnmacht angesichts der Zustände die Luft zum Atmen nehme. „Das Sanfte, das Ruhige, mit den Leuten mitzugehen, tut den Zuschauern gut.“

Dass die Jury auch durchaus andere Herangehensweisen zu würdigen wusste, kam mit der besonderen Erwähnung des Films „Eldorado“ (Kinostart: 3. Mai 2018) zum Ausdruck: Er wurde bei den Rettungseinsätzen im Mittelmeer gedreht, zeigt Tote, Verletzte und Sklavenarbeiter in Italien. Aïnouz‘ Film hingegen motiviert das Warten – auf Papiere, Zulassungen, Erlaubnisse. „Mit Wärme und Humor porträtiert der Regisseur das Engagement der vielen Helfer und zeigt, wie wichtig Mitmenschlichkeit ist.“ Der Film „lädt die Zuschauer ein, hinzusehen und mitzumachen und trägt damit eine Botschaft, die in der heutigen Zeit wichtiger ist denn je“, heißt es in der Laudatio der Jury. „Er begegnet den Menschen auf Augenhöhe“, sagt Friederike Kempter.

Dieser Text erschien zuerst in: Amnesty Journal 4/18

Das Mädchen aus dem Norden

(SW/NO/DK 2016, Regie: Amanda Kernell)

Der Wunsch, ein anderer zu werden
von Wolfgang Nierlin

Nur widerwillig kehrt die alte Frau zusammen mit ihrem Sohn und der Enkeltochter zurück in ihr Heimatdorf im Norden Schwedens, um an der Trauerfeier für ihre verstorbene Schwester teilzunehmen. Ihre …

Nur widerwillig kehrt die alte Frau zusammen mit ihrem Sohn und der Enkeltochter zurück in ihr Heimatdorf im Norden Schwedens, um an der Trauerfeier für ihre verstorbene Schwester teilzunehmen. Ihre eigensinnige Verweigerungshaltung und ihre Abneigung gegenüber der Sprache und dem Brauchtum der Samen sind dabei so auffällig, dass sie auf einen tiefen inneren Konflikt und alte Wunden schließen lassen. Die ehemalige Lehrerin aus Uppsala scheint zwei Namen zu haben, die für zwei unterschiedliche Welten und Leben stehen. Als Christina (Maj Doris Rimpi) blickt die selbstbewusste Außenseiterin, vor einem Fenster stehend, in die Weite einer nächtlichen Landschaft und erinnert sich dabei an ihre Kindheit und Jugend in einer samischen Familie, die von der Rentierzucht gelebt hat. Und sie durchlebt dabei noch einmal jene Identitätskrisen, die zum Bruch mit ihrer Herkunftsfamilie geführt haben.

Um diesen vielschichtigen, schier unlösbaren Konflikt zu erhellen, erzählt Amanda Kernell die Entwicklungs- und Emanzipationsgeschichte ihres sehenswerten Debütfilms „Das Mädchen aus dem Norden“ (Sameblod) in einer langen Rückblende. Diese führt ins Schweden der 1930er Jahre, genauer nach Lappland, wo Christina alias Elle Marja (Cecilia Sparrok) zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Njema (Erika Sparrok) unter den rauen Bedingungen eines Nomadendaseins aufwächst. Als initiierende Erfahrung erlebt das kluge, willensstarke Mädchen, wie es mit dem Schnitt in das Ohr eines Rentiers dessen Zugehörigkeit markiert. Dieses blutige Bild wird an einer späteren Stelle zurückkehren und Elle Marjas eigene samische Herkunft auf diskriminierende Weise kennzeichnen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die beiden Schwestern in einer Internatsschule für Samen, wo die rassenbiologische Ideologie ganz offen vertreten wird und „Lerndefizite“ körperliche Züchtigungen zur Folge haben.

In dieser fragwürdigen, offensichtlich rassistischen Institution zeigt sich Elle Marja als selbstbewusste, wissbegierige Schülerin, die bis zu einem gewissen Grad sogar von ihrer Lehrerin (Hanna Alström) gefördert wird. Sie erlebt aber auch offene Anfeindungen, brutale Übergriffe und eine demütigende, ihr Schamgefühl verletzende körperliche Untersuchung. Dadurch gerät sie immer mehr in einen Widerspruch zwischen ihrem Wunsch nach Bildung und Unabhängigkeit und den gesellschaftlich vorgegebenen Grenzen ihrer Herkunft. Im Versuch, sich durch Sprache und Kleidung anzupassen und sich eine neue Identität zu geben, verleugnet sie einen gewichtigen Teil ihrer Persönlichkeit.

Bald sitzt das aufgeweckte, findige Mädchen, das trotzig und gegen alle Widerstände seinen Weg geht, zwischen allen Stühlen. In Amanda Kernells ruhiger, verhaltener Inszenierung, in der sich Zuspitzungen und subtile Einfühlung die Waage halten, steht das schöne Gesicht der Protagonistin im geheimen Zentrum. In seinen ausgewogenen, mimisch zwischen hoffnungsvoller Erwartung und verhärteter Enttäuschung changierenden Zügen spiegelt sich das ganze Drama zwischen Sein und Bewusstsein, zwischen den Grenzen der Herkunft und dem Wunsch, ein anderer zu werden.

Loveless

(RU/FR/DE/BE 2017, Regie: Andrey Zvyagintsev)

Verlorene Menschlichkeit
von Wolfgang Nierlin

Lange verharrt die Kamera auf einem alten, mächtigen Baum mit kahlen, verschlungenen Ästen, die sich dunkel im fahlen Winterlicht abzeichnen. Dann folgt stumm eine Serie von Naturstillleben, von Ansichten eines …

Lange verharrt die Kamera auf einem alten, mächtigen Baum mit kahlen, verschlungenen Ästen, die sich dunkel im fahlen Winterlicht abzeichnen. Dann folgt stumm eine Serie von Naturstillleben, von Ansichten eines kleinen Wäldchens an einem stillen, zugefrorenen Fluss, dessen Fläche berückende Spiegelbilder wirft. Wenn kurz darauf im Hintergrund dieser Idylle eine Hochhaussiedlung sichtbar wird und Kinder ein leicht baufälliges Schulgebäude verlassen, sind wir als Zuschauer im Kontrast zwischen Natur und Zivilisation, zwischen alter und moderner Welt angekommen, die sich fremd und unvereinbar gegenüber stehen. Andrei Swjaginzew arbeitet in seinem neuen, beeindruckenden Film „Loveless“ beständig an diesem Kontrast, spitzt ihn noch zu, wenn er den Materialismus einer seelenlosen Wohlstandsgesellschaft zeigt, deren Menschen sich im Konsum von Äußerlichkeiten verlieren. Längst hat der globale Kapitalismus auch die russische Gesellschaft eingeholt.

Das kafkaeske Großraumbüro mit seinen vielzähligen, anonymen Computerarbeitsplätzen, an denen die Angestellten förmlich mit den Maschinen verschmelzen, funktioniert als Metapher dieser Entfremdung. Hier ist der Familienvater Boris (Alexei Rosin) mehr oder weniger lustlos, vor allem aber möglichst unauffällig in den Routinen und Wiederholungsschleifen seines Arbeitsalltags gefangen. Derweil kümmert sich seine attraktive Frau Schenja (Marjana Spiwak), die einen Kosmetiksalon leitet, um den Verkauf der gemeinsamen Wohnung. Die beiden tief zerstrittenen, sich nur noch mit Hass und aggressiven Schuldzuweisungen begegnenden Eheleute wollen sich nämlich scheiden lassen. Darunter leidet vor allem ihr gemeinsamer 12-jähriger Sohn Aljoscha (Matwei Nowikow), der ungeliebt und ungewollt ist. Völlig hilf- und trostlos hört er heimlich, wie sich seine Eltern um seine Abschiebung in ein Internat streiten, weil sie nicht mehr länger Verantwortung für ihn übernehmen möchten. Seit geraumer Zeit mit jeweils neuen Partnern liiert, steht der Junge ihren egoistischen Selbstverwirklichungsplänen im Wege.

Dann verschwindet Aljoscha plötzlich, was seine gleichgültigen, um ihr eigenes Glück besorgten Eltern noch nicht einmal gleich bemerken. Zu sehr sind sie mit der selbstsüchtigen Modellierung ihres Lebens, seiner körperlichen Optimierung und seiner materiellen Neueinrichtung beschäftigt. Weil der postsozialistischen Polizei die Mittel fehlen, kümmert sich ein freiwilliger Such- und Rettungsdienst um den Fall, der mit seinem solidarischen Handeln gewissermaßen den Altruismus einer verloren gegangenen Menschlichkeit verkörpert.

Andrei Swjaginzew widmet entsprechend der Systematik und Ausdauer dieser intensiven Suche, in deren Verlauf sich trotz Anteilnahme und Kooperation die mitleidlosen ehelichen Fronten eher noch verhärten, lange Passagen seines erschütternden Films. Sein Kameramann Michail Kritschman findet dafür atmosphärisch dichte Bilder, in denen Motive aus Filmen von Andrei Tarkowski und Theo Angelopoulos anklingen. Darüber hinaus verknüpft Swjaginzew sein konsumkritisches Ehe- und Familiendrama mit Nachrichten über den Krieg in der Ostukraine, mit Zeichen gegenwärtigen Verfalls sowie dem offiziellen Verbot „apokalyptischer Propaganda“ in dem Jahr (2012), für das angeblich der Maya-Kalender den Weltuntergang vorhergesagt hat. Dass sich die Lieblosigkeit fortsetzen wird, solange die Menschen sich selbst die Nächsten bleiben, daran lässt der russische Regisseur keinen Zweifel.

The Terence Davies Trilogy

(GB 1983, Regie: Terence Davies)

Das Nichts zwischen den Bildern
von Nicolai Bühnemann

Drei mittellange Filme, die eine Trilogie ergeben, die der Regisseur nach sich selbst benannte. Der erste, der 43-Minüter „Children“ (1976), war der Debütfilm des 1945 in Liverpool geborenen Terence Davies. …

Drei mittellange Filme, die eine Trilogie ergeben, die der Regisseur nach sich selbst benannte. Der erste, der 43-Minüter „Children“ (1976), war der Debütfilm des 1945 in Liverpool geborenen Terence Davies. Es folgten die noch kürzeren „Madonna and Child“ (1980) und schließlich „Death and Transfiguration“ (1983). Fragmentarisch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, von seiner Schulzeit bis zu seinem Tod in einem katholischen Pflegeheim. Er heißt Robert Tucker und wird von drei Darstellern gespielt: als Kind von Philip Mawdsley, als junger Mann von Robert Hooper und schließlich als mittelalter Mann und Greis von Terry O’Sullivan.

Sowohl die Gliederung der Geschichte in drei Teile, zwischen denen Jahre liegen, als auch die drei Darsteller unterstreichen, dass es Davies nicht um Synthese geht, sondern vielmehr darum, die Brüche in Tuckers Leben herauszuarbeiten. Nichts findet zusammen in dieser Biographie, diesen Filmen. Weder das Schulkind zum Erwachsenen noch dieser zum kranken alten Mann. Robert Tucker nicht zu sich und nicht zu seinen Mitmenschen. So dominant und gewaltig wie die Bilder sich geben, scheint die Trilogie doch eher von den Leerstellen her gedacht zu sein, vom unüberbückbaren Nichts, das die einzelnen Filme, Szenen und Bilder voneinander trennt – und die Menschen.

Im ersten Teil kriegen wir schnell mit, dass der Junge homosexuell ist. Das Stigma wird ihm von seinen Mitschülern mit dem Wort „Schwuchtel“ aufgeprägt. Er wird gemobbt und geprügelt für das Begehren, das er sich genauso wenig ausgesucht hat wie irgendein anderer Mensch. Die Strenge der Institution spricht schon aus dem Erscheinungsbild der Jungen in ihren Uniformen. Wer bei der Klausur nicht sputet, bekommt einen harten Klaps auf den Hinterkopf, für Prügeleien in der Pause stehen Stockschläge auf die Hand. Schon als Kind verinnerlicht der Protagonist den Schmerz, dessen Quelle es ist, nicht sein zu dürfen, wer er ist.

Am Ende des Schultages, dessen gnadenlose Struktur der Film mit Bildern von der Uhr im Klassenraum akzentuiert, deren Zeiger sehr langsam auf die Vier vorrücken, während Lehrer und Schüler unisono zum Vater Unser und zur Heiligen Maria beten. Die Strenge aber findet sich auch in die Form des Films eingeschrieben, in seinen genau komponierten und kadrierten grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern mit dem Seitenverhältnis 1:1,37, bei denen die Kamera oft komplett statisch bleibt und auf extradiegetische Musik weitgehend verzichtet wird. In einer quälend langen Einstellung fährt der Junge mit seiner Mutter Bus. Sie blickt starr geradeaus, er aus dem Fenster. Die Blicke können sich ebenso wenig treffen wie die Generationen. Dazwischen schneidet Davies Szenen, in denen Tucker, nun ein junger Mann, beim Psychiater sitzt, der Tabletten gegen die Depressionen verschreibt und attestiert, dass sich das Interesse an den Mädchen schon irgendwann einstellen wird.

Das die Filme verbindende Motiv ist der Tod. Zunächst der des Vaters, den Robert dafür hasst, dass er ihn nicht lieben kann, weil er derart in den patriarchalen Vorstellungen von Familie und Geschlecht und der Eifersucht und der Gewalt, die aus diesen resultieren, gefangen ist. Im zweiten dann der der Mutter, die Tucker bis zum letzten Atemzug pflegt. Für Momente stellt sich hier in Bildern von Händen, die einander halten, eine Zuneigung ein, die im Vorgänger undenkbar war. Sonst fährt Davies dadurch, dass er den Film für mehr erotische Ausschweifungen öffnet, die Kontraste zwischen dem, was ist, und dem, was nicht sein darf, zwischen der religiös geprägten Gesellschaft und der Sexualität, die sie unterdrückt, weiter hoch. Tuckers Begehren darf nur versteckt in kurzen Momenten der Hingabe und kleinen Gesten der Zärtlichkeit Ausdruck finden. Das Händchenhalten am Pissoir. Der Blowjob, bei dem sich der Protagonist geradezu im Gesäß seines Gegenübers festzukrallen scheint, auf der verzweifelten Suche nach Halt. Der muskelbepackte und tätowierte Mann, der einem anderen den Zeigefinger hinhält, damit er daran saugen kann.

In einer kleinen Miniatur in der Mitte des Films wird ein Telefonat aus dem Off, in dem der Protagonist einen Tätowierer dazu anhält, ihm die Hoden zu tätowieren, wofür dieser immer mehr Geld verlangt, gerahmt von seiner Beichte gegenüber einem Priester. Andächtig schweift die Kamera dazu langsam durch den prachtvollen Innenraum einer Kirche. Noch da, wo der Film für Momente zu einer schonungslos entfesselten Komik findet, bleiben die Sphären streng getrennt, arbeiten Bild und Ton eher gegen- als miteinander.

Im dritten Teil dann wird viel gesungen und gebetet, wenn schließlich Tuckers eigene Tage gezählt sind. Doris Day singt „It all depends on you“ und die Kinder singen im Chor in Engelskostümen. Harte Schnitte trennen Junge, Mann und Greis, die nicht das Ganze einer Lebensgeschichte, einer Person ergeben, die eine Entwicklung durchläuft, sondern auf ewig separate Teile bleiben. Es erklingen mehr Lieder aus dem Off zu Bildern eines Weihnachtsbaums mit viel Lametta. Von Nonnen umsorgt haucht Tucker ohrenbetäubend laut sein Leben aus, als wollte er noch in seinen letzten Augenblicken der Welt sein Leid klagen. So fügt sich in einer unheiligen Dreifaltigkeit die Geschichte vom Leben, das nicht sein durfte, zu einem Tryptichon des Scheiterns. Was Robert erwartet, sehen wir nicht. Die Leinwand wird weiß und die Einblendung „The End“, mit der die ersten beiden Teile schlossen, entfällt hier bedeutungsvoll.

Das Berliner Kino Arsenal zeigt im April alle acht Spielfilme, die Terence Davies zwischen 1988 und 2016 drehte und zwar größtenteils von 35mm-Kopien. So auch die „Terence Davies Trilogy“, die am 4.4. nochmals wiederholt wird.

Der Mann mit der Todeskralle

(USA, HK 1973, Regie: Robert Clouse)

Bruce Lee im Spiegelkabinett der Filmgeschichte
von Nicolai Bühnemann

Lei Siu Lung, der Mann, der mit seinem amerikanischen Namen Bruce Lee in die Geschichte des Martial Arts-Films eingehen sollte, war von Anbeginn an ein transnationales Phänomen. Geboren in San …

Lei Siu Lung, der Mann, der mit seinem amerikanischen Namen Bruce Lee in die Geschichte des Martial Arts-Films eingehen sollte, war von Anbeginn an ein transnationales Phänomen. Geboren in San Franciscos China Town als Sohn eines chinesischen Schauspielers und einer Deutsch-Chinesin, verbrachte er seine Kindheit im unter japanischer Besatzung stehenden Hongkong. Mit 13 wurde er dem legendären Yip Man, einem Meister des Win Chun Kung Fu vorgestellt. Da der junge Bruce seine Kampfkünste zunächst für eine „Karriere“ als Straßenkämpfer nutzte, wurde er von seinen Eltern mit achtzehn nach San Francisco zurückgeschickt. Die Legende will es, dass er 100 Dollar in der Tasche hatte. Auch wenn Lee seit seinem sechsten Lebensjahr vor Film- und Fernsehkameras stand, waren es nur eine Handvoll Filme, die ihn zu einer Ikone des Kinos und der Kampfkünste gleichermaßen machten. Der letzte von ihnen ist „Enter the Dragon“, 1973 unter der Regie des amerikanischen Genre-Routiniers Robert Clouse enstanden. Lee starb an den Strapazen der Dreharbeiten im Alter von nur 32 Jahren.

Bruce Lee spielt die Filmfigur Lee, die am Anfang den Auftrag bekommt, an einem Kampfsport-Turnier teilzunehmen, das als Vorwand herhalten muss, um einem Mann auf dessen privater Insel nachzuspionieren, der verdächtigt wird, sich seine Millionen mit Heroin und Prostitution zu verdienen. Doch schon hier ist klar, dass er ein Mann mit einer anderen Mission ist: Unbeeindruckt vom mächtigen Auftraggeber trainiert er lieber weiter seinen jungen Schüler, dem er etwas wichtiges mit auf seinen Lebensweg zu geben hat: „We need emotional content. Not anger! Don’t think. Feel! Never take your eyes off your opponent. Even when you bow!“

Kann man dieses Verwirrspiel der Identitäten retrospektiv anders begreifen, als dass sich in dem Schüler der reale Sohn Lees spiegelt, der Schauspieler und Kampfsportler Brandon Lee, der seinem Vater auch darin folgte, dass er 1994 bei den Dreharbeiten zu dem Film „The Crow“ (Alex Proyas) achtundzwanzig-jährig verstarb, getötet mit einer Waffe, in der sich eine echte Kugel, statt einer Platzpatrone befand? Jedenfalls hätte wohl auch die Rolle seines Vaters in dem Biopic „Dragon: The Bruce Lee Story“ (Rob Cohen, USA 1993), die ihm angeboten wurde, aber dann an den nicht mit Bruce verwandten Jason Scott Lee ging, keinen Ausweg aus dem Labyrinth des Scheins ohne Sein geboten.

Auch die Besetzung der Nebenrollen steht ganz im Zeichen eines west-östlichen Genre-Hybrids. Jim Kelly hat im asiatischen Harem der Gangster freie Auswahl. Auf John Saxons Rücken darf eine schöne namenlose Blondine stehen, zu Zwecken der Massage versteht sich. Wer gut aufpasst, kann Jackie Chan als „Thug in prison“ entdecken. Bolo Yeung, der es als Bodybuilder bis zum Mr. Hongkong brachte, und einem westlichen Publikum wohl am ehesten als Endgegner Van Dammes in „Bloodsport“ (Newt Arnold, USA 1988) bekannt ist, darf auch hier kräftig zulangen. Lee hingegen hat mal wieder eigene Pläne – ob mit Frau oder ohne. Bleibt die stählerne Kralle von Boss Han (Kien Shih), der sich unser Spion schließlich zum Zweikampf stellen muss, bei dem sich die Inszenierung zu atemberaubender Frenetik aufschwingt. Dabei gehen viele Spiegel zu Bruch, von denen wir längst nicht mehr wissen, wen sie nun genau zeigen.

Ob in diesem Finale Furioso dann bewusst oder auch nicht der klassische Film Noir nachhallt und namentlich Orson Welles‘ Meisterwerk „The Lady from Shanghai“ (USA, 1947), in dem sich ein vielgereister Mann (Welles) am Ende in ein Dasein des Verzichts und der Entbehrung ohne seine von Rita Hayworth gespielte fatale Muse fügen muss, spielt dann auch keine allzu große Rolle mehr. Denn fest steht: Ein Spiegelkabinett ist ein Spiegelkabinett ist ein Spiegelkabinett.

The Death of Stalin

(GB/FR 2017, Regie: Armando Iannucci)

L´art pour l´art – Sowjetterrorroutine in Stalinsatire
von Drehli Robnik

Moskau 1953: Nach dem plötzlichen Tod von Langzeitdiktator Stalin üben sich dessen Kronprinzen – erst auf Väterchens Datscha, dann in der Hauptstadt des Sowjet-Imperiums – auf Partei- und Trauerversammlungen in …

Moskau 1953: Nach dem plötzlichen Tod von Langzeitdiktator Stalin üben sich dessen Kronprinzen – erst auf Väterchens Datscha, dann in der Hauptstadt des Sowjet-Imperiums – auf Partei- und Trauerversammlungen in Loyalitätheucheln, Intrigen und Allianzen. Derweil arbeiten Exekutionskommandos ungerührt Säuberungslisten mit in Ungnade Gefallenen ab. Im Abspann sehen wir dann Retuschen von Bonzenfotos, wie sie zur Folklore stalinistischer Propaganda- und Geschichtspolitik zählen.

Geheimdienstchef Beria, Außenminister Molotow, Malenkow, der formelle, Chruschtschow, der faktische Nachfolger: Diese einst klingenden Namen werden wohl jenen Leuten viel sagen, die auf Anhieb den Unterschied zwischen Politbüro und Zentralkomitee der Kommunistischen Partei definieren können. Verkörpert sind die Akteure detailreich von Mimen mit heute klingenden Namen: Jeffrey Tambor, Michael Palin, Simon Russell Beale und Steve Buscemi, dessen Ponem längst eine Ikone jener mieselsüchtigen Genervtheit ist, in der sich Terror gegen die Umgebung mit genuinem Leiden verbindet. Andrea Riseborough und Olga Kurylenko als goscherte Hofdamen machen die Zittrigkeit der Diadochen noch deutlicher.

Wie in seinen Farcen westlicher Gegenwartspolitik „In the Loop“ und „Veep“ inszeniert der schottische Regisseur Armando Ianucci in „The Death of Stalin“ ein Dialogensemble, öffnet das Intime des inner circle auf kurz geweitete Räume und das Streiflichthafte von Sketches auf Tempo und Sound-Gepräge einer komplex konstellierten Entscheidungssituation hin. Die Düsternis, die dramatischen Blickachsen und Schattenrisse der Graphic Novel-Vorlage von Fabien Nury und Thierry Rubin weichen in dieser Adaption dem Kräftespiel der Timbres und Motoriken, die sich in den Ablauf eines Machtmechanismus einfügen. Mit Gusto lässt der makabre (und in Russland verbotene) Film Gegensätze kollabieren: Allmacht und Panik, Automatik und Flause, Formalismus und Irrsinn.

Vergleiche mit Heutigem sind aufgelegt – file under „Zynismus“ in der politischen Machtdurchsetzung –, aber sie sind entweder redundant, wenn wir im Regime von Putin eine blasse Version dessen von Stalin erblicken wollen, oder aber wenig sinnvoll, sofern wir auf Analogien mit heutigen nationalautoritären Postdemokratien weiter westlich abheben. Sprich: Stalin war nicht Kurz; er regierte lang. Und: Ein Spezifikum des Stalinismus liegt in der unproduktiven Selbstbezogenheit seiner Routinen; sein System warf wenig an Profit und Euphorie, an entfesselten Kreativ-Innovations- und Hassgefühls-Energien, ab. Seiner Gewaltherrschaft hat ein gewisses L´art-pour-l´art-Moment; und dem schmiegt sich hier Satire, die auf hohem Niveau um sich selbst rotiert, kunstvoll an.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Death of Stalin“.

Death Wish

(USA 2018, Regie: Eli Roth)

Rumsauen statt agitieren
von Nicolai Bühnemann

Dr. Paul Kersey (Bruce Willis) ist liebender Ehemann und Vater und arbeitet als Chirurg in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Chicago. Als bei einem Raubüberfall seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) …

Dr. Paul Kersey (Bruce Willis) ist liebender Ehemann und Vater und arbeitet als Chirurg in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Chicago. Als bei einem Raubüberfall seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) ermordet wird und seine Tochter Jordan (Camila Morrone) im Koma landet, beschließt er, in den Straßen der Stadt auf Ganovenjagd zu gehen.

Was Michael Winners Original-„Death Wish“ aus dem Jahr 1974 ideologisch besonders unsympathisch machte, sucht man in Eli Roth‘ Neuauflage des Stoffes glücklicherweise vergeblich. Dort ging es nicht nur um Selbstjustiz, die politische Agenda des Films schloss auch eine affirmative Haltung gegenüber der Todesstrafe ein und eine weitere Liberalisierung der Waffengesetze. Diese weiteren Themen fallen bei Roth komplett weg beziehungsweise werden mit einem kurzen Witz abgehandelt. Bleibt die Sache mit der Selbstjustiz.

Kersey wird eingeführt als jemand, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen ist, der lieber eine schwere Demütigung hinnimmt als zuzuschlagen. Also muss schon das schlimmste eintreffen, was einem family man wie ihm passieren kann, damit aus dem täglichen Retter, der weiter seinem Job nachgeht, ein nächtlicher Rächer wird.

Roth macht aus diesem Stoff einen so derben wie eigensinnigen Splatter-Film. Der freilich die reaktionäre Agenda der Vorlage auf vielfache Weise ironisch brechen muss, um sie durch eine einfache Dialektik zwischen den „guten“ und den „bösen“ Persönlichkeitsanteilen der Filmfigur Paul Kersey zu ersetzen. Roth erreicht das dadurch, dass er das macht, wofür er bekannt ist: rumsauen. Der Film übersteigert die Gewalt ins Groteske, macht sie dabei aber nicht komensurabel. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Denn wer guckt schon gerne dabei zu, wie sich ein Mann eine tiefe Wunde mit einem Tacker verarztet?

In seinem aufgrund des Stoffes und der Besetzung der Hauptfigur kommerziell erfolgsversprechendsten Film eignet sich Roth die gängigen psychologischen Deutungsmustern des Hollywoodmainstreamkinos nur an, um sie zugleich in subversiver Absicht überzuerfüllen: Kersey kommt aus einer gefährlichen Ecke der Stadt, er ist ein Mann, der sich nach oben arbeiten musste, der ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Bruder hat und einmal die Woche brav zu seiner Therapeutin geht, die im Verlauf des Films große Fortschritte in seiner Befindlichkeit bemerkt. Die Frage, wie ernst der Regisseur von „Hostel 2„, einer nicht sonderlich subtilen Satire auf die neoliberale Weltordnung, das meint, stellt sich dabei nicht. Entscheidend ist allerdings, welcher Form der Ironie sich der Film bedient.

Frei nach John Wayne könnte man sagen, dass Kersey tun muss, was er glaubt, als Mann tun zu müssen. Genau wie in Michael Winners Original. Nur war der eben von Anfang an der rechte Wolf im linken Schafspelz, aus dem sein innerer Zwiespalt nur mit den gängigen Mitteln des 1970er-Jahre-Brutalokinos herausgekitzelt werden musste. Bei Roth dagegen ist, wenn nach allerlei blutigen und unvorhersehbaren Volten Jordan aus dem Koma erwacht, noch längst nicht alles gut. Aber der Film ist vorbei. Auf den nächsten Film von Eli Roth bin ich sehr gespannt.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.perlentaucher.de.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Death Wish“.

Thelma

(NOR/FR/DK/SW 2017, Regie: Joachim Trier)

Fesseln der Erziehung
von Wolfgang Nierlin

In der Weite einer nordischen Winterlandschaft geht ein Vater mit seiner kleinen Tochter übers Eis. Unter der gefrorenen, spiegelglatten Oberfläche des Sees tummeln sich Fische wie in einem Aquarium. Wenn …

In der Weite einer nordischen Winterlandschaft geht ein Vater mit seiner kleinen Tochter übers Eis. Unter der gefrorenen, spiegelglatten Oberfläche des Sees tummeln sich Fische wie in einem Aquarium. Wenn sie sachte gegen die Eisdecke stoßen, wirken sie wie hilflose Gefangene. Kurz darauf, im Wald, beobachten die beiden schweigsamen Wanderer ein Reh, auf das der Vater mit seinem Gewehr anlegt. Doch dann ändert der Jäger überraschenderweise seine Absicht und richtet die Waffe heimlich auf das Mädchen. Joachim Triers Film „Thelma“ beginnt mit einer Irritation und einer Verstörung, die lange nachwirkt und Fragen aufwirft, die ins Herz einer komplizierten Coming-of-Age-Geschichte und in die geheimnisvollen Abgründe einer psychotischen Vater-Tochter-Beziehung führen. Im Spannungsfeld zwischen mythischer Natur und moderner Stadt, Kindheitserinnerungen und Gegenwart, Religion und Wissenschaft, Trauma und Wahnsinn entfaltet der norwegische Regisseur einen visuell vielschichtigen Mysterythriller, der das Genre mit existentiellen Themen verbindet.

Als Biologie-Studentin auf dem Universitätscampus in Oslo wirkt die junge Titelheldin zunächst verloren und isoliert. Thelma (Eili Harboe) lebt in einem anonymen Wohnheim, ist schüchtern und sucht zaghaft Anschluss. Als sie im Lesesaal der Uni-Bibliothek plötzlich eine Art epileptischen Anfall erleidet, entwickelt sich in der Folge ein Kontakt zu ihrer schönen Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins). Die beiden verlieben sich ineinander, doch Thelma leidet unter Schuldgefühlen und sucht entgegen ihren wahren Empfindungen immer wieder die Distanz; worauf der verleugnete Körper mit zunehmend heftigeren Anfällen reagiert, deren Ursachen – so ergeben diverse medizinische Untersuchungen – offensichtlich psychogener Natur sind. Etwas Unterdrücktes bricht aus, verdrängte Wünsche scheinen sich regelrecht zu materialisieren. Bald wird deutlich, dass Thelma Konflikte austrägt, die von der strengen christlichen Erziehung ihrer Eltern herrühren.

Joachim Trier inszeniert Thelmas Anfälle als intensiven Ausdruck übernatürlicher, letztlich zerstörerischer und damit befreiender Kräfte. Im telepathischen Raum umgelenkter Energien prallen Vögel gegen Fenster, werden Stromkreise unterbrochen und die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Alpträume und Phantasien werden real und verbinden sich zugleich mit einem symbolischen Subtext. Hypnotisierende Bilder eines verbotenen Begehrens und einer internalisierten Gefangenschaft stehen in dessen Zentrum. Um sich aus den Fesseln ihrer Erziehung zu lösen und sich von der väterlichen Kontrolle zu befreien, muss Thelma schließlich erst zurückkehren an den Ort ihrer Kindheit und damit in die Geschichte einer fortgesetzten Unterdrückung und psychischen Manipulation.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Thelma“.

The Death of Stalin

(GB/F 2017, Regie: Armando Iannucci)

Alles beim Alten
von Jürgen Kiontke

„Ich hab‘s im Rücken – vom sozialen Aufstieg.“ Ja, wer würde als Publikum angesichts solcher Nöte nicht ins Schmunzeln geraten. Der Stoff ist auch echt lustig: Der Satz fällt in …

„Ich hab‘s im Rücken – vom sozialen Aufstieg.“ Ja, wer würde als Publikum angesichts solcher Nöte nicht ins Schmunzeln geraten. Der Stoff ist auch echt lustig: Der Satz fällt in Anwesenheit eines recht prominenten, aber auch recht vollgepissten Patienten. „The Death of Stalin“ heißt der Film, und der Mann, der am Boden liegt, ist der titelgebende sowjetische Generalsekretär der UdSSR. Man schreibt das Jahr 1953.

Gerade ist er zusammengeklappt, die Entourage ist in Aufruhr. Wer jetzt nicht schleunigst Nachfolger wird, der landet womöglich in Sibirien, vielleicht auch vor dem Erschießungskommando. In den nächsten zwei Tagen, werden die Karten brutalstmöglich neu gemischt. Parteisekretär Nikita Chruschtschow macht sich ebenso Hoffnung auf das Amt wie Geheimdienstchef Lawrenti Berija.

Diese lange zurückliegenden Ereignisse wären ein sehr guter Stoff für einen guten Film. 1953 gab es eine krasse Frontstellung. Die Welt stand vor der Vernichtung, allein durch das nukleare Potenzial. „The Death of Stalin“ ist ein bunter, ein opulenter Streifen, mit viel Liebe zur Ausgestaltung des damaligen Interieurs bis hinein in die Besonderheiten der Kleidung.

Das Problem: Er ist nur recht schwer erträglich. Flachste Witzchen dominieren die Dialoge, das Personal wird ins Lächerliche gezogen, ohne dass der Zuschauer dem folgen kann. Welches Verarschungspotenzial hat im zeitgenössischen Kino etwa der Oberbefehlshaber Georgi Schukow, der die Rote Armee gegen die Wehrmacht führte? Der Film erklärt nicht viel, eingeblendete Texte müssen dafür sorgen, dass man überhaupt weiß, wer dort spricht.

Die Albernheit und Unfertigkeit hat möglicherweise einen Grund: Das Produzententeam Yann Zenou und Laurent Zeitoun hat sich in der Vergangenheit um so dolle Komödien wie „Ziemlich beste Freunde“ verdient gemacht, noch so ziemlich jeden ernsthaften Stoff in eine Under-the-belt-Blödelform gebracht und sich in den USA sogar Rassismusvorwürfe eingehandelt.

Die Kritik im Westen feiert jedenfalls den „Tod Stalins“. Dass dieser Film in Russland komplett aus den Kinos geschmissen wurde, ist allerdings auch ein Statement. So ist er ein Zeugnis für den Zustand des Kinos als Propagandainstrument – und seine Rezeption von Kunstverständnis allüberall. Eigentlich hat sich seit damals nicht viel geändert.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Death of Stalin“.

Death Wish

(USA 2018, Regie: Eli Roth)

Männersachen
von Thomas Blum

Eine Kamera nähert sich Wolkenkratzern und Straßenschluchten: eine Autoverfolgungsjagd, Schüsse, Sirenen, ja, hier geht es ruppig zu, eine gefährliche Großstadt in den USA, Chicago. Ein Hospital, Stimmengewirr, Betriebsamkeit, Geschrei. Doch …

Eine Kamera nähert sich Wolkenkratzern und Straßenschluchten: eine Autoverfolgungsjagd, Schüsse, Sirenen, ja, hier geht es ruppig zu, eine gefährliche Großstadt in den USA, Chicago. Ein Hospital, Stimmengewirr, Betriebsamkeit, Geschrei. Doch halt, stop! Moment!

Um Sympathie mit den Opfern zu empfinden, muss man sie ein wenig kennen und nett finden, weswegen uns die perfekte All-American Family (Mutter: blond, Vater: Arzt, Tochter: süß) erst einmal eine Weile vorgeführt wird. Klar: Das sind grundgute bürgerliche Menschen. Sie haben ein schönes Haus, haben einen liebevollen Umgang miteinander und trinken frischen Fruchtsaft zum Frühstück. Doch dann, als Papa einmal zur Unzeit Spätschicht hat, kommen böse, ruchlose, maskierte Männer ins Haus, schreien herum, rauben Wertsachen, schießen die blonde Frau tot und die süße Tochter ins Koma.

Beim Begräbnis seiner Ehefrau macht sich Dr. Paul Kersey (Bruce Willis), der gute, brave Bürger, Familienvater und Arzt, dann erstmals Gedanken: „Wie kann das Gottes Plan sein?“ Warum dürfen irgendwelche Dahergelaufenen einem Frau und Kind tot- bzw. halbtotschießen und die Polizei zuckt hilflos mit den Schultern? Ein anderer Mann erklärt es dankenswerterweise unserem Helden, dem braven Bürger, nur eine Szene später: „Die Polizei ist immer zu spät dran. Die Leute verlassen sich auf die Polizei. Aber ein Mann muss selbst beschützen, was ihm gehört“, also Frau und Kinder zum Beispiel. Ein Satz, wie ihn die National Rifle Association nicht besser ins Drehbuch hätte schreiben können.

Dr. Kersey geht allerdings erst einmal zum Therapeuten, schließlich kann er weder schlafen noch arbeiten noch zuhause vor der Glotze sitzen. Und er fühlt sich schuldig, hat er doch versagt. Er, ein Mann, hätte seine Ehefrau und seine Tochter besser beschützen müssen.

Er sieht also Waffenreklamevideos, in denen leicht bekleidete, lächelnde Damen riesenhafte Wummen abfeuern. Und er sucht ein Waffengeschäft auf, in dem man ihm erklärt, dass das Gefühl, eine Waffe abzufeuern, besser sei „als ein verficktes neugeborenes Baby“ zu haben. Schließlich sehen wir ihn im Splitscreen-Verfahren: Tagsüber operiert der brave Arzt seine Patienten, abends trainiert der Mann mit Waffen. Durchladen, entsichern, zielen. Auf zweierlei Art, so lernen wir, operiert er nun, um Menschenleben zu retten: Er operiert Verletzte und Kranke mit Skalpell und Schere, und er operiert des Nachts mit einem Revolver das Krebsgeschwür der Übeltäter aus der Gesellschaft heraus.

In der Folge räumt Dr. Kersey nach Feierabend auf den Straßen Chicagos ein bisschen auf, was ihm ein wenig Erleichterung verschafft: Verbrecher abknallen, ihnen etwas über den Schädel ziehen, eigene Fleischwunden mit einem Tacker bearbeiten. Männersachen eben. Auch seine Therapeutin freut sich über das zurückgekehrte Wohlbefinden ihres Patienten: „Was immer Sie auch in Ihrer Freizeit tun, machen Sie damit weiter!“

Wer sich noch an die 70er Jahre erinnert, wird bei all dem an den beliebten Selbstjustiz-Thriller „Ein Mann sieht rot“ (im Original: „Death Wish“, USA 1974) mit Charles Bronson in der Titelrolle denken. Nicht zu unrecht, schließlich haben wir es hier mit einer Neuverfilmung des Stoffs zu tun. Eli Roth, den Regisseur dieses Remakes, kennen wir von Schockern wie „Hostel“ oder „Cabin Fever“. Sein neuer Selbstjustiz-Reklamefilm müsste Trump ganz gut gefallen.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Death Wish“.

A Chinese Ghost Story

(HK 1987, Regie: Siu-Tung Ching)

Die Geisterbahn der großen Gefühle
von Nicolai Bühnemann

Auf löchrigen Socken zieht der junge Steuereintreiber Ling Choi San (Leslie Cheung) durchs Land. Als er ohne einen Cent Geld in der Tasche in einem kleinen Ort ankommt, gleichen ihn …

Auf löchrigen Socken zieht der junge Steuereintreiber Ling Choi San (Leslie Cheung) durchs Land. Als er ohne einen Cent Geld in der Tasche in einem kleinen Ort ankommt, gleichen ihn einige Soldaten mit ihren Fahndungsbildern ab, und ein Sargmacher nimmt vorsichtshalber schnell seine Maße. Nur mit einem Schlafplatz sieht es schlecht aus. In einem leer stehenden Tempel gerät er zwischen die Fronten eines Kampfes zwischen dem taoistischen Schwertkämpfer Yin Chek Hsia (Wu Ma) und einem Kontrahenten, die ihm zunächst wenig Beachtung schenken – selbst dann noch, als er mitten zwischen den Klingen ihrer Schwerter steht. In der Nacht trifft er hier auf Lip Siu Sin (Joey Wang), die sofort bleibenden Eindruck bei ihm schindet, sich aber dann später, wie es der Titel erahnen lässt, als Geist herausstellt.

Ning, der so ängstlich ist, dass er wohl auch seinen eigenen Schatten fürchtet, muss nun über ebendiesen springen, um der schönen Unbekannten dabei zu helfen, als Mensch wiedergeboren werden zu können – um jeden Preis. Bis dahin jedoch gilt es viele Abenteuer zu bestehen. Im Reich der Lebenden und der Toten. In einem Gerichtssaal, dessen Personal der Film zu schillernden Karikaturen überzeichnet. Die Endgegnerin ist ein weiblicher Baumgeist mit einer ausgesprochen langen Zunge, die sie nutzt, um ihren Opfern das Leben auszusaugen.

Der Produzent Tsui Hark, der sich seitdem zu einem der bedeutendsten Genreregisseure des jüngeren Hongkong-Kinos entwickelte, überließ die Regie dem Stuntman und Choreograph Siu-Tung Ching, hatte aber wohl auch selbst großen Einfluss auf den abgeschlossenen Film, der sich zum vielleicht legendärsten Fantasy-Klassiker seiner Zeit entwickeln sollte. Wie so viele Genrefilme aus der damaligen Kronkolonie zeichnet sich auch „A Chinese Ghost Story“ durch einen wilden Genre-Mix aus, der sich vom asiatischen Martial Arts-Kino ebenso nimmt, was er braucht, wie von einigen einflussreichen westlichen Horror- und Splatterfilmen der Dekade. So stehen wenig subtile Zitate aus „Hellraiser“ (Clive Baker, GB 1987), „The Evil Dead“ (Sam Raimi, USA 1982) oder auch „Die Geisterstadt der Zombies“ (Lucio Fulci, Italien 1982) neben atemberaubend choreographierten Kampfszenen und in herzigen Stop-Motion-Animationen zum Leben erweckten Kreaturen verschiedenster Art. Zwischendurch gibt es noch eine ziemlich unfassbare Musical-Einlage, in der Yin einmal mehr seine Tanz- und Schwertkünste unter Beweis stellen darf.

Schierer und erheiternder Quatsch trifft auf eine süßliche, aber dadurch nur umso eindrücklichere Poesie in den Liebesszenen zwischen Ling und Lip. So ist etwa schon die pre title sequence ein einziger filmischer Rausch aus im Blau der Nacht im Herbstwind treibenden Blättern und wehenden Vorhängen. Hier sucht den an seinen Pergamentrollen arbeitenden Ling eine betörend schöne weibliche Geistererscheinung heim, die mit ihren langen Haaren, in denen der Lufthauch spielt, auch das Publikum sofort zu bezaubern vermag. Jedenfalls geben Leslie Cheung, der der jüngste von zehn Söhnen war, zeit seines Lebens zwischen Hongkong und Großbritannien pendelte und sich 2003 im Alter von sechsundvierzig Jahren das Leben nahm, und Joey Wang ein wundervolles Paar ab im vielleicht schönsten Geisterbahnfilm in der Geschichte des Kinos.

Gesehen in der Reihe: „Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1946-1997“ im Berliner Kino Arsenal

Heaven’s Gate

(USA 1980, Regie: Michael Cimino)

Leben, Liebe, Tod und Kino
von Nicolai Bühnemann

Prolog: Michael Cimino stellt die Restauration des Films vor In sich zusammengefallen wirken seine Gesichtszüge. Die Lippen geschwollen, die Augen verdeckt von einer großen, schwarzen Pilotensonnenbrille. Doch auch wenn er …

Prolog: Michael Cimino stellt die Restauration des Films vor

In sich zusammengefallen wirken seine Gesichtszüge. Die Lippen geschwollen, die Augen verdeckt von einer großen, schwarzen Pilotensonnenbrille. Doch auch wenn er wohl als Künstler und als Mensch gebrochen ist, bleibt er doch ein Mann mit einer Mission. Stolz berichtet er, wie er neun Monate lang an einer Restauration von „Heaven’s Gate“ durch das Team der Criterion Collection beteiligt war, involviert in alle Aspekte der Veröffentlichung. Denn Cimino hat etwas, das er der Welt hinterlassen möchte, die er 2016, drei Jahre nach Erscheinen der gewohnt liebevollen Edition des wohl weltweit bedeutendsten alternativen DVD-Labels verließ: die von ihm ursprünglich intendierte Version seines insbesondere im Herkunftsland bis heute oft verkannten Meisterwerks.

1974 legte Cimino, der zuvor nur an zwei Drehbüchern mitgearbeitet hatte sein Regiedebüt mit „Thunderbolt and Lightfoot“ („Die letzten beißen die Hunde“) vor. Clint Eastwood, Produzent und Hauptdarsteller, überließ dem Unbekannten die Regie, weil er beeindruckt war von seiner Überarbeitung des Scripts zum „Dirty Harry“-Sequel „Magnum Force“ (Ted Post, 1973). Ohne diese Unterstützung hätte Cimino, so beteuerte er später, niemals in Hollywood Fuß fassen können. Nach dem Film, der mit Bridges an der Seite Eastwoods, gekonnt Elemente eines Buddy-Road Movies mit denen eines kompromisslosen Heist-Thrillers verbindet, lustig beginnt und tragisch endet, dauerte es vier Jahre bis Cimino ein weiteres, wesentlich größeres und persönlicheres Projekt vorlegen konnte: den epischen Vietnamkriegsfilm „The Deer Hunter“ („Die durch die Hölle gehen“). Wenn am Ende Christopher Walken und Robert De Niro russisches Roulette spielen, ist das eine dieser Cimino-Momente, die nicht mehr vergisst, wer sie einmal gesehen hat. Der Erfolg des Films, der immerhin alleine in den USA das dreifache seiner Produktionskosten von etwa 15 Millionen Dollar einspielte, ermöglichte es Cimino zwei Jahre später „Heaven’s Gate“ zu drehen, bei dem es nun endgültig kein Halten mehr für ihn zu geben schien.

Berüchtigt ist der Film wohl vor allem für seine wahnwitzige Produktionsgeschichte. Das Budget, das ursprünglich bei 11 Millionen Dollar veranschlagt war, belief sich schließlich auf damals absolut astronomische 44 Millionen, was durch die Tatsache, dass sich der Film als Kassengift herausstellte, das Studio United Artists beinahe in den Ruin trieb, vor dem es nur noch die Übernahme durch MGM bewahren konnte. Der Film trieb die Traumfabrik in eine ihrer zyklischen Krisen, aus der sich nur noch durch das wenige Jahre zuvor durch „Jaws“ („Der Weiße Hai“, Steven Spielberg, 1975) begründete Blockbuster-Segment retten konnte. Jedenfalls war es dieser Film, der dem, was seit den späten Sechzigern als New Hollywood firmierte, ein Jahr nach dem Kinostart des ähnlich größenwahnsinnigen Francis Ford Coppola-Projekts „Apocalypse Now“, bei dem sechs Wochen für den Dreh veranschlagt waren, aus denen sechzehn Monate wurden, die das Team sich durch den philippinischen Dschungel schlug, dem Herzen der Finsternis entgegen, das sie schließlich mit fast 200 Stunden abgedrehtem 70mm-Material erreichten, endgültig den Todesstoß verpasste. Auch wenn Coppolas Film letztlich ein finanzieller Erfolg wurde, musste Hollywood sich wieder mal neu erfinden, um die Exzesse zweier Filmemacher zu überstehen, denen ihre Besessenheit für ihre ganz eigene gigantomanische Vision von Kino, offensichtlich die Tuchfühlung zur Realität genommen hatte.

Alles an „Heaven’s Gate“ ist groß. Der Director’s Cut des Films läuft über dreieinhalb Stunden. Der Cast ist beeindruckend, vereint er doch Namen, die schon damals bekannt waren wie Kris Kristofferson, John Hurt, Jeff Bridges oder Christopher Walken mit derzeitigen Nachwuchsschauspielern wie Brad Dourif, Mickey Rourke, aber insbesondere einer jungen, fulminant aufspielenden (und in einer Liebesszene auch splitterfasernackten) Isabelle Huppert. Gedreht ist er in monumentalen Cinemascope-Panoramen wie sie wohl niemand sonst so fotografieren könnte wie Vilmos Zsigmond. Beim Aufbau seiner Geschichte, die angelehnt ist an reale Ereignisse, die sich im Wyoming des Jahres 1890 zutrugen, nimmt sich der Film genau die Zeit, die er braucht, um seine Charaktere und ihre Konflikte einzuführen und sich dann immer weiter zu steigern in einem einzigen Crescendo des Grauens.

Kristofferson spielt James Averill. Die Exposition stellt ihn uns als Harvard-Absolventen vor, einen Mann also, der (zumindest materiell) auf der Gewinnerseite des Lebens geboren wurde. 20 Jahre später ist er der Sheriff von Johnson County, das zum Großteil bewohnt wird von armen europäischen Immigranten, die aus den verschiedensten Ecken der „alten Welt“ hierher kamen auf der Suche nach einem Leben in Wohlstand und Würde. Doch dabei haben sie die Rechnung ohne den örtlichen Viehbaron Major Wolcott (Ronnie Hawkins) gemacht, dessen bestimmter Rat an sie lautet: „Go home!“. Er schreckt vor nichts zurück, was seinen Kapitalinteressen dient – auch nicht davor, unschuldige Menschen ermorden zu lassen. Der örtliche Auftragskiller Nate Champion (Christopher Walken), arbeitet zwar zunächst für die reichen Viehzüchter, erschießt dabei auch einen Mann, der einen Stier getötet hat, um seine Familie ernähren zu können, dabei wird er jedoch mehr und mehr von seinem Gewissen geplagt, bis er sich schließlich ganz mit seinen Auftraggebern überwirft und sich bedingungslos gegen sie stellt. Außerdem hat auch er ein erotisches Interesse an der Prostituierten Ella Watson (Isabelle Huppert), die mit Averill liiert ist. Parallel zu dem Beziehungsdreieck spitzen sich auch die Konflikte zwischen den reichen Farmern und den armen Einwanderern und denen, die sie zu verteidigen trachten, immer weiter zu – bis sie sich schließlich in einer kriegerischen Auseinandersetzung entladen, die zu einer beispiellosen Orgie des Tötens und des Sterbens wird.

Majestätisch, erhaben, unbeeindruckt erscheint dazu die Landschaft in ihrer Weite, mit ihren Tannen, den schneebedeckten Bergmassiven, die nichts wissen von den Schicksalen der Menschen, die zu ihrem Wolf werden. Nichts Wissen von ihrem Scheitern an sich, ihren Ambitionen, der Gesellschaft, die sie sich geschaffen haben oder noch schaffen wollen. Von ihrer Suche nach dem richtigen Leben im Falschen. Von der Sinnlosigkeit ihrer Gewalt. Von den Todeslisten für „Anarchisten und Störenfriede“. Von Vergewaltigungen und gemeuchelten Prostituierten. Von dem Mann, den sich Ella als Ehemann auserkoren hatte und zu dem sie dann schmerzerfüllt herabblickt, wenn sein Körper und sein Gesicht zerrissen sind von Kugeln. Von dem anderen Mann, der abgrundtief böse schien, und der doch, wenn Ella ihm dann im Tumult der Schlacht ins Kinn schießt, einfach nur ein weiterer toter Mensch ist. Von dem Bedürfnis nach Rache (auch) des Publikums, das radikal unbefriedigt bleiben muss, weil mehr Kugeln nicht wieder heilen können, was Kugeln zuvor zerstörten. Von dem Revolverlauf, den sich eine Frau in den Mund schiebt, blutend an das Rad eines Wagens gelehnt, wenn sich der Pulverdampf der letzten Schlacht verzogen hat, die nur noch Verlierer kennt. Von den Projektilen, die schließlich klaffende rote Löcher in ein weißes Hochzeitskleid reißen.

Selig sind die Berge und die Felder und die Wälder, die nicht wissen, wozu Menschen fähig sein können. Auch dann noch, wenn sie sich eigentlich danach sehnen Gutes zu tun, verzweifelt nach Zuneigung und Geborgenheit suchen. Und auch in der Darstellung der Zärtlichkeit, mit der die Verdammten einander kurzfristig Halt geben, in- und beieinander für Augenblicke ein anderes Leben finden, das richtig ist, schön und gut, entwickelt der Film eine Schonungslosigkeit und eine Intensität wie sie im internationalen Affektkino wohl ihresgleichen sucht.

Doch dann ist da der Dampf der Lokomotive, die im Western von jeher für die fortschreitende Zivilisierung, die Nutzbarmachung des Landes für die Zwecke des Menschen stand, in dem Averill auf seinem Pferd verschwindet, von dem er aus dem Bild getilgt zu werden scheint. Ja, mit diesem Film endet etwas. Unwiderruflich.

Epilog: Ciminos Weg nach „Heaven’s Gate“

Erst fünf Jahre später konnte der Regisseur mit dem berühmten italienischen Produzenten Dino De Laurentiis einen Geldgeber für einen weiteren Film finden, den in Hongkong angesiedelten Thriller „Year of the Dragon“, zu dem Cimino das Drehbuch gemeinsam mit Oliver Stone verfasste. Die Hauptrolle übernahm Mickey Rourke, der bereits in einer kleinen Nebenrolle in „Heaven’s Gate“ zu sehen war. Das KritikerInnen-Echo war vernichtend, für die Darstellung chinesischer Amerikaner handelte sich der Regisseur den Vorwurf ein, rassistische Stereotype zu bedienen. Nachdem auch die Folgeprojekte „The Sicilian“ (1987) und „The Desperate Hours“ (1990) kollossale Flops wurden, drehte Cimino nur noch einen weiteren Film, „The Sunchaser“ (1996), der trotz der Nominierung für die Goldene Palme in Cannes nur auf Video veröffentlicht wurde. In der Zeit bis zu seinem Tod am 02.07.2016 schrieb er einen Roman, „Big Jane“ (2001), der mit zwei französischen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Der einst als „Wunderkind“ gehandelte Regisseur sollte der Welt also nur sieben Filme hinterlassen.

Nachdem es den Film hierzulande bislang nur auf einer gewohnt schmucklosen DVD von MGM gab, veröffentlicht Capelight nun die von Criterion restaurierte Fassung erstmals hierzulande in HD. Zu dem umfangreichen Bonusmaterial des schön gestalteten Mediabooks zählt unter anderem auch ein 24-seitiges Booklet und ein Interview-Featurette mit Jeff Bridges. Eine Single-DVD wird gleichzeitig erscheinen.

Taxi Hunter

(HK 1993, Regie: Herman Yau)

Ein komödiantischer Taxifahrer(jäger) auf kantonesisch
von Nicolai Bühnemann

Das Schicksal meint es offenbar nicht gut mit dem bürgerlich braven Versicherungsvertreter Kin (Anthony Chau-Sang Wong). Nicht nur, dass er so unterwürfig und gutmütig ist, dass es für die skrupellos …

Das Schicksal meint es offenbar nicht gut mit dem bürgerlich braven Versicherungsvertreter Kin (Anthony Chau-Sang Wong). Nicht nur, dass er so unterwürfig und gutmütig ist, dass es für die skrupellos korrupten Taxifahrer der Stadt ein Leichtes ist, ihm mit ihren abgekarteten Spielen im Straßenverkehr Unsummen von Geld aus der Tasche zu ziehen, einer von ihnen, dem mit krummen Touren seine Kunden auszunehmen offenbar wichtiger ist als ein Menschenleben, überfährt auch noch eines Nachts seine hochschwangere Frau (Hoi-Shan Lai). Sein Boss, der ihn kurz zuvor noch zum Mitarbeiter des Monats ernannte, zeigt für den schweren Schicksalsschlag wenig Verständnis. Also steht unser Antiheld im strömenden nächtlichen Regen, das Bier in der Hand, in dem er nun seinen Schmerz zu ertränken trachtet.

Herman Yau wurde 1961 geboren und dreht seit den frühen Neunzigern unermüdlich einen Film nach dem anderen – gerne auch mal vier in einem Jahr. Splatter-Aficionados ist er vor allem wegen seinen derben Cat III-Schockern (die Abkürzung steht für die höchste Altersfreigabe in Hongkong, entspricht also der deutschen FSK18, wird aber dort nur an besonders harte Filme vergeben) wie „Ebola Syndrome“ (1995) oder der „The Untold Story“-Reihe (1993, 1998, 1999) ein Begriff. Seine Variation amerikanischer Vorbilder wie den im selben Jahr entstandenen „Falling Down“ (Joel Schuhmacher), aber insbesondere „Taxi Driver (Martin Scosese, 1976) fällt was die Drastik der Gewaltdarstellung anbelangt wesentlich zahmer aus, wartet dafür aber mit einer hinreißend durchgeknallten Melange aus reichlich derangierter Komik, so bitteren wie düsteren melodramatischen Momenten und Actionszenen auf.

Jedenfalls hat Kin nun endgültig die Schnauze voll von den mafiösen Taxi-Machenschaften, besorgt sich eine Knarre und beginnt sich nachts im Taxi durch die Stadt kutschieren zu lassen – und wehe dem Fahrer, der versucht ihn übers Ohr zu hauen. Nun will aber auch so ein Rächerdasein gelernt sein. Das beginnt schon damit, dass der Monolog vor dem Spiegel bei ihm wesentlich weniger bedrohlich wirkt als bei Travis Bickle, dem von Robert De Niro gespielten Protagonisten in Scorseses bahnbrechendem Klassiker, und auch die Kanone flutscht hier nicht wie auf Schienen, sondern verhakt sich ständig in der verdammten Hosentasche. Kins bester Freund ist der Polizist Yu Kai Chung (Rongguang Yu), der bald auf den Fall des mysteriösen Taxifahrerjägers angesetzt wird. Die Konstellation wird dadurch noch zusätzlich verkompliziert, dass sein Partner undercover nach dem Mörder sucht.

Letzterer zeichnet dann auch hauptsächlich für den comic relief verantwortlich und wird von Man-Tat Ng wirklich hinreißend herzig gegeben. Schon seine weiten Klamotten mit den protzigen Logos verschiedenster amerikanischer Profisportvereine und das immer verkehrt herum auf dem Kopf sitzende Basecap, an das er sich dann auch schon mal seinen Dienstausweis heftet, bieten eine Parodie auf die Verehrung westlicher Vorbilder (etwa Elvis in „Bullet in the Head“) durch die männlichen Protagonisten in Hongkong-Filmen, die sich gewaschen hat. Als Kin in sein Taxi steigt, ihn als böse einstuft und auf der Flucht anschießt, spitzen sich die Geschehnisse immer weiter zu. Und auch ein wutentbrannter Mob demonstrierender Taxifahrer hat schließlich mit dem nächtlichen Rächer noch ein Hühnchen zu rupfen.

Auch wenn der Film beständig zwischen dramatischen Höhepunkten und tief empfundener Melancholie changiert, bleibt er dabei jedoch in seinem Herzen eine nachtschwarze Komödie.

Gesehen in der Reihe „Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1946-1997“ im Berliner Kino Arsenal.

From Dusk Till Dawn

(USA 1996, Regie: Robert Rodriguez)

Unsere tollen Mutanten
von Drehli Robnik

Es gab einmal, damals, in der Populärkultur der 80er Jahre, ein Phänomen, das nannte man Crossover: die Kreuzung oder Aneinanderreibung von Bestandteilen verschiedener Gattungen. Hybride Formen wucherten wie wild: In …

Es gab einmal, damals, in der Populärkultur der 80er Jahre, ein Phänomen, das nannte man Crossover: die Kreuzung oder Aneinanderreibung von Bestandteilen verschiedener Gattungen. Hybride Formen wucherten wie wild: In der Musik mischten sich schwarze Spielarten wie Reggae oder HipHop mit weißem Metal und Hardcore, etwa bei den Bad Brains, den Beastie Boys oder Run DMC. Das Mainstream-Kino frönte der Genrekreuzung, um SciFi-Dschungelkriegsfilme wie „Aliens“ und „Predator“ oder Horror-Liebesfilme wie „Die Fliege“ zu gebären; manche erinnern sich vielleicht auch noch an „Blade Runner“ oder „Wild at Heart“.

Crossover-Rock wurde eine Landplage, und im Kino gab es mit Robert Rodriguez‘ „From Dusk Till Dawn“ endlich auch ein Crossover aus Serienmörder-Thriller und Zombie-Splatter-Movie. Aber eigentlich ist der Film des texanischen Shooting Stars kein Crossover, denn er verwebt weniger die Elemente diverser Gattungen zu einem heterogenen Ganzen als dass er zwei Genres bzw. Genrefilme en bloc zusammenhängt.

Und das geht so: Ein raubmordendes Brüderpärchen nimmt nach Absolvierung einiger Massaker in Texas einen Priester (Harvey Keitel) und dessen zwei Kinder samt Wohnmobil als Geiseln. Breitspurig betont werden vorerst psychodynamische Machtspiele zwischen Entführern und Opfern und die bange Frage, wann der psychotische Gangsterbruder, dem es nach der Tochter (Juliette Lewis, einmal mehr als Lolita) gelüstet, die Nerven wegschmeißen wird.

Diese Themen sind jedoch rasch vom Tisch, als das Quintett in Mexiko in einem obskuren Tanz-, Sauf- und Strip-Lokal namens The Titty Twister einkehrt. Dort erfolgt der abrupte, eruptive Genre-Wandel, und die zweite Filmhälfte ergeht sich im Gemetzel Mensch gegen Monster, unter Rekurs auf ein Motivspektrum, das von „Die Nacht der lebenden Toten“ bis „Braindead“ reicht.

Dass ein Film auf so krude Weise das Genre wechselt und dabei jede kombinatorische Finesse einer zweiminütigen Schrecksekunde opfert, in der alle erzähl- und gattungstechnischen Parameter ausgetauscht werden, dieser Wille zur Plumpheit wird verständlicher, wenn man bedenkt, dass Robert Rodriguez Bestandteil des Medienverbundes rund um Quentin Tarantino ist.

Beide Regisseure lieferten Episoden zu „Four Rooms“, und Tarantino spielt, nach einem kleinen Part in Rodriguez‘ folkloristischem Actionknaller „Desperado“, den nervlich labilen Bruder von Hauptdarsteller George Clooney in „From Dusk Till Dawn“. Und auch das Drehbuch des Films stammt von dem als Wunderkind verkannten Wiederverwerter einer zweifellos imposanten Videosammlung, sodass sich der „Alles nur Spaß“-Quotient und der Anteil von Zerdehnungen, Kalauern und starken Sagern an den Dialogen gegenüber Rodriguez‘ vorigem Film noch erhöht haben.

Tarantino, eh klar. Wenn ein Film detailverliebt der Anhäufung von Vertrautem und zugleich einer nihilistischen Selbstentwertung huldigt; wenn alles wurscht wird und nichts übrigbleibt als der show-off einer überdrehten Virtuosität in der satirischen Typenkomik, im aufdringlich dargebotenen Kitsch-Dekor (zumal der den Film verschlingenden Titty Twister-Geisterbahn) und in der Action-Choreographie und -Montage, die in Rodriguez‘ Low-Budget-Erstling „El Mariachi“ (1992) überzeugender waren; wenn sich also in „From Dusk Till Dawn“ der Hang zum Belanglosen die Latexmaske des splatter movie überstreift, dann lassen sich die Genres wechseln wie Pistolenmagazine: raus und wieder rein, so mechanisch wie die für komplex gehaltenen erzählerischen Brüche in „Pulp Fiction“.

Mindestens so spannend wie die Überlegung, wer nun das große Beuschelreißen in „From Dusk Till Dawn“ überlebt, ist die Frage, wie lange dieser nach vier Jahren schon altersschwache Schmäh sich noch als avanciert, „kultig“ oder sonstwie ungewöhnlich gebärden kann. Manche lebende Tote stinken schon bald, und dann sollte man sie begraben.

Dieser Text erschien zuerst in: Falter, Ende Juni 1996

Mars attacks!

(USA 1996, Regie: Tim Burton)

It´s not Unusual...
von Drehli Robnik

„It´s not Unusual“ war 1965 einer der größten Erfolge von Tom Jones und zählt mit einer Länge von 1:58 zu den kürzesten Superhits der Musikgeschichte. Es kann kein Zufall sein, …

„It´s not Unusual“ war 1965 einer der größten Erfolge von Tom Jones und zählt mit einer Länge von 1:58 zu den kürzesten Superhits der Musikgeschichte. Es kann kein Zufall sein, dass dieses Lied 1990 in Tim Burtons „Edward Scissorhands“ zu hören war und in „Mars Attacks!“ zweimal an exponierter Stelle ertönt: Auf dem Höhepunkt der Alien-Invasion, als Marsmännchen Las Vegas verwüsten, singt Tom Jones es höchstpersönlich auf der Bühne eines Casinos, wie er das im wirklichen Leben auch gerne tut. Nach erfolgter Weltrettung sieht man den Sänger in idyllischer Landschaft, umringt von Rehlein, einen Falken auf dem Arm; in der letzten Einstellung beginnt er, zum Intro seiner Hymne zu shaken, und unter den Klängen von „It´s not Unusual“ wird man vom Abspann entlassen. Dass das alles nicht ungewöhnlich ist, liefert eine Art Programmatik zum knallbunten Treiben in „Mars Attacks!“.

Ungewöhnlich wäre es, wenn Hollywood dem Erfolg von „Independence Day“ nicht weitere Filme aus dem SciFi-Subgenre des Invasionsspektakels nachgeschoben hätte. In der Tat erwarten uns einige einschlägige Machwerke, und „Mars Attacks!“ brilliert durchaus als Parodie zum Trend. Obrigkeitsglaube, Militarismus und Patriotismus, in Roland Emmerichs Blockbuster deftig beschworen, werden auf sympathische Weise desavouiert: Der US-Präsident ist ebenso durchtrieben wie von der Lage überfordert, sein Stab gibt ihm einen verhängnisvollen Rat nach dem anderen, und der militärisch-wissenschaftliche Komplex (personifiziert vom atomschlagbesessenen General und vom seelenruhig Pfeife rauchenden „Experten“) erweist sich als hilflos.

Allerdings war „Mars Attacks!“ schon vor „Independence Day“ in Produktion, und Tim Burton zielt, anders als etwa die Zucker-Brüder, nicht direkt auf die Persiflage gängiger Genre-Klischees ab – was nicht heißt, dass er diese nicht in ihrer Substanz trifft. Die Begegnung mit dem Fremden, zentraler Topos des fantastischen Kinos, erfährt eine drastische Wendung: Die Ikonographie ohnmächtigen Staunens (inkl. aufgerissene Augen und Münder), mit der ein Spielberg seit „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ diverse Konfrontationen mit dem Nicht-Menschlichen inszeniert, wird radikal umgekehrt, und der verbohrte Pragmatismus eines Emmerich, dem auch der Weltuntergang nur ein kniffliges Problem ist, ins Haarsträubende überhöht.

In „Mars Attacks!“ wird alles, nur nicht gestaunt. Ein Gutteil des Humors rührt von der Unbeirrbarkeit, mit der die Erdlinge gegenüber den Aliens an routinierten Verhaltensweisen festhalten und sie in den Horizont ihrer Interessen einbauen: Der Präsident (Jack Nicholson) nützt die Chance auf Publicity und hält floskelreiche Reden; der Hotelier in Las Vegas (ebenfalls Jack Nicholson, unkenntlich im knalligen Cowboy-Outfit) hofft, dass die Ankömmlinge ein Quartier brauchen werden; die Fernsehleute wittern die Story ihres Lebens, und die Gambler fühlen sich beim Glücksspiel gestört.

Dass die Menschheit agiert, als wäre die Invasion nichts Ungewöhnliches, und nur durch Zufall vor der Vernichtung gerettet wird, gibt dem Film sein Plot-Gerüst. Ausstaffiert wird es durch eine Unzahl rasant zwischen Washington, Kansas und Las Vegas alternierender Szenen, die den amerikanischen Volkskörper ins vertraute Spektrum klischierter Kleingruppenschicksale aufgliedern – verkörpert von mittel- bis großen Stars: Pierce Brosnan, Annette Benning, Sarah Jessica Parker, Rod Steiger, Michael J. Fox, Danny DeVito, Jim Brown, Pam Grier und Glenn Close als First Lady. Mit ihrer grandios schmierenden Typenkomik sind sie ebenso Darsteller wie Ornamente in einem Muster. Das erinnert an Katastrophenschinken, von denen auch „Independence Day“ zehrte, mehr noch an Altman-Filme à la „Nashville“: die (Wieder-)Geburt einer Nation im melting pot Tausender Tics und Spleens. In „Mars Attacks!“ gibt es kaum Figuren, die keinen Huscher haben, und auch das ist ja in Amerika vielleicht nichts Ungewöhnliches.

Und die Marsmenschen? Erstaunlicherweise sind sie genauso, wie man es erwartet: Klein, grün, boshaft, mit Riesenhirnen und spritzpistolesken Lasern ausgestattet, kommen sie in fliegenden Untertassen angereist. Zwar gemahnen Teile des Dekors in schreiendem Kolorit an Design-Sünden der 70er Jahre, doch die vorrangigen Bezüge des Films führen zur Blüte des Invasionsgenres in den 50ern, zu grenzdebilen Klassikern wie „War of the Worlds“ oder „Earth vs. the Flying Saucers“ (direkte Vorlage allerdings ist eine Sammelkarten-Serie aus Kaugummipackerln von anno 62).

Tim Burton wühlt gern im populärkulturellen Müll: Vom Trickfilm kommend, macht er aus Comic-Stoffen Blockbuster wie die beiden ersten Batman und aus Motiviken infantiler Monster-Begeisterung verquere Melodramen wie „Edward Scissorhands“ oder das Puppentrick-Grusical „Nightmare Before Christmas“. Das ist im nachklassischen Hollywood nichts Besonderes: Etiketten wie „Trash-Ästhetik“ und „Kult“ sind rasch zur Hand in einem Kino, das der Wiederverwertung alter B-Film- und Fernseh-Materialien frönt und eine zwischen gourmethaftem Eh-Schon-Wissen und nostalgischem Immer-noch-glauben-Wollen gespaltene Rezeptionshaltung bedient.

Allerdings kommt Burtons Fusion von Spielzeugfanatismus und Pop-Expertise ohne jenen bombastischen Hang zum Ultimativen aus, der Spielberg und Emmerich inspiriert: „Mars Attacks!“ versucht nicht, fliegende Untertassen auf den heutigen Stand von Imagination und Technik zu hieven, damit es noch einmal richtig beeindruckend wird, sondern verbeißt sich liebevoll ins absurde Unterfangen, den Look und die Spektakel von damals mit der Maschinerie von Industrial Lights & Magic originalgetreu zu rekonstruieren. Einige Spezialeffekte von „Mars Attacks!“ sind bizarr, andere jedoch ob ihrer gezielten Einfallslosigkeit charmant, und der narrative Organismus zerfleddert bereitwillig, um sie alle gebührend auszustellen.

Ob Burton ein großes Kind mit Millionenbudget ist, sei dahingestellt; jedenfalls sind seine Gags mitunter kindisch, und es fehlt ihm jene ironische Distanz, die „Mars Attacks!“ zur Schund-Persiflage (oder gänzlich zur Altmanschen Sozialsatire) gemacht hätte. Dass es für ihn an den Genre-Marginalien, die er ins Zentrum rückt, nichts zu verbessern oder zu verspotten gibt, hat schon sein voriger Film „Ed Wood“ demonstriert, der dem Schaffen des dilettantischen No-Budget-Regisseurs von Monster- und Invasionsfilmen recht ernsthaft Tribut zollte – so als wäre Wood ein ganz normaler gescheiterter Filmemacher. Wer weiß? Vielleicht ist das alles wirklich ganz normal: Buben mit Scherenhänden sind auch nur einsame Teenager, Nightmare-Monster wollen auch nur Weihnachten feiern, ein UFO sieht letztlich nicht anders aus als alle anderen, und Tom Jones singt sein Lied dazu.

Dieser Text erschien zuerst in: Falter #9, 1997

Bullet in the head

(HK 1990, Regie: John Woo)

Von der Freundschaft in Zeiten des Krieges
von Nicolai Bühnemann

„Then I saw her face, now I’m a believer.“ Vielleicht ist die Frage, mit der sich John Woos Film befasst, woran man in der Welt, von der er erzählt, noch …

„Then I saw her face, now I’m a believer.“

Vielleicht ist die Frage, mit der sich John Woos Film befasst, woran man in der Welt, von der er erzählt, noch glauben kann. Eine Instrumental-Version von Neil Diamonds‘ berühmtem Song (in der Version von The Monkees) liegt von Beginn an über den Bildern, wird auch später, wenn der Film immer brutaler wird, sich weiter leitmotivisch wiederholen. Vorbilder wie Elvis artikulieren das Bedürfnis der bettelarmen Protagonisten, ein (westlicher) König zu sein. Das Süßliche daran, das Pathos, das bei Woo ja immer nahe am Kitsch gebaut ist, ist dabei nicht einfach nur eine Behauptung, die er dadurch widerlegen würde, dass sich aus dem Melodram, als das sich der Film in seiner Exposition vorstellt, langsam ein sehr harter Action-, Gangster- und Kriegsfilm entwickelt, vielmehr bleibt beides untrennbar miteinander verzahnt.

Hongkong 1967. Die drei Freunde Ben (Tony Chui-Wan Leung), Paul (Waise Lee) und Frank (Jackie Cheung) wollen raus, das alltägliche Elend eines Armutsviertels hinter sich lassen, die Welt sehen. Doch nach der Hochzeit Bens erschlägt Frank in Notwehr das Oberhaupt einer Gang. Die drei müssen vor der Polizei fliehen, wobei es sie nach Vietnam verschlägt, mitten in die Wirren des Krieges. Nachdem sie bei der örtlichen Mafia mit Unterstützung des Auftragskillers Luke (Simon Yam), der ebenfalls aus Hongkong stammt und mit der Nachtclub-Sängerin Sally (Yolinda Yam) liiert ist, die von dem Mafiaboss Leung  zur Prostitution gezwungen wird, eine Kiste mit Gold stehlen, geraten sie in nordvietnamesische Gefangenschaft. Abermals gelingt ihnen die Flucht. Wäre da nur nicht die Sache mit dem Gold, das ganz von Toms Seele Besitz ergriffen hat. So sehr, dass er Frank in den Kopf schießt, der überlebt, aber heroinabhängig wird, um seine Schmerzen zu betäuben.

Die Kugel im Kopf legt also ein sehr eindrückliches Zeugnis ab von der Schuld, in die sich die Protagonisten mehr und mehr verstricken. Sie ist der Fremdkörper, der Vergebung unmöglich macht, auf den nur noch mehr Kugeln folgen können. Im Finale wird die freundschaftliche Fahrradfahrt vom Beginn parallel montiert zu der verfeindeten Autofahrt am Schluss. Der ganze Film dazwischen wird so retrospektiv zu einem missing link für die Rückkehr der Erwachsenen in glückliche Jugendtage. Es bleibt ein Schädel, der belegt, dass über Sein oder Nichtsein hier längst entschieden wurde.

John Woo, 1946 im Süden Chinas geboren, seit 1969 als Regisseur tätig, schreibt sich in kurzer, aber entscheidender Position in den Film ein, der gemeinhin neben dem ein Jahr zuvor entstandenen „The Killer“ zurecht als sein Opus Magnum gehandelt wird. Er spielt den Kommissar, der nach den drei Männern fahndet, die längst ihre beschwerliche asiatische Odyssee angetreten haben. Die weiblichen Figuren erscheinen dabei nur als Projektionsfläche der Männersehnsüchte nach einem besseren Leben. Doch so wenig wie die Freundschaft einen Ausweg aus dem von Armut, Gier und Gewalt geprägten Überlebenskampf bietet, so wenig tut es auch die romantischen Liebe. Auch das Frauengesicht ist also nichts (mehr), woran man wirklich glauben könnte.

Dass der Film es mit dem Geballer etwas übertreibt, gerade die Kriegsszenen irgendwann ziemlich repetitiv wirken, ändert nichts an seiner tief empfundenen Tragik über das Scheitern seiner Figuren an der Welt. Es stimmt, was in einer alten Jump-Cut-DVD-Besprechung steht: „Wenngleich Woo seine verschiedenen Gewaltdiskurse – reale politische Gewalt, coole Actionfilm-Gewalt, harte physische Militärgewalt etc. – vor allem in dieser Melange nicht immer sicher im Griff hat, erzählt er doch eine spannende, dramatische und abwechslungsreiche Geschichte, der das klassische Coming-of-Age-Drama als Folie dient, um den Verfall freundschaftlicher Werte unter chaotischen Bedingungen nachzuzeichnen.“ Und auch das sonst nicht eben für seine Genreaffinität bekannte Filmlexikon des Katholischen Filmdienst spricht von einer „schonungslosen Abrechnung mit den politischen Verhältnissen“ und bescheinigt dem Film eine „eigenwillige Poesie.“

Zu den Fassungen: Auch die große Popularität John Woos zur Entstehungszeit reichte nicht, um dem Film seinen Weg auf deutsche Leinwände zu bahnen. Stattdessen erschien er seinerzeit in einer um satte 27 Minuten gekürzten Version auf VHS. Laser Paradise veröffentlichte ihn dann immerhin komplett ungekürzt auf DVD, die spätere Kinowelt-DVD bietet neben der ungekürzten Fassung zumindest das korrekte Bildformat, allerdings nur deutschen Ton – auch hier lässt die Edition mal wieder erheblich zu wünschen übrig. Auf eine offizielle HD-Version des Films warten seine vielen Fans und alle, die es hoffentlich noch werden könnten, leider bis heute weltweit vergeblich.

Thelma

(NOR/F/DK/S 2017, Regie: Joachim Trier)

Abgrund, fjordtief
von Carsten Happe

In Zeiten, in denen ein amtierender US-Präsident das Twitter-Format als einzig angemessenen Kommunikationskanal seiner Regentschaft erachtet, sind auch entsprechende Verkürzungen in der Wahrnehmung von Filmen en vogue, und so bekam …

In Zeiten, in denen ein amtierender US-Präsident das Twitter-Format als einzig angemessenen Kommunikationskanal seiner Regentschaft erachtet, sind auch entsprechende Verkürzungen in der Wahrnehmung von Filmen en vogue, und so bekam „Thelma“ nach seiner internationalen Premiere beim Filmfestival in Toronto schnell das einprägsame Label „it’s like Stephen King’s ‚Carrie‘ directed by Ingmar Bergman“ verpasst.

Eine auf den ersten Blick nachvollziehbare Etikettierung, bringen sich doch schnell – ungeachtet der Langsamkeit der Inszenierung – alle entsprechenden Ingredienzien in Stellung: die Coming-of-Age-Entwicklung eines schüchternen Mädchens mit besonderen Fähigkeiten, der religiös geprägte Background und das sexuelle Aufbegehren, gepaart mit einer typisch skandinavisch anmutenden Introspektion und Melancholie, die sich einer sanften Schneedecke gleich über die Erzählung legt. Selbst Elemente eines allseits geschätzten, grimmigen „Nordic Noir“ fließen in die dunkle Pracht der Bilder ein, angefangen bei einer kurzen Exposition aus der kindlichen Vergangenheit der Protagonistin, die sogleich ein beklemmendes Ausrufezeichen setzt. Mit dem Mädchen stimmt etwas so ganz und gar nicht. Doch ihr Vater verdient unsere Aufmerksamkeit gleichermaßen.

Es ist diese eigentümliche Familiendynamik, die den Film auch durch die ersten Tage an der Universität im fernen Oslo trägt. Die täglichen Kontrollanrufe, die Thelma ebenso pflichtschuldig wie teilnahmslos absolviert, der zwischen Konservatismus und strenger Religiosität oszillierende Anspruch der Eltern und Thelmas vorsichtiges Ausbrechen in ein selbstbestimmtes Leben. Die Begegnung mit ihrer Kommilitonin Anja schließlich bringt die fragile Balance ins Wanken, mehr noch, sie erschüttert die Grundfesten von Thelmas unterdrückter Existenz. Es erscheint zunächst wie ein altbekannter Topos unzähliger Horrorfilme, der jugendlicher Zwanglosigkeit und sexueller Abenteuerlust eine unvermeidliche Strafe folgen lässt. Aber die scheinbar epileptischen Anfälle Thelmas, die mit unerklärlichen Phänomenen einhergehen, gründen tiefer.

Auch wenn Regisseur Joachim Trier die paranormalen Ereignisse genüsslich ausspielt – und manchmal allzu sehr auf lose verwandte skandinavische Filme wie „Let The Right One In“ oder „When Animals Dream“ rekurriert – bleibt sein Hauptinteresse stets bei seiner enigmatischen Hauptfigur und ihrer allmählich freigelegten Familienaufstellung. Und damit verweist er trotz des Genrewechsels auf das Themenspektrum seines vorherigen Films, der furios fragmentarisch erzählten Familientragödie „Louder Than Bombs“.

Mit Norwegens diesjährigem Shooting Star Eili Harboe verfügt Trier dabei über eine Darstellerin, die mit beeindruckender Souveränität sowohl dem unscheinbaren Mädchen von nebenan wie auch ihren Abgründen erstaunliche Präsenz verleiht. Nicht minder bemerkenswert auch ihr Filmvater Henrik Rafaelsen, der seine naturgemäß weit weniger ausformulierte Nebenrolle sehr nuanciert interpretiert, zumal er leicht in religiös-fanatische Klischees hätte verfallen können. Sobald „Thelma“ seinem Höhepunkt entgegensteuert und die Backstory des unheilvollen Familiengeheimnisses zumindest so weit erhellt, dass alle Andeutungen und Puzzleteile passgenau zusammenfallen, entfaltet sich eine inszenatorische Wucht, die weit über den althergebrachten Katalog aus Symbolismus und dekorativem Effektgewitter hinausweist. Die Verweise sowohl auf Stephen King als auch auf Ingmar Bergman greifen letztlich zu kurz und übergehen die Eigensinnigkeit von „Thelma“/Thelma und seines Regisseurs, der hiermit ein großes und beziehungsreiches Kinowerk vorlegt, das lange nachhallt.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Thelma“.

Die Verlegerin

(USA 2017, Regie: Steven Spielberg)

Retro-Rettungsring
von Ulrich Kriest

„Die Zeit, sie trennt nicht nur für immer Traum und Träumer / Die Zeit, sie trennt auch jeden Dichter und sein Wort / denn die Zeit läuft vor sich selber …

„Die Zeit, sie trennt nicht nur für immer Traum und Träumer / Die Zeit, sie trennt auch jeden Dichter und sein Wort / denn die Zeit läuft vor sich selber fort.“ Auf diese unvergesslich poetische Formel brachte der Zeit- und Kulturphilosoph Barry Ryan Anfang der Siebziger seine diesbezüglichen Überlegungen. Vielleicht rekurrierte er dabei auf Reisenotizen des hochrangigen US-Regierungsberaters Daniel Ellsberg, der sich 1966 nach Vietnam begab, um sich vor Ort einen Eindruck vom Fort- und möglichen Ausgang des Krieges zu verschaffen. Was er dort erleben musste, stimmte ihn nicht sonderlich optimistisch, aber immerhin hörte er hier schon eine Band avant la lettre, die sich erst ein Jahr später gründen sollte: Creedence Clearwater Revival mit dem Hit „Green River“ (1969). Zum Abschluss seiner ernüchternden Vietnam-Erfahrungen musste Ellsberg auch noch feststellen, dass die Politik seine Einschätzung der „amerikanischen Art, Kriege zu führen“ vielleicht sogar teilte, allerdings an der Tradition gewordenen Desinformation der eigenen Bevölkerung im Zeichen einer antikommunistischen Doktrin festhielt. Sich auf „die Verantwortung von Regierungsbeamten in einem verbrecherischen Krieg“ berufend, begann er streng geheime Regierungspapiere zu fotokopieren und spielte die Konvolute als Whistleblower der „New York Times“ zu.

Als die Zeitung im Sommer 1971 begann, die Geschichte zu publizieren, sah die Nixon-Regierung die nationale Sicherheit durch die Pressefreiheit gefährdet und erwirkte ein kurzzeitiges Publikationsverbot. Die Konkurrenz von der „Washington Post“ sprang „solidarisch“ in die Bresche und veröffentlichte gleichfalls Teile der „Pentagon Papers“. Am 30. Juni 1971 fällte der Oberste Gerichtshof der USA ein Grundsatzurteil, demzufolge im Zweifelsfall das Interesse der Öffentlichkeit und die Pressefreiheit höher anzusetzen sind als das Geheimhaltungsinteresse des Staates. Eine schmerzhafte Niederlage für die Nixon-Administration und das Pentagon.

Creedence Clearwater Revival auf der Tonspur, Fotokopierer, analoge Telefone; heruntergekommene Motels, in denen Whistleblower auf Kartons voller Fotokopien sitzen und auf den Mittelsmann warten; Großraumbüros in verräucherten Tageszeitungsredaktionen, in denen hemdsärmelige Chefs gern mal die Füße auf den Tisch legen; Männer mit komischen Hüten, die brisante Informationen von einer abgelegenen Telefonzelle aus bestätigen; Bleisatz und Druckmaschinen, die gegen Mitternacht auf das entscheidende „Let’s go!“ warten. „Die Verlegerin“ ist ein Period Piece, eine Ausstattungsorgie, gedreht im kuschelig-perfekten Stil des Classical Hollywood. Hat der Film als ganz alte Schule indes mehr zu bieten als Nostalgie und handfeste Medienarchäologie?

Fragte man Regisseur Steven Spielberg, würde der wohl antworten: „Mein neuer Film ist pünktlicher als die Deutsche Bahn!“ Er wusste instinktiv um das günstige Timing des Projekts, weshalb er „The Post“ (Originaltitel) geschmeidig dazwischenschob, als er eigentlich schon mit den Vorbereitungen des nächsten Großprojekts beschäftigt war. Ein mit viel Liebe zum Detail ausgestatteter Ausflug in die Geschichte, die so unzweifelhaft und unmissverständlich auf die Gegenwart gemünzt ist, in der die Rede ist von Mainstream-Medien, Lügenpresse und alternativen Fakten und die Rede sein sollte von Widerstand und Zivilcourage. Der Film bricht eine Lanze nicht nur für die Pressefreiheit, sondern auch für die Presse als unverzichtbare und nicht zu unterschätzende oppositionelle Kontrollinstanz einer verkommenen politischen Klasse, symbolisiert durch einen pöbelnden „Crook“ im Weißen Haus, der seinerzeit noch Richard „Tricky Dicky“ Nixon hieß. Der zentrale Satz des Films: „The only way to protect the right to publish is to publish!“

Als in „Die Verlegerin“ die Zeitungen ins Spiel kommen, als die „New York Times“ schon an den „Pentagon Papers“ dran ist, kümmert sich die „Washington Post“ noch um die Hochzeit von Nixons Tochter. Was auch damit zu tun hat, dass die Verlegerin „Kay“ Graham sehr geübt darin ist, mit den Mächtigen in D. C. auf Cocktailpartys zu kungeln und sehr eng mit Exverteidigungsminister Robert McNamara befreundet ist, der die „Pentagon Papers“ einst in Auftrag gab. Graham hat als Verlegerin das Erbe ihres Mannes angetreten, muss aber erst noch lernen, welche Verantwortung der Qualitätspresse als vierter Gewalt zukommt. Bei Spielberg heißt das ganz klassisch: Aus Kay muss Katherine werden – und Meryl Streep spielt diesen Lernprozess in betont schrägen Kostümen mit ihrem etwas trägen, jede Nuance ausspielenden Timing, das gern mal mit einem Oscar belohnt wird. Der Chefredakteur der „Post“ Ben Bradlee möchte vielleicht nicht Amerika „great again“ machen, aber er hat den Traum, die „Post“ vom Geruch des Lokalblatts zu befreien, weshalb er die Konkurrenz sehr genau beobachtet. Er ahnt, dass die „Times“ an einer großen Sache dran ist, und initiiert eine Art handgemachte Betriebsspionage.

Ältere Zuschauer werden schnell merken, dass der Film sich in vielen Details parasitär zu „Die Unbestechlichen“, Alan J. Pakulas vierfach Oscarprämiertem Klassiker über die Watergate-Affäre von 1976, verhält. So spielt Tom Hanks hier nicht nur Bradlee, sondern auch noch Jason Robards, der 1976 Bradlee noch etwas eindrucksvoller spielte. Spielbergs Film benutzt „Die Unbestechlichen“ zudem als Krücke, um politisch Position zu beziehen, seine eigene Bedeutung im (aktuellen) Medienspiel zu behaupten und seine Wirkung herbeizuphantasieren. „Die Verlegerin“ endet mit dem Einbruch ins Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Sommer 1972, der Nixon schließlich zu Fall bringen sollte. Hier brachte die „Post“ die Sache der Aufklärung ins Rollen, mit einem lange mysteriösen Whistleblower namens Deep Throat im Hintergrund.

Whistleblowing als Ehrenamt, geduldig recherchierender Journalismus als Handwerk, ein polternder, twitternder, die Medien verachtender Präsident im Oval Office, ein mögliches Amtsenthebungsverfahren als Perspektive – was will man mehr an Aktualität? Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier zwei Ertrinkenden – dem klassischen Hollywood-Kino mit seinen Ausstattungsskills und stark gealterter Starpower und dem investigativen, analogen Tageszeitungsjournalismus mit seinem politischen Selbstverständnis – dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, sich einen Rettungsring von 1976 zu teilen.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Die Verlegerin“.

The Private Eyes

(HK 1976, Regie: Michael Hui)

Brothers in Comedy
von Nicolai Bühnemann

„We the poor working people, getting ulcers running around“ Michael Hui wurde am 3. September 1942 geboren. Er war überwiegend als Schauspieler und Drehbuchautor beschäftigt und drehte nur acht eigene …

„We the poor working people, getting ulcers running around“

Michael Hui wurde am 3. September 1942 geboren. Er war überwiegend als Schauspieler und Drehbuchautor beschäftigt und drehte nur acht eigene Regiearbeiten. Seine Detektivkomödie „The Private Eyes“, in der er auch die Hauptrolle spielt, ist inflationsbereinigt bis heute der erfolgreichste Film aus Hongkong aller Zeiten. Neben ihm sind seine Brüder Samuel und Ricky zu sehen. Man merkt dem Film an, dass Hui ein Soziologie-Studium abgeschlossen hat. Im Programmheft des Arsenals, wo der Film im Rahmen der Reihe „Splendid Isolation: Honkong Cinema 1949-1997“ zu sehen war, heißt es: „Huis Komödien sind so nah und ungeschönt an der sozialen Wirklichkeit gebaut, dass man sich wundert, dass er vorübergehend zu einer Art Superstar des Hongkong-Kinos aufsteigen konnte.“

„Rough deal is what we get“

Die Meisterschaft der Inszenierung ist beeindruckend. Das Tempo, das der Film vorlegt, ist atemberaubend. Seine Situationskomik ist beträchtlich. Dennoch ist vom Vorspann an klar, dass es den Hui-Brüdern um mehr geht, als dem Publikum grandiose Unterhaltung zu bieten. Nämlich um die genaue Analyse von Machtverhältnissen. In der Agentur, im Gewusel der Straßen von Hongkong mit seinen Hochhäusern, die immer weiter in den Himmel wachsen, seinen Schuhputzern und seinen Dienstboten. Schließlich auch in einem Sauna-Club.

„When we ask for a raise, brother you’re in for a treat“

Hui spielt Joseph Wong, den ambitionierten aber erfolglosen Chef der Manix-Detektiv-Agentur. Seine beiden Angestellten, Pighead (Ricky Hui) und die namenlose Sekretärin haben es nicht leicht mit ihm. Lee (Samuel Hui, der dritte Bruder im Bunde) bewirbt sich, nachdem er seine Arbeit in einer Flaschenfabrik verloren hat, ebenfalls um einen Job in der Agentur. Der tyrannische Boss und seine drei Untergebenen müssen im Verlauf des Films allerlei Fälle lösen. Dabei gibt es viele Zweikämpfe – mit einem Wurst-Nunchaku, einem Haigebiss, einer gebratenen Ente und jeder Menge Töpfen. Am Ende legen sie einer Bande von organisierten Kriminellen das Handwerk, deren großer Coup darin besteht, das Publikum eines Kinos auszurauben.

„Chicken food is our reward“

Aus dem Titel-Song von Sam Hui

Vor dem Frühling

(GEO/D/F 2017, Regie: George Ovashvili)

Winter is here
von Carsten Happe

Es waren turbulente Jahre Anfang der 1990er Jahre, als das alte Blockdenken des Kalten Krieges sich für einen Wimpernschlag der Geschichte in Luft auflöste und politisches Tauwetter durch Osteuropa zog. …

Es waren turbulente Jahre Anfang der 1990er Jahre, als das alte Blockdenken des Kalten Krieges sich für einen Wimpernschlag der Geschichte in Luft auflöste und politisches Tauwetter durch Osteuropa zog. Die Menschen in West- und Ostdeutschland waren noch glückstrunken oder schon latent verkatert nach der Wiedervereinigung und jenseits des ehemals eisernen Vorhangs bröckelten nach und nach die kommunistischen Gewissheiten vergangener Generationen.

Hierzulande eher den Randnotizen zugehörig war die erste eigene Präsidentschaft Georgiens, die noch vor der Auflösung der UdSSR bereits im Mai 1991 installiert wurde. Präsident Swiad Gamsachurdia brachte mit seinem autoritären Führungsstil, der insbesondere einheimische Minderheiten hart anging, allerdings sowohl Nationalisten wie Reformkräfte gegen sich auf. Ein Militärputsch nach nur wenigen Monaten war die zwingende Konsequenz, Gamsachurdia floh mit seinen treuesten Anhängern in die Berge.

Dies ist der Status quo zu Beginn von George Ovashvilis drittem Spielfilm „Vor dem Frühling“, der sich nach dem poetischen Festivalliebling „Die Maisinsel“ einem ungleich größeren Thema widmet. Mit sparsamen Worten führt Ovashvili in seine Erzählung ein und deutet damit die erratische Stille an, die große Teile des Films bestimmen werden. Der Präsident ist ein undurchdringlicher Charakter und die Frage bleibt offen, ob dies die Sprachlosigkeit eines entmachteten Machtmenschen ist oder eine grundsätzliche Disposition. Nur in vereinzelten Momenten blitzt so etwas wie Lebendigkeit oder gar Lebensfreude auf, ansonsten gilt als alles bestimmende Maxime ein stoisches „immer weiter“, über Gebirgsketten, durch Flüsse und Wälder.

Die Antagonisten bleiben ebenso unsichtbar wie allgegenwärtig, als mutmaßliche Verfolger aus den opponierenden Kräften und mehr noch die unwirtliche wie unberechenbare Natur, die es zu bezwingen gilt, die jedoch auch niemals nachzugeben scheint. Zwischen dem Sisyphos-Mythos und unbestimmter christlicher Symbolik entspinnt sich eine Reise, die mit fortschreitender Dauer zu einer eigentümlichen Kreisbewegung ins Innere führt – und zu einer Ausweglosigkeit, die einen bis heute ungeklärten Tod zur Folge hat.

Während der Originaltitel „Khibula“ den Endpunkt des (Lebens-)Weges benennt, setzt „Vor dem Frühling“ einen zarten Hoffnungsschimmer, der auch immer wieder in die Filmhandlung einbricht und den Präsidenten weitermachen lässt. Die Möglichkeit der Rückkehr ins Amt wird bestärkt durch Begegnungen mit dem einfachen Volk, in kleinen Dörfern und Hütten am Wegesrand, in denen schnell noch das Gemälde des Herrschers geradegerückt wird und seinen Begleitern, man möchte fast Jüngern sagen, das Abendmahl bereitet wird. Die Aufeinandertreffen mit Sympathisanten, aber auch Anhängern der Gegenseite, sind das Herzstück des Films, der in diesen Momenten aus seiner Deckung kommt und die Menschen hinter den Rollenbildern zeigt. Und hier gewinnt „Vor dem Frühling“ eine Allgemeingültigkeit, die über den realen Fall des georgischen Präsidenten hinausweist. Eine bildgewaltige Naturerfahrung aus einer filmisch kaum erschlossenen Region ist es ohnehin.

Matangi/Maya/M.I.A.

(USA/GB/LK 2018, Regie: Steve Loverdige)

Überaus populär und genauso kontrovers
von Jürgen Kiontke

Es war eine recht teure Klageandrohung, die sich die Sängerin Maya – besser bekannt unter ihrem Kampfnamen „M.I.A.” – einhandelte. Während ihres energiegeladenen Auftritts in der Halbzeit des Superbowls, des …

Es war eine recht teure Klageandrohung, die sich die Sängerin Maya – besser bekannt unter ihrem Kampfnamen „M.I.A.” – einhandelte. Während ihres energiegeladenen Auftritts in der Halbzeit des Superbowls, des größten Fernsehereignisses der USA, streckte sie für Sekundenbruchteile den Mittelfinger in die Kamera. Ihre Mitstreiterin Madonna soll darüber stinksauer gewesen sein. Ebenso die National Football League: Die wollte wegen Rufschädigung 16 Millionen Dollar von ihr haben.

Die eher harmlose Episode verweist auf das, was die Organisatoren der Mainstreamkultur gern von der aus Sri Lanka stammenden Sängerin haben möchten: extreme Buntheit, Multikultur und vor allem Authentizität – aber bitteschön für die Konsumenten der gesitteten Mittelschicht. Solches Kalkül geht aber nicht immer auf. M.I.A., 1975 als Matangi Maya Arulpragasam geboren, ist Tänzerin, Choreografin, Produzentin. Ihre Power-Auftritte heizen die Menge auf, Menschen fliegen auf und von der Bühne. Sie hat ein gutes Gespür für Bässe, ihre Tracks haben den Bump. Die Texte handeln von Krieg, Unterdrückung und wie man sich davon – nicht nur friedlich – befreit. Kein Wunder: Ihre ganze Familie war in den bewaffneten Widerstand der Tamilen gegen die Regierung eingebunden, ihr Vater Arul gar einer seiner Begründer.

Parteinahme für die tamilische Sache und ihr Spiel mit rüpelhaftem Straßengebaren nicht nur der englischen Vorstädte dieser Welt stoßen immer wieder auf Kritik. Wie auch ihre Kunst auf Borniertheit: 2010 veröffentlichte sie ihr Video zu dem Lied „Born Free“ auf Youtube. Es zeigt, wie die Polizei Rothaarige verfolgt, als Beispiel von Diskriminierung willkürlich festgelegter Gruppen von Menschen. Es gibt drastische Szenen von Kindererschießungen. Das Video wurde von dem Portal für Minderjährige gesperrt, es musste auch gekürzt werden. M.I.A. sprach von einem Skandal: Ob das in ihrem Video verwendete Kunstblut schlimmer als Exekutionsvideos sei? Dabei bezog sie sich auf authentische Filme, in denen Soldaten der srilankischen Armee unbewaffnete, nackte Männer erschießen – frei zugänglich auf Youtube zu finden.

Von Bürgerkriegs- und Migrationserfahrungen bis zu ihrem Aufstieg zum populären, aber kontroversen Star – das ist einen Gang ins Kino wert. Der Londoner Filmemacher Steve Loveridge hat sich in seinem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm „Matangi/Maya/M.I.A.“ diesem immer gleichbleibend jugendlich wirkenden Gesamtkunstwerk gewidmet. Loveridge erzählt das Leben der Musikerin anhand vieler Schnipsel aus Homevideos und Handy-Bildern. Ihre Familie kommt in vielen witzigen Einstellungen zu Wort wie auch ihre musikalischen Mitstreiter. Die Filmarbeiten dürften sich indes interessant gestaltet haben. Arulpragasam wollte einst selbst Dokumentarfilmerin werden. Viele Aufnahmen stammen auch von ihr selbst.

Flucht als Kind aus dem Kriegsgebiet, Kunststudentin, Jobben, nebenher Karriere als Popstar: Heute jettet Maya um die Welt, und wenn sie irgendwo aussteigt, nimmt sie mit örtlichen Künstlern Platten auf. M.I.A.- die übrigens eine verblüffende Ähnlichkeit mit Britney Spears aufweist – ist ein musikalisches Langzeitprojekt, das die Sprache der Popkultur nicht nur spricht, sondern ihre Zeichen beständig weiterentwickelt. Sie verschmilzt Street Art, Hip-Hop und jede Menge weitere Kulturen zu ihrem eigenen Mix. M.I.A: ist eine typische moderne globalisierte Biografie. Loveridges Film ist ein guter Eintopf aus all jenen Ingredienzien – eine gelungene cineastische Darstellung von Weltkulturpolitik.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Lucky

(USA 2017, Regie: John Carroll Lynch)

Stoisch und komisch im Abgang
von Drehli Robnik

Glück ist, wenn eine Wiederholung sich einstellt, die willkommen ist. „Lucky“ ist ein Spielfilm der lakonischen Wiederholungen. Er zeigt tägliche Exerzitien eines Neunzigjährigen in einem Kaff in Arizona: morgendliches Turnen, …

Glück ist, wenn eine Wiederholung sich einstellt, die willkommen ist. „Lucky“ ist ein Spielfilm der lakonischen Wiederholungen. Er zeigt tägliche Exerzitien eines Neunzigjährigen in einem Kaff in Arizona: morgendliches Turnen, Ankleiden, Kaffeekochen, dann Spaziergang mit Cowboyhut und -boots entlang immergleicher Stationen, ein Plauscherl mit der Lady vom Drugstore (deren Sohn Juan heißt, wie Juan Wayne), Meckern zum und über den Kellner im Diner, abends Altspatzentreff in der Bar zu Drinks, Reminiszenen, kleinen Streitereien. Ab und zu ein Kreuzworträtsel, das Lucky sich im Ruderleiberl gönnt, samt Wortdefinitionsnachfrage am Telefon, bei der die Einsicht „Realism is a thing!“ herauskommt.

Das klingt nach nicht viel und könnte – auf Jim Jarmuschs Spuren – tiefsinnig, kauzkomikselig oder manieriert kadriert geraten. Tut es aber kaum. „Lucky“ ist schön, witzig und lässt der Titelfigur Raum; die spielt der 1926 geborene, seit Mitte der 1950er aktive große, hagere Harry Dean Stanton in Gleichmut mit Anflügen von Grant und Schalk, stur und unberechenbar. Auch wenn er Streit sucht – und das tut er immer wieder, insbesondere mit einem von Ron Livingston dargestellten Anwalt –, findet er doch nur das Glück. Atheist ist er sowieso.

Für Stanton ist der Film nichts weniger denn ein Monument, aber eines, das ganz gelöst ist in Alltägliches, samt einiger Wiederbegegnungen en passant mit markanten Rollen aus seiner langen, an großen Titeln reichen Filmografie: Das schnurgerade Gehen im Wüstenkaff weist nach „Paris, Texas“ (muss wohl sein); Szenen mit Bargast (Stargast) David Lynch erinnern an Stantons Parts in dessen Filmen (von „Wild at Heart“ bis zur „Straight Story“). „Lucky“ ist allerdings das Regiedebüt eines anderen Lynch, nämlich John Carroll Lynch, der sich mit seinem sympathischen Psychotikerponem vor allem als Thrillerdarsteller bewährt hat (etwa als Titelfigur – dringlichster Tatverdächtiger – in „Zodiac“).

Mehr als um Filmzitate (wer braucht die schon?) geht es da um ein Wiederaufsuchen, Wiedersehen. Ein solches hat Stanton quasi auch mit seinem alten Captain vom Frachtschiff Nostromo aus „Alien“: Den spielte damals Tom Skerritt, und Stanton war der Space-Hackler mit Basecap, Hawaiihemd und Zahnstocher (der immer „Riiight“ sagt, bis das Alien ihn, als er die Bordkatze sucht, in ein seltsam verregnetes Hallendach raufzieht und tötet; die Großaufnahmen davor, beim todesnahen Gesicht-Waschen im Raumschiffregenwasser, sind die vielleicht schönste, „philosophischste“ Szene in Stantons Karriere). Auch in der „Lucky“-Szene mit Stanton und Skerritt, im World War II-Marines-Veteranen-Thekentalk der beiden, geh’s um ein Alien-Erlebnis: um eine junge Japanerin, die im Krieg 1944 US-Soldaten auf sich zukommen sah, von denen sie fest glaubte, sie würden sie nun gleich töten, und die sie daher entschlossen – anlächelte.

Dieses nachgerade postkolonial gewendete Alien-Thema hat ein Echo in einer bewegenden minimalistischen Szene, in der Lucky als einziger weißer Gast auf einer mexikanischen Familienfeier mit brüchiger Stimme ein altes Lied auf spanisch vorträgt; das ist nicht zuletzt eine Geste an Leute, gegen die Trump und seine Getreuen hetzen. (Von einem anderen Präsidenten ist in „Lucky“ immer wieder die Rede, nämlich von FDR, dem New Deal- und Weltkriegs-Präsidenten Roosevelt, nach dem die entlaufene Schildkröte des von David Lynch gespielten alten Freundes von Lucky benannt ist; das liest sich jetzt prätentiöser als es im Film rüberkommt.)

Und Lächeln angesichts des Todes, stoisch im Abgang, auch das klingt weiter, und zwar heiter, in diesem Film, der 2017 das Wiener Filmfestival Viennale eröffnete. Deren Direktor Hans Hurch und Harry Dean Stanton, beide verstarben im vorigen Sommer. Lucky stiefelt am Ende in die Wüste davon. (Ein allerletzter Film mit Stanton, „Frank and Ava“, startet dieses Jahr noch.)

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Lucky“.

Freiheit

(D/SK 2017, Regie: Jan Speckenbach)

Aufbruch ins Ungewisse
von Wolfgang Nierlin

Eine Frau lässt sich treiben. Plan- und ziellos ist sie im Nieselregengrau Wiens unterwegs. Im Kunsthistorischen Museum steht sie vor Bruegels „Turmbau zu Babel“, in der Straßenbahn bleibt sie bis …

Eine Frau lässt sich treiben. Plan- und ziellos ist sie im Nieselregengrau Wiens unterwegs. Im Kunsthistorischen Museum steht sie vor Bruegels „Turmbau zu Babel“, in der Straßenbahn bleibt sie bis zur Endhaltestelle sitzen. Ohne Gepäck und in eher unpassender Kleidung wirkt sie schutzlos und ausgesetzt, als käme sie aus dem Nirgendwo und hätte keine Vergangenheit. Mit jedem Schritt scheint sie Neuland zu betreten und ins Ungewisse aufzubrechen. In jedem Augenblick könnte sich ihre Richtung ändern. Mit einem jungen Zufallsbekannten geht sie ins Bett. Dann trampt sie weiter nach Bratislava, wechselt wiederholt ihren Namen, verändert ihr Aussehen und versetzt ihren Schmuck. Offensichtlich ist diese Frau überstürzt aufgebrochen: aus einem alten Leben, einer unliebsamen Vergangenheit, einer falschen Identität. Doch ihre mutmaßliche Flucht hat keine Eile.

„Bevor die Seelen der Verstorbenen wiedergeboren werden, müssen sie aus dem Fluss Lethe trinken, um ihre Vergangenheit zu vergessen“, heißt es am Anfang von Jan Speckenbachs Film „Freiheit“. Kurz darauf und später noch einmal erklingt die Arie „When I am laid in earth“ aus Henry Purcells Oper „Dito und Aeneas“. Die möglichen Motive der Protagonistin und die Bedeutung des Geschehens sind also von vornherein von diversen Referenzen und Anspielungen bestimmt, die als symbolisches Gewicht auf der relativ offenen Handlung lasten oder doch zumindest eine künstliche Spannung zwischen Inhalts- und Bedeutungsebene etablieren. Später wird Nora (Johanna Wokalek), so heißt die Frau in Anlehnung an Ibsens gleichnamiges Drama, noch Friedrich Rückert zitieren: „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ Nach und nach erfahren wir, dass die Anwältin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder ohne Abschied und Erklärung ihrem gutsituierten Leben den Rücken gekehrt hat.

Auch wenn es zunächst nicht so auszusehen scheint, gibt es dafür natürlich Gründe. Wie die Spiegelachse einer Straßenbahnfensterscheibe eingangs die Außenwelt teilt oder verdoppelt, so geht auch ein Riss durch Noras Leben. Was dieses einst ausmachte und wie es nun unter veränderten Vorzeichen weitergeht, vermittelt Jan Speckenbach in einer von motivischen Spiegelungen durchzogenen Parallelmontage, die zeigt, wie Noras in Berlin zurückgebliebener Ehemann Philip (Hans-Jochen Wagner) mit der neuen Familiensituation umgeht. Der gerade an einem unbequemen Fall von Fremdenfeindlichkeit arbeitende Pflichtverteidiger ist in alle Richtungen gestresst und überfordert.

In seiner allzu offensichtlichen Häufung führt das leider zu unglaubwürdigen, teils wenig plausiblen Zuspitzungen; zugleich liefert der Film durch seine tendenziöse Milieubeschreibung, in deren Mittelpunkt ein allzu unbeholfener, wenig sensibler Ehemann steht, nachträglich dann doch noch einen gewichtigen Grund für Noras Ausbruch aus den diversen „Gefängnissen“. Konzeptuell folgerichtig steigt sie deshalb am Ende von Jan Speckenbachs kunstsinniger filmischer Zustandsbeschreibung zu den Klängen von Richie Havens „Freedom“ in den Fluss des Vergessens.

The Florida Project

(USA 2017, Regie: Sean Baker)

"Dieser Raum ist für uns verboten. Lasst uns trotzdem reingehen!"
von Marit Hofmann

Bei allem Respekt für den großen Schauspieler mit dem markant zerknautschten Gesicht: Der Star dieses Films ist nicht Willem Dafoe, obwohl er der einzige bekannte Darsteller ist. Der Star ist …

Bei allem Respekt für den großen Schauspieler mit dem markant zerknautschten Gesicht: Der Star dieses Films ist nicht Willem Dafoe, obwohl er der einzige bekannte Darsteller ist. Der Star ist eine Sechsjährige. Das liegt nicht nur daran, dass Regisseur Sean Baker seine jüngsten Mimen teils einfach beim Spielen gefilmt hat – er nennt Brooklynn Prince schlicht eine der größten Schauspielerinnen, denen er je begegnet ist. Ganz offensichtlich macht sie aus der Hauptfigur Moonee viel mehr, als im Skript steht.

Sie agiert mit einem natürlichen Witz, um den sie jeder Profi beneiden muss, sie brüllt, rülpst, schmatzt und kleckert gänzlich unmädchenhaft und liebt es, Motelmanager Bobby (Dafoe als zwischen genervt und gutmütig changierender Hausmeister) auf die Palme zu bringen. Moonee selbst ist es, die Zuschauer wie Nachbarskinder in ihre Welt einführt. Mit ihrer planlosen alleinerziehenden, jungen Mutter (flippig und zornig: die auf Instagram entdeckte Laiendarstellerin Bria Vinaite) ist sie unweit von Disneyworld in Florida im knallbunten Magic Castle Motel gestrandet, das eigentlich für Touristen gedacht war, aber – nicht erst seit Trumps Amtsantritt – für viele die letzte Station vor der Obdachlosigkeit ist. Unweit vom für sie unerschwinglichen „happiest place in the world“ hausen „Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind, sofern man in den USA von einem sozialen Netz sprechen kann“ (Baker).

Die Ästhetik, die Kameramann Alexis Zabé als „Blaubeereis mit einer sauren Note“ beschreibt, hebt sich in der Sommersonne farbenfroh ab vom Sozialrealismus von Bakers Vorbild Ken Loach. Der US-Indiefilmer nennt sein teils mit Leuten aus dem Milieu gedrehtes liebevolles statt denunziatorisches Pop-vérité-Projekt eine „moderne Version der ›Kleinen Strolche‹“, für die das Prekäre ebenfalls Kulisse für lustige Abenteuer war. Doch hier weicht das Lachen einem Schlucken. Das Publikum, durch die Streiche der sich selbst überlassenen Kids zunächst in Sicherheit gewogen, ist Moonee später einen Schritt voraus – bis sie selbst begreift, dass die Magic-Castle-Kindheit nun ein Ende hat. Hoffentlich, denkt man, bleibt sie bei ihrer Devise: „Dieser Raum ist für uns verboten. Lasst uns trotzdem reingehen!“

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Call me by your name

(I/F/BR/USA 2017, Regie: Luca Guadagnino)

Idealische Liebe
von Wolfgang Nierlin

Gesellschaftliche und soziale Probleme oder gar innerfamiliäre Konflikte spielen keine Rolle im norditalienischen Sommeridyll der Perlmans. Hier, in der malerischen Umgebung des Gardasees, verbringt die bildungsbürgerliche jüdische Familie ihre Ferien …

Gesellschaftliche und soziale Probleme oder gar innerfamiliäre Konflikte spielen keine Rolle im norditalienischen Sommeridyll der Perlmans. Hier, in der malerischen Umgebung des Gardasees, verbringt die bildungsbürgerliche jüdische Familie ihre Ferien in einem ebenso stattlichen wie geschmackvollen Anwesen mit Dienstpersonal. Im störungsfreien, idealischen Setting dieses Films hat alles seine Ordnung. Abgeschirmt von der Außenwelt und dem wirklichen Leben des Jahres 1983 produziert die Hitze Langeweile und Müßiggang, aber auch Leichtigkeit und eine gewisse erwartungsvolle Offenheit. Die Perlmans geben sich tolerant und aufgeschlossen, sind gebildet und kultiviert und widmen ihre Arbeit den schönen Künsten. Während Professor Perlman (Michale Stuhlbarg) kunsthistorische Forschungen betreibt und seine Frau (Amira Casar) als Übersetzerin arbeitet, widmet sich ihr hochbegabter 17-jähriger Sohn Elio (Timothée Chalamet) dem Lesen und Klavierspielen. Nebenbei pflegt er eine zarte Liebelei mit der gleichaltrigen Französin Marzia (Esther Garrel).

Einmal sagt der intelligente, für sein Alter ziemlich belesene Junge: „Ich weiß fast nichts über die Dinge, auf die es im Leben ankommt.“ In Luca Guadagninos bezauberndem Liebesfilm „Call me by your name“ ändert sich das mit der Ankunft des amerikanischen Stipendiaten Oliver (Armie Hammer), dem Elio sein Zimmer überlässt und mit dem er das Bad teilt. Dem sehr vital, ungezwungen und distanzlos wirkenden Schönling fliegen bald alle Herzen zu. Besonders Elio verliebt sich in den allseits bewunderten jungen Mann, der eine Lebenslust verströmt, die bald auch Elio erfasst. Zwischen sehnsüchtigem Hoffen und Träumen verbringt er fortan seine Tage, während sein Begehren stetig wächst und sich zwischen den beiden ein teils ironisches, vor allem aber leidenschaftliches Spiel zwischen Nähe und Distanz entwickelt. Bald belauern sie sich aus ihren selbstgeschaffenen Verstecken heraus, nur um sich irgendwann doch einander zu ergeben.

Was sie dann erleben, ähnelt jener totalen, völlig entgrenzten Liebe, die es nur selten und vielleicht nur einmal im Leben gibt. Luca Guadagnino inszeniert sie in sehr sinnlichen, körperbetonten Bildern als eine ebenso schöne wie schmerzliche Erfahrung, die sich im idealischen Raum seines Films frei und entspannt entfalten darf. Dass die gesteigerte Lebendigkeit der Verliebten in der fruchtbaren Naturfülle ihren Widerhall findet, und ihr hitziges Tun trotz visueller Diskretion nicht ohne symbolischen Überbau auskommt, der unter anderem durch die Beschäftigung mit antiken Skulpturen aufgerufen wird, mag man je nach Standpunkt leicht schwülstig empfinden. Den Tränen des Abschieds und der emotional bewegenden Rede über Freundschaft und die Kraft der Liebe, mit der Elios Vater seinen Sohn tröstet, kann und will man sich allerdings dann doch nicht entziehen.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

(D 2017, Regie: Julian Radlmaier)

Der kommunistsiche Filmemacher als bürgerlicher Hund im neurotischen Gewebe unserer Gegenwart
von Nicolai Bühnemann

Der Filmemacher-Schaffenskrisen-Film war im Autorenkino der sechziger und siebziger Jahre beinahe so etwas wie ein eigenes Genre: von Fellini über Fassbinder bis Cassavetes. Ich persönlich tue mich mit diesen Filmen …

Der Filmemacher-Schaffenskrisen-Film war im Autorenkino der sechziger und siebziger Jahre beinahe so etwas wie ein eigenes Genre: von Fellini über Fassbinder bis Cassavetes. Ich persönlich tue mich mit diesen Filmen manchmal etwas schwer. So war zum Beispiel voriges Jahr in Frankfurt „Roulette der Liebe“ (1965) der wirklich einzige Film von Bo Widerberg, mit dem ich wegen seiner wirklich unangenehm wehleidigen Hauptfigur nicht so recht warm geworden bin.

Wie sich nun Julian Radlmaiers „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ zu diesen Filmen (aber auch unzähligen anderen kulturellen wie weltanschaulichen Dingen) verhält, ist eine wichtige und gar nicht so leicht zu beantwortende Frage. Als Parodie? Als Satire? Jedenfalls ist klar, dass das alles in diesem Film da ist und mitgedacht werden muss. Das beginnt schon bei dem, seit Fernseher, Computer- und Smartphone-Bildschirme in 16:9 ausgeliefert werden, eigentlich gänzlich ausgestorbenen Seitenverhältnis von 1,37:1, in dem der Film gedreht wurde. Und setzt sich nahtlos fort in der Geschichte um einen in Berlin lebenden Hipster-Filmemacher (Julian Radlmaier heißt er und wird von Julian Radlmaier gespielt), der mangels Drehbuchfördergeldern gerade von Sozialhilfe lebt. Sein Sachbearbeiter fordert ihn dazu auf, einen Job als Erntehelfer zu übernehmen. Er traut sich nicht, so sagt er, zu widersprechen.

Nun braucht ein Künstler aber natürlich auch eine Muse, sodass es sich gut trifft, dass er in einem Museum Camille (Deragh Campbell) trifft, die er, so erzählt er uns per Voice-Over, nur oberflächlich kennt, auf deren Facebook-Profil er allerdings schon etliche Stunden zugebracht hat – es sind gleichermaßen liebevoll skurrile wie schonungslos ehrliche Details wie dieses, mit denen Radlmaier seinen Film ganz tief ins neurotische Gewebe der Gegenwart einflicht. Dann gibt sein ehemaliger Professor, „der berühmte Dokumentarfilmer Rudolf Botow“ eine Party (Carlos Bustamente gibt ihn als jemanden, der seinen ausschließlich jungen Gästen in zackig autoritärem Ton von seiner Jugend als zweifacher Vater und strammer Maoist, der zur Umerziehung in einer Fabrik arbeitete, erzählt, und außerdem, so sagt er, obwohl es doch eigentlich wohl niemand so genau wissen wollte, hat er damals „gefickt, gefickt und nochmals gefickt“. Ficken tut unser Julian übrigens (Spoiler!) solange dieser Film dauert nicht, aber er kann dann ja auch einfach in dreißig, vierzig Jahren Leuten, die es wahrscheinlich auch nicht hören wollen werden, erzählen, dass er es getan hätte.).

Hier hat Julian die zündende Idee, seinen Zwangsaufenthalt auf der Apfelplantage als Recherche für sein neues (so kommunistisches wie nicht existentes) Filmprojekt auszugeben, in dem er Camille zuvor die Hauptrolle angeboten hatte („When you told me about it the other day, I thought it was just a hipster excuse to date me.“ „Do I look like that?“ „Yeah.“). Jedenfalls bietet sie sich an, ihn zu begleiten, und bald sind sie auf der Plantage – wo seine Annäherungsversuche aber eben konsequent ins Leere laufen und sie ihm nur immer wieder unterstellt, er sei ziemlich dieses oder jenes für einen kommunistischen Filmemacher. Schließlich wird sie besonders deutlich: „You’re quite an asshole for a communist filmmaker.“

Auch wie die Figuren, die sie dort treffen und die sie nun den restlichen Film begleiten, dargestellt werden, ist nicht leicht zu fassen. Ich glaube, Radlmaier nimmt Klischees als Grundlage für sie, die er dann zu Karikaturen überzeichnet. Natürlich können dabei keine Figuren herauskommen, mit denen man im wirklichen Leben gerne mal einen Kaffee trinken würde, aber so abgrundtief böse wie etwa die Nebenfiguren-Karikaturen in Verhoevens „Elle“ (2016) sind sie dann auch wieder nicht gezeichnet.

Jedenfalls sind da: Sancho (Beniamin Forthi) und Hong (Kyung-Taek Lie), die sich zuvor als „selbstständige Flaschensammler“ versuchten und hier auf der Plantage nun ihre ganz eigenen amerikanischen Traum finden wollen. Der aus Korea stammende Hong hat einen gewissen Hang zum Esoterisch-Spirituellen und beschert uns damit eine wirklich sonderbare Vorstellung vom Paradies. In der skurrilsten Einstellung, die ich seit langem in einem Film gesehen habe (und ich sah diesen Monat immerhin schon Lommels „Der zweite Frühling“ (1975)). Da sind die Figuren beim Picknick am See auf einer Decke angeordnet, auf der allerlei Getränke stehen, lesen und unterhalten sich unter anderem über Donald Duck, zwei von ihnen werfen sich aus ca. einem halben Meter Entfernung im Bildhintergrund einen Plastikball zu. Ja, so sieht er wohl aus, der Garten Eden der Freizeitgesellschaft. Dann, neben anderen, zum Beispiel noch Zurab (Zurab Rtveveliasvili), den seine Sozialisierung in der ehemaligen UDSSR zu einem besonders fiesen und groben Kapitalisten mit stark ausgeprägten autoritären Tendenzen gemacht hat.

Die unterschiedlichen Migrationshintergründe der Figuren, von denen einige etwa den Staatskommunismus des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben (ob in der DDR, der Sowjetunion oder auch Korea) bzw. die Gespräche, die sich dadurch ergeben, machen schon klar, dass der diktatorische „Sozialismus“ scheiße war. Andererseits sind aber da auch die Arbeitsbedingungen auf einer Apfelplantage im real existierenden Kapitalismus, wie sie die Vorstehende unterbreitet, über die eine Untergebene in Kolonialherrinnenart einen Sonnenschirm hält: Es wird ein gewisses Pensum an Arbeit erwartet, wenn jemand das mal nicht erreicht, weil er oder sie einen schlechten Tag hat, an sich kein Problem, das muss er oder sie dann halt einfach nur unentgeltlich abends nachholen, und wer sich nur genug den Arsch aufreißt, der bekommt dann einen Bonus in Form eines Amazon-Gutscheins über 20 Euro. Es bekommt also jede Weltanschauung und jedes Gesellschaftssystem hier ordentlich ihr Fett weg.

Als ebendiese Plantagenvorstehende vorübergehend tot zu sein scheint, meinen die ArbeiterInnen nun ganz und gar frei zu sein, versammeln sich zum Festschmaus (natürlich ist sich Radlmaier nicht zu schade, dass als letztes Abendmahl zu inszenieren – und das ist auch gut so) und grölen mehrsprachig die Internationale. Mit dem Tod der Chefin ist es aber bald Essig – und die Figuren machen sich nun bald auf den Weg zu verschiedenen neuen Ufern. Also Julian zurück nach Berlin, wo er endlich seine Drehbuchförderung erhält und nun einen Film machen kann, in dem sich Camille, Hong und Sancho aufmachen nach Italien, wo sie sich nun in einem utopischen Land wähnen. Camille hatte zuvor durch einen Geistesblitz festgestellt, dass nicht der Kommunismus das Problem ist, sondern die Kommunisten und es also gelte, einen Kommunismus ohne Kommunisten zu schaffen, den unsere drei eifrigen Reisenden also dort zu finden glauben, wo die Zitronen blühen. Sie werden dann allerdings auf vielfache Weise eines Besseren belehrt, wieder und wieder von der Realität eingeholt – und landen schließlich im Knast.

Der Film-im-Film, den wir mit Julian und seinem Publikum bei der Premiere in Venedig sehen, fügt sich dann relativ nahtlos als weiteres Kapitel in den eigentlichen Film ein. Wenn auch, und das will nun wirklich etwas heißen, als besonders absurdes. Das Publikumsgespräch nach dem Film wird übrigens moderiert von Toby Ashraf, mit dem ich im Arsenal schon das eine oder andere Q&A nach einer Vorstellung sah. Das belegt einmal mehr mit welcher Detailversessenheit sich Radlmaier unserer Gegenwart widmet, die er dann eben satirisch überspitzt und zur Kenntlichkeit entstellt. Ein Gespräch zwischen den Figuren des Radlmaier-Films im Radlmaier-Film, „The Pursuit of Happiness“ heißt er übrigens, zeigt auch auf, wie der ideologiegeschichtliche Quatsch des Film dann irgendwie doch immer wieder zu wirklich interessanten Fragen führen kann: Wer macht eigentlich im Kommunismus die wirklichen Scheißjobs, die auch dazu gehören, eine Gesellschaft am Laufen zu halten, putzt also etwa öffentliche Toiletten?

Im Gespräch mit seinem Publikum entpuppt sich unser kommunistischer Filmemacher dann übrigens als ziemlich bürgerlicher Hund, der nicht glaubt, dass man gegen die Übermacht des Kapitalismus irgendetwas tun könnte – als Strafe für seine Resignation, so nehme ich zumindest an, wird er dann tatsächlich in einen ziemlich windigen Hund verwandelt, als der er uns nun in Rückblenden seine Geschichte erzählt.

absolut MEDIEN bringt den Film am 9. Februar auf DVD heraus. Als Bonusmaterial gibt es Radlmaiers Vorgänger, den einstündigen „Ein proletarisches Wintermärchen“ (2014), der übrigens auch sehr interessant ist und dem ich noch einen eigenen Text widmen werde.

Hier und hier finden sich weitere Kritiken zu „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“.

Red Sparrow

(USA 2018, Regie: Francis Lawrence)

Immärr diesärr Rrussä!
von Thomas Blum

Der Russe ist unbelehrbar. Obwohl die Sowjetunion längst das Zeitliche gesegnet hat, guckt er in Filmen noch immer sehr böse, will von Freiheit, individueller Selbstverwirklichung und Menschenrechten nach wie vor …

Der Russe ist unbelehrbar. Obwohl die Sowjetunion längst das Zeitliche gesegnet hat, guckt er in Filmen noch immer sehr böse, will von Freiheit, individueller Selbstverwirklichung und Menschenrechten nach wie vor nichts wissen und ist auch sonst ein übler Zeitgenosse. Und, was wohl das bei Weitem Ärgerlichste ist: Noch immärr sprrikkcht därr Rrussä kkchein akkchzentfrräies Deutsch, wenigstens nicht in den synchronisierten deutschen Fassungen US-amerikanischer Filme. Das allein schon macht den Russen verdächtig.

Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) ist Primaballerina beim Bolschoi-Ballett, das ihr, der aufstrebenden Tänzerin, auch eine Wohnung zur Verfügung stellt und für Dominikas krankes Mütterchen die Krankenversicherung bezahlt. Denn beim Russen, da zählt die Gemeinschaft noch etwas, auch wenn es den Kommunismus schon lange nicht mehr gibt. Doch, Kommunismus hin oder her, der Russe bleibt nun mal der Russe.

Jedenfalls hat Dominika einen folgenschweren Unfall: Knacks, Krach, Bein kaputt, Karriere aus. Was tun? (Lenin) Was tun, wenn man eine starke, kluge, schöne junge Frau ist, die nicht mehr ihrem Beruf nachgehen, also nicht mehr tanzen kann, aber einen Onkel namens Wanja (Matthias Schoenaerts) hat, der sicher nicht zufällig die gleiche Frisur trägt wie Wladimir Putin und der ein hohes Tier beim SWR ist, also beim russischen Auslandsnachrichtendienst? Wanja: „Es gibt keine Unfälle, wir bestimmen unser Schicksal selbst.“ Zuerst zögert Dominika noch, zweifelnd, ob Spionin für sie die richtige Berufswahl ist. Doch Wanja gibt seiner Nichte zu bedenken, dass Krankenversicherungen und Wohnungen auch in Putins Staat nicht vom Himmel fallen: „Dafür muss ich deinen Nutzen für den Staat nachweisen.“ Nur wer nützlich ist, der soll auch essen, so denkt er nun mal, der Russe. Natürlich lässt sich Dominika von ihrem heimtückischen Putin-Onkel anwerben, denn schließlich will sie weder demnächst auf der Straße stehen noch Mütterchens Gesundheitsversorgung gefährden. Onkel Wanja: „Wenn du dem Staat nicht nützlich bist, jag ich dir eine Kugel in den Kopf.“ Ja, so spricht er nun mal, der herzlose Geheimdienstrusse.

Dominika ist schnell, sowohl beim Denken als auch beim entschlossenen Handeln, mit ihrem Verstand kann sie ebenso geschickt umgehen wie mit dem Baseballschläger, so stellt sich bald heraus. An einer Schule für junge, angehende Geheimdienstlerinnen und Geheimdienstler, einer Mischung aus Gehirnwäscheanstalt und Umerziehungslager, lässt sie sich zur lebendigen Waffe ausbilden und lernt alles übers Spionagegeschäft: Tricksen, Taktieren, Täuschen, Lügen, Manipulieren, totale Selbstverleugnung, psychologische Kriegsführung. Der Ausbildungsraum ist logischerweise ein karger Saal, dessen einzige Zier die aus der Ära des Kommunismus übrig gebliebenen roten Vorhänge im Bildhintergrund sind. Man hat sich sichtlich ein wenig Mühe gegeben, einen angemessenen Totalitarismus- und Ostblockstyle zu generieren: Die Auszubildenden tragen selbstverständlich schlichte russische Einheitskleidung, die man bis obenhin zuknöpfen muss. Man kennt ihn ja, den Russen, und weiß, wie er tickt.

Die resolute Ausbilderin (Charlotte Rampling in ihrer Stammrolle als gefühlskaltes, sadistisches Mannweib), eine fanatische Staatsdienerin, gibt die Parolen aus („Dein Körper gehört dem Staat“) und sorgt derweil für den richtigen Drill und die passende Sorte Psychofolter. Die jungen Dinger müssen abgehärtet werden, und sie müssen noch viel lernen: Entsagung, Schmerz hinunterschlucken, Opfer für ein höheres Ziel bringen, die Beine breitmachen für den Feind. „Der Staat hat deinen Körper ernährt“, so belehrt die Ausbilderin die junge Dominika, „jetzt hat er das Recht auf eine Gegenleistung.“ Dominika soll, vor den Augen von allen anderen, einen der anderen Kadetten fellationieren. „Überwindet euren Widerstand, ihr müsst lernen, auf Befehl zu lieben.“ Dominika soll schließlich, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist, einen CIA-Agenten verführen, damit dieser ihr die Identität seiner russischen Kontaktperson verrät, eines sogenannten Maulwurfs. Man lernt: In Putins dunklem Reich geht es auch nicht viel anders zu als weiland im Sowjetkommunismus. Zwang, Kasernenhofton, Schweinereien. Der Staat gibt, der Staat nimmt. Und er lehrt Dominika das Allerwichtigste: die Funktionsmechanismen der Macht begreifen lernen, die Menschen durchschauen lernen, ihre Schwächen finden und ausnützen können.

In der Folge kann man der Agentin nicht nur bei ihrem Geschäft zuschauen (sich durchsetzen, sich nichts von schmierigen Vorgesetzten vorschreiben lassen, gegnerische Agenten foppen und austricksen, Schmerzen aushalten usw.), in dem es naturgemäß fortwährend um Vertrauen und Misstrauen bzw. Treue und Verrat geht, man kann auch etwa anderthalb von fast zweieinhalb Stunden in das Gesicht von Jennifer Lawrence schauen, denn der Regisseur hat beschlossen, uns fortwährend deren Gesichtszüge, Lippen und Augen in Großaufnahmen zu zeigen.

Neben unserer schönen jungen, starken Spezialistin für Informationsbeschaffung und unserem Putin-Verschnitt taucht noch weiteres Personal auf, das auch in klassischen Kalter-Krieg-Spionagethrillern nicht fehlen darf: ein stets in schwarze Fetisch-Lederkluft gewandeter und seine Arbeit sehr genießender, strohblonder SWR-Folterknecht, ein russischer Geheimdienstgeneral mit ordengeschmückter Uniformjacke (Jeremy Irons in seiner Stammrolle als gefühlskalt-sadistischer, schmallippiger Soziopath) und eine Handvoll freundliche, knuffige, rechtschaffene CIA-Agenten. Und: Erfreulicherweise hat man den Action-Quatsch (sinnlose Explosionen, sinnlose Autoverfolgungsjagden) weggelassen, das macht den Film erholsam.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Murphys Gesetz

(USA 1986, Regie: J. Lee Thompson)

"Ladies first"
von Nicolai Bühnemann

Das berühmte Gesetz des US-amerikanischen Ingenieurs Edward A. Murphy jr. lautet in seiner verknappten und damit für eine bestimmte Art von Genrekino seit jeher sehr attraktiven Form: „Anything that can …

Das berühmte Gesetz des US-amerikanischen Ingenieurs Edward A. Murphy jr. lautet in seiner verknappten und damit für eine bestimmte Art von Genrekino seit jeher sehr attraktiven Form: „Anything that can go wrong will go wrong.“ Das Gesetz des zu Beginn recht heruntergekommenen Filmbullen Jack Murphy (Charles Bronson) ist sogar noch wesentlich einfacher: „Don’t fuck with Jack Murphy.“ So weit, so generisch. Zunächst einmal.

Der 1986 für die legendäre Produktionsschmiede The Canon Group, Inc. der Cousins Menahem Golan und Yoram Globus, die ab den späten Siebzigerjahren allerlei „B-Movies mit einem A-Budget“ finanzierten, entstandene „Murphy’s Law“ vereint zunächst einmal zwei große Routiniers, die hier bereits zum sechsten Mal zusammenarbeiteten: Die erste Regiearbeit des Briten J. Lee Thompson datiert auf das Jahr 1950, dies ist der vierundvierzigste Film seiner Karriere, die damals schon rapide ihrem Ende entgegenging. Bronson hatte seinen endgültigen Durchbruch wohl als schweigsamer Mundharmonikaspieler in Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968), hatte damals aber bereits knapp zwanzig Jahre umfangreiche Erfahrungen als Schauspieler (oft auch im Fernsehen). Seit dem großen Erfolg von „Death Wish“ („Ein Mann sieht rot“, Michael Winner, 1974) war er sehr lange hauptsächlich auf die Rolle des toughen und wortkargen Rächers oder Polizisten festgelegt. Leider, denn dass ich Winners Film absolut nicht ausstehen kann, hat bei mir dazu geführt, dass ich auch eine ganze Weile lang meinte, Bronson nicht zu mögen. Was ich dann erst bei der Sichtung des Western „Soleil Rouge“ („Rivalen unter roter Sonne“, Terence Young, 1971) ein Stück weit revidierte, weil die Bronson-Figur hier eine große und sehr angenehme Lässigkeit an den Tag legte, die mir sehr gut gefiel – und die im Kontext des Films als Kontrast zu seinen großen Co-Stars Alain Delon und Tushirô Mifune auch etwas sehr „Amerikanisches“ hat.

Und weil „Murphy’s Law“ ein Buddy Movie ist, bedurfte es nun eines großen Kontrastes zu diesen zwei alten Männern, die einander und ihr Handwerk so gut kannten (was man dem Film dann auch in so ziemlich jeder Szene anmerkt, im Guten wie im Schlechten), also eine junge Nachwuchsschauspielerin. Dass der Film mit der Figur der rebellischen Autodiebin Arabella McGee (Kathleen Wilhoite) so gar nichts anzufangen weiß, ist dann auch sehr symptomatisch für das eine oder andere Problem dieses Film und sicherlich auch einigen anderen artverwandten. Die hauptsächliche Charaktereigenschaft dieser Figur ist es, die Männer, die sie umgeben, in einem Fort mit Schimpfwörtern zu bedenken, die so dermaßen bescheuert sind, dass es schon wieder sehr herzig ist, aber auch auf recht unangenehme Weise den Altherrenblick des Films auf seine Protagonistin unterstreicht. Wenn sich Männer wie Thompson, Bronson oder der Drehbuchautor Gail Morgan Hickman vorstellen, wie eine jugendliche Rebellin spricht, kommt dabei dann eben raus (und das ist wirklich nur eine sehr kleine Auswahl): „dinosaur dorks“, „snot-rag“ oder, besonders schön: „dildo nose“. (Immerhin: Wer sich schon immer fragte, warum das Beleidigen im Englischen name-calling genannt wird, findet hier wohl eine ziemlich treffende Erklärung.)

Dass der Film trotz der nervigen und mitunter wirklich hochnotpeinlichen weiblichen Hauptfigur letztendlich dann doch weit aus der Masse derartiger Produktionen heraussticht, liegt nicht an Bronson, der hier einfach schon sehr eindrücklich, aber dann auch wieder merklich routiniert das Programm aus bestimmt weit über einem Dutzend ähnlicher Rollen, die er zuvor spielte, herunterspult. Auch Thompson, dem man anmerkt, dass er sein Handwerk quasi blind beherrscht, hat nur einen kleineren Anteil daran. Wirklich toll ist hingegen die Gegenspielerin des Buddy-Gespanns: Joan Freeman. Carrie Snodgrass gibt sie als eiskalte Soziopathin, der, von ihrer ersten längeren Szene, die zeigen soll, wie kompromisslos böse sie ist, immer wieder das Blut ihrer Opfer auf die entschlossenen und geradezu lustvoll derangierten Gesichtszüge spritzt.

Wo die Subversion des Buddy Movies dadurch, dass ein Buddy-Part weiblich besetzt ist, schrecklich misslingt (und mit einem sonderbaren Desinteresse durchexerziert wird), darf die Antagonistin dann doch noch (nicht nur) vom Genre tradierte Geschlechterrollen und -codes erheblich ins Wanken bringen. Eine Frau, die sich derart emotionslos an den Männern rächt, die sie nicht, wie so oft im Genre, vergewaltigten oder ihre Kinder töteten, sondern sie einst in den Knast brachten, weil sie, auch das ist entscheidend, im Streit ihren Mann tötete. Eine Szene streicht besonders schön heraus, wie einzigartig diese Figur ist: Da erhält sie Besuch von ihrer Bewährungshelferin, der, so viel sei verraten, für letztere nicht gut ausgeht. Schon eine/n Bewährungshelfer/in zu haben, ist im Genrekino eher ein männliches Privileg. Viel wichtiger ist aber der weitere Ablauf dieser Szene. Joan Freeman, die die Gender-Ambivalenz ja schon im Namen trägt, bei dem auf den weiblichen Vornamen ein freier Mann folgt, kombiniert die männlich und weiblich konnotierten Zeichen des Fitnesswahns der Dekade, indem sie (natürlich vor dem Spiegel stehend) im typischen hässlichen Aerobic-Outfit schwere Gewichte stemmt. Das wird allerdings noch besser, wenn sie der Bewährungshelferin (die übrigens, auch das ist im Kontext dieser Szene ein wichtiges Detail, Afroamerikanerin ist) ein Fotoalbum zeigt, das gefüllt ist mit Bildern, die sie von ihren bisherigen und zukünftigen Opfern aufgenommen hat. Das Fotoalbum wird hier radikal umgedeutet; von einem Abbild des Familienglück (was bei einer Frau in einer heteronormativen Gesellschaft in aller Regel zudem Mutter- und Ehefrauentugenden impliziert) zu einem eines obsessiv und mörderisch freidrehenden Todestriebs.

Aber auch eine klassische femme fatale ist diese Figur damit eben nicht. Deren Boshaftigkeit ja oft im Spinnen großangelegter Intrigen bestand, bei denen sie zwar den Tod ihres (in aller Regel männlichen Gegenübers) billigend in Kauf nahm, wodurch sie aber letztendlich immer von den Männern, an denen sie, anders als Joan, auch (in irgendeiner Form) ein romantisches Interesse hatte, abhängig blieb. So sind sie auch meistens stark von den Männern – bzw. von ihrem Begehren für sie, ohne dass ihr ganzes Intrigenkartenhaus einfach in sich zusammenfallen würde – her gedacht, während die Killerin hier ganz und gar zur eigenständigen und tödlichen Akteurin werden kann. (Dabei ist natürlich auch sie letztlich eine männliche Angstphantasie – aber eben eine originellere und interessantere.)

Aber auch das Verhältnis Jack Murphys zu den Frauen, die ihn von allen Seiten zu flankieren scheinen, ist äußerst interessant. Dass er zu Beginn des Films so abgehalftert und versoffen ist, liegt daran, dass ihn seine Frau verlassen hat, die nun als Stripperin arbeitet. In einem Gespräch mit ihr macht er ihr natürlich Vorhaltungen über ihren neuen Job (in his book: Hure) und ihren neuen Freund (in his book: Zuhälter), sucht sie immer wieder in dem Club auf, in dem sie arbeitet. Wenn sie dann aber früh im Film einen gewaltsamen Tod findet, löst das bei ihm nicht die geringste Regung aus. Frauen interessieren ihn nur als Besitz, den es gegen andere Männer zu verteidigen gilt oder aber als Obsession. Wenn er in Arabella dann quasi einen (Tochter-)Ersatz, also eine Frau, die er beschützen kann, findet, ist das natürlich auch eine Sublimierung sexueller Gefühle, aus denen familiäre werden.

Wenn Bronson am Ende (Jack) Murphys Gesetz durchsetzt, das Patriarchat gegen die böse Frau, die es – bzw. die Geschlechterrollen, die aus ihm resultieren – nach Leibeskräften zu unterwandern suchte, zur Strecke bringt, ist der One-Liner, mit dem er das tut, auch deshalb so interessant, weil er vielleicht ein für alle Mal die sexistische Natur dieses Ausspruches unterstreicht: „Ladies first.“

From what is before

(PH 2014, Regie: Lav Diaz)

Sterbende Gemeinschaft
von Wolfgang Nierlin

Meist zeigen die langen, fixen und aus großer Distanz aufgenommenen Einstellungen einen Naturraum, aus dem plötzlich Figuren auftauchen oder sich herauslösen, die dann das Bild durchschreiten und es schließlich wieder …

Meist zeigen die langen, fixen und aus großer Distanz aufgenommenen Einstellungen einen Naturraum, aus dem plötzlich Figuren auftauchen oder sich herauslösen, die dann das Bild durchschreiten und es schließlich wieder verlassen. Das unmittelbar vor und nach der gezeigten Handlung liegende Kontinuum aus Raum und Zeit verweist in den Filmen des philippinischen Regisseurs Lav Diaz auf eine Überzeitlichkeit. Diese verleiht der Gegenwart Dauer und macht den Raum zu einem stummen Zeugen der Geschichte und Geschichten, die sich dem Kontinuum einfügen. Weder das in Bild und Ton Erzählte noch die Erzählung selbst bilden also Hierarchien, die den Inhalt ordnen und die Form zu dessen Werkzeug degradieren würden. Vielmehr werden die Form und damit vor allem die Zeit selbst zum Inhalt. Da deren reale Dauer synchronisiert ist mit der Dauer der Betrachtung, wird der Film selbst zum Erfahrungsraum.

Das ist auch in Lav Diaz‘ preisgekröntem Film „From what is before“ (Goldener Leopard, Locarno 2014) zu beobachten. Wie die statischen Kamera-Einstellungen immer nur einen Ausschnitt oder eine Perspektive zeigen, so fügen sie sich auch in der Abfolge einzelner Szenen oder Episoden nur zu einem vorläufigen, fragmentarischen Bild. Dieses bewusste, mit der Überzeitlichkeit korrespondierende Nichtwissen wird durch Perspektivwechsel, Figurenzeichnung und Handlungskonturierung stetig abgetragen; und schafft zugleich neue Leerstellen, überraschende Wendungen und lose Enden, die ins Offene weisen. Wenn zu Beginn und am Ende von „From what is before“ eine Stimme – vermutlich diejenige von Lav Diaz – sagt, dass die Geschichte seines Films aus der Erinnerung komme und auf realen Geschehnissen, zuletzt als Kataklysmen apostrophiert, basiere, wird das Objektive beziehungsweise Historische als eine subjektiv überformte Größe ausgewiesen.

Unter diesen ästhetischen Prämissen entfaltet Lav Diaz in seinem 338 Minuten dauernden Film auf ebenso poetische wie politische Weise eine uneigentliche Chronologie der Ereignisse, die zeitlich doch genau verortet ist. Er schildert die leidvollen Umbrüche in einem entlegenen Barrio, dessen Bewohner von mysteriösen Vorkommnissen, von Lügen, Geheimnissen und Gewalt heimgesucht werden; und parallelisiert diese mit der Umwandlung der philippinischen Republik in eine Militärdiktatur unter Präsident Ferdinand Marcos zwischen den Jahren 1970 und 1972. Dabei erscheinen die Veränderungen und Zerwürfnisse innerhalb der dörflichen Gemeinschaft zunächst nur als entfernter Widerhall politischer Umwälzungen: Ein brennendes Haus in regnerischer Nacht und der schmerzvolle Klagegesang um den Verlust eines geliebten Sohnes, ein böser Traum und die im rituellen Tanz beschworene Kraft des Übersinnlichen sind deren Vorboten. In den magischen Kulten beansprucht zugleich eine alte, traditionelle Welt ihr Recht gegenüber der modernen Ordnung.

Auch Itang (Hazel Orencio) und ihre geistig behinderte Schwester Joselina (Karenina Haniel), die als Heilerinnen arbeiten, gehören zu dieser archaischen Welt. Weil Itang aufgezehrt wird von der intensiven Pflege und Betreuung ihrer Schwester, deren extreme Zustände zwischen spastischen Verkrampfungen und Apathie wechseln, sucht sie Rat bei Pfarrer Guido(Joes Saracho). Obwohl dieser ihre Lage versteht, ermutigt er sie, in ihrem selbstlosen Tun durchzuhalten. Als Itang schließlich bemerkt, dass die schutzlose Joselina von dem Weibrenner Tony (Roeder) heimlich begehrt und vergewaltigt wird, verschlimmert sich ihre physische und psychische Krise immer mehr.

Wahnsinn und Tod machen sich breit in der kleinen Gemeinschaft, während eine Spionin des Regimes falsche Gerüchte streut und ein Unbekannter brutal Kühe erschlägt. Der alte Sito (Perry Dizon), der sich um den kleinen Waisenjungen Hakob (Reynan Abcede) kümmert, verliert dadurch seine Arbeit als Hirte. Sito hütet aber auch ein Geheimnis: Weil er dem Kind die wahren Hintergründe seiner Herkunft verschweigt, kommt es zwischen ihnen zu Missverständnissen und Konflikten, denn der Junge plant mit erschwindeltem Geld eine Reise zu seinen angeblich in einer entfernten Leprakolonie lebenden Eltern. Außerdem tauchen eines Tages Soldaten auf, um zur Abwehr von Feinden ein Camp zu errichten, wodurch nach und nach fast alle Dorfbewohner den Ort verlassen.

„Die Wahrheit ist tot“, heißt es einmal über die Gründe für den Niedergang dieser verschwindenden Gemeinschaft. Nur der alte, kranke Dichter, der zum Sterben in die Heimat zurückgekehrt ist, hat sich gegen die scheinbar unumkehrbaren Auflösungserscheinungen den Glauben an die Traditionen bewahrt. Gegen die Skepsis des desillusionierten Sito beschwört er das überlieferte Wissen der Vergangenheit, deren Teil er schließlich durch eine rituelle Flussbestattung werden möchte. Auf einem brennenden Floß treibt sein Leichnam dieser Erfüllung entgegen. Doch dann fügt Lav Diaz seinem Film eine weitere Szene an, die zeigt, dass der Schrecken längst nicht gebannt ist, sondern weitergeht.

Die Verlegerin

(USA 2017, Regie: Steven Spielberg)

Halbwegs rasierte Raucher
von Thomas Blum

So war das Anfang der 70er Jahre in Zeitungsredaktionen: Journalisten waren Männer mit Krawatten und weißen Oberhemden, die Frauen waren Tippsen (außer ein paar Emanzen eben). Die Telefone, an denen …

So war das Anfang der 70er Jahre in Zeitungsredaktionen: Journalisten waren Männer mit Krawatten und weißen Oberhemden, die Frauen waren Tippsen (außer ein paar Emanzen eben). Die Telefone, an denen die Redakteure, die ununterbrochen rauchten, sich mit Informanten austauschten, hatten Wählscheiben. Und im Newsroom gab’s statt des Internets ein Rohrpostsystem. Die Reporter waren nur halbwegs rasiert, rauchten ebenfalls unentwegt und trafen sich in abgelegenen Provinzmotelzimmern mit fragwürdigen Gestalten, die Staatsgeheimnisse in ihren Koffern umhertrugen. So war das.

Steven Spielberg hat einen Film gemacht, der die Presse und ihre Aufgabe (Kontrolle der Regierung) glorifiziert, der die Zeitungen als die große, wichtige vierte Macht im Staat inszeniert, als Hüterinnen der Demokratie, die, um des Wohlergehens der Gesellschaft willen, täglich mit ihren Artikeln tapfer für Aufklärung und Meinungsfreiheit und gegen Korruption und Lüge kämpfen – statt Artikel zu produzieren, die nur dazu da sind, „den Platz zwischen den Anzeigen zu füllen“ (Hermann L. Gremliza).

Die Zeitung, um die es in Spielbergs neuem Film „Die Verlegerin“ geht, die „Washington Post“, ist ein traditionelles Familienunternehmen. Die Verlegerin (Meryl Streep), ganz zaudernde Bürgersfrau, ist hin- und hergerissen: Soll sie einen nicht geringen Anteil ihres Blattes, um es am Leben zu erhalten und bestenfalls ordentlich Geld mit ihm zu verdienen, an Investoren verhökern, oder soll sie zugunsten der guten alten journalistischen Unabhängigkeit aufs Ökonomische vorerst pfeifen? Wie viel Einspruch von Anteilseignern oder Anzeigenkunden muss man als Zeitungsverlegerin erdulden? Soll der Chefredakteur der „Post“ (Tom Hanks) sich von US-Präsident Nixons Schergen vorschreiben lassen, welche Mitarbeiterin er anlässlich der Hochzeit von Nixons Tochter ins Weiße Haus schicken soll? Oder soll er gegenüber Nixon darauf bestehen, dass bitteschön die kritische Reporterin zu berichten hat und nicht die Klatschkolumnistin? Soll man die 20 Kilogramm Geheimdienstunterlagen, an die man gekommen ist und aus denen hervorgeht, dass die US-Regierung jahrelang die Bevölkerung über den Verlauf des Vietnamkriegs belogen hat, veröffentlichen? Oder soll man aus Angst vor Nixons Macht klein beigeben? Will man Regierungsblatt sein oder kritischen Journalismus betreiben?

Sie merken: Es geht um Aufrichtigkeit, um Wahrheit, um Moral, um sogenanntes ehrliches Journalistenhandwerk einerseits und Profit und Propagandistenhandwerk andererseits. Es ist aber auch ein Film geworden, in dem in bräunlich-beige eingerichteten Großbürgerwohnungen überdurchschnittlich viel unoriginelle Dialoge aufgesagt werden. Und in dem Tom Hanks mit einer Frisur umherstiefelt, die aussieht wie ein schlecht angeklebtes Toupet.

Später folgen schließlich die standardisierten Filmbilder über die Zeitungsbranche: aufgeregt hin- und herlaufende Zeitungsmenschen, die Merksätze sagen („Man kann nicht gleichzeitig eine Informationsquelle und ein Freund sein“) oder Sachen rufen wie „Wir drucken’s!“ oder „Wir haben noch zehn Stunden!“, vom Wind durch die Straßen getriebenes Zeitungspapier, Druckplatten mit Bleisatzbuchstaben, ratternde Druckmaschinen und Fließbänder, drängende Telefonkonferenzen, Zeitungspakete, die im Morgengrauen auf Auslieferungslaster verladen werden und später auch wieder aus ihnen herauspurzeln auf die Straße, dazu die handelsübliche, wahlweise klebrige oder dramatische Musik. Am Ende gewinnen wie immer die Guten gegen den Bösen. Klar, denn es ist ein Spielberg’scher Saubermannfilm. Und eine moralische Botschaft haben wir auch auf den Weg mitbekommen: „Die wesentliche Aufgabe der Presse besteht in einer Demokratie darin, den Regierten zu dienen, nicht den Regierenden.“ Gut. Jetzt können wir uns wieder beruhigt der Lektüre der „Süddeutschen“ widmen.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Die Verlegerin“.

Lucky

(USA 2017, Regie: John Carroll Lynch)

Schwarzes Nichts
von Wolfgang Nierlin

Wenn die Sonne über den Bergen und der ausgetrockneten Wüstenlandschaft aufgeht, beginnt in dem kleinen, irgendwo im Südwesten der USA liegenden Städtchen ein Tag wie jeder andere. Ein alter Mann …

Wenn die Sonne über den Bergen und der ausgetrockneten Wüstenlandschaft aufgeht, beginnt in dem kleinen, irgendwo im Südwesten der USA liegenden Städtchen ein Tag wie jeder andere. Ein alter Mann mit hagerem Körper, dessen Gesicht wir zunächst nicht sehen, steht auf, macht seine Morgengymnastik, während aus dem Radio Mariachi-Musik dröhnt, trinkt seine Milch, raucht dazu eine Zigarette und tritt schließlich in das gleißende Licht des neuen Tages. „Harry Dean Stanton ist Lucky“, verkündet der Titel des Films, um auf die biographische Nähe zwischen dem Darsteller und der ihm nachempfundenen Figur hinzuweisen. Regisseur John Carroll Lynch sowie die beiden Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja wollten dem im vergangenen Jahr im Alter von 91 Jahren verstorbenen Schauspieler, der fast immer nur Nebenrollen spielte, mit „Lucky“ ein Denkmal setzen.

Im Rhythmus der Tage geht der agil und bestimmt wirkende Titelheld immer die gleichen Wege, um gewohnheitsmäßig die gleichen, vertrauten Orte aufzusuchen. Das erinnert inhaltlich, in Stil und lakonischem Duktus an Jim Jarmuschs Film „Paterson“. „Du bist nichts“, begrüßt Lucky stets Joe (Barry Shabaka Henley), den geduldigen Inhaber des Diners, wo der mürrische Querkopf immer einen Kaffee trinkt und Kreuzworträtsel löst. Hier wie anderswo gehört Lucky zum Inventar. Seine üblichen Sticheleien und boshaften Beschimpfungen sind im Grunde ritualisierte neckische Freundschaftsbeweise eines notorischen Einzelgängers, der zwischen Alleinsein und Einsamkeit unterscheidet und seine selbstgewählte, nichtsdestotrotz illusionäre Unabhängigkeit verteidigt.

In Wirklichkeit ist der Grantler mit dem ausgeprägten, ziemlich nüchternen Realitätssinn umgeben von Ersatzfamilien: Dazu gehören nicht nur die nachmittäglichen Game-Shows im Fernsehen und die ominösen Anrufe bei einem schweigenden Unbekannten, die sich als Selbstgespräche entpuppen, sondern vor allem die Verkäuferin eines Ladens, den Lucky täglich für den Kauf von Milch und Zigaretten aufsucht. Dann ist da noch sein besorgter Freund Howard (David Lynch), den er abends in Elaines Bar trifft und der darüber klagt, dass ihn seine 100-jährige Landschildkröte „Präsident Roosevelt“ verlassen habe. Und der nicht zuletzt deshalb damit beginnt, mit Hilfe eines Rechtsanwalts seinen Nachlass zu regeln.

Tatsächlich rahmt das Verschwinden und Wiederauftauchen der Schildkröte den liebenswerten Film, in dessen thematischem Zentrum die Vergänglichkeit allen Seins steht. „Die Wahrheit des Universums“, nennt das Lucky, der nicht müde wird, in paradoxen philosophischen Zuspitzungen die „schwarze Leere“ zu verkünden: „Was uns bleibt, ist das Nichts.“ In ebenso witzigen wie skurrilen Begegnungen und Gesprächen propagiert Lucky mit einem entspannten Blick ins Unabänderliche eine Art freundlichen Nihilismus. Trotzdem muss der stoische Kriegsveteran eines Tages bekennen: „Ich hab‘ ‘ne scheiß Angst.“ Denn obwohl ihm sein Arzt (Ed Begley, Jr.) eine ausgezeichnete Gesundheit attestiert, kippt Lucky plötzlich einmal um. Er sei alt und werde jeden Tag älter, lautet daraufhin die ärztliche Diagnose.

Und so kommt es, dass sich der beunruhigte Alte an frühere Erlebnisse erinnert, die ihn schon als Heranwachsender mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert haben. Fast beiläufig und doch genau entwickelt der Schauspieler John Carroll Lynch in seinem späten Debütfilm daraus ein Geflecht von Bezügen, in denen die vergehende Zeit zum inneren wie äußeren Bezugspunkt der Handlung wird. Dass sein Eigenbrötler letztlich in der Gemeinschaft aufgehoben ist und dass ein Lächeln inmitten von Horror und Vergeblichkeit einen Moment der Hoffnung stiften kann, gehört zu den versöhnlichen Momenten dieses auf entspannte Art schönen Films über das Wesentliche im Leben.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Lucky“.

SPK-Komplex

(D 2018, Regie: Gerd Kroske)

Die haben immer nur Hegel gelesen
von Thomas Blum

„Wir sind alle krank. Wir werden krank gemacht und ständig den krankmachenden Zwängen der Gesellschaft ausgesetzt.“ Der Kapitalismus ist es, der den Leuten ihre Gesundheit nimmt und sie früher oder …

„Wir sind alle krank. Wir werden krank gemacht und ständig den krankmachenden Zwängen der Gesellschaft ausgesetzt.“ Der Kapitalismus ist es, der den Leuten ihre Gesundheit nimmt und sie früher oder später zu psychischen Wracks macht. Das zumindest nahm Dr. Wolfgang Huber an, in den 60er Jahren war er ein junger Arzt an der Poliklinik der Universität Heidelberg. Im Film „SPK-Komplex“ wird nun seine Geschichte und die seiner Patienten erzählt: Huber und eine wachsende Gruppe seiner Patienten gründeten, von den konservativen Ärzten und den schwäbischen Spießbürgern damals mehr als nur skeptisch beäugt, das sogenannte Sozialistische Patientenkollektiv (SPK), eine sich als gesellschaftskritisch begreifende Kommune, deren Mitglieder davon überzeugt waren, dass eine Krankheit kein individuelles „Schicksal“ sei, sondern die Folgeerscheinung eines Lebens in grundfalschen Verhältnissen. Die Vorstellung, ein Arzt habe in erster Linie die Aufgabe, bei einem psychisch angeschlagenen Menschen dessen Funktionstüchtigkeit wiederherzustellen, ihn zu „normalisieren“, ihn also wieder in die als falsch erkannten kapitalistischen Alltagsprozesse zu integrieren, teilte man nicht: „Es kann keine Therapie geben bei einem Machtverhältnis wie dem zwischen dem Patienten und dem Arzt.“ Aus der Krankheit, unter der man leidet, so schlussfolgerte man, müsse man daher „eine Waffe machen“. Das waren Töne, wie man sie bis dahin in der beschaulichen badischen Provinz nicht vernommen hatte.

Texte von Michel Foucault und Wilhelm Reich wurden gelesen, nächtelange Diskussionen geführt, und es wurde Psychiatriekritik geübt, die schließlich in radikaler Gesellschaftskritik mündete. Die Haare Hubers wurden über die Jahre länger und auch der Bart wuchs prächtig. Wenn die Institutionen der Machthabenden (Justiz, Polizei, Ärzteschaft, Politik usw.) nichts anderes im Sinn haben, als die Menschen zuzurichten, d.h. für bestimmte Zwecke nutzbar und gefügig zu machen, dann hat man das Recht, diese Gesellschaft auch militant zu bekämpfen, so lautete ein Gedanke. Bis zur Zusammenarbeit Hubers und seiner Patientengruppe mit der RAF der frühen 70er Jahre, der man logistische Hilfe leistete, war es dann nicht mehr weit.

Der Dokumentarfilmer Gerd Kroske, dem wir etwa auch einen wunderbaren Film über den lange zu Unrecht vergessenen komischen Künstler Heino Jaeger zu verdanken haben, nähert sich in seiner neuesten Produktion seinem Gegenstand wie gewohnt: mit ruhigen Kamerabildern, die Originalschauplätze (Krankenhausflure, Vorlesungssäle, Wohnräume) zu Original-Audiodokumenten zeigen, sorgsam ausgewähltem Archivmaterial und mit behutsam geführten Interviews, in denen Zeitzeugen zu Wort kommen, ohne dass diese dabei zum Sprechen gedrängt werden. Vielmehr dürfen die Interviewten auch mal schweigen und manches nur andeutend oder ratlos in die Kamera gucken.

Kroske erinnert mit seinem Film auch an die postnationalsozialistische Gesellschaft der Bundesrepublik, die in den 70ern weit davon entfernt war, ihre Geschichte „aufzuarbeiten“, und in der einstige Nationalsozialisten wie der ehemalige NS-Marinerichter und spätere baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger über Jahrzehnte hinweg völlig selbstverständlich in Machtpositionen saßen.

Zeitzeugen wie die ehemaligen RAF-Angehörigen Carmen Roll, Lutz Taufer und Karlheinz Dellwo kommen ebenso zu Wort wie Richter, Journalisten oder Kriminalbeamte wie etwa der Leiter des baden-württembergischen Staatsschutzes zwischen 1975 und 1980. Über das Patientenkollektiv weiß er Folgendes zu berichten: „Die haben immer nur Hegel gelesen, da hat man nach zwei Sätzen Kopfweh gekriegt.“

Wie man in der Bundesrepublik in dieser Zeit mit linksradikalen Inhaftierten umging, beschreibt in einer denkwürdigen Interviewszene des Films Lutz Taufer, der in den 60ern zunächst im SPK und später in der RAF aktiv war, fast 20 Jahre im Gefängnis saß und heute Vorstand des Weltfriedensdienstes ist. Nach seiner Überstellung ins Gefängnis Schwalmstadt in den 80er Jahren hätten Polizeibeamte ihm eine Lockerung seiner strengen Isolationshaft in Aussicht gestellt, indem sie ihm angeboten haben, er könne ja täglich abends mit drei anderen Inhaftierten in einem winzigen Raum gemeinsam fernsehen. Die drei anderen Inhaftierten hießen Klehr, Kaduk und Erber: NS-Kriegsverbrecher, ehemalige SS-Offiziere, die im Konzentrationslager Auschwitz eine Unzahl von Menschen gefoltert und ermordet hatten.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

1000 Arten Regen zu beschreiben

(D 2018, Regie: Isa Prahl)

Die Tür ins Leben
von Carsten Happe

Kate Bush begnügte sich auf ihrem bislang letzten Studioalbum damit, „50 Words of Snow“ aufzuzählen – da ist Isa Prahls Debütfilm schon weitaus ambitionierter, zumindest im Titel. Wirklich regendurchnässt wird …

Kate Bush begnügte sich auf ihrem bislang letzten Studioalbum damit, „50 Words of Snow“ aufzuzählen – da ist Isa Prahls Debütfilm schon weitaus ambitionierter, zumindest im Titel. Wirklich regendurchnässt wird es für die zumeist abwesende Hauptfigur des Films allerdings nicht, verschanzt sich Mike doch permanent in seinem Zimmer. Der Teenager ist gerade achtzehn Jahre alt geworden, ist weder krank noch mutmaßlich geistig gestört, er gefährdet weder sich selbst noch andere, also ist für seine Eltern an der verbarrikadierten Zimmertür erst mal Schluss. Der Geburtstagskuchen und das Ständchen werden unmissverständlich mit laut aufgedrehter Musik beantwortet, das steinerweichende Kratzen des Familienhundes stößt auf taube Ohren. Die Tür bleibt zu.

In Japan wurde für dieses Verhalten vor rund zwanzig Jahren der Begriff „Hikikomori“ geprägt und seit einiger Zeit schwappt dieses Phänomen auch in die westliche Welt herüber. Sei es der Leistungsdruck in der Schule, angespannte Familienverhältnisse oder diffuse Zukunftsängste – insbesondere der männliche Nachwuchs igelt sich immer häufiger ein. „1000 Arten Regen zu beschreiben“ ist der Film zum Thema, ohne je in die Gefahr zu geraten, ein Themenfilm zu sein. Dafür wendet er den geschickten dramaturgischen Kniff an, den Zuschauer gemeinsam mit der Restfamilie außen vor zu lassen. Nie dürfen wir das Zimmer betreten, nie Mikes Motivation erfahren. Die unterschiedlichen Bewältigungsstrategien sind es, die diesen Film ausmachen, die Ohnmacht des Vaters, der sich vor der untragbaren Situation mehr und mehr in seine Arbeit flüchtet, die verständnisvolle Mutter, die nach wie vor das Essen für ihren Sohn bereitstellt und auf eigene Faust Nachforschungen in Mikes ehemaligem Umfeld anstellt. Und schließlich die jüngere Schwester, mit der Mike hin und wieder Zettelchen mit bemerkenswerten Regenphänomenen unter der Tür durchschiebt. Sie alle werden von Mikes Entschluss mehr durchgeschüttelt, als es ihnen lieb ist, und der Anschein der intakten Familie samt Sohnemann, der vorgeblich für ein paar Monate in den USA weilt, kann ohnehin nicht lange aufrecht erhalten bleiben.

Das Leben an der verschlossenen Tür weicht im Laufe des Films mehr und mehr einer Außenwelt, in der sich die Familienmitglieder von der belastenden Situation freistrampeln, neue Beziehungen eingehen, erwachsen werden. Die Inszenierung dieser individuellen Suchen bleibt dabei stets unaufgeregt und zurückhaltend, beinahe schon routiniert, was für einen Debütfilm fast ein wenig schade ist. Auch Bibiana Beglau und Bjarne Mädel fügen als Mikes Eltern ihrem bekannten Rollenspektrum wenig Neues hinzu. Etwas dankbarer fällt da schon die Figur der pubertierenden Schwester Miriam aus, die Emma Bading mit großer Neugierde füllt – und auch mit einem gewissen Gespür, weshalb sich ihr Bruder bewusst für den Rückzug entschieden hat. So gelingt es dem Film letztlich auch, mit einem hoffnungsvollen Ton zu enden. Die verschlossene Tür, die anfangs vor allem als Spiegel fungierte, die übrigen Familienmitglieder auf sich selbst zu fokussieren, wird schließlich zum Sprungbrett in ein runderneuertes Leben – und „1000 Arten Regen zu beschreiben“ zum Coming-of-Age-Film für mehrere Generationen.

Killer of Sheep (WA)

(USA 1977, Regie: Charles Burnett)

Diese bittere Erde
von Wolfgang Nierlin

Ein Vater spricht eindringlich und streng zu seinem Sohn: Er solle endlich begreifen, um was es im Leben gehe und lernen, sich selbst zu verteidigen. Kurz darauf sieht man Kinder …

Ein Vater spricht eindringlich und streng zu seinem Sohn: Er solle endlich begreifen, um was es im Leben gehe und lernen, sich selbst zu verteidigen. Kurz darauf sieht man Kinder und Jugendliche, die sich mit Steinen und Staub bewerfen und dabei hinter Holzschilden Schutz und Deckung suchen. Ihre Kämpfe auf dem von Gerümpel und Schutt übersäten Brachland sind für sie alltägliches Spiel, bei dem Mut erprobt und Kräfte gemessen werden. Immer geht es um Dominanz und Unterwerfung und den Sieg des Stärkeren über den Schwächeren. Begleitet wird das ständige Gegeneinander von lockeren Sprüchen und provozierenden Reden. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, wird hier anschaulich. Im Kampf intensiviert sich das Leben. Von einem sanften Swing-Rhythmus begleitet, gewinnt man aber trotzdem auch den Eindruck, dass sich in einem Unterstrom dieser gewalttätigen Spiele das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft verbirgt.

Der Vater des Jungen heißt Stan (Henry Gayle Sanders) und lebt mit seiner Familie Mitte der 1970er Jahre in ärmlichen Verhältnissen einer überwiegend von Schwarzen bewohnten Vorort-Siedlung von Los Angeles. Stan arbeitet in einem Schlachthaus, wo er Schafe tötet. Er wirkt unglücklich und findet keinen Schlaf. Zu einem Kumpel, mit dem er Domino spielt, sagt er: „Mein Leben wird immer mehr zur Hölle.“ Stans deterministische Weltsicht rechnet nicht mit einer Veränderung. Seine Frau (Kaycee Moore) betrachtet ihn deshalb mit zärtlicher Sorge und sucht bei ihm vergeblich nach Zuwendung. Trotzdem hat man bei ihnen das Gefühl, dass sie sich lieben und verstehen. Einmal tauchen zwei coole Typen auf, die Stan zu einem krummen Ding überreden wollen. Die beiden sind Wölfe im Schafspelz. Sie sagen zu Stan, er solle endlich begreifen, worum es im Leben gehe: „Das Tier hat seine Zähne, der Mann hat seine Fäuste.“ Und: „Man lebt nicht richtig, wenn man Angst hat vor dem Sterben.“ Doch Stan, der geduldig ist wie ein Schaf, versucht, ehrlich zu bleiben.

Trotz dieser sozialdarwinistischen Anklänge und einem ungeschönt realistischen Blick auf schwierige Lebensverhältnisse ist Charles Burnetts Debütfilm „Killer of Sheep“ aus dem Jahre 1977 alles andere als düster. Mit Freunden, Bekannten und wenig Geld an Originalschauplätzen in Watts gedreht, vermittelt er vielmehr eine heitere Gelassenheit. Diese resultiert aus der Offenheit, mit der Burnett den Portraitierten begegnet, und aus der Sympathie, mit der er ihr Scheitern an den Widrigkeiten des Alltags begleitet. Manches davon, eingefangen in einem dokumentarischen, unspektakulären Stil, ähnelt dem Tun des Sisyphos. Die Melancholie von Dinah Washingtons Song „This Bitter Earth“ spiegelt das wider. Trotzdem überwiegt am Ende des Films, als eine Schwangerschaft angekündigt und imaginiert wird, die Hoffnung. Einfühlsam, poetisch und gegen die falschen Bilder Hollywoods macht Charles Burnett eine Black Community – nicht zuletzt in ihrem Flow und ihrer Sprache – sichtbar, deren Lebendigkeit, so der Regisseur, in jedem Augenblick zählt.

Wind River

(USA 2017, Regie: Taylor Sheridan)

Auf sich gestellt
von Wolfgang Nierlin

Das Verhältnis des Jägers zu den bejagten Tieren ist ambivalent. Zu Beginn von Taylor Sheridans Film „Wind River“ erschießt der Raubtierjäger Cory Lambert (Jeremy Renner) einen Wolf, der zusammen mit …

Das Verhältnis des Jägers zu den bejagten Tieren ist ambivalent. Zu Beginn von Taylor Sheridans Film „Wind River“ erschießt der Raubtierjäger Cory Lambert (Jeremy Renner) einen Wolf, der zusammen mit seinem Rudel eine Schafherde bedroht. Einen anderen lässt er laufen. Cory tötet weder aus Spaß noch um des Tötens willen, sondern um die Nutztiere zu schützen. Dahinter steckt auch ein tiefer Respekt vor der Natur, dem Land und den Menschen, die es bewohnen.

Sheridans moderner Western spielt in dem titelgebenden Indianerreservat des US-Bundesstaats Wyoming, wo es noch immer Winter ist und die rauen Stürme das Thermometer auf minus 20 Grad Celsius drücken. Die Unwirtlichkeit der Landschaft korrespondiert mit der Perspektivlosigkeit der Natives, die sich abgehängt und entwurzelt fühlen und sich deshalb voller Wut in die Alkohol- und Drogensucht flüchten. Cory, der viele Freunde unter den amerikanischen Ureinwohnern hat, lebt getrennt von seiner indigenen Frau. Am Wochenende kümmert er sich um seinen kleinen Sohn, zeigt ihm in sehr männlicher, bestimmter Ansprache die Arbeit mit den Tieren.

Dann wird der Wildlife-Ranger, der auch ein begnadeter Fährtenleser ist, angefordert, um den Spuren eines Pumas zu folgen. In seinem weißen Tarnanzug ist er vor der weiten Schneefläche gewissermaßen unsichtbar. Der Kontrast zu den Blutspuren, auf die er bald stößt, ist deshalb umso stärker. Sie führen ihn zu der Leiche einer jungen Frau aus dem Reservat, die offensichtlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Sein Schock ist umso tiefer, da er die 18-Jährige und ihre Familie gut kennt; vor allem aber erinnert ihn die Tote an den Schmerz über den gewaltsamen Verlust der eigenen Tochter.

Vielleicht ist Taylor Sheridans sorgsam entwickelte Geschichte in bezug auf diese und andere Parallelen etwas überkonstruiert. Auch der Kontrast zwischen der unerfahrenen FBI-Agentin Jane Banner (Elisabeth Olsen), die auf den Fall angesetzt wird, und dem bestens an seine Umwelt angepassten Wildtierjäger, der ihr zur Seite steht, wirkt überdeutlich. Man müsse die Wölfe dort suchen, wo sie waren, sagt dieser, der die Spuren der Schuldigen im Weiß des Schnees zu deuten versteht. „Das Glück lebt nicht hier draußen“, ergänzt Cory seine illusionslose Sicht auf die Welt.

Sheridan rekurriert hier auf den Mythos des Wilden Westens als einer Welt, in der Männer mit ihren Waffen das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Hier, in der Wildnis, gebe es kein Versteck, sei man deshalb auf sich allein gestellt, sagt Cory zu Jane. Wie das in der weißen Stille aussieht und klingt, zeigt Taylor Sheridan in einem intensiven, knallharten Shootout, dessen Logik von Gewalt und Gegengewalt bestimmt ist. Leider vernachlässigt er darüber die Beschreibung der sozialen Probleme innerhalb der indigenen Community.

Atelier de Conversation

(F/AT/LI 2017, Regie: Bernhard Braunstein)

Raum für Gefühle und Gedanken schaffen, aber s'il vous plaît en français
von Britta Rotsch

Im Pariser Centre Pompidou füllt sich jede Woche ein leerer Raum mit einem Stuhlkreis, der Platz für ungewöhnliche Begegnungen schafft. In 72 Minuten kommt jede*r zu Wort: von der spanischen …

Im Pariser Centre Pompidou füllt sich jede Woche ein leerer Raum mit einem Stuhlkreis, der Platz für ungewöhnliche Begegnungen schafft. In 72 Minuten kommt jede*r zu Wort: von der spanischen Austauschstudentin über eine peruanische Lehrerin bis zum irakischen Kriegsflüchtling. So unterschiedlich die verschiedenen Teilnehmer*innen in dem kleinen weißen Raum auch sind, so farbenfroh und stark ist der Inhalt, der diesen stillen Ort jede Woche neues Leben einhaucht.

Es wird geredet, zugehört und das am besten ohne über Politik zu sprechen. So offen der Raum auch für alle ist, zwei Regeln gibt es in diesem dokumentarischen Kammerspiel zu beachten: Erstens wird nur über unbeschwerte Dinge gesprochen; zweitens dürfen den Mund nur französische Sätze verlassen. Hier geht es um das Lernen der französischen Sprache. Auf den ersten Blick scheint das zumindest das Hauptanliegen der Gruppen zu sein. Sie sind auf der Suche nach einem erlebten und emotionalen Austausch. In dem kleinen Raum finden sich nur Fremde unterschiedlicher Nationen, Schichten und Generationen zusammen, doch teilen die Leidensgenossen ein gemeinsames Gefühl, das sie alle verbindet: das Fremdsein im Ausland.

Manche leben erst seit ein paar Wochen in Paris und andere bereits seit Jahrzehnten. Und dennoch fällt das Ankommen schwer. Denn feststeht, dass Migrant*innen nie richtig ankommen können, weil sie die innere Herkunft wie ein unsichtbares Band von ihrem temporären oder neuen Zuhause davon abhält. Ebenso erfolgen Stigmatisierungen, die es den Anwesenden erschweren, in Paris anzukommen. Alles ist anders, alles ist neu, alles ist schwierig.

Aber nicht bloß das. So vieles gibt es neu zu erlernen. Nicht nur die Sprache trennt Menschen voneinander. Wie sieht es mit unterschiedlichen Kulturen aus, mit Glaubensvorstellungen oder dem Frauen- und Männerbild, das in jeder Kultur anders vermittelt und gelebt wird? Viel wissen die zusammensitzenden Individuen nicht voneinander. Doch allseits bekannte Klischees wie ein Chinese isst Hunde und der Franzose backt das beste Brot der Welt, zaubern den Menschen ein Lächeln ins Gesicht, lässt sie laut auf ihre Schenkel klatschen.

Durch Vorurteile über die jeweiligen Nationalitäten glauben wir, die Anderen zu kennen, sie zu verstehen, voneinander zu wissen und scheitern an diesem Schubladendenken dennoch immer wieder. Es sind die kleinen feinen Unterschiede, das Denken übereinander, das uns trennt. Diese kollektiven Stereotypen wandern um die ganze Welt, sodass sie zwar Kulturkreise trennen, das Wissen darüber aber wieder verbindet. Denn schließlich sind Klischees nicht umsonst da, vrai? So zumindest findet das eine Protagonistin in „Atelier de Conversation“.

Der Regisseur Bernhard Braunstein ist vor Jahren nach Paris gezogen und schöpft wohl aus dieser Erfahrung die Idee, den Raum in Centre Pompidou mehr in den Mittelpunkt des schnelllebigen, anonymen Pariser Großstadtlebens zu stellen. Ein Raum als hoffnungsvolle Begegnungsstätte? Man sitzt und spricht miteinander auf Augenhöhe. Menschen, die normalerweise niemals miteinander in Berührung kommen, treten in Dialog, wobei vorsichtig soziale und kulturelle Grenzen aufgebrochen und Hass und Angst gegenüber anderer Nationalitäten überwunden werden.

„Atelier de Conversation“ könnte nicht aktueller sein. Einsamkeit, Fremdheit, sprachliche Barrieren, aber auch Identitätsfragen oder kulturelle Unterschiede werden mal auf witzige Art und Weise thematisiert und plötzlich laufen Tränen über die Gesichter der sich im Stuhlkreis Sitzenden. Die Emotionen sind authentisch, die Menschen kommen sich nah. Löblich, denkt man sich. Solch einen Begegnungsort sollte es in jedem Land geben. Vielleicht würde das Denken über Fremde dadurch besser werden. Bestimmt sogar.

Marlina – Die Mörderin in vier Akten

(ID 2017, Regie: Mouly Surya)

Feministischer Western
von Wolfgang Nierlin

Nach den ersten Takten Musik und einer Totalen auf eine weite, hügelige Prärie-Landschaft deutet sich bereits an, dass mit Mouly Suryas Film „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ ein …

Nach den ersten Takten Musik und einer Totalen auf eine weite, hügelige Prärie-Landschaft deutet sich bereits an, dass mit Mouly Suryas Film „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ ein Western der besonderen Art beginnt. Zum Rhythmus eines gemächlichen Pferdegalopps bewegt sich in der Ferne ein Motorradfahrer auf ein alleinstehendes Haus zu. Hier, in der trockenen, dünn besiedelten Einöde, wohnt die schöne Witwe Marlina (Marshy Timothy) einsam und schutzlos (mit ihrem mumifizierten Mann). Vor der untergehenden Abendsonne verheißt der fremde Ankömmling nicht Gutes. Besitzergreifend und bestimmend kehrt Markus (Egi Fedly), der Anführer einer Bande von Banditen ein, lässt sich in aller Bequemlichkeit nieder, um Marlina daraufhin seinen perfiden Plan mitzuteilen: Sobald seine sechs Kumpane eingetroffen sind, werde man ihr Vieh stehlen, sich von der Hausherrin bekochen lassen und sie nach der Mahlzeit gemeinschaftlich vergewaltigen.

„Der Überfall“ ist dieser erste Akt des ironisch gebrochenen Westerns betitelt, dessen Anfang während einer Vollmondnacht spielt und damit endet, dass alle anwesenden Verbrecher tot sind. Mit dem Kopf des enthaupteten Anführers macht sich die Titelheldin am nächsten Morgen auf den Weg („2. Akt: Die Reise“) zu einer entlegenen kleinen Polizeistation, um Anzeige zu erstatten und den „Gefangenen“ zu überführen („3. Akt: Das Geständnis“). Doch unterwegs in der flirrenden Hitze und Helligkeit wird die ebenso geheimnisvolle wie gefährliche Heldin nicht nur von zwei der Banditen verfolgt, sondern auch vom Geist des getöteten Anführers. Für ein kleines, verwaistes Mädchen wird sie für kurze Zeit zur Ersatzmutter und für eine Schwangere zur Geburtshelferin („4. Akt: Die Geburt“). Sex und Gewalt, Leben und Tod sind in Mouly Suryas Film eng aufeinander bezogen.

Der eigentümlich gestimmte feministische Western, dem die indonesische Filmemacherin frei und unkonventionell sowohl ironische als auch surreale Elemente beigemischt hat, handelt vor allem von patriarchalen Strukturen und männlicher Gewalt. Gedreht auf der für seine ungewöhnlich trockene Landschaft charakteristischen Insel Sumba, wo sich Armut, Gesetzlosigkeit und Spiritualität bis heute mischen, taucht der Film ein in eine Welt des Ahnenkults und der unterdrückten Weiblichkeit. In ruhigen Bildern und mit überraschenden Wendungen erzählt Mouly Surya in ihrem dritten Spielfilm, wie sich ohne viele Worte weibliche Stärke und Solidarität schließlich auf sehr natürliche, insgeheim aber märchenhafte Weise durchsetzen. Der Aufbruch der Frauen geht am Ende der Sonne entgegen.

Shape of Water

(USA / CA 2017, Regie: Guillermo del Toro)

Monströse Menschen
von Thomas Blum

Wer eine Abneigung gegen die Farbe Grün hat, insbesondere gegen deren intensivere Varianten, für die oder den ist dieser Film nichts. Grün ist das Wasser und das unterseeische Treiben. In …

Wer eine Abneigung gegen die Farbe Grün hat, insbesondere gegen deren intensivere Varianten, für die oder den ist dieser Film nichts. Grün ist das Wasser und das unterseeische Treiben. In Toilettensteingrün erstrahlen hier die Limettentorte auf den Tellern und das glibberige Gelatine-Parfait in den Glasschüsselchen, technicolorgrün schimmern die Kacheln oder die Reklameschilder im Bildhintergrund, grün sind die Putzfrauenkittel unserer Protagonistinnen, und in Aquariumsgrün sind die Kulissen und Räume ausgeleuchtet. Giftgrün leuchten auch die billigen Bonbons, die der Bösewicht zerbeißt, grün ist der Umschlag des Buches, das er in einer Szene in den Händen hält („The Power of Positive Thinking“), und türkisgrün glänzt der Cadillac, den er sich anschafft. Die Farbe Grün komponiert in ihren unterschiedlichen Schattierungen die gesamte Bildwelt dieses Films.

In ihrer übertriebenen Künstlichkeit ist diese ganz den kursierenden Images der urbanen USA der 50er und 60er Jahre nachgebildete Kulissenwelt von berauschender Schönheit. Zu sehen – im Sinne von geradezu voyeuristisch genießen – gibt es hier viel, vor allem eine sich in der bewusst cleanen Bildästhetik sowie zahllosen Ausstattungsdetails des Films niederschlagende, endgültig verschwundene Vergangenheit, die sich in hedonistischem Konsum ebenso manifestierte wie im Glauben an die gesellschaftliche Erzählung vom für alle erreichbaren Wohlstand und Glück.

Wer früher Filme des Mexikaners Guillermo del Toro gesehen hat, etwa seinen Kakerlaken-Horrorthriller „Mimic“ (1997) oder sein Action-Creature-Feature „Pacific Rim“ (2013), weiß, dass der Mann einen ausgeprägten Stilwillen hat und sich auf Hommagen versteht, dass er die Trivial- und Populärkultur längst vergangener Zeiten liebt: Sein Actionfilm „Pacific Rim“ etwa bediente sich erkennbar aus Cartoons, Videogames und Science-Fiction-Filmen der 80er Jahre und lässt eine nicht geringe Wertschätzung für diese teils bis heute aus dem bürgerlichen Kunstkanon verbannte Kultur erkennen.

Del Toros neues Werk, „The Shape of Water“, für 13 Oscars nominiert, ist nicht hundertprozentig einem bestimmten Genre zuzuordnen, denn es ist mehreres zugleich, vor allen Dingen ist es weit mehr als nur ein „Erbauungsfilm, der die Solidarität der Schwachen beschwört“ („Spiegel Online“). Es speist sich, wie viele Filme des Regisseurs, aus unterschiedlichsten Quellen. Es ist Creature Feature, romantisches Fantasymärchen, phantastische Liebesromanze, ein Film, der spielerisch und liebevoll die Kalter-Krieg-B-Pictures zitiert, vor allem anderen aber ist er eine Hommage: an die von keinerlei Unheil getrübte Cartoon- und Reklamewelt und an Hollywoods Heile-Welt-Musicals der 30er und 40er Jahre, an den Swing und Jazz von Benny Goodman und Cab Calloway, an die USA der 50er Jahre und ihr bonbonbuntes Gut-gegen-Böse-Popcorn-Kino und ihre ganz nach demselben Muster gestrickten (Böse Fremde gegen gute Einheimische) TV-Serien („Bonanza“, „Twilight Zone“), insbesondere aber an die Monsterfilme des legendären Regisseurs Jack Arnold, dessen Filme als „die mythopoetische Beschreibung der amerikanischen Familie und ihrer Genesis“ (Georg Seeßlen) gedeutet werden können.

Doch nicht nur um das Kino und seine die Realität gleichzeitig spiegelnden und abspaltenden Scheinwelten geht es hier, sondern ebenso um die – vor den sozialen Kämpfen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung – durch und durch reaktionäre USA der 50er und 60er und ihre Obsessionen: ihre Homophobie, ihren Antikommunismus, ihren Hass auf Normabweichler und gesellschaftliche Außenseiter und ihren Rassismus. Es geht auch um Liebe und Einsamkeit, Erotik und Sehnsucht, Finden und Verlieren.

Doch der Reihe nach: Im Mittelpunkt der Handlung von „The Shape of Water“, die Anfang der 60er Jahre spielt, also auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges angesiedelt ist, steht eine Art Kiemenmensch, der Kreatur aus Jack Arnolds Filmklassiker „Der Schrecken vom Amazonas“ (1954) nicht ganz unähnlich. Das fremdartige Wesen wurde von einem reaktionären US-Offizier in eine Forschungseinrichtung des US-Militärs verschleppt, wo die halb menschlich, halb meerestierähnlich scheinende Kreatur gefoltert wird und ihre mögliche Verwendung für Kriegszwecke geprüft werden soll. Auch die Sowjets interessieren sich logischerweise für das mysteriöse Wasserwesen, und auch ihre Gründe sind nicht gerade die ehrenhaftesten, wie man sich denken kann. Die in der US-Forschungseinrichtung arbeitende stumme Putzfrau Elisa wird auf die eingesperrte und misshandelte fremdartige Kreatur aufmerksam, unternimmt während ihrer Arbeitszeit heimlich Versuche, mit ihr zu kommunizieren, verliebt sich schließlich in das zauberische Wesen und schmiedet Pläne, ihm das Leben zu retten.

Elisa und das Kiemenwesen: Beide sind allein und auf jeweils eigene Art ihrer Welt entrissen. Wo das sonderbare Wesen Kiemen hat, hat Elisa Narben am Hals, die ihr Stummsein markieren. Elisa, deswegen von ihrer Umgebung als Sonderling beäugt und diskriminiert, entdeckt in dem leidenden Kiemenwesen, dem es nicht möglich ist, sich der menschlichen Sprache zu bedienen, und das daher zum Schweigen bzw. zu einem für menschliche Ohren unverständlichen Schnattern verurteilt ist, ihr eigenes Schicksal wieder. Seinen Wert und seine Einzigartigkeit vermag sie zu erkennen, weil sie als Einzige in der Lage ist, das vermeintlich Andere als das Eigene zu sehen, im vermeintlich bösen Fremden das Menschliche. Das Monster, es ist keines, es ist unschuldig. Die Monster sind die Menschen, die es quälen.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Stephen Kings Stark

(USA 1990, Regie: George A. Romero)

Durch Übererfüllung zum Meisterwerk
von Nicolai Bühnemann

Stephen Kings Roman „The Dark Half“ transformiert mit seiner Prämisse allgemeine Menschheitsängste – das Motiv vom Doppelgänger, vom bösen (Zwillings-)Bruder – auf eine Art, die, wie ich glaube, diesem Autor, …

Stephen Kings Roman „The Dark Half“ transformiert mit seiner Prämisse allgemeine Menschheitsängste – das Motiv vom Doppelgänger, vom bösen (Zwillings-)Bruder – auf eine Art, die, wie ich glaube, diesem Autor, der in seinen Büchern immer wieder über die eigene Zunft reflektiert, großen Spaß gemacht haben muss, in sehr spezifische Schriftstellerängste.

Thad Beaumont ist ein Autor, der unter seinem eigenen Namen anspruchsvolle Romane schreibt, die kaum jemand lesen will. Großen Erfolg hat er jedoch mit den Brutalo-Krimis um den Killer Alexis Machine, die er unter dem Pseudonym George Stark veröffentlicht. Die Zwiegespaltenheit dieses Mannes geht bis in den Mutterleib zurück, wo der Embryo, der später Thad werden sollte, seinen Zwillingsbruder auffraß. Als ein ziemlich gerissener Leser dahinter kommt, wer Stark wirklich ist und Thad mit seinem Wissen zu erpressen versucht, beschließt dieser, mit seiner Doppelidentität an die Öffentlichkeit zu gehen – und seine dunklere Hälfte gleich symbolisch zu begraben. Jedoch nimmt diese nun mörderisches Leben an, ersteht als „Geist eines Mannes, den es niemals gab“ aus dem Grab wieder auf und sinnt auf Rache an dem Mann, der ihn nunmehr gleich zweimal „getötet“ hat. Es geht also in dem Roman, um es alttestamentarisch zu sagen, darum, dass Schriftsteller-Kain zu neuem Leben erwacht, auf der Suche nach Vergeltung allerlei Menschen aufschlitzt, Schriftsteller-Abel einen Bleistift in die Hand rammt und hinter ihm und seiner Familie her ist.

George A. Romero, der vor genau einem halben Jahrhundert mit seinem „Night of the Living Dead“ den Horrorfilm mit einem Paukenschlag in die Moderne führte, war unter den eigensinnigen und radikalen nordamerikanischen Genre-Auteurs, die in den Siebziger Jahren relativ jung und merklich wütend waren, vielleicht in mancherlei Hinsicht der radikalste und eigensinnigste. Jedenfalls drehte er neben den sechs Zombiefilmen (1968-2009), mit denen sein Name wohl auf ewig hauptsächlich in Verbindung gebracht werden wird, kleine, oft sonderbar sperrige, durch und durch idiosynkratische Genre-Variationen (von denen man zumindest einige beim besten Willen nicht mehr als „Genrefilme“ in irgendeinem herkömmlichen Sinne bezeichnen kann) wie „Season of the Witch“ (1972), „Martin“ (1977) oder „Knightriders“ (1981).

Wie macht sich ein Filmemacher wie dieser nun an ein Werk wie dieses, also die Studio-Verfilmung eines Horror-Bestsellers, mit einem Budget, das mit fünfzehn Millionen Dollar das größte war, das ihm je zur Verfügung stand (lediglich sein Zombie-Comeback „Land of the Dead“ hat 2005 genauso viel gekostet, wobei man aber natürlich die Inflation berücksichtigen muss) und leidlich bekannten DarstellerInnen? Nun, auf einer ersten Ebene (und ich glaube an der muss gerade jemand wie er mindestens genauso viel Spaß gehabt haben wie King am Metafiktions- und -text-Quatsch der Vorlage, deren Kapitel etwa mit Zitaten aus den Romanen Starks eingeleitet werden) durch Übererfüllung des Auftrags. Die Weisheiten, die Thad (Thimothy Hutton) als Literaturdozent zu Beginn seinen StudentInnen mit auf den Weg geben darf, sind also besonders leidenschaftlich und clever (es geht in ihnen natürlich um die duale Natur des Menschen im allgemeinen und des Schriftstellers im besonderen). Seine Frau Liz (Amy Madigan) ist besonders supportive, was das Schaffen ihres Gatten anbelangt und ansonsten besonders durchschnittlich (die „Normalität“ von Kings Hauptfiguren, die dann in besonders „unnormale“ Geschehnisse verwickelt werden, ist ja nun wohl das Klischee schlechthin in der Rezeption dieses Autors, außerdem wird sie, Liz, von dem Film wirklich besonders stiefväterlich behandelt). Ihre Kinder im Säuglingsalter sind besonders süß (es sind natürlich Zwillinge). Stark ist besonders böse und derangiert (gespielt wird er natürlich ebenfalls von Hutton, der dafür allerdings wirklich grotesk geschminkt wurde; in seiner ersten Szene wirkt er wie ein Elvis-Verschnitt from hell, dessen Gesicht dann im Verlauf des Films immer weiter zerfällt). Sein älterer Sportwagen ist besonders schwarz und seine Mordwaffe of choice, ein Rasiermesser, besonders scharf.

Was den Film abgesehen von dieser sehr oberflächlichen Ebene her auszeichnet, ihn so unfassbar großartig macht, ist dann aber wesentlich schwerer fassbar, bleibt letztlich ziemlich opak. Romero, der in vorherigen Arbeiten die Konventionen und archetypischen Figuren des Genres (also Zombies, Hexen und Vampire) regelrecht auseinander pflückte, um sie dann mit seinen ganz eigenen Absichten wieder neu zusammenzusetzen – was bei ihm meist bedeutete, dass er sie für eine sehr kritische und auch satirische Auseinandersetzung mit den emotionalen, sozialen und politischen Problemen der jeweiligen Gegenwart fruchtbar machte –, tut eben hier genau das nicht mit dem Doppelgänger-Motiv.

„The Dark Half“ transzendiert das Genre nicht durch Subversion, sondern eben durch Übererfüllung und Überhöhung. Schon wie Romero in seinem Drehbuch den Roman einerseits auf sein basales Gerüst herunterbricht (wie man es ja auch tun muss, will man aus über 460 Buchseiten knapp zwei Filmstunden machen), sich dabei aber dann gleichzeitig genügend Zeit für allerlei inszenatorische Ausschweifungen lässt, ist absolut meisterlich. Nur ein Beispiel: In einer Szene ermordet Stark einen Mann im Hausflur einer billigen Absteige. Das spätere Opfer betritt diesen, der abwechselnd in schummrigem Rot und Blau ausgeleuchtet wird, dann nur von einem Feuerzeug, zunächst durch eine Fahrstuhltür. Stark spielt auf grausam ausgewalzte Weise Katz und Maus mit ihm. Versteckt sich dann kurz hinter einer Pflanze vor zwei Polizisten und verlässt die Szene, betont cool schlendernd, die Zigarette im Mundwinkel, durch ebenjene Fahrstuhltür, durch die der Ermordete sie zuvor betreten hat. Hat man irgendwie wahrscheinlich alles schon des öfteren gesehen. Aber wohl tatsächlich noch nie in dieser geradezu perfekten Intensität.

George A. Romero der große Subversive des Genrekions, hat wohl tatsächlich (das ist schon etwas ironisch) mit einem der Anlage nach eher konventionellen Horrorfilm sein Opus Magnum vorgelegt. Einen Film, der bleibt, auch und gerade jetzt, nachdem im vergangenen Jahr also auch sein Macher diese Welt verlassen musste.

Der Film war viele Jahre auf dem Index. OFDb Filmworks bescherte ihm dann 2017 seine deutsche HD-Premiere im mit reichlich Bonusmaterial ausgestatteten Mediabook. Nachdem der Film im Oktober wieder freigegeben wurde, bringt das Label ihn nun auch als Single-Disc-Version (die aber wohl immer noch viele interessante Extras enthält) für die Kaufhäuser und den kleinen Geldbeutel auf DVD und Blu-ray heraus. Natürlich ungekürzt und übrigens, so ändern sich die Zeiten, nunmehr mit FSK 16.

Meine glückliche Familie

(D/GE 2017, Regie: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß)

Einen Ort für sich selbst
von Wolfgang Nierlin

Manana, die Mutter, ist meistens schweigsam, wenn in ihrem Drei-Generationen-Haushalt, wie üblich, mal wieder rege Geschäftigkeit herrscht. Dann geht es immer hin und her, drüber und drunter. Das Durcheinander permanenter …

Manana, die Mutter, ist meistens schweigsam, wenn in ihrem Drei-Generationen-Haushalt, wie üblich, mal wieder rege Geschäftigkeit herrscht. Dann geht es immer hin und her, drüber und drunter. Das Durcheinander permanenter Bewegungen und lauter Stimmen ist gewissermaßen der Normalzustand. Unruhe und Stress, mangelnde Privatsphäre und ständige Kollisionen haben die 52-jährige Literatur-Lehrerin müde und leer gemacht. Dominiert beziehungsweise dirigiert wird dieser traditionell strukturierte georgische „Familienkörper“, zu dem noch ein Ehemann, zwei erwachsene Kinder und ein listig beobachtender Großvater gehören, von der stets aufgeregt zeternden Großmutter Lamara. Hier zählt der Zusammenhalt der Gemeinschaft alles; die Bedürfnisse des Einzelnen hingegen fast nichts. „Glücklich ist die Familie, deren Mutter friedfertig ist und die sich für ihre Kinder aufopfert“, säuselt es im Hintergrund feierlich aus dem Radio.

Doch davon hat Manana endgültig genug. An ihrem Geburtstag verkündet sie der völlig perplexen Familie: „Ich will nicht mehr mit euch zusammenwohnen. Ich gehe für immer weg.“ Das marode Domizil für ihr neues Leben hat sie sich bereits in der Exposition von Nana Ekvtimishvilis und Simon Groß‘ tragikomischem Film „Meine glückliche Familie“ angeschaut. Bereits hier wird spürbar, dass deren genauer, teilnehmender Art des Filmemachens eine gewisse Milde innewohnt und dass der Ernst ihres Familien- und Gesellschaftsportraits von einer augenzwinkernden Ironie abgefedert wird. Ebenso nachdenklich wie humorvoll dokumentieren sie Szenen aus dem Alltag einer Großfamilie. Oft in Realzeit gedreht, vermitteln diese ebenso die Dynamik der Beziehungen wie eine Nähe zu den Figuren. Die sommerliche, zwischen Hitze, Wind und Platzregen changierende Atmosphäre der Stadt Tiflis setzt wiederum den Rahmen für deren Emotionen.

Diese entladen sich bei den einzelnen Familienmitgliedern zunächst in Überraschung und Unverständnis. Sie, Manana, sei undankbar und schaffe Probleme „aus dem Nichts“: Sie schade dem Ansehen der Familie, gefährde den Versorgungszusammenhalt und lasse Ehemann und Eltern im Stich. Da die „Abtrünnige“ Erklärungen weitgehend verweigert, ist der eilends einberufene Verwandtschaftsrat einigermaßen ratlos. „Ich wollte schon immer allein leben“, sagt Manana lapidar in die verständnislose Runde. Und sie genießt dieses Alleinsein, so ungewohnt und fast bedrohlich es zunächst aussehen mag, als Eroberung der Unabhängigkeit. In der neu gewonnenen Ruhe kann sie endlich lesen, Musik hören und wieder einmal, von der Gitarre begleitet, singen.

Parallel zur Freiheit wächst ihr Selbstbewusstsein. Ihr Bedürfnis nach einem eigenen Ort reflektiert zugleich die Frage nach der persönlichen Identität und dem richtigen Leben. Dafür überhaupt eine Sprache zu finden und darüber zu sprechen – das zeigen die Begegnungen mit ihrem Mann Soso – ist ebenso schwierig wie notwendig, um sich auf den Weg zu sich selbst begeben zu können.

Der seidene Faden

(USA 2017, Regie: Paul Thomas Anderson)

Besessene mit Kleiderständern
von Thomas Blum

Hier ist er also nun, der Film zur MeToo-Debatte. Er spielt allerdings nicht in unserer, sondern in einer längst vergangenen Zeit: einer Zeit, als das Etikett des Herstellers eines Kleidungsstücks …

Hier ist er also nun, der Film zur MeToo-Debatte. Er spielt allerdings nicht in unserer, sondern in einer längst vergangenen Zeit: einer Zeit, als das Etikett des Herstellers eines Kleidungsstücks noch per Hand in dieses eingenäht wurde, einer Zeit, in der es, sofern man ein Mann war, ausreichte, einer Frau tief und bestimmt in die Augen zu sehen, wenn man mit ihr ausgehen wollte, und die Frau als Antwort dem charmanten Mann einen bewundernden Blick zuwarf bzw. bewundernd zu ihm aufschaute, in einem schönen, hübsch ausstaffierten 50er-Jahre-Puppenstuben-London, in dem in bürgerlichen Häusern den Gästen noch Tee aus Silberkännchen gereicht wurde und das überall im Bildhintergrund verschwenderisch verteilte Interieur der Zimmer auf Wohlstand und exquisiten Geschmack hindeutet.

Reynolds Woodcock, ein Junggeselle Mitte fünfzig von der Sorte größenwahnsinniger gealterter Dandy, ist ein solcher Mann. Er ist Schneider, und zwar nicht irgendeiner, sondern wohlgemerkt der, zu dem Millionärinnen und Thronfolgerinnen kommen, wenn sie ein Hochzeitskleid gefertigt haben möchten. Er selbst trägt logischerweise den ganzen Film über entsprechend elegant gemusterte Seidenhalstücher oder Fliegen zu den edlen wechselnden Maßanzügen, die er anhat und die allesamt so wirken, als sei er bereits in ihnen zur Welt gekommen.

Doch ist Woodcock, der in einer symbiotischen Familien- und Arbeitsbeziehung mit seiner ebenfalls unverheirateten Schwester Cyril lebt, die kaum weniger obsessiv ist als er selbst, nicht nur Schneider, er ist vor allem ein Künstler. Ein Kleid ist nicht einfach nur ein Kleid, es ist ein großes Kunstwerk, ein durch nichts anderes ersetzbares Unikat, das den Menschen ausmacht, das jene Person repräsentiert, für die das Kleidungsstück in wochenlanger Arbeit geschaffen wurde, die es am Körper hat.

Woodcock, der jeden unbefugt in seine aus Formstrenge und dem geheiligten Schönen bestehende Welt eindringenden Misston als feindselige Störung betrachtet, ist, wie ein später Nachfahre der überempfindsamen, vom Formschönen und vom Detail besessenen Künstler des Fin de Siècle, auch Neurastheniker: Sein Geist gehört ganz seiner Arbeit, seiner Bestimmung. Und wenn beim Frühstück das nervtötende Gegenüber für den Bruchteil einer Sekunde zu lang mit dem Teelöffel in der Tasse klappert oder mit dem Messer Kratzgeräusche auf seinem Toast macht, muss es eliminiert werden.

Ja, er ist streng, nicht nur anderen, sondern vor allem sich selbst gegenüber. Und er hat immer recht. Zeitverschwendung hasst er, und seine Arbeit, die weit mehr ist als eine Arbeit, nämlich eine Berufung, liebt der Kontrollfreak wie nichts anderes auf der Welt. Eine Locke seiner verstorbenen Mutter, die ihm das Schneiderhandwerk beigebracht hat, als er noch ein kleiner Junge war, trägt er immer bei sich, eingenäht ins Innenfutter seines Jacketts.

Sie machen sich ein Bild: Wir haben es hier mit einem Obsessiven zu tun, einem von sich selbst und seiner Leidenschaft besessenen Perfektionisten und Workaholic, der das makellose Kunstwerk aus feinsten Textilien, das er für einen Menschen in dessen Auftrag schafft, weit mehr liebt als den mangelhaften Menschen, der darin steckt wie die taube Nuss in der vollkommenen Schale. Die Perfektion im Stil, in der Form ist dabei alles. Die sich an den Grillen und Launen der Menschen orientierenden Moden hingegen wechseln beständig, Mode ist nichts: „Den Erfinder des Wortes ›schick‹ sollte man öffentlich auspeitschen.“

Als Woodcock die junge Kellnerin Alma kennenlernt und sie – dem eingangs beschriebenen Szenario folgend – mit zu sich nach Hause nimmt, führt er sie selbstverständlich nicht etwa in sein Bett, sondern in sein Schneideratelier, um ihre Maße zu nehmen und den richtigen Stoff für ein Kleid für sie auszuwählen. Er, mit dem fanatischen Blick des Künstlers, der ein neues Werk erschafft, die Stecknadeln in der Hand wie der Maler den Pinsel und dabei die Frau begutachend wie die Leinwand: „Sie haben keine Brüste.“ – „Ich weiß.“ – „Das ist perfekt. Es ist meine Aufgabe, ihnen welche zu geben. Wenn ich das will.“

Der Künstler als Schöpfergott, als narzisstischer Fanatiker, der sich seine Welt erschafft, wie sie zu sein hat. Als Alma ihn unmittelbar nach dem Kennenlernen fragt, ob er denn verheiratet sei, gibt Woodcock ihr die einzig denkbare Antwort auf eine so groteske Frage: „Ich mache Kleider.“ Doch Alma zieht zu ihm und seiner Schwester und findet Aufnahme in die kleine Gruppe Schneiderinnen und Näherinnen, die im House of Woodcock arbeiten.

Spätestens jetzt ist klar, welche Art eigentümliche Liebesbeziehung hier keimt: ein mal unsichtbarer, stummer, nur an den jeweiligen Physiognomien abzulesender, mal heftig eskalierender Machtkampf zwischen einem missgelaunten Künstlerdiktator, einem Tyrann und Ekelpaket, für den Frauen nicht viel mehr sind als perfekte Kleiderständer, und einer Kellnerin/Näherin, die sich nicht zufriedengibt mit der ihr zugedachten Rolle des schönen Kleidinhalts und der Dienstleisterin.

Der US-amerikanische Ausnahmefilmemacher Paul Thomas Anderson, der sich dem herrschenden Kino der Erbaulichkeit und dessen glatter, widerspruchsfreier Figurenzeichnung schon immer widersetzt, vereine in seinem Werk „die Grandezza klassischer Hollywoodfilme mit den formalen Innovationen des europäischen Autorenkinos“, so hieß es vor einigen Jahren treffend in der Zeitschrift Rolling Stone über ihn.

Wenn man etwa sein an Robert Altman geschultes, kunstvoll aus verschiedenen Einzelepisoden zusammenmontiertes, bildgewaltiges gesellschaftskritisches Drama „Magnolia“ (1999), seine Hommage an das Golden Age of Porn „Boogie Nights“ (1997) oder die in leuchtenden Bildern erzählte eigenwillige Liebesgeschichte „Punch-Drunk Love“ (2002) gesehen hat, weiß man, warum der Regisseur das US-amerikanische Kino der Gegenwart repräsentiert, wie dies – auf ihre jeweilige Art – auch Scorsese (immer noch), Tarantino oder die Coen-Brüder tun, die allesamt jeweils zu einer eigenen, aus der filmhistorischen Vergangenheit schöpfenden, rasch wiedererkennbaren Bildsprache gefunden haben, ohne dass ihre Filme diese nur reproduzieren.

Und wer die Filme Andersons kennt, weiß auch, dass er fast nur mit Ausnahmeschauspielern arbeitet: Die Rolle des fanatischen, ganz für sein Werk lebenden Künstlers hat Daniel Day-Lewis übernommen, der für diesen Film extra gelernt haben soll, wie man Kleider näht, und der angekündigt hatte, dass dies seine letzte Filmrolle überhaupt sein werde.

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Free Lunch Society: Komm Komm Grundeinkommen

(D/AT 2017, Regie: Christian Tod)

Nie wieder Kapital und Arbeit
von Jürgen Kiontke

„Geld“, sagt Captain Picard vom Raumschiff Enterprise, „das haben wir nicht mehr. Das wurde vor 300 Jahren abgeschafft.“ Der Trekkie lebt vom Grundeinkommen. Und das ist auch das Thema des …

„Geld“, sagt Captain Picard vom Raumschiff Enterprise, „das haben wir nicht mehr. Das wurde vor 300 Jahren abgeschafft.“ Der Trekkie lebt vom Grundeinkommen. Und das ist auch das Thema des Films „Free Lunch Society“, der mit der Picard-Sequenz eingeläutet wird. Aus der Zukunft geht es dort gleich in die Vergangenheit: Erste Spuren eines voraussetzungslosen Lohnausgleichs lassen sich ab den sechziger Jahren im Kernland des Kapitalismus, den USA, finden; zu der Zeit als die ersten „Star Trek“-Staffeln dort im Fernsehen liefen. Einen Modellversuch mit einer sogenannten negativen Einkommensteuer gab es etwa in Alaska. Einen wichtigen Fürsprecher fand sie in Martin Luther King.

Und nicht nur er fand die Idee attraktiv. Der ansonsten nichtsnutzige Präsident Richard Nixon ließ in den siebziger Jahren prüfen, ob die Arbeitseinstellung bei Zahlung eines bedingungslosen Grundeinkommens leiden würde. Ergebnis: Nein, im Gegenteil. Menschen, die vom Zwang des Lohnerwerbs befreit sind, gehen gern arbeiten, ihre Leistungskurve steigt mit der Laune, die sich einstellt, wenn man nicht existenziell bedroht ist. Der Typ, der diese Erkenntnis im Dienste der amerikanischen Wirtschaft zutage förderte, ist auch ein alter Bekannter: Donald Rumsfeld. Jener Senator der Republikaner, der sich später um die Golfkriege verdient machte. Und sich seitdem, privaten Kriegsfirmen sei Dank, eines bedingungsbefreiten Salärs erfreuen dürfte.

Dass sich Nixon und Rumsfeld mit ihrem Versuch nicht durchsetzen konnten, lag an Kaliforniens Gouverneur, ihrem Parteifreund Ronald Reagan. Der blockierte das Vorhaben und setzte stattdessen die Trickle-down-Ökonomie durch. So auf die Tour: Wenn es den Superreichen gut geht, geht es allen gut. Der Neoliberalismus in seiner heutigen Bedeutung als radikaler Marktfundamentalismus war geboren.

Tods buntes Filmchen führt einige Beispiele an, warum das Grundeinkommen eine tolle Sache ist. Eine aktuelle Testreihe läuft in Finnland: Seit Anfang 2017 werden dort 2.000 Frauen und Männer jeden Monat 560 Euro aufs Konto überwiesen – alle Sozialleistungen sind damit erledigt. Schöne Aussichten. Hierzulande stehen dem Grundeinkommen starke Kräfte entgegen. Nicht nur aus der Wirtschaft, wo es sogar starke Fürsprecher wie etwa den Siemens-Chef Joe Kaeser gibt. Tenor: Mit dem Grundeinkommen lassen sich die Arbeitsplätze kompensieren, die mit der Digitalisierung wegfallen.

Gegenwind gibt es von Gewerkschaften und linken Ökonomen. Was soll daran fair sein, wenn der Milliardär dieselbe Summe ausgezahlt bekommt wie der Mann von der Müllabfuhr, fragt etwa der Armutsforscher Christoph Butterwegge. Mit dem Grundeinkommen hätten die Neoliberalen ihr Hauptziel erreicht: den Sozialstaat aus dem Weg zu räumen für die freie Bahn auf den entfesselten Markt – siehe Finnland.

Das sagt er allerdings nicht in „Free Lunch Society“. Kritische Stimmen zum Thema fehlen in diesem Jubelvideo. Nicht zu unterschätzen ist dennoch der diskursive Wert des Themas: Der Charakter von Arbeit als Zwangssystem wird durch ein bedingungsloses Grundeinkommen immerhin in Frage gestellt. Darüber zu diskutieren sind wir wahrscheinlich nicht nur uns, sondern auch durchaus Captain Picard, sprich der Zukunft schuldig.

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Bacalaureat

(ROU/FRA/BEL 2016, Regie: Cristian Mungiu)

Der moralische Fall
von Wolfgang Nierlin

Der Stein, der zu Beginn eine Fensterscheibe durchschlägt und im Wohnzimmer des angesehenen Arztes Romeo Aldea (Adrian Titieni) landet, verheißt nichts Gutes. Der sorgsame Familienvater wohnt mit seiner Frau Magda …

Der Stein, der zu Beginn eine Fensterscheibe durchschlägt und im Wohnzimmer des angesehenen Arztes Romeo Aldea (Adrian Titieni) landet, verheißt nichts Gutes. Der sorgsame Familienvater wohnt mit seiner Frau Magda (Lia Bugnar), die depressiv wirkt, und der erwachsenen Tochter Eliza (Maria Dragus) in einer tristen, grauen Plattenbausiedlung einer rumänischen Kleinstadt. Die Lebensverhältnisse sind bescheiden und die Perspektive auf eine mögliche Veränderung ist eingeschränkt. Seit das Ehepaar 1991 aus dem Westen in das ehemals sozialistische Land zurückgekehrt ist, wurden die Hoffnungen enttäuscht. Nichts scheint sich zu bewegen im bleischweren Getriebe der von Korruption und Vetternwirtschaft zusammengehaltenen Gesellschaft. Deshalb soll es die Tochter, die sich gerade im Abiturprüfungsstress befindet, einmal besser haben und mit einem erhofften Stipendium in England Psychologie studieren. Doch dann kommt es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall: Eliza wird auf dem Weg zur Schule überfallen und am Schreibarm verletzt. Zudem ist die junge Frau nach dem Vergewaltigungsversuch traumatisiert. Ihre Prüfungen und damit ihre Zukunft scheinen gefährdet.

Christian Mungiu stellt in seinem neuen Film „Bacalaureat“ (Graduation) den Arzt als Hauptfigur ins Zentrum komplexer moralischer Konflikte, die immer verwickelter werden und immer weitere Kreise ziehen. Weil er, dessen Ehe offensichtlich am Ende ist, am Tag des Überfalls auf dem Weg zur Schule seine Tochter früher absetzt, um seine Geliebte Sandra (Mălina Manovici), eine ehemalige Patientin, zu besuchen, hegt er leichte Schuldgefühle. Im Verantwortungsgefühl für Elizas Zukunft lässt sich der ansonsten rechtschaffene Mann, verbohrt in sein Ziel, aber bald zu unlauteren Maßnahmen verführen. Auf Vermittlung eines leitenden Polizisten erhält er Kontakt zu einem einflussreichen Ex-Funktionär, der dringend einer Lebertransplantation bedarf und für seine vorrangige Behandlung verspricht, seine Kontakte bei der Schulbehörde geltend zu machen, um Elizas Notendurchschnitt zu sichern. Was Romeo jedoch bald erfahren muss: Der Schwerkranke befindet sich im Fadenkreuz staatlicher Ermittler, die deshalb auch ihn unter Druck setzen.

Es kommt also viel zusammen in Mungius vielschichtigem Drama, das soziale Konflikte mit moralischen verknüpft und daraus ein differenziertes Bild der postsozialistischen Gesellschaft zeichnet. Zwischen ehrlichem Wollen und korruptem Handeln wird der Wunsch nach dem guten Leben zerrieben. Während Druck und Stress auf den Arzt zunehmen, muss dieser lernen, zwischen väterlicher Fürsorge und elterlicher Verantwortung zu unterscheiden. Forciert werden die Konflikte noch durch Romeos kranke Mutter und Elizas Freund Marius (Rareş Andrici), die generationsübergreifend daran glauben, dass sich das Land reformieren lässt und deshalb des Zusammenhalts bedarf. Bald sitzt der Familienvater zwischen allen möglichen Fronten, nicht zuletzt zwischen zwei Frauen, die schmerzliche Entscheidungen verlangen.

Christian Mungiu vermittelt die Dilemmata seines Protagonisten in langen, intensiven Einstellungen. Sein Realismus arbeitet aber auch immer wieder mit leichten Irritationen und Verschiebungen, auffälligen Wiederholungen und untergründig wirksamen Zuspitzungen. Bis schließlich unerwartet ein sehr alltägliches Korrektiv die fragwürdigen Mittel suspendiert und die hehren Ziele neu erdet. Doch der Arzt, zunehmend die Kontrolle verlierend, scheint zu diesem Zeitpunkt fast aller Entscheidungen ledig zu sein. Erst im freien Fall wird für ihn ein Zutrauen in die Wahrheit wieder möglich.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

(USA/GB 2017, Regie: Martin McDonagh)

Die Kämpferin im Blaumann
von Thomas Blum

Man mag einander nicht besonders in Ebbing, Missouri. Ebbing ist eine verschlafene Kleinstadt voller Dickköpfe und nicht gerade ein Hort der fortschrittlich Gesinnten. Sie verstehen. Hier sagt man gern „Motherfucking“, …

Man mag einander nicht besonders in Ebbing, Missouri. Ebbing ist eine verschlafene Kleinstadt voller Dickköpfe und nicht gerade ein Hort der fortschrittlich Gesinnten. Sie verstehen. Hier sagt man gern „Motherfucking“, „Goddam“, „Shit“, „Fuck“, „Cunt“ oder „Bitch“ in verschiedenerlei Kombination in mindestens jedem zweiten Satz und ist auf jene gutmütige und gemütliche Art rassistisch, die in der Provinz weit verbreitet ist. Aber man meint es ja nicht so. Wenn der örtliche Polizeichef zur Unzeit, mit Ehefrau und Kindern am Frühstückstisch sitzend, angerufen wird, fragt er die Anruferin auch schon mal, wer ihn „goddamit“ noch mal am „goddam“ Ostersonntag bei seinem „Motherfuckingscheißfrühstück“ störe. Na ja, manchmal meint man es auch so: Wenn man etwa den Polizeibeamten beim Betreten des Polizeireviers mit dem Wort „You Fuckhead“ begrüßt.

Mildred Hayes führt einen Privatkrieg gegen die örtliche Polizei, denn ihre Tochter ist vor Monaten einem Verbrechen zum Opfer gefallen und dabei gestorben, doch der Polizei ist es noch immer nicht gelungen, einen Verdächtigen zu verhaften. Was den Unmut von Mrs. Hayes erregt. Die lokalen Polizeibeamten, im Wesentlichen repräsentiert von Chief Willoughby, einem kantigen, knurrigen Kerl mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, und Dixon, seinem Deputy, der auch schon mal einen schwarzen Verdächtigen im Polizeigewahrsam verprügelt, wenn ihm danach ist, und den man guten Gewissens als die nicht gerade hellste Leuchte im Lampenladen bezeichnen kann, scheinen tatsächlich nicht allzu engagiert ihrer Pflicht nachzugehen.

Und: Was soll man auch machen, man hat nun mal keine anderen Beamten. Und wenn man sämtliche Polizisten mit leichter rassistischer Tendenz aus dem Polizeidienst entfernte, so erklärt Willoughby, blieben am Ende ja nur drei von ihnen übrig. Und die seien alle Schwulenhasser. Doch die Redneck-Polizisten haben die Rechnung eben nicht mit Mrs. Hayes gemacht, einer ebenso kauzigen wie unnachgiebigen und resoluten Person, die sich keine Märchen erzählen lässt, schon gar nicht von Polizisten, denen ihre Entspannung während der Arbeitszeit wichtiger zu sein scheint als Gerechtigkeit bzw. das, was Mrs. Hayes dafür hält.

Es bleibt nicht aus, dass die kämpferische Mutter unter Druck gesetzt wird. Ihren eigenwilligen Feldzug gegen die Polizei solle sie aufgeben, so verlangen die Beamten. Und als Mildred schließlich Dixon, den Polizisten, in seinem Revier aufsucht, um ihm mitzuteilen, dass sie genau diese Absicht nicht habe, begrüßt sie ihn mit den Worten: „How’s the nigger-torturing business going these days, Dixon?“ „It’s not called nigger-torturing, it’s person-of-color-torturing nowadays“, antwortet darauf Dixon, der, wie man merkt, nicht der schnellste Denker ist.

Wie mit den Staatsbeamten, so hält die unbeugsame Mrs. Hayes es auch mit dem Pfarrer, der sie eines Tages besucht und sie zur Mäßigung und zur freiwilligen Wiedereingliederung in die Kleinstadtgemeinschaft überreden möchte und dem sie in ruhigem Ton, dafür aber mit umso bestimmteren Worten mitteilt, was von seiner Kirche zu halten ist, dass diese im Grunde nämlich nichts anderes sei als eine „altar boy fucking gang“.

Was diesen gleichermaßen komischen wie traurigen Film, der von Anfang bis Ende voller Dialogwitz ist, zu etwas Besonderem macht, ist der Umstand, dass der irische Regisseur Martin McDonagh, der schon in seinem Debütfilm, der Killerfilmkomödie „Brügge sehen … und sterben?“ (GB/USA 2008), eine Vorliebe für unmissverständliche Schimpfworte und pointierte Dialoge voller Sarkasmus zeigte, ungewöhnlich viel Empathie mit seinen Figuren hat, die uns anrühren sollen, und auch auf den Landstrich mit Zärtlichkeit blickt: Mildred Hayes, die tapfere, bis zur Sturheit beharrliche Hausfrau im Blaumann, hasst die Polizei und trauert um ihre Tochter, und doch handelt es sich bei ihr nicht um eine verbitterte hysterische Hexe, sondern um eine starke, unabhängige Frau, die trotz ihrer kargen finanziellen Mittel und ihrer Zugehörigkeit zur Klasse der Besitzlosen ihr Recht als Bürgerin einzufordern versucht.

Die Polizeibeamten wiederum hassen Mildred Hayes und trauern um den entschwundenen Kleinstadtfrieden, und doch handelt es sich bei ihnen nicht um eindimensionale niederträchtige Finsterlinge, sondern um einfältige, im Grunde herzliche Provinztrottel, die nicht immer den richtigen Ton treffen und auch mal ausrasten bzw. bei der unvermeidlichen Anwendung harter körperlicher Gewalt fünfe gerade sein lassen.

Warten wir ab, wer sich am Ende wie durchsetzt. Es geht um Gewalt, Schuld, Täterschaft und den Wunsch nach Rache. Aber auch um die drei unterschätzten Kräfte Liebe, Ruhe, und Überlegung, die am Ende die Welt und die Menschen in ihr besser machen können. Deren Läuterung ist jedenfalls nicht ausgeschlossen. Am Ende des Films brechen zwei Personen auf, um jemanden umzubringen, von dem sie annehmen, er habe es verdient zu sterben. „Are you sure about killing him?“, fragt die eine Person die andere. »Not really«, lautet deren Antwort. Was also nun? „We can decide it on the way.“

Perfekt verkörpert wird Mrs. Hayes von der vor allem aus zahlreichen Filmen der Coen-Brüder bekannten Schauspielerin Frances McDormand, in deren von jedem Make-up befreiter Mimik über zwei Stunden hinweg fortwährend eine einzige große Tragikomödie spielt. Der Blick der traurigen, wütenden und humorvollen Einzelkämpferin wechselt zuweilen im Zweisekundentakt: von verschmitzt zu verbittert, von siegessicher zu ratlos, von Weinen zu Hoffen. Allein das ist großes Kino. Soeben ist der Film für zahlreiche Oscars nominiert worden.

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Vânătoare

(D 2016, Regie: Alexandra Balteanu)

Allgemeine Kälte
von Wolfgang Nierlin

Bilder der Gefangenschaft und des Todes eröffnen den Film: In einem Taubenschlag aufgereiht, stehen dicht nebeneinander die symbolträchtigen Vögel. Zwei von ihnen bekämpfen sich, stoßen ihre Schnäbel in das Gefieder …

Bilder der Gefangenschaft und des Todes eröffnen den Film: In einem Taubenschlag aufgereiht, stehen dicht nebeneinander die symbolträchtigen Vögel. Zwei von ihnen bekämpfen sich, stoßen ihre Schnäbel in das Gefieder des anderen. Dann greift eine Hand in den Stall, schnappt sich scheinbar wahllos eine der Tauben, um ihr kurz darauf mit einem Messer den Kopf abzutrennen und sie über der offenen Herdflamme zu flambieren. Das alles geschieht, so drastisch es sein mag, eher beiläufig, während eine Frau und Mutter, sie heißt Lidia (Corina Moise), mit der Lehrerin ihres Sohnes telefoniert und dabei gestresst wirkt. Weil Lidia als Prostituierte arbeitet und dabei von der Lehrerin erkannt wurde, wird sie von dieser jetzt erpresst. Aber das versteht man nicht gleich in der unterschwellig aggressiv aufgeladenen Atmosphäre. Denn Alexandra Balteanu geht mit ihrem dokumentarisch anmutenden Film „Vânătoare“ mitten hinein in die Szene, hält sich nicht auf mit Hinführungen und Erklärungen, sondern beobachtet, nimmt teil und begleitet, gefilmt mit der Handkamera, ihre Protagonistin durch einen schwierigen Alltag.

Dieser wird bestimmt von Geldsorgen, dem täglichen Kampf gegen die Armut und dem hässlichen Gegeneinander der Mittellosen. Mit ihren Kolleginnen Denisa (Iulia Lumânare) und Vanessa (Iulia Ciochină) steht Lidia unter einer Brücke am verkehrsreichen Autobahnring von Bukarest, um sich für sehr wenig Geld zu verkaufen. Doch die Geschäfte der Ausgebeuteten und zugleich selbstbewussten Frauen gehen schlecht. Das Deprimierende ist für sie das Normale, Selbstverständliche, um den tristen Alltag zu bestehen. Inmitten von Nässe und Kälte, Dreck und permanentem Verkehrslärm harren sie aus für eine schwache Hoffnung und eine verblassende Ahnung von Glück. Ihre Gespräche, die man kaum versteht, handeln von Geldsorgen, häuslichen Konflikten und fernen Träumen, während die Zeit vergeht mit dem Warten auf ein Versprechen, das es nicht gibt. Bis sie von einer Polizeistreife aufgegriffen, drangsaliert und „abgezogen“ werden, was offensichtlich gängige Praxis ist.

Es passiert nicht viel in Alexandra Balteanus ebenso unspektakulärem wie trostlosem Film „Vânătoare“, dessen Titel „Jagd“ bedeutet. Die Handlung ist rudimentär, die Figuren und ihre sozialen Hintergründe sind nur mit dünnen Strichen gezeichnet und spannend wird es allenfalls in der zunehmend ruppigeren Auseinandersetzung mit den Polizisten. Stattdessen konzentriert sich die aus Rumänien stammende Regisseurin, die ihren preisgekörnten Film mit sehr wenig Geld im Rahmen ihres dffb-Studiums realisiert hat, auf authentische Bilder und eine stimmige Atmosphäre. Geradezu klaustrophobisch wirken die langen, lauten Szenen unter der Brücke. Von der Polizei halbnackt auf freiem Feld ausgesetzt, kehren die Frauen frierend, wie in einem ewigen Kreislauf gefangen, schließlich dorthin zurück. Dass ihr Retter ausgerechnet der Fahrer eines Eiswagens ist, mag zwar tröstlich gemeint sein, setzt die allgemeine Kälte aber dann doch etwas überdeutlich, gar unfreiwillig komisch ins Bild.

Vier Schwestern

(F 2017, Regie: Claude Lanzmann)

Vom Überleben inmitten des Todes
von Wolfgang Nierlin

„Paula Biren, Ruth Elias, Ada Lichtman und Hanna Marton: Ihre Gesichter, ihre Stimmen und ihre Geschichten haben mich nie verlassen“, sagt Claude Lanzmann. Der 92-jährige französische Dokumentarfilmregisseur, der Mitte der …

„Paula Biren, Ruth Elias, Ada Lichtman und Hanna Marton: Ihre Gesichter, ihre Stimmen und ihre Geschichten haben mich nie verlassen“, sagt Claude Lanzmann. Der 92-jährige französische Dokumentarfilmregisseur, der Mitte der 1980er Jahre sein monumentales neuneinhalbstündiges Werk „Shoah“ veröffentliche, hat in seinem neuen, vier Teile umfassenden Film „Vier Schwestern“ nun Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden zusammengestellt. Ging es in „Shoah“ vor allem um „die Radikalität des Todes“ und die planmäßige Vernichtung der Juden, widmet sich „Vier Schwestern“ (275 Minuten) dem Glück und den Zufällen, den Widersprüchen und ambivalenten Gefühlen derjenigen, die dem Tod zwar entronnen waren, danach aber oft an Schuldgefühlen litten. Die ausführlichen, sehr konzentrierten Gespräche hat Lanzmann bereits während seiner mehrjährigen „Shoah“-Recherchen geführt, doch erst jetzt zu einem eigenständigen Werk montiert.

Was die vier aus osteuropäischen Ländern stammenden Jüdinnen trotz unterschiedlicher Temperamente und sozialer Hintergründe verbindet, ist ihr Mut inmitten der Verzweiflung und ihr Überlebenswille inmitten des Todes. „Im Elend handeln Menschen wie Tiere“, beschreibt Ruth Elias in „Der hippokratische Eid“ jenen elementaren Instinkt, der eine fast irrationale Hoffnung immer wieder neu gegen die erdrückende Erfahrung des Unglücks und die Willkür von Gewalt in Stellung bringt. In ihrer verzweigten Geschichte liegen diese gegensätzlichen Gefühle besonders nah zusammen. Aus dem tschechischen Ostrava stammend, wird die lebensfrohe Fabrikantentochter zunächst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz deportiert, wo sie hochschwanger und unterernährt in die Hände des berüchtigten KZ-Artzes Josef Mengele gerät. Dieser zwingt sie zu einem grausamen Experiment, das in einer schrecklichen Tat mündet. „Stirbt deine Seele, stirbst du mit“, sagt Ruth Elias, die nach dem Krieg keine Familie mehr hat.

Etwas anders wirkt zunächst die Perspektive von Ada Lichtman im Film „Zum lustigen Floh“. Als nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen die jüdischen Männer ihres Heimatortes, darunter auch ihr Vater, zusammengetrieben und erschossen werden, ist sie überzeugt: „Der Tod war sicher, an ein Weiterleben war nicht zu denken.“ Im Vernichtungslager Sobibór wird sie später für Puppen, die zuvor jüdischen Kindern gehört haben, Kleider nähen, bevor das Spielzeug dann an deutsche Kinder weitergegeben wird. „Das ist unglaublich“, kommentiert Lanzmann, der sich zu den Interviewten immer wieder in Beziehung setzt. „Alles ist unglaublich: Das wir im Todeslager waren und so viel mitgemacht haben“, sagt daraufhin Ada Lichtman, der am Tag des Aufstands von Sobibór, dem Lanzmann bereits im Jahre 2001 einen Film gewidmet hat, die Flucht gelang.

Immer wieder kommen in den Filmen von „Vier Schwestern“ auch die Unschärfe der Erinnerung und die gleichzeitig sehr genaue Vergegenwärtigung des Ungeheuerlichen zur Sprache. Besonders in den Zeugnissen und Berichten von Paula Biren („Baluty“) und Hanna Marton („Arche Noah“) wird aber noch ein anderer gewichtiger Aspekt, von Lanzmann als „Schicksal der Frauen“ bezeichnet, thematisiert: die Schuldgefühle der Überlebenden. Während Paula Biren im Ghetto von Lodz als Mitarbeiterin der jüdischen Polizei eine Zeitlang gewisse Privilegien hat, kann Hanna Marton vor der Deportation ins Konzentrationslager durch ein Lösegeld freigekauft werden. Auch in ihren, eine bedrückend intime Innensicht vermittelnden Erzählungen geht es wiederholt um den schmalen Grat, der im extremen Ausnahmezustand durch Zufall und schiere Willkür das Leben vom Tod trennt. Dass die traumatisierten Opfer nach dem Krieg oftmals alleingelassen, ausgegrenzt und ignoriert wurden, gehört schließlich zu einem weiteren dunklen Kapitel dieser nicht vergehenden Geschichte.

Info: Arte zeigt „Vier Schwestern“ am 23.1. („Der hippokratische Eid“ und „Zum lustigen Floh“) sowie am 30.1. („Baluty“ und „Arche Noah“) jeweils ab 20.15 Uhr. Danach sind die Filme online (arte.tv) bis zum 22.3. bzw. 6.2. hier in der Mediathek verfügbar. Weitere Filme zum Thema ergänzen die beiden Schwerpunkt-Abende.

Criminal Squad

(USA 2018, Regie: Christian Gudegast)

Markige Machos überall, aber am Ende triumphiert der Nerd
von Nicolai Bühnemann

Das knastmäßige Tattoo auf dem einen Arm, die Polizeimarke in der anderen Hand. Alle Unterschiede, die es je im Genrekino zwischen Banden von Cops und Robbers gegeben haben mag, sind …

Das knastmäßige Tattoo auf dem einen Arm, die Polizeimarke in der anderen Hand. Alle Unterschiede, die es je im Genrekino zwischen Banden von Cops und Robbers gegeben haben mag, sind hier außer Kraft gesetzt bzw. der Film dreht sie gleich komplett um. Schließlich lässt der vollbärtige Marken-, Tattoo- und Lederjackenträger „Big Nick“ O’Brien (Gerard Butler) den zurückhaltenden Donnie Wilson (seinem Vater Ice Cube wirklich verwirrend ähnlicher Sohn: O’Shea Jackson Jr.), der auf der anderen Seite des Gesetzes arbeitet in der Bankräuberbande um Enson Levoux (Curtis „50 Cents“ Jackson) und seine liebe Mühe hat, sich zwischen so vielen Alpha-Männchen zu behaupten, bei einem Verhör wissen: „You’re not the bad guys. We are.“

Tatsächlich scheinen die Gangster hier wesentlich kühler und kalkulierter und also „professioneller“ zu agieren als die durch und durch testosterongesteuerten Polizisten. Wo auf der einen Seite präzise Instruktionen zum Umgang mit der Waffe gegeben werden, darf sich auf der anderen ein sich vegan ernährender Anzugträger-Kollege von Big Nick erst einmal eine verbale Abreibung abholen. Was die verschiedenen Gangs dann aber doch verbindet, ist ein Arbeitsethos, das mit Jungfräulichkeit und Defloration in Verbindung zu bringen im Kontext dieses Films dann sicherlich keine Überinterpretation darstellt: Die einen wollen die Bank ausrauben, die niemals ausgeraubt wurde, die anderen die Crew schnappen, die niemals geschnappt wurde.

Christian Gudegast, der zuvor nur einige Drehbücher geschrieben hatte, darf hier sein durchaus beachtliches Regiedebüt abliefern. Dabei beweist er ein gutes Gespür für Tempo und eine sich langsam steigernde Spannung (Action bzw. Ballerei gibt es tatsächlich nur am Anfang und am Ende des Films) sowie für das eine oder andere nette Detail. Dass etwa in der in schummriges Rot getauchten Bar, in der Donnie arbeitet, „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ aus den Lautsprechern erklingt, ist schon sehr köstlich. Die (bisweilen über-)deutliche Referenz ist das Kino Michael Manns. Sowohl in Form und Inhalt als auch (und vor allem) in der Auffassung von Diebstahl und Genrefilm als absolute Präzisionsarbeit.

Feministische KritikerInnen, für die Repräsentation des weiblichen Geschlechts noch das Mindeste ist, werden von „Den of Thieves“ not amused sein. Ich konnte mir, bevor ich ihn sah, nicht vorstellen, dass es möglich ist, 2018 einen Film in die Kinos zu bringen, in dem weibliche Figuren derart keine Rolle spielen und so wenig screen time haben wie in diesem. Es geht hier eben ganz und gar um markige Männer, die, wenn sie im finalen Shootout verwundet auf der Straße liegen oder sich auf eine Auto stützen, die Knarre in der Hand, um weiter aufeinander zu schießen, ganz zu sich kommen.

Das Twist Ending á la „Die üblichen Verdächtigen“ (Bryan Singer, USA 1995) ist dann auch nicht so sehr an sich interessant, sondern eher dadurch, dass es einen Paradigmenwechsel in der dominierenden Vorstellung von Männlichkeit zu implizieren scheint. Der kühl kalkulierende und allein operierende Nerd behält schließlich die Oberhand über die Banden von Jocks auf beiden Seiten des Gesetzes, durch die er zuvor empfindlich einstecken musste. Und kann darauf auch schon mal ein Bier ausgeben.

A Thought of Ecstasy

(D, USA, CHE 2017, Regie: RP Kahl)

In der Wüste der Erinnerung
von Nicolai Bühnemann

„Ein Fremder in einem fremden Land, ein Fremder in meiner eigenen Geschichte“, so stellt sich uns Frank zu Beginn vor, während er mit dem Auto durch die weiten Einöden der …

„Ein Fremder in einem fremden Land, ein Fremder in meiner eigenen Geschichte“, so stellt sich uns Frank zu Beginn vor, während er mit dem Auto durch die weiten Einöden der USA fährt. In Richtung Los Angeles. Auf der Suche nach einer Frau. Und schon wie RP Kahl in seinem dritten Spielfilm die Landschaft filmt in ihrer geradezu gespenstischen Erhabenheit, die er dann mal mit dem Gesicht seines Protagonisten kontrastiert, den er selbst spielt, an anderer Stelle ihn dann auch in Totalen zu einem winzigen Punkt in der Wüste werden lässt, macht diesen Frank auch zu einer Art Wiedergänger des Westerners auf seinem mythischen Weg Richtung Westen. Später gibt es dann eine Szene an einem Strand in der südkalifornischen Metropole, dort, wo, wie Bret Easton Ellis in seinem großen L. A.-Romandebüt „Less Than Zero“ (1985) schreibt, das Land endet.

1998 hatte RP Kahl mit „Angel Express“, in dem sich einige junge Menschen von Party zu Party und Affäre zu Affäre durch Berlin reden, feiern, trinken, koksen und vögeln, ein erstaunliches Langfilmdebüt vorgelegt, dem es gelang, sehr viel über das Lebensgefühl einer bestimmten Generation in einer Stadt auszusagen, die sich (wie eigentlich immer, aber dann unmittelbar vor der Jahrtausendwende vielleicht doch noch etwas mehr als sonst, schließlich wurde sie genau zu dieser Zeit wieder deutsche Hauptstadt) im Umbruch befand, von dem schon die diversen Kräne und Baugerüste in so ziemlich allen Außenaufnahmen des Films Zeugnis ablegen.

Zwölf Jahre sollte es dauern bis Kahl, als Schauspieler und Produzent sowie Regisseur von Dokumentar- und Kurzfilmen auch sonst recht umtriebig, seinen zweiten langen Spielfilm vorlegen konnte. In „Bedways“ greift er sowohl die erotischen als auch die filmemacherisch selbstreflexiven Tendenzen, die schon beim Vorgänger spürbar waren, auf und formuliert sie weiter aus. Es geht um zwei Frauen und einen Mann, die in einer heruntergekommenen Berliner Altbauwohnung einen „Film über die Liebe“ mit expliziten Sex-Szenen drehen und dabei Sätze sagen wie: „Politische Ökonomie handelt immer auch vom Begehren des Menschen.“ Wird durch die Unterteilung des Films in sieben Tage mit jeweiligen Kapitelüberschriften der Dreh auch als Schöpfungsakt lesbar, sind die schönsten Szenen doch die, in denen der angeleitete Sex vor der Kamera (und somit hier eben auch das Filmemachen) zu einem Akt großer, unheimlicher Intimität werden.

In „A Thought of Ecstasy“, den er nun, nachdem wieder acht Jahren vergangen sind, in die Kinos bringt, ist alles da, was die Vorgänger auszeichnete: Es geht um Obsessionen und (ziemlich explizit gezeigten) Sex, ums künstlerische Schaffen und auch die Theorie fehlt nicht in diesem Film, der förmlich auf ein Baudrillard-Zitat über das allmächtige Wesen der Verführung am Ende und eine letzte metafiktionalen Volte im Abspann zuzusteuern scheint. Dennoch wirkt er im Hinblick auf das bisherige Schaffen des Filmmachers wie ein Befreiungsschlag, weil gerade „Angel Express“ vielleicht mitunter doch an seiner Lebensgefühl-Last etwas schwer zu tragen hatte und Kahls Kino der erotischen Attraktionen (in mehrerlei Hinsicht) und der großen Ambitionen hier nunmehr ganz zu sich kommen kann.

Marie, die Frau, die Frank sucht, hat einen Bestseller über ihre Lebensgeschichte geschrieben. Er heißt „LA Desert“. Aus ihm liest sie als zweite Stimme aus dem Off (neben der Franks). Wo dieses Off also als ein Ort der Vergangenheit bzw. der Reflexion über sie definiert scheint, steht es somit im krassen Kontrast zur regelrecht brutalen Gegenwärtigkeit der von Kameramann Markus Hirner wunderbar abgründig gefilmten Bilder des Films, die umso verstörender wirken, weil die dystopischen USA des Jahres 2019, wo das Autoradio von immer neuen Hitzerekorden im Land „nördlich der großen Mauer“ berichtet, so wirken, als sei alles an und in ihnen nur noch Vergangenheit. Das ganze Land, von den kleinen Motels mit ihren leeren Pools bis zu der gigantomanischen Stahl- und Glasfassaden- und Autobahnarchitektur L. A.s, ein einziger Friedhof, auf dem es selbst (und das, wofür es einmal gestanden haben mag) begraben liegt.

Aus der Geschichte Maries, die einst mit Frank zusammen war, erfahren wir, dass sie in den USA zur Sexarbeiterin wurde, wofür man ihr den Namen Hope gab. Ihr Buch hat sie schließlich unter dem Pseudonym Ross Sinclair geschrieben. Eine Frau, der die verschiedenen Inkarnationen, die sie in ihre Biographie durchlief, in diese schon als unterschiedliche Namen eingeschrieben scheinen, und ein Mann auf der Suche nach Hoffnung. Die erste der Sex-Szenen des Films findet in der Wüste statt, als eine geträumte (?) Vereinigung, die dann nicht eintreten wird, die schönste aber später unter Wasser in einem Pool.

Frank findet nun zunächst die geheimnisvolle Literaturagentin Liz Archer (Deborah Kara Unger), die ihn zu einem Rotlicht-Bunker in der Wüste führt, in dem die Prostituierte Nina (Ava Verne) arbeitet, bei der die Freier ihre SM-Phantasien ausleben dürfen. Wird Frank/Kahl hier zunächst zum (voyeuristischen) Zuschauer in seinem eigenen Film, fühlt sich Nina bald zu ihm hingezogen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen immer weiter.

In einer Szene unterhalten sich Nina und Frank, die DVD des Films in den Händen, über Peter Lorres großartige einzige Regiearbeit „Der Verlorene“ (1951). Wie sich der Exil-Rückkehrer Lorre in seinem nachtschwarzen Serienkiller-Noir erinnert, ging den Menschen im Westdeutschland der Zeit derart gegen den Strich, dass sie den „Nestbeschmutzer“ förmlich ein zweites Mal verjagten. Frank sagt nun: „Als ich ein Kind war, glaubte ich, mein Opa sei ein Mörder. Er sah aus wie Peter Lorre.“ Im Niemandsland des LA Desert, wo die Fiktion Erinnerung wird und die Erinnerung Fiktion und beide durchdrungen scheinen von dem Begehren des Menschen, das ihn immer auch verführbar macht, spielt Rolf Peter Kahls meisterlicher neuer Film.

Körper und Seele

(HUN 2017, Regie: Ildikó Enyedi)

Verabredungen zum Träumen
von Nicolai Bühnemann

Die erste Szene zeigt ein Hirschpaar im verschneiten Wald. Die beiden Tiere stehen einander zunächst gegenüber, tasten sich dann langsam zueinander vor. Paaren tun sie sich, das ist wichtig, nicht. …

Die erste Szene zeigt ein Hirschpaar im verschneiten Wald. Die beiden Tiere stehen einander zunächst gegenüber, tasten sich dann langsam zueinander vor. Paaren tun sie sich, das ist wichtig, nicht. Nach einem Schnitt sehen wir Kühe, die dicht an dicht in den Stall eines Schlachthofs gepfercht sind. Doch so einfach, wie er diese Dichotomie aus Freiheit und Gefangenschaft, aus dem Wild und den für die Abschlachtung domestizierten Tieren zunächst aufbaut, ist in diesem Film glücklicherweise dann später nichts mehr.

In besagtem Schlachthof in Budapest arbeitet Endre (Géza Morcsányi) als Finanzdirektor. Mária (Alexandra Borbély) tritt hier einen neuen Posten als Qualitätskontrolleurin an. Zum ersten Mal treffen sich die beiden in der Mensa. Er setzt sich zu ihr an den Tisch, um sich vorzustellen. Sie reagiert darauf sehr zurückhaltend, betont förmlich. Schon in ihrer ersten gemeinsamen Szene wird klar, dass da „etwas“ zwischen ihnen ist. Doch will der Film von der erotischen Attraktion, die zunächst hinlänglich bekannten Formeln zu folgen scheint – er versucht sich anzunähern, sie hält ihn auf Distanz –, dann doch etwas anders erzählen. Oder ist diese Attraktion gar keine, die der Film aufbaut, sondern nur eine, die wir Zuschauenden als gelernte Konvention aus so vielen anderen Filmen an ihn herantragen?

Jedenfalls gibt es in der Beziehung zwischen ihnen (die das, was dieses Wort in diesem Kontext eigentlich meint, also eine romantisch sexuelle, bis zum Ende nicht sein wird) bald eine unerwartete Volte. Als ein aus dem Betriebsmedizinschrank geklautes Potenzpulver für Bullen einen kleinen Skandal in der Stadt entfacht, muss sich die gesamte Belegschaft einer Untersuchung durch eine Psychologin unterziehen. Es stellt sich heraus, dass die Bilder von den Hirschen zu Beginn mit Träumen korrespondieren, die sowohl Endre als auch Mária hatten und die zusammenzuhängen schienen: Er nahm in ihnen die Rolle des Hirsches, sie die der Hirschkuh ein. Die Bilder von den beiden Tieren im Wald, denen von Anfang an etwas Onirisches anhaftete, werden im weiteren Verlauf des Films noch häufiger seine eigentliche Handlung kurz unterbrechen. Allerdings nie in der üblichen Form, mit der Szenen gemeinhin in der filmischen Grammatik als Träume gekennzeichnet werden.

Interessant sind schließlich noch die Gespräche, die die Psychologin zuerst mit Endre, dann mit Mária führt: In ersterem guckt er der jungen und attraktiven Frau zunächst mit einem von der Kamera genau akzentuierten Blick auf den Busen. Sie spricht ihn nicht nur darauf an, sondern scheint sich auch mit den Fragen, die sie im Folgenden stellt (zumindest ein Stück weit), für ihre Verdinglichung im Rahmen patriarchaler Normen rächen zu wollen. Dem Film geht es dabei eher um genaue und kühle Beobachtung als darum, Stellung zu beziehen, also etwa ihm zu sagen: Guck nicht so chauvinistisch! Oder aber ihr: Hab dich nicht so!

Die ungarische Filmemacherin Ildikó Enyedi gewann mit ihrem ersten langen Spielfilm seit achtzehn Jahren gleich den Goldenen Bären auf der letzten Berlinale. Verdient ist das schon deshalb, weil „Körper und Seele“ ein Film ist, der das digitale Kino nicht einfach als eine neue Gegebenheit hinnimmt – wie das Gros der gegenwärtigen Produktionen -, sondern zu ihm eine klare ästhetische Agenda entwickelt – wie zum Beispiel Michael Mann, der späte Terrence Malick oder mitunter auch Dominik Graf. Wo letzterer aber in „Der Felsen“ und „Die Freunde der Freunde“ (beide 2002 und also lange vor der endgültigen Umstellung von analog auf digital entstanden) an seinen Videobildern vor allem das Defizitäre als Stilmittel einsetzt, geht es für Enyedi schon um HD-Hochglanzbilder, die auf eine radikale Sichtbarmachung hinauswollen. Am deutlichsten vielleicht in den schrecklich ausführlich gezeigten Schlachtungen, deren kalter maschineller Ablauf mit der Formulierung der „Verarbeitung der Tiere“, die Endre einmal benutzt, schon sehr gut beschrieben ist.

Die genau komponierten und kadrierten Scope-Einstellungen, in denen die Kamera meist komplett statisch bleibt, und zu deren Klarheit eben auch das Aufnahmeformat einen erheblichen Beitrag leistet, konterkarieren das, was in der Handlung, in den Figuren und ihren Motivationen undurchsichtig, opak bleibt. Von Endres Biographie gibt es nur kleine Fetzen, in der (bezeichnenden) Regel in Form verflossener (und einmal gegen Ende auch kurzzeitig wieder verfestigter) Liebschaften. Über Márias Geschichte erfahren wir rein gar nichts.

Beide tauschen sich nun über ihre Träume aus, schlafen im selben Raum, um gemeinsam zu träumen. Gerade ihr Verhalten im restlichen Film scheint sich nun schon irgendwie an gängige Arthouse-Filme über psychisch Kranke Frauen anzulehnen. Sie schaut Pornos. Sie geht zu einem Psychotherapeuten, der eigentlich nur mit Kindern arbeitet, will sich aber nicht an einen anderen, ihrem Alter entsprechenden vermitteln lassen – was schon bestimmte Lesarten irgendwie herauszufordern scheint, aber darum einfach nur einen psychologischen Punkt zu machen, geht es Enyedi hier nicht und auch an keiner anderen Stelle. In einer wahnsinnig tollen Szene hört sie sich in einem Plattengeschäft bis zum Feierabend durch CDs auf der Suche nach „Musik für Verliebte“. (Noch toller ist allerdings tatsächlich, dass dabei letztlich Laura Marlings „What He Wrote“ in ihrem Player landet: einer der schönsten und todtraurigsten Songs, den ich seit sehr langer Zeit gehört habe.) Schließlich unternimmt sie einen Suizidversuch, der gerade durch die kühle Lakonie, die brutale Beiläufigkeit, mit der er inszeniert wird, an die Grenze des Erträglichen geht.

Anstatt sie auszuerzählen und zu deuten, lässt Enyedi ihren Figuren ihr Geheimnis. Am Ende ist der Wald leer, ohne Hirschpaar. Und das Weiß des Schnees tilgt die Bäume langsam aus dem Bild – bis die Leinwand ganz leer ist und zu den Credits Marling noch einmal, aber nun in voller melancholischer Länge der Welt ihren Schmerz an ihr und der Liebe klagen darf.

Am 26. Januar erscheint der Film bei Alamode als DVD, Blu-ray und Video on Demand.

Ein Fremder ohne Namen

(USA 1973, Regie: Clint Eastwood)

Anflüge von gemeiner Genialität
von Nicolai Bühnemann

Zum Einstieg ein kleiner Exkurs zur Geschichte des Westerns seit den frühen Sechzigern (von subjektiven Vorlieben und – leider – auch nur großen Namen geprägt): Schon in einem Film wie …

Zum Einstieg ein kleiner Exkurs zur Geschichte des Westerns seit den frühen Sechzigern (von subjektiven Vorlieben und – leider – auch nur großen Namen geprägt):

Schon in einem Film wie John Fords Meisterwerk „The Man Who Shot Liberty Vallance“, 1962 und also zum Ende der klassischen Ära des Genres (wie auch Holywoods) gedreht, ist die Geschichte der Erschließung des Landes, seiner „Zivilisierung“ und ihrer (vermeintlichen) Werte nur noch auf vielfältige Weise gebrochen denkbar, in eine tiefe Melancholie gehüllt, die den Siegeszug der westlichen Welt eher als Verlusterfahrung greifbar werden lässt. Endgültig in seine Moderne sollte das vielleicht amerikanischste aller Genres dann aber bekanntlich ausgerechnet in Italien eintreten. Nämlich 1964 mit Sergio Leones „Für eine Handvoll Dollar“, dessen zu einem (mehr oder minder) neuen Archetyp gewordene Hauptfigur von Clint Eastwood gespielt wird, um den es in diesem Text noch weiter gehen wird.

Wo schon in Leones „Dollar-Trilogie“ (nach dem ersten Film und als Folge dessen großen Erfolges entstanden in den beiden Folgejahren „Für ein paar Dollar mehr“ und „The Good, The Bad and The Ugly“) das Bild vom „Wilden Westen“ der USA im späten Neunzehnten und frühen Zwanzigsten Jahrhundert von Kopfgeldjäger-Antihelden, Gewalt und Zynismus geprägt war, ist spätestens Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968) nur noch als groß(artig)e Gewalttat gegen das Genre und seine ursprüngliche Mythologie zu lesen. Wird schon zu Beginn von einem Politiker programmatisch ausgerufen: „Der alten Westen ist vorbei!“, verunmöglicht das ständige Schneetreiben der Kamera jeglichen Überblick über die Landschaft, die dadurch denkbar eng und bedrückend wirkt. Im Folgenden gibt es dann zwischen den üblichen (aber hier besonders kalkulierenden und gemeinen) Kopfgeldjägern und ihren Opfern auch noch marodierende Banden von Hungerleidern, für die die im Genre – vielleicht auch als Symbol der Domestizierung der Natur durch den Menschen – so wichtigen Pferde nichts weiter sind als ein gefundenes (und sehr buchstäbliches) Fressen – und natürlich eines der düstersten und fiesesten Enden der Filmgeschichte. Für einen alten Linken wie Corbucci haben die Verhältnisse vergangener Zeiten hier auch deshalb Gegenwartsbezug, weil es dezidiert kapitalistische sind. Und spätestens wenn der Film mit einer Texttafel endet, die auf den realen historischen Hintergrund seiner Geschichte verweist, wird deutlich, dass es hier um eine (in jeder Hinsicht äußerst brutale) Gegenerzählung zu dem in der Klassik des Genres vorherrschenden Geschichtsbild ging.

Dem Erfolg der Italo-Western trug dann auch die amerikanische Filmindustrie Rechnung, indem etwa Genre-Auteurs wie Sam Peckinpah oder Robert Altman Western drehten, die so hart und zynisch waren, wie es vor der endgültigen Abschaffung des Hays Codes mit seinen rigiden Zensurbestimmungen 1967 eh nicht möglich gewesen wäre. Damit kommen wir dann auch zu „High Plains Drifter“, der schon als eine Art „amerikanische Antwort“ auf Corbucci gelesen werden kann, einerseits. Andererseits drehte der Italiener dann eben doch noch mit einer irgendwie humanistischen Absicht das Genre durch den Fleischwolf und nahm sein Publikum in die Mangel, während Eastwood fünf Jahre später einfach nur das zynischste und misanthropischste Stück Kino seiner Art vorlegte.

So ist denn auch die von Eastwood natürlich selbst gespielte Titelfigur, die im Vorspann zu der düster klagenden, vage an die epochemachenden Italo-Western-Scores Ennio Morricones gemahnende Musik von Dee Barton durch das flirrende Licht der high plains reitet, ein kolossales Arschloch – und ein verdammt arrogantes noch dazu. Positives Identifikationspotenzial sucht man auch beim Rest des Figurenensembles vergeblich. Wie es die Konventionen des Genres wollen, kommt der namenlose fremde Drifter in eine kleine Minenstadt, an der nur der an den anliegenden See gemahnende Name Lago malerisch ist, und die mit Bangen der Entlassung dreier blutrünstiger Outlaws aus dem Gefängnis harrt, die mit den guten Bürgern von Lago noch eine Rechnung zu begleichen haben. Da Eastwood schon bald beim Barbier Gelegenheit hat, seine Schießkünste unter Beweis zu stellen, entschließt man ihn anzuheuern, um das Städtchen zu beschützen.

Der Preis, der dafür bezahlt werden wird, ist allerdings hoch. Denn unser Drifter, der schon früh in einer ziemlich ekligen Vergewaltigungsszene zeigt, dass er daran gewöhnt ist, sich einfach zu nehmen, was er will, macht von seiner Bezahlung, die darin besteht, dass für ihn alles, was er sich nur wünschen kann, in Lago von nun an aufs Haus geht, denkbar schamlosen Gebrauch. Das beginnt damit, dass er dem alten indianischen Mann und seinen zwei Enkelkindern im örtlichen Laden so viele Decken und Süßigkeiten schenkt, wie sie tragen können (in dieser kurzen Szene ist die Darstellung der Ureinwohner eine ziemlich ambivalente Angelegenheit: Sie werden schon als Opfer des Kapitalismus gezeigt, die auf der untersten Stufe seiner Hackordnung stehen und von seinen Glücksversprechen ausgeschlossen sind, sind damit aber auch wieder verdammt nah am Klischee des edlen Wilden). Und setzt sich nahtlos mit der Lokalrunde im Saloon fort. Dann wird der kleinwüchsige Mordecai (Billy Curtis), in dem der Fremde schnell einen Verbündeten erkennt, zum neuen Sheriff und Bürgermeister in Personalunion ernannt. Schließlich lässt er, der offensichtlich auch noch ein Hühnchen mit der Stadt und ihren Einwohnern zu rupfen hat, in einem Anflug von gemeiner Genialität den Ort, der laut Eingangsschild längst zu Hell umbenannt wurde, auch noch komplett Rot streichen – auch und insbesondere die Kirche.

Der Fremde, der schließlich in einer einfallsreich ins Übernatürliche driftenden Volte am Ende doch noch einen Namen bekommt, ist also schon einer, der mit größter sadistischer Lust bestehende Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Wobei das Bürgertum von Lago natürlich auch denkbar korrupt ist und ihm Kapitalinteressen letztlich wertvoller sind als Menschenleben. Aber er ist eben auch jemand, für den alle erlittenen Traumata letztlich nur ein willkommener Vorwand sind, Männer zu erschießen, Frauen zu vergewaltigen und in jeglicher Hinsicht die Sau rauszulassen. (Allerdings: alleine wie Eastwood den typischen Trauma-Flashback – gleich zweimal aus verschiedenen Perspektiven – inszeniert als finster-fiebrigen Nachtmahr aus Überblende und Close-Up, Nacht und Nebel und gefühlten tausend Peitschenhieben lässt ihn bei seiner zweiten Regiearbeit erscheinen wie einen Meister auf der Höhe seiner Kunst.) Wollte ich dem Film entsprechend zynisch sein, könnte ich wohl sagen: Einer, der der Welt und so ziemlich jedem in ihr mit Hass und Gewalt begegnet, trifft dabei letztendlich auch die Richtigen.

Nachdem er 29 Jahre auf dem Index verweilte, hat Capelight 2017 die Rechte an dem Film erworben und eine Listenstreichung erwirkt, sodass der Verleih ihn nun ungekürzt und frei verkäuflich neu veröffentlichen konnte. Das schön gestaltete Mediabook ist dabei etwas spartanisch ausgestattet. Neben dem obligatorischen Trailer gibt es nur noch einen Booklet-Text, der allerdings in schöner Ausführlichkeit die Bezüge des Films zu anderen Vertretern des Genres und seiner Mythologie herausarbeitet. Geschrieben hat ihn, wie gefühlt mindestens jeden zweiten bei deutschen Editionen von Genrefilmen in den letzten Jahren, Marcus Stiglegger.

Der andere Liebhaber

(F/B 2017, Regie: François Ozon)

Fleisch und Blut, Keller und Dachboden
von Thomas Blum

Lange schwarze Haarsträhnen, die ein Gesicht verdecken. Die Friseurschere geht ans Werk, schnipp-schnapp. Fertig ist der kecke neue Kurzhaarschnitt, der Chloe ein androgynes Äußeres verleiht. Chloe, jung, weiblich, Ex-Model, trennt …

Lange schwarze Haarsträhnen, die ein Gesicht verdecken. Die Friseurschere geht ans Werk, schnipp-schnapp. Fertig ist der kecke neue Kurzhaarschnitt, der Chloe ein androgynes Äußeres verleiht.

Chloe, jung, weiblich, Ex-Model, trennt sich von ihren langen Haaren. Der Körper, er ist jederzeit modifizierbar, man kann sich von Überflüssigem trennen und Neues hinzufügen. Ach, wär’s doch nur mit der Psyche genauso einfach!

Wie wir soeben in das Gesicht der jungen Frau gesehen haben, so sehen wir jetzt in ihre geöffnete Vagina: Rosa erstrahlt der Gebärmutterhals, wir blicken in ein sich im Körper verzweigendes System aus Röhren und amorphen Organen. Der Körper, er hat nicht nur ein Außen, er hat auch ein Innen, ein unsichtbares, beunruhigendes, verborgenes, so lernen wir.

Kurz darauf sehen wir Chloe eine Wendeltreppe hinaufgehen, die zur Praxis eines Psychotheraputen führt. Alles klar: Wendeltreppe, Traum / Alptraum, Hitchcock, Vertigo, Persönlichkeitsstörung, Persönlichkeitsspaltung. „Ist eine Treppe sehr verwinkelt, steil oder anderweitig umständlich, so deutet dies auf schwer zugängliche Bereiche Ihrer Persönlichkeit – oft symbolisiert durch Keller oder Dachboden“, so kann man nach einer superschnellen Google-Blitzrecherche auf www.traum-deutung.de erfahren. Aha!

Wir kennen nun – nach dem Thema Körper / Psyche / Identität – das zweite Thema des Films: Realität / Traum. Jetzt kann es also losgehen mit der Geschichte: Chloe ist unwohl in ihrem Körper, so erzählt sie dem sympathisch lächelnden, blonden und einen schicken Pulli in dezenten Brauntönen tragenden Psychotherapeuten, Paul Meyer. Sie habe Bauchweh, und das obwohl sie sich doch glutenfrei ernähre, so erzählt sie ihm. Von ihrer Mutter fühle sie sich ungeliebt, sie sei nun mal kein Wunschkind gewesen, sondern Frucht einer ungewollten Schwangerschaft. Manchmal fühle sie sich leer und weine „ohne Grund“. Wir hören die Stichworte in unserem Zuschauerkopf: Körper / Liebe / Trauer / Leere / Geheimnis.

Paul schweigt und lächelt. So ist das manchmal. Paul entwickelt Gefühle für Chloe, obwohl er das nicht darf, weil er ja eigentlich ihr Arzt ist. Nun ja, was soll’s. Was folgt, ist ein zärtlicher Kuss zwischen beiden. Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Schwupps! Schon sehen wir Chloe und Paul beim Einzug in die gemeinsame Wohnung zu. So schnell kann’s im Film manchmal zugehen.

Doch rasch kommt es zwischen den beiden Frischverliebten zu allerlei Unaufrichtigkeiten, ein nagendes Misstrauen setzt ein: Warum verheimlicht und leugnet Paul die Existenz seines Zwillingsbruders Louis, der obendrein skurrilerweise einen anderen Nachnamen hat? Und warum ist dieser mysteriöse Zwillingsbruder denn auch Psychotherapeut? Ausgerechnet in derselben Stadt? Und was von all dem ist eigentlich Traum und was Realität, sofern diese sich nicht längst aufgelöst hat? Und warum fängt Chloe ein fatales Verhältnis mit Louis, dem rätselhaften Zwillingsbruder, an, der ganz anders ist als der sanftmütig-langweilige Paul, nämlich unverschämt, grob und gewalttätig, ein irgendwie animalisch-superviriler Kotzbrocken? Und was ist eigentlich mit dieser sonderbaren kuchenbackenden Nachbarin los, die ihre verstorbene Katze hat ausstopfen lassen?

Und immer dieses Bauchweh, das wieder zurückgekommen ist! Wir merken uns auch hier wieder die Stichworte: Symbiose / Trennung / Identität / Differenz / Geheimnis / Psyche / Körper / Traum / Realität / Sex / Gewalt / Bauch / Kuchen. Puh! Mittlerweile sind es ganz schön viele Begriffe zum Merken! Und das Wort „Kuchen“ brauchen Sie sich natürlich nicht zu merken, das war nur Quatsch, haha.

Chloe hat aber immerhin beruflich Glück gehabt und nach längerer Suche einen neuen Job gefunden: als Museumswärterin. Mehrere blutige Installationen und klopsartige Objekte werden dort ausgestellt, in diesem aseptisch wirkenden Museum, in dem alles berückend sauber und strahlend weiß ausschaut. „Flesh & Blood“ heißt die dort gegenwärtig gezeigte Ausstellung von Gegenwartskunst, wie könnte es auch anders sein. Da rumort es im Zuschauerkopf wieder: Fleisch / Blut / Körper / Gewalt. Alles klar.

Chloe stakst in diesem Film bevorzugt durch klinisch saubere Räume, die großzügig angelegt und mit edlen Designermöbeln ausgestattet sind. Umso unaufgeräumter jedoch scheint es in ihr selbst zuzugehen.

Der französische Regisseur François Ozon bedient sich hier fleißig sowohl aus der Geschichte der Phantastik als auch der Psychologie. Es geht um das Sicht- und das Unsichtbare, die nackte Oberfläche und das Verdrängte, Bild und Spiegelbild. Das in phantastischer Literatur und Genrekino sattsam bekannte Doppelgängermotiv kennt man etwa aus der Prosa Edgar Allan Poes und E.T.A. Hoffmanns ebenso wie aus den Filmen von David Lynch, Brian De Palma und Alfred Hitchcock.

Was wiederum den Körperhorror angeht, scheint Ozon sich auf nicht gerade sparsame Weise beim kanadischen Horror-Regisseur David Cronenberg bedient zu haben, dem filmischen Spezialisten für Körperinneres ebenso wie für psychisch Verdrängtes, der als eine Art Experte gelten kann, wenn es um die Invasion des menschlichen Körpers durch Fremdartiges / Unbekanntes geht oder darum, Fremdartiges / Unbekanntes in farbenfroher Weise aus diesem zu entfernen. Aus Cronenbergs Film „Die Unzertrennlichen“ („Dead Ringers“, 1988), in dem es auch um ungleiche Zwillinge geht, die beide als Ärzte tätig sind, scheint hier einiges zusammengeklaut. Aber das macht nichts. Was heißt schon geklaut. „Aneignen“ nennt es der Künstler.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Laurin

(BRD, HUN 1989, Regie: Robert Sigl)

Mädchen, Mörder, Kreuze und Spiegel
von Nicolai Bühnemann

Das Genrekino der alten Bundesrepublik, das sich dem gängigen filmhistorische Narrativ von der Dichotomie aus „Opas Kino“ und seiner Erneuerung durch den „Neuen Deutschen Film“ (dem wohl immer schon eine …

Das Genrekino der alten Bundesrepublik, das sich dem gängigen filmhistorische Narrativ von der Dichotomie aus „Opas Kino“ und seiner Erneuerung durch den „Neuen Deutschen Film“ (dem wohl immer schon eine recht reaktionäre Kulturauffassung, die U und E, Genre- und Autorenfilm strikt getrennt wissen wollte) widersetzte, ja, dieses regelrecht sprengte, war lange Zeit eine Terra Incognita, von der nur einzelne Spitzen (z. B. Roland Klick oder Dominik Graf) monolithisch aus dem Meer des Vergessens ragten. Dass sich dieser Zustand langsam ändert, verdanken wir neben dem Einsatz von Filmfestivals wie dem Hofbauerkongress, Blogs wie Eskalierende Träume, Hard Sensations oder Remember it for later, der größeren Verfügbarkeit auch obskurster Filme im Internet auch einigen kleinen engagierten DVD-Labels wie Subkultur oder Bildstörung.

Letztere veröffentlichen nun mit „Laurin“ eine kleine Perle in einer, wie von ihnen nicht anders gewohnt, regelrechten Studienausgabe auch erstmals auf Blu-ray, die es bislang nur als Grabbeltisch-DVD gab (die immerhin vielleicht auch einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, dass der Film zwischenzeitlich nicht gänzlich in Vergessenheit geriet). Robert Sigls beeindruckendes Langfilmdebüt, den der damals frisch von der Münchener Filmhochschule kommende Regisseur 1989 mit gerade einmal 25 Jahren vorlegte, ist ein waschechter gothic horror – und steht (nicht nur) damit selbst im erweiterten Blick auf bundesdeutsche Filmgeschichte (durch den, um nur ein Beispiel zu nennen, das lange aufrechterhaltene Bild der Einzigartigkeit Roland Klicks als genuiner westdeutscher Genre-Auteur längst nicht mehr tragbar ist) ziemlich singulär da.

Sigl drehte Horrorfilme aus Überzeugung und begreift das Genre als einen assoziativen Möglichkeitsraum. Eine Vision, die dann für den deutschen Filmbetrieb wohl entschieden zu groß und zu sperrig war, sodass „Laurin“ bis heute sein einziger Kinofilm blieb, er hiernach nur noch fürs Fernsehen und auch nicht mehr nach eigenen Drehbüchern arbeiten konnte (die Werke, die dort entstanden, sind entweder gar nicht oder nur auf inzwischen lange vergriffenen DVDs erschienen – sehen würde ich sie gerne alle).

Das ist eine wahre Schande, denn „Laurin“, dessen Bezüge auf verschiedenste Traditionslinien des Genres vom Weimarer Kino bis zu den Gialli eines Dario Argento oder (am Schluss auch) den übernatürlichen Splatterszenarien eines Lucio Fulci eigentlich das Schaffen eines großen Genre-Auteurs einzuleiten schienen, der sich der Mittel des Horrorfilms bedient, um eine ganz eigene düstere Vision von der Welt zu schaffen, die tiefenpsychologischen Implikationen des Genres einerseits ernst und andererseits als Form nimmt, die er mit seinen eigenen (auch) gesellschaftskritischen Inhalten füllt. Der Ort des Grauens ist in „Laurin“ die Familie in einer archaisch christlichen Gesellschaft, die der Film zwar historisch am Anfang des zwanzigsten Jahrhundert verortet, die damit aber zugleich als „abendländische Tradition“ in der Gegenwart seiner Entstehung (und darüber hinaus) fortlebt.

Das junge Mädchen Laurin ist die Tochter eines Seemanns (János Derzsi), der sie aus beruflichen Gründen oft alleine lassen muss, sodass sie, nach dem gewaltsamen Tod ihrer Mutter (Kati Sir) zu Beginn, die meiste Zeit mit ihrer – fortwährend in ihrer Pfeife ein nicht genau definiertes Kraut rauchenden – Großmutter alleine bleibt. Durch die Visionen, die sie heimsuchen, kommt das Mädchen schließlich einem Mann auf die Spur, der in dem kleinen Ort an der Küste, in der der Film spielt, kleine Jungen ermordet.

Wenn im Vorspann ein Bild durch die Sicht eines Fernglases kreisförmig gerahmt erscheint, zollt Sigl nicht nur einem typischen Stilmittel des Stummfilms Referenz, sondern macht auch gleich klar, dass „Laurin“ ganz explizit ein Film über das Sehen ist. Und die, die hier (in vielfacher Hinsicht) sieht, ist eben die Titelfigur, die von der damals zwölfjährigen Dóra Szinetár sicherlich nicht zuletzt deshalb so beeindruckend dargestellt wird, weil sie ein geradezu unheimliches Gespür dafür hat, Bedeutung in ihre Blicke zu legen: Den Mörder mit seinem Schnurrbart und seinen streng nach hinten gegelten Haaren sieht sie einmal mit einem Blick an, der förmlich direkt durch seinen Körper hindurch zu seiner vernarbten Seele zu dringen scheint. An anderer Stelle überrascht sie ihren Vater in der Badewanne stehend, den Rücken (und den Hintern) ihr zugewandt. Sie zögert nun einige Sekunden, ehe sie den Blick nach unten abwendet, und aus diesem Blick spricht eine Mischung von Neugier und Begehren. In einer anderen Szene betrachten sich der Vater und die Mutter in einem Spiegel, wobei er ihr die Hände in die Bluse steckt und ihre Brüste liebkost. Laurin sieht ihnen durch eine Tür im Hintergrund zu. Das derart in Szene gesetzte Dreieck, dem die aggressive Komponente zu sehr abgeht, um wirklich ein ödipales zu sein, wird zu einem Geflecht begehrender Blicke, in denen sich Voyeurismus, Wissbegier und Narzissmus verschränken. Doch Sigl liegt es fern, all das zu verurteilen. Vielmehr werden die gesellschaftlichen Normen, denen die (kindliche) Sexualität ein Dorn im Auge ist, von der Großmutter verkörpert, die die Szene betritt und dem Geschehen Anstand anmahnend Einhalt gebietet.

Dem Thema des Blickes entsprechend staffelt Sigl seine – teils in Argentoeskem Rot ausgeleuchteten – Räume immer wieder durch Türrahmen, Fenster oder Spiegel. Letztere sind ein weiteres wichtiges Leitmotiv des Films, dem der Regisseur allerdings keine eindeutige Wertigkeit verleiht, sondern diese von Szene zu Szene variiert. Im bigotten Pfarrershaushalt sind Spiegel als „Werkzeuge menschlicher Eitelkeit“ verpönt, was diesen gleichzeitig assoziativ mit dem Vampir-Motiv verbindet, dem der Film eh, vorwiegend in seiner Murnauschen Ausprägung, Referenz zollt. Wurden sie in der vorher beschriebenen Szene zu einem durchaus positiv konnotierten Werkzeug menschlicher (Schau-)Lust, werden sie an anderer Stelle im Klassenraum zu einem der autoritären Kontrolle durch den neuen Lehrer Van Rees (verschlagen: Károly Eperjes). Schließlich, in einem derangierten Blick des Killers auf sein Abbild im Kerzenschein, werden sie dann vielleicht auch zu einem der Selbsterkenntnis. In einem Film, der maßgeblich von seinen inhaltlichen wie formalen Ambivalenzen lebt, hat eben jede Medaille zwei Seiten.

Außer vielleicht, was die Rolle des Christentums anbelangt, an dem Sigl kein gutes Haar lässt. Als ein Film, der, wie Olaf Möller im (auf der DVD enthaltenen) Interview anmerkt, sehr stark aus seinen Bildern heraus gedacht ist, erzählt „Laurin“ die Macht des Christentums nicht in Worten, sondern schreibt sie dem Film visuell ein durch die Art, wie die Kruzifixe an den Wänden seine Räume dominieren. Wenn im Klassenzimmer vor dem Eintreffen des neuen Lehrers wahrhaftig die Hölle los ist, thematisiert Sigl einerseits schon die Grausamkeit von Kindern und die Hackordnung, die unter ihnen herrscht, findet aber andererseits auch ein eindrückliches Bild für die buchstäblich (und eben sehr bildlich) gedachte Verkehrung von Machtverhältnissen, die dieser innewohnen kann. Laurins bebrillter Bruder und Klassenkamerad Stefan (Barnabás Tóth) wird von einigen fiesen Mitschülern kurzerhand kopfüber in den Schrank gehängt. In einer kurzen subjektiven Einstellung aus seiner Sicht steht der chaotische Raum nun auf dem Kopf, was besonders dadurch interessant wird, dass dementsprechend nun auch der Mann am Kreuz den Raum eben nicht mehr von oben herab beherrschen kann, sondern sich nun an den unteren Bildrand gedrängt sieht. In einer späteren Szene werden ebenfalls im Kinderspiel normative Geschlechterrollen ins Wanken gebracht, wenn sich Laurin als erwachsener Mann und Stefan als Frau verkleiden.

Man könnte sagen, dass „Laurin“ in einer Welt spielt, die es nur im Kino geben kann – und die sich dennoch nicht in einen reinen Eskapismus zurückzieht, sondern immer wieder auch von der „außerfilmischen Realität“ erzählt. Robert Sigls von einer so unheimlichen wie melancholischen Atmosphäre getragener und von Nykia Janscó in größtenteils postertauglichen, sehr exakt komponierten Bildern fotografierter Film kann nun, Bildstörung sei Dank, in gebührender Form gesehen, genossen und gedeutet werden.

Downsizing

(USA/NOR 2017, Regie: Alexander Payne)

Liberale lieben Leisurelands Little People
von Drehli Robnik

Im Unterschied zu älteren und neueren Filmen, die das Schrumpfen von Leuten auf Bleistiftgröße zur Gaudi oder zum Grusel machen (wobei: „The Incredible Shrinking Man“ ist auch nach 60 Jahren …

Im Unterschied zu älteren und neueren Filmen, die das Schrumpfen von Leuten auf Bleistiftgröße zur Gaudi oder zum Grusel machen (wobei: „The Incredible Shrinking Man“ ist auch nach 60 Jahren ziemlich heftig als Haushaltshorror), geht’s hier beim „Downsizing“ erst einmal ernsthaft und trocken zu. Sprich: Es ist recht witzig, weil satirisch beobachtet; zumal in lakonischem Ton, wie ihn US-Regisseur Alexander Payne in Sachen White Middle Class zuletzt 2013 in „Nebraska“ anklingen ließ.

Wie viele andere Leute weltweit lässt sich ein biederes Ehepaar (ebenfalls aus Nebraska) schrumpfen, um fortan in einer Miniaturwelt mit künstlichem Dauerfrühsommerklima zu leben. Die Erfindung der Reduktion wird im Plot zunächst als ökologische Rettungsmaßnahme eingeführt: Verkleinerte Müllberge, Fußabdrücke etc. sollen die Erde vor den sie verbrauchenden Menschen bewahren. Anhand einer Fülle sozial- und kulturtechnischer Details verzeichnet „Downsizing“ den gleitenden Übergang vom Öko-Projekt zum Lifestyle-Rundumservice für Besserverdienende: Wer in Groß ein Häuschen ohne Hypothek hat, kann in Klein im Palast privatisieren – nach Vermögensübertragung an die Firma Leisureland. Deren niederes Personal ist vorwiegend afroamerikanisch.

Ein Naturschutz-Tunnelblick verkennt, dass „die Menschheit“ nicht eins ist, sondern nach Klassen und rassistisch gespalten: Das ist hier okay herausgearbeitet (um es mal altmodisch zu sagen, so wie die Miniatur-Effekte hier ebenfalls gezielt einen Flair des Altmodischen in Zuckerlbunt versprühen). Ebenso das wissende Lächeln einer Attitüde des Weltuntergangs-Survivalismus: New Age in Norwegen, in der sagenumwobenen original colony, zu der hin die zwergengroßen Amis gegen Ende aufbrechen. Übergreifende Politik aber scheint es hier nicht zu geben, und schwach ist der Plot, der eine Art Erwachen zum Bewusstsein zelebriert: Der Held (Parade-Liberal Matt Damon) lernt – und zwar vom sympathischen serbischen Strizzi (Christoph Waltz, flankiert von Udo Kier: Doppelgrins), dass ja alles nur Business ist, und von der taffen vietnamesischen Refugee-Putzfrau (Hong Chau), dass das doch nicht so ist, bzw. dass es auch unter den Little People noch Little People gibt und auch im Idyll Leute (meist Asians und Hispanics) in Elend hackeln und hausen. Also wird er Armenarzt. Die Armen verleihen seinem Leben Sinn. Gut, dass es sie gibt.

Die dunkelste Stunde

(GB 2017, Regie: Joe Wright)

Schall und Rauch, vom Volk befeuert
von Drehli Robnik

Bis zur großen Rede wird viel geredet. „Die dunkelste Stunde“ ist im Saal deren zwei und zeigt drei Wochen im Mai; das geht flott vorbei – mit Rededuell und Ritualen …

Bis zur großen Rede wird viel geredet. „Die dunkelste Stunde“ ist im Saal deren zwei und zeigt drei Wochen im Mai; das geht flott vorbei – mit Rededuell und Ritualen im Schnellschnitt während Blitzkrieg. Wie die vielen zufallenden Stahltüren krachen auch der Filmtitel, später dann Datumsanzeigen, riesig ins Bild, und wir merken uns: „Darkest Hour“, das ist, wenn im Parlament, so wie in der Eröffnungsszene gestritten wird und viele durcheinander rufen (folglich ist es eine lichte Stunde, wenn, wie am Ende, einer redet und alle still sind und ihm folgen).

Jedenfalls: Im Mai 1940 überrollen Nazi-Truppen Frankreich und die Benelux-Staaten. Winston Churchill, Notnagelpremierminister auf Abruf, muss nun überzeugen: die britische Öffentlichkeit, den skeptischen König, seine eigene Tory-Partei, zumal jene, die Friedensverhandlungen mit Hitler anbahnen wollen. Seine erste Unterhaus-Rede, die der Bevölkerung nichts als „Blut, Schweiß und Tränen“ verheißt und zur Fortführung des Krieges aufruft, fällt glatt durch. Die finale „We shall never surrender!“-Rede löst dann aber Euphorie aus: Das Land kämpft weiter, bis mein Opa und die anderen Nazis besiegt gewesen sein werden – für eine Zeit lang zumindest.

Diese bewegende Rede ist jene, die am Ende von „Dunkirk“ tonlos aus der Zeitung vorgelesen wird. Der betreffende Evakuierungsmythos kommt auch in „Die dunkelste Stunde“ prominent vor und war offenbar die Idee von „Winston“ (bei den obligaten Schlusstiteln, die sagen, wie´s den Leuten weiter ergangen ist, sind wir mit dem Premierminister auf Vornamensbasis). Dem Dünkirchener Strandchaos unter Nazibeschuss hatte Joe Wright schon 2007 in „Abbitte“ ein Denkmal aus Regieeinfällen gesetzt (die längste Praline, pardon: Kamerafahrt der Welt) – nun pimpt er Churchill für die Gegenwart auf. Das geschieht immer wieder in Vogelschauen, die von hoch oben recht tiefsinnig wirken sollen und jedenfalls den
Krieg zeigen, der fern der Londoner War Room-Kammerspiele abläuft, und mit viel Licht. Das Licht ist mal rot (Zigarre, Radioredesignallampe), öfter aber ist es ein Weiß, in dem Churchills Zigarrenqualm, Rede-Schreibpapier und Mondgesicht erstrahlen.

Gary Oldman bleibt also beim bleichen Make-up: Seine Karriere begann er als Sid Vicious und Graf Dracula; sein Churchill – für den man ihm noch einige Preise verleihen wird – ist nicht grade ein Punk, aber ein wilder Flegel zwischen Wutausbruch und Dahintaumeln (ergo mehr Trump als Obama, von wegen Gegenwartsbezug zu einer Politik der bewegenden Rede). Der Brandy fließt schon morgens, die Lippe bebt die ganze Zeit, es fällt ein Popo-Wort hier, ein WC-Witz da. Die deutsche Synchro tut sich schwer beim privy seal; vielleicht dafür ein „Ficktory-Zeichen“ reinkalauern? (Nur so ein Vorschlag.)

Churchills wirres Nuscheln ist hier Trademark, nicht Ohnmachtsinsignie (wie es noch das Stottern in „The King´s Speech“ war; übrigens: derselbe König stottert hier viel weniger, dafür kann auch er deftig reden, sagt etwa zu Churchill „Beat the buggers!“). Auf die Public History im Trauma-Modus, die seit den 1990er Jahren auch im Kino den Ton angibt (auch noch in dem 2017 untergegangenen britischen „Churchill“ mit Brian Cox in der ganz traumatologisch angelegten Titelrolle), scheint nun allmählich ein anderes Paradigma der Geschichtserschließung zu folgen: Es ist eine Art Upgrade – im Zeichen angeeigneter Pop-Traditionen – des Konzepts der Great Personality, die heute, wie man so unschön sagt: authentisch ist, weil sie in einem gepflegt ausgeformten, distinkten Stil ruht, der ganz auf Marotten basiert.

Natürlich macht Churchill nicht alles allein. Er bekommt Stichworte geliefert, von seiner Gattin (Kristin Scott Thomas) und seiner Sekretärin (Lily James), die fast explizit als Souffleuse auftritt. Ansonsten tippt sie und kämpft mit den Tränen. Das will wohl als Würdigung des Anteils von Frauen an der männerdominierten „großen Geschichte“ wahrgenommen werden, läuft aber so – noch dazu in massiver Unterforderung zweier guter Schauspielerinnen – noch drastischer aufs Gegenteil hinaus. Ähnlich verhält es sich bei der Stichwortlieferung, die „das Volk“ übernimmt: Die Szene, in der the British people dem plötzlich zum U-Bahn-Fahren ausgebüxten Premier in Form eines „Never!“-Chors in der tube ein Direktmandat erteilt, ist so herablassend, dass eine subaltern-klassistische Vorstellung von „den Leuten“ umso ekliger zelebriert wird, und so pseudo-multiethnisch (die beflissen betonte Anekdote mit einem African Briton inmitten einer rein weißen Welt, der Churchills Ahnen-Anrufungs-Zitat seines Lieblingshistorikers Macaulay brav vervollständigt – missverstanden geklaut, wie einiges hier, aus „Lincoln“ und anderen Spielberg-Historienfilmen), dass es letztlich rassistisch ist. Rechtspopulistisch wie das Brexit-Votum, das die Szene meint, ist sie sowieso. Aber – und das ist die Ideo-Logik eines Films, der auf politisch gespaltenen Märkten (vor allem in seinem Produktionsland Großbritannien) reüssieren will – you can have it both ways: nationalautoritär in Form und Inhalt, aber konsensual antinazi im Hintertürl einer diffusen Anmutung. Ging es nicht beim Brexit auch irgendwie so „gegen Deutschland“? Eben.

Das Milan-Protokoll

(D/AT 2017, Regie: Peter Ott)

Debattenkriegskino
von Jürgen Kiontke

„Ich bekämpfe den IS mit Antibiotika.“ Martina (Catrin Striebeck), deutsche Ärztin mit linksradikaler Vergangenheit, opfert sich für eine Hilfsorganisation in einem Flüchtlingslager im Nordirak auf – quasi in Sichtweite zum …

„Ich bekämpfe den IS mit Antibiotika.“ Martina (Catrin Striebeck), deutsche Ärztin mit linksradikaler Vergangenheit, opfert sich für eine Hilfsorganisation in einem Flüchtlingslager im Nordirak auf – quasi in Sichtweite zum Kriegsschauplatz Syrien. Unermüdlich ist sie für ihre Patienten im Einsatz. Normalerweise.

Jetzt aber sitzt sie Moses (Christopher Bach) vom Bundesnachrichtendienst gegenüber und beantwortet dessen harsche Fragen. Der Agent gibt sich konziliant-nervös, kein Wunder: Er ist hinter Sachen her, die seinem Arbeitgeber abhandengekommen sind und die dem Film von Regisseur Peter Ott, den wir gerade sehen, den Titel geben: Milan-Panzerabwehrraketen. Solche Raketen hatte das deutsche Verteidigungsministerium spontan ins Krisengebiet geliefert. Was Moses nun herausbekommen will: Ist die linke Medizinerin tatsächlich nur humanitär tätige Hilfskraft – oder doch Waffenschieberin in einem Bürgerkrieg mit rund vierzig Kriegsparteien?

Denn Martina war entführt worden, von einer Gruppierung, die dem Islamischen Staat nahesteht. Vielleicht auch nur nahestand. Unter welchen Bedingungen sie bei den Geiselnehmern lebte, keiner außer ihr selbst weiß es. Und welche Interessen die anderen Kampfgruppen an ihr haben, das weiß nicht einmal sie.

Wer in Peter Otts Thriller „Das Milan-Protokoll“ wann welche Position in diesem grenzübergreifenden Konflikt bezieht, das ist gar nicht so leicht nachzuverfolgen. Tatsache ist: Martina konnte als Ärztin Kontrollpunkte oft problemlos passieren, sie hat beste Verbindungen zu kurdischen Verbänden, noch aus der Vergangenheit. Die PKK, sunnitische Stammesverbände, der türkische Geheimdienst und nicht zuletzt die deutsche Bundesregierung spielen ihr Spiel mit Martina, einer Art Superfrau, der es im Leben schnell zu öde ist und die ihren Job als Tarnung für ihr politisches Engagement benutzt.

In ruppigen Rückblenden erzählt Regisseur Ott das Geschehen, für den Zuschauer puzzeln sich die Ereignisse nur allmählich zusammen. Das sporadische Erzählen in losen Bildern und Dialogsequenzen verweigert sich dem schnellen Verständnis, vermittelt jedoch viel über die Staffage des Bürgerkriegs. So wie bei Martinas Bewacher, dem jungen IS-Kämpfer Ismail. Er war ein gelangweilter Schüler in Bielefeld, bis er beim IS landete, sich dort aber auch bald wieder verabschiedete. Oder wie bei dem Clan-Chef, dem Emir: dem der Krieg mit seinen vielen zu treffenden Entscheidungen zu anstrengend ist und der sich am liebsten mit einer Flasche Whisky entspannt. „Die Frauen werden auch immer krasser“, klagt der alte Mann. „Sie wollen nur noch Märtyrer heiraten.“

„Das Milan-Protokoll“ ist nicht eingängig. Ott will zeigen, wer in Konflikten wie agiert, will ran an die Akteure und ihre Überlebensstrategien. Will nicht werten, sondern klassische menschliche Situationen zeigen: Was bedeutet Existenz – wenn sie im nächsten Moment beendet wird? Der Krieg wird nicht gut konsumierbar strukturiert, sondern als Panoptikum, als Symbol für die Handlungen in den Außenzonen und Anrainerstaaten der Europäischen Union dargestellt. Es gehe darum, zu begreifen, dass „scheinbare Alternativlosigkeit nur eine Frage der Erzählebene ist“, sagt Ott.

Keine Frage: Diese Art Kino ist ein Ort für Verwirrungen und für Diskussionen nach der Aufführung. Gut so!

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Time of the Gypsies

(GB, IT, JU 1988, Regie: Emir Kusturica)

Kein Platz für Träume(r)
von Nicolai Bühnemann

In einer Szene relativ zu Beginn kommt die junge Azra zu Perhan, dem adoleszenten Protagonisten, um Kalk von ihm zu kaufen. Perhan führt sie zu dem Ofen, beginnt ihr zu …

In einer Szene relativ zu Beginn kommt die junge Azra zu Perhan, dem adoleszenten Protagonisten, um Kalk von ihm zu kaufen. Perhan führt sie zu dem Ofen, beginnt ihr zu erklären, wie Kalk gebrannt wird. Die Kamera steigt mit dem Rauch an dem steinernen Ofen entlang, gelangt schließlich ohne Schnitt oben an, wo die zwei jungen Menschen, die bald ein Paar sein werden, nun stehen, um den Kalk aus dem Ofen zu nehmen, während aus dem Off weiter Perhans Ausführungen zu hören sind, gleitet dann wiederum ohne Schnitt an dem Ofen hinab, wo unten Azra und Perhan sitzen wie zu Beginn der Einstellung.

Die Gesetze der filmischen Kontinuität sind hier offensichtlich außer Kraft gesetzt. Ebenso wie später die der Schwerkraft, denn Perhan (Davor Dujmovic) hat telekinetische Kräfte, kann also mit reiner Willenskraft Gegenstände bewegen. Auch die Gesetze der Genres gelten nicht in diesem Film, der Elemente von grotesker Komödie, Melodram, Coming-of-Age-Film und Gangsterepos mit einem teilweise dokumentarischen Duktus verbindet, ohne doch jemals auch nur annähernd in einer der Gattungen ganz aufzugehen. Dafür ist in dem „Film über die Liebe“, den der Untertitel ankündigt, die Beziehung, die hier am Kalkofen ihren Anfang nimmt, anderen Gesetzen umso bedingungsloser unterworfen. Es ist das Spannungsfeld zwischen den Gesetzen, von denen sich der Film befreit, und in denen nicht nur Perhan, sondern alle seine Figuren gefangen bleiben, in dem sich Emir Kusturicas „Time of the Gypsies“ entfaltet.

Für die Roma im heutigen Kroatien ist der Gott, den sie doch immer wieder anrufen, offensichtlich ein abwesender. Gleich zu Beginn wendet sich einer von ihnen, eine andere Regel des narrativen Kinos geflissentlich ignorierend, mit seinem dreckigen Gesicht, seinen kaputten Zähnen und seinem noch kaputteren Regenschirm direkt an die Kamera und erklärt ihr und uns, dass Gott einst auf die Erde kam, mit den Zigeunern nichts anfangen konnte und also wieder in den Himmel entschwebte. Die derart von Gott verlassenen sind nun auf der Erde anderen, menschengemachten Gesetzen unterworfen. Zuvorderst denen des Kapitalismus, der bekanntlich jenen am übelsten mitspielt, die nicht das Glück haben, in seinen Metropolen geboren worden zu sein, sondern sich in der Peripherie danach verzehren, ihr Stück vom Kuchen abzubekommen, ihren Platz in der Welt zu finden.

Kusturica drehte seinen Film über einen Zeitraum von neun Monaten in Mailand und der Umgebung von Sarajevo, wobei er größtenteils auf professionelle DarstellerInnen verzichtete und seine Laien aus den dort lebenden Roma rekrutierte. Als Inspirationsquelle gab er die lateinamerikanische Literatur und namentlich den sogenannten „magischen Realismus“ an, dessen Hauptvertreter Gabriel García Márquez ist. Auch wenn ich gerade mit der Ästhetik des Films, mit seiner Auffassung von einer poetischen Bildsprache immer wieder meine Probleme hatte, ist er ohne sie nicht denkbar, bzw. wäre er dann nicht nur ein gänzlich anderer, sondern wahrscheinlich ein viel schlimmerer Film. Die Geschichte Perhans braucht den starken Drall ins Surreale, ohne den sie wohl Miserabilismus in seiner schlimmsten Form wäre.

Schließlich erzählt sie von einem, der, eh schon nicht mit einem Silberlöffel im Mund geboren, permanent alles verliert. Perhan hatte einen Truthahn, den er liebte und den ihm seine ebenfalls innig geliebte Oma (ganz fantastisch: Ljubica Adzovic), bei der er zu Beginn lebt, geschenkt hat, aber der endet im Kochtopf. Perhan hatte einen kleine Schwester (Elvira Sali), die ein kaputtes Bein hatte, weswegen er sie auf dem Weg nach Italien ins Krankenhaus bringen sollte, doch sie wird von Gangsterboss Ahmed (Bora Todorovic), dem „Zigeunerscheich“, zum Betteln verdammt. Perhan hatte Azra (Sinolicka Trpkova), doch die stirbt ihm schließlich vor lauter Demütigungen unter den Händen weg.

Wo der Kapitalismus die äußeren Gesetzmäßigkeiten von Perhans tragischer Geschichte vorgibt, ist es das Patriarchat, das sein Glück von innen her verunmöglicht. Dass ein Mann tun muss, was ein Mann tun muss, also seine vermeintlich untreue Frau, der er nicht verzeihen konnte, dass sie in seiner Abwesenheit vergewaltigt wurde, wie Dreck behandeln und später dann seine kleine Schwester rächen, ist der innere Fluch, der auf ihm liegt. Diese Mächte eines bestimmten Ehrbegriffs und den Verheißungen des Geldes finden spätestens in einer Szene unheilvoll zueinander, in der sich eine Frau, der Tränen über das Gesicht laufen, für Ahmed in einem Wohnwagen prostituiert, vor dem die Männer Schlange stehen. Die Hackordnung unter den Ausgegrenzten, die sich nur noch gegenseitig ausbeuten können, wird ebenfalls festgelegt durch die patriarchale Ordnung.

Schließlich hatte Perhan Träume, aus einem erwacht er wegen einer Razzia der italienischen Polizei. In einem anderen heiratet er Azra. Da gibt es ein riesiges Fest an einem Fluss, bei dem die Dorfbewohner mit allerlei Fackeln hantieren und die Szenerie in ein rötliches Licht getaucht ist, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Das Paar treibt auf einem selbstgebauten rechteckigen Boot auf dem ruhigen Gewässer und sie tätowiert sich seinen Namen unter ihre entblößte Brust. Wenn der Traum dann später Wirklichkeit wird, hat er all seine Magie und seine Erhabenheit gründlich verloren. Perhan, der es in Italien als Gangster zu etwas gebracht hat, nun Anzug trägt und Zigarre raucht, kehrt zurück in sein Dorf mit dem nötigen Geld, um Azra ihrer Mutter quasi abzukaufen. Doch das Geld als Erfüllungsgehilfe seiner Träume scheint diese zugleich zu verderben. Als absolut unterkühlte finanzielle Transaktion stellt sich nun auch diese reale Hochzeit dar. Azra ist schwanger und Perhan glaubt ihren Beteuerungen nicht, dass es sein Kind ist und beschließt deshalb, dass es unmittelbar nach der Geburt verkauft werden soll, damit sie nun ein eigenes machen können.

Auch wenn in Kusturicas meisterlichem Film die Grenze zwischen Traum und Realität immer wieder sehr durchlässig scheint, zeichnet er doch in letzter Instanz ein erdrückendes Bild von einer Welt, in der die sozialen Realitäten alle Träume des Protagonisten und damit schließlich auch ihn selbst langsam zerreiben. Denn, so schreibt Perhan aus der Ferne wehmütig seiner Großmutter: „Was ist schon ein Zigeuner ohne Träume?“

Den schon seit einigen Jahren auf DVD vorliegenden Film, gibt es nun von Winkler Film auch erstmals als Blu-ray. Als Extras gibt es neben dem obligatorischen Trailer und einem alternativen Ende ein Interview mit Kusturica, in dem er auch vom tragischen Schicksal des Hauptdarstellers Davor Dujomic berichtet, das der großen Tragik des Films noch einmal eine weitere Ebene hinzuzufügen scheint. Mutmaßlich durch den Ruhm, den ihm seine Rolle bescherte, hatte er im folgenden Jahrzehnt mit Depression und Drogensucht zu kämpfen, bis er sich im Alter von nur 29 Jahren erhängte.

Mit mir nicht, meine Herren

(USA 1959, Regie: Richard Quine)

Kleines Lob auf das gut aufgeräumte Hollywoodkino
von Nicolai Bühnemann

In den Fünfzigern war die Welt noch in Ordnung. Na gut, auch damals schon gab es Leute wie den Eisenbahntycoon Harry Foster Malone (Ernie Kovacs), der durch seine verbraucherunfreundliche Firmenpolitik …

In den Fünfzigern war die Welt noch in Ordnung. Na gut, auch damals schon gab es Leute wie den Eisenbahntycoon Harry Foster Malone (Ernie Kovacs), der durch seine verbraucherunfreundliche Firmenpolitik dafür sorgt, dass die Hummerzüchterin Jane (Doris Day) eine Lieferung der noblen Schalentiere verliert, was diese sich nicht gefallen lassen will, weswegen sie mit Unterstützung ihres langjährigen Freundes George Denham (Jack Lemmon) einen Rechtsstreit beginnt. Am Ende gewinnt aber natürlich wie in der Bibel die Davids-Kleinunternehmerin gegen den Großkapitalisten-Goliath, der einerseits durch noch einen weiteren biblischen Bezug, den der Film in seinen Dialogen expliziert, nämlich dem zum Pharao, gleich mehrfach zu einem villain von alttestamentarischen Ausmaßen stilisiert wird. Andererseits ist der stolze Emporkömmling, der sich damit brüstet, es von einer Bruchbude an der Lower West Side bis an die Spitze eines Riesenkonzerns gebracht zu haben, mit seinen dicken Zigarren, seinem schwarzen Diener, der fürs Servieren der Speisen, die Rasur, aber auch die Massage seines Herren verantwortlich ist, eine solch obszöne Erscheinung, dass er auch gut und gerne bei Eisenstein vorkommen könnte. Nur ist in „It Happened to Jane“ dann nicht der Umsturz der kapitalistischen Ordnung durch das Proletariat die Konsequenz aus dem obszönen Reichtum von Menschen, die den ganzen Tag bedient werden und andere für sich arbeiten lassen (in seiner ersten Szene isst er Hummer, was verdeutlicht, dass auch Jane zu denjenigen gehört, die auf mittelbare Weise für Männer wie ihn arbeiten), sondern seine Kontrolle durch die „einfachen“ Leute einer bei allen Herausforderungen und Problemen meist gut gelaunten, fleißigen und hemdsärmelig anpackenden Mittelschicht, die das Geldsystem nur so weit in ihre Macht bringen und „zähmen“ muss, dass es wieder ganz ihren Interessen dient.

Wenn Hollywood für die Manufaktur kollektiver Träume verantwortlich zeichnet, dann ist es in einem Film wie diesem, der das geradezu dialektische Kunststück vollbringt, im höchsten Maße politisch und gleichzeitig ein absolut eskapistisches Märchen zu sein, überdeutlich, wer hier träumt – das weiße Mehrheitsamerika, das an Gott, Familie und einen humanen Kapitalismus, dessen bizarr gierige Auswüchse in Schach gehalten werden müssen von der Demokratie, die hier wörtlich verstanden werden darf als Herrschaft des Volkes (wobei der Begriff Volk, nicht anders als bei den „Wir sind das Volk“-brüllenden selbsternannten RetterInnen des Abendlands im Deutschland der Gegenwart, auch hier einer ist, der auf Ausgrenzung und Exklusion fußt – natürlich ist unter den Menschen in der kleinen Stadt, aus der Jane und George stammen, die in einer Szene kräftig mit anpacken für den Sieg der guten Sache, kein einziger – nur zum Beispiel – schwarz).

Die Blase, in die sich der Film durch seine soziale Perspektivierung begibt, ist denn auch definitiv eine filmgeschichtliche. Steht der Film 1959 doch zwischen dem Zynismus und der Abgründigkeit des klassischen Film Noir, die sich aus den Erfahrungen von Faschismus, Krieg und Exil speisten, und den Umbrüchen des „New Hollywood“, mit denen die amerikanische Filmindustrie auf den demographischen Wandel ebenso reagierte wie auf den wachsenden Einfluss der Bürgerrechtsbewegung und der im Angesicht des Vietnamkriegs sich formierenden Protestkultur. Beides scheint hier verdammt weit weg zu sein.

„It Happened to Jane“ ist in vielerlei Hinsicht ein totalitärer Film: Zunächst einmal, weil er wirklich restlos alles dem Bedürfnis seines Zielpublikums, auf der richtigen Seite zu stehen, unterordnet. Begonnen bei der Tatsache, dass Georges Mitbewerber um Janes amouröse Gunst, der New Yorker Reporter Larry (Steve Forrest, ein Intellektueller aus der großen Stadt, der sich zu allem Überfluss auch noch Jane gegenüber mit seinen reichhaltigen erotischen Erfahrungen brüstet, also auch noch liberal, ach was, libertinär ist? Geht natürlich gar nicht!) bis zum Motiv der Eisenbahn, die in der Mythologie insbesondere des Westerns eng mit der Nutzbarmachung und „Zivilisierung“ des Landes verbunden ist, und hier also wieder von dem (Klein-)Bürgertum aus mittelständischen Unternehmern und Anwälten zurückerobert werden muss. Letzteres gilt auch für die Medien, die für Jane, die mit ihrem Anliegen zunächst die Talkshows, sodann die Herzen des Fernsehpublikums erobert, wichtige Gehilfen bei der Durchsetzung ihres Anliegens sind. Schließlich die Tatsache, dass eine Frau, auch wenn sie augenscheinlich so gut alleine zurechtkommt wie Jane, dann eben doch einen Mann braucht, damit sie wieder eine „richtige“ Familie hat.

Es mag anhand meiner bisherigen Ausführungen etwas verwundern, aber ich mochte diesen Film ziemlich gerne. Natürlich ist die Art, wie er seine reaktionären Botschaften als pure Menschenfreundlichkeit verkauft, nicht nur deshalb problematisch, weil eben ganz offensichtlich nicht alle Menschen gemeint sind, sondern nur eine ethnische und soziale Gruppe eines bestimmten Landes. Als ziemlich unordentlicher Mensch bewundere ich aber immer die Ordnung, die in solchen Filmen herrscht, in denen alles, jede Figur und jedes Detail, am rechten Platz ist, eine klar formulierte (vielleicht nicht nur, aber zumindest auch ideologische) Funktion zu erfüllen hat. In Hollywood verstand man es übrigens, über alle historischen Umwälzungen und auch Genrezusammenhänge hinweg solche Filme zu drehen. Wer sich etwa John McTiernans meisterlichen Action-Gamechanger „Stirb langsam“ (1988) unter diesen Gesichtspunkten ansehen möchte, versteht vielleicht, was ich meine. Oder anders ausgedrückt: Es fasziniert mich gerade am Kino, dass es manchmal in der Lage ist, mich Träume träumen zu lassen, die eigentlich ganz und gar nicht die meinen sind.

Winkler Film bietet den Film, der übrigens die einzige gemeinsame Zusammenarbeit seiner beiden Stars darstellt, seit November 2017 in einer leider recht schmucklosen Edition als DVD und Blu-ray an.

The Killing of a Sacred Deer

(IR/GB 2017, Regie: Yorgos Lanthimos)

Keine Angst vor Surrealem
von Marit Hofmann

Sex in der Arztehe: Sie simuliert eine Vollnarkose, er tastet die Gattin ab. Alles ist klinisch in dieser Familie und diesem Film: die Krankenhausgänge, das Luxushaus, die kühlen, künstlichen Dialoge, …

Sex in der Arztehe: Sie simuliert eine Vollnarkose, er tastet die Gattin ab. Alles ist klinisch in dieser Familie und diesem Film: die Krankenhausgänge, das Luxushaus, die kühlen, künstlichen Dialoge, der Stolz der Eltern auf die Leistungen der Kinder (inklusive der einsetzenden Menstruation der Tochter).

Es ist eine (echte) Operation am offenen Herzen, mit der Yorgos Lanthimos’ erstes in den USA gedrehtes Drama verstörend beginnt. Während er in pompösen Einstellungen zu getragenen »Stabat Mater«-Chören seziert, wie die Fassade der Hochglanzwelt bröckelt, ergeben sich Fragen über Fragen: Klebt im wahrsten Sinne des Wortes Blut an den schönen Händen des Chirurgen (Colin Farrell als Biedermann, den der Regisseur bereits in „The Lobster“ genüsslich malträtiert hat)? Oder ist das nur ein Hirngespinst des rätselhaften 16jährigen Martin (betörend phlegmatisch: Barry Keoghan), dessen Vater eine OP nicht überlebt hat? Kann dieser Schlaks aus ärmlichen Verhältnissen die Arztfamilie wirklich mit einem Fluch belegen? Wo sind wir überhaupt – in einem Mysterythriller, einem Horrormovie, einer griechischen Tragödie, einer Mischung aus „The Shining“ und dem Iphigenie-Mythos?

Nur die Arztkinder wundern sich über gar nichts, akzeptieren ihr Schicksal (Lähmungen sind erst der Anfang) klaglos, bewegen sich robbend fort, buhlen um die Gunst des Vaters, der zu ihrem Mörder werden könnte, und gehen die Sache pragmatisch an: „Krieg ich deinen MP3-Player, wenn du tot bist?“ Die tobenden Eltern wollen nicht wahrhaben, dass die Wissenschaft, die Medizin, der Verstand hier nicht weiterhelfen und gleichen darin dem Zuschauer, der ständig vergeblich auf der Suche nach Logik, Erklärungen, Genrezuordnungen ist.

Wenn deutschsprachige Filme sich mal (selten genug) über realistisches Erzählen hinauswagen (und sich nicht wie die Mysteryserie „Dark“ durch penetrante Gruseleffekte erledigen), muss eine rationale Auflösung her, die das Ganze banalisiert: In Greg Zglinskis „Animals“ (2017) ist es ein Unfall, der für Halluzinationen der Protagonistin sorgt; die Abgründe von „Ich seh, ich seh“ (DVD bei Koch Media) erklären die österreichischen Regisseure Veronika Franz und Severin Fialas mit einer psychischen Störung. Lanthimos dagegen, der mit einigen griechischen Landsleuten für ein neues unkonventionelles und körperbetontes Kino steht, hat keine Angst vor Surrealem. Er hält die Widersprüche aus und überlässt sie seinem Publikum.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Killing of a Sacred Deer“.

The Killing of a Sacred Deer

(IR/GB 2017, Regie: Yorgos Lanthimos)

Hilflose Menschennatur
von Wolfgang Nierlin

Wenn der Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) nach einer Operation seine blutbefleckten Handschuhe in einen Müllbehälter legt und die Kamera einen auffällig langen Moment darauf verharrt, gewinnt das Alltägliche etwas …

Wenn der Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) nach einer Operation seine blutbefleckten Handschuhe in einen Müllbehälter legt und die Kamera einen auffällig langen Moment darauf verharrt, gewinnt das Alltägliche etwas merkwürdig Feierliches, fast Erhabenes. Zwischen Leben und Tod, Allzumenschlichem und Sakralem beginnt Yorgos Lanthimos seinen neuen Film „The Killing of a Sacred Deer“. Während aus dem Off der Anfang aus Franz Schuberts „Stabat Mater“ erklingt und das Bild des Gekreuzigten vor dem inneren Auge erscheint, arbeitet besagter Operateur am geöffneten Brustkorb mit dem schlagenden Herzen. Den begnadeten Händen des Spezialisten, die im Verlauf des Films mehrmals als besonders schön bezeichnet werden, ist das schwache, bedrohte Leben förmlich anvertraut. Ein Fehler kann tödlich sein und alles verändern. Ein Fehlverhalten kann das Bild der abgestreiften Handschuhe in ein Bild der Schuld verwandeln.

Der angesehene Kardiologe, der mit seiner Frau Anna (Nicole Kidman), einer Augenärztin, und den beiden Kindern Kim und Bob in einem ruhigen, gepflegten Vorort von Cincinnati lebt, hat einen solch gravierenden Fehler gemacht. Weil ein Patient unter seinen Händen gestorben ist, trifft sich Steven seit geraumer Zeit mit dessen 16-jährigem Sohn Martin (Barry Keoghan), einem ebenso sensiblen wie verhaltensauffälligen Teenager, der in seiner Kommunikation eine merkwürdig offene Direktheit pflegt. Fast scheint es, als sei Steven für Martin eine Art Ersatzvater. Jedoch bleibt der Zuschauer über ihre wahre Beziehung lange Zeit im Ungewissen. Als der Arzt seinen jugendlichen Schützling seiner Familie vorstellt, verwandelt sich dieser allmählich in einen gefährlichen Eindringling, der das geordnete System aus Wohlstand, guter Erziehung, Schönheit und gesellschaftlichen Privilegien massiv erschüttert. Denn als Steven nach einem Gegenbesuch bei Martin und seiner übergriffigen Mutter plötzlich auf Distanz geht, fordert der Gekränkte nach antikem Vorbild für den Tod seines Vaters ein Menschenopfer und belegt deshalb Stevens Familie mit einem schrecklichen Fluch.

Yorgos Lanthimos inszeniert diese Gegenwart des Irrationalen und Unerklärlichen aus einer subjektiven, leicht erhöhten Beobachterperspektive, von wo aus die Kamera wie eine unsichtbare, übersinnliche Instanz die Totalität von Räumen und wiederkehrenden, schier endlosen Fluren erfasst. Die Figuren bewegen sich darin wie Gefangene geschlossener Systeme, aus denen es kein Entrinnen gibt, ihrem vorherbestimmten Verhängnis entgegen. Mit diesem kühlen Determinismus, der den Figuren wenig Entwicklungsmöglichkeit sowohl auf der psychischen Ebene als auch im Hinblick auf den zentralen Konflikt lässt, knüpft der griechische Regisseur an seine früheren, nicht minder verstörenden Werke „Dogtooth“ und „The Lobster“ an. Doch trotz dieser prinzipiell fatalistischen Weltsicht oder gerade wegen ihr geht es Lanthimos um die Enthüllung der menschlichen Natur in einer Extremsituation. Das archaische, von bizarren Einfällen, irritierenden Dialogen und dissonanten Klangschüben dramatisierte Geschehen handelt zwar von unauslöschlicher Schuld, strafender Gerechtigkeit und der Rückkehr des Verdrängen in Gestalt des Unfassbaren; es lenkt den Blick des Zuschauers aber vor allem auf die Hilflosigkeit und Abgründe menschlicher Verhaltensweisen.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Killing of a Sacred Deer“.

Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

(GB 2017, Regie: Thomas Riedelsheimer)

Momente der Klarheit
von Wolfgang Nierlin

Mühsam und beschwerlich klettert ein Mann in horizontaler Richtung durch die Zweige und dünnen Äste einer Baumgruppe, die parallel zum Weg verläuft, diesen säumt. In einer anderen Szene, die in …

Mühsam und beschwerlich klettert ein Mann in horizontaler Richtung durch die Zweige und dünnen Äste einer Baumgruppe, die parallel zum Weg verläuft, diesen säumt. In einer anderen Szene, die in einer Stadt aufgenommen ist, raschelt und atmet es in einer Hecke neben dem Gehweg, als plötzlich derselbe Mann aus ihr hervortritt. In beiden Fällen verändert die ungewohnte Fortbewegung die Sicht auf die Welt und führt zu einer intensiveren Erfahrung. Für den schottischen Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy, der bei diesen Aktionen um Gleichgewicht und Stabilität ringt, liegt in diesem Perspektivwechsel die Schönheit der Kunst. Zugleich findet er in der geglückten Balance Momente der Klarheit und des Verstehens; wenn er sich etwa auf einer hohen Klippe gegen den heftigen Wind stemmt und in einem Augenblick von ihm umgerissen, im anderen aber förmlich getragen wird.

Fallen zu lernen, sei sehr wichtig, erklärt der bedächtig wirkende und in sich ruhende Goldsworthy in Thomas Riedelsheimers Film „Leaning into the Wind“. Sechzehn Jahre sind seit ihrem ersten gemeinsamen Projekt „Rivers and Tides“ vergangen, in denen die Zeit weitergearbeitet hat. Andy Goldsworthy erzählt von persönlichen Schicksalsschlägen und Einschnitten, die sein Leben durcheinander gebracht und seine Arbeit unklarer, vielleicht schwerer gemacht haben. Eine umgefallene Ulme in der Nähe seines Wohnortes in Dumfriesshire, die stellvertretend für das Sterben dieser Baumart steht, besetzt insofern seit Jahren den Mittelpunkt seiner künstlerischen Beschäftigung mit der Natur. Die Brüche und Risse im Holz des mächtigen Baumes haben sich auf ihn übertragen. Ihre sich verändernden Formen und Strukturen nimmt Goldsworthy in seiner Kunst auf, indem er ihre Sichtbarkeit und die Zeichen ihres Vergehens verstärkt; oder aber die Spuren der Wunden durch das leuchtende Gelb von Ulmenblättern für kurze Zeit abdeckt.

Einmal sind es rote Blüten, mit denen Goldsworthys assistierende Tochter Holly eine Hand des Künstlers „bandagiert“, bevor Wasser den „Blätter-Verband“ wieder abwäscht. Wie etwas gemacht ist, sich verändert und vergeht und wie diese konstanten Prozesse des Erneuerns und Bewahrens in der Natur sichtbar und verstehbar gemacht werden können: Diesen Fragen spürt Andy Goldsworthy physisch, sinnlich und meditativ nach. Manchmal braucht es dazu nur aufgewirbelten Staub, um einen Lichtstrahl für kurze Zeit zu bündeln und gewissermaßen symbolträchtig in eine sehr lebendige und zugleich ephemere Skulptur zu transformieren.

Leitmotivisch sind in Riedelsheimers schönem, erneut von der kongenialen Musik Fred Friths begleitetem Film deshalb jene Aktionen, in denen sich der Künstler bei einsetzendem Nieselregen ausgestreckt auf die Erde oder den nackten Asphalt legt und so seinen Körper zu einer Art Schablone macht. Wenn er sich kurz darauf wieder erhebt, hat der Regen die Umrisse modelliert, deren Linien für wenige Augenblicke eine trockene Fläche einschließen. Diese wirkt wie das kurzzeitige Nachbild einer Präsenz, die sich durch den Regen im nächsten Moment wieder verflüchtigt.

Meine schöne innere Sonne

(F/B 2017, Regie: Claire Denis)

Die Liebessucherin
von Wolfgang Nierlin

Isabelle (Juliette Binoche) ist eine unabhängige Frau mittleren Alters, die als bildende Künstlerin in Paris lebt. Seit der Trennung von ihrem Mann François (Laurent Grévill) wohnt sie allein. Appartement und …

Isabelle (Juliette Binoche) ist eine unabhängige Frau mittleren Alters, die als bildende Künstlerin in Paris lebt. Seit der Trennung von ihrem Mann François (Laurent Grévill) wohnt sie allein. Appartement und Atelier befinden sich unter einem Dach, Leben und Arbeit gehen ineinander über. Nur einmal sieht man sie aus der Draufsicht beim Bemalen einer riesigen, auf dem Boden befestigten Leinwand. Und nur einmal begegnet sie als Mutter ihrer 10-jährigen Tochter Cécile, allerdings getrennt durch das Fensterglas einer Autoscheibe. Als reife, attraktive Frau mit verführerischem Chic hat sie wechselnde Liebhaber. Zwar steht sie von verschiedenen Seiten aus im Zentrum männlichen Begehrens, doch Isabelle ist unglücklich und hat Angst, dass ihr Liebesleben vorbei sei. Nur in Momenten lichtet sich ihr schwankendes Gefühlschaos. Zu kompliziert sind ihre Beziehungen, zu missverständlich ist die Sprache des Begehrens. Doch Isabelle beharrt auf ihrer romantischen Sehnsucht: „Ich möchte Liebe erleben, die echte Liebe.“

Ein missverständliches Wort und eine falsche Geste können den Zauber von einem Augenblick auf den anderen zerstören. Claire Denis beginnt ihren Film „Meine schöne innere Sonne“ (Un beau soleil intérieur), das ebenso melancholische wie komische Portrait einer Frau in der Liebeskrise, mit einer Sex-Szene. Ernst, Humor und Ernüchterung liegen darin nah beieinander. Später wird Isabelle zu ihrer Freundin Ariane (Sandrine Dumas) über den reichen, sehr dominanten Bankier und Macho Vincent (Xavier Beauvois) sagen, er habe sie nur deshalb angetörnt und zum Orgasmus gebracht, weil er ein „Drecksack“ sei. Anders liegt der Fall bei einem Freund (Nicolas Duvauchelle), der als Theater-Schauspieler arbeitet und sich sowohl in einer beruflichen als auch privaten Krise befindet. Der erdrückend gleichförmige Alltag habe seinem Leben das Verlangen ausgetrieben, er hoffe nur noch auf das Unbekannte.

Wenn sich die Liebesbedürftigen in Claire Denis‘ zusammen mit der Schriftstellerin Christine Angot geschriebenen Konversationsstück immer wieder verfehlen, liegt das vor allem daran, dass sie sich nicht verstehen oder alles zerreden, statt sich körperlich einander hinzugeben. Wiederholt hält die Reflexion, genährt von sozialen Differenzen und kulturellen Codes, das Begehren auf Distanz. Isabelles unsicheres Verhalten gegenüber dem aus einem anderen Milieu stammenden, sehr viel spontaner und vorbehaltloser agierenden Sylvain (Paul Blain) macht das besonders deutlich. Immer wieder erforscht Agnès Godards geschmeidig geführte Kamera deshalb Gesichter und Räume. Dabei ordnet Claire Denis die verzweifelte Liebessuche ihrer Heldin, die Fragmente ihres gefühlsintensiven Hin und Hers zwischen Wunsch und Wirklichkeit ganz unauffällig zu einem filmischen Stationendrama. An dessen Ende begegnet Isabelle einem Wahrsager (Gérard Depardieu), der ihr rät, sie solle sich um sich selbst kümmern und dabei authentisch und offen bleiben, um „eine schöne innere Sonne“ zu finden.

A Ghost Story

(USA 2017, Regie: David Lowery)

Verloren im Strom der Zeit
von Wolfgang Nierlin

Zärtliche Intimität und ein großes Vertrauen verbinden den Komponisten C (Casey Affleck) und seine Frau M (Rooney Mara). Eine lange Einstellung, in der sich das junge Paar tröstend und beschützend …

Zärtliche Intimität und ein großes Vertrauen verbinden den Komponisten C (Casey Affleck) und seine Frau M (Rooney Mara). Eine lange Einstellung, in der sich das junge Paar tröstend und beschützend umschlungen hält, gibt darüber Auskunft. Was die beiden trennt, ist das Haus, in dem sie wohnen und dessen Vergangenheit sich nicht einfach durch das Entfernen von Möbeln entsorgen lässt. Nachts werden die beiden von unerklärlichen Geräuschen geweckt. Doch der unheimliche Schrecken vergeht. Es scheint, als unterhalte C eine schicksalhafte Beziehung zum dem Haus, von der M ausgeschlossen ist. Als er in einer kurz darauf folgenden Szene bei einem Autounfall tödlich verunglückt, bleibt M zunächst allein im Haus zurück. Doch tatsächlich ist C als unsichtbarer Geist, der vielleicht schon früher da war und sich immer neu „materialisiert“, weiterhin präsent.

In David Lowerys minimalistischem Low-Budget-Film „A Ghost Story“ ist der Geist allerdings nur für die handelnden Figuren unsichtbar. Der Zuschauer sieht ihn – und aus dieser Differenz bezieht der melancholische Film einen Teil seiner Spannung – als eine in ein weißes Leintuch gehüllte Gestalt, die den Betrachter durch zwei ausgesparte, dunkle Augenhöhlen anblickt. In ihrer geheimnisvollen, majestätisch unnahbaren Anmutung wirkt diese wie eine Skulptur. Fremd und entrückt dominiert sie den Raum und das fast quadratische Bild durch eine Anwesenheit, die sich hauptsächlich auf eine beobachtende Neugier und Teilnahme beschränkt. Verloren im unendlichen Strom der Zeit und einer kosmischen Langeweile, konzentriert sich der Geist auf einen Raum, der sich durch seine wechselnden Bewohner fortwährend verändert, aufgehoben und neu geschaffen wird.

Lange nach Ms Auszug hält einer von ihnen, gespielt von dem für seine düsteren Songs bekannten Musiker Will Oldham, bei einer Party eine nihilistische Rede. Darin spricht er über das Bedürfnis des Menschen, in seinen (künstlerischen) Schöpfungen etwas Bleibendes zu schaffen, mithin Spuren zu hinterlassen, beurteilt dieses Streben nach Unvergänglichkeit und Dauer allerdings zugleich als Illusion und letztlich als sinnlos. Denn die Zeit zerstöre alles, nichts bleibe, auch wenn der Mensch, um seine vergängliche Existenz zu nähren, einer Hoffnung bedürfe – gegen die Zeit notiert als eine Erinnerung auf einem Zettel, versteckt in einer Mauerritze. Und so zerfällt das Haus und weicht Fundamenten für einen Wolkenkratzer. Menschen kommen und gehen, bewegen sich in einer Zeitschleife, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Alles befindet sich in einem fortwährenden Wandel. Nur der Geist bleibt, hütet den Ort vor dem Zugriff der Zeit, bis es auch für ihn nichts mehr gibt, was sein Ausharren rechtfertigen würde.

Life During Wartime

(USA 2009, Regie: Todd Solondz)

Teeparty mit Grandma Caligula
von Christian Keßler

Vor kurzem habe ich ja bereits den famosen „Willkommen im Tollhaus“ gekuckt. Nun kam in rascher Folge auch das überschaubare Restwerk von Todd Solondz zum Einsatz. Tatsächlich kannte ich nur …

Vor kurzem habe ich ja bereits den famosen „Willkommen im Tollhaus“ gekuckt. Nun kam in rascher Folge auch das überschaubare Restwerk von Todd Solondz zum Einsatz. Tatsächlich kannte ich nur den Debütfilm und Solondz‘ Zwoten, „Happiness“, der jedermanns Lieblingsfilm zu sein scheint. „Palindromes“ habe ich zudem während eines Umzuges auf einem Miniatur-Fernseher gesehen, aber allenfalls gesehen, nicht erlebt. Nun kamen erst einmal „Storytelling“ hinzu, besagter „Palindromes“ und schließlich „Life During Wartime“, der nicht den Weg nach Deutschland fand und den ich aufgrund seines Titels und seines britischen Covers für eine nostalgische Weltkriegs-Rückbesinnung à la Boormans „Hope & Glory“ hielt.

Das Tolle an Solondz ist, dass ich kaum einen amerikanischen Regisseur der Gegenwart kenne, der sich dermaßen treu bleibt in seinem Privatuniversum. Die Werke passen alle zueinander wie Arsch auf Eimer. Fast genauso toll – wenn auch nicht so schön für den Filmemacher, kommerziell gesehen – ist, dass sich die Meinungen der Zuschauer bei ihm ziemlich entzweien. „Wiener-Dog“ (den ich noch schauen muss) wird in der IMDb teilweise mit regelrechten Hasskaskaden versehen, u.a., weil da am Schluss ein Hund überfahren wird. (Das der Hund selbstredend computeranimiert, also nicht echt ist, scheint niemanden interessiert zu haben.) „Happiness“ war Sundance-kompatibel, weil er seine menschheitspessimistischen Ungeheuerlichkeiten in einem genüsslich süßlichen, geradezu seifigen Ton vortrug, der die herkömmlichen Darreichungsformen von Melodramatik verhohnepiepelte und mit ihnen spielte. Doch die ironische Herangehensweise scheint den Publikumsgeschmack mittlerweile dramatisch zu verfehlen, warum auch immer. Dem Filmemacher wird beispielsweise vorgeworfen, ein Misanthrop zu sein. Dralle Unwahrheit, der Mann ist Künstler, und er berichtet von Missständen, anstatt sich an ihnen zu verlustieren. Er tut dies auf eine unmittelbar wiedererkennbare Weise, man merkt sofort, dass ein Film von ihm ist. Seine Arbeiten sind liebenswürdig scheinende Charakterstudien, sie wirken wie Thornton Wilder für das Nachmittagsprogramm, doch dann entgleist der Zug, und er tut dies in Zeitlupe, so dass der Zuschauer jeden Pickel mitbekommt. Das ist ein wenig so, als würde einem eine nette, alte Dame etwas von einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt erzählen, und während ihres Vortrages verwandelt sie sich in ein fürchterliches Monster, Grandma Caligula.

Bezeichnend für die Filme von Solondz scheint mir zu sein, dass ich immer viel lachen muss, aber es tut mir im selben Moment leid, denn ich merke, worüber ich gerade lache, nämlich über ganz fürchterliche Dinge. „Life During Wartime“ etwa ist eine Art Fortsetzung von „Happiness“, nur dass sämtliche Figuren von anderen Schauspielern gespielt werden und sich häufig auch völlig anders verhalten, als man dies von den vorherigen Interpretationen erwarten würde. Sehr irritierend und sperrig, nobody’s darling. Erzählerisch ist Solondz ein fröhlicher Amokläufer. Er wird gelegentlich darauf reduziert, ein Provokateur zu sein, da er über Themen berichtet, die nicht teepartykompatibel sind, aber tatsächlich würde ich ihn als Entfremdungskünstler bezeichnen. Er zeigt, dass niemand ganz der ist, den man in ihm sieht. Er führt auch das postmoderne Herumhantieren mit dem Schockierenden ad absurdum, da es natürlich auch von sich selbst als alternativ empfindenden Geistern nur dann geschätzt wird, wenn es die eigene Sichtweise stützt und das Unsagbare letztlich erträglicher macht. Solondz handelt aber mit Zerrspiegeln, und da kommt niemand gut weg. Das kleidsam Kaputte, das in meiner Jugendzeit und später der „Generation X“ so geschätzt wurde, ist da ganz weit weg. Misanthropisch ist das aber gar nicht, es legt nur nahe, dass jeder nur mit Wasser kocht, man selber auch. Ich finde das vernünftig. Eines der Hauptthemen von „Life During Wartime“ ist Vergebung, ein ganz gefährliches Ding, da das für gewöhnlich in einem seifigen Erlösungsreigen resultiert, mit Hollywood-Geigen, und danach strömen alle weinend und irgendwie erleichtert aus dem Kino. Nicht so bei Solondz. Der hat eher eine pragmatische „Leb´ damit!“-Einstellung in seinen Filmen, der zwar nichts Tröstliches innewohnt, aber sie scheint mir dichter an der Realität angesiedelt. „Willkommen im Tollhaus“ und „Happiness“ scheinen mir die perfekten Einstiegsfilme zu sein. Aber ich bin mittlerweile ein richtiger Solondz-Fanboy und somit parteiisch.

Der lange Sommer der Theorie

(D 2017, Regie: Irene von Alberti)

Fröhliche Differenz
von Wolfgang Nierlin

„Es darf nicht alles bleiben wie es ist“, lautet die Maxime der drei Protagonistinnen, die in Irene von Albertis dokufiktionalem Film „Der lange Sommer der Theorie“ in einer Berliner Frauen-WG …

„Es darf nicht alles bleiben wie es ist“, lautet die Maxime der drei Protagonistinnen, die in Irene von Albertis dokufiktionalem Film „Der lange Sommer der Theorie“ in einer Berliner Frauen-WG zusammenleben. Die Schauspielerin Katja (Katja Weilandt), die Noise-Punk-Musikerin Martina (Martina Schöne-Radunski) und die Filmemacherin Nola (Julia Zange), deren Rollen ihren Trägerinnen nachempfunden sind, führen prekäre Künstlerinnenexistenzen in einem Leben, das sie „provisorisch“ nennen. Sie sind frei und ungebunden, verfolgen nur „kurzfristige Ziele“ und sind deshalb „immer auf dem Sprung“. Das müssen sie auch sein, denn die Kündigung für ihre spartanisch eingerichtete Wohnung liegt schon auf dem Frühstückstisch, womit Irene von Alberti gleich ein zentrales Thema des Films anspricht: Wie ändert sich die Gesellschaft, wenn die Stadt an Investoren verkauft wird und die letzten Nischen und Freiräume der Gentrifizierung zum Opfer fallen? In ihrem früheren, zusammen mit Miriam Dehne und Esther Gronenborn realisierten Episodenfilm „Stadt als Beute“ (2005) hat sich die Filmemacherin schon einmal mit dem Thema beschäftigt.

Besonders eng verknüpft sind diese Fragen mit dem nicht messbaren Wert künstlerischer Arbeit und der „Willkürlichkeit unserer ökonomischen Grundlagen“. Die kreativen Heldinnen des Films empfinden es als Widerspruch, für ihre Unabhängigkeit zu schuften und fordern ein Recht auf Faulheit; was natürlich auch mit der nach wie vor prekären Rolle der Frau in der Arbeitswelt korreliert. Handelt es sich dabei um „Staatsfeminismus“, wie die Autorinnen Lilly Lent und Andrea Trumann meinen, die Nola für ihren Film im Film interviewt? Jedenfalls spielen Martina, Katja und Nola mit Stil, Witz und Phantasie immer wieder mit den Möglichkeiten anderer „Lebensformen“ – ein Begriff der im Film mit der Philosophin Rahel Jaeggi diskutiert wird – und imaginieren sich in andere Existenzen.

Wie kommt man aber von der Theorie zur Praxis? Ist es möglich, dafür einen gewissermaßen „neutralen“ Standort zu finden? Und wie entgeht man dabei dem zunehmenden Zwang zur Selbstoptimierung? Während in den mehr fiktionalen, bewusst theatralisch gehaltenen Spielszenen des Films diese Fragen mit anarchischem Humor und fröhlicher Differenz behandelt werden, dokumentieren die Interviews mit zeitgenössischen Wissenschaftlern und Philosophen, die Nola für ihren Film inszeniert, theoretische Standpunkte. So glaubt etwa der Historiker Philipp Felsch, dessen kulturgeschichtliches Buch über die geistige Revolte der 68-Generation Irene von Albertis Film inspirierte und ihm seinen Titel gab, dass sich nach dem Ende der Utopie-Gläubigkeit die Geschichte wieder zurückmeldet.

Ist also die Zeit reif für eine neue Revolution und muss man sich dafür, wie der Medientheoretiker Boris Groys meint, wie in einem Film fühlen? Irene von Albertis gewitzter Diskursfilm über den Status quo des Feminismus, Identitätsfallen, den „Stadtkörper“ und die Möglichkeitsbedingungen einer romantischen Revolte angesichts einer erstarkenden politischen Rechten ist weniger trocken, als das hier klingt, sondern vielmehr höchst vergnüglich und leicht, undogmatisch und offen.

Dieses Sommergefühl

(FR/DE 2016, Regie: Mikhael Hers)

Abschied
von Ricardo Brunn

Im Kino fallen Tod und Heilung in der Farbe Blau wie in keiner anderen Farbe in eins. 1993 hat deshalb Derek Jarman seinen letzten Film „Blue“ (GB 1993) programmatisch als …

Im Kino fallen Tod und Heilung in der Farbe Blau wie in keiner anderen Farbe in eins. 1993 hat deshalb Derek Jarman seinen letzten Film „Blue“ (GB 1993) programmatisch als eine einzige Einstellung in monochromem Blau angelegt. Dieser knalligen und schwindelerregenden Farbfläche stellte er eine Collage letzter Geräusche sowie einen persönlichen Bericht über das eigene Erblinden und den nahenden Tod an die Seite. Er wollte damit die Angst vor dem Unbekannten greifbar machen und zugleich Abschied nehmen. Was blieb, war ein unergründliches Blau, das in seiner leuchtenden Transparenz ein Dahinter und damit die Hoffnung auf Erkenntnis genauso in sich birgt wie die Angst vor dem bodenlosen Schwarz, in das es immer zu fallen droht. Blau besitzt eine Größendimension, die ein Erschrecken vor der Unendlichkeit geradezu herausfordert und einem darin die eigene Sterblichkeit vor Augen führt. Wenn Himmel und Meer ineinander verschwimmen, sich die Horizontlinien auflösen, dann erzeugt Blau unüberwindbare Distanzen und kreiert einen irrealen Ort der Leere, der einen erdrückt und zugleich beruhigt, weil in die angstvolle Unergründlichkeit immer auch ein tröstendes Anderswo hineingedacht werden kann.

Diese grundlegende Ambivalenz des Blaus verleiht auch Mikhael Hers Film „Dieses Sommergefühl“ eine ganz eigenwillige Stimmung. Während viele Filme Blau gern symbolisch für Kälte und Einsamkeit verwenden, gibt Mikhael Hers dieser fantastischen Farbe etwas von ihrer geheimnisvollen Tiefe zurück, dient sie doch hier als Auffangbecken für all die nicht in Worte zu fassenden Gefühle, die einen überwältigen, wenn man Abschied nehmen muss.

Gleich zu Beginn schlummert zwischen den Kissen des in voller Schönheit anbrechenden Tages ein Ende: Sahra (Stéphanie Daub-Laurent) lebt mit ihrem Freund Lawrence (Anders Danielsen Lie) in Berlin und ist in einem Künstlerhaus tätig. An diesem luftig-blauen Sommermorgen begleitet sie der Film wie ein unsichtbarer, liebender Verfolger an ihren Arbeitsplatz. Dort angekommen, bereitet sie Farben und Töpfe vor, rakelt eine leuchtend blaue Farbmasse über ein Sieb, spricht kurz mit befreundeten Künstlerkollegen im Haus. All das wird begleitet von einer Collage aus Umgebungsgeräuschen, ganz so, als wären wir wieder bei Jarman oder als entspränge das Gesehene der Vorstellung von Lawrence, der daheim noch in den kühlen, blauen Laken träumt.

Auf dem Heimweg kippt Sarah um. Wenige Tage später ist sie tot. Mit der Erinnerung an das strahlende Blau ihres Shirts werden wir allein gelassen und begeben uns auf die Reise in die brüchige Gefühlswelt der (neuen) Protagonisten. Plötzlich ist Lawrence allein in Berlin, muss sich um die Beerdigung kümmern. Sarahs Familie reist aus Paris an und unterstützt Lawrence so gut sie kann. Doch dem abrupten Ende steht die Frage gegenüber, wie der Abschied von einem geliebten Menschen aussehen soll, der gerade noch neben einem gelegen hat.

Über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg, in denen Lawrence losen Kontakt zu Sahras Familie hält und sich nach und nach eine innige Freundschaft zwischen ihm und Sahras Schwester Zoé (Judith Chemla) entwickelt, finden die Beteiligten – im Versuch mit der Trauer über den Verlust Sarahs zurechtzukommen – langsam ins Leben zurück. Lawrence besucht Zoé in Paris, geht später zurück in seine Heimatstadt New York. Zoé gründet eine Familie. Und dann wird es wieder Sommer. Das Wasser glitzert wie verliebt und der Himmel strahlt im allerschönsten Blau, während die Beziehung zwischen Zoé und Lawrence unaufhörlich zwischen großer Nähe und unlösbarer Distanz changiert, bis man sich fragt, warum die beiden sich nicht einfach verlieben und damit auch uns von der Trauer und vom schmerzvollen Abschiednehmen erlösen können. Doch es scheint, als würde Sarah zwischen ihnen stehen, und der Film hält die Erinnerung an sie mit vielen Details in blauer Farbe (Tischdecken, Vorhänge, Hemden), die ein Voranschreiten der Figuren erschweren, ganz bewusst aufrecht. Wie ein Geist ist Sarah in jedem Bild als Farbe anwesend.

Blau als Grundierung der erzählten Geschichte koloriert in „Dieses Sommergefühl“ aber nicht nur die Trauer und die Schwierigkeit des Abschiednehmens, für die es keine adäquaten Bilder und Worte geben kann. In seiner Vieldeutigkeit lässt sich in ihr auch eine romantische Sehnsucht erkennen, sich der Welt in ihrer zielführenden Verwertbarkeit zu entziehen. Sarah war Künstlerin, Lawrence ist Romanautor. Seine Schwester wiederum führt einen Antiquitätenladen und Lawrences Freund will sich der Stupidität der Arbeitswelt am liebsten ganz entziehen. Natürlich kann man hier die so oft gescholtene Generation Y in all ihrer sentimentalen Weltferne erkennen und von oben herab begaffen. Berlin, Paris, New York sind dann auch die Koordinaten dieses Filmes, die eine gewisse Leichtigkeit des Jetsets versprechen. Doch damit gibt sich „Dieses Sommergefühl“ an keiner Stelle zufrieden. In einer viel subtileren und sensibleren Herangehensweise lässt der Film die Hilflosigkeit der Protagonisten auch über die Trauer des Verlustes hinaus erfahrbar werden. Denn auch der Zuschauer kommt an keinem Ort richtig an, muss sich ständig neu orientieren. Nix mit schönem Hipsterselbstdarstellungsbohei, eher noch Nachtschicht an der Hotelrezeption und Burgerwenden mit 35. Hers blickt verständnisvoll auf dieses Lebensgefühl, das im Blau die Suche nach Harmonie und Halt, die unerhörte Weite und damit Möglichkeiten in eins fallen lässt und zugleich eben Ausdruck eines Abschieds ist, vielleicht nicht nur von Sarah, vielleicht von einem Lebensgefühl, einem Moment, der nicht mehr fortführbar oder wiederholbar ist und langsam von neu zu machenden Erinnerungen liebevoll zugedeckt werden wird.

Während die Figuren durch diesen scheinbar nicht enden wollenden transitorischen Zustand in ihrem Leben wandern, sorgt die musikalische Untermalung (Fantastic Something, Ben Watt, Mac Demarco) dafür, dass sich der Kinosessel alsbald wie ein Liegestuhl anfühlt, in den man voll melancholischer Entspannung tief hineinsinkt. So werden die wunderbaren Darsteller und Darstellerinnen zu tatsächlichen Freunden, von denen Abschied zu nehmen am Ende unglaublich schwerfällt.

Die Kamera begleitet die zarthäutigen Figuren auf Zehenspitzen durch die sonnigen Tage und lauen Nächte, lauscht ihren zaghaften Äußerungen, mischt sich nicht ein, hört einfach zu wie ein Freund zuhören sollte. Und die Entscheidung des Regisseurs „Dieses Sommergefühl“ auf 16mm zu drehen, ist in diesen Momenten ein kleiner Segen für diesen schönen Film. Denn in seiner Beschaffenheit kommt das körnige, farbintensive Material den geschilderten Lebensmomenten und Gefühlen viel näher, als es das digitale Bild in seiner Glätte und Eindeutigkeit jemals könnte. Unruhig und vibrierend vor Leben und zugleich voller lebensbejahendem Licht erblüht in den Bildern die Erinnerung an einen Sommer und an eine Liebe, die vergangen ist und doch immer anwesend sein wird. Und so nehmen wir mit Lawrence Abschied in all seinen Nuancen, bis irgendwann genug Zeit vergangen ist für etwas Neues.

Hier und hier finden sich weitere Kritiken zu „Dieses Sommergefühl“.

Wer war Hitler

(D 2017, Regie: Hermann Pölking)

Der Film zur rechten Zeit
von Dietrich Kuhlbrodt

Die dreistündige Kinofassung vergeht wie im Fluge. Die lange Version dauert mehr als das Doppelte. „Wer war Hitler“ anzugucken ist eine Befreiung. Unsere sattsam bekannten Volksbelehrer und -innen hatten keinen …

Die dreistündige Kinofassung vergeht wie im Fluge. Die lange Version dauert mehr als das Doppelte. „Wer war Hitler“ anzugucken ist eine Befreiung. Unsere sattsam bekannten Volksbelehrer und -innen hatten keinen Zutritt. Auch weil sie das und jenes nicht unkommentiert hätten stehenlassen. Im Vordergrund stehen Originalbilder und -filme aus den Jahren bis 1945, darunter erstaunlich viel Material aus weit mehr als hundert Archiven aus aller Welt von Russland bis USA, vor allem aber aus privater Hand. So etwas wie Interviews und Statements sind nicht dabei. Was zu den Bildern gesagt wird, ist eine Quellenangabe, zum Beispiel ein Tagebucheintrag. Die Bildsprache, immerhin ureigenste Sache des Mediums Film, führt zu einem ungleich stärkeren Erlebnis als Schriftzeichen oder pädagogischen Zwecken dienende Wortbeiträge – die bisher bei der sogenannten Aufarbeitung der Nazi-Zeit unerlässlich schienen.

Hitler tritt in diesem Film ständig in Erscheinung: vom Kleinkind um 1890 bis zum zitternden Selbstmörder 1945. Der Effekt ist, dass wir seine Veränderung vom verunsicherten Außenseiter bis zum größenwahnsinnigen Massenmörder selbst wahrnehmen können, ohne dass sie uns eingeredet wird. „Wer war Hitler“ ist auf diese Weise medial modern. Wenn das Beispiel erlaubt ist: Das Magazin „Geo Epoche“ stellt in seinen Themenheften mit verdientem Erfolg die Fotostrecken in den Vordergrund.

Sieht man den Film, stellt sich irgendwann, behaupte ich mal, ein Aha-Erlebnis ein, das uns nicht eingebleut worden ist. Wie war das noch? Der Populist ergreift die Macht, nachdem er Anfang der dreißiger Jahre in der bürgerlichen Mitte angekommen ist? Militär und Industrie standen bereit? Für ein junges Gesicht (Hitler war 37)? Für einen, der volksnah zu reden wusste, der durch seine Person eine Alternative zur Parteimüdigkeit und zur „Schwatzbude“ Reichstag bot, wie es damals allgemeiner Sprachgebrauch war?

Wohlgemerkt: „Wer war Hitler“ schlägt solche Themen mitnichten an, aber es macht meine Wahrnehmung dafür frei. Deshalb: ein Film, der zur rechten Zeit kommt.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

Queercore – Liberation is my Lover

(USA/D 2017, Regie: Yony Leyser)

How to punk punk
von Jürgen Kiontke

Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten. Genauer: quer durch den Körper. So jedenfalls empfindet es der junge Aktivist und Filmemacher Bruce LaBruce im heimeligen …

Die Grenze verläuft nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen oben und unten. Genauer: quer durch den Körper. So jedenfalls empfindet es der junge Aktivist und Filmemacher Bruce LaBruce im heimeligen Toronto. Der Künstler träumt von seinem Publikum – das es aber noch nicht gibt: schwul, lesbisch, transgender. Es ist 1980, und er liebt den Punk. Doch Punk ist auch nur Rockmusik; allzu schnell ist aus dem lauten Ausbruch eine reine Macho-Geschichte geworden. Obwohl es schwule Punksänger gibt, mag der Punk die Homosexuellen nicht immer. Gemeinsam mit der Musikerin G.B. Jones gründet LaBruce ein Fanzine und stellt queere Themen ins Zentrum seiner künstlerischen Arbeiten. Daraus entsteht eine Szene, die die aggressive Energie des Punk mit dem schwulen Aktivismus verbindet. Queercore wird erfunden.

„Queer“, weil „Homo“ mittlerweile schon negativ konnotiert ist – zu reich, zu teuer, zu etabliert. Regisseur John Waters, schlechthin der Pate des Queerpunk, sagt in der Doku: „›Schwul‹ war eben nicht genug.“ Man wollte eine andere Bezeichnung und den Punk neu erfinden. Alsbal entstanden in vielen Städten Magazine, Clubs, Bands. Anstatt ausgegrenzt zu werden, grenzte man sich ab. Man wollte sich unterscheiden, keinem Wertekanon folgen und sich auch nicht der Szene fügen. Die Idee des Punk, sei wie du bist, wurde konsequent auf sich selbst angewandt. LaBruce sieht in den queeren Punks „the faggott in the family“. Sie brauchen eine eigene Welt; auf der Welt, die es gibt, ist kein Platz für sie.

Queercore hat natürlich auch einen Sound, er besteht aus Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gebrüll. Dazu Sex und Crossdressing. Erste Fingerübungen finden in einem Treff für Taubstumme statt. Im „Deaf Club“ kann man Radau machen. Im Übrigen geht der Bass durch den Körper. Die ersten Bands heißen Anti-Scrunti Faction, Bomb und Fifth Column. Der Film schaut der neuen Szene bei ihrer Entstehung zu: durch Filmclips, Konzertausschnitte, Aktionen. Eine Fusion aus Punk und offensiv selbstbewusster Homo- Bi- und übriger Sexualität, kurz: die ganze Palette an Quergelegtem. Man versteht sich explizit politisch, eine Politik, die das Private umfasst, will umschmeißen, was schon gekippt ist: how to punk punk.

„Du musstest eine neue Familie finden, weil deine eigene dich schlecht behandelt hat“, sagt Musikerin Phranc von Team Dresch. Es sei eine Frage von Leben und Tod gewesen, allein als lesbische Musikerin irgendwo in der Provinz. In ihren Stücken geht es um Diskriminierung und Aufbruch. Ihr gelingt, was innovative Musik ausmacht: laute Ich-Werdung. Das Andere plus Lautstärke – so könnte das Motto des hochemotionalen und energetischen Dokumentarfilms des jungen Regisseurs Yony Leyser lauten. Der Untertitel „How to Punk a Revolution“ trifft es genauso gut. Ausgrenzung führt auch dazu, eine neue Definition von sich selbst zu schaffen. „Alles ist verwertbar, nur der Körper einer Butch-Lesbe nicht“, heißt es im Film. Das soll einen Endpunkt des Kapitalismus beschreiben, eine aus der Not geborene hoffnungsfrohe Botschaft, die heute wohl nicht mehr vermittelbar ist.

Leyser, der in Chicago aufgewachsene, in Berlin lebende Underground-Chronist, erweist sich mit seinem dritten Film als akribischer Dokumentarist, der noch in den entlegensten Archiven Filmschnipsel findet. Er präsentiert seltene Konzertmitschnitte, hat Stars wie Beth Ditto und die Mitglieder der Bands Team Dresch, Bikini Kill (Sängerin Kathleen Hanna: „Ich liebe Bands, die singen, ich solle mich töten.“) und Pansy Division interviewt. Sie alle eint das kreative Außenseitertum, das sie angenommen haben, nachdem sie hineingedrängt wurden. Es ist ein Plädoyer für einen kreativen Umgang mit Widerständen: Wir erschaffen die Welt, in der wir leben wollen. Dieser Ansatz findet sich auch in der Riol-Grrrl-Bewegung und im Grunge, wie ihn etwa Nirwana in Szene setzten. Kurt Cobain: „Ich bin stolz, schwul zu sein, ohne es zu sein.“

Immer noch wirken diese Ideen aus den früheren neunziger Jahren radikal, vor allem, wenn man die Dominanz glattgebügelter Balladen in der Popmusik bedenkt. Bis heute ist eigentlich niemandem dermaßen Revolutionäres eingefallen, was man mit E-Gitarren hervorbringen könnte. Regisseur Leyser sagt, Queercore besitze nicht trotz, sondern wegen seiner Abseitigkeit noch heute Kraft und Relevanz. Er gehörte damals selbst zu der kleinen Szene queerer Punks. Sein erstes queeres Lieblings-Zine war Bimbox – es war „phantastisch, radikal und überaus schwer zu bekommen“.

Sein eigenes hieß The Yonilizer: eine Ansammlung von politischen Kommentaren, Comics, Geschichten und Besprechungen von Shows und Filmen. Es sei um die Jahrtausendwende als Hommage an die damaligen Pioniere und Pionierinnen gedacht gewesen. „Ich habe schon immer mit großer Neugier und Leidenschaft abseitige Sozial- und Kulturgeschichte für mich entdeckt – und gleichzeitig versucht, einen eigenen Beitrag dazu zu leisten.“ Da war Queercore schon in den Kulturbetrieb gesickert: Musikgenres wie Electroclash und queerer HipHop waren entstanden. Sogar der Ausverkauf ließ nicht lange auf sich warten: Gucci benannte eine Schuhkollektion nach Queercore und erntete von den Ureltern LaBruce und Jones harsche Kritik.

Wie immer ging also alles den Bach hinunter: Der eine Flügel kommerzialisierte sich in Werbekampagnen, der andere grenzte sich hermetisch ab. Auch im Politischen sollte jene Ausschließeritis bis in die Jetztzeit überdauern. Es seien Regeln aufgestellt worden, sagt LaBruce, die rigider gewesen seien als in kleinbürgerlichen Vororten. Aber nichts ist endgültig: Abgrenzung ist dem Queercore quasi in die DNA eingeschrieben. Disco war das allerletzte. Madonna? Würg! Doch Beth Ditto überspielte mit ihrer Band Gossip solch popkulturelle Gräben. LaBruce profitierte letztlich auch von der von ihm kritisierten Mainstreamisierung. Er dreht heute Filme, die meist Festivalrenner sind. Gern spielt er mit aus der Rolle gefallenen Geschlechtern. Gerade lief sein Film »Misandrists« erfolgreich in deutschen Kinos: Eine lesbische Frauenarmee braucht Geld für die Revolution und dreht daher queerfeministische Pornos – gutes Gelingen, möchte man da sagen. Das Museum of Modern Art in New York widmete dem Ausnahmekünstler 2014 sogar eine Retrospektive.

Über die Ursprünge all dieser Dinge will Leyser mit seinem Film berichten. „Nur wenige wissen von der phantastischen postmodernen und revolutionären Bewegung, die vor 25 Jahre ihren Anfang nahm“, sagt er und will diese Bildungslücke schließen. Es ist ihm gelungen; der Meilenstein eines Musikfilms.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Jungle World

120 BPM

(F 2017, Regie: Robin Campillo)

Die Krankheit sichtbar machen
von Wolfgang Nierlin

Zunächst ist da nur ein schmaler Türspalt, der die vereinzelten Schatten im undeutlichen Halbdunkel vom Licht der Öffentlichkeit trennt. Kurz darauf stürmt eine kleine Gruppe von Anti-Aids-Aktivisten die Bühne, bewirft …

Zunächst ist da nur ein schmaler Türspalt, der die vereinzelten Schatten im undeutlichen Halbdunkel vom Licht der Öffentlichkeit trennt. Kurz darauf stürmt eine kleine Gruppe von Anti-Aids-Aktivisten die Bühne, bewirft den Redner der staatlichen Präventionsbehörde mit Kunstblut und legt ihm Handschellen an. Die spektakuläre Störaktion schafft Sichtbarkeit und rückt die gravierenden Anliegen einer marginalisierten Minderheit ins öffentliche Bewusstsein. Im wöchentlichen Plenum von Act Up Paris, wo die Regeln der demokratischen Mitbestimmung klar definiert sind, löst das rabiate Vorgehen aber auch kontroverse Reaktionen aus: Wie weit darf eine derart hergestellte Publizität gehen? Ab wann schadet man der eigenen Sache? Durch eine kunstvolle Montage parallelisiert Robin Campillo in seinem Film „120 BPM“ (120 battements par minute) Aktionen und Diskussionen und erzeugt damit zugleich eine Form filmischer Überhöhung.

Nur allmählich lösen sich einzelne Stimmen aus dem vielstimmigen Chor der radikalen Aktivisten, von denen viele HIV-positiv sind und unter ihrer Krankheit sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Stigmatisierung leiden. Campillo inszeniert die langen, intensiven Diskussionen, in denen sich Privates und Politisches durchdringen, in einem dynamischen, immer auch intimen dokumentarischen Stil. Ganz selbstverständlich ist dabei auch die Verwendung einer medizinisch-pharmazeutischen Terminologie, mit der die Aktivisten nicht zuletzt ihre Diskursfähigkeit in der Auseinandersetzung mit Pharmakonzernen, Medizinern und Politikern dokumentieren. Geschickt verzahnt der Film die ebenso dringliche wie polemische Aufklärungsarbeit dieser eingeschworenen Gemeinschaft zu Beginn der 1990er Jahre, ihre Forderungen nach Anerkennung und wirksamer Hilfe, mit berührenden Einzelschicksalen. Dabei werden auch die Konfliktlinien und Verdrängungsmechanismen innerhalb der Community thematisiert.

Act Up will die Krankheit sichtbar machen, denn die von ihr Betroffenen haben nur wenig Zeit, sind meistens jung und gehören überwiegend zu gesellschaftlichen Randgruppen: „120 BPM“ berührt gleich in mehrerer Hinsicht Vorurteile und Tabus und ist deshalb in manchen Passagen nur schwer auszuhalten. An der markanten Schnittstelle von Begehren und Lust, Liebe und Tod begegnen sich schließlich der aidskranke Sean (Nahuel Pérez-Biscayart) und das neue Gruppenmitglied Nathan (Arnaud Valois). Zwischen Gefühl und Verstand ist die unteilbare Verantwortung nicht immer vernünftig. In großartigen Szenen reiner Empfindung und übermächtiger Körperlichkeit vermittelt der Film immer wieder atmosphärisch dichte Momente schwebender Entgrenzung.

Im schmerzlichen Ungleichgewicht zwischen dem noch gesunden Nathan und dem todkranken Sean, die sich nicht zuletzt in den Erzählungen ihrer traurigen Geschichten einander annähern, findet der Film aber auch zu einer intensiven, bewegenden Darstellung des in Angst, Einsamkeit und körperlichen Schmerzen gefangenen Sterbenden. Robin Campillo spiegelt diese individuellen Tragödien wiederum in den symbolisch aufgeladenen Bildern von Demonstrationen und Kämpfen, deren leidgeprüfte Teilnehmer in einer Mischung aus Verzweiflung und Galgenhumor gegen Schweigen und Vergessen kämpfen.

Das Kongo Tribunal

(CH/D 2017, Regie: Milo Rau)

Mehr politische Kunst geht nicht
von Jürgen Kiontke

Wo die Politik versagt, muss es die Kunst richten. Der Film „Das Kongo-Tribunal“ beginnt deswegen auf einer Theaterbühne. Das Gericht, das hier tagt, ist ein symbolisches. Dennoch bleibt seine Arbeit …

Wo die Politik versagt, muss es die Kunst richten. Der Film „Das Kongo-Tribunal“ beginnt deswegen auf einer Theaterbühne. Das Gericht, das hier tagt, ist ein symbolisches. Dennoch bleibt seine Arbeit nicht wirkungslos. Es schafft Öffentlichkeit für einen Konflikt, der mit der modernen Welt und ihrer Kommunikation zu tun hat.

Seit über 20 Jahren tobt der Bürgerkrieg im Kongo, einem der rohstoffreichsten Länder der Erde. Rund sechs Millionen Opfer hat er bisher gefordert – zu Ende ist er nie. Es wird um wichtige Güter gekämpft, an allererster Stelle um Coltan, Grundstoff des Metalls Tantal, ohne den kein Handy funktioniert. Coltan, das Konfliktmaterial schlechthin – verkürzt gesagt: Wer mobil telefoniert, hat also sprichwörtlich Blut an den Händen. Es ist eine Auseinandersetzung ohne Grenzen, Gerechtigkeit, Schutz. Der Abbau des Erzes wird von Milizen kontrolliert und von Kindern unter schlimmsten Bedingungen geleistet, ein Umstand, der von Amnesty International seit Jahren angeprangert wird. Gesteuert wird der Rohstoffhandel von internationalen Konzernen, die in Europa und den USA ansässig sind. Funktionierende staatliche Strukturen im Kongo wären ihnen im Wege: Denn je weniger Barrieren und Kontrollen es gibt, desto eher lassen sich die Preise drücken. Die Konkurrenz der Milizen sorgt für erschwingliche Güter. Eine Situation, von der jeder im Kongo betroffen, in Konflikte hineingezogen werden kann. Und Lösungen sind nicht in Sicht.

Seit einigen Jahren widmet sich der Schweizer Theatermacher Milo Rau dieser Krise in einem der ambitioniertesten Theaterexperimente, das je auf die Bühne kam. Er lud im Kriegsgebiet Opfer, Milizionäre, Regierungsmitglieder, Oppositionelle, Unternehmer und Vertreter internationaler Organisationen zur Teilnahme am Kunstprojekt „Kongo-Tribunal“ ein. Das „Kongo-Tribunal“ setzt eine Idee fort, die von den Philosophen Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell stammt: In den sechziger Jahren wurden Kriegsverbrechen der USA in Vietnam vor einer unabhängigen Jury verhandelt – ohne juristische Folgen, dafür in aller Öffentlichkeit. Die Legalität dieses Tribunals bestehe in seiner absoluten Machtlosigkeit und zugleich seiner Universalität, war sich Sartre sicher. Das Gleiche treffe auf das Kongo-Tribunal zu, glaubt Rau. Das Urteil der Jury werde keinerlei Rechtskraft haben. Dabei entstehe aber das Porträt einer entfesselten Weltwirtschaft. Vor- und Beisitz bestritten kongolesische und internationale Experten sowie zwei Anwälte des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Aber nicht spektakulär und anklagend, sondern eher ruhig beginnt Raus Film: mit Luftaufnahmen von einem sehr schönen und sehr grünen Land, auf dessen Hügeln kleine Siedlungen liegen.

Nur allzu bald schon aber folgen Bilder eines Blutbads, dessen Zeuge Rau und sein Team zufällig während einer Recherche-Reise wurden: des Massakers von Mutarule in der Nähe Bukavus im Juni 2014. Über 30 Frauen und Kinder fielen ihm zum Opfer. Erklärungen für den Massenmord ließen sich aber nicht finden. „Dies ist der Grund, warum wir das ‚Kongo Tribunal‘ durchgeführt haben: Um zu verstehen, warum Mutarule, warum all diese Vertreibungen und Massaker stattgefunden haben und weiter stattfinden“, sagt Rau. Und es waren hunderte. Der Grund: Unter dem Grün liegen die Rohstoffe, und wo sie gefunden werden, muss die Bevölkerung mit ihren Ackerflächen weichen.

Der Film dokumentiert diese Inszenierung im Sinne einer Wahrheitsfindung. Ein theatrales Tribunal, sagt Rau, bei dem nichts Kunst, aber alles echt sei: vom Minenarbeiter über den Rebellen und zynischen Minister bis zum Anwalt aus Den Haag spielten sämtliche Teilnehmer nur sich selbst. Gleichzeitig entstehe in dem Film etwas, was eigentlich dokumentarisch gar nicht darstellbar sei: ein Porträt der Weltwirtschaft, eine sehr konkrete Analyse all der Faktoren und Hintergründe, die dazu führen, dass der Bürgerkrieg im Ostkongo seit über 20 Jahren nicht aufhört. Und welche Kräfte ein Interesse daran haben, dass dies auch so bleibt.

Und so teilt sich die Erzählung: Das Massaker im Dorf Mutarule und die gewaltsamen Enteignungen und Zwangsumsiedlungen der Schürfer stehen im Kongo im Fokus. Am zweiten Spielort, Berlin, geht es um die Verwicklungen der Europäischen Union, der Weltbank, der multinationalen Unternehmen in den Konflikt, analysiert von einer Jury um die Afrika-Korrespondentin Colette Braeckman, der Anwalt Edward Snowdens, Wolfgang Kaleck, die Soziologin Saskia Sassen und den Gewaltforscher Harald Welzer. Es werden Handelsvereinbarungen zu Tage gefördert, die für die EU toll, aber für die Minenarbeiter und ihre Familien verheerend sind. Motto der Europäer: Unsere Rohstoffe liegen in Afrika.

Wer verübt die Morde? Oft genug bilden Menschen, die in den Minen keine Anstellung finden, Banden und überfallen ihre Nachbarn. Die Minenarbeiter wiederum bewaffnen sich, um sich und ihre Familien zu schützen. Menschen sind im Weg, weil eine neue Mine gebuddelt werden muss. Menschen sind im Weg, wenn man ihr Wasser für die Metallgewinnung braucht. Eine Konstellation von Mikrokonflikten, die sich in ihrer Brutalität jederzeit ausweiten können.
Die infernalische Situation, wie sie sich in der Region um die beiden ostkongolesischen Städte Bukavu und Goma präsentiere, sagt Rau, sei aus ästhetischer Sicht eine vielleicht einmalige Konstellation. Das sei nicht zynisch gemeint. In dem Konflikt zeige sich eindrücklich und exemplarisch, wie hoch die menschlichen Kosten des globalen Handels mit Rohstoffen sei: „Internationale Multis, durch Bestechung an ihre Gold- und Coltan-Konzession gekommen, vertreiben die Bevölkerung, und wer nicht von alleine geht, wird durch europäische oder amerikanische Monopolgesetze vom Markt gedrängt.“

Weltpolitik mit den Mitteln des Theaters – die Produktion entwickelt durchaus ihre Eigendynamik. Es bleibe ihm bis heute unverständlich, warum der Bergbauminister Albert Murhi und der Innenminister der Provinz Südkivu, Jean-Julien Miruho, beide indirekt mitverantwortlich für das Massaker in Mutarule, freimütig an dem Tribunal teilnahmen, sagt Rau. Beide waren über das Projekt recht schnell ihre Jobs los. „Gott nimmt die Treppe, nicht den Aufzug“, heißt es einmal im Film. Seine Wege sind manchmal unergründlich – wie es das Beispiel der beiden Regierungsvertreter vielleicht zeigt. Wundern tut sich Rau aber bis heute über manches: „Wie es möglich war, dieses im Herz des Bürgerkriegsgebiets durchzuführen – vor 1000 Zuschauern, aufgezeichnet von sieben Kameras, an einem Ort, an dem es kaum genug Strom für ein paar Glühbirnen gibt.“ Und dass schließlich nicht nur die kongolesische Regierung und ihre Opfer, sondern auch die Armee und Rebellengruppen, die UNO, die NGOs, die Vertreter der Weltbank und damit sämtliche westlichen Industrienationen vor die Schranken des Theatertribunals traten – und oft genug unverblümt ihre Verbrechen zugaben. „Die Soldaten der Armee vergewaltigen doch auch“, gibt ein Milizenführer an einer Stelle unumwunden zu.

Sollte sich Gerechtigkeit irgendwann ganz von allein einstellen? Das wahrscheinlich nicht. Es gibt Menschen in diesem Film, die sagen ganz ungöttlich: „Jetzt wollen wir ein richtiges Tribunal.“

Dieser Text ist zuerst erschienen in: amnesty journal 12-2017/1-2018

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Zu Raus Film ist ein Begleitbuch mit Recherche-Ergebnissen, Protokollen, Essays und Statements der Beteiligten erschienen.

Ein Internetprojekt soll die Inhalte des Tribunals in den digitalen Raum verlagern und globale Zusammenhänge transparent machen: www.the-congo-tribunal.com

Auch ein „Doku-Game“ ist dort abrufbar: Im Zentrum steht der fiktive „Zeuge J.“, Opfer des Massakers von Mutarule, dessen Lebensgeschichte in einer interaktiven 3 D-Graphic-Novel animiert wird.

Detroit

(USA 2017, Regie: Kathryn Bigelow)

Damals in Detroit: Folter filmen - Zeugen zeigen
von Drehli Robnik

Die Black History-Lektion in Form eines animierten Murals zu Filmbeginn bleibt kurz, ebenso das staatsmachttaktische Vorspiel und das juridische Nachspiel zu einer Nacht voll tödlicher rassistischer Polizeigewalt im Algiers Motel …

Die Black History-Lektion in Form eines animierten Murals zu Filmbeginn bleibt kurz, ebenso das staatsmachttaktische Vorspiel und das juridische Nachspiel zu einer Nacht voll tödlicher rassistischer Polizeigewalt im Algiers Motel während der race riots in Detroit 1967. Kathryn Bigelow fokussiert – wie etwa auch im U-Boot-Atomreaktor von „K-19: The Widowmaker“ oder anhand der Bombenentschärfungen und Standoffs unter Beobachtung im Oscar-Gewinner von 2010 „The Hurt Locker“ – eine Extremsituation. Mikrodynamik samt Kollisionen von Moral und Pragmatik in einem Motel: In der quälenden Raum-Fixierung pulsieren Blickrelationen und regelrechte Rollenspiele: Wir sehen Beispiele „kreativer“ Folter, wenn African American Verdächtige endlos stehen und zeitweise singen müssen, gesondert misshandelt und simulierter Weise – aber nicht nur simulierter Weise – exekutiert werden.

Der Terror der Demütigungen und Einschüchterungen wiederholt sich vor Gericht; am Ende stehen Freisprüche der weißen Cops und Morddrohungen gegen Zeugen. Eine Art Gegenterror verbreitet Bigelows reißerisch aufputschende Inszenierung, oft im Stakkato von Reißschwenks, Blendlichtern und raschen Umschärfungen.

Immer wieder ertönt dabei Motown-Soul, sei es aus dem Radio, sei es gesungen vor Ort. Einer der Misshandelten war Sänger bei den Dramatics, die an besagtem Abend in Detroit beinah mit den Vandellas aufgetreten wären. Da hallt Bigelows poppiges Race-Riot-Grunge-Feuerwerk „Strange Days“ nach, das 1995 auf den Los Angeles-Aufstand nach Freisprüchen im Fall rassistischer Polizeigewalt gegen Rodney King anspielte. (Dass sowas auf Video kursierte, war damals noch neu.) Auch in „Strange Days“ trug der Schrecken Uniform und eine verschwitzte weiße Grinsgrimasse. In „Detroit“ trägt sie nun Will Poulter (der für diesen Part auf die Clownsrolle in „It“ verzichtete); im Kontrast dazu bebt die Lippe in dem nur mit Mühe ruhig gehaltenen Gesicht John Boyegas als schwarzer Wachmann, der alles mit ansieht, skeptisch beobachtet, aber fast ebenso wenig eingreift wie die weißen Zeugen. Dies zum Teil mit dem Vorsatz, die auf Gewaltexzesse zusteuernde Situation nicht noch zu verschlimmern.

Bigelow ist eine Action-Regisseurin. „Detroit“ ist eine packende Ohnmachts-Oper, die – in jedem Sinn – keinerlei Aktivismus zeigt. Der Film zeigt einen Fall, macht ihn zum Drama. Anstelle eines historischen Kontexts etwa militanzpolitischer oder organisationssoziologischer Art ist der Kontext hier ein durchaus autoreferenzieller, aufgeladen mit der 2013 anhand der enhanced interrogations von islamistischen Informanten geführten Kontoverse zu Folter-Bildern in „Zero Dark Thirty“. Manche Arten des Zeigens gewöhnen uns an ein Handeln (hebeln also eine Gesetzesnorm zugunsten einer vom Faktischen bestimmten Normalität aus), lautete ein Argument von Bigelows Kritikern. Bigelows Programm wäre, so zeigt sich nun, eher dies: Wird Folter nicht gesehen, spielt das Tätern in die Hand, die – wie es in „Detroit“ geschieht – nach Verrichtung ihres Werks allen einbläuen, es gebe hier nichts zu sehen. Und da ist auch ein Genderkontext. Denn: Bigelow ist eine Männerversteherin – also Männlichkeitsrollenbilder-Kritikerin (bis hin zum Faszinosum des uniformierten Gewaltmonopols in Gestalt der weißen Polizistin in „Blue Steel“). Das Wüten der sich als Cowboys stilisierenden Cops, die weiße Tramperinnen beim Flirt mit schwarzen Motelgästen vorfinden, ist auch ein Fall ressentimentgetriebener sexueller Aggression.

Gauguin

(F 2017, Regie: Edouard Deluc)

Paradiesische Verwilderung
von Wolfgang Nierlin

Kaum ist das eröffnende Fernwehbild mit dem Blick auf die Weite des Meeres verklungen, sehen wir den Künstler als Lastenträger. Die thematischen Gegensätze sind in Édouard Delucs Film „Gauguin“ schnell …

Kaum ist das eröffnende Fernwehbild mit dem Blick auf die Weite des Meeres verklungen, sehen wir den Künstler als Lastenträger. Die thematischen Gegensätze sind in Édouard Delucs Film „Gauguin“ schnell und (über)deutlich gesetzt: Weil Paul Gauguin (Vincent Cassel) mit seiner Malerei kein Geld verdient, muss er sich mit schwerer körperlicher Arbeit als Tagelöhner verdingen. Um seiner Armut und der Pariser Enge des Jahres 1891 zu entfliehen, träumt der vielgereiste Abenteurer deshalb von fernen Paradiesen jenseits der Zivilisation und einer ursprünglichen, wilden Natur. „Es ist Zeit, zu verschwinden“, verkündet er engagiert und nicht ohne Enthusiasmus gegenüber seinen Künstlerfreunden, um seinen Überdruss an „abgenutzten“ Lebensformen zu artikulieren. „In Tahiti brauchen wir kein Geld“, lockt er seine Vertrauten aus der Reserve. „Fischen, Ernten, Malen“ – mit diesem Credo beschwört er die zukünftige Künstleridylle. Doch seine Freunde verweigern ihm die Gefolgschaft. Gauguin bleibt mit seinem Traum allein und gewissermaßen auch isoliert.

Édouard Deluc inszeniert den Künstler als einen Getriebenen, von seiner Arbeit und schöpferischer Berufung Besessenen. Noch in Paris kommt es deshalb zum Konflikt mit seiner aus Dänemark stammenden Ehefrau Mette (Pernille Bergendorff), die dem Vater von fünf Kindern Egoismus und Verantwortungslosigkeit vorwirft. Nach seiner Ankunft auf der polynesischen Insel sieht man ihn deshalb geradezu fiebrig Malen, während ein heftiger Tropenregen auf seine primitive, undichte Strandhütte prasselt. Die Überzeichnung dient hier zugleich der Zuspitzung seiner fast krankhaften Manie, die auch am neuen Ort isolierend zu wirken scheint. Als seine Frau in einem Brief ihre Scheidungsabsicht ankündigt, erleidet Gauguin einen Infarkt und bricht zusammen. Doch entgegen ärztlichem Rat verweigert er die Behandlung, um erneut aufzubrechen: „Ich werde in den Wald zurückkehren, um dort von der Ruhe, der Ekstase und der Kunst zu leben.“

Dieser Trip mit seinen Strapazen führt Paul Gauguin tatsächlich zum Unberührten. Zugleich markiert die einsame Reise durchs grüne Dickicht seine künstlerische Selbstvergewisserung: „Ich bin ein Kind. Ich bin ein Wilder.“ Und: „Ich setze meinen Weg fort. Ich habe ein Ziel.“ Tatsächlich findet er in dem Maori-Mädchen Tehura (Tuheï Adams) seine Muse und sein Modell. Die ebenso schöne wie geheimnisvolle junge Frau ist ihm „unberührte Eva“ und Geliebte zugleich. Für eine kurze Zeit verschmelzen für Gauguin Leben, Liebe und Kunst zu einer Einheit. „Um etwas Neues zu schaffen, muss man zur Quelle zurück“, beschwört er sein Ideal „kindlichen Menschseins“.

In den stärksten Momenten überlässt Deluc seinen Film diesem unbestimmten, entgrenzenden und urwüchsigen Sog, der nahtlos von den Farben der Natur zu den Schatten der Nacht wechselt. Doch noch zu oft bemüht er die Mechanik einer aus zeitökonomischen und dramaturgischen Gründen plakativen Erzählkonvention. Delucs freie Adaption von Gauguins unter dem Titel „Noa Noa“ erschienenen Tahiti-Aufzeichnungen handelt schließlich in mancherlei Hinsicht von einer Desillusionierung. Schon auf den ersten Seiten seines Reiseberichts schreibt der Maler: „Das war ja Europa – das Europa, von dem ich mich zu befreien geglaubt hatte!“ Doch trotz dieses dem französischen Kolonialismus geschuldeten „Kulturschocks“ und mancher erlittener Niederlage konstatiert Gaugin bei seiner Abreise im Jahr 1893: „Zwei Jahre älter geworden und um zwanzig Jahre verjüngt gehe ich fort, verwilderter als ich gekommen war und doch gescheiter.“ In seinem Gepäck birgt er einen Gemälde-Schatz.

Song of Granite

(IR/CA 2017, Regie: Pat Collins)

Karge Idyllen einer fernen Zeit
von Wolfgang Nierlin

Die Laternen der Fischer schweben wie vereinzelte Lichtpunkte über dem nächtlichen See. Eine leise, dünne Kinderstimme legt sich mit ihrem verhaltenen Gesang über die Geburtswehen einer werdenden Mutter. Und aus …

Die Laternen der Fischer schweben wie vereinzelte Lichtpunkte über dem nächtlichen See. Eine leise, dünne Kinderstimme legt sich mit ihrem verhaltenen Gesang über die Geburtswehen einer werdenden Mutter. Und aus dem unbestimmten Raum einer weiten, nebelverhangenen Landschaft erklingt das frühe Singen der Vögel. Nacht und Tag, Schmerz und Gesang, Leben und Tod verbinden sich in der Exposition von Pat Collins‘ außergewöhnlichem Film „Song of Granite“, einer biographischen Annäherung und filmischen Hommage an den irischen Folksänger Joe Heaney (1919 – 1984). Wenn in dem abgelegenen Dorf Carna im Westen des Landes abends die Menschen am Feuer zusammensitzen, um den Liedern eines Sängers zu lauschen oder die Lehrerin im Religionsunterricht Glaubenssätze abfragt, gewinnt der Kreislauf des Lebens eine mythische und zugleich spirituelle Dimension.

Alles wurzelt in der Landschaft, in Stein und Fels, in dunklen schweren Wolken und dem Murmeln des Baches. Als kleiner, schüchterner Junge hilft Joe seinem Vater beim Fischen, beim Torfstechen oder auch beim Pflanzen von Kartoffeln. Der geduldige Vater, selbst ein begnadeter Sänger, lässt seinem Sohn Zeit, zeigt ihm alles. In der Schule wird der Junge zu einem Liedvortrag aufgefordert; draußen, in der Natur, kümmert sich Joe um ein Vogelnest – und begegnet sich selbst als alter Mann. Pat Collins‘ berührende Entwicklungsgeschichte siedelt in den kargen Idyllen einer fernen Zeit. Aus diesen muss der werdende Künstler aufbrechen und nach Wanderjahren immer wieder zurückkehren. Der stattliche, sorgsam gekleidete und in sich ruhende Mann wird nach England, Schottland und New York aufbrechen, um zu arbeiten und zu singen.

„Song of Granite“ ist kein konventionelles Biopic. In Schwarzweiß gedreht und elliptisch erzählt, widmet sich Pat Collins in wenigen, konzentrierten Ausschnitten drei Lebensaltern des Portraitierten. Dabei erschafft der irische Filmemacher ein dichtes poetisches Geflecht aus Dokumenten und Fiktion, aus Zeugnissen, mündlicher Überlieferung und inszenierter Realität. Besonders bemerkenswert und bewegend sind dabei die einzelnen Liedvorträge, die in einer Einstellung und in voller Länge wiedergegeben werden. Mit sich allein und völlig konzentriert, lasse er sich vom Lied tragen, sagt Joe Heaney einmal. Dabei ist sein Gesang Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit dem Leben und den überlieferten Erzählungen, in denen dieses als altes Wissen aufbewahrt ist.

Eine in diesem Sinne geradezu emblematische Bildkomposition zeigt, wie im Vordergrund der Gesang von Joes Vater aufgenommen wird, während aus dem Hintergrund, gerahmt durch eine Tür, sich der Junge dem Geschehen nähert. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, schwebend zwischen den Generationen und von ihnen getragen, sind hier in einem ebenso vielschichtigen wie poetischen Bild aus Raum und Zeit verdichtet.

Geschichten aus Teheran

(IR 2014, Regie: Rakhshan Bani-Etemad)

Krisen, keine Versuchsanordnungen
von Nicolai Bühnemann

In der letzten Einstellung geht der namenlose Dokumentarfilmer eine Brücke entlang, während überall um ihn herum der Verkehr weiter fließt. Das Licht der letzten Dämmerung und die gelben Lichter der …

In der letzten Einstellung geht der namenlose Dokumentarfilmer eine Brücke entlang, während überall um ihn herum der Verkehr weiter fließt. Das Licht der letzten Dämmerung und die gelben Lichter der Straßenlaternen, die melancholischen Klavierklänge auf der Tonspur und die Worte des Mannes, die er in sein Handy spricht, dass sein Film eines Tages gesehen werden wird, verleihen der Szenerie eine leise Melancholie. Zwei der Geschichten, die wir eben gesehen haben, spielten sich in Autos ab, und so verweisen die vielen Fahrzeugen in diesem letzten Bild auch darauf, dass es in der großen Stadt tausende weitere Geschichten gibt, mit denen sich noch viele andere Filme wie dieser füllen ließen.

Der Filmemacher taucht in verschiedenen der Episoden auf, die mal lose miteinander verbunden sind, dann wieder ganz für sich stehen. Als Chronist alltäglicher Geschichten aus dem Teheran der Gegenwart ist er gewissermaßen das Alter Ego der Regisseurin Rakhshan Bani-Etemad und anhand dessen, was ihm im Film widerfährt, lassen sich auch die Schwierigkeiten ablesen unter dem iranischen Regime Filme zu machen. Der Kampf mit den Behörden, um Drehgenehmigungen zu bekommen. Die Beschlagnahmung seiner Kamera durch die Polizei als er ArbeiterInnen filmt, die gegen die Schließung ihrer Fabrik protestieren, den Lohn einklagen wollen, der ihnen seit Monaten nicht gezahlt wurde. Bani-Etemad selber drehte, um die Zensur zu umgehen, eine Reihe von Kurzfilmen, die sie später zu einem abendfüllenden Film zusammenfügte.

Eine Arbeiterin wird von einem Kollegen ermahnt, nicht über Politik zu sprechen, und sie antwortet mit einer Gegenfrage, ob es politisch sei, davon zu erzählen, dass ihre Kinder kaum noch etwas zu essen haben. Es geht Bani-Etemad also darum, dem Politischen im Privaten nachzuspüren, indem sie sehr persönliche Geschichten erzählt, die oftmals nur aus einer einzigen Szene, einem einzigen Dialog bestehen. Die Beziehungskrisen, die sich leitmotivisch durch den Film ziehen, fügen sich zusammen zu einem Panorama einer ganzen Gesellschaft in der Krise. Es geht um Drogensucht, Prostitution, HIV, Suizidversuche, Analphabetismus, Eifersucht, menschenfeindliche Bürokratien, Arbeitslosigkeit, Armut, häusliche Gewalt, das Streben der jungen Frauen nach Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung und den Umgang der älteren mit patriarchalen Familienstrukturen.

Die Gratwanderung, die der Regisseurin im Großen und Ganzen gelingt, ist es, die einzelne Figur, den einzelnen Menschen nicht zu einer reinen Funktion ihrer gesellschaftlichen Versuchsanordnung verkommen zu lassen, sondern sie und ihre Schicksale ernst zu nehmen, die zugleich für größere Zusammenhänge, aber auch für sich selbst stehen. Durch die Ruhe und Konzentriertheit, die der Film ausstrahlt, schafft er es, dass seine ziemliche Überfrachtung mit Problemthemen kaum negativ auffällt. Auch findet er zu den drängenden Gefühlen seiner Figuren, ihrer Wut, Verzweiflung und Trauer eine Form, die die Zuschauenden durchaus auf einer emotionalen Ebene anzusprechen vermag, aber dabei niemals ins Rührselige kippt.

Seit Ende Oktober gibt es den Film in der Femmes Totales-Reihe von absolut Medien auf einer recht schmucklosen DVD.

Beuys

(D 2017, Regie: Andres Veiel)

Fettecke forever!
von Andreas Thomas

Jajajajajaja. – Nänänänänänänä. Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel. Beuys und Bergpredigt. Da hätten wir schon zwei zündende Konnektionen, denn zum …

Jajajajajaja. – Nänänänänänänä. Eure Rede aber sei: Ja! Ja! Nein! Nein! Was darüber ist, das ist vom Übel. Beuys und Bergpredigt. Da hätten wir schon zwei zündende Konnektionen, denn zum einen ist Beuys kein Übertreiber gewesen, aber ein Showhase, und zum anderen hat er diesen Jesusfluch gehabt, nach dem Motto: Meine Verausgabung ist meine Nahrung. Leider denkt die Menschheit viel zu oft in Märtyrerligen, aber das Leben kann auch schön sein, wenn man nicht zu Asche brennt, und das Kind dann aber umso mehr vom Künstlerpapa hat. Aber da steht immer dieser Auftrag im Background, bei Jesus und bei Beuys und wie die alle heißen. Ganz dahinter steht aber auch noch, und auch das ist signifikant: eine tiefe Depression, bei Jesus vielleicht nicht so erwiesen wie bei Beuys, aber schlechthinnig wahrscheinlich, aufgrund der Abwesenheit des eigenen Wohlbefindens ohne Phantasmagorie einer göttlichen Entität. Bei Beuys scheint, und das sagt auch sein bildgebender Regisseur Andres Veiel, den Ausschlag gegeben zu haben eine Äußerung der Mutter seiner frühen Sponsoren: „Wenn du dieses Talent hast, dann bist du ihm was schuldig“. Also fühlte Beuys sich schuldig, ließ das ganz schnell mit dem Selbstmord und versuchte halt die Welt zum Guten zu verändern, indem er sich künstlerisch auf dem Zahnfleisch tätig für die Welt opferte.

Mal ganz davon ab, dass man heute gegenüber manchen traditionellen Künstlerbiografien bezüglich ihres missionarischen Eifers ein leichtes oder schweres Unbehagen entwickeln kann, kann es einen aber auch freuen, den kernigen und lustigen Rheinländer Beuys zu reloaden, um festzustellen: der Mann hat Humor, Witz, das Herz am rechten Fleck und er kommt einem in seiner anarchischen Art schon 1966 so vor, als wäre Punk schon lange gewesen. Alle diese 1960er Menschen, auch diese 1970er Menschen um ihn herum sprechen wie aus bemüht gestelzten feuilletonistischen schwer sprachlich verknoteten Sprechblasen heraus, und man merkt ihnen an, wie wenig direkten Zugang sie haben zur Kraft der Beuysschen Kunst und Aktion und Aktionskunst. Aber Beuys könnte direkt einer von den Fremden sein, mit denen du Arm in Arm aus einem echt geilen Konzert gewankt bist. Ohne Worte weiß jeder, worum es geht und dass wir natürlich Freunde sind, obwohl wir uns nicht kennen.

Schön ist bei Beuys, dass er jede Ideologie abschaffen will, allen voran den Kapitalismus und irgendwie niedlich und etwas größenwahnsinnig ist, dass er meint, die Kunst werde die Rolle der Politik übernehmen müssen und können. Dass überhaupt alles Kunst sei, dass Gedanken schon Skulpturen seien, das ist schön und erweiterte meinen Kunstbegriff auf sinnvolle Weise frühzeitig. Und es erweiterte meinen Menschheitsbegriff auf vielfältige Weise.

Veiel zeigt in seinem mit permanent semidezenter Musik unterlegten Film den Beuys ein wenig auf seine Menschlichkeit reduziert. Vielleicht hätte man auch Beuys‘ Ausflüge in anthroposophische Ideologien (Rudolf Steiner) einbeziehen können. Weltbilder! Beuys hat ja übrigens die Grünen mitgegründet, weil er jedenfalls an die Besserung der Verhältnisse geglaubt hat. Er flog schnell wieder raus bei den Grünen, er solle doch lieber zurück zu seinen „Fettecken“. Die Grünen versuchen derzeit Gemeinsamkeiten mit der CSU zu finden, aber: die „Fettecken“ werden siegen!