Archiv der Kategorie: Filmkritik

Leben und Sterben in L.A.

(USA 1985, Regie: William Friedkin)

Es ist Neoliberalismus
von Nicolai Bühnemann

Die im Zeitraffer über Los Angeles aufgehende Sonne taucht die Stadt in ein Rot, das gleichermaßen irreal, infernalisch und wunderschön ist. Es ist, so verkündet eine Einblendung über den Bildern, …

Die im Zeitraffer über Los Angeles aufgehende Sonne taucht die Stadt in ein Rot, das gleichermaßen irreal, infernalisch und wunderschön ist. Es ist, so verkündet eine Einblendung über den Bildern, mit militärischer Präzision: „Dec. 20 1410 Hrs.“ Es ist das Jahr 1985. Es ist Neoliberalismus. Möchte man sich der Ästhetik von William Friedkins „To Live and Die in L.A.“ nähern, reicht es eigentlich, auf zwei Szenen am Anfang des Films hinzuweisen. Die erste ist die Einblendung des Titels: zu den Bildern von einem Schrottplatz im Hintergrund, in riesigen Lippenstift-knallroten und giftig neongrünen Lettern zuerst: „To Live“, dann: „To die“, dann: „in L.A.“, dann: „To Live and Die in L.A.“. Links neben dem Titel: eine gezeichnete Palme. Leben und Sterben auf einem Schrottplatz namens Los Angeles, auf dem Palmen wachsen, die genauso unecht sind wie die Engel. Was bleibt, ist unnützes Blech, wo einst Autos waren.

Wenig später dann die Einführung des Schurken, er wird von Willem Dafoe gespielt, ist Geldfälscher, heißt Eric Masters und ist ein Meister seiner Kunst. Die Bilder, die er malt, betrachtet er kritisch mit starrem Blick und ohne die kleinste Regung auf seinen Lippen, die von so androgynem Rosa sind, wie ich es außer beim jungen Dafoe noch nie bei einem Menschen gesehen habe. Dann zündet er sie an. Die Druckplatten für das Geld versieht er mit unterschiedlichen Seriennummern, die er mit dem Skalpell mit Schnitten ausschneidet, die so präzise sind wie die der Montagesequenz, in der Friedkin das zeigt. Um die Erzeugung irgendwelcher Werte – und seien sie noch so fiktiv – geht es hier längst nicht mehr. Nur noch um die Schönheit und Präzision des Erzeugens, die auf eine Perfektion abzielen, die es im Leben nicht gibt, aber in der Kunst. Davon legen die ersten fünfzehn Minuten des Films Zeugnis ab. Die Ästhetik des Films ist eine, für die jede nur erdenkliche Form des Realismus, mehr noch: alle Authentizität von vornherein reine Ideologie ist. Zuvor, noch im Vorspann, gab es eine andere Montagesequenz von Geldscheinen, die an Straßenecken von Hand zu Hand gehen. Die Zirkulation von bedrucktem Papier ist echt, dadurch dass ein Filmstreifen durch einen Projektor läuft oder sich eine Disc in einem Laufwerk dreht, flimmern 24 Bilder pro Sekunde über eine Leinwand oder einen Bildschirm. Alle Echtheit, die darüber hinausgehen würde, ist reine Verhandlungssache.

Bevor wir kurz zur Handlung kommen, noch ein paar Worte zur Kameraarbeit des vor einigen Monaten verstorbenen Robby Müller. Leider ist er mir nicht so nahe wie einige seiner Kollegen, was schlicht daran liegt, dass er viel für den frühen Wenders arbeitete, der mich nicht interessiert. Dennoch zeigen die beiden von ihm fotografierten Filme, die ich kürzlich gesehen habe – neben diesem hier noch „Ghost Dog- The Way of the Samurai“ (Jim Jarmusch, 1999) –, dass er zweifellos ein Meister seines Faches war. Alleine wie er es hier versteht, das Sonnenlicht zu verschiedenen Tageszeiten einzufangen, aber auch das Neonlicht bei Nacht ist atemberaubend.

Es ist eine gute Frage, die sich nicht ganz einfach beantworten lässt, ob das Archetypische im Hinblick auf das Verhältnis des Films zum Genre in dieser Form bereits 1985 bestand, oder aber, ob es damals noch neu war. Jedenfalls ist „To Live and Die in L.A.“ ein Film, in dem ein älterer Cop, Jim Hart (Michael Greene), zu Beginn nach einem nervenaufreibenden Einsatz auf einem Dach zu seinem jüngeren Partner Richard Chance (William Petersen) sagt: „I‘m getting too old for this shit.“ Wenn Hart wenig später von Masters erschossen wird, wird dazu ein weiterer markiger Oneliner kredenzt: „You were at the wrong time at the wrong place, pal.“ Was aus dieser Prämisse folgt, ist die bedingungslose Suche von Richard, a guy who definitely takes chances, nach Rache für den Tod seines Partners, bei der er sehr schnell keinerlei Grenzen mehr kennt, sich weder an irgendwelche Gesetze hält, noch sich durch jegliche moralische Erwägung daran hindern lässt, sein einziges Ziel zu erreichen. Vielleicht war die Figur von Hart, der nicht nur zu alt, sondern auch zu „weich“ für den Scheiß dieser Welt wurde, aber auch die Partnerschaft zu Chance etwas, das diese Welt noch halbwegs transzendieren konnte. Nach seinem Tod bleiben dann nur noch gefühlskalte Männer mit Riesenegos, die in ihren Obsessionen mörderisch frei drehen. Wer sich nach irgendwelchen positiven Identifikationsangeboten sehnt, ist hier definitiv im falschen Film.

Will man die Radikalität von „To Live and Die in L.A.” in dieser Hinsicht herausarbeiten, bietet es sich vielleicht an, ihn mit zwei anderen Filmen zu vergleichen, zwischen denen er zufällig zeitlich genau steht. Vierzehn Jahre zuvor drehte Friedkin mit „The French Connection” einen anderen großen Polizeifilm, der klug genug war, um die Gespaltenheit und Doppelmoral seiner Hauptfigur Popeye Doyle (Gene Hackman) zu erkennen, einem rassistischen Alkoholiker, der all seine Lebensenergie in eine absurden Krieg gegen die Drogen investierte. Und doch ist es essenziell für diese Figur, dass sie immer noch meinte, das Richtige zu tun, so unsinnig diese Selbstwahrnehmung für Film und Publikum auch offensichtlich sein mag. Für die Figuren von “To Live and Die in L.A.” hingegen ist alles, was nicht reine Privat-Obsession ist, genauso uninteressant wie jeder Versuch, das eigene Tun irgendwie zu rechtfertigen – und sei es auch nur vor sich selbst.

Vierzehn Jahre später drehte Paul Thomas Anderson mit „Magnolia” einen anderen großen L.A.-Film, der von einer vollkommen amoralischen Welt erzählt, in der die Entfremdung der Menschen von sich selbst und einander kaum größer sein könnte. So sehr ich den Film auch liebe, stößt es mir doch etwas unangenehm auf, dass es ihm dabei offensichtlich um eine Moral ex negativo geht, die uns beständig sagt, dass es nicht gut und richtig sein kann, dass Menschen so leben (müssen). Und ein Regisseur, der schließlich mit alttestamentarischer Wucht Frösche in einem Platzregen vom Himmel fallen lässt, wodurch wohl nicht alle der vielen Figuren, aber doch die verschiedenen Handlungsstränge kurzzeitig zusammenfinden können, passt da selbstverständlich gut ins Bild. Ganz anders Friedkin hier, der seinem Publikum zu sagen scheint: “Findet euch mit dem Zynismus dieser Welt und dieser Figuren ab – oder lasst es bleiben. Gebt euch ihnen hin oder eben nicht. Aber eine distanzierte Position, aus der ein moralisches Urteil über das Gezeigte möglich wäre, gibt es hier weder für mich noch für euch.”

Am Ende dann: der zweite Showdown nach dem ersten nach einer Verfolgungsjagd, wie sie nur Friedkin inszenieren und nur Müller fotografieren können – gegen den Verkehr über den Freeway. Privat-Obsessionen als Störung der Zirkulation. Schließlich allerlei böse plot twists und das langsame Sterben mit glänzenden Augen im infernalischen Feuer. Es ist 1985. Es ist Neoliberalismus. Wenn im Los Angeles des Films jemals good guys, good cops, good people gelebt haben, sind sie wahrscheinlich schon in den Siebzigern ausgestorben. Die Zirkulation geht weiter. Die Hoffnung wohnt hier nicht mehr. Was bleibt, ist die Schönheit der Bilder. Immerhin.

Nachdem der Film zuvor nur auf einer schmucklosen DVD in Deutschland erhältlich war, gibt es ihn nun seit letztem Herbst im Mediabook von Capelight mit sehr umfangreichem Bonusmaterial. Zeitgleich erschien eine Single-DVD-Version.

Sauvage

(F 2018, Regie: Camille Vidal-Naquet)

"Du hast es verdient, geliebt zu werden"
von Nicolai Bühnemann

Zu Beginn ist Léo beim Arzt. So scheint es zumindest. Denn schnell stellt sich heraus, dass das Abtasten seines Körpers, das in eine Genitaluntersuchung mündet, Teil eines Rollenspiels ist, das …

Zu Beginn ist Léo beim Arzt. So scheint es zumindest. Denn schnell stellt sich heraus, dass das Abtasten seines Körpers, das in eine Genitaluntersuchung mündet, Teil eines Rollenspiels ist, das sich zwischen dem Protagonisten, der Stricher ist, und einem Freier abspielt. Dieser erste plot twist nach ca. zwei Minuten begnügt sich nicht damit clever und lustig zu sein, sondern er gibt den Ton eines Filmes an, der Machtverhältnisse so präzise analysiert, dass sich aus der Analyse selbst auf eine Art, die gar nicht so einfach zu fassen ist, Verschiebungen ergeben, Subversionen.

Wenn der 22-jährige Léo (Félix Martiaud) wenig später mit seinem Kollegen Ahd (Eric Bernard), mit dem er auch irgendwie liiert ist, auch wenn sich dieser selbst nicht als schwul definiert, bei einem wiederum alten Freier ist, dann zeigt sich das überdeutlich in den unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Männer an ihren Job. Léo küsst die Männer, denen er seinen Körper verkauft, gerne, allerdings sucht er sich dabei immer aus, welche. Ahd tut das nicht bzw. nur gegen besonders hohe Extrabezahlung. Der zärtliche Akt des Küssens ist für den einen Mann etwas, das das Machtverhältnis, das sich dadurch ergibt, dass Männer gegen Bezahlung über die Körper anderer Männer verfügen, transzendiert. Es ist Ausdruck des Bedürfnisses der Figur nach einer Geborgenheit, die es in Verhältnissen nicht geben kann, in denen das Geld, das die einen haben, die anderen nicht, die Menschen fundamental voneinander trennt. Für den anderen Mann hingegen ist das Gewähren einer Form von Intimität, die ihm – zumindest in diesem Kontext – merklich widerstrebt, nur eine Frage des Preises.

Was den Film zu einem ziemlich unvergleichlichen Erlebnis macht, ist zunächst das Spiel Martiauds, der seine Figur mit einer Weltfremdheit versieht, die etwas Autistisches hat – was dabei jedoch mindestens so viel über die Welt aussagt, die dieser Figur radikal ihr Glück verwehrt, wie über deren Persönlichkeit. Der junge Mann bewahrt bei all der sexuellen Freizügigkeit, die sein Leben einfordert und die er teilweise auch sichtlich genießt, bei all der brutalen Gewalt, deren Opfer oder Zeuge er im Verlauf des Films wird, eine große Schüchternheit und Zurückhaltung. Dabei ist der mitunter knüppelharte Film nicht verlegen darum zu zeigen, wie sehr jemand wie Léo in seiner Welt zum Freiwild erklärt wird. In einer Szene, die für mich an die Grenzen des Erträglichen ging, wird Léo von einem schmierigen Hipster-Paar immer weiter ausgenutzt, weil einer der beiden Männer keinen hochbekommt, verlagern sie sich bald darauf, ihm einen gigantischen butt plug einzuführen. Zwar lassen sie von ihm ab, als er anfängt zu bluten, schmeißen ihn dann aber ohne Bezahlung aus ihrer Wohnung.

Doch ebenso wenig wie Léo in seinem Job die Nähe finden kann, nach der er sich so sehr sehnt, ohne dass er doch wirklich die Möglichkeit hätte, sein Bedürfnis zu artikulieren, kann er es auch in der Beziehung zu zwei Männern, die verbindet, dass sie einen sehr dominanten Charakter haben. Das Beziehungsdreieck, das den Film nicht in seinen Möglichkeiten dramaturgischer Zuspitzungen interessiert, stellt sich ein, als Ahd Mihal (Nicolas Dibla) eine Flasche auf den Kopf schlägt, weil dieser mit seinem Verhalten die Preise drückt, indem er weniger Geld für einen Blowjob nimmt als die anderen. Später beginnt Léo eine Affäre mit Mihal, der ihn dazu verleitet, einen Freier auszurauben. Doch auch wenn die Beziehungen zwischen den Männern sicherlich toxisch sind, bleiben hier Ambivalenzen. Mihal sucht bei Léo eine Geborgenheit die er nicht finden kann, weil dieser immer noch an Ahd hängt. Ahd hingegen liebt Leo nicht so, wie dieser sich das wünscht, und dennoch verabschiedet er sich von ihm voller tiefempfundener Empathie: „Du hast es verdient, geliebt zu werden.“

Aber auch die Inszenierung im Debütfilm von Camille Vidal-Naquet, der auch das Drehbuch schrieb, hat großen Anteil am Gelingen des Films. Wenn Léo in Hauseingängen Crack raucht, mitten auf der Straße schläft, aus Mülleimern isst und einmal Regenwasser trinkt, das den Bordstein entlangläuft, ist der Blick des Films auf seine Figur vollkommen frei von jener Form falschen Mitleids, das diese noch weiter viktimisieren würde, aber voller sehr ehrlicher Empathie. Das Erstaunliche an „Sauvage“ ist sicherlich nicht zuletzt, welch genaues Gespür der Regie-Debütant einerseits für seine formale Gestaltung hat: „Wackelkamera-Realismus“ ist hier keine bloße Konvention des Arthaus-Kinos der Gegenwart, sondern etwas, das eingesetzt wird, um in bestimmten Szenen eine sehr spezifische Form der Dramatik aufzubauen. Weiterhin sind noch zwei Disko-Szenen zu erwähnen, in denen sich der Film einige Zeit lang regelrecht symbiotisch in einem hypnotischen Sog aus blitzendem, alles zersetzendem Licht aufzulösen scheint.

Das setzt sich nahtlos fort in seiner Narration, die voller Spiegelungen ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Neben der „falschen“ Arztszene zu Beginn gibt es noch zwei weitere, nunmehr echte; eine relativ in der Mitte und eine fast am Ende, die jeweils ganz eigene psychologische und dramaturgische Implikationen bergen. Vielleicht geht die Reflexion in den letzten zwanzig Minuten ein wenig zu weit, denn hier lässt Vidal-Naquet die Geschichte um Leós Nidergang, der auch körperlich krank ist – unter anderem leidet er an Asthma – auf gleich eine ganze Abfolge von Szenen hinauslaufen, die nicht nur jeweils sehr kraftvolle Enden bedeuten würden, sondern der Film scheint sich auch der unterschiedlichen Bedeutungen, die es für seine Geschichte hätte, ließe er sie tatsächlich so enden, sehr bewusst zu sein. Das tatsächliche Ende entschädigt dafür allerdings restlos, läuft es doch auf eine Art der Flucht des Protagonisten vor einer Welt hinaus, die nicht in der Lage ist, seine emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, die so anders ist als alle, die man kennt oder sich vorstellen könnte, dass sie schon deshalb hier nicht verraten wird, weil man sie sowieso sehen muss, um sie glauben zu können.

Zama

(ARG/BR/ES/FR/NL/MEX/PT/USA 2017, Regie: Lucrecia Martel)

Ferne fremde Welt
von Wolfgang Nierlin

Ist Don Diego de Zama wie einer jener tapferen Fische, von denen es in der gleichnishaften Rede eines sterbenden Gefangenen einmal heißt, dass sie vom Wasser abgestoßen werden? Weil sie …

Ist Don Diego de Zama wie einer jener tapferen Fische, von denen es in der gleichnishaften Rede eines sterbenden Gefangenen einmal heißt, dass sie vom Wasser abgestoßen werden? Weil sie aber in ihrem natürlichen Element bleiben wollen, halten sie sich bevorzugt in Ufernähe auf. Oder ähnelt er eher einem Gott, der alt geboren wurde und nicht sterben kann? In Lucrecia Martels neuem, magisch-realistischem Film „Zama“, einer Adaption des gleichnamigen, existentialistischen Romans von Antonio di Benedetto aus dem Jahre 1956, leidet der melancholische Titelheld jedenfalls unter einer „schrecklichen Einsamkeit“. Gleich zu Beginn des Films steht er am Ufer eines namenlosen Sees und blickt über das Wasser in die Ferne. Spielende Kinder in sommerlicher Hitze, im Schlamm badende Frauen und eine ausgeprägt exotische Geräuschkulisse evozieren die brüchige Idylle einer fernen fremden Welt.

In einer nicht näher bezeichneten südamerikanischen Kolonie des Jahres 1790 steht Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) als Offizier und Justizbeamter im Dienst der spanischen Krone. Er sehnt sich nach seiner Familie und blickt lüstern auf die Frauen in seiner Umgebung. Er versieht missmutig, träge und gelangweilt seinen Dienst und wartet zunehmend frustrierter auf eine Versetzung, die sein Vorgesetzter noch nicht einmal beantragt hat. Sowohl von der Frau, die er begehrt, als auch vom zwielichtigen Gouverneur wird er hingehalten, was der Staatsdiener geduldig erträgt. Dabei vollzieht sich fast unmerklich sein Abstieg, eine Art fortgesetztes Scheitern, das darin kulminiert, dass sich Diego de Zama auf die Spur des gefährlichen Banditen Vicuña Porto (Matheus Nachtergaele) begibt. In der Hoffnungslosigkeit des Urwalds, der seine Gefangenschaft noch verschärft, begegnet er schließlich sich selbst und seinem Schicksal. Während er vorgeblich darauf wartet, dass seine Hoffnung zerstört werde, hofft er doch immer weiter auf ein Leben im Ungefähren, das sich für ihn aber nicht erfüllt.

Lucrecia Martels undramatische, elliptische Erzählweise verweigert sich bewusst dem Überblick und jenen gängigen Klischees der historischen Darstellung, die ein Wissen behaupten, das vom Kino selbst erfunden wurde. Stattdessen erzählt sie in Andeutungen und Ausschnitten von einer fremden Welt, deren Unschärfe zwar alles durchdringt, die in Details aber sehr präzise wiedergegeben wird. Ständig gibt es eine Dialektik zwischen dem, was im Bild sehr genau erfasst ist und dem, was außerhalb seines Rahmens über den Ton vermittelt wird. Martels ästhetisch ausgefeilte Darstellung einer individuellen Desorientierung, die einer unsicheren, mithin schwindenden Identität auf der Spur ist, integriert deshalb konsequent den Wahn in eine Wirklichkeit, die sich im Ungefähren von Illusionen verliert, in Visionen augenblickshaft Gestalt gewinnt und doch gegen allen Anschein immer wieder auf dem Greifbaren beharrt.

Heavy Trip

(FIN/NO 2018, Regie: Juuso Laatio, Jukka Vidgren)

Knallharte Jungs
von Carsten Happe

Dieser Film konnte nur aus Finnland kommen. Dem Land, welchem nachgesagt wird über die höchste Metal-Band-Dichte der Welt zu verfügen; der „Encyclopaedia Metallum“ zufolge derzeit 36 Bands je 100.000 Einwohner. …

Dieser Film konnte nur aus Finnland kommen. Dem Land, welchem nachgesagt wird über die höchste Metal-Band-Dichte der Welt zu verfügen; der „Encyclopaedia Metallum“ zufolge derzeit 36 Bands je 100.000 Einwohner. Hier haben nicht nur Apocalyptica, Nightwish oder die ESC-Schockrocker von Lordi eine Weltkarriere gestartet. Selbst das erste Headbanger-Emoticon stammt aus dem hohen Norden. Beste Voraussetzungen eigentlich für die vier Jungs Turo, Lotvonen, Jynkky und Pasi aus dem kleinen Kaff an der Permafrost-Grenze, ihren Traum zu verwirklichen. Aber außer dem Willen und jeder Menge Wut im Bauch sind alle Welteroberungspläne noch graue Theorie – Bandname, eigener Sound, geschweige denn eigene Songs, alles Fehlanzeige. Von der Dorfjugend werden die langhaarigen Metalheads als Homos beschimpft, der heimliche Schwarm des Leadsängers Turo von einem schleimigen Schnulzensänger umgarnt, der Job im Pflegeheim gerät immer mehr zu einer frustrierenden Reihe an Demütigungen. Doch das große Ziel scheint plötzlich greifbar nah, als ein bedeutender Festivalbooker aus Norwegen in den elterlichen Elchverarbeitungsbetrieb hereinschneit, eine Gallone Tierblut ordert, prompt beliefert wird (eine der zahlreichen Filmreferenzen) und in letzter Sekunde mit einem Demotape bestückt wird.

So entspinnt sich eine Road-Comedy, das zu keiner Sekunde seine Vorbilder von den „Blues Brothers“ (USA 1980; R: John Landis) bis „This Is Spinal Tap“ (USA 1984; R: Rob Reiner) leugnen will und als Feel-Good-Komödie für die ganze (Metal-)Familie alle Klischeegrenzen wegwirbelt. Natürlich wird ein Verwechslungsplot genüsslich bis an die Grenze ausgereizt und diverse Nebenfiguren bekommen kaum mehr als einen Knallchargenstatus zugesprochen. Aber das spielt alles keine Rolle, denn der unbedarfte Charme von Turo und seinen Jungs überstrahlt jede Peinlichkeit und jeden versandenden Gag. Hinter der rauen Schale, dem ruppigen Gitarrengewitter und dem angsteinflößenden Makeup des nerdigen Bassisten Pasi, der sich fortan nur noch Xytrax nennen lässt, ist jederzeit das Herzblut der Filmemacher und die Spielfreude der Darsteller sichtbar.

Wie ein Elchzerhäcksler und das Signature-Riff der Band zusammenhängen, mit welchen öffentlichen Kameras das coolste Bandfoto zu bekommen ist – „Heavy Trip“ macht mit seinen Einfällen jede Menge gute Laune, ganz unabhängig davon, wie man zur Musik, der Kriegsbemalung und dem martialischen Auftreten steht. Nach diesem Film möchte man sofort eine eigene Band gründen. Oder nach Finnland auswandern.

Suspiria

(IT/USA 2018, Regie: Luca Guadagnino)

Wiedergeboren aus dem Schmerz der anderen
von Wolfgang Nierlin

Heutzutage könne Tanz nicht mehr „schön und fröhlich“ sein, sagt Viva Blanc (Tilda Swinton). In dieser Äußerung findet Adornos Diktum über die Unmöglichkeit von Kunst nach den Verbrechen von Auschwitz …

Heutzutage könne Tanz nicht mehr „schön und fröhlich“ sein, sagt Viva Blanc (Tilda Swinton). In dieser Äußerung findet Adornos Diktum über die Unmöglichkeit von Kunst nach den Verbrechen von Auschwitz einen entfernten Widerhall. Im Herbst des Jahres 1977 leitet die charismatische Choreographin die berühmte Helena Markos-Compagnie in West-Berlin. Gegenüber dem Eingang des international renommierten Tanz-Internats steht die Mauer, die geschichtlichen Schatten der Vergangenheit sind allgegenwärtig, nicht zuletzt im RAF-Terrorismus, der gerade seinen traurigen Höhepunkt erreicht. Die geteilte Stadt mit ihrem Inseldasein ist aber auch ein Refugium des alternativen Lebens und ein geheimnisvoller Ort des Bösen und seiner dunklen Machenschaften. Die mysteriöse Tanzschule wiederum bildet das Zentrum manipulativer Kräfte, schrecklicher Mächte und einer tödlichen Kunst.

Das war teilweise schon in Dario Argentos extrem stilisiertem, sich lustvoll Farbräuschen und kalkulierten Gewaltexzessen ergebendem Film „Suspiria“ aus eben dem Jahre 1977 so. Luca Guadagninos gleichnamiges Remake über eine amerikanische Tanzschülerin, die sich in einer fremden Kultur und Geschichte in den Fängen eines zerstörerischen Hexenrings wiederfindet, übernimmt zwar die Initiationsthematik des Originals und seine implizite Entwicklungsgeschichte; neben der stärker gewichteten Abnabelung von der Mutter, die hier gleich mehrfach personifiziert wird, akzentuiert Guadagnino aber vor allem die Geschichte des Psychoanalytikers Josef Klemperer (Tilda Swinton unter dem Pseudonym Lutz Ebersdorf), der mit seinen Nachforschungen dem mörderischen Treiben der Hexen auf die Spur kommt. Dabei wird er mit seinen eigenen Traumata, mit Schuld und Scham, konfrontiert. Denn seine geliebte Frau wurde während des Krieges in ein Konzentrationslager verschleppt und getötet.

In Luca Guadagninos vieldeutig schillerndem Film „Suspiria“ ist die dunkle Vergangenheit längst nicht vergangen und die Pflicht zur Erinnerung daran ein grausamer, kaum heilsamer Schock. Mit abgründigen, verstörenden Parallelmontagen zelebriert er die Kunst der magischen Übertragung. Susie Bannion (Dakota Johnson), die die Hauptrolle in dem 1948 uraufgeführten Stück „Volk“ übernehmen soll, gewinnt ihre Stärke sehr brutal aus dem Schmerz einer anderen. Nach den Intentionen der Madame Blanc geht es darin um „Wiedergeburt“. Aber vielleicht verbirgt sich hinter ihrer gefräßigen Kunst nur ein krimineller Wahn, wie Klemperer vermutet.

Guadagnino vermittelt die unheimliche Atmosphäre dieser Unbestimmtheit vor allem durch die Inszenierung des Raums, seiner gestaffelten Tiefe und durch die subjektiven, schweifenden Blicke, die weder Halt noch Zentrum bieten, die Orientierung irritieren und die Perspektive des Unsichtbaren aufrufen. Aber nicht nur die Klaustrophobie des Originals wird hier durch mehrfache „Öffnungen“ zu den Figuren hin, durch Choreographien und Zeitgeschichte gebrochen. Der auf 35-mm gedrehte Film, der in sechs Akte und einen Epilog gegliedert ist, präferiert im Gegensatz zu seinem Vorbild eine graue, matte Farbigkeit und verleiht dem blutigen Horror so eine fast schon „realistische“ Note. Die Musik des Radiohead-Sängers Thom Yorke unterstreicht kongenial dieses Oszillieren zwischen magischer Welt und realem Schrecken.

Seestück

(D 2018, Regie: Volker Koepp)

Durch die Krise zur Vernunft
von Wolfgang Nierlin

Am Anfang sind Zeilen des schwedischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer zu lesen: „Unendlich hoch stehen die Wolken. An den Wurzeln des Himmelsbaums wühlt das Meer, zerstreut und wie auf …

Am Anfang sind Zeilen des schwedischen Dichters und Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer zu lesen: „Unendlich hoch stehen die Wolken. An den Wurzeln des Himmelsbaums wühlt das Meer, zerstreut und wie auf etwas lauschend.“ Unterlegt sind sie mit faszinierenden Bildern der weiten See mit ihren Abstufungen in ein schier unendliches Blau, das sich in wechselnden Lichtstimmungen berührt mit dem „stillen Dach“ eines tief stehenden Himmels. Nachts scheint aus ihm ein großer Vollmond, während ein riesiges Kreuzfahrtschiff vorübergleitet. Mit seinen vielen beleuchteten Kajütenfenstern, die zu Stockwerken aufgetürmt sind, wirkt dieses schwimmende Haus seinerseits, als würde es in den nächtlichen Himmel wachsen. Mit diesem sehr poetisch formulierten Kontrast zwischen Natur und Zivilisation, der auch das Verhältnis von Ökologie und Ökonomie anspricht, eröffnet Volker Koepp seinen neuen Film „Seestück“.

Der renommierte Dokumentarfilmregisseur, der in seinen unaufdringlich intimen Filmen den Blick immer wieder auf die Landschaften und Menschen des europäischen Nordostens richtet, widmet sich diesmal den Küsten des baltischen Meeres. Selbst an der Ostsee im pommerschen Stettin geboren, verknüpft er seine aktuellen Erkundungen mit persönlichen Erinnerungen. Stehen in seinen früheren Arbeiten oft Menschen im Mittelpunkt, die nach Krieg, Vertreibung und politischem Wandel ihre Identität behauptet haben, akzentuiert Koepp neuerdings stärker die schöne Landschaft als einen bedrohten Lebensraum. Nach seinem diesbezüglich aufschlussreichen Film „Landstück“ bereist er für sein „Seestück“ nun verschiedene Anrainerstaaten der Ostsee, wo er Menschen trifft, die Auskunft geben über ihr Lebensglück an den stillen Stränden, aber auch über ihre Sorgen und Ängste.

Volker Koepps vertrauensvolle, fast beiläufig erscheinende Gesprächsführung, die in langen, ungeschnittenen Einstellungen eine große Offenheit erzeugt, ist zugleich von einer menschenfreundlichen, bewegende Momente vermittelnden Nähe gekennzeichnet. Von einem alten Fischer auf Usedom erfahren wir vom Verschwinden des Zanders und dem Rückgang der Heringsbestände. Die sich verändernde Ökologie des Meeres spricht auch aus den Bildern, die gigantische Industrieanlagen, Pipelinelager und Offshore-Windparks zeigen. Aspekte des Massentourismus und die von Menschen gemachten Gefahren im Schiffsverkehr, aber auch die Sorge um den Frieden an den Grenzen zu Russland sind weitere Themen, in denen ein krisenhaftes Verhältnis des Menschen zu seinen natürlichen Ressourcen zum Ausdruck kommt. Mit Hinweisen auf die Ethik des Königsberger Philosophen Immanuel Kant, die frühsozialistische „Kapitalismuskritik“ Rousseaus und die Gemälde des Romantikers Caspar David Friedrich rufen befragte Wissenschaftler zugleich Gegenentwürfe auf, in die sich auch eine leise Hoffnung mischt: Dass jenseits von wirtschaftlichem Optimierungswahn und verdrängter Wahrheit die Selbstheilungskräfte der Natur wirksam bleiben und der Mensch durch die Krise zur Vernunft kommen möge.

The House That Jack Built

(DEN/FR/D/SWE 2018, Regie: Lars von Trier)

Exzess und Leere
von Christian Kaiser

Das Interesse der Kunst an Leid und Verfall ist uralt. Man kann es in Vergils „Aeneis“ ebenso ablesen wie in Dantes „Divina Commedia“: beide Texte tauchen in von Triers jüngstem …

Das Interesse der Kunst an Leid und Verfall ist uralt. Man kann es in Vergils „Aeneis“ ebenso ablesen wie in Dantes „Divina Commedia“: beide Texte tauchen in von Triers jüngstem Film auf und Bruno Ganz trägt hier nicht zufällig den an Vergil gemahnenden Figurennamen Verge. Die Reflexion dieses Interesses beginnt hingegen wesentlich später: Rosenkranz lieferte Mitte des 19. Jahrhunderts eine „Ästhetik des Häßlichen“ ab, Brittnacher vor einem Vierteljahrhundert seine „Ästhetik des Horrors“ und Peter-André Alt vor einer knappen Dekade die „Ästhetik des Bösen“. Nun hat sich von Trier der Gewalt und der Qual angenommen und ist dabei seinem Trend, von „Antichrist“ (D/DK/F/I/PL/S 2009) bis „Nymph()maniac“ (B/D/DK/F/GB 2013) immer selbstreflexivere Filme zu drehen, treu geblieben: so ist „The House That Jack Built“ nicht bloß ein Film über die Taten eines Serienkillers, sondern auch ein Film über die Beziehung der Kunst zum Bösen.

Dabei verläuft der Streifen trotz seines Titels, der auf den gleichnamigen Kinderreim verweist, überraschend geradlinig und bleibt stets ganz dicht an der Hauptfigur, die während ihrer Höllenfahrt in fünf Kapiteln den eigenen Werdegang aus 12 Jahren rekapituliert und vor ihrem Führer Verge eigentümliche Ansichten über Kunst und Moral ausbreitet. Die fünf Kapitel seien dabei ganz zufällig ausgewählt – bilden allerdings auf zweifache Weise Fortschritte ab: Zum einen entwickelt sich Jack, der psychopathische Ingenieur, vom peniblen Ordnungszwängler zum immer fahrlässigeren Killer, der in einer unordentlichen Welt – in der die Nachbarn nur manchmal die Polizei rufen und in der die Polizei bisweilen blind zu sein scheint – Karriere macht, ehe sich am Ende dann doch sein Schickal erfüllt. Zum anderen verändert sich in fünf Kapiteln aber auch der Charakter der Taten: Erschlägt Jack – der vielleicht Jack heißt, damit am Ende „Hit the Road Jack!“ erklingen kann oder da seine erste Waffe ein Wagenheber ist – sein erstes Opfer im Film noch im Affekt, so handelt es sich bei seiner nächsten Tat bereits um einen geplanten und mit viel Redekunst ermöglichten Mord. An späterer Stelle steht dann die zivilisiertere (da ritualisierte) Jagd: Eine Frau und ihre jungen Söhne müssen dran glauben und liegen schließlich europäischen Jagdtraditionen gemäß (neben 50 Krähen) hübsch aufgereiht danieder. Es folgt, gleichwohl Sadismus schon zuvor deutlich präsent war, die eindeutig sexualisierte Tortur: Riley Keoughs naivem Dummchen Simple werden die Brüste abgeschnitten, ehe sie ihr Leben lässt. Am Ende dann effizienter, durchorganisierter Massenmord: Fünf Männer sollen durch ein einziges Stahlmantelgeschoss sterben und parallel dazu verklärt Jack unter anderem die Bilder der Shoa zu Ikonen.

Den Mord als Kunst betrachtend übt sich Jack an einer stetigen Verfeinerung seiner Kunst, deren Kernelement die Destruktivität ist: Das Haus, das Jack neben seiner Mordreihe zu bauen gedenkt, reißt er immer wieder ein, sobald das Grundgerüst steht. Die Seele, erklärt der feingeistige Killer, für den Himmel und Hölle ein und dasselbe sind, gehöre zum Himmel, der Körper zur Hölle: Das Schöne und das Schreckliche fallen zusammen. Man kennt das von Bataille und seiner Transgressionstheorie: In Eros und Thanatos lässt sich das Heilige erfahren. Und den Tod steigert von Trier wie Bataille in „Die Erotik“ von der bloßen Tötung über die Jagd bis zum Krieg. Und auch Bataille hat sich über die diesbezügliche Rolle der Kunst geäußert: Anhand der Fotografie eines unter der Lingchi-Folter Sterbenden kommt er auf den ekstatischen Schauder des Betrachters zu sprechen. Und weil „The House That Jack Built“ ein so selbstreflexiver wie narzisstischer Film ist (der fast alle von Triers direkt zitiert), liegt es – angesichts der im Film zur Diskussion gestellten These, dass man in der Kunst ausleben könne, was ansonsten in der Zivilisation nicht möglich sei – nahe, im Film die Herstellung solchen Schauders, ekstatisch und kathartisch zugleich, zu erblicken. Solch ein Schauder stellt sich bei der Betrachtung von „The House That Jack Built“ allerdings kaum ein. Inmitten von Selbstbezügen, Reflexionen und schwarzem Humor entbehren die Grausamkeiten erheblich an Wirkung. Abgeschnittene Brüste und Kükenbeine, zerfetzte Kinderbeine und eingeschlagene Schädel bilden inmitten von groteskem Witz und reflektierender Distanziertheit allenfalls Unappetitlichkeiten, wobei die Einbindung von Archivaufnahmen aus den Konzentrationslagern in diesen skandalheischenden Unterhaltungsfilm weit unappetitlicher anmuten. (Und seit Syberbergs Hitler-Film gab es wohl keine streitbarere Annäherung an die Goethe-Eiche in Buchenwald mehr…)

Unappetitlich mag manchem auch eine vermeintliche Misogynie des Film(emacher)s erscheinen, die in der Abtrennung von Frauenbrüsten gipfelt – zumal die Nummernrevue der Morde mit gekränkter Männlichkeit ihren Anfang nahm. Hier wiederholt „The House That Jack Built“ aber nicht bloß die fragwürdigen Anwandlungen mancher Splatterfilme, die wie „Cannibal Ferox“ (I 1981; Regie: Umberto Lenzi) oder „The Mutilator“ (USA 1984; Regie: Buddy Cooper, John Douglass) mehrfach die weiblichen Sexualmerkmale attackiert haben, sondern auch das Bild des aggressiven weißen Mannes: Serienkiller sind zumeist weiß, männlich und zwischen 35 und 45 Jahre alt, konnte man einst in „Copycat“ (USA 1995; Regie: Jon Amiel) vernehmen. Jack passt gut ins Bild und tatsächlich sind seine bevorzugten Opfer Frauen oder Kinder. Bloß in seiner effizienten Kriegsszenario-Nummer wählt sich Jack bewusst (fünf) männliche Opfer, wobei ein Asiate und ein Farbiger am meisten Screentime erhalten. Dass Jack über solch ein Bild des schuldigen Mannes und der unschuldigen Frau in Rage gerät, macht aus „The House That Jack Built“ allerdings keinen Film eines reaktionären Maskulinisten; auch ist es trotz der zelebrierten Gewalt an Frauen kein grundsätzlich misogyner Film: Er reproduziert und festigt allerdings das Bild der wehrlosen Frau – was aber schon immer für die allermeisten von Triers galt. Und dass die Frauen hier gelinde gesagt recht naiv anmuten: Nunja, es handelt sich immerhin um die Schilderungen eines Frauenmörders…

Am Ende hat sich der Ingenieur Jack, der seine Opfer zuvor schon für Fotoshootings ausstaffierte, ein Haus aus den Kadavern erbaut – und tritt seine Höllenfahrt an, die (wie schon M. G. Lewis‘ berüchtigte Gothic Novel „The Monk“) mit dem folgenschweren Sturz der schuldig gewordenen Hauptfigur endet. (Wobei diese Höllenfahrt eingangs fast schon als unio mystica à la Tarkovsky inszeniert wird.) In seinem destruktiven Element hat es sich Jack ganz und gar heimisch gemacht – weil eine unaufmerksame, interesselose Umwelt ihn gewähren ließ. Diese Interesselosigkeit lässt ihn auch seine Zwänge ablegen; und im Moment des Mordens erfüllt ihn kurzzeitig wahre Glückseligkeit. Dem Publikum indes bleibt ekstatischer Schauder verwehrt. Zwischen dem selbstreflexiven Überbau und dem zynisch-humorigen Anstrich ist auch für Verstörung kaum Platz. Und weil es auch keine klassische Spannungsdramaturgie gibt, bleiben neben zynischen Gags, die meist sehr penetrant platziert werden, bloß ein paar stimulierende Gedanken zur Gewalt, zur Kunst, zum Himmlischen, die man jedoch zuvor schon anderswo antreffen konnte: bei Georges Bataille, den von Trier zumindest streift; bei William Blake, den von Trier direkt zitiert.

Damit ist „The House That Jack Built“ vermutlich von Triers unergiebigster Film seit Langem. Immerhin fällt der Film wie nahezu alle von Triers formal durchaus beachtlich aus – wenngleich er gerade zum Ende hin mit vielen Zitaten selbstgefällig und etwas prätentiös wirkt. Und mit seinem langatmig-teilnahmslosen Grundton erscheint er letztlich auch irgendwie adäquat angesichts einer Hauptfigur, die in einem leeren, unerfüllten Leben dem nächsten kurzlebigen Kick nacheilt und bloß in dieser Sucht kurzzeitig eine Heimat findet.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The House That Jack Built“.

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

(D/FR/CH 2018, Regie: Philip Gröning)

Arbeit an der Wahrheit
von Wolfgang Nierlin

Die Tankstelle in der weiten, hügeligen Landschaft aus Wiesen und Kornfeldern ist eigentlich ein Nicht-Ort auf freiem Feld. Im südwestdeutschen Irgendwo mit Fernblick auf die Alpen wirkt sie merkwürdig irreal …

Die Tankstelle in der weiten, hügeligen Landschaft aus Wiesen und Kornfeldern ist eigentlich ein Nicht-Ort auf freiem Feld. Im südwestdeutschen Irgendwo mit Fernblick auf die Alpen wirkt sie merkwürdig irreal und wie aus der Zivilisation gefallen. Wenig frequentiert, erscheint sie räumlich deplaziert und der Zeit enthoben. Und doch verkörpert sie ein Stück Heimat. Die Zwillingskinder Elena (Julia Zange) und Robert (Josef Mattes) sind in ihrer Nähe und in ihren Räumen aufgewachsen und größer geworden. Jetzt, an einem heißen Sommerwochenende, lagern sie, einen Steinwurf von der „Tanke“ entfernt, im hohen Gras aus Klee und Kräutern. Der Bruder hilft seiner Schwester bei der Vorbereitung auf ihre Abiturprüfung im Fach Philosophie. Er trinkt Bier, redet, zitiert Heidegger und Augustinus, denkt nach. Dabei wirken die Gespräche der beiden Geschwister merkwürdig zerfahren und launenhaft, weil das Abstrakte zugleich auch das Konkrete ist.

In Philip Grönings neuem Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ manifestiert sich in dieser Gleichzeitigkeit, die immer auch Unterbrechung und Diskontinuität bedeutet, reine Gegenwart. Angeleitet von Martin Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ kreisen die Gespräche der Geschwister um den Begriff der Zeit und um das Warten respektive die Gelassenheit als wesentliche Kategorien des Denkens. Dieses wird verstanden als „Arbeit an der Wahrheit“, deren „Entbergung“ aber nicht verfügbar sei. Dabei befinden sich die beiden Philosophierenden und mit ihnen der Zuschauer selbst in einem Wartestand zwischen den Zeiten. Robert und Elena, die in einer symbiotischen, weltentrückten Beziehung leben, fallen sich gegenseitig ins Wort, wechseln die Themen, streiten und schlagen sich. Das Leichte und das Schwere, das anarchische Spiel und die jugendliche Verrücktheit sind bei ihnen nah miteinander verschwistert. In ihren befremdlichen Kämpfen spiegelt sich letztlich ein schmerzlicher Prozess der Ablösung und Trennung.

Philip Gröning dehnt in seinem dreistündigen Werk die Zeit, indem er durch ungewöhnliche Perspektiven Räume öffnet und die Gleichzeitigkeit des Lebendigen in der Natur akzentuiert. Während also die großen Fragen nach dem Sinn des Seins verhandelt werden, richtet seine forschende Kamera den Blick in Großaufnahme auf das Kleine, den Mikrokosmos: auf Insekten und Gräser, Erde und Schlamm, Haut und Schweiß. Das wirkt sinnlich und eigen und faszinierend schön, zugleich aber auch überstrapaziert, redundant und voyeuristisch. Ausschnitte, Unschärfen und Spiegelungen schaffen eine flirrende, irreale Atmosphäre, die zugleich völlig artifiziell und kalt ist. Gröning geht es nicht um mimetische Abbildung oder figurenpsychologische Einfühlung, er gibt keine Erklärungen und lässt seine (improvisierenden) Protagonisten ihre Gefühle eher exaltiert aus- als darstellen. Trotzdem bleibt in seinem visuellen Konzept dem Blick des Zuschauers nur wenig Freiheit.

Wenn Robert und Elena, angetrieben von sexuellem Begehren, inzestuöser Eifersucht und einer idiotischen Wette, schließlich den befreundeten Tankstellen-Mitarbeiter Erich (Urs Jucker) foltern, vergewaltigen und höchst zynisch ermorden, erscheint der destruktive Wahnsinn ebenso unmotiviert wie beliebig. Zwar symbolisiert für Gröning Gewalt einen „Riss in der Zeit“; doch als martialische Antwort auf die eingangs gestellte Frage nach dem Warum der Vergänglichkeit („Wie kann etwas vergehen, was das Recht hat, zu sein?“), erscheint diese vehemente Geste geschwisterlicher Trennung und Ablösung dann doch leider geradezu trivial und gewollt pessimistisch. Schließlich, so heißt es zuversichtlicher an anderer Stelle, sei der Grund der Zeit die Hoffnung.

The House That Jack Built

(DK/F/D/SW 2018, Regie: Lars von Trier)

Alles drin
von Dietrich Kuhlbrodt

Eine Zweieinhalb-Stunden-Saga. In den USA der siebziger Jahre reift ein Jack (imponierend angsteinflößend: Matt Dillon) zum Serienkiller, zur Ikone. Er ist intelligent, moralfrei und hält sich an die bürgerliche Ordnung. …

Eine Zweieinhalb-Stunden-Saga. In den USA der siebziger Jahre reift ein Jack (imponierend angsteinflößend: Matt Dillon) zum Serienkiller, zur Ikone. Er ist intelligent, moralfrei und hält sich an die bürgerliche Ordnung.

Wenn er die detaillierten Regeln des Wildjägers beachtet und kunstgerecht eine Familie zur Strecke bringt, die sich des Waldes erfreut, dann muss jemand wie ich schon heftig durchatmen, denn ich habe selbst einen Enkel von zwölf Jahren und möchte seiner Leiche nicht anschließend das Festmahl einflößen. Aber die Jagdkunst ist wie die anderen Künste moralfrei, ich sagte es schon, jedoch vielleicht nicht mehr ganz. Jack ist schließlich auch nur ein Mensch und hat selbst das Bedürfnis, sich mit jemandem auszutauschen, den wir zwei Stunden lang als Stimme hören (Bruno Ganz) und letztendlich leibhaftig zu Gesicht bekommen, nachdem wir, im Epilog angelangt, noch erfahren haben, warum Jack sein Haus immer wieder abreißt.

Die Welt, dominiert von Hitler, Stalin und den moralfreien Herrschern oder den moralfreien Technikgläubigen – Vollmantelgeschosse! –, ist halt zu groß, und Geborgenheit findet Jack nur im Abgrund. In der Tropfsteinhöhle. Lars von Triers Sprung von harter Dokumentation (die fünf „Vorfälle“) zum sagenhaften, ja, bayreuthwürdigen Finale (der „Epilog“) zog auch mich Wehrlosen mit in den tiefen Feuerschlund.

Alles klar? Ich finde: ja! Die Jack-Saga ist Triers größter Film. Von „The Element of Crime“ (1984) bis „Melancholia“ (2011) ist alles drin. Von Anfang bis Ende.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 12/2018

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The House That Jack Built“.

Ant-Man and the Wasp

(USA 2018, Regie: Peton Reed)

Im Bierkasten
von Thomas Blum

„Die Reduktionsspulen sind verbogen!“ „Wir haben es hier mit ausgerichteten Wahrscheinlichkeitsfeldern zu tun.“ „Modifiziert die Tracker an einem der Regulatoren!“ Man muss sich durch so einige Technikquatschdialoge kämpfen, wenn man …

„Die Reduktionsspulen sind verbogen!“ „Wir haben es hier mit ausgerichteten Wahrscheinlichkeitsfeldern zu tun.“ „Modifiziert die Tracker an einem der Regulatoren!“ Man muss sich durch so einige Technikquatschdialoge kämpfen, wenn man sich die Marvel-Produktion „Ant-Man and the Wasp“ ansieht, das zweite Kinoabenteuer um den Ameisenmann, doch am Ende ist das wurscht, denn wegen der Dialoge geht schließlich kein Mensch in einen Marvel-Film. Auch der betuliche und unterkomplexe Humor dieser Filme (ein technischer Fehler in Ant-Mans Superheldenanzug führt dazu, dass er zeitweise unfreiwillig mit der Körpergröße eines Erstklässlers ausgestattet ist, hahaha) ist für Dreizehnjährige bzw. für in einem Erwachsenenkörper Dreizehnjähriggebliebene gemacht, doch das alles soll uns nicht schrecken.

Die Handlung? Dr. Hank Pym (Ex-Ant-Man), ein unbotmäßiger Physiker von der Sorte verrückter Professor, hat in seinem Labor, einem Gebäude, das er je nach Bedarf auf die Größe eines Bierkastens schrumpfen und wieder vergrößern kann, einen „Tunnel zur Quantenebene“ gebaut. In diesen subatomaren Raum will er mithilfe eines Fahrzeugs reisen, das aussieht wie eine Kreuzung aus Fantasieraumschiff und Science-Fiction-Karussellgefährt. Denn irgendwo dort ist seit Jahrzehnten seine auf Mikrobengröße geschrumpfte Ehefrau Janet (Ex-Wasp) verschollen, die er wieder zurückholen will. Seine Tochter (Wasp) und der Ant-Man helfen ihm dabei. Das Ärgerliche ist nur, dass das FBI und eine Handvoll eindimensional gezeichneter, geistig unterbelichteter Schurken unentwegt hinter dem Labor her sind und es zu akquirieren bzw. zu stehlen versuchen. Denken Sie besser nicht zu viel über die Handlung nach. Es ist ein Marvel-Film.

Ein Hauptspaß für die Zuschauer besteht allem Anschein nach darin, den Protagonisten in den unvermeidlichen Action-, Autoverfolgungsjagd- und Faustkampfsequenzen dabei zuzusehen, wie sie auf Knopfdruck ihr Auto auf Matchboxgröße oder sich selbst auf auf Däumlingsgröße zusammenschnurren lassen, um sich bzw. ihren Wagen binnen Sekunden wieder auf Normalgröße anwachsen zu lassen. Oder eine schlecht gelaunte Frau („Ghost“), die wie ein verwackeltes Foto von sich ausschaut, weil ihr physischer Körper in Auflösung begriffen ist, beim Durch-die-Wände-Gehen zu bestaunen. Oder Menschen in Insektengröße, die drollige Ganzkörperfetischmonturen tragen, dabei zu beobachten, wie sie auf fliegenden Ameisen pfeilschnell durch die Lüfte gleiten. Oder sich anzuschauen, wie man sich bei den Marvel-Studios den „subatomaren Raum“ vorstellt: als eine Art psychedelisch waberndes weichgezeichnetes Farben- und Formenfeld. Na ja. Empfohlen seien an dieser Stelle die Original-Comics von Stan Lee & Co.

Und, bitte nicht vergessen, wenn Sie selbst vorhaben, heute nach Feierabend mit einem Schrumpflabor herumzuexperimentieren bzw. ein bisschen im subatomaren Raum umherzuspazieren: Lassen Sie sich nicht in einen Zeitwirbel ziehen! Daraus können wir Sie nicht retten!

Dieser Text erschien zuerst am 26.07.2018 in: Neues Deutschland

Bohemian Rhapsody

(USA 2018, Regie: Bryan Singer)

Freundschaft, Schicksal, Liebe, Erfolg, Ruhm, Vergebung, Tod
von Thomas Blum

Mit gerecktem Arm und geballter Faust, den Kopf in den Nacken gelegt, gleichermaßen streng und stolz auf etwas Imaginäres irgendwo in der Ferne blickend, gen Himmel deutend, die Faust immerzu …

Mit gerecktem Arm und geballter Faust, den Kopf in den Nacken gelegt, gleichermaßen streng und stolz auf etwas Imaginäres irgendwo in der Ferne blickend, gen Himmel deutend, die Faust immerzu in die Luft stoßend, in einer Pose, als wäre er eine Statue, breitbeinig, als wolle er Größenwahn, Erhabenheit und Virilität gleichzeitig ausdrücken, so steht der Mann da.

Klar, er ist eine Diva. Und was für eine. Seine vorstehenden Schneidezähne hin oder her, er kann ganz ausgezeichnet singen, wobei er seine voluminöse Stimme bei Bedarf sowohl wie die eines Operettensängers als auch wie die eines Testosteronrockers klingen lassen kann.

Er trägt bevorzugt exzentrische Kleidungsstücke, einen Pelzmantel zu Lackstiefeletten, eine hautenge rote Lederhose zum nackten Oberkörper und zur verspiegelten Mackerbrille oder auch mal einen goldfarbenen, paillettenbesetzten Overall, der sich wurstpellenartig um seinen Körper legt. Er, der eigentlich Farrokh Bulsara heißt, hat sich den Künstlernamen Freddie Mercury gegeben, weil sich dieser Name in Großbritannien nicht nach eingewanderter Gastarbeiterfamilie anhört.

Freddie ist der charismatische, pfauenhaft daherkommende Sänger der britischen Rockgruppe Queen, die zur goldenen Zeit der Musikindustrie, in den 1970er Jahren, überaus erfolgreich war und der wir etwa den schwer totzukriegenden, bis heute auf jedem Volksfest von betrunkenen Männergruppen angestimmten Song „We are the Champions“ zu verdanken haben, diesen ewigen „Stadionrock-Bolzen, der seltsamerweise bis zum heutigen Tag noch von keiner einzigen Nazi-Rock-Band gecovert wurde“ (Reinhard Jellen).

Der Film „Bohemian Rhapsody“ ist ein extrem wohlwollendes Biopic über die Band Queen, ihren Aufstieg, ihre Karriere, ihr Ende, über die künstlerische Laufbahn einer Studentenband also, einer Handvoll langhaariger Typen von der Sorte braver Schwiegersohn, die zunächst in Kellerclubs ihren „crazy stuff“ spielen und die dann, ein Jahrzehnt später, so etwas sind wie die letzten großen Helden des Rock-Olymp, bevor dessen Bewohner schließlich ausgemustert werden und dauerhaft ins Rock-Altersheim übersiedeln müssen.

Wie andere Biopics ist auch dieses kurzweilig und unternimmt den Versuch, die Geschichte der Rockgruppe Queen – wenn auch wie üblich in beschönigender Weise, das heißt nachträglich großzügig romantisiert – als ein großes Drama zu erzählen, also nicht ohne jenes Pathos, das die Band zur Zeit ihrer Existenz selbst immer wieder zelebrierte, versteht sich: Leidenschaft, Freundschaft, Stolz, Schicksal, Liebe, Erfolg, Ruhm, Betrug, Entzweiung, Scheitern, Reue, Vergebung, Wiederkehr, Tod.

Man hat sich redlich Mühe gegeben bei der korrekten Abbildung der seinerzeit vorherrschenden Herrenfrisurenmoden und einen ansprechenden Kostümfilm gemacht, und auch die aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen in der Bandgeschichte (Pompös-Rock, Bombast-Rock, Stadionrock, Disco-Rock, Operetten-Rock) werden angemessen wiedergegeben.

Kleine Scherzchen für den Fan gibt es auch: Die Fanfarenklänge etwa, die zu Anfang zu hören sind, wenn das Logo der Produktionsfirma Twentieth Century Fox gezeigt wird, sind nicht die üblichen. Hier werden sie einmal ausnahmsweise von Brian Mays für nahezu jedermann sofort wiedererkennbarer, quengelig-schnörkelig-barocker Queen-Gitarre interpretiert. Eine Art kleine Verbeugung vor Queens glamourös-aufgeblasenem Breitwandrockstil und eine Spielerei nur, gewiss, und doch ist dieser Auftakt typisch für diesen Film, der erkennbar mehr Lobpreisung und Würdigung sein will, mehr Heldengeschichte und Märchen als Bandporträt oder gar Demontage. Erzählt wird eine keimfreie Geschichte in glatten, polierten Bildern, aus denen alles, was nur im Ansatz düster, bedrohlich oder exzessiv sein könnte, sorgsam entfernt wurde. Worüber man sich nicht mehr wundert, wenn man erfährt, dass die beiden Ex-Queen-Mitglieder Brian May und Roger Taylor die Co-Produzenten dieses Werks sind.

Das macht diesen überraschungsfreien, entsexualisierten Film über weite Strecken erschreckend konventionell in seiner Machart: Queen im Kellerclub, Queen auf der Bühne, Queen in schrillen Klamotten, Queen im Studio, Queen auf ihrer ersten großen US-Tournee, Queen im Büro des Managers eines großen Musikkonzerns, Queen auf dem großen Live-Aid-Konzert von 1985. Freddie und seine verstockten, braven, kleinbürgerlichen Eltern, Freddie und seine liebe Freundin, Freddie als exaltierter, aber liebenswerter Künstler, Freddie als Partyfreund, Freddie als Diva (von Katzen umgeben und mit Marlene-Dietrich-Porträt an der Wand seiner Wohnung), Freddie und die Männer, Freddie und seine uneingestandene Einsamkeit, Freddie und sein letzter großer Auftritt. „Queen“, sagt die Figur Freddie Mercury an einer Stelle des Films, „ist, was immer ich daraus mache“.

Wenn der Schlagzeuger mal Ansprüche stellt und etwas zu meckern hat, teilt Mercury ihm stante pede mit, dass es in dieser Band „nur Platz genug für eine Drama-Queen“ gibt, und wenn Mercury zur spät zur Bandprobe kommt, gibt er den anderen Bandmitgliedern, die nach seiner Pfeife zu tanzen haben, zu verstehen, er sei schließlich „kein Schweizer Eisenbahnschaffner“.

Der Schauspieler Rami Malek verkörpert den exaltierten Sänger so präzisionsversessen, dass man als Zuschauer nach einer Weile beinahe vergisst, dass da ja gar nicht der echte Freddie Mercury posiert. Denn Malek hat sich jede Fingergeste, jedes Hüftenwackeln, jeden hochmütigen Blick des von ihm Dargestellten so perfekt antrainiert, dass man einen auf wundersame Art verjüngten und wiederauferstandenen Mercury auf der Kinoleinwand zu sehen meint.

Dieser Text erschien zuerst am 31.10.2018 in: Neues Deutschland

Asphaltgorillas

(D 2018, Regie: Detlev Buck)

Wie krieg’ ich den Schlüssel aus dem Hund?
von Thomas Blum

Ein bisschen berühmt geworden ist der Regisseur Detlev Buck hierzulande einst mit seinem recht wortkargen Post-DDR-Roadmovie »Wir können auch anders…« (1993), das das deutsche Kinopublikum zum Lachen brachte. Bis dahin …

Ein bisschen berühmt geworden ist der Regisseur Detlev Buck hierzulande einst mit seinem recht wortkargen Post-DDR-Roadmovie »Wir können auch anders…« (1993), das das deutsche Kinopublikum zum Lachen brachte.

Bis dahin gab es ja im deutschen Nachkriegskino eher wenig zu lachen. Was es an deutschen Komödienproduktionen gab, war nicht selten eine unselige Mixtur aus Grimassenschneiden, Stammtischklamauk und hektischer Fuchtelei (Hallervorden & Co.), zum Lachen war das beileibe nicht. Buck hingegen gehörte zumindest zu Beginn seiner Filmemacherkarriere zu jenen, die begriffen zu haben schienen, dass man, um eine Komödie zu produzieren, nicht zwingend der Maxime »Lauter, schneller, greller« folgen muss und dass auch ein clever gemachter Dialogwitz hilfreich sein kann. Seine jüngeren Werke waren allerdings eher enttäuschend und von umfassender Einfallslosigkeit, alles verschlingender Langeweile und viel unfreiwilliger Komik gekennzeichnet, etwa die Großproduktion „Die Vermessung der Welt“ (2012). In der Wochenzeitung Die Zeit hieß es zu dem gescheiterten Film treffend: „Niemand kann sich zwei Stunden lang an Naturaufnahmen begeistern und dabei auch noch zwei Nachwuchsschauspielern zusehen, die sich ungelenk durch eine ›Geo‹-Reportage bewegen.“
In den letzten Jahren war Buck mit dem Verfertigen von fragwürdigen, doch offenbar erfolgreichen Pferdefilmen („Bibi & Tina“) beschäftigt.

Sein neuester Streich ist nun eine in Kreuzberg spielende Ganovenkomödie, in der viel geschieht, mit dem man als Zuschauer schon rechnet: Junger, gutaussehender Antiheld und junge weibliche Herumtreiberin verlieben sich; türkischstämmige Dealer/Gangster sitzen breitbeinig und finster guckend in Kreuzberger/Neuköllner Cafés und Bars herum, deren einziger Zweck offenbar die Geldwäsche ist; liebenswerte Kleinganoven haben sich großen Ärger mit gewissenlosen Gangsterbossen eingehandelt, weswegen sie unter großem Druck stehen und gezwungen sind, permanent in Bewegung zu sein (und sich diverse Tricks und Kniffe auszudenken); mit Geldbündeln gefüllte Taschen gehen auf Reisen, wandern durch verschiedene Hände, verschwinden plötzlich und tauchen wieder auf.

Selbstverständlich sind Bucks Bösewichter allesamt schrille Bösewichtkarikaturen, selbst deren Handlanger und die anderen Halbweltfiguren und Kleingangstertypen wurden offenbar nach dem Maß ihrer dekorativen Wirkung gecastet: der fortwährend jähzornig um sich brüllende Drogenbandenboss und seine muskelbepackten, Protein-Shakes schlürfenden und im Oberstübchen nicht gerade tip-top ausgestatteten Lakaien; der wahlweise mysteriöse oder geisteskranke verschlagene kleine Asiate, der eine ebenso stumm agierende wie laut- und gefühllos tötende weibliche Killermaschine beschäftigt; der im Penthouse des Bonzenhochhauses an der East Side Gallery residierende Russenmafiaboss mit Dobermann und verwöhntem Töchterchen; und, nicht zu vergessen, der ein breites Österreichisch sprechende abgerissene Kleinganove.

Und natürlich tragen diese Macker und Angebertypen Herrenpelzmäntel, Designeranzüge, Armani-Trainingshosen, Goldkettchen und Knebelbärte, sind über und über tätowiert oder fahren goldfarbene Lamborghinis. Und alle reden, wie man sich vorstellt, dass in Kreuzberger Gangsterkreisen eben so geredet wird: „Was will denn die Chinapfanne hier?“, wird da schon mal gefragt, wenn überraschend eine asiatisch aussehende Dame den Raum betritt.

Buck tut also wieder das, was er früher konnte: ein paar möglichst skurrile Charaktere versammeln und sie durch eine turbulente Handlung schleusen. Das ist – sieht man einmal von dem für den deutschen Film typischen gelegentlichen Overacting einiger Darsteller ab – nicht weiter bemerkenswert.

Interessant hingegen ist der zumindest für deutsche Produktionen ungewöhnliche Umgang mit Beleuchtung in dieser, nun ja, Komödie: Die skurrilen Halbwelt- und Gaunerkarikaturenfiguren stehen häufig in durch grelle Neonfarben (Gelb, Blau, Grün) beleuchteten Szenenbildern herum, was der Gesamtstimmung des Films etwas angenehm Artifizielles gibt.

Außerdem wird im Film auch die nicht unbedeutende Frage beantwortet: Wie bekommt man einen Schlüssel aus einem Dobermann?

Dieser Text erschien zuerst am 30.08.2018 in: Neues Deutschland

Predator

(USA 1987, Regie: John McTiernan)

Die alten Leiden des imperialistischen Subjekts
von Nicolai Bühnemann

Es ist sicherlich nicht das kleinste Verdienst dieses großen Meisterwerks, dass es ein Film ist, der gleichermaßen gehört wie gesehen werden muss. Der Perfektion der visuellen Gestaltung, die die auf …

Es ist sicherlich nicht das kleinste Verdienst dieses großen Meisterwerks, dass es ein Film ist, der gleichermaßen gehört wie gesehen werden muss. Der Perfektion der visuellen Gestaltung, die die auf ein bloßes Gerüst reduzierte Narration vorantreibt – hier stimmt einfach alles; von der Präzision der Komposition jeder Einstellung und der Setzung jedes Schnittes bis zum Einsatz der berühmten und bizarren One-Liner: „Stick around“, „I ain‘t got time to bleed.“ „You‘re one ugly motherfucker.“, et al. – entspricht die der Tonspur, die man nicht zuletzt deshalb als soundscape bezeichnen sollte, weil sie auf so schier unglaubliche Art mit dem Schauplatz des Urwalds eines nicht genau bezeichneten mittelamerikanischen Landes korrespondiert. Wer jemals selbst in einem Dschungel war, weiß, dass zu dessen Erlebnis sicherlich nicht zuletzt das Knistern der Blätter, das Zierpen der Insekten und das Zwitschern der Vögel gehört – nicht nur der „Zementdschungel“ New York, sondern auch der, der für jenen als Metapher herhält, ist ein Ort, der niemals schläft. In „Predator“ nun, in dem eine US-amerikanische Militäreinheit auf eine Rettungsmission vorher hier verschollener Soldaten geschickt wird und sich dabei schließlich mit einem außerirdischen Jäger konfrontiert sieht, der das Platoon Mann für Mann dezimiert, ergänzt sich diese Geräuschkulisse nicht nur mit dem großartigen Score von Alan Silvestri, sondern sie bilden letztlich eine Dichotomie, deren beide Teile dann aber in einer dialektischen Beziehung zueinander stehen.

Wenn das Pathos der Musik mit ihren Marschanklängen immer wieder recht dezidiert ein militärisches ist, unterstreicht es zugleich das Eindringen der Soldaten in eine Welt, die – eben schon auditiv – einer anderen Ordnung folgt als der ihren. Das gleiche gilt übrigens für alle menschgemachten Geräusche hier, von den Rotoren der US-Armee-Hubschrauber bis zu den Motorengeräuschen des Generators ihrer menschlichen Feinde in einem Guerilla-Stützpunkt. Ja, sogar der Rassismus des Films – der freilich ein derart sonderbarer ist, dass er später noch ausführlich beleuchtet werden muss – scheint sich bis in die Tonspur hineinzufressen: Die Gespräche auf Spanisch der Guerilleros, deren Stützpunkt im Urwald die US-Soldaten nach ihrer Ankunft gnadenlos plattmachen, scheinen hier – im Gegensatz zu allen Maschinengeräuschen, wie gesagt – integraler Bestandteil der Geräuschkulisse des Urwalds zu sein, was dann auch auf die „Naturalisierung“ des kulturellen Anderen in kolonialistischen/imperialistischen Kontexten und Diskursen verweist.

Damit zum Platoon, das derart heterogen ist, dass es auch heute, über dreißig Jahre später, fast jeglichen Ansprüchen an Diversität mühelos entspricht: Angeführt wird es von Dutch (Arnold Schwarzenegger, dessen breiter Akzent hier nicht nur eine Gegebenheit ist, die hingenommen werden muss, sondern auch als Verweis auf seine Immigrantenbiographie gesehen werden darf). Neben den Afroamerikanern Mac (Bill Duke) und Dillon (Carl Weathers) – deren Hautfarben übrigens, ich behaupte einfach mal: absichtlich, erheblich voneinander abweichen – gibt es mit dem Spurensucher Billy (Sonny Landham) auch noch einen Mann, der sichtlich von der indigenen Bevölkerung Nordamerikas abstammt, und schließlich mit Blain (Jesse Ventura) und Poncho (Richard Chaves) noch zwei hellhäutige Männer, von denen der Name des Letzteren wohl auf eine hispanische Abstammung verweist. Der Film erzählt auch darin über den Klang, dass die Sprache der jeweiligen Figuren von verschiedenen sozialen Backgrounds kündet, die hier nichts mit ihrer Hautfarbe bzw. Abstammung zu tun haben. Zu guter Letzt darf sich zu der Truppe mit Anna (Elpidia Carillo) noch eine Mittaleamerikanerin anschließen und ihre Frau stehen, die allerdings – das ist entscheidend hier – auch Englisch spricht.

Ich liebe „Predator“, den ich bereits in früher Jugend von in jeder Hinsicht defizitären VHS-Kassetten rauf und runter geguckt habe, immer noch viel zu sehr, um aus meiner heutigen Sicht ideologiekritisch an ihm herummäkeln zu wollen; dennoch ist entscheidend, was er mit seinen diversen Figuren anstellt. Künden sie doch letztlich von einer Art kulturellem Imperialismus, der sich alle einverleiben und für seine Zwecke gebrauchen kann. Gleichzeitig reflektiert er aber natürlich auch kritisch darüber, dass die Gleichheit der Figuren bei all ihren unterschiedlichen Merkmalen letztlich darin besteht, sich alle auf einer Mission mit fragwürdigen politischen Zielen verheizen lassen zu dürfen. Wenn hier jede/r AmerikanerIn sein oder werden kann, dann bieten die Guerilleros, die zu Beginn vollkommen emotionslos niedergemetzelt werden in einem Film, in dem später das Ableben jedes Soldaten eine Tragödie für seine MitstreiterInnen ist, schon deshalb ein gutes Feindbild, weil sie eine Monokultur aus – übrigens relativ hellhäutigen – Latinos sind.

Wer heute eine Quote für Diversität in Filmen fordert – die ich nicht kategorisch ablehne, aber für ein sehr schwieriges Unternehmen halte, das sehr genauer Differenzierungen bedarf –, dem oder der sollte man wohl ans Herz legen, sich „Predator“ anzuschauen. Denn hier wird zum einen gezeigt, dass ein Einwanderungsland wie Amerika sich zwar verschiedene Menschen für seine Zwecke einverleiben kann, dabei aber doch weiterhin Feindbilder braucht, die sich, provokativ ausgedrückt, nicht einverleiben lassen wollen, nicht bereit sind AmerikanerInnen zu sein oder zu werden. Wobei auch berücksichtigt werden sollte, dass dieser Film und die Perfektion, mit der er als atemberaubendes Adrenalin-Kino auf der emotionalen Klaviatur der Zuschauenden spielt, in aller ideologischen Gebrochenheit – die sich sicherlich nicht zuletzt dadurch artikuliert, dass die Soldaten hier auch proletarische Helden sind, denen der Klassenfeind in den oberen Reihen des Militärapparates böse mitspielt – doch auch ein Stück weit Kalte-Kriegs-Propaganda ist. Zum anderen – und viel wichtiger – ist die hier suggerierte Chancengleichheit – so sinister die konkrete „Chance“, die hier allen Figuren gleichermaßen offensteht, auch letztlich sein mag – nicht einfach nur ein Märchen, sondern eine denkbar dreiste neoliberale Lüge.

Wesentlich interessanter als das Guerillero-Feindbild ist übrigens das titelgebende Monster. Denn es ist nicht nur für die Soldaten im Film schwerer zu besiegen, sondern auch für seine RezipientInnen schwieriger zu deuten. Der Predator, der sich quasi unsichtbar machen kann, indem er sich seiner Umgebung farblich anpasst, ist zunächst einmal damit ein Stück feindlicher Natur. Als Anna, die der Ermordung von Poncho, der als erster sein Leben lässt, beiwohnt, später befragt wird, was passierte, antwortet sie: „Der Dschungel hat ihn mitgenommen.“ Dann ist er aber auch eine hochtechnisierte Maschine, die über eine Vielzahl ihrem Körper direkt eingebauter äußerst effektiver Feuerwaffen ebenso verfügt wie über Mittel der Aufnahme von Geräuschen und deren Thermosicht, die der Film auch immer wieder in Subjektiven einnimmt und deutlich auf das Computerzeitalter verweist. Wenn Schwarzenegger ihn schließlich im Showdown, der das ganze Kino in seine Teile zerlegt und gerade dadurch pures Kino ist: ein einziges hypnotisches Spiel mit blinkendem und blitzendem Licht, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, dann gilt es dabei auch den Implikationen seines Körpers zu gedenken, des hardbodies des Mannes, der Mister Universum war, bevor er Filmstar wurde, das männliche Körperideal der Achtziger nicht nur (über)erfüllte, sondern wohl auch wesentlich mitprägte.

Um einen Gegner wie den Predator zu besiegen, braucht der Mensch Schwarzenegger seinen gestählten Körper ebenso wie eine bestialische Intelligenz, wobei die Metaphern hier sehr bewusst gewählt sind, weil sie beiden von seiner Entmenschlichung künden. Wenn er sich mit Schlamm beschmiert und sich damit zugleich seiner Umwelt anpasst und für den Gegner unsichtbar macht, schlägt er diesen auch mit seinen eigenen Waffen. Der Mensch, der die Tier-Maschine besiegen will, kann das nur erreichen, indem er selbst zu einer wird. Aus seinem niedergeschlagenen und ermatteten Gesicht in der letzten Einstellung, wenn er nach getaner Arbeit im Hubschrauber davonfliegt, spricht wohl nicht nur der Schmerz über den Verlust seiner Kameraden, sondern auch der darüber, was er selbst werden musste, um zu überleben. Und der Film transzendiert damit alles, was er sonst noch sicherlich ist (und wohl auch sein will) – neben Kalte-Kriegs-Propaganda wohl auch noch Vietnamkriegs-Allegorie – und erzählt vom Dilemma des westlichen Menschen im späten zwanzigsten Jahrhundert, genauer und mehr noch: dem des imperialistischen Subjekts im Allgemeinen.

(Damit ist er aber noch nicht ganz vorbei, es werden nun auch noch Einstellungen der verschiedenen Figuren gezeigt, zu denen die Namen der DarstellerInnen eingeblendet werden. Die Tatsache, dass die meisten von ihnen dabei lachen, verweist wohl sehr direkt auf „The Wild Bunch“ (Sam Peckinpah, 1968) über den Ekkehard Knörer schrieb: „Ans Ende stellt Peckinpah eine ambivalente Form von Auferstehung, oder eher: Limbo. Wir sehen Bilder der Helden, lachend, als spotteten sie dem Tod.“ Man könnte in Anlehnung daran wohl auch sagen: Wer zuletzt lacht, lacht im Limbo.)

Touch me not

(ROU/D/CZ/BGR/FR 2018, Regie: Adina Pintilie)

Selbsttest des Zuschauers
von Jürgen Kiontke

Laura kann und möchte sich nicht berühren lassen. Wie Körperkontakt geht, der ihr nicht zuwider ist, erkundet sie in Adina Pintilies fiktionaler Doku „Touch Me Not“. Unter anderem engagiert sie …

Laura kann und möchte sich nicht berühren lassen. Wie Körperkontakt geht, der ihr nicht zuwider ist, erkundet sie in Adina Pintilies fiktionaler Doku „Touch Me Not“. Unter anderem engagiert sie einen Callboy, der freimütig onaniert, spricht mit dem Transgender-Menschen Hanna über dessen Selbstwahrnehmung, lässt das Paar Christian und Grit in Aktion kommen – im Berührungsworkshop wie auch im Fetisch-Club. Dann ist sie selber dran. Mit einem Therapeuten will sie herausfinden, ob sich ihre Grenzen verschieben lassen und warum sie Nähe überhaupt auf Distanz zu halten sucht. Das Setting – Teile wurden in einem Krankenhaus gedreht – ist klinisch, der dominierende Farbton weiß. Es wirkt als unbeschriebene Leinwand, auf der sich die Figuren entfalten können.

Die Menschen, die Laura begegnen, weichen von den als Norm angesetzten Vorstellungen von Schönheit ab oder leiden an psychischen Konflikten. Sie sprechen aber freimütig über sich und was sie von Beziehungen erwarten. Wie etwa das Paar Christian und Grit: sie übergewichtig, er schwerbehindert. „Ich leide nicht drunter“, sagt Christian. „Ich würde aber mal gern aktiv ficken.“ Sein Penis sei im Übrigen „das einzige Körperteil, das normal funktioniert“.

Sie wolle einen Raum schaffen für Selbstreflektion und Veränderung, „besonders im Hinblick auf die De-Objektifizierung und Individualisierung menschlichen Austauschs, im Hinblick auf unsere emotionale Fähigkeit, sich in die Haut dieses ‚Anderen‘ zu versetzen“, sagt Pintilie. Was sich ein bisschen nach Abschlussarbeit einer deutschen Filmhochschule anhört, ist in der Praxis ein Selbsttest des Zuschauers. Als Provokation hergebrachter Vorstellungen funktioniert der Film gut, das zeigten nicht zuletzt die zahlreichen Reaktionen auf die Auszeichnung mit dem Hauptpreis der diesjährigen Berlinale, die von übelsten Beschimpfungen bis zu filmkritischen Lobeshymnen reichen. Festivalfilm, was willst du mehr – gut gemacht!

Warum – bei der Diversity-Gesamtanlage des Films – in Pintilies‘ Ensemble nicht ein einziger Darsteller vorkommt, dessen äußere Hülle weniger weiß ist als ein Arztkittel, mag da das Geheimnis der Filmemacherin bleiben. Aber Vorstellungen, so auch meine, sollen ja bewusst geprellt werden.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 11/18.

An elephant sitting still

(CHN 2018, Regie: Hu Bo)

Unausweichliches Leiden
von Wolfgang Nierlin

„Die Welt ist eine Ödnis.“ In grauen, farblosen Bildern zeigt der Film triste Stadtansichten und hässliche Wohnverhältnisse. Zeichen des Zerfalls umschließen die Ansicht einer kaputten Gesellschaft: Der Wohnraum ist knapp, …

„Die Welt ist eine Ödnis.“ In grauen, farblosen Bildern zeigt der Film triste Stadtansichten und hässliche Wohnverhältnisse. Zeichen des Zerfalls umschließen die Ansicht einer kaputten Gesellschaft: Der Wohnraum ist knapp, die Heizung funktioniert nicht, die Toilette ist undicht. Draußen in den Straßen stapelt sich der Müll, bröckeln die Fassaden, werden tiefe Löcher in die Erde gegraben. Immer wieder führen die Wege ins Dunkle, durch Unterführungen und in Tunnel. Überhaupt bleiben die Hintergründe der Bilder unscharf. Eine umfassende, allgegenwärtige Tristesse und eine existentielle Ausweglosigkeit bestimmen den chinesischen Film „An elephant sitting still“ von Hu Bo.

„Die Welt ist einfach ekelhaft.“ Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, führt der Film in fast jeder Szene vor. Egoistisch und ohne Mitgefühl befinden sich die Figuren in einem permanenten herzlosen Gegeneinander. Sie erleiden Demütigungen und Erniedrigungen, fügen einander Schmerzen zu, werden geprügelt von physischer und psychischer Gewalt und sie verschanzen sich hinter einer Fassade aus Gleichgültigkeit. „Mir sind alle Menschen egal“, sagt einer von ihnen. Nirgends scheint es positive Beziehungen zu geben. Das unausweichliche Leiden, das sich unentwegt wiederholt und fortsetzt, erscheint als naturgegeben und determiniert: „Mein Leben ist eine Müllhalde. Ich räume den einen Müll weg, schon kommt der nächste.“ Ein derart nihilistischer Blick auf die Welt sucht nicht mehr nach einer Antwort auf das Warum der Schlechtigkeit.

„Was bringt es, zu etwas nütze zu sein?“, fragt einmal der Kleinganove Yu Cheng (Zhang Yu). Am Morgen dieses langen Tages hat sich sein Freund in den Tod gestürzt, weil Cheng ihn mit seiner Freundin betrogen hat. Jetzt sucht der Schuldbeladene desinteressiert nach dem „zufälligen“ Mörder seines ungeliebten Bruders, einem Schüler namens Wie Bu (Peng Yuchang). Dieser lebt selbst in unguten, von Gewalt, Misstrauen und Ausgrenzung geprägten Beziehungen. Vielleicht fühlt er sich zu seiner Mitschülerin Huang Ling (Wang Yuwen) hingezogen. Doch diese hat sich aus dem Stress mit ihrer lieblosen Mutter in die Arme des verheirateten Konrektors ihrer Schule geflüchtet. Schließlich ist da noch die Geschichte des alten Wang Jin (Liu Congxi), der in ein trostloses Altersheim abgeschoben werden soll.

Im Mikrokosmos dieser parallelen Leben berühren und kreuzen sich die Wege der Protagonisten, ehe sie zu einer Art Schicksalsgemeinschaft oder Ersatzfamilie werden, die sich auf die nächtliche Fahrt zu dem titelgebenden Elefanten in einem Zoo von Manjur begibt. Dessen ungewöhnlicher Stoizismus, verbunden mit einer unerschütterlichen Unempfindlichkeit, erscheint ebenso legendär wie vorbildlich. In langen Einstellungen und mit geschmeidigen Bewegungen folgt die Kamera des Bildgestalters Fan Chao seinen traurigen Helden durch einen enorm bedrückenden Alltag. Immer wieder hält er dabei inne, um die Spannung der Sprachlosigkeit und die Anspannung vor dem Unausgesprochenen zu kommunizieren. Dabei wird der knapp vierstündige Film von Hu Bo selbst zu einer (depressiven) Erfahrung; und zum traurigen Vermächtnis des Autors und Regisseurs, der sich mit 29 Jahren das Leben nahm.

Graf Dracula (beißt jetzt) in Oberbayern

(I/BRD 1979, Regie: Carl Schenkel)

Dante schreibt jetzt in Oberbayern
von Nicolai Bühnemann

Bevor die Filmographie Carl Schenkels unter eigenem Namen mit einem Schlag in die Magengrube begann, dem West-Berlin-Exploitation-Mini-Epos „Kalt wie Eis“, drehte er noch unter dem Pseudonym Carlo Ombra eine von …

Bevor die Filmographie Carl Schenkels unter eigenem Namen mit einem Schlag in die Magengrube begann, dem West-Berlin-Exploitation-Mini-Epos „Kalt wie Eis“, drehte er noch unter dem Pseudonym Carlo Ombra eine von der unter anderem für ihre Komödien einst berühmt-berüchtigten Lisa-Film mitfinanzierte deutsch-italienische Co-Produktion, die auf ihre ganz eigene Art wohl grausamer ist, als sein ganzes restliches Werk zusammengenommen.

Ein Dorf in Oberbayern wird hier zu einem Ort, in den einzutreten bedeutet, jede Hoffnung fahren zu lassen – und zwar endgültig. Zu Beginn werden immer wieder durch kontrastive Schnitte verschiedene Welten gegeneinander gestellt, die hier co-existieren und alle gemein haben, dass sie auf eine in tiefste Verzweiflung treibende Art bizarr sind. Schnitt von dem Dorf vor idyllischer Alpenkulisse auf einen Cabrio-Käfer, in dem junge Leute – deren Verhalten und Aufzug in diesem Film von 1979 die ganze Geschmacklosigkeit der Achtziger in ihren hässlichsten und derangiertesten Momenten vorwegnehmen – durch seine Straßen fahren, um für die Eröffnungsparty der Disko im örtlichen Schloss zu werben. Eröffnet wird sie von einem Nachfahren des dortigen Adelsgeschlechts Stani (Gianni Garko), der hier nebenher als Fotograf auch äußerst spärlich bekleidete Frauen in Szenarien ablichtet, die sehr direkt auf Folterszenen aus der Welt des Exploitation-Kinos verweisen. Nun begibt es sich aber dass durch den Lärm der Disko auch sein in seiner Gruft ruhender Urahn Graf Stanislaus (natürlich noch mal: Gianni Garko) aus langem Schlaf erweckt wird – und mit ihm sein unstillbarer Durst nach Blut.

Schnitt von der Geburtstagsfeier einer älteren Dame, vor die ein in Packpapier eingewickeltes Geschenk gestellt wird, auf eine andere etwas jüngere Dame, Ellen Van Helsing (Ellen Umlauf), die ebenfalls ein Packpapier-Paket auf einen Tisch stellt, der sich nun aber vor einer Wirtschaft befindet, an dem der Bürgermeister des Ortes in zünftig bayerischer Tracht, Mario, eine italienische latin lover-Karikatur (Giacomo Rizo), und seine natürlich blonde, junge, attraktive und deutsche Freundin Mausi (Bea Fiedler) sitzen. Paket eins sollte eigentlich einen riesigen Gartenzwerg beinhalten, Paket zwei hingegen eine große Penisstatue, eine Art Riesendildo, der als Beweismaterial Steinschwanz des Anstoßes ist, den Frau Van Helsing an der Diskothek nimmt. Nun begibt es sich aber, dass die Pakete vertauscht wurden, sehr zum Glück der älteren Dame, die sich sichtlich lüstern über ihr Geschenk freut, und zum Leid der jüngeren, die nun erklären muss, was an einem Gartenzwerg, wie ihn doch hier jede/r hat, so schlimm sein soll. Damit ist über den Humor des Films alles gesagt. (Na ja, vielleicht nicht ganz: Dass in diesem – unter anderem auch – Vampirfilm einmal Zahnpastawerbung im Fernsehen läuft, sollte wohl ebenso noch erwähnt werden wie ein Dialog zwischen Mario und seiner Freundin, die es gerade im Schlafzimmer mit einem anderen Mann treibt: „Mausi, kommst du?“ „Ja, ich komme!“)

Schnitt vom Wirtschaftstisch auf zwei „exotische Schönheiten“ (für die Art, wie die Frauen gezeigt werden, gibt es beim besten Willen keine anderen Worte), die auf der Eröffnungsparty der Diskothek in knappen Bodys mit Leopardenmuster tanzen: „Uhhh, Uhhh, Uhhh, love me Dracula“. Überhaupt, wie der Film seinen lüsternen male gaze auf kaum oder gar nicht bekleidete Frauenkörper immer wieder ausstellt auf eine Art, die natürlich entlarvend ist – längst nicht nur, wenn er manchmal direkt durch den Sucher von Stanis Kamera gerahmt wird –, zeugt von von einer Schamlosigkeit, die einem Hören und Sehen vergehen lässt – und bei der letztlich nur ein ausgesprochen flaues Gefühl im Magen zurückbleibt.

Schnitt vom Party-Treiben auf die Gruft, zu der noch die Musik dringt und Blut in einen Teller gegossen wird. Zu versuchen, genauer nachzuvollziehen und zu -erzählen, wie der Film seine Prämisse weiterspinnt, erscheint mir von keinerlei Nutzen für niemanden. Deshalb nur noch eins: In der Inszenierung erkennt man schon immer wieder die Hand des Meisters und die Art, wie Schenkel das „(phallische) Vögeln“, wie Ekkehard Knörer einmal richtig schrieb, das der Biss des Vampirs in den meist weiblichen Hals immer schon ist, expliziert, steht auf derselben Stufe mit der Art, wie Tobe Hooper das später in seinem – zwar vollkommen andersartigen, aber ähnlich bizarren – Achtziger-Meisterwerk „The Texas Chain Saw Massacre 2“ (1986) für den Kettensägen-Phallus tat.

Die erste, aber gewiss nicht letzte Szene dieser Art, soll hier etwas eingehender beschrieben werden. In ihr geht eines von Stanis Models nach einem Fotoshooting, ihre Brüste noch orange bemalt, unter die Dusche. Nun kommt Stanislaus hinzu, ihren Körper mit seinen Blicken erforschend, den Hals fixierend, in den er beißen will. Dazu eine langsam die Spannung steigernde Musik, die wohl nicht von ungefähr an die berühmte Melodie von „Jaws“ (Steven Spielberg, 1975) erinnert. Als er aber zubeißen will, entzieht sich ihm die Frau, ohne ihn zu bemerken, indem sie die Dusche verlässt. Als er im Zimmer einen weiteren Biss-Versuch unternimmt, dreht sie sich um, sieht ihn nun endlich, erschrickt zunächst, meint dann aber beruhigt, in ihm Stani zu erkennen: „Falls du mich erschrecken wolltest, ist dir das gelungen. Du siehst ja aus wie ein Vampir. Warst du wieder in der Gruft?“ Es ist nicht so, dass sich diese Szene vom oben skizzierten Humor des Films wirklich abheben würde, der nun in ein und derselben Einstellung vom durchaus kompetent inszenierten Horrorfilm wieder zum vollkommen derangierten Klamauk wird. Dennoch ist die Art, wie der Vampirzahn-Phallus hier quasi am Körper der vollkommen unbeeindruckten Frau abzuprallen scheint, ein sehr schöner Moment. Es geht aber noch weiter, leitet ihn die Frau doch nun an, nötigt ihn regelrecht dazu, erst einmal ein Bad zu nehmen. Der so in seiner Potenz gekränkte Mann wird nun auch noch symbolisch zum Kind, das von der Mutter gewaschen wird. Wenn sie wenig später im Bett landen und er sie schließlich doch beißt, ist das natürlich auch eine Rache für die Kränkung, die damit sogleich die phallische Ordnung wiederherstellt. Schenkel inszeniert das mit der assoziativen Verbindung von rotem Nagellack und Blut.

(Der Schmerz, den es mir verursachte, diesen Film ganz anzusehen, war so groß, dass ich ihn in Häppchen aufteilen musste. Dabei war er aber immer wieder auch sehr erhellend – sicherlich nicht zuletzt, weil ich jetzt gerade, unmittelbar nach der Sichtung, so froh bin, im Berlin des Jahres 2018 zu leben wie lange nicht mehr.)

12 Tage

(FR 2017, Regie: Raymond Depardon)

Verwundetes Leben
von Wolfgang Nierlin

Langsam bewegt sich die Kamera in subjektiver Perspektive durch helle, aseptisch wirkende Gänge, die sich labyrinthisch verzweigen und winden. Die zahlreichen Türen, die sie passiert und die einander gegenüber liegen, …

Langsam bewegt sich die Kamera in subjektiver Perspektive durch helle, aseptisch wirkende Gänge, die sich labyrinthisch verzweigen und winden. Die zahlreichen Türen, die sie passiert und die einander gegenüber liegen, sind verschlossen. Was hinter ihnen liegt, bleibt verborgen. Die kalten, abweisenden Flächen, die einen sterilen Einheitston erzeugen, wecken Assoziationen an Krankenhäuser, die wie Gefängnisse sind. Tatsächlich handelt es sich um die Klinik Le Vinatier, eine psychiatrische Anstalt in Bron unweit von Lyon. Der renommierte französische Fotograf und Filmemacher Raymond Depardon erhielt die Ausnahmegenehmigung, dort zu drehen. Sein dabei entstandener Film „12 Tage“ dokumentiert allerdings nicht den Klinikalltag. Zwar erforscht er in klar strukturierten Sequenzen immer wieder die tristen Aspekte dieses Ortes, doch im Zentrum seines Interesses steht die Beobachtung der praktischen Umsetzung eines neuen Gesetzes.

Seit dem 27. September 2013 besagt dieses, dass zwangseingewiesene Psychiatriepatienten in der titelgebenden Frist von zwölf Tagen von einem Richter angehört werden müssen. Die Justiz wird damit zur – zumindest formalen – Kontrollinstanz ärztlicher Entscheidungen. Immerhin sind in Frankreich jährlich über 90.000 Menschen von einer solchen Zwangseinweisung und dem sich daran anschließenden Prozedere betroffen. Richter, Patient und Anwalt, die jeweils und wechselweise auch weiblich sind, treffen sich zur kurzen Verhandlung der Fälle in einem der Klinik integrierten Raum. Was sofort auffällt, ist ein gewisses Ungleichgewicht zwischen den Parteien. Die verletzt und apathisch wirkenden Patienten sind den Entscheidern und ihrer Bürokratie mehr oder weniger hilflos und ohne echten Beistand ausgeliefert. Zwar wird dem Gesetz Genüge getan, doch in allen gezeigten Fällen folgen die Richter den psychiatrischen Gutachten.

„12 Tage“ ist ein Zitat des französischen Philosophen Michel Foucault vorangestellt: „Der Weg vom Menschen zum wahren Menschen führt über den Wahnsinnigen.“ Tatsächlich liegt zwischen sogenannter Normalität und psychischer Abweichung oftmals nur ein schmaler Grat: Eine Frau mittleren Alters hat an ihrem Arbeitsplatz in einem Callcenter einen Nervenzusammenbruch erlitten; eine andere, jüngere, hat versucht, sich umzubringen, nachdem sie mehrfach vergewaltigt worden war; eine dritte schließlich, die sagt, sie habe in ihrem Leben bislang nur Schmerz und Einsamkeit erfahren, möchte lieber sterben als behandelt zu werden. Es sind erschütternde Zeugnisse trauriger Existenzen, die hier zwischen Macht und Ohnmacht, Schmerz und Hoffnung verhandelt werden. Sachlich und konzentriert dokumentiert Depardon diese Anhörungen, die sich zu Geschichten verwundeter Leben verdichten. In ihnen zeigt sich das Bild des nackten Menschen.

Nach dem Urteil

(F 2017, Regie: Xavier Legrand)

Keine schöne Geschichte
von Thomas Blum

Ein Amtsflur. Das Geräusch klappernder Absätze auf dem gewienerten Amtsfußboden. Ein Amtszimmer. Die Verhandlung über das Sorgerecht für den kleinen Sohn ist soeben im Gange. Die Mutter auf der einen, …

Ein Amtsflur. Das Geräusch klappernder Absätze auf dem gewienerten Amtsfußboden. Ein Amtszimmer. Die Verhandlung über das Sorgerecht für den kleinen Sohn ist soeben im Gange. Die Mutter auf der einen, der Vater auf der anderen Seite.

Wir blicken in starre Gesichter. Es sind die Gesichter von Menschen, die einander fremd geworden sind und die neben ihrer jeweiligen Anwältin sitzen. Die Mutter will den zwölfjährigen Sohn nicht in die Obhut des Vaters geben müssen. Der Vater besteht darauf, ihn regelmäßig über die Wochenenden zu sich holen zu dürfen, ins Haus der Großeltern väterlicherseits, wo der Vater seit der Scheidung wohnt. Die Anwältin der Mutter sagt, der Vater habe in der Vergangenheit bereits der gemeinsamen Tochter Gewalt angetan. Die Anwältin des Vaters sagt, derlei habe nie stattgefunden. Aussage steht gegen Aussage. Wer lügt hier und wer sagt die Wahrheit? Der Vater hat am Ende Erfolg mit seiner Forderung, das Urteil fällt zu seinen Gunsten aus. Er darf seinen Sohn an Samstagen und Sonntagen zu sich holen.

Wir sehen ihn den Zwölfjährigen abholen, der nicht gerade begeistert wirkt, sondern beunruhigt, beleidigt, verstockt. Die Mutter und die Großeltern mütterlicherseits stecken angstvoll die Köpfe zusammen, agieren nahezu panisch, als der Vater vor dem Haus auftaucht, um den Kleinen einzufordern. Man weiß: Die Mutter hat Angst vor dem Vater. Der Vater hingegen wirkt durcheinander, gereizt, unter Druck stehend. Es gibt also eine Vorgeschichte, die uns noch nicht erzählt worden ist, und es ist wahrscheinlich keine schöne Vorgeschichte. Aber wir können sie erahnen. Sie wird uns aus den stummen Gesichtern, unwillkürlichen Körperbewegungen, der Mimik und den mal unbeherrschten, mal überkontrollierten Gesten der Beteiligten erzählt: ein verängstigter, entsetzter oder drohender Blick, ein Paar fest aufeinandergepresste Lippen, mittels extremer Körperbeherrschung unterdrückte Aggression, die richtungslos durch den Körper ramentert.

Rätselhafte Szenen: Bei der Abholung seines Sohnes gibt sich der Vater gegenüber diesem noch überaus bemüht, nett, fürsorglich, interessiert. Doch kaum sind die beiden am Wohnort des Vaters angekommen, lässt sich dieser nur noch von der Glotze berieseln und ignoriert sein Kind auch dann vollständig, als dieses ihn etwas fragt. Nein, ein Versuch, ein harmonisches Vater-Sohn-Verhältnis herzustellen, ist das nicht.

Nicht oft gelingt es einem Film, den Zuschauer eine das Geschehen dominierende Atmosphäre der Angst, der Beunruhigung, der Unsicherheit und Ungewissheit spüren zu lassen. Dieses beklemmende Psychodrama ist so ein Film.

Wir können der väterlichen Macht, der väterlichen Kontrolle und Druckausübung, der väterlichen Autorität beständig beim Wirken zusehen: Wir sehen den Bewegungen der väterlichen Physiognomie den angestrengten Versuch, sie zu bändigen, sie fortwährend unter Kontrolle zu halten, deutlich an. Wir hören, wie sich die fordernde Stimme des Vaters, mit einem milden, Entspanntheit vorspiegelnden Tonfall beginnend, mehr und mehr zu einem haltlosen Wüten und Brüllen steigert. Wir sehen, als der Vater hinter seinem Sohn hergeht, in Großaufnahmen die steuernde väterliche Hand am Hals und an der Schulter des Sohnes. Wir sehen dem Vater zu, wie er seinen Jungen für seine Zwecke benutzt, ihn einschüchtert, Aussagen erpresst, ihn bedroht, ihn anschreit. Wie ist es, wenn der eine Partner lieblos, narzisstisch, dominant, manipulativ, autoritär und egoistisch ist und der andere, eingeschüchtert und mit verhuschtem Blick, dem zu entkommen sucht?

Xavier Legrand hat mit seinem Debütfilm, der überwiegend in langen Einstellungen gedreht ist und weitgehend auf Musik verzichtet, einen gemächlich beginnenden und schließlich immer stärker eskalierenden Ehescheidungskrieg inszeniert, der diese Bezeichnung tatsächlich verdient. Das Ergebnis ist eine Art sozialrealistisches Horrordrama, wie es im braven, mutlosen deutschen Sentimentalitätskino derzeit undenkbar ist.

Dieser Text erschien zuerst am 22.08.2018 in: Neues Deutschland

Ex Libris: Die Public Library von New York

(USA 2017, Regie: Frederick Wiseman)

Gelebte Demokratie
von Wolfgang Nierlin

Eingangs des Films spricht der Evolutionsbiologe Richard Dawkins über Vernunft und Wahrheit, über Kreationismus und “offene” Säkularisierung. Auf die Komplexität des Lebens antwortet er mit dem Satz: „Wissenschaft ist die …

Eingangs des Films spricht der Evolutionsbiologe Richard Dawkins über Vernunft und Wahrheit, über Kreationismus und “offene” Säkularisierung. Auf die Komplexität des Lebens antwortet er mit dem Satz: „Wissenschaft ist die Poesie der Realität.“ Viele weitere Diskurse über den Zusammenhang von Ungleichheit und Bildung, Einwanderung und kulturelle Differenz, Kapitalismus und Sklaverei folgen. In Frederick Wisemans über dreistündigem Dokumentarfilm „Ex Libris: Die Public Library von New York“ bilden sie das theoretische Fundament für die Vielgestaltigkeit eines ebenso traditionsreichen wie modernen Lern- und Begegnungsorts. „Was ist eine Bibliothek?“, wird einmal gefragt. Ein Ort, wo Menschen lernen wollen, lautet die Antwort.

Wie das praktisch aussieht, zeigt der Film, ohne zu kommentieren, indem er ausführlich und geduldig beobachtet. Der hochbetagte Regisseur (Jahrgang 1930) und Direct Cinema- Pionier, der in seinem umfangreichen Werk immer wieder Institutionen und ihre Funktionsweisen porträtiert hat, ist für diese möglichst wenig intervenierende Methode bekannt. Er zeigt Lesesäle, Ausleihvorgänge und den telefonischen Benutzerservice; er blickt in Zeitungsarchive und Bildersammlungen und ist zu Gast in einigen der über neunzig Zweigstellen der 1911 eröffneten Public Library, die mit über 51 Millionen Medien zu den größten Bibliotheken der Welt zählt.

Was Wiseman dabei vor allem dokumentiert, ist das Bild der Bibliothek als kulturelles Zentrum, das gesellschaftliche Teilhabe und Integration ermöglicht. Das diesbezügliche Bildungsangebot umfasst Lesungen und Diskussionen, bei denen wir beispielsweise Elvis Costello und Patti Smith begegnen, Konzerte und Ausstellungen; aber auch (ähnlich unseren Volkshochschulen) Lesezirkel, Nachhilfeunterricht, Angebote für Behinderte, eine Jobbörse, Krabbelgruppen und Seniorentanz.

Nicht zuletzt beobachtet Wiseman interne Beratungen der Verwaltung, in denen es um Finanzierungsfragen und die Herausforderungen der Digitalisierung geht. Dabei hören wir vielen sehr eloquenten, engagierten Menschen mit multikulturellem Background zu. Die Bibliothek als Ort gelebter Demokratie und sozialer Integration: Frederick Wisemans komplexer Film veranschaulicht diese Utopie nachdrücklich.

Narziss und Psyche

(HU 1980, Regie: Gábor Bódy)

Vom Schicksal umschlossen
von Wolfgang Nierlin

Die Wahrheit, als Bild von einem Lichtstrahl in den Raum geworfen, nehme tausendfache Gestalt an, sobald dieser breche, heißt es einmal in den Worten eines Poeten. In Gábor Bódys facettenreichem …

Die Wahrheit, als Bild von einem Lichtstrahl in den Raum geworfen, nehme tausendfache Gestalt an, sobald dieser breche, heißt es einmal in den Worten eines Poeten. In Gábor Bódys facettenreichem Film „Narziss und Psyche“ aus dem Jahre 1980, der auf der halbfiktiven Anthologie des ungarischen Dichters Sándor Weöres basiert, ist alles auf diese komplexe Vielstimmigkeit angelegt. Das Historische, bis in einzelne Figuren verbürgt, mischt sich mit dem Fiktiven, das sich wiederum vom Mythos nährt. Die Geographie der Orte, nachvollziehbar in den vielen Kapitelüberschriften, umgrenzt einen geschichtlich und politisch instabilen Raum, den die Zeitläufte der etwa 120 Jahre umfassenden Erzählzeit kontinuierlich transformieren. Und weil die Figuren darin nicht altern, während sich die Welt doch ändert, ist das Schicksalhafte, vielleicht Fatalistische von Anfang an gesetzt.

Sie sein ein „Spielball des Schicksals“ heißt es entsprechend zu Beginn des legendären Films über die 1795 geborene Erzsébet Lónyay alias Psyche, die von einer Romni und einem ungarischen Adligen abstamme. Gleich mehrere Erzählerstimmen umkreisen, wiederholen und vergewissern sich den verwirrenden Ereignissen ihrer „glücklichen“ Jugend und beglaubigen dadurch die fiktive Erzählung. Die schöne, temperamentvolle Psyche (Patricia Adriani), die sich zu ihrer Erziehung nur widerwillig in die Obhut von Nonnen begibt, ist nämlich ungewöhnlich freiheitsliebend und selbstbewusst. Mit ihrer „nymphomanischen Gier“ verführt sie Männer und lässt sich verführen; dabei wird sie zur politischen Zeitzeugin. Zwar liebt sie seit ihrer Jugend den seeelenverwandten Dichter László Tóth (Udo Kier), der sie einst das Schreiben lehrte. Doch der Narziss genannte Syphilitiker, der auf seiner unglücklichen Suche nach der absoluten Wahrheit zuerst theologische, dann medizinische Studien treibt, und die umherirrende Psyche sind auf ewig in einem Erfüllung entbehrenden Abhängigkeitsverhältnis gefangen. Stattdessen heiratet sie den eifersüchtigen Aufklärer Freiherr von Zedlitz (György Cserhalmi), Sterngucker und Minenbesitzer in einem.

Die hier nur rudimentär skizzierbare äußere Handlung korrespondiert mit einer Vielzahl historischer Bezüge, kulturgeschichtlicher Referenzen und philosophischer Anspielungen. Das reicht von den Ideen der Aufklärung und dem reformerischen Ringen für ein neues Ungarn bis zum Rationalismus der heraufziehenden Moderne zwischen sozialer Frage, mechanistischem Menschenbild und übersteigertem Individualismus. Dieser wiederum wird bis in die nietzscheanische Umnachtung hinein von dem tatsächlich immer größenwahnsinniger werdenden Narziss verkörpert. „Wir sind in uns eingeschlossen. Alles andere ist Imagination“, erklärt dieser seinen heillosen Selbstbezug. Der Titel seiner Schrift „Die Rolle des Individuums in der Perfektion des Schicksals“ ruft indes jene widerstreitenden Kräfte und unauflöslichen Spannungen auf, von denen Bódys erratisches, teils undurchdringliches Opus magnum in seinen dunklen Unterströmungen handelt.

Mit barocker Phantastik und experimentierfreudiger Opulenz amalgamiert der ungarische Filmkünstler und Video-Pionier surreale Visionen mit bacchantischen Halluzinationen und romantischen Lichtstimmungen. Während die ungewöhnlichen, zwischen Kunst und Kitsch changierenden Bilder von blauen Lichthöfen illuminiert beziehungsweise durchflutet werden und an ihren Rändern manchmal zu brennen oder sich wie in einem Schmelztiegel aufzulösen scheinen, antwortet die Tonebene darauf mit verfremdeten Stimmen und in Synthie-Klänge getauchte klassische Kompositionen.

So hat Gábor Bódy (1946-1985) mit seinem ungewöhnlichen audio-visuellen Filmexperiment ein ebenso avantgardistisches wie zeitloses Gesamtkunstwerk geschaffen, das in seiner Komplexität den Betrachter enorm herausfordert. Nach einer Rekonstruktion durch Bódys Bildgestalter István Hildebrand lässt sich das epische dreiteilige Werk nun in seiner vollen Länge von 261 Minuten, erstmals mit deutschen (sowie englischen) Untertiteln versehen, auf DVD betrachten.

Das schweigende Klassenzimmer

(D 2018, Regie: Lars Kraume)

Geschichte als Showroom
von Ricardo Brunn

DDR, 1956, drei Jahre nach jenem 17. Juni, der den Sattel der Machtverhältnisse im SED-Staat noch einmal für alle sichtbar gerade rückte: Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) gurken …

DDR, 1956, drei Jahre nach jenem 17. Juni, der den Sattel der Machtverhältnisse im SED-Staat noch einmal für alle sichtbar gerade rückte: Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) gurken mit dem Zug von Stalinstadt nach West-Berlin. Im Kino soll es nackte Haut zu sehen geben. Doch was hängen bleibt, sind nicht die Brüste der Liane aus dem tiefen Dschungel, sondern die Wochenschau-Bilder über den Volksaufstand in Ungarn. Zurück im Arbeiter- und Bauernstaat regt sich – angeführt von den beiden Jungspunden – in der Schulklasse der jugendliche Widerstand gegen den Staatsapparat. Denn die Medien der DDR berichten gänzlich anders über die Ereignisse in Budapest. Ob Volksbewegung oder Konterrevolution wird schnell zur Ansichtssache. An dieser reiben sich die Jugendlichen mit zwei Schweigeminuten im Geschichtsunterricht, bis der Staat die Muskeln spielen lässt und mit Abiturverbot droht, sollte die Klasse die Rädelsführer nicht preisgeben. Spannende Geschichte? Pustekuchen! Ist nämlich wieder nur ein Museumsfilm geworden, der sich an seiner Ausstattung und seinen ach-so-originalgetreuen Kostümen aufgeilt.

Der angedeuteten Komplexität der jungen Protagonisten, die an ihrem selbstgeschaffenen Dilemma ordentlich zu Knabbern haben, steht in „Das schweigende Klassenzimmer“ von Lars Kraume die Eindimensionalität und Beispielhaftigkeit der älteren unvereinbar gegenüber. Dass dies auf die Engstirnigkeit der Elterngeneration, die sich hier gegen den Freiheitsdrang der Jugend positioniert, anhebt und somit eine Geschichte von Insassen und Wärtern erzählt werden soll, ist das Eine. Dass sich daraus die Klischees des deutschen Pädagogenfilms im Dutzend ableiten etwas Anderes. Und so darf Michael Gwisdek – man sieht ihn und ahnt es – irgendwelchen Mist über Individualismus, Freiheit und Unfreiheit vom Stapel lassen. Zu allem Überfluss ist seine Figur des ehemaligen NS-Widerständlers Edgar, der abgeschieden in den Ruinen eines Bauernhofes lebt, auch noch homosexuell. Da lohnt sich die Verfolgung durch die Apparatschiks erst so richtig. Ronald Zehrfeld – der immer auf der richtigen Seite stehende Teddybär des deutschen Quatschmitgeschichtefilms – entpuppt sich als das einzige Elternteil mit reinem Herzelein. Und Burkhardt Klaußner stapelt Hass bis direkt unter die Klassenzimmerdecke, bis aus all dem Gebrüll ein Mahnmal gegen den Unrechtsstaat in seiner Gänze wird.

Zu allem Überfluss tackert Drehbuchautor und Regisseur Lars Kraume den historischen Tatsachen eine Liebesgeschichte zwischen Theo, Lena (Anna Lena Klemke) und Kurt ans Knie, in der sich die zu vergebenden Sympathien der Angebeteten immer auch an der Strahlkraft der Konterrevolutionäre ausrichten. Man kann ja niemanden küssen, der nicht hinter der Sache steht. Klaro. Und wie bescheuert diese drei Revoluzzer dann ausschauen, wenn sie im Mondschein am See stehen, sich Mut machen für ihren Widerstandskampf und schließlich ihren Drang nach Freiheit stürmisch in die Dunkelheit hinein schreien. Erst zaghaft, dann heulend wie ein Wolf und schließlich übertrieben laut bis die Stimmbänder diesen Selbstvergewisserungsquatsch krachend quittieren.

Was „Das schweigende Klassenzimmer“ auszeichnet, sind die wiederkehrenden Erzählstandards des deutschen Mainstreamkinos, das sich in seiner Versessenheit auf akkurate Ausstattung gefällt, sich im immerwährenden, kommentierenden Musikeinsatz Mut zuschreit und in der Farbkorrektur die Kontrolle verliert. Im Ablenkungsmanöver des Mustergültigen, Aufgeräumten und Entsättigten geht ein Gespür für Details verloren. Die Nebensächlichkeiten und Unordentlichkeiten, aus denen das Leben zumeist besteht, spielen keine Rolle mehr. Für diese ist der Film blind wie sein Regisseur: Er komme nicht aus der DDR, aber die Recherchen seien nicht allzu schwer gewesen, erklärt Lars Kraume in einem Interview lässig in den Regiestuhl gefletzt, die Arbeit an seinem Film. Dieses unbegreifliche Desinteresse an deutscher Geschichte kann das sauber eingerichtete und mit Bohnerwachs und Scheuerhader glattpolierte IKEA-Showroom-Setdesign, kaum verbergen. Im Gegenteil lässt es genau deshalb jedes Gefühl für das Leben in der Epoche vermissen. Wenn die Hauptsache der hübsch über die Schulter geworfene Schal ist und den eigentlichen Themen – wie also Solidarität, Freiheit, Widerstand und Mut in einer Gemeinschaft verstanden werden – keine Anbindung an aktuelle Fragen gesellschaftspolitischer Entwicklungen mehr gelingt, verkommen sie in den bedeutungsschweren Dialogen auf diese Weise zur dusseligen, hohlen Parole, die Fremdscham hervorruft.

Und so weht die Windmaschine kräftig Laub durch die im Laufe des Filmes immer düsterer werdenden Straßen Stalinstadts – das bald Eisenhüttenstadt heißen wird und nicht das Storkow ist, in dem sich die Geschichte eigentlich zugetragen hat – und den Geist aus dem Film. Am Ende dann ein Sonnenstrahl, der den Zug zart erhellt, ein Krawattenknoten, der gelockert werden kann, weil man raus gekommen ist. Und leise regt sich Widerstand gegen Filme dieser Bauart und die Gewissheit keimt: Wer nichts zu erzählen hat, sollte besser schweigen.

Blue my mind

(CH 2017, Regie: Lisa Brühlmann)

Metamorphosen einer Jugend
von Wolfgang Nierlin

Allein und unsicher tapst ein kleines Mädchen an einem namenlosen Strand durch den Kies. Die Füße wühlen neugierig, fast verschämt in den feinen Steinchen. Mit einer unbestimmten Sehnsucht blickt das …

Allein und unsicher tapst ein kleines Mädchen an einem namenlosen Strand durch den Kies. Die Füße wühlen neugierig, fast verschämt in den feinen Steinchen. Mit einer unbestimmten Sehnsucht blickt das Kind hinaus aufs weite Meer. Gerahmt wird dieses Bild von zwei großen Felsblöcken, die sich wie zu einem Tor formieren. In Lisa Brühlmanns preisgekröntem Debütfilm „Blue my mind“ wird diese Perspektive am Ende wiederkehren und einen neuen Horizont eröffnen.

Doch zuvor, nach dieser Exposition und einem Zeitsprung, ist aus der kleinen Mia zunächst einmal eine 15-jährige Teenagerin geworden, für die alles neu ist: die Stadt, die Wohnung und die Schule. Fremd und verloren sitzt Mia (Luna Wedler) zwischen den Umzugskartons ihres neuen Zimmers. Das Provisorische des Übergangs spiegelt sich zudem in der regen Bautätigkeit im neuen Wohnviertel. In der Schule sucht Mia unsicher und zaghaft Anschluss, während sie mit ihren verwirrenden Gefühlen im Clinch liegt. Doch die coole Mädchenclique, zu der sie gehören möchte, macht es ihr schwer und stößt sie immer wieder zurück. Gefordert sind Mutproben und sexuelle Erfahrungen. Sehr anschaulich und differenziert zeigt Lisa Brühlmann, wie schwierig es für heutige Jugendliche ist, in einem von Porno- und Drogenkonsum, Internet-Dating und Ladendiebstählen besetzten Terrain ihren Weg zu finden.

Mit ihrer ersten Menstruation erlebt Mia zusätzlich eine Veränderung ihres Körpers, die immer mehr zu einer beunruhigenden Verwandlung wird. Die Verwachsungen zwischen ihren Zehen, die Schwimmhäuten ähneln und von der Ärztin als Syndaktylie diagnostiziert werden, breiten sich immer mehr aus. In vielen, teils verstörenden Szenen variiert die Schweizer Regisseurin, die auch als Schauspielerin arbeitet, hier ein phantastisches Motiv, um Mias Gewinn an zunehmender Stärke und Unabhängigkeit zu zeigen. Doch während sie sich verwandelt und damit gewissermaßen erwachsen wird, erfährt sie ihren Körper in seiner Unkontrollierbarkeit als Gefängnis und ihre besorgten, vor allem aber abwesenden und mit sich selbst beschäftigten Eltern als Zumutung.

Lisa Brühlmanns phantastische Coming-of-Age-Geschichte „Blue my mind“, die sehr nuanciert die Gefühlslage und Gefahren einer konsumgesättigten, ziemlich desillusionierten Wohlstandsjugend zeigt, entwickelt anhand Mias Metamorphose eine enorme Sogkraft. Als stünde ihr Leben vor einer Implosion folgen wir angespannt und aus nächster Nähe einer Heldin, die sich zunehmend zwischen einem sich sehr real zuspitzenden Alptraum und eskapistischen Fluchten in eine rauschhafte Wirklichkeit zu verlieren scheint; bis sich ihr Körper schließlich gefunden hat und sich ihr Blick weitet auf einen befreiten Horizont ungezählter Möglichkeiten.

Halloween

(USA 2018, Regie: David Gordon Green)

Wer fürchtet sich vorm weißen Mann?
von Drehli Robnik

Es heißt, dieser nunmehr elfte „Halloween“-Film sei der kommerziell erfolgreichste in dem 1978 von John Carpenter begonnenen Slasher-Movie-Franchise. Nach all den – nicht durchwegs öden – Sequels gibt sich der …

Es heißt, dieser nunmehr elfte „Halloween“-Film sei der kommerziell erfolgreichste in dem 1978 von John Carpenter begonnenen Slasher-Movie-Franchise. Nach all den – nicht durchwegs öden – Sequels gibt sich der aktuelle, schlicht „Halloween“ benannte Film ganz als liebevolle Hommage an den längst schon kanonisierten Erstling. Er hat des Meisters Segen und die ergraute Jamie Lee Curtis in ihrer Lebensrolle als Laurie Strode: Als ewiges „Final Girl“ wird sie endlos gestalkt von Michael Myers, dem wortlos stur dahinmordenden Kleinstadtpsychotiker mit Tankwart-Blaumann und Weißmaske.

Alles ist Anknüpfung: vom feuerroten Titel und Kürbiskopf-Vorspann über flache Schärfen im Widescreenbild bis zu Carpenters Minimal-Score und Signature Sounds (Opapas Synthesizer macht „Buh!“). Was dem neuen Film aber fehlt, ist gerade die Leere: etwas in der Art, wie Carpenters Steadycam damals (gleich einem Antonioni mit unmenschlichem Antlitz) Haddonfield, Illinois, als gänzlich ausgeräumt und in diesem unerfüllten Zustand stets um ein bisserl zu lang ins Bild brachte – sodass der Ort in Schwebe geriet und der All-American-Teenie-Alltag kaum unterscheidbar war von einer tiefsitzenden Leblosigkeit in melancholischer Kältestimmung. (Ach, und erst das Blau von Carpenters Stamm-Kameramann Dean Cundey…)

Viel an Stimmung lässt sich dem neuen Film ja grade nicht nachsagen. Zeitweise findet „Halloween“ 2018 seinen Rhythmus in steiler Desorientierungsmontage. Sein hoher Verschleiß an schrulligen Nebenfiguren geht irgendwie OK: Einerseits fügt das einer vorwiegend weißen Welt ein paar markante People of Color hinzu (u. a. eine Cowboy-Figur, die nirgendwo hinführt), anderseits erhöht es die Creative Kills-Quote; wobei hier nun eher der Rammbock regiert als das Suspenseritual (wie noch etwa 1998 in „Halloween H20“) – von wegen Figuren zurufen „Pass auf, hinter dir!“ etc.

Regisseur David Gordon Green drehte bislang radikale Stonerkomik (wie „Your Highness“, dessen Co-Autor Danny McBride „Halloween“ mitgescriptet hat) und nuancierte Indie-Psychodramen. Mit psychischen Deformationen und Obsessionen weißer Kleinkollektive kennt der Mann sich also aus – ob es nun kiffende Cliquen sind oder leidende Familien wie in „Halloween“ (mit der Teenie-Enkelin als dritter Generation, die von jener Nacht anno 1978 traumatisiert ist) bzw. jüngst in „Stronger“. In letzterem Film zeichnete Green ein durch die Gewalt eines djihadistischen Anschlags an Leib und Seele versehrtes White Trash-Milieu, allerdings in einer Art empathiegeladenen Kritik an einem Nationalheroismus, der zum sturen Habitus geworden ist. Greens Ansatz, nun in „Halloween“, beide, die rabiate Hacklerfigur Michael und die im Security-Wahn bewaffnet eingebunkerte Laurie, als obsessive Problemtypen zu vermitteln, bleibt halbherzig und versandet ab der Hälfte in Stalk´n´Slash-Routine mit Niveau. Bis dann das Ende Fortsetzung ruft.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Halloween“.

Nanouk

(FR/D/BG 2018, Regie: Milko Lazarov)

Bilder einer aussterbenden Kultur
von Wolfgang Nierlin

Die weiße, von ewigem Eis und Schnee bedeckte Unendlichkeit Jakutiens erstreckt sich unter dem blauen Himmel. Eine blendende, klare Helle dehnt sich bis zum Horizont. Ganz klein und verloren bewegt …

Die weiße, von ewigem Eis und Schnee bedeckte Unendlichkeit Jakutiens erstreckt sich unter dem blauen Himmel. Eine blendende, klare Helle dehnt sich bis zum Horizont. Ganz klein und verloren bewegt sich ein Mensch mit einem Hundeschlitten von rechts nach links durch dieses großartige Bild einer Eiswüste, das dann noch für ein paar Augenblicke stehen bleibt, weil es schon immer da ist. Mit ausgestreckten Armen auf dem Rücken liegend, blickt ein Mann ins kalte Blau, durch das sich die Kondensstreifen zweier Flugzeuge ziehen. Ferner Motorenlärm dringt in die Stille der Natur und erzeugt so jenen Kontrast zwischen Natur und Zivilisation, Tradition und Moderne, von dem Milko Lazarovs beeindruckender Film „Nanouk“ (Ága) von Anfang an handelt. Das Ewige im Unterschied zum Vorübergehenden spiegelt sich in dieser Dichotomie ebenso wie die Erinnerung an eine Zeit, die für das Heute verloren scheint.

Ein altes Ehepaar, das in einer mit Rentierfellen bespannten Jurte mitten in dieser eisigen Weite wie vor Zeiten lebt, steht stellvertretend für diesen Konflikt. Während Nanouk (Mikhail Aprosimov) mühsam Löcher in die dicke Eisschicht schlägt, um nach Fischen zu angeln, kümmert sich seine Frau Sedna (Feodosia Svanova) um alles Häusliche. Wenn sie gemeinsam eine Tierfalle zimmern, zeigt sich nicht nur ihre handwerkliche Geschicklichkeit, sondern auch ihr fast stummes Einverständnis. Doch die Zeichen stehen auf Veränderung: Nanouk fängt kaum noch Fische, immer wieder begegnet er toten Tieren im Eis und das einzelne Rentier, das ihm wie in einer Vision erscheint, wirkt wie das mythische Bild einer vergangenen Zeit. In einer „Zaubergeschichte“ vom „magischen Rentier“ erzählt Nanouk von der wundersamen Vermehrung der Tiere. Doch tatsächlich beobachtet er, dass der Frühling neuerdings immer früher einsetzt.

In der gedehnten Zeit langer Einstellungen, getragen von einem langsamen Rhythmus, erzählt der bulgarische Regisseur Milko Lazarov von einem alltäglichen Leben, das im Verschwinden begriffen ist. Die Bilder einer aussterbenden Kultur, unterlegt mit Gustav Mahlers schwermütigem Adagietto aus der 5. Sinfonie, werden überdies durch persönliche Krisen der Protagonisten verschärft: Nanouk leidet darunter, dass Tochter Ága (Jalina Tikhonova) die Familie verlassen hat, um in der gigantischen Diamantenmine von Udatschnaja zu arbeiten; an seiner Frau Sedna wiederum zehrt eine schmerzhafte Wunde, die sie zunehmend schwächt und an der sie bald sterben wird. Ihr Traum über das Versinken in einem schwarzen Loch des Vergessens symbolisiert ihre Todesahnungen. Zwar wird in „Nanouk“ nur wenig gesprochen und auch keine Geschichte dramatisiert, trotzdem handelt Lazarovs einfach erzählter Film in überwältigenden Landschaftspanoramen und vielen subtil beobachteten Details von den großen Themen des Menschseins und seinen Bedingungen: den ökologischen Grundlagen und dem zwischenmenschlichen Zusammenhalt.

Dogman

(IT/FR 2018, Regie: Matteo Garrone)

Dieser unbekümmerte Optimismus geprügelter Hunde
von Christian Kaiser

Eine heftige Schlägerei unter Kriminellen hat gerade ihr Ende gefunden, da verharrt die Kamera auf einer nunmehr blutbesudelten Oliver-Hardy-Puppe, die neben einer Stan-Laurel-Puppe jene Werkstatt schmückt, in der es zur …

Eine heftige Schlägerei unter Kriminellen hat gerade ihr Ende gefunden, da verharrt die Kamera auf einer nunmehr blutbesudelten Oliver-Hardy-Puppe, die neben einer Stan-Laurel-Puppe jene Werkstatt schmückt, in der es zur Auseinandersetzung kam. Ein Quäntchen Komik inmitten widriger Umstände: in seiner Deplatziertheit so bizarr wie traurig. Und es sind Momente wie dieser, die den Film durchziehen: etwa die mit Engelsflügeln und Heiligenscheinen ausgestatteten halbnackten Tänzerinnen in der höllisch-rot erleuchteten Discothek; oder die Madonnen-Abbildung auf dem Rücken eines Geschäftsmannes, der in geselliger Runde die Beseitigung eines unberechenbaren Störenfrieds vorschlägt; vor allem aber das Duo des Films, das sich aus ebendiesem Störenfried und dem titelgebenden Dogman zusammensetzt.

Der Dogman, das ist Marcello, der örtliche Hundefrisör: klein und schmächtig mit quäkiger Stimme. Ein kleiner Kläffer, ein Pinscher, ein Underdog. Ganz anders als sein bulliger Kumpane Simone, zu dem Marcello schon aus rein physischen Gründen aufschaut. Mit Körpergröße, Muskelmasse, Aggressivität und jeder Menge Egoismus setzt dieser sich gegen jedermann durch – auch gegenüber Marcello, der den Freund, welcher eigentlich keiner ist, regelmäßig mit Kokain versorgt, das dieser dann mitunter rücksichtslos noch im Hundesalon Marcellos konsumiert, gleichwohl dessen minderjährige Tochter anwesend ist. Und so leiden nicht bloß die übrigen Einwohner eines reichlich heruntergekommenen Küstenstädtchens in Süditalien unter dem Schlägertypen, der krumme Dinger dreht, diverse Schulden hat und verspieltes Geld mit Gewaltandrohung zurückfordert, sondern vor allem auch Marcello, der treu wie ein geprügelter Hund für den Kumpanen sorgt. So wie er auch aus Berufsgründen hübsche Pudel und wütende Mastiffs pflegt, kümmert er sich auch privat voller Hingabe um die kleine Tochter und den asozialen Freund: versucht etwa, das Mädchen vor den Drogen und der Gewalt im Umfeld zu behüten, geht regelmäßig mit ihr Schwimmen und Tauchen, versorgt Schusswunden des kriminellen Freundes.

Simone jedoch steckt mit einem anderen Ganoven einen von Marcellos kläffenden Hunden in die Tiefkühltruhe, fängt in Gegenwart des Freundes Streitereien an, zwangsrekrutiert ihn als Fluchtwagenfahrer und speist ihn stets mit geringen Entschädigungen ab. Seine eher unsensible Zuneigung zeigt sich bloß, wenn er dem Gefährten beim Feiern zulacht und ihm Kokain unter die Nase reibt. Selbst der bekümmerten Mutter gegenüber zeigt sich der schwerfällige Klotz nicht allzu einfühlsam: Als diese ihm wieder einmal seine Vergehen vorhält und in wütende Verzweiflung ausbricht, umarmt er die wehrlose Frau solange, bis ihre Wut verraucht ist – freilich ohne auf ihre Empörung zu hören.

Erst als Simone gegen Marcellos Willen von seinem Laden aus bei dem benachbarten Juwelier einbricht und Marcello für ihn ins Gefängnis geht, kommt es zum Bruch: Nach einem Jahr entlassen, besteht Marcello auf eine angemessene Entschädigung – erntet aber bloß 300 Euro und reichlich Spott. Und unter den Nachbarn ist er fortan ein verachteter Außenseiter. Umso sehnsüchtiger blickt er nun seinem großen Traum entgegen: Mit der Tochter Urlaub zu machen und sich idealerweise gleich in die Ferne abzusetzen.

Aber der Film mündet nicht in solch eine glückliche Flucht aus den tristen Lebensumständen, sondern steuert auf die Konfrontation mit dem einstigen Freund zu, an welchem sich Marcello mit einer List rächen will – und dabei eine Eskalation herbeiführt, die nur noch blutig & gewaltsam beendet werden kann. Am Ende wird „Dogman“ dann ähnlich kalt und dreckig wie „Gomorra“ (I 2008), Garrones vielgerühmter Mafia-Thriller.

Es ist diese zwingende Konsequenz – mit welcher der gutmütige, wenngleich etwas schlitzohrige Naivling Marcello in den Strudel der Gewalt hinein gerissen wird –, die dem Film seine eigenwillige Dramaturgie verpasst: Irgendwo zwischen Stan Laurel, Buster Keaton oder Woody Allen stehend, in einem früheren sonnigen Urlaubsort wohnend, aber letztlich verdammt, sich der – teils organisierten – Gewalt anzupassen, die das ganze Milieu durchdringt. Am Ende kulminiert diese Unangemessenheit, die schon früh den Film durchzieht: Die sympathisch-clowneske Hauptfigur verliert endgültig jegliche Unschuld. Wenngleich die Beschreibung es andeutet, gibt es einen konventionellen Spannungsbogen sowenig wie in Garrones früheren Arbeiten „Gomorra“ oder „Das Märchen der Märchen“ (I 2015). Hier bestimmt der langsame Absturz des tragikomischen Antihelden den Verlauf der spannungsarmen Handlung – was sich in der zunehmenden Verschlechterung der Wetterverhältnisse spiegelt.

Den zugrunde liegenden Kriminalfall hat Garrone dabei im Hinblick auf die Brutalität und den Sadismus ziemlich entschärft und ihn sich angeeignet, um zehn Jahre nach seinem Hauptwerk „Gomorra“ erneut von einem milieubedingten, zwangsläufigen Scheitern zu erzählen. So ist auch „Dogman“ ein tragischer, geradezu fatalistischer Film, welcher von einer Auswegslosigkeit inmitten der Umstände handelt: Nun jedoch ist es eine eigentlich komische Figur, die mit Körperbau, Mimik und Gestik vielmehr in die Reihe der großen Filmkomiker zu passen scheint, von denen Laurel & Hardy direkt zitiert werden. Ausgerechnet an ihr verhandelt Garrone die Übermacht des Milieus: Marcello ist kein Danny Rose („Broadway Danny Rose“; USA 1985; R: Woody Allen), welcher mit liebenswert läppischer Gestalt und erheiternder Furchtsamkeit das kriminelle Milieu seiner Umgebung ins Lächerliche abrutschen lässt, sondern ein Clown, der vom Kriminaldrama, vom Thriller vollkommen geschluckt wird.

Schockierte Garrone 2008 noch damit, dass – ganz realistisch – auch Kinder und Jugendliche im organisierten Verbrechen zerrieben werden, so ist es nun – sonderbar irreal – eine der Komödie entsprungene Figur, deren Komödiantenkörper, deren Komödiantenmentalität gänzlich deplatziert in den Sog eines von Gewalt durchsetzten Milieus gesteckt wird, wobei die befreienden Kräfte des Komikers hier nicht mehr wirken. Das ist die Tragik des Films: Eine komische Figur, die ohne Gespür für die sie umgebenden Zwänge optimistisch gestimmt ins Verderben schlittert.

I, Olga

(CZE/PL/FR/SVK 2016, Regie: Tomáš Weinreb, Petr Kazda)

Ein von Menschen zerstörter Mensch
von Wolfgang Nierlin

Das schmächtige Mädchen mit der gekrümmten Haltung und dem schönen Gesicht blickt ins Leere. Schweigsam und in sich gekehrt liegt es im Bett. Sein intensiver, durchdringender Blick geht ins Abwesende. …

Das schmächtige Mädchen mit der gekrümmten Haltung und dem schönen Gesicht blickt ins Leere. Schweigsam und in sich gekehrt liegt es im Bett. Sein intensiver, durchdringender Blick geht ins Abwesende. Olga will nicht in die Schule. Was sie kurz darauf im Zimmer des Großvaters erlebt, sehen wir nicht, weil die Kamera im Flur vor den verschlossenen Türen verharrt. Olga erbricht sich. Nach einem Selbstmordversuch landet sie in einer psychiatrischen Einrichtung. Dort wird sie von den andern Jugendlichen brutal misshandelt. Wenn diese miteinander schlafen, um in der gleichgeschlechtlichen Lust sexuelle Freuden zu teilen, sondert sie sich ab. Olga (Michalína Olszańska) ist als junge Frau eine radikale Einzelgängerin, die unter ihrer Beziehungslosigkeit leidet und ihre Misanthropie theoretisch verklärt. „Würde es uns nicht besser gehen, wenn wir nicht versuchen würden, einander zu verstehen?“, zitiert sie aus Graham Greenes „Der stille Amerikaner“. Nur in der Beziehungslosigkeit sei Freiheit erfahrbar.

In Briefen, die sie schreibt, erfahren wir von Olgas Innenleben und Gedankenwelt. Da sie kaum spricht, bildet diese schonungslose Selbstreflexion einen maßgeblichen Zugang zu ihrer komplizierten, früh zerrütteten Persönlichkeit, die so undurchdringlich ist wie ihr makelloses Gesicht. Die äußeren Handlungen und Begebenheiten verhalten sich dazu komplementär, ordnen sich als nüchterne, unkommentierte Ausschnitte aber erst allmählich zu einem irgendwie chronologisch geordneten Verlaufsbild. Aufgewachsen ohne Vater und mit einer gefühlskalten Mutter, die als Ärztin arbeitet, leidet Olga unter Sprachlosigkeit und Isolation. Eine nur mäßig eingerichtete Waldhütte, in der sie nach ihrem Auszug aus dem Elternhaus eine Zeitlang allein lebt, wird zum Symbol ihrer Einsamkeit. In dieser Phase arbeitet Olga, die nicht immer zuverlässig ist, als Fahrerin und geht verschiedene homoerotische Beziehungen ein, die aber alle nicht von Dauer sind. Ihre sexuelle Direktheit irritiert und verschreckt. Olga opponiert bewusst gegen Konventionen.

Auf der einen Seite handelt der Film „I, Olga“ (Já, Olga Hepnarová) von einer rebellischen jungen Frau und Außenseiterin in einer engen, von zwischenmenschlicher Kälte imprägnierten Gesellschaft. Andererseits rekonstruieren die tschechischen Filmemacher Tomáš Weinreb und Petr Kazda mit dokumentarischer Schnörkellosigkeit und in monochromen Schwarzweißbildern einen historischen Fall: 1973 ermordet die erst 22-jährige Olga Hepnarová bei einer Amokfahrt auf dem Prager Strossmayerplatz acht Menschen und verletzte, teils schwer, zwölf weitere. In einem Bekennerschreiben, einem Dokument ihrer absoluten Hoffnungslosigkeit, bezeichnet sie sich als entmenschlichtes Opfer, das sich mit seiner schockierenden Tat für erlittene Qualen rächen möchte: „Ich bin eine Einzelgängerin. Ein zerstörter Mensch. Ein von Menschen zerstörter Mensch. (…) Ich habe die Wahl: mich zu töten oder andere zu töten. Ich wähle: die Rache an denen, die mich hassen. (…) Die Gesellschaft ist zu gleichgültig, zu Recht. Mein Urteil ist: Ich, Olga Hepnarová, das Opfer eurer Bestialität, verurteile sie zum Tode.“

Für ihre mörderische Rache wird die ein Jahr zuvor Verurteilte im März 1975 im berüchtigten Prager Gefängnis Pankrác durch den Strang hingerichtet. Es ist dies zugleich das letzte vollstreckte Todesurteil an einer Frau in der früheren Tschechoslowakei. „Wenn sie mich hängen, hat meine Tat einen höheren Wert“, sagt die Delinquentin überraschend selbstbewusst vor Gericht. Auch wenn die beiden vom Dokumentarfilmschaffen herkommenden Regisseure die ausschnitthaften Begebenheiten eines freudlosen Lebens betont unterkühlt und distanziert schildern, formulieren sie doch einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Missbrauch und pathologischer Vereinzelung. Letztere, so legt es zumindest der Schluss des Films nahe, korreliert überdies mit einer offensichtlich schizophrenen Erkrankung Olgas, deren Hilferufe jedoch unbeantwortet bleiben. Das von ihr ausgehende unverständlich Fremde eines Individuums bleibt indessen konstitutiv. Wenn Olga am Morgen des Attentats beim Verlassen ihrer Gemeinschaftsunterkunft eine noch schlafende Zimmergenossin sanft zudeckt, wirkt diese im Verlauf des Films einzige Geste menschlicher Zuwendung wie ein Versprechen auf eine vielleicht mögliche, aber für die Protagonistin vergebliche Hoffnung.

Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs

(D 2017, Regie: Christian Theede)

Geheimnisarme Kindergadgetabenteuerwelt
von Ricardo Brunn

Der Trend der Kinokinder-Clique reißt nicht ab: Nach den sich vom Magnetband der Hörspieltradition abgelösten Hexereien einer Bibi Blocksberg, den Kinderbuchadaptionen der „Wilden Hühner“, „Drei Fragezeichen“ und „5 Freunde“ steuern …

Der Trend der Kinokinder-Clique reißt nicht ab: Nach den sich vom Magnetband der Hörspieltradition abgelösten Hexereien einer Bibi Blocksberg, den Kinderbuchadaptionen der „Wilden Hühner“, „Drei Fragezeichen“ und „5 Freunde“ steuern mit den „Pfefferkörnern“ weitere abenteuerlustige Kinder ins Kino. Seit 1999 flimmert die Kinderkrimi-Reihe aus Hamburg in mittlerweile 13 Staffeln fleißig über die Bildschirme des Landes. Der 14. Staffel wird zum Zwecke des Marketings jetzt ein Kinofilm vorangestellt, der in das Detektivgewusel des minderjährigen Jason-Bourne*innen-Gespanns entsprechend einführen und die neue Besetzung etablieren soll. Und diese skaliert sich mit allerlei Gadgets und Schauwerten aus dem Fernsehen auf die große Leinwand.

Gleich zu Beginn heften sich gewaltige Kamerafahrten über Gebirgsketten dem kleinen Luca (Leo Gapp) auf der Suche nach einem Schatz und einer Begegnung mit dem Bergkönig in dunkler Höhle an die Fersen. Von diesem Quasi-Epilog geht es in bester Agentenfilmmanier mit einem beherzten Sprung nach Hamburg, hinein in eine „Mission: Impossible“ der Pfefferkörner. Ein Coup um Abiturfragen und eine irre Verfolgungsjagd, die auf einem Schiff im Hamburger Hafen endet und erneut von einer spektakulären – wie ein Vogel durch die Lüfte gleitenden – Kamera eingefangen wird, lassen Einiges erwarten. Ein Moment der Ruhe führt dann in die eigentliche Geschichte ein: Die Klassenfahrt steht an. Ziel ist der Gruber-Hof im pittoresken Südtirol. Mia (Marleen Quentin) freut sich riesig auf ihren Freund Luca, der dort wohnt. Doch Luca verhält sich eigenartig, denn es geschehen geheimnisvolle Dinge auf dem Berghof. Die Kinder stoßen auf mysteriöse Zeichen, eine seltsame Köchin und den gruseligen Berggeist. Und während sich der Klassenlehrer (Devid Striesow) in Mias Mutter (Katharina Wackernagel) verguckt, kommt der neue und bis dahin unbeliebte, weil aus reichem Elternhaus stammende, Mitschüler Johannes (Luke Matt Röntgen) Mia und ihren Freunden zu Hilfe. Gemeinsam versucht das unschlagbare Team herauszufinden, wer hinter den mysteriösen Ereignissen auf der Alm steckt. Die Spur führt schließlich zurück nach Hamburg und zu einem Konzern, der Wasserquellen privatisieren will.

Regisseur Christian Theede hält das Tempo des Filmes von Beginn an mithilfe von Parallelerzählungen und Spannungswechseln hoch, was jedoch alsbald in unnütze Hektik ausartet und Balance vermissen lässt. Ein Mezzomix an Wendungen sprudelt einem spätestens ab der zweiten des Filmes von der Leinwand entgegen, dass einem der Kopf surrt. Anders als mit schwirrendem Haupt lassen sich all die hanebüchen Logiklöcher aber auch nicht verkraften. Dass plötzlich ein Privatjet vor der Berghüttentür steht und Sekunden später in bester Navy-Seals-Manier mit einem Schlauchboot über die Elbe gebrettert wird, fällt in der Eile ebenso wenig ins Gewicht wie die Tatsache, dass die Gewürzdetektive ein Büro mit Supercomputer (4 Monitore!) und diversem technischen Popanz bewohnen, auf den der Bundesnachrichtendienst sicher neidisch wäre.

Die überbordenden Kamerafahrten und der in den Dialogen stümperhafte Schnitt kaschieren das rudimentäre Drehbuch und die totale Fehlbesetzung der Hauptrollen. Bemüht rackern sich die Kinder durch die Zeilen. Acht- bis Elfjährige reden von der Friendzone, während die Erwachsenen gerade einmal für infantil dahin gestammelte Sätze taugen, die es selbst gestandenen Größen wie Devid Striesow sichtlich schwer machen. Die Musik schreit den Mangel an dramaturgischer Präzision in ihrer Versessenheit auf Kommentierung der Geschehnisse heraus und überlagert obsessiv die dusseligen Dialoge. Die Pfefferkörner können sich ihrer Herkunft im Kino nicht entledigen.

Was das Fernsehgerät aufgrund seines Formats gerade noch verbergen kann, offenbart die Leinwand – einem Vergrößerungsglas gleich – erbarmungslos. Alles in „Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ ist lieblos konstruiert, gerade so, dass es als aufgeblasenes Fernsehen die Zielgruppe erreicht und vereinnahmt. Nur mit Kino hat das alles wenig zu tun. Im Gegenteil offenbart die Lieblosigkeit Haltungslosigkeit. Selbst das dem Film zugrunde liegende Thema der Privatisierung von öffentlichem Gut wird heruntergebrochen und oberflächlich abgehandelt: Der bis ins Mark bösartige Konzern steht den guten Kindern gegenüber wie das Schwarz dem Weiß. Der Film, in dem es eigentlich um Geheimnisse geht, wird auf diese Weise zu einem Film ohne jedes Geheimnis.

Wo „Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ mit dem Einsatz seiner Mittel permanent damit beschäftigt ist seine Schwächen geheim zu halten, geht ihm der Blick für das Mystische und Wunderbare der Kindheit sowie des Detektivspiels verloren. Alles ist durch den langweiligen Einsatz von Technik per Knopfdruck verfügbar, erreichbar und vor allem lösbar. Mit erschreckender Offensichtlichkeit zeigt sich dies in der banalen Entlarvung des Berggeistes und der Fantasielosigkeit aller handelnden Figuren. Zurück bleibt die Kälte und Sterilität einer technisierten Realität, in der Distanzen und Wissen in gleichem Maße schrumpfen. „Die Pfefferkörner und der Fluch des schwarzen Königs“ ist ein lösungsorientierter, armer Film; arm an Geheimnis, arm an Kindheit und arm an zu Erlebendem.

Der Kinoauftritt der Pfefferkörner ist in seiner Reduzierung auf das Marketing symptomatisch für den Zustand des deutschen Kinderfilms. Dieser ist in der Breite wie Tütensuppe: Rezepthaft und künstlich. Zudem kaum biografisch geprägt und weit entfernt von den Lebenswirklichkeiten junger Menschen zwischen Einschulung und Abitur. Gefördert werden nahezu ausschließlich Adaptionen von Hörspielen, Romanen und Fernsehserien, die mit Schau- und Unterhaltungswerten aufwarten können. Beate Völcker hat in ihrem Zustandsbericht zum deutschen Kino-Kinderfilm für die Zeit zwischen 2007 und 2010 festgestellt, dass die Produktion originärer Kinderfilme nahezu ausgesetzt hat. Vor allem im Segment der 10- bis 14-Jährigen herrscht gähnende Leere wie auf dem Aldi-Parkplatz am Sonntagnachmittag. 2014 beklagte sich Veit Helmer in Interviews zu seinem Film „Quatsch und die Rasselbärenbande“ (D 2014), dass die Situation keinerlei Besserung erfahren habe. Die zur selben Zeit ins Leben gerufene Initiative „Der besondere Kinderfilm“ ändert daran auch sehr wenig, ließt man in deren Statuten doch ebenfalls nur den allzu bekannten Fördersprech. Da ist von „Relevanz“ die Rede und von einem „möglichst breiten Kinderpublikum“, das angesprochen werden soll, womit dem gewünschten Besonderen ja von vorn herein die Luft zum Atmen genommen wird. Das Besondere, das Unerwartete, das Gewagte richtet sich nämlich nicht wie selbstverständlich an ein breites Publikum. Und warum muss eine Initiative für Kinderfilme ins Leben gerufen werden, wenn ein Teil des Auftrags der bekannten Institutionen ist, die Rahmenbedingungen für die Entstehung origineller Stoffe und Filme zu unterstützen? Und so wundern sich die Filmförderungen in einem System der Quantifizierung und Erfolgsorientierung, weshalb die Filmemacher*innen ihnen keine originellen Stoffe anbieten, während die Filmemacher*innen sich über das System wundern, das offensichtlich nicht nach diesen Stoffen fragt und deshalb geheimnisarme Kindergadgetabenteuerwelten erschaffen. Oder war es umgekehrt?

Eine gefangene Frau

(HUN 2017, Regie: Bernadett Tuza-Ritter)

Moderne Sklaverei mitten in Europa
von Marit Hofmann

„Darf ich aufstehen?“, fragt Marisch, auf dem Sofa sitzend, in die Kamera. „Du kannst machen, was du willst.“ Über diese Antwort der Frau hinter der Kamera muss Marisch lächeln. Tatsächlich …

„Darf ich aufstehen?“, fragt Marisch, auf dem Sofa sitzend, in die Kamera. „Du kannst machen, was du willst.“ Über diese Antwort der Frau hinter der Kamera muss Marisch lächeln.

Tatsächlich darf sie nie machen, was sie will. Marisch ist einer von geschätzt 1,2 Millionen Menschen, die in Europa (als Zwangsarbeiter, -prostituierte oder Hausmägde) wie Sklaven gehalten werden. Die Hausherrin Eta kontrolliert jeden Schritt, das Geld, das Marisch neben dem Rund-um-die Uhr-Einsatz in dem ungarischen Haushalt in einer Fabrik verdient, muss sie abgeben. Die ausgemergelte 53jährige, die aussieht wie eine Greisin – ein früherer „Arbeitgeber“ hat ihr alle Zähne ausgeschlagen –, bekommt nur Essensreste und Tabak; Kaffee und Selbstgedrehte halten sie irgendwie am Leben. Die Sklavenhalterfamilie, bei der sie seit zehn Jahren mehr darbt als wohnt, hat ihr den Pass abgenommen und auf ihren Namen Kredite aufgenommen, so dass sie verschuldet und erpressbar ist.

All das erfährt die Zuschauerin erst nach und nach durch die Fragen der Budapester Regisseurin. Bevor Bernadett Tuza-Ritter mit ihrer Kamera kam, war Marisch absolut isoliert. Nicht mal ihre Tochter im Kinderheim durfte sie besuchen. Ursprünglich wollte die damalige Regiestudentin nur einen Übungskurzfilm zum Thema „Ein Tag im Leben einer Person“ drehen. Zufällig hatte sie Eta kennengelernt, die sich damit brüstete, Bedienstete zu haben, und Marischs Gesicht „ging mir nicht aus dem Kopf“. Es ist von Falten übersät und eingefallen; man sieht solche Frauen sonst nicht im Kino, schon gar nicht in der Hauptrolle. Im Haus merkt Tuza-Ritter langsam, dass etwas nicht stimmt, Marisch wird schikaniert und tyrannisiert – und hält die Studentin davon ab, die Polizei einzuschalten. Sie könnten da nichts machen, bestätigt ein Beamter auf anonyme Nachfrage.

Tuza-Ritter musste für die schließlich zwei Jahre andauernden „sehr unangenehmen und beängstigenden Dreharbeiten“, deren Beklemmung sich aufs Publikum überträgt, ebenfalls Geld an Eta abdrücken. Die Familie darf sie nicht filmen, nur Stimmen sind zu hören, die Marisch permanent ankeifen: „Hast du die Kleider von meinem Sohn gebügelt? Bring Essen! Der Kaffee ist zu süß! Zu nichts bist du nütze!“ Beschimpfungen lassen Marisch erstarren – nur nicht noch mehr Aggression wecken.

Einmal sieht man nur Etas Hände mit pink bepinselten langen Nägeln etwas von einem Gebäck abbrechen: „Möchtest du was abhaben?“ Wirft sie ihrer Sklavin nun Bröckchen zu? Nein, dem Schoßhund. Zu den Arbeitsbedingungen befragt, sagt Eta, Marisch dürfe 20 Tassen Kaffee am Tag trinken, das sei anderswo nicht so. Etwas Mitgefühl zeigt nur einmal ein Kind der Familie, das nicht erträgt, dass Marisch auf dem Sofa schlafen muss, bis die Familie sie weckt. „Ich darf nicht im Bett schlafen wie ihr … Ich schlafe gut hier“, tröstet Marisch.

Durch Nahaufnahmen des erschöpften Gesichts und des schuftenden Körpers will Tuza-Ritter die Folgen von „Jahren der menschenunwürdigen Behandlung“ spürbar machen. Doch etwas verändert sich in dieser Zeit, Marisch hat plötzlich ein Gegenüber, das sie und ihr Leiden wahrnimmt. Sie fasst Vertrauen zu der jungen Frau, die ihr Leben dokumentieren will. Einmal blitzt in ihren Augen diebische Freude auf, als sie für sich und die Regisseurin Obst von einem Baum stibitzt. Die distanziert beobachtende Kamera wird empathisch, denn Marisch spricht immer mehr den Menschen dahinter an, verlangt Bestätigung („Verstehst du?“), führt mit ihrer von den vielen Zigaretten rauen Stimme einen Dialog, auf den sich die unsichtbar bleibende, um Zurückhaltung bemühte Regisseurin mit leiser, zarter Stimme zögerlich einlässt. Das gibt Marisch Mut, die Flucht zu planen. „Ich bin stark. Ich brauche nur jemanden an meiner Seite, der mir hilft.“ Und die Dokumentarfilmerin? Hilft. „Du weißt von nichts!“, fleht Marisch unter Todesangst.

Wieder eine Regisseurin, die alles falsch macht. Die in ihrem ersten Langfilm aus Mitleid mit ihrer Protagonistin mit den ehernen Regeln des Dokumentarfilms und der Reportage bricht. Wobei eine Kamera immer schon durch ihre Anwesenheit in das Geschehen eingreift. Auch der Dokumentarfilm „Sonita“, in dem die iranische Regisseurin Rokhsareh Ghaem Maghami eine afghanische Rapperin drei Jahre begleitet und schließlich ungeplant vor der Zwangsheirat rettet, handelt von Frauen (porträtierte und filmende), die nicht aktiv werden dürfen, aber sich selbst dazu ermächtigen. In „Eine gefangene Frau“ tauchen Männer ebenfalls nur ganz am Rande auf. Ein Mann soll auch in Marischs Zukunft keine Rolle spielen: „Was soll ich den bedienen?“

Wie „Sonita“ bekommt „Eine gefangene Frau“ Züge eines Escape-Thrillers. Marisch tritt ihre Flucht zitternd und weinend in der Nacht an. Später, auf der Reise ins Ungewisse, zeigt sie stolz ihren Besitz: Deo und Parfum. „Eta hat gesagt: ›Was brauchst du Parfum, du alte Schlampe?‹ Also habe ich ihres auch mitgenommen.“ Als Edita, die nun ihren Sklavennamen Marisch abgelegt hat, vom ersten Geld, das sie ausgibt, der Regisseurin ein Duschgel schenkt, gibt die gerührt ihre Zurückhaltung auf, die Kamera wackelt bei der Umarmung.

Beim Wiedersehen ist Edita wie verwandelt: Geschminkt wirkt sie verjüngt und aufgekratzt. Sie hat einen geregelten Job gefunden und arbeitet nun für sich und ihre ungeplant schwangere Tochter.

Edita hat sich nicht nur filmen lassen, um davonzukommen, sie tat es ganz bewusst, und sie reflektiert es im Film: „Ich hoffe, dieser Film wird zeigen, dass jeder Mensch es verdient, mit Respekt behandelt zu werden, auch wenn er alles verloren hat.“ Tuza-Ritter wünscht sich, dass Editas Kampf um Würde hilft, „die Existenz dieses gravierenden sozialen Missstands“, moderne Sklaverei mitten in Europa (laut Global Slavery Index gibt es übrigens 170.000 Fälle in Deutschland), vor Augen zu führen. Alles richtig gemacht.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Alles ist gut

(D 2018, Regie: Eva Trobisch)

Frau unter Druck
von Wolfgang Nierlin

Ein Paar kauft ein in einem Baumarkt, renoviert ein altes Bauernhaus irgendwo in Niederbayern auf dem Land. Schweigsam lösen Janne (Aenne Schwarz) und Piet (Andreas Döhler) die abgenutzten Tapeten ab. …

Ein Paar kauft ein in einem Baumarkt, renoviert ein altes Bauernhaus irgendwo in Niederbayern auf dem Land. Schweigsam lösen Janne (Aenne Schwarz) und Piet (Andreas Döhler) die abgenutzten Tapeten ab. Etwas ist vergangen, etwas Neues soll beginnen. Weil die beiden mit ihrem Verlag gescheitert sind, hängen sie jetzt beruflich in der Luft, aber auch ihre Beziehung scheint festgefahren zu sein. Janne und Piet sind ironisch miteinander, trinken zu viel Alkohol, haben Sex. Das alles wirkt nüchtern, eingespielt, lustlos. Der mögliche Übergang ins Neue scheint eher im Gewohnten zu verharren. In München, wo sie noch eine gemeinsame Wohnung haben, regeln sie die Details der Insolvenz, packen Kisten. Ins Triste der Abwicklung mischt sich ein Funken Hoffnung: Janne trifft Robert (Tilo Nest), bei dem sie früher als Babysitterin gearbeitet hat und der ihr jetzt eine Vertretungsstelle als Cheflektorin anbietet.

Es dauert eine Weile, bis Janne zum ersten Mal etwas sagt. Die junge Frau wirkt passiv, gelangweilt, auch ein bisschen resigniert. Sie verstellt sich, passt sich an, scheut Konflikte. Manchmal kann sie nur mühsam ihre Fassade aus Stärke und Unabhängigkeit aufrecht erhalten. Janne macht mit, auch wenn sie keine Lust dazu hat. Bei einem Klassentreffen geht sie aus sich heraus, trinkt wieder einmal zu viel, tanzt wild und ausgelassen zu Iggy Pops „Passanger“. Dann lädt sie den ebenfalls betrunkenen Martin (Hans Löw), den Schwager ihres zukünftigen Chefs, zum Übernachten ein. Der verdruckste, etwas unbeholfene, jetzt aber enthemmte Biedermann will mehr als Janne will. In der zweideutigen Situation kommt es zwischen Ernst und Spiel und Kontrollverlust zu einer Vergewaltigung, die Janne mit schwachem Widerstand über sich ergehen lässt. Sie möchte auch später, als Martin sich verschämt und reumütig entschuldigt, nicht viel Aufhebens davon machen: „Ich will gar nichts.“

Eva Trobisch konzentriert sich in ihrem nachhaltig beeindruckenden Spielfilmdebüt „Alles ist gut“ ganz auf ihre Protagonistin, deutet dafür Hintergründe nur an oder lässt sie im Unscharfen. Hinter Jannes scheinbar duldsamer Passivität steht das Selbstverständnis einer starken, unabhängigen Frau, das nicht nur durch den sexuellen Übergriff Risse bekommt. Ihr Freund Piet zeigt sich, frustriert von seiner prekären Situation, öfters gereizt, gekränkt und aggressiv. Während ihre Beziehung dem Scheitern entgegengeht, wächst der innere und äußere Druck auf Janne von allen Seiten. Verbunden mit einer allgemeinen Sprachlosigkeit, entsteht eine psychisch wirksame klaustrophobische Enge, deren zunehmende Intensität sich auf den Zuschauer überträgt. Im realistischen Setting von Eva Trobischs ungemein spannendem Film gibt es dafür keine Entlastung. Unter den Anzeichen von Jannes sich zögerlich artikulierendem Widerstand wird der Druck zum Schluss hin sogar noch erhöht.

Halloween

(USA 2018, Regie: David Gordon Green)

Die Fesseln der Vergangenheit
von Nicolai Bühnemann

Das eigentümliche Verhältnis des Films zu John Carpenters Meisterwerk, das 1978 das Sub-Genre des Teenie-Slashers begründete, kommt schon durch den Titel zum Ausdruck: „Halloween“ ohne jeglichen Zusatz lässt zunächst ein …

Das eigentümliche Verhältnis des Films zu John Carpenters Meisterwerk, das 1978 das Sub-Genre des Teenie-Slashers begründete, kommt schon durch den Titel zum Ausdruck: „Halloween“ ohne jeglichen Zusatz lässt zunächst ein – nach dem ziemlich gelungenen von Rob Zombie 2007 – weiteres Remake erwarten. Das ist der Film dann irgendwie auch, weil er an der narrativen Oberfläche der Geschichte von Michael Myers, der als Kind seine Schwester ermordete und Jahre später aus der forensischen Psychiatrie ausbrach, um an Halloween 1978 in der Kleinstadt Haddonfield mit der an das Gesicht von Captain Kirk-Darsteller William Shatner und dem Küchenmesser auf blutige Teenager-Jagd zu gehen, nicht allzu viel hinzuzufügen weiß (bzw. ist es bezeichnend, dass der Film gerade da seine schwächeren Momente hat, wenn er gegen Ende mit einem sonderbaren Sub-Plot um einen durchdrehenden Polizisten zu verkomplizieren trachtet, was bei Carpenter nicht zuletzt aufgrund seiner betörenden Einfachheit genre- und stilbildend war).

Andererseits ist er es dann aber eben auch wieder nicht. Denn nicht nur ist die Handlung in die Gegenwart verlegt, sondern in ihr taucht auch die Figur der Laurie Strode wieder auf, das berühmte final girl aus dem Original, das für die Darstellerin Jamie Lee Curtis der Beginn einer großen Karriere war, und nunmehr eine Frau um die sechzig, Mutter und Großmutter ist. Wenn etwa der Vorspann des Originals komplett übernommen und nur dahingehend verändert wird, dass der Kürbis am linken Bildrand zunächst eingefallen ist, sich im Verlauf dann aber wieder zu alter Pracht aufrichtet, als würden ihn die nervös flirrenden Synthesizer-Klänge von Carpenters berühmter Titelmelodie aufblasen wie einen Luftballon, sind solche straighten Retro-Gesten durchaus mit Vorsicht zu genießen, weil der Film weitaus mehr will, als ein einfaches Update eines Klassikers vorzunehmen. Vielmehr sucht er eine Art Kurzschluss zwischen filmhistorischem und psychologischem Diskurs, wenn er einerseits über das Genre reflektiert, das – wie in einer Art Wiederholungszwang – immer wieder die gleichen Geschichten variiert, und andererseits von Strodes Fixierung auf das Trauma der Halloween-Nacht 1978 handelt, nach der sie kein allzu glücklicher Mensch geworden ist: Geplagt von Alkoholproblemen und Paranoia, ist sie eine Waffennärrin, die viel Lebenszeit am Schießstand verbringt, unzählige Schlösser an ihrer Tür und eine Art Schutzbunker im Keller hat.

Dass die Gewalt des Genre-Kinos damit hier nicht einfach nur ein cooles device ist, sondern Narben auf den Seelen derjenigen hinterlässt, die sie miterleben mussten und ihr nur knapp entkommen konnten, ist Teil der Ernsthaftigkeit, mit der Green an seinen Film herangeht und die schon deshalb sehr begrüßenswert ist, weil das Slasher-Genre ja immer mal wieder droht, sich in (oft nur noch albernen) Selbstbespiegelungen totzulaufen. Das drückt sich auch in der Form des Films aus, dem es sichtlich darum geht, Intensität zu erzeugen, eine Atmosphäre des Unheimlichen und des Unbehagens zu kreieren, wenn etwa immer wieder in extremen Close-Ups nur einzelne Details von Gesichtern die Scope-Leinwand ausfüllen. Dabei driftet die Inszenierung manchmal gekonnt ins Surreale: Der Hof der Anstalt, in der ein ReporterInnen-Paar Myers am Anfang besucht, mit seinem weiß-weinroten Schachbrettmuster, das ihm in Obersicht gefilmt eine ziemlich sonderbaren Flächigkeit verleiht, und die nebelverhangene nächtliche Landstraße bei Myers Ausbruch aus dem Gefangenentransport, über die nun die Verbrecher wie Zombies wanken, sehen aus wie Orte nicht von dieser Welt.

Auch die Art der Referenzialität an das Original, die mitunter ein Publikum voraussetzt, das dieses bis in einzelne Einstellungen hinein erinnert, ist kein cleverer Selbstzweck, sondern Teil einer umgreifenden Reflexion über das Ikonische (nicht nur der Vorlage). Das findet sich nicht zuletzt in der Gegenüberstellung des – auf übrigens sehr interessante Weise – gealterten Gesicht Strodes, aus dem Charakter und Lebenserfahrung zu sprechen scheinen, mit der ewig gleichen Maske Myers. Wo die Zeit ihre Spuren an den Menschen hinterlässt, verändern sich popkulturelle Ikonen nur in den Bedeutungen, die ihnen gegeben werden, werden neu interpretiert. Seinen feminst Twist buchstabiert der Film in einer Szene schon eher etwas plump aus, in der ein männlicher Teenager seine sexuellen Wünsche denkbar unbeholfen auf Lauries Enkelin projiziert, dafür zunächst von ihr eine entschiedene Abfuhr erteilt bekommt, um sich wenig später durch Myers Hand auf das Gitter eines Tores gespießt zu finden.

Wesentlich interessanter, weil auch visueller, filmischer gedacht, sind dann eben bestimmte Einstellungen, in die Green Strode setzt oder nicht setzt, in denen bei Carpenter Myers war oder nicht war. Den Platz der Ikone einzunehmen, dient dabei nicht dazu, selbst zu einer zu werden – die natürlich auch Strode und Curtis irgendwie sowieso schon sind, aber für die sich der Film eben nicht als solche interessiert, sondern als Menschen – sondern darum, dem Ikonischen die Macht zu nehmen, die es über die Menschen gewinnt, durch die Angst, die sie vor ihm haben. Es geht am Ende nicht so sehr darum, dass das Böse vom Guten besiegt wird, sondern die Ikone vom Menschen, der dazu anerkennen muss, dass er nicht wie sie – in mehrfacher Hinsicht – unsterblich ist, aber für die begrenzte Zeit, die er auf dieser Erde hat, zum Subjekt werden kann, wo die Ikone letztlich immer Objekt ist, belebt nur durch die sich wandelnden Ängste und Wünsche, für die sie – sicherlich mal mehr, mal weniger, aber immer mindestens ein gutes Stück weit – als Projektionsfläche dient. Es ist dabei immer wieder die enge Verzahnung von Film und Figur, aus der „Halloween“ seinen letztlich beträchtlichen Reiz zieht, denn beide versuchen, den Fesseln der Vergangenheit zu entkommen. Wo der Film das Genre nicht zuletzt dadurch variiert, dass er die Befindlichkeiten einer alternden Frau ins Zentrum eines Slashers setzt, in dem sie bisher eher als – wahlweise schrullige, besorgte oder bigotte Nebenfigur ihren Platz hätte, hat seine Heldin nach vierzig Jahren endgültig die Schnauze voll davon, ein Opfer zu sein.

Die defekte Katze

(D 2018, Regie: Susan Gordanshekan)

Wie zwei Fremde
von Wolfgang Nierlin

Mina (Pegah Ferydoni) mag Fußball und Komödien. Die etwa 30-jährige Elektrotechnikerin aus der zentraliranischen Metropole Isfahan ist zudem selbstbewusst und emanzipiert genug, um ihr eigenes Geld verdienen zu wollen. Ihr …

Mina (Pegah Ferydoni) mag Fußball und Komödien. Die etwa 30-jährige Elektrotechnikerin aus der zentraliranischen Metropole Isfahan ist zudem selbstbewusst und emanzipiert genug, um ihr eigenes Geld verdienen zu wollen. Ihr zukünftiger Ehemann sollte deshalb einen ähnlichen Bildungsabschluss haben wie sie und möglichst ihre Interessen teilen. Mit einer traditionell arrangierten Ehe unter Mitwirkung eines Heiratsvermittlers will es deshalb nicht recht klappen. Auch die Blind Dates, mit denen der Anästhesie-Arzt Kian (Hadi Khanjanpour) in München auf Partnersuche ist, bringen nicht den gewünschten Erfolg. Seine pragmatische Nüchternheit lässt sich kaum mit den romantischen Vorstellungen seiner Gegenüber verbinden. Obwohl in Deutschland sozialisiert, ist Kian in den Traditionen seiner iranischen Herkunftsfamilie verwurzelt. Und so entscheidet schließlich auch er sich für eine arrangierte Ehe.

Susan Gordanshekan erzählt in ihrem Langfilmdebüt „Die defekte Katze“ diese Exposition mittels einer Parallelmontage, so dass es nicht verwundert, wenn ihre beiden Protagonisten vier Monate später ein verheiratetes Paar sind. Minas Ankunft im fremden Land wird trotz ungewohnter Freiheiten freilich von kleineren und größeren kulturellen Unterschieden irritiert. Der umsichtige, stets rücksichtsvolle Kian versucht diese Unsicherheiten, die nicht zuletzt auch sprachliche sind, sanft abzufedern. Dabei merkt er nicht, dass er seine freiheitsliebende, lebenshungrige Frau insgeheim dominiert. Diese findet keine Arbeit und sucht Abwechslung in einem Schwimmbad oder beim Tanzen in der Diskothek. Vor allem aber kauft sie sich eine eigenwillig „unangepasste“ Katze mit einem „Gendefekt“, die auf Kian unheimlich wirkt und die bald zum Sinnbild der kriselnden, wenig geerdeten Beziehung der „Zweckverheirateten“ wird.

Einmal, mitten im Prozess ihrer langwierigen Annäherung, sagt Kian: „Wir sind zwei Fremde.“ Beide stecken in ihren unterschiedlichen Erwartungen und Ansprüchen fest, die paradoxerweise bei dem im Westen aufgewachsenen Kian traditioneller ausgerichtet sind als bei der verhalten neugierigen Mina. Ihr Fremdheitsgefühl und ihre geheimen Wünsche werden aber nicht rationalisiert; stattdessen grundieren sie subtil die Bilder des behutsam erzählten Films. In einer Traumsequenz begegnet sich das Paar, festlich angezogen, unter Wasser im Schwimmbad. In diesem Bild steckt die ganze Ambivalenz einer Nähe, die gleichzeitig in einer schier unüberwindlichen Distanz gefangen ist. Susan Gordanshekan, selbst Tochter iranischer Einwanderer, lotet in ihrer „umgekehrten Liebesgeschichte“ diesen Abstand kenntnisreich und differenziert aus. Und sie findet schließlich eine schöne Wendung, um das Ende einer scheinbar unmöglichen Beziehung in die Hoffnung eines Neuanfangs münden zu lassen.

Sweet Country

(AUS 2017, Regie: Warwick Thornton)

Outback & Outlaws
von Christian Kaiser

Sergeant Fletcher steht mit der Bardame im Saloon, während hinter ihnen eine bestrahlte Freiluftkino-Leinwand durch Tür und Fenster zu sehen ist. Es läuft der heute nur noch fragmentarisch erhaltene „The Story of …

Sergeant Fletcher steht mit der Bardame im Saloon, während hinter ihnen eine bestrahlte Freiluftkino-Leinwand durch Tür und Fenster zu sehen ist. Es läuft der heute nur noch fragmentarisch erhaltene „The Story of the Kelly Gang“ (AUS 1906; Regie: Charles Tait), der nicht nur mit über 1200 Metern Länge als erster Langspielfilm der Kinogeschichte in ebendiese eingegangen ist, sondern seinerzeit immer wieder Kontroversen auslöste: Glorifiziert ein epischer Spielfilm über die Abenteuer eines berüchtigten Outlaws nicht die Kriminalität?

Seit „The Great Train Robbery“ (USA 1903; Regie: Edwin S. Porter) in George P. Cosmatos‘ „Tombstone“ (USA 1993) zu sehen war, hat kein Western mehr einem frühen Stummfilm-Western soviel Raum gestattet. Und es ist kein Zufall, dass gerade dieser – fast schon wie eine avantgardistische Rückprojektion eingesetzte – Film zu sehen ist und von den Städtern lautstark gefeiert, vom Sergeant jedoch verschmäht und zu einem vorzeitigen Ende gebracht wird. Denn „Sweet Country“, der australische Western, der aus den vielen Erzählungen der Vorfahren der Filmemacher eine exemplarische Geschichte des Rassismus kondensiert, handelt auch vom Auseinanderklaffen von Rechtsprechung und Rechtsempfinden.

Der Aborigine Sam Kelly erschießt in Notwehr einen weißen Mann: Harry Marsh hatte sich Sam als Arbeitskraft vom gutmütigen Prediger Fred Smith entliehen, Sam samt Frau und Nichte für sich arbeiten lassen, die Frau vergewaltigt und schließlich alle davongejagt. Später wird er den Sohn seines Kumpanen Mick Kennedy für sich arbeiten lassen, den dieser mit einer Aborigine-Frau gezeugt hatte. Statt väterlicher Fürsorge, die nur selten durchblitzt, überwiegen Beschämung und Verachtung, was sich auch in körperlicher Züchtigung niederschlägt. Harry Marsh, nach seinem Kriegsdienst und durch regelmäßigen Alkoholgenuss unberechenbar geworden, misshandelt den Jungen seinerseits, was diesen zur Flucht auf das Gut des Predigers treibt. Doch Smith ist abwesend, bloß Sam Kelly samt Gattin sind zugegen. Und über sie bricht Harry Marshs Wut herein, die Sam letztlich in Notwehr mit Waffengewalt beenden muss. Als Aborigine, der einen Weißen umgebracht hat, muss Sam mit seiner Frau, in welcher längst das Kind des Peinigers heranwächst und die Flucht erschwert, ins Outback fliehen. An ihre Fersen heften sich neben Fred Smith, der Sam lebend wiedersehen möchte, Mick Kennedy sowie der fanatische Sergeant Fletcher samt Gehilfe.

Sehr geruhsam wird diese abenteuerliche Flucht geschildert. In langen Aufnahmen widmet sich die Kamera der Weite des Raums, während die Montage (unter indirekter Berufung auf die Traumzeit) die Chronologie untergräbt und Szenen aus der Vergangenheit – und vor allem aus der Zukunft – in das Geschehen integriert. Vermessen wirken vor diesem Hintergrund Fanatismus und Überheblichkeit der weißen Männer, die sich zum Maß aller Dinge machen und alles Fremde abwerten. Im Gegensatz zu ihnen scheint sich Sam Kelly der Umgebung anpassen zu können. Als Sergeant Fletcher sich – längst auf sich allein gestellt – in den Weiten einer Salzwüste verirrt und zu verdursten droht, tritt der gesuchte Sam Kelly gesund und kräftig wie eh und je an ihn heran, versorgt ihn mit Trinkwasser und zieht mit den Waffen des Verfolgers wieder davon. Erst die voranschreitende Schwangerschaft seiner Frau nötigt ihn zur Rückkehr. Auch im Vertrauen auf den gütigen Gott seines gütigen Arbeitgebers Fred Smith stellt er sich einem Prozess.

Doch der hinzukommende Richter, der erst einmal einen improvisierten Gerichtssaal im Freien der kleinen Stadt errichten lassen muss (wobei die Leinwand, auf welcher einst der Outlaw-Film lief, nun als Decke herhält), ist so wenig angesehen wie die Aborigines. Man solle den Angeklagten und den Richter gleich mit diesem aufhängen, so raunt es aus der Menge der Schaulustigen, während der Galgen bereits aufgebaut wird. Wie die meisten Anti-Rassismus-Dramen im historischen Setting verweigern auch Warwick Thornton und seine Autoren dem Publikum ein Happy End. Hier jedoch wird der Angeklagte freigesprochen, was auch Sergeant Fletcher akzeptiert. Erst Selbstjustiz erfüllt im Anschluss und einige Meilen entfernt den Willen der Bevölkerung.

Sam Kelly ist nicht von ungefähr ein Namensvetter von Ned Kelly aus dem bereits erwähnten Stummfilmklassiker „The Story of the Kelly Gang“: Sie beide sind von ihrer Umgebung drangsaliert worden, Sam als Aborigine unter Weißen, Ned als Nachfahre von Iren, die man in die australische Sträflingskolonie deportiert hatte. Doch während der weiße Outlaw trotz der Nachstellung, Verurteilung und Hinrichtung durch das Gesetz zumindest bei Teilen der Bevölkerung zum Volkshelden avancierte, stellt sich der Aborigine Sam Kelly friedlich und rechtschaffen, wird freigesprochen, aber vom Volkszorn überrollt. Er, die fiktive Konzentration ganz realer, anonymer Vorbilder, erntet aber auf der Kinoleinwand jene Bewunderung, die auch Ned Kelly bei der Filmaufführung innerhalb des Films zuteil wird. Insofern ist diese Aufarbeitung australischer Geschichte ebenso bedeutsam wie gelungen.

Ava

(FR 2017, Regie: Léa Mysius)

Aufbruch aus der Kindheit
von Wolfgang Nierlin

Ava (Noée Abita) wird allmählich erblinden. Als die 13-Jährige mit den glutvollen Augen am Beginn der Sommerferien diese schreckliche Diagnose erhält, zieht sie sich wie ein verwundetes Tier zurück. Ihre …

Ava (Noée Abita) wird allmählich erblinden. Als die 13-Jährige mit den glutvollen Augen am Beginn der Sommerferien diese schreckliche Diagnose erhält, zieht sie sich wie ein verwundetes Tier zurück. Ihre instinktive Abwehr dieser schlimmen Wahrheit ist geradezu körperlich. Wie geht ein junges Mädchen in den Jahren seines Erblühens, des körperlichen und seelischen Reifens, damit um? Während um Ava herum die Farben des Sommers an einem Strand der französischen Atlantikküste an Intensität gewinnen, könnte der einsetzende Kontrast zwischen Licht und Dunkelheit kaum größer sein. Ava will dem Unheil trotzen: Mit „Abhärtungsübungen“, bei denen sie sich die Augen verbindet, trainiert sie ihre anderen Sinne. Derart gehandicapt, klettert sie auf ein Dach und badet nackt im Meer. Und sie freundet sich mit einem großen, schwarzen Hund an. Dieser Sommer soll schön werden.

Doch zunächst malt Ava schwarze Kreise, die von Tag zu Tag breiter werden und die sie an ihrer Zimmerwand aufhängt. „Die Finsternis gewinnt“, schreibt sie in ihr Tagebuch, mit dem sie ihre Erinnerungen retten will. Oder auch: „Ich bin dunkel und unsichtbar.“ Nachts wird sie von furchtbaren Alpträumen heimgesucht, in denen sich der ganze Horror ihrer tiefen Empfindsamkeit verdichtet. Gegenüber ihrer Mutter Maud (Laure Calamy), deren ungenierter Lebenshunger bei Ava Schamgefühle auslöst, bezeichnet sie sich einmal als „bösartig“ und gefühllos. „Ich wünsche“, bedeute ihr Name, sagt Ava; doch sie wisse nicht, was sie sich wünschen soll. Bis sie, geführt von dem Lupo getauften Hund, den Roma-Jungen Juan (Juan Cano) kennenlernt, der, verstoßen von seiner Familie, in einer Bunkerruine am Strand lebt.

Die Wirren der Jugend, die Abnabelung von einer dominanten Mutter und das sexuelle Erwachen der jugendlichen Heldin sind in Léa Mysius‘ beeindruckendem Spielfilmdebüt „Ava“ mit einem gleich mehrfach konnotierten Auf- und Umbruch verschränkt. Souverän und fast unmerklich inszeniert die junge französische Regisseurin diesen Übergang auch als einen Wechsel zwischen Wirklichkeit und Traum, in den sich märchenhafte Elemente mischen. Bis sich schließlich ihr körperlich-sinnlicher Coming-of-Age-Film in ein wildes, romantisches Roadmovie verwandelt. Zusammen unterwegs und auf der Flucht, katapultieren sich Ava und Juan förmlich in ein anarchisches Liebesabenteuer, das so irreal wie wahr ist.

In einer der schönsten Szenen überfallen die beiden, nackt und mit Lehm beschmiert, ahnungslose Nudisten. Mit vorgehaltenem Gewehr rauben und stehlen sie deren spärliche Habe. Dabei strahlt der Himmel in einem betörend tiefen Blau. Und Sharon Jones singt aus dem Off mit kraftvoller Soulstimme: „She ain’t a child no more!“

Eye on Juliet

(CAN/FR/MA 2017, Regie: Kim Nguyen)

Liebe 4.0: Arbeitsversion
von Jürgen Kiontke

Auch im Kino der Liebe hat die Zukunft begonnen. Das ist kein Wunder, denn die beiden bedingen einander: Liebe vergibt per se einen Kredit auf die Zukunft, immer und für …

Auch im Kino der Liebe hat die Zukunft begonnen. Das ist kein Wunder, denn die beiden bedingen einander: Liebe vergibt per se einen Kredit auf die Zukunft, immer und für ewig. Die zwei, die sich kriegen, werden ab nun gemeinsam planen. Haus, Kind, Karriere, gemeinsamer Lebensabend. Schön wär’s, denn flüchtig ist sie auch. Von der Liebe wird man bipolar.

Eine Film-Liebe hält rund 90 Minuten. Wer sie erzählen will, muss sich was einfallen lassen. Im Kino hat sich sogar schon der Müllroboter ins iPhone verliebt. Ken Nguyen, der Regisseur des Films „Eye on Juliet“, entwirft ein Liebesszenario auf der Höhe der Zeit. Sein Romeo heißt Gordon (Joe Cole), er steuert in einem düsteren Bürogebäude irgendwo in den USA eine Drohne. Ein potthässliches, veraltetes krebsartiges Ding mit sechs Beinen. Eine Schrottgeburt. Gordon bewacht damit eine Pipeline im Auftrag eines Sicherheitsdienstleisters, wiederum irgendwo, diesmal in Nordafrika. Gordons Leben dreht sich um Robotik-Messen, Soziales liegt ihm nicht so. Gerade wieder einmal hat die Freundin Schluss gemacht. Der Kollege installiert ihm Tinder aufs Handy; Aber die Frauen, die er kennen lernt, bleiben ihm fremd. Er ihnen auch. Das Naheliegende ist das Fernste zugleich: Mit seiner Drohne, die Arabisch spricht, sieht er sich dann eben auf der Arbeit nach Bekanntschaft um. Zufällig belauscht er die junge Ayusha (Lina El Arabi), die sich mit ihrem Freund Karim (Faycal Zeglat) in der Wüste an Gordons Ölleitung trifft. Sie soll mit einem älteren Mann verheiratet werden, mit Karim schmiedet sie Fluchtpläne. Gordon kennt nur Computerspiele, macht sich per Drohne auf ins Leben. Als Avatar unterwegs in der wirklichen Welt mit wirklichen Leuten – das ist spannend. Sofort will er helfen, man muss sich den Drohnenpiloten als guten Menschen vorstellen. Als sehr guten, sogar: Denn gottgleich allwissend agiert er, ein wunderbares Machtgefühl. Er kann und will die Zukunft der beiden steuern, ist Überwachungsstaat im Sorgemodus. Und es soll noch echter werden: Durch einen nächtlichen Unfall Karims gerät er selbst in die Rolle des Liebhabers: Und sieht Ayusha nicht aus wie meine Ex?

Regisseur Nguyen bezeichnet seinen Film als „utopische Träumerei, die Mauern der Technologie und des Glaubens zu stürzen, die unsere Welt auf so viele Arten spalten“. Dafür findet er wunderbare Bilder. Er nimmt sich Platz dafür, gern außerhalb des Plots: So hilft Gordons Drohne einem blinden Mann, der sich in der Wüste verlaufen hat, auf die Straße zurück. Sie gehen ein Stück gemeinsam, der alte Mann gibt ihm Lebenstipps:

– Blinder: Handys lassen die Armen verhungern, junger Mann. Die Technologie ist der Ursprung aller Probleme.
– Drohne: So habe ich das noch nie gesehen.
– Blinder: Ich habe auf alles eine Antwort. Deswegen habe ich auch keine Freunde.

Gordon hat niemanden in seinem Umfeld, der so mit ihm reden könnte. Freunde hat auch er nicht, und nicht mal Antworten. Gordons Drohne geht auch ins Café und quatscht die Leute voll – Maschine und Film erlauben Diskurse über soziale Diskurse.

Nicht zuletzt verarbeitet Nguyen auch Themen wie Energie und Migration: Karim, ein unbescholtener LKW-Fahrer, gerät unter die Benzin-Schmuggler. Das Geld, das sie ihm bieten, braucht er dringend für die Flucht mit Ayusha nach Europa. Und er entlarvt den Sicherheitsdiskurs als profitträchtige Strategie abgehalfterter Militärs: die ihren Auftraggebern ständig Bedrohungsszenarien simulieren müssen, um im Geschäft zu bleiben. Ein intelligenter, wunderschöner, ein politischer Film. Mit einer beruhigenden Botschaft: Die Liebe kann uns auch künftig dort begegnen, wo wir sie nicht vermuten. Sie findet ihren Weg auch noch und trotz Technologie, die die beunruhigende Wurzel allen Übels ist.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Futurzwei 09/2018.

Menashe

(USA 2017, Regie: Joshua Z. Weinstein)

Zwischen Enge und Hoffnung
von Wolfgang Nierlin

„Es ist ein Kampf“, sagt Menashe (Menashe Lustig) einmal über seinen schweren Alltag in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York. Seit dem Tod seiner Frau Leah lebt ihr gemeinsamer …

„Es ist ein Kampf“, sagt Menashe (Menashe Lustig) einmal über seinen schweren Alltag in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft in New York. Seit dem Tod seiner Frau Leah lebt ihr gemeinsamer Sohn Rieven (Ruben Niborski) in der Familie seines Onkels Eizik (Yoel Weisshaus), der meint, dass der etwas chaotische, aber herzensgute Menashe erst noch „ein Mensch werden“ müsse. Tatsächlich ist der Witwer öfters überfordert und gestresst, für seine engagierte Arbeit in einem koscheren Supermarkt wird er schlecht entlohnt und mit seinen offen abweichenden Ansichten eckt er in der chassidischen Gemeinde von Brooklyn immer wieder an. Denn deren Traditionen, Vorschriften und Rituale regeln und gestalten das Leben des einzelnen. Für Menashe bedeutet das, dass er erst eine Frau finden muss, damit er mit seinem schmerzlich entbehrten Sohn wieder zusammenlebend darf.

Der Fotograf und Dokumentarfilmer Joshua Z. Weinstein gestaltet diesen Konflikt zwischen Individuum und Gemeinschaft auf sehr realistische und authentische Weise. Mit Laien, die sich mehr oder weniger selbst spielen, unter den Haredim des Viertels Borough Park auf Jiddisch gedreht, bietet sein Film einen ebenso vielfältigen wie intimen Einblick in eine fremde, nahezu abgeschlossene Welt. Mit eindrücklichen Straßenbildern und Innenansichten vom jüdischen Leben schafft Weinstein eine dichte Atmosphäre. Zugleich reflektieren die an ihren Rändern verschatteten, wie mit versteckter Kamera gedrehten Aufnahmen die Enge, die der Protagonist im Zentrum des Films als eine Form der Gefangenschaft empfindet.

Das Gefühl der Einschränkung und Beschränkung des Individuums bleibt aber ambivalent. Zwar ringt der Titelheld, dessen „einziger Trost“ sein Sohn ist, um Anerkennung wider die überkommenen Traditionen der Glaubensgemeinschaft; trotzdem ist es andererseits die Gemeinde, die ihn auffängt und trägt. Weinstein zeigt deren Vertreter ganz unorthodox und ungeschminkt mit ihren alltäglichen Problemen und Rangeleien, mit ihren Schwächen und allzu menschlichen Tricks, aber auch mit ihren Freuden, gemeinschaftlichen Ritualen und in ihrem Zusammenhalt. Sein mit genauen Beobachtungen aufwartender Film über eine Vater-Sohn-Beziehung unter schwierigen Bedingungen führt schließlich (symbolisch) eher dezent zu einer Verschiebung der Perspektive, vielleicht zu einer leisen Hoffnung, gar einer Neugeburt.

The Woman Who Left

(PHL 2016, Regie: Lav Diaz)

"There's no place for us"
von Nicolai Bühnemann

Zur schwarzen Leinwand, auf der die Credits zu lesen sind, spricht die Stimme einer Nachrichtensprecherin aus dem Radio: Sie erzählt, dass das Jahr 1997 ist und die einstige englische Kronkolonie …

Zur schwarzen Leinwand, auf der die Credits zu lesen sind, spricht die Stimme einer Nachrichtensprecherin aus dem Radio: Sie erzählt, dass das Jahr 1997 ist und die einstige englische Kronkolonie Hongkong gerade an China zurückgegeben wurde. In den Philippinen verbreitet derweil eine Welle von Entführungen, die, so heißt es wörtlich, geradezu epidemische Züge angenommen hat, unter der philippinisch-chinesischen Wirtschaftselite Angst und Schrecken. Wenn das Bild einsetzt, bricht die Stimme nicht ab, wird aber eher zu einer Art Hintergrundrauschen für die eigentliche Geschichte des Film, in dem es als solches auch später immer wieder auftaucht. Es scheint dabei letztlich weniger um die Setzung eines historischen Kontextes zu gehen, als vielmehr um eine Grundierung der Geschichte mit der Gewalt im Großen, ihren organisierten Formen, in einem Film, der nicht zuletzt von der alltäglichen Gewalt im Kleinen handelt. Beides scheint sich in der ersten Einstellungen des Films in einem Schwarzweiß, dessen Kontraste sich im Licht der Tropen geradezu aufzulösen scheinen, und die Frauen zeigt, die in einem Straflager auf dem Feld arbeiten, zu durchdringen, indem Machtverhältnisse sichtbar gemacht werden, die die Figuren des Films sehr direkt betreffen, aber auch auf größere Zusammenhänge verweisen: die einen haben Spitzhacken, die anderen Maschinenpistolen.

Seit dreißig Jahren sitzt Horacia (Charos Santos-Concio) in diesem Lager und ist bei ihren Mitinsassinnen sehr beliebt. Die Art, wie sie den Kindern Unterricht gibt und ihnen Geschichten vorliest (und der beiläufigen Art, mit der Lav Diaz das filmt), scheint dieser Solidargemeinschaft der Eingesperrten fast so etwas wie Geborgenheit zu spenden. Nun erfährt Horacia, dass sie freigelassen wird, weil die Umstände des Mordes, den ihr Ex-Freund Rodrigo Trinidad (Michael de Mesa) ihr aus Eifersucht angelastet hat, geklärt wurden. Sie fährt nun in die Stadt auf der westphilippinischen Insel Mindoro, wo Rodrigo lebt. Während sie mit ihren Wünschen nach Rache für ihr vergeudetes Leben ringt, freundet sie sich hier mit einer Reihe von Marginalisierten an, um die sie sich zu kümmern beginnt. Wie zu Beginn im Gefängnis kreiert der Film hier einen weiteren kleinen sozialen Kosmos, in dem die Menschen füreinander da sind, ohne dass dabei ein Hauch von Sozialromantik aufkommen würde. An den düsteren Straßenecken beschäftigt sich ein Mann, der Balut verkauft, mit den ganz großen Fragen nach der Existenz Gottes oder erzählt betont beiläufig von traumatischen Erlebnissen mit sexualisierter Gewalt, die er im Gefängnis erleiden musste. Eine Frau, die interessanteste der Nebenfiguren des Films, zieht beladen mit Tüten durch die Stadt. Dämonen sind sie für die die Reichen und ihre Leibwachen, die sie immer wieder vertreiben.

Schließlich ist da die transsexuelle Prostituierte Hollanda (John Lloyd Cruz), unter den Geschöpfen der Nacht des Films das verlorenste und verletzlichste. Wie eine Schimäre tanzt sie im schummrigen Licht der Straßenlaternen. Dass sie dabei immer wieder durch epileptische Anfälle zu Boden geht, mag den ständigen Abgrund verdeutlichen, an dem sie sich bewegt. Kontinuierlich sieht sie sich gewalttätiger Übergriffe von Männern ausgesetzt, deren Verachtung sie längst verinnerlicht hat, sodass sie dem eigenen Leben kaum noch einen Wert beimisst. Als sie sieht, wie sie nachts auf der Straße einen ihrer Anfälle hat, nimmt sich Hoaracia ihrer an, pflegt ihre ständig neuen Blessuren, kümmert sich darum, dass sie ärztliche Hilfe bekommt. Dabei scheint diese Begegnung auch für Horacia schicksalhafte Züge anzunehmen, denn in ebender Nacht als Hollanda vor ihrer Tür stand, wollte sie, so gesteht sie ihr später, losziehen, um Rache an Rodrigo zu nehmen – was Hollanda schließlich auf einen eigenen Plan bringt.

Dass man diese Geschichte wohl auch als Genrefilm irgendwo zwischen Melodram und Film Noir erzählen könnte, ist für den Film, der „The Woman who left“ dann tatsächlich geworden ist, durchaus von Bedeutung. Das Genre muss als Möglichkeit mitgedacht werden, dessen kathartischen Lösungsansätzen Lav Diaz sich dann aber radikal verwehrt. Das kommt insbesondere in der Strenge der Form zum Ausdruck: Die Kamera fängt das Geschehen in komplett statischen Totalen ein, wobei die einzelnen Szenen oft nur in einer einzigen Einstellung aufgelöst werden, Close-Ups gibt es keine, extradiegetische Musik auch nicht. Der Blick der Kamera ist dabei allerdings nur rein äußerlich ein distanzierter. Seine Teilnahme drückt sich in der Zeit aus, die der mit 220 Minuten wohl nur für Lav Diaz-Verhältnisse kurze Film, bei dem der Regisseur auch für Drehbuch, Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnete und als Co-Produzent fungierte, den Figuren gibt, um miteinander interagieren zu können, ohne dass die Inszenierung dabei durch die Hervorhebung von Details durch Kamerabewegungen oder Schnitte eingreifen würde. Indem er ihren Gefühlen Raum lässt, sich zu entfalten, scheint Diaz seinen Figuren zugleich etwas von der Würde zurückgeben zu wollen, die die Verhältnisse ihnen ziemlich gründlich austreiben. Tränen fließen viele ob der Verzweiflung der Figuren über ihr Schicksal, das dabei immer klar als gesellschaftlich determiniertes zu erkennen ist, ohne dass der Film es dabei doch je zum Allgemeinen erheben und es so von den Menschen abstrahieren würde, denen es widerfährt. So geschlossen wie der Film formal auch wirken mag, scheint er inhaltlich zumindest dahingehend eine gewisse Offenheit zu besitzen, dass ihm die Fragen, die er um den Komplex von Moral, Schuld, Vergeltung oder Vergebung aufwirft – und immer wieder auch explizit christlich grundiert – wichtiger sind, als definitive Antworten auf sie zu finden.

In der schönsten Szene des Films dürfen Horacia und Hollanda lange gemeinsam im Wohnzimmer tanzen und dazu auf Englisch ein Lied singen. Als nächstes schlägt Horacia vor, „Somewhere“ aus der „West Side Story“ (Jerome Robbins, Robert Wise, 1961) anzustimmen. Einerseits scheint sich die Sehnsucht, die in dem Lied zum Ausdruck kommt, dass es irgendwo einen Platz für sie gibt, hier (wenn auch nur für sehr kurze Zeit) in dem Moment, in dem sie artikuliert wird, auch gleichzeitig zu erfüllen, weil die beiden Frauen nun ganz ausgelassen sie selbst sein dürfen. Andererseits möchte Hollanda dann lieber etwas anderes singen, was auch als Indiz dafür gelesen werden kann, dass sie sich so daran gewöhnt hat, „falsch“ zu sein, dass ihr schon der Gedanke an einen Ort, wo sie es nicht ist, Unbehagen bereitet. Gleichzeitig wird die Absage ans Genre-Kino des Films damit gewissermaßen aus dem Mund der Figur expliziert.

Darum, dass es diesen Ort eben nicht gibt, auch für Horacia nicht, die Frau, die dazu verdammt scheint, gehen zu müssen, obwohl die Leute sie mögen, wo sie auch hinkommt, geht es Diaz dann schließlich. Als Hollanda eines Nachts verschwindet, scheint Bewegung in den Film zu kommen, die sich schon darin ausdrückt, dass die Kamera nun das einzige Mal vom Stativ genommen wird, um sich suchend durch eine dunkle nächtliche Gasse und über einen Strand zu bewegen. Eine Bewegung, die letztlich nirgendwo hinführt, wie auch die der Hauptfigur, von der schon der Titel kündet, die sich aber schließlich in der erdrückenden letzten Einstellung nur noch im Kreis dreht, nichts und niemanden mehr finden kann, sondern sich nunmehr endgültig selbst verloren zu haben scheint.

Mit der Verfügbarkeit der stets überlangen Filme Lav Diaz‘, der sich auf den großen Filmfestivals dieser Erde längst einen Namen als einer der interessantesten und eigenwilligsten Auteurs unserer Zeit gemacht hat, auf Heimmedien, ist es bislang – nicht nur in Deutschland – schlecht bestellt. Umso löblicher, dass absolut Medien nach „Norte – The End of History“ nun auch „The Woman Who Left“ hierzulande auf DVD veröffentlicht hat.

Glücklich wie Lazzaro

(IT/AU/FR/D 2018, Regie: Alice Rohrwacher)

Einbruch des Märchenhaften
von Philipp Schwarz

Alice Rohrwachers „Lazzaro Felice“ dreht sich um einen plötzlichen Einbruch des Märchenhaften (oder des Mythischen oder des Religiösen, je nachdem, welche Prägung man bevorzugt) in den normalen Lauf der Welt. …

Alice Rohrwachers „Lazzaro Felice“ dreht sich um einen plötzlichen Einbruch des Märchenhaften (oder des Mythischen oder des Religiösen, je nachdem, welche Prägung man bevorzugt) in den normalen Lauf der Welt. In diesem Einbruch offenbart sich jedoch nicht eine andere, irgendwie tiefere oder gar transzendente Wirklichkeit, sondern er vollzieht sich als ein bloßer Sprung, durch den sich eine Lücke im gewohnten, sonst so engmaschigen Netz aus Raum und Zeit auftut. Das Transzendente ist in „Lazzaro Felice“ nicht ein ausgeformtes Bild, in dem sich die Sehnsucht nach einer Flucht aus der Welt oder nach deren Auflösung in einer gänzlich anderen Ordnung bündelt, sondern es ist ein in sich eigenschaftsloser Prüfstein, ein stiller Fremdkörper, an dem sich die Welt immer wieder aufs Neue beweisen muss.

Diese Bewährungsprobe, der die Welt in „Lazzaro Felice“ unterzogen wird, nimmt seinen Ausgang auf einem italienischen Landgut, auf dem mehrere Familien auf engstem Raum zusammenleben – in der Illusion, sie seien immer noch Leibeigne, über deren Arbeit und gesamtes Leben die Gräfin des Guts frei verfügen darf. Inmitten des engen, lebendigen Knäuels aus Vätern, Töchtern, Müttern und Onkeln lebt der stille Lazzaro, nicht ganz Teil der Familie (Eltern hat er scheinbar keine, nur eine Großmutter gibt es noch) und doch deren ruhendes Kraftzentrum. Aber Rohrwacher verharrt nicht bei dem Lügengebilde, das die ständische Vergangenheit Italiens über ihren geschichtlichen Tod hinaus am Leben halten soll: Irgendwann bricht der Film plötzlich auf, verwebt die sozialen Strukturen des ländlichen Raumes mit den härteren Lebenswelten der Stadt, lässt die unwissende Jugend in ein durch Enttäuschungen reicheres Erwachsensein münden und wechselt dabei frei und souverän zwischen melancholischem Pathos und unaufdringlicher Komik.

Diese gestalterische und inhaltliche Vielfältigkeit sortiert sich in „Lazzaro Felice“ nie zu allzu klaren und einfachen Gegenüberstellungen, vielmehr bleiben die gegenläufigen Motive und Bezüge immerfort auf instabile Art und Weise miteinander verschränkt. Die Welt, die „Lazzaro Felice“ anhand von taktilen, wie von einem heftigen inneren Drängen belebten Bildern darstellt, sie schart sich um Lazzaro wie um eine Erscheinung, wie um ein Fabelwesen, wie um einen Heiligen – in dem Wissen, dass sich an diesem stillen Antlitz ihr eigenes Schicksal entscheiden wird.

Cobain

(NE/BE/D 2017, Regie: Nanouk Leopold)

Liebe ist stärker als der Tod
von Wolfgang Nierlin

„Wer ist schon gern einer, der sich in den Kopf geschossen hat?“, fragt Cobain (Bas Keizer) einmal rhetorisch in Anspielung auf seinen berühmten, tragisch gestorbenen Namensgeber von der Grunge-Band Nirvana. …

„Wer ist schon gern einer, der sich in den Kopf geschossen hat?“, fragt Cobain (Bas Keizer) einmal rhetorisch in Anspielung auf seinen berühmten, tragisch gestorbenen Namensgeber von der Grunge-Band Nirvana. Weil seine Mutter eine heroinabhängige Drogensüchtige ist und sich nicht um den Jungen kümmern kann, wohnt der 15-Jährige in einer Rotterdamer Jugendeinrichtung. Der schweigsame, in sich gekehrte Außenseiter vermisst Mia (Naomi Velissariou), die wieder schwanger ist, in einer Junkie-Kommune lebt und sich weigert, Verantwortung zu übernehmen: „Ich bin ich und du bist du; und wir sind beide okay“, weist sie ihren Sohn zurück. Jetzt soll Cobain in einer wohlmeinende, engagierte Pflegefamilie aufs Land ziehen, doch er hält es dort nicht aus, flüchtet zurück in die Stadt, wo er Unterschlupf und Arbeit beim Zuhälter Wickmayer (Wim Opbrouck) findet: „Du siehst aus wie ein Hund, der ein Herrchen sucht.“

Die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold verknüpft in ihrem neuen Film „Cobain“ die unsichere Suche eines jugendlichen Unbehausten nach Geborgenheit mit einer klassischen Adoleszenzgeschichte. Sein Erwachsenwerden bleibt dabei stets ambivalent: Cobains Ringen um einen Platz im Leben wirkt vorläufig, prekär und ungewiss. Wenn er seine labile Mutter trifft, gibt es fast nie ein beiderseitiges Bemühen um den jeweils anderen. Immer stoßen sie sich wechselseitig ab, verweigern sie sich einander. Die dynamische Handkamera von Frank von den Eeden, die ihren Blick stets auf die Hauptfigur heftet, umkreist diesen Raum aus Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung. Sie bewegt sich scheinbar fließend, tatsächlich aber in einer von der Montage aufgebrochen, leicht verschobenen Kontinuität zwischen den Blicken und Worten; und hält immer wieder inne für langgedehnte, stimmungsvolle Momente voller Melancholie, Verzweiflung oder auch hoffnungsvollem Vertrauen.

Ein solcher, der Zeit enthobener Moment der wiedergewonnenen Nähe zwischen Sohn und Mutter entsteht, wenn Cobain die Hochschwangere auf einer Vespa zu einem entlegenen Haus im Wald bringt. Ins Blau der Abenddämmerung getaucht, atmet diese Szene einen Hauch ewiger Geborgenheit, auch wenn das Refugium der Zweisamkeit nur temporär sein kann. „Ich sorge für dich, ich will dir helfen“, sagt Cobain voller Sorge zu der geschwächten Mutter. Längst haben sie ihre Rollen getauscht, ist der Sohn zum verantwortungsbewussten Erwachsenen und Mia zum hilfsbedürftigen Kind geworden. Liebe ist stärker als der Tod, könnte man in Abwandlung eines Fassbinder-Filmtitels sagen. Und nur mit dem überlebenswichtigen Mut der Verzweiflung lässt sich für Cobain die ihm vorgezeichnete Geschichte des Scheiterns durchbrechen.

Styx

(D/AT 2018, Regie: Wolfgang Fischer)

Keine Rettung, nirgends
von Ulrich Kriest

Will man einen weiteren Spielfilm zum Thema „Flüchtlingskrise“ sehen? Zum Beispiel „Styx“, dessen österreichischer Regisseur Wolfgang Fischer im Presseheft bekundet: „Die Konfrontation eines Sportbootes mit einem überladenen, havarierten Flüchtlingsschiff mitten …

Will man einen weiteren Spielfilm zum Thema „Flüchtlingskrise“ sehen? Zum Beispiel „Styx“, dessen österreichischer Regisseur Wolfgang Fischer im Presseheft bekundet: „Die Konfrontation eines Sportbootes mit einem überladenen, havarierten Flüchtlingsschiff mitten im Ozean ist unter Seglern ein vieldiskutiertes Horrorszenario, das immer häufiger Wirklichkeit wird.“ Will man nach dem Kinobesuch ein unter Seglern „vieldiskutiertes Horrorszenario“ mit Freunden in der Kneipe erörtern? Und falls ja, will man sich dann die (sonst bei NS-Filmen bemühte) Frage aller Fragen stellen: Wie hätte ich wohl gehandelt? Doch halt! Bevor man „Styx“ vorschnell als nächsten Film zur „Flüchtlingskrise“ einordnet und ihn als kunstvoll entworfene Parabel über ein moralisches Dilemma rezipiert, sollte man ihn erst einmal ohne die symbolische Metaebene schauen, als das, was er über weite Strecken auch ist: ein Abenteuerfilm über Körperlichkeit und den Verlust von Autonomie einer souveränen Akteurin.

Zu Beginn werden wir Zeugen, wie bei einem nächtlichen illegalen Autorennen in Köln ein Unbeteiligter schwer verletzt wird. Sofort danach naht Rettung: Ein professionell agierendes Team aus Spezialisten befreit das Unfallopfer aus dem Wrack und transportiert es ins nächste Krankenhaus. Federführend dabei: die Notärztin Rike, herausragend gespielt von Susanne Wolff. Der begegnen wir in Gibraltar wieder, wo Affen mit erstaunlicher Lässigkeit den urbanen Raum mitbevölkern und zwischen Autos und an Häuserwänden herumturnen. Der Film registriert das Treiben der Affen etwas zu lange, um es noch als atmosphärisches Lokalkolorit durchgehen zu lassen. Unten am Hafen sehen wir, wie Rike eine Yacht belädt und sich also auf einen längeren Segeltörn vorbereitet. Sie wirkt sportlich und auch dabei sehr professionell. Als sie mit Karten hantiert, wird klar, dass sie auf den Atlantik hinauswill. Zwischenstopp: die Kanaren. Destination: Ascension Island, wo Charles Darwin Mitte des 19. Jahrhunderts ein Ökosystem anlegen ließ, das mittlerweile selbstreproduzierend arbeitet. Immer wieder blättert Rike in einem großformatigen Fotoband über das künstliche Paradies.

Es passt ins Bild, das der Film bis dato von Rike entworfen hat, dass sie als Einhandseglerin, also allein, in See sticht. Kenntnisreich, bestens ausgerüstet und offensichtlich sehr erfahren, braucht sie keine Hilfe und kein Gegenüber, um sich auf eine Reise zu machen. „Styx“ dokumentiert in der folgenden guten Stunde den Alltag an Bord, die Handgriffe und Bewegungsabläufe, die Geräusche des Bootes und der See. Es ist faszinierend, Wolff zuzuschauen, und vielleicht hat man „Open Water“ etwas zu häufig gesehen, wenn man sich dabei gruselt, wie sie frühmorgens ein langes Seil über Bord wirft und hinterherspringt. Was würde ich in dieser Situation tun? Bestimmt nicht ins Wasser springen! Obschon allein auf hoher See, ist Rike mit der Welt via Radar und Funk doch bestens vernetzt. Sie registriert den Verkehr, plaudert mit Vorbeifahrenden, selbst wenn die außer Sichtweite sind. Als schließlich ein Sturm aufzieht, trifft Rike die nötigen Vorbereitungen und meistert auch diese Herausforderung. Doch in die Ruhe nach dem Sturm dringen Stimmen und Hilferufe übers Meer. In Sichtweite treibt ein Fischerboot, offenbar manövrierunfähig und überladen, gewiss ohne Funkkontakt.

Man kann den Film dafür hochschätzen, dass er selbst jetzt ganz konsequent bei seiner Protagonistin bleibt, die die Situation aus der Entfernung nicht einschätzen kann. Klar ist, ihre Yacht ist zu klein, um die Schiffbrüchigen spontan zu bergen. Man müsste Panik fürchten. Rike macht, was in dieser Situation üblich ist: Sie informiert die Küstenwache per Funk über die Position des havarierten Boots. Nachdrücklich warnt man Rike, selbst die Initiative zu ergreifen. Die Gründe dafür werden schnell klar, als Rike dem Boot näherkommt: Einige der Insassen springen über Bord und ertrinken beim Versuch, der Yacht näher zu kommen. Rike stellt daraufhin die alte Distanz wieder her, bleibt aber vor Ort. Nichts passiert. Nach geraumer Zeit stellt sich der Verdacht ein, dass die Küstenwache es langsam angehen lässt, um das Problem auf andere Art zu lösen. Auch andere Schiffe in der Nähe weigern sich zu helfen: Für derartige Begegnungen gebe es seitens der Reedereien strikte Order. Als es dem Jungen Kingsley wider alle Wahrscheinlichkeit gelingt, Rikes Yacht schwimmend zu erreichen, spitzt sich die Situation weiter zu. Jetzt kann Rike wieder in ihre Rolle als Ärztin zurück und den erschöpften und unterkühlten Jungen retten, aber der fordert, wieder zu Kräften gekommen, Solidarität, Hilfeleistung. Auflösbar ist der Konflikt vor Ort nicht, zumal, wenn die traditionellen Übereinkünfte selbstverständlicher Hilfeleistung nicht mehr gelten.

Als Rike dies realisiert, wählt sie als letzte Option die Aufgabe ihrer Yacht und überschreitet anschließend den Styx, den Fluss, der die Lebenden und die Toten trennt. Was sie dort sieht, wird bestenfalls angedeutet. Was sie dort gesehen haben mag, steht ihr am Schluss ins Gesicht geschrieben. Rike hat gehandelt und konnte durch ihr Handeln tatsächlich – die letzten Einstellungen sind sprechend – ein paar Leben retten. Doch die Fallhöhe der Figur, die „als Körper in Bewegung, in Situation, im Leben“ (Roland Barthes) über weite Strekken des Films fasziniert hat, ist gewaltig.

Hier könnten jetzt wieder Darwin und sein künstliches Paradies ins Spiel kommen. Wenn die bewährten internationalen Spielregeln in Sachen Hilfeleistung, Empathie oder Solidarität in der Krise außer Kraft gesetzt sind, gilt wieder survival of the fittest, und zwar im besonderen (Kingsley) wie im allgemeinen. Globale Migrationsbewegungen sind keine Privatsache; man begegnet ihnen, auch das macht „Styx“ klar, sicher nicht im Vertrauen auf die Zivilcourage des Individuums. Die Frage „Wie würde ich handeln?“ ist legitim, aber politisch für’n Arsch.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

(D/B 2018, Regie: Joachim A. Lang)

Wie ein gesungener Linksparteitag
von Jürgen Kiontke

Bert Brecht geht’s supi: Seine prima „Dreigroschenoper“ ist voll der Welterfolg – und jetzt soll das Stück ins Kino, der Ausnahmedramatiker wird die Vorlage für das Drehbuch liefern … Tja, …

Bert Brecht geht’s supi: Seine prima „Dreigroschenoper“ ist voll der Welterfolg – und jetzt soll das Stück ins Kino, der Ausnahmedramatiker wird die Vorlage für das Drehbuch liefern … Tja, die Pläne gab es wirklich, der Film wurde sogar 1931 in zweifacher Ausfertigung fertiggestellt. Zuvor war er allerdings Gerichtsgegenstand: Die Produktionsfirma warf der Vorlage eine ausgesprochen politische Tendenz vor und kündigte dem Autor. Sehr lustig. Brecht und sein Komponist Kurt Weill erwirkten daraufhin ein Aufführungsverbot.

Unterm Strich war das fast schnuppe: 1933 wurde der Film verboten; den Nazis war es egal, von wem er letztlich stammte. Gleichzeitig landeten Brechts Bücher sowieso auf dem Scheiterhaufen.

Regisseur Joachim A. Lang lässt die Kinogeschichte der „Dreigroschenoper“ in seinem Film „Mackie Messer“ wieder aufleben, es hilft ihm ein gerüttelt Maß Personal und Instrumentarium deutschen Vorabendprogramms und/oder deutscher Topbühnen. Joachim Król! Lars Eidinger! Hannah Herzsprung! Peri Baumeister! Wilde Zwanziger! Absinth! Rauchen (nackt)! Nach einer Stunde kriegt man Lungenkrebs allein vom Zuschauen.

Auch anderes sorgt bisweilen für Ungemach. Denn die Weillsche Kompositionskunst lädt nicht erst seit ihrem bahnbrechenden Missbrauch durch den Musiker Sting zum vorschnellen Overacting ein. „Ja, der Haaaaiiifisch, der hat Zähne …“ (R rrrollen!). Max Raabe gibt’s als Sahnehäubchen oben drauf.

Aber man lernt auch was für den Deutschunterricht: Geht doch Tobias Moretti als Mackie öfter mal steil mit dem V-Effekt. Du hast den Bettlerchefunternehmer, den Großkriminellen, der in den Adelsstand erhoben wird – sie werden perfekt ausagiert. Volle Pulle antikapitalistische Gesellschaftskritik und schöne Kostüme – Kommunismus als bürgerliches Trauerspiel.

Ein bisschen augenfällig all das, na gut: Der Film hat was von gesungenem Linksparteitag, und wenn man lange genug hinstarrt, sind Brechts Freundinnen sogar ein bisschen lookalike Katja Kipping und Sahra Wagenknecht. Na, wenn das nicht aktuell ist! Ohne Musik wär’s ein toller Film. Ist natürlich doof für einen Musikfilm.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Glücklich wie Lazzaro

(IT/AU/FR/D 2018, Regie: Alice Rohrwacher)

Guter Mensch mit reinem Antlitz
von Wolfgang Nierlin

Wie aus der Zeit gefallen, wirkt das entlegene Landgut irgendwo in Italien. Sein Name „Inviolata“ ist gewissermaßen kennzeichnend: Nahezu unberührt von der Moderne, symbolisch abzulesen auch an der eingestürzten Brücke, …

Wie aus der Zeit gefallen, wirkt das entlegene Landgut irgendwo in Italien. Sein Name „Inviolata“ ist gewissermaßen kennzeichnend: Nahezu unberührt von der Moderne, symbolisch abzulesen auch an der eingestürzten Brücke, die zum Gehöft führt, leben die Menschen unter archaischen Arbeitsbedingungen fast wie Leibeigene der Marchesa Alfonsina de Luna (Nicoletta Braschi). Die „Königin der Zigaretten“, von den Bauern insgeheim als „giftige Schlange“ verspottet, verdient ihr Geld mit dem Anbau von Tabak. Wenn der strenge Verwalter allerdings mal wieder seine obskure Abrechnung macht bleiben den Halbpächtern trotz harter Arbeit nichts als Schulden und Armut. Über ihre vergeblichen Mühen sagen sie, sie seien „nichts als Wind in den Händen“. Ihre fatalistische Sicht der Dinge trifft sich mit den Anschauungen der Marchesa, für die Ungleichheit und Ausbeutung ein Naturgesetz sind: „Menschliche Wesen sind wie Tiere. Jeder nutzt jeden aus.“

Nur einer der Arbeiter scheint dieser egoistischen Logik nicht zu folgen: Der fleißige, schweigsame Lazzaro (Adriano Tardiolo), der nur allmählich aus dem dunklen Hintergrund tritt, führt seine Aufgaben und Aufträge geduldig, stets hilfsbereit und völlig uneigennützig aus. Dabei zeigt er weder Unmut noch Müdigkeit. Obwohl er stark beansprucht, ja ausgenutzt wird, ist sein freundliches Gesicht mit den großen wunderlichen Augen immer von einem leisen, inneren Lächeln erfüllt. Lazzaro ist der gute Mensch mit reinem Antlitz. Sein Name ist in aller Munde. Durch die hohen Tabakstauden geht ein Flüstern und Rufen. Auf geheimnisvolle und zugleich einfache Weise ruht Lazzaro in sich selbst. In einer Felsennische beim Schaftstall hat er sein Refugium, das irgendwann für Tancredi (Luca Chikovani), den jungen, rebellischen Sohn der Marchesa, zum Versteck wird. Trotz zunehmender Konflikte und Gewissensnöte hilft Lazzaro auch ihm. Bis der Selbstlose eines Nachts fiebernd und wie verzaubert im strömenden Regen steht.

In ihrem preisgekrönten Film „Glücklich wie Lazzaro“ (Lazzaro felice), der beständig und sehr poetisch zwischen realer und magischer Welt changiert, wird aus dem „fleißigen Arbeiter“ ein Heiliger mit übersinnlichen Kräften. Angelehnt an die Lazarus-Legende führt sein Weg vom Tod ins Erwachen und vom Land der alten Zeit in die hässlichen Randbezirke einer modernen Großstadt, wo Lazzaro Jahre später die alten Gefährten wiederfindet und wo sich die Unterdrückung der Schwachen unter anderen Vorzeichen fortsetzt. Diese Kontinuität angesichts gesellschaftlicher Veränderungen ist für Alice Rohrwachers ebenso sinnliche wie spirituelle Zeitreise von zentraler Bedeutung. Ihr gutherziger Protagonist wird zu einem Heiland, der nichts für sich beansprucht und der weder Wunder vollbringt noch die Welt verändern kann. Und doch umgibt ihn in seiner stillen Größe und beharrlichen Hilfsbereitschaft eine magische Aura, die geheimnisvoll bezaubert und zum Glauben an das Gute verführt.

The Nun

(USA 2018, Regie: Corin Hardy)

Unheilvolle Dreifaltigkeit
von Christian Kaiser

Die James-Wan-Schule des Retro-Grusels: Dichte Nebel, blau-graue Dunkelheit, unruhige Kamerablicke, bedrohlich anschwellende Soundtracks, besessene Figuren, wirkende Geisterhände an unbeseelten Dingen, CGI-gestärkte Monstren, furiose Spektakel im Finale, Jump Scares und deren …

Die James-Wan-Schule des Retro-Grusels: Dichte Nebel, blau-graue Dunkelheit, unruhige Kamerablicke, bedrohlich anschwellende Soundtracks, besessene Figuren, wirkende Geisterhände an unbeseelten Dingen, CGI-gestärkte Monstren, furiose Spektakel im Finale, Jump Scares und deren Andeutung, die Frömmigkeiten der Guten und die Niederträchtigkeit des Bösen, die kleinen Einzeldramen der Figuren inmitten des größeren dämonischen Spuks, die christliche Grundierung, die Verkettung der einzelnen Werke zu eigenen – heimtückischen oder beschwörenden – Kosmologien.

Reichlich angepappt wirken die Verkettungen im neuesten Conjuring-Spin-Off „The Nun“, dessen Samen bereits in „The Conjuring 2“ (USA 2016; Regie: James Wan) und „Annabelle 2“ (USA 2017; Regie: David F. Sandberg) gepflanzt worden war: Zu Beginn wird dem Publikum das Finale aus „The Conjuring 2“ geboten, um den Film als Prequel auszuweisen. Im Epilog werden schließlich Szenen aus dem Ursprungs-Werk „The Conjuring“ (USA 2013; Regie: James Wan) präsentiert, um stolz auf das Ausmaß der inneren Zusammenhänge im selbst kreierten Grusel-Kosmos hinzuweisen.

Angepappt wirken auch die internationalen Schauplätze, die zu Beginn den Vatikan, Großbritannien und Rumänien umfassen und dabei eine Epik anpeilen, die schnell einer Art Drei-Personen-Abenteuer im einsamen Kloster weicht. Denn „The Nun“ ist in seiner Retro-Haltung nicht zuletzt den Hammer Studios verpflichtet, die oftmals ebenfalls kleinere Figurengruppen an einsamen Orten mit dem Unheimlichen in Kontakt kommen ließen. Das von Dörflern gemiedene Kloster, welches auch die Pferde scheuen, die urige Heimeligkeit wildwüchsiger mittel- oder südosteuropäischer Landschaften, rustikale Wirtsstuben voller abergläubischer Gäste: Nie kam die Wan-Schule, deren Retro-Ästhetik eher auf die Spuk- und Gruselfilme der Ära des modernen Horrorfilms (von 1968 bis in die frühen 80er-Jahre) Bezug nahm, dem zweiten großen Horror-Kosmos in der Filmgeschichte (nach Universals Monsterfilmen) näher.

Ein anderer Einfluss spielt aber eine wesentlich größere Rolle: Lucio Fulcis Horrorkino – bzw. sein berüchtigter Splatter-Klassiker „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (IT 1980). Fulcis Startschuss seiner losen Gates-of-Hell-Trilogie ließ inmitten einiger Lovecraft-Einflüsse auch jene furchtsame, abergläubische Dorfgemeinschaft einfließen, die man aus Hammers Horrorkino zu genüge kannte. „The Nun“ greift diese Nähe auf und lässt inmitten Hammer-tauglicher Settings zahlreiche ikonische Szenen aus Fulcis Horrorstreifen aufleben: Aus dem Geistlichen, der sich bei Fulci erhängt, wird hier eine Nonne, die ähnlich unvermittelt überall auftaucht und wieder verschwindet; auch hier wird eine der zentralen Figuren lebendig begraben und bei ihrer Befreiung fast (von einem Spaten, nicht mehr von einer Spitzhacke) erschlagen; auch hier zerbirst ein Spiegel ohne triftigen Grund als unheilvolles Omen; auch hier gilt es, ein Tor zur Hölle zu schließen. Die Frau mit ihren warnenden Visionen, das Interesse der Kamera am fauligen Fleisch, vor allem aber die expressiv schmatzende, gurgelnde Tonspur bei den Szenen des Verletzens & Zersetzens – überall Fulci! Nur die Besessenen erbrechen hier nicht ihre eigenen Gedärme, sondern dicke Schlangen.

Mit solchen Versatzstücken erzählt „The Nun“ von Valak, dem Lästerer, der als böse Entität einem ehemals versiegelten Tor entweicht, welches in einem rumänischen Kloster nach Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg aufgebrochen ist. Ein Gesandter des Vatikan, eine britische Nonne und ein frankokanadischer Auswanderer stellen sich dem Bösen, das die Gestalt einer Nonne angenommen hat, entgegen und planen, das Tor mit dem Blut Christi wieder zu versiegeln.

Die bereits mit Valaks erster Erwähnung unlogische Geschichte reiht sich brav in die Wan-Schule ein und trägt im Hinblick auf Farbdramaturgie und Nebelschleier ähnlich dick auf wie das Finale aus „Insidious: The Last Key“ (USA 2018; R: Adam Robitel). Zu den üblichen Poltergeist- und Exorzismus-Einflüssen, welche in der Wan-Schule stets modisch zum fulminanten Spektakel aufgebläht werden, treten diesmal also Hammer und Fulci hinzu: Oldschool-Versatzstücke aus hammerschen Gothic-Horror-Gefilden einerseits, andererseits eine krudere Härte à la Fulci, die sich durch dieses werbeslogangemäß „dunkelste Kapitel“ des Conjuring-Kosmos zieht. Aber weder lässt der Film den naiven Charme der Hammer-Filme aufleben, die zumindest bis Ende der 60er-Jahre verhältnismäßig unironisch ihre Klischees pflegten, noch erreicht der Film die ernsthafte Vehemenz, mit welcher Fulci sich an der Versehrtheit menschlicher Leiber abarbeitete, um Horror hocheffektiv als Auflösung der bekannten Formen zu präsentieren.

Die Wan-Schule hat in „The Nun“ beide Konzepte in sich aufgesogen und im postmodernen Spiel verwässert: Hier dominiert gewaltig, was auch zuvor den Retro-Horror à la Wan charakterisierte – das augenzwinkernde Spiel mit Erwartungshaltungen des Publikums. Dem Schock geht eine langwierige Erwartung voraus. Er wird angekündigt und vom Publikum auch erahnt und kommt dann dennoch als Überraschungseffekt, indem die Kamera lange Seitwärtsfahrten vollführt, das Unheilvolle dann aber von oben in das Bild hineinstürzt, indem potentiell bedrohliche Figuren im Hintergrund vermutet werden dürfen, dann aber von der Seite ins Bild rasen. Das Publikum wird mit einer permanenten Anspannung bei gleichzeitig hoher Schock-Dichte versorgt.

Aber wie bei den übrigen Conjuring-Spin-Offs mit Gary-Dauberman-Drehbüchern übertüncht dieses effektive Spiel mit dem Publikum auch die Dramen und die Tiefe der Figuren, die hier besonders holzschnittartig durch eine eher unausgereifte Handlung wandeln. Und so ist „The Nun“ bloß das filmische Pendant zur Geisterbahnfahrt, dank handwerklicher Routine hauchzart über dem Mittelmaß liegend, aber insgesamt kaum der Rede wert.

Predator – Upgrade

(USA 2018, Regie: Shane Black)

Lass es krachen, bis wir lachen
von Drehli Robnik

Das alles muss eigentlich überhaupt nicht sein, aber wenn schon, dann ungefähr genau so. Shane Black war als Kleindarsteller das erste Opfer des Monsters im superen Ur-„Predator“ von 1987 (der …

Das alles muss eigentlich überhaupt nicht sein, aber wenn schon, dann ungefähr genau so. Shane Black war als Kleindarsteller das erste Opfer des Monsters im superen Ur-„Predator“ von 1987 (der Soldat, der seine Witze, die er manisch erzählt, immer erklärren muss). Seitdem hat manch interracial Buddymovie von „Lethal Weapon“ abwärts geschrieben und als Regisseur fette Filme wie „Iron Man 3“ und nette wie „The Nice Guys“ gedreht. Sein „Predator – Upgrade“, im Original subtiler „The Predator“ benannt, liegt irgendwo dazwischen; Tendenz nett.

Das Menschenjäger-Alien-Franchise (mit dem in nicht-angelsächsischen Gefilden notorisch falsch ausgesprochenen Titel) stand in seinen lichten Momenten, zumal im Auftaktfilm mit Schwarzenegger, für spannende Genrespurwechsel, die einst das Konzept des filmischen Crossover mitgeprägt haben. Solche Prozesslogiken lässt der neue „Predator“ gänzlich vermissen – oder doch nicht? Was an Enttarnungs-Thrill wegfällt, indem der Film gleich mit Vollgeballer einsteigt, macht er wett, indem er sich entpuppt: Getarnt als Blockbuster-SciFi (und insofern im heutigen Normal-Hollywood-Angebot fast so unsichtbar wie seine Titelfigur im Transparenz-Look), ist „The Predator“ unversehens ein Action-Spoof mit Zug zum Klamauk, in dem ein B-Movie steckt, sogar mit ein wenig noirish-nocturnem Flair – die lange Nacht der kurzen Schmähs. Von der Anmutung her ist das also eher ein Downgrade als ein Upgrade, wenn auch ein teures, mit problembeladener Produktionsgeschichte. Dazu, sowie zur Abfeierung eines multiethnischen Militärsträflings-Freakteams (das Dirty Dozen im Bus aus Carpenters „Assault – Das Ende“), das sich im Kampf gegen Pflicht- und Kür-Predators behauptet – zu all dem also passt gut die Art, wie es in „The Predator“ vor Kürzungsschnitten holpert und scheppert. Biologin, tough, und Bub, autistisch – gespielt von Jacob Tremblay, wem sonst? –, sind auch dabei.

Der sympathische Cast, unter anderen Boyd Holbrook, Olivia Munn, Trevante Rhodes (und Allzweck-Komiker Keegan-Michael Key in einer Rolle, die dem Witzerzähl-Maniac von 1987 nachempfunden zu sein scheint), seine Tics, sophistischen Streitdialoge und Oneliner machen Spaß. Der Music Score von anno ’87 tritt hier as himself auf. Alles ist durchschaubar und doch konfus auf meist charmante Art. Howard Hawks? Nein. Aber es hauert hin, beinah.

Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-Lernen

(FR 2017, Regie: Alexandre Mourot)

Damit das Kind groß werden kann
von Wolfgang Nierlin

Nach der Geburt seiner Tochter Ana ist der französische Dokumentarfilmer Alexandre Mourot fasziniert vom „Geheimnis des Lebens“ und beobachtet stundenlang die Aktivitäten des Kindes. Dabei stellt er fest, dass Ana …

Nach der Geburt seiner Tochter Ana ist der französische Dokumentarfilmer Alexandre Mourot fasziniert vom „Geheimnis des Lebens“ und beobachtet stundenlang die Aktivitäten des Kindes. Dabei stellt er fest, dass Ana mit „großer innerer Energie“ bestimmten Interessen und Zielen folgt und von einem eigenen Rhythmus geleitet wird. Er lernt: „Versuche nicht, sie zu steuern, sondern respektiere ihre Spontanität.“ Und zwar vor allem auch dann, wenn man als Erwachsener oder Erzieher den Impuls verspürt, schützend oder helfend gefährliche oder mutige Aktionen des Kindes zu begleiten. Da kann es einem schon Angst und Bange werden, wenn man die Kleine in einem von Mourots Homemovies selbständig eine Leiter hochsteigen sieht. Am Ende der sehr persönlichen Einleitung seines Films „Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-Lernen“ („Le maître et l’enfant“) stellt er deshalb die Frage: „Was ist gefährlicher für das Kind: Die Dinge selbst auszuprobieren oder wenn andere für es denken?“

Bei der italienischen Pädagogin Maria Montessori (1870 – 1952), die 1907 in Rom ein erstes sogenanntes Kinderhaus (Casa dei Bambini) eröffnete, und der auf ihren Erkenntnissen, Anschauungen und Methoden basierenden Arbeit einer zeitgenössischen Einrichtung im nordfranzösischen Roubaix findet Mourot Antworten. Im Montessori-Kinderhaus „Jeanne d’Arc“ kann er über zwei Jahre hinweg mit seiner Kamera das Lernen der Kinder begleiten und dokumentieren. Die konzentrierte filmische Beobachtung der kindlichen Aktivitäten wird dabei einmal nicht von Interviews unterbrochen, sondern in Beziehung gesetzt zu Texten Montessoris, die aus dem Off das Geschehen kommentierend ergänzen. Alexandre Mourot gelingt so eine ruhige, anschauliche Darstellung der Montessoripädagogik und ein starkes Plädoyer für deren Prinzip des „Selber-Lernens“.

In dessen Zentrum steht der natürliche Drang zur Arbeit und zum Lernen, der wiederum an bestimmte „sensible“ Entwicklungsphasen gekoppelt ist und von einer „spontanen Konzentration“ getragen wird. Es ist eindrucksvoll, die Kinder bei ihrem ruhigen, selbständigen Tun, das durch Nachahmung angestoßen und durch gegenseitige Hilfe unterstützt wird, zu beobachten. Die Lernenden folgen dabei keinem vorgegebenen Bildungsplan, sondern allein ihrem individuellen Rhythmus. In einem solchen der Freiheit verpflichteten Setting kommt dem Lehrer die Aufgabe zu, die „Bedingungen für spontanes Handel“ zu schaffen.

Der Montessoripädagoge Christian Maréchal, der in der zweiten Hälfte des Films in den Blick rückt, ist in diesem Sinne ein sanfter, aufmerksamer und behutsamer „Ermöglicher“. „Damit das Kind groß werden kann, muss die Autorität des Erwachsenen kleiner werden“, lautet demgemäß ein Satz Maria Montessoris, deren Pädagogik als „Freiheitsbotschaft“ letztlich auf eine gesellschaftliche Utopie zielt. Vielleicht bleibt Alexandre Mourots schöner Film deshalb zu sehr und absichtlich in einem idealischen Raum verhaftet. Jedenfalls weckt er viele Fragen, mit denen Montessoris Utopie freien Lernens an den Bedingungen der Wirklichkeit zu messen wäre.

BlacKkKlansman

(USA 2018, Regie: Spike Lee)

Eine Flaschenpost wider den Trumpismus
von Nicolai Bühnemann

Dass Spike Lee nach wie vor ein sehr umtriebiger Filmemacher ist, der in schöner Regelmäßigkeit fiktionale und dokumentarische Arbeiten für Kino und Fernsehen dreht, ist hierzulande gar nicht so leicht …

Dass Spike Lee nach wie vor ein sehr umtriebiger Filmemacher ist, der in schöner Regelmäßigkeit fiktionale und dokumentarische Arbeiten für Kino und Fernsehen dreht, ist hierzulande gar nicht so leicht mitzubekommen. Es scheint schon triftige Gründe geben zu müssen, damit sich deutsche Verleiher oder DVD-Labels im 21. Jahrhundert dazu bequemen, einen neuen Spike Lee-Joint auch einem hiesigen breiten Publikum zugänglich zu machen. Was nicht mindestens ein düster desillusioniertes Stimmungsbild des Post-9-11-New York in starbesetzter Thriller-Form („25 Stunden“ (2002), „Inside Man“ (2006)) oder ein Remake eines auch hierzulande populären modernen asiatischen Rache-Klassikers („Oldboy“ (2013)) ist – und dementsprechend auch ein großes Studio im Rücken hat –, fällt schlicht durchs Raster.

„BlacKkKlansman“ wird international von Universal vertrieben und hat auch thematisch angesichts des politischen Rechtsruck in den USA und anderswo genug Relevanz, um sich auch über sein Entstehungsland hinaus der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht zu entziehen. (Wohl eher lose) Auf einer wahren Geschichte beruhend („Based on some fo‘ real fo‘ real sh*t“, heißt das in Lee-Lingo), wird von einem schwarzen Polizisten erzählt, der in den Siebzigern den Ku Klux Klan unterwandert. Ron Stalworth (John David Washington, Denzels Sohn) ist neu in seinem Job und der erste afroamerikanische Polizeibeamte von Colorado Springs. Sich immer wieder mit dem Alltagsrassimus seiner weißen Kollegen konfrontiert sehend, trachtet er danach, undercover zu arbeiten. Nachdem er zunächst auf die Black Power-Bewegung angesetzt wird, wobei er seine zukünftige Freundin Patrice Dumas (Laura Herrier) kennenlernt, ruft er schließlich beim örtlichen Kreisverband des Klans an, um sich um Mitgliedschaft zu bewerben. Da er zwar gut genug „Hochamerikanisch“ spricht, um sein Gegenüber fernmündlich von seiner aufrichtig weiß-arischen rassistischen und antisemitischen Gesinnung zu überzeugen, im direkten persönlichen Kontakt seine Hautfarbe wohl dann doch ein Hindernis darstellen würde, fährt an seiner Stelle sein hellhäutiger (wenn auch jüdischer) Kollege Flip Zimmerman (Adam Driver) zum Treffen.

Dass der Film auf einer ersten Ebene als Komödie funktioniert, liegt nicht zuletzt an dem sichtlichen Spaß, den das schwarz-jüdische Duo dabei hat, sich in den so hasserfüllten wie monoton repetitiven verbalen Reigen der Ressentiments der Infiltrierten gegen alles, was nicht weiß, protestantisch und heterosexuell ist, einzustimmen. Die konsequente Überbietungsstrategie, die sie dabei fahren, zeigt sich wohl am besten in einer Szene, in der einer der Klansmänner gegenüber Zimmerman den Holocaust leugnet, worauf dieser zunächst widerspricht – nur um nach einer geschickt gesetzten dramatischen Pause hinzuzufügen, dass dieser zwar durchaus stattgefunden habe, aber doch eigentlich eine verdammt coole Sache gewesen sei.

Die Auseinandersetzung mit Fragen der Identität, die in Undercover-Ermittlungsszenarien immer mindestens implizit mitschwingt, schließlich handeln sie auf einer ganz basalen Ebene davon, dass jemand vorgibt etwas zu sein, was er oder sie nicht ist, bekommt in „Blackkklansman“ eine identitätspolitische Komponente. Patrice referiert an einer Stelle über das Theorem des schwarzen Soziologen W.E.B Du Bois über die Doppelidentität des Afroamerikaners als schwarz und amerikanisch. Und auch Ron sieht sich bald zwischen den Seiten, wenn er als Polizist für ein Establishment arbeitet, dessen struktureller Rassismus Menschen wie ihn marginalisiert: A black man working for the man. Flip hingegen sagt an einer Stelle, dass seine jüdische Abstammung in seinem bisherigen Leben eigentlich nie eine Rolle spielte, er gerade durch den Antisemitismus des Klans sich aber begonnen habe, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Wo es in Lees Meisterwerk „Bamboozled“ (2000) darum ging, wie man mit kulturell tradierten rassistischen Stereotypen umgehen könne, und er dabei zu dem Schluss kam, dass deren Aneignung und Überspitzung – auch wenn sie in satirischer Absicht geschehe – keine probate Strategie sei, um sie zu überwinden, weil das Kokettieren mit dem Falschen sich letztlich diesem gegenüber affirmativ verhält, führt der gespielte Hass der beiden Polizisten den realen ihrer Gegner in seiner ganzen Beliebigkeit hier endgültig ad absurdum. Dass Lee in den Rassisten nichts weiter sieht als ziemliche Vollidioten, die er dann auch noch zu mitunter recht bösartigen Karikaturen überzeichnet, wird schon durch die Rahmung des Films unterstrichen: Zu Beginn darf Alec Baldwin einen white supremacist-Hass-Prediger spielen, der für die Aufzeichnung eines „Lehrfilms“ gegen die Gleichberechtigung ständig den Text seiner Tirade vergisst, am Ende steht Donald Trumps so unbedarftes wie infames Gerede über die „bad people on both sides“ bei dem Neonazi-Aufmarsch in Charlottesville, der im vergangenen Jahr mit einer Toten und vielen Verletzten endete.

Natürlich macht man es sich immer zu einfach, wenn man im Rechtsextremismus nichts weiter als zum Himmel schreiende Dummheit sehen will. Auch scheint die Reflexion seiner Bilder, ihre konstante film- und kulturgeschichtliche Fundierung, Lee gerade dort zu entgleiten, wo es um den politischen Gegner geht. Bei der Black Power-Versammlung zu Beginn, wenn Lee zu den Worten des Redners die Kamera über die gebannten schwarzen Gesichter des Publikums streichen lässt, die langsam aus dem Dunkel der Leinwand Kontur annehmen und ihre Schönheit durch die Inszenierung dabei geschickt akzentuiert, dann funktioniert das Spiel mit der Ikonographie der afroamerikanischen Widerstandsbewegungen der Dekade, wie sie sich vielleicht – zumindest im Kino – endgültig erst retrospektiv in den Neunziger Jahren durch Filme wie „Panther“ (Mario Van Peebles, 1995) oder „Dead Presidents“ (Hughes Brothers, 1995) formierte, ganz hervorragend. Ebenso interessant ist ein Gepräch zu den Helden des Blaxploitation-Kinos zwischen Ron und Patrice, zu der die Poster der entsprechenden Filme eingeblendet werden, und in dem es auch um die zeitgenössischen Diskurse zu diesem Kino geht, etwa in der kritischen Auseinandersetzung mit der Filmfigur des schwarzen Zuhälters. Wenn der Klan jedoch bei eine Vorführung von Griffiths „The Birth of a Nation“ (1915) zu den Lynchmorden auf der Leinwand kräftig applaudiert und die Täter regelrecht anfeuert, zielt das zwar auch merklich auf die Darstellung einer historischen Kontinuität der Gewalt ab, ist aber nicht zuletzt in seiner einfachen Kausalität zwischen filmischer und realer Gewalt etwas plump geraten.

Zum Glück kommt der Film dann aber im Epilog, der dokumentarische Bilder von Charlottesville zeigt, in gleich doppelter Hinsicht ganz zu sich. Zunächst natürlich, weil Lee mit seiner in den Siebzigern situierten Geschichte von Anfang an auf eine Gegenwart abzielt, in deren politischer Landschaft der Ku Klux Klan und ähnliche Bewegungen leider wieder zunehmend von Bedeutung sind. Aber dann auch, weil der Film in diesen letzten Minuten das ganz große Pathos und den fulminanten Furor entwickelt, der den Regisseur in seinen besten Momenten auszeichnet. Und auch die letzte Einstellung der eigentlichen Filmhandlung, in der Patrice und Ron mit ihren Afros Seite an Seite stehen, die Pistolen im Anschlag auf die Kamera gerichtet, bekommt durch die Bilder, die ihr folgen einen faden Beigeschmack, denn das Heroische daran wird wenn nicht komplett ent-, so doch zumindest radikal umgewertet: Wo die Empowerment-Geste der Einen unverkennbar dem Blaxploitationfilm entlehnt und somit auch als popkulturelle Phantasie lesbar ist, da töten die Anderen weiterhin reale Menschen.

Donbass

(UKR/D/FR 2018, Regie: Sergei Loznitsa)

Das hässliche Antlitz des Menschen
von Wolfgang Nierlin

Der ukrainische, in Berlin lebende Filmemacher Sergei Loznitsa, der in seinen Arbeiten ein dezidiert politisches Interesse mit einer radikalen Ästhetik verbindet, erweist sich zunehmend deutlicher als ethisch-philosophischer „Menschenerforscher“. In seinem …

Der ukrainische, in Berlin lebende Filmemacher Sergei Loznitsa, der in seinen Arbeiten ein dezidiert politisches Interesse mit einer radikalen Ästhetik verbindet, erweist sich zunehmend deutlicher als ethisch-philosophischer „Menschenerforscher“. In seinem episodisch gebauten, szenisch funktionierenden Film „Donbass“, der vor dem Hintergrund des seit 2014 andauernden Krieges im titelgebenden Donezbecken der Ostukraine angesiedelt ist, erkundet er auf grotesk-absurde Weise das hässliche Antlitz des Menschen, wie es sich inmitten von Chaos, aufgelösten gesellschaftlichen Strukturen und Gewalt zeigt.

Dabei verknüpft der vom Dokumentarfilm herkommende Loznitsa einen nüchternen, von langen Handkamera-Sequenzen getragenen Realismus mit Elementen der Farce. Diese Passagen, denen ein Hang zur überspitzten Theatralik anhaftet, sind oft ins Absurde gedehnt, etwa wenn die Beweise für die Veruntreuung von Mitteln einer Entbindungsklinik durch den Gegenbeweis ihres Vorhandenseins scheinbar entkräftet werden. Doch der wortreich schauspielernde „Manager“ täuscht das Personal im Auftrag des Klinikchefs. Die vielfache, teils doppelbödige Inszenierung der Wirklichkeit, auch mit filmischen Mitteln, ist in Loznitsas schonungsloser Analyse gewissermaßen das propagandistische Gegenstück zur alltäglichen Korruption. Da werden Schauspieler eingangs als (fiktive) Kriegszeugen offensichtlich für Fake-News inszeniert, um am Ende dann als (reale) Opfer rücksichtlos missbraucht und medienwirksam „ausgeschlachtet“ zu werden.

Das alltägliche Chaos des schmutzigen, hybriden Krieges erzeugt aber nicht nur Propaganda und Indoktrination, korrupte Nutznießer und profitgeile Mitläufer, sondern auch brutale Gewalt. Sergei Loznitsa zeigt mehrere Kontrollschikanen, in denen die Schemata von Zuschreibungen widersinnige Züge annehmen, er thematisiert Zwangsmaßnahmen und Beschlagnahmungen unter dem Deckmantel der Solidarität und er vermittelt, wohin Angst und Schrecken den Menschen führen. Ob es sich dabei um ukrainische Regierungstruppen oder um prorussische Separatisten handelt, ist nicht immer leicht zu entscheiden und vielleicht nebensächlich. Wichtiger scheinen für Loznitsa das hässliche Gegeneinander im Ausnahmezustand sowie die Dynamik der Gewalt. In einer der Schlüsselszenen des Films wird ein angeblicher Verräter und Kollaborateur öffentlich an den Pranger gestellt und dem Volkszorn preisgegeben: Immer rücksichtsloser und widerlicher werden die Demütigungen, die er zu erleiden hat, immer mitleidloser die brutale Gewalt durch die anwachsende Menge an Schaulustigen und Mitläufern.

Die politischen, ideologischen und geographischen Grenzverläufe in Sergei Loznitsas neuem Film „Donbass“ sind für den Nichteingeweihten nur schwer zu erkennen. Diese mangelnde Identifizierbarkeit hat Methode und lenkt den Blick des Zuschauers umso mehr auf grundsätzliche Verhaltens- und Handlungsmuster, mithin auf das Wesen der menschlichen Natur.

Los Versos del Olvido – Im Labyrinth der Erinnerung

(D/F/NL/RCH 2017, Regie: Alireza Khatami)

Kryptisches
von Christian Kaiser

Ein Glas vibriert auf einer Tischplatte, klappert über die ebene Fläche und nähert sich dabei mehr und mehr dem Rand. Es ist eine Szene, die an den Schluss von Tarkowskijs …

Ein Glas vibriert auf einer Tischplatte, klappert über die ebene Fläche und nähert sich dabei mehr und mehr dem Rand. Es ist eine Szene, die an den Schluss von Tarkowskijs „Stalker“ (SU 1979) erinnert. Bei Alireza Khatami steckt jedoch ein Erdbeben hinter dem gespenstischen Geschehen – ein Beben, das zugleich auch die Grabplatten auf dem Friedhof zu Bruch gehen und das Verborgene, Vergrabene wieder ans Tageslicht gelangen lässt.

Die chilenisch-deutsch-französisch-niederländische Koproduktion „Los Versos del Olvido“ des Chilenen Alireza Khatami ist ein (Debüt-)Film, der sich der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart verschrieben hat. In den „Versen des Vergessens“ des Originaltitels klingt das weniger an als im deutschen Titelzusatz „Im Labyrinth der Erinnerung“, welcher offenbar auf die labyrinthischen, unterirdischen Archive innerhalb des Films Bezug nimmt, die nur mit einem Ariadne-Faden sicher durchquert werden können. Aber es geht nicht explizit um die chilenische Dikatur unter Pinochet, die da unter der Erdoberfläche auf dem symbolträchtigen Raum des Friedhofs nachhallt. Eher scheint der Film inmitten einer solchen Diktatur zu spielen. Indes deutet ein Mobiltelefon gleich zu Beginn an, dass der Film im 21. Jahrhundert spielt. Und für die Studentenproteste der Jahre 2011 und 2012 in Chile fällt die Gewaltsamkeit der Repression wiederum zu heftig aus.

Khatamis Erstling scheint eher in einer Zeit zu spielen, in welcher verschiedene Zeiten anachronistisch verschmelzen. Auf der – in die Vergangenheit zurückweisenden – Gegenwartsebene stößt ein Friedhofswärter, der keine Namen erinnern und andererseits keinerlei Ereignisse vergessen kann, auf den Leichnam einer jungen Frau, den einige Milizen nach dem Vorgehen gegen Demonstranten in einem der Kühlfächer zurückgelassen haben. Ihr wird der Friedhofswärter, dessen Gehilfe mittlerweile die Lebens- bzw. Sterbe-Geschichten von 1000 Begrabenen zu erzählen weiß, gemeinsam mit einer älteren Frau, die seit Jahren um ihre verschollene, tote Tochter trauert, eine Beerdigung zukommen lassen, indem er die Tote als seine eigene Tochter ausgibt: Die Beerdigung des fremden, anonymen Opfers der Gewalt ermöglicht somit verschiedenen Menschen Formen der Trauerarbeit und des Abschieds. Ein gefährliches Unterfangen, weshalb er sich auch bald darauf lebendig begraben in den Friedhofsgewölben wiederfindet – bis ein Beben ihn wieder befreit.

Reichlich kryptisch gibt sich diese Parabel, die auf und unter einem Friedhof spielt, streut während ihres gemächlichen Verlaufs mit Ariadnefäden, Wecker-Fluten und vielem mehr Details und Momente ein, welche keinesfalls die Handlung vorantreiben, sondern viel eher den Spielraum der Assoziationsmöglichkeiten vergrößern. Zu den intensivsten dieser Momente zählt sicherlich das Auftauchen eines Wals, der vom Friedhofswärter betrachtet am Himmel entlang schwimmt: Was zunächst einem magischen Realismus geschuldet zu sein scheint, wird am Ende wieder aufgegriffen, als nur einer von sechs ans Ufer gespülten Walfischen gerettet und ins Meer zurückgeführt werden kann. Wale, so heißt es kurz darauf, wiesen eine sehr menschliche Weise des Trauerns auf – und der gerettete Wal bleibt in Ufernähe, mag nicht von den toten Gefährten ablassen.

Vermutlich wurden Wale als Bewohner des Meeres, des Fluiden und Ozeanischen gewählt, denn „Los Versos del Olvido“ erhebt das Verschwimmen zum zentralen Motiv. Aus dem Inneren eines Brunnens blickt das Publikum einmal für längere Zeit durch eine wankende, Wellen schlagende Wasseroberfläche in das verschwimmende Gesicht des Friedhofswärters. Man kennt diese Einstellung aus „Iwans Kindheit“ (SU 1962; Regie: Andrej Tarkowskij), wo sie mit der Erinnerung und der Imagination einherging, wobei die Wasseroberfläche Traum und Wirklichkeit zu scheiden schien. Spiegelnde Wasseroberflächen und verschmelzende, formlose Wassermassen – die in „Nostalghia“ (F/I/SU 1983; Regie: Andrej Tarkowskij) zur Losung „1+1=1“ führten, da sich zwei Tropfen stets zu einem größeren Tropfen vereinigten – ziehen sich durch alle von Tarkowskijs Filmen, über die Chris Marker einmal urteilte, es gäbe soviel Wasser in ihnen. Und so, wie insbesondere in „Solaris“ (SU 1972; Regie: Andrej Tarkowskij), in „Der Spiegel“ (SU 1972; Regie: Andrej Tarkowskij) und in „Stalker“ Zeit (und Raum) als Fluides dazu neigt zu verschwimmen und zu verschmelzen, so fällt auch bei Khatami alles zusammen: Die Vergangenheit lebt in der Gegenwart fort, die Gegenwart erscheint als zig Zeiträume verbindender Anachronismus, das Fantastische wirkt im Realen und eine Mitleidsethik oder eher noch ein unreflektiertes Mitgefühl lässt Menschen (und Wale) Anteil nehmen am Leid der anderen – weshalb dann auch der stille Held des Films seinen eigenen Namen ebensowenig weiß wie die Namen der anderen: Auf die Individualität stiftenden Namen kommt es nicht an, bloß auf Erfahrungen und Erlebnisse, anhand derer man sich im Anderen erkennen kann.

Behäbig und schwerfällig wie ein Wal kommt diese engagierte, aber jede Menge Geruhsamkeit einfordernde Parabel daher, deren Geschehnisse bisweilen ähnlich kryptisch ausfallen wie das Reich unterhalb des Friedhofs. „Los Versos del Olvido“ ist ein etwas sperriger, zugleich aber auch inhaltlich wie formal äußerst reizvoller Film, der zu Zweit- und Drittsichtungen einlädt und mit edelmütiger Menschlichkeit besticht.

In the middle of the river

(D/USA 2018, Regie: Damian John Harper)

In der Kriegszone Amerikas
von Wolfgang Nierlin

Erst ist die Leinwand schwarz, sind nur Geräusche zu hören, bevor ein junger Mann – unruhig, nervös, panisch – Tabletten schluckt, sein Spiegelbild prüft. Dann, abrupt und mit unkontrolliert wuchtiger …

Erst ist die Leinwand schwarz, sind nur Geräusche zu hören, bevor ein junger Mann – unruhig, nervös, panisch – Tabletten schluckt, sein Spiegelbild prüft. Dann, abrupt und mit unkontrolliert wuchtiger Energie, schlägt er zu, demoliert er wütend den Handtuchspender der Toilettenanlage. Die fiebrige, intensive Handkamera von Bogumił Godfrejów ist nah an ihm dran, folgt ihm in Echtzeit hinaus auf einen Parkplatz ins nächtliche Dunkel, zu einem aggressiven Handgemenge, in die Enge eines Autos, später schließlich ins Haus seiner Familie, wo die hitzigen Wortgefechte weitergehen, eskalieren. Gabriel (Eric Hunter) kommt nach fünf Jahren aus dem Irak-Krieg zurück. Er ist schwer verletzt und trägt eine Bein-Prothese, was der Film nur nebenbei zeigt; vor allem aber leidet er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Weil er unehrenhaft aus der US-Armee entlassen wurde, gewährt ihm der Staat nur wenig Unterstützung.

Eigentlich will Gabriel sein Leben ändern, bei seiner früheren Freundin Dana (Niki Lowe), die in einem nahen Indianer-Reservat lebt, um Verzeihung für seine abrupte Flucht bitten und sein Politik-Studium wieder aufnehmen. Doch in dem kurzen, vielleicht nur zwei Tage und drei Nächte umfassenden Berichtszeitraum von Damian John Harpers furiosem Film „In the middle of the river“ ist der Kriegsveteran vor allem ein Getriebener, der nach Schuldigen sucht. Seine geliebte Zwillingsschwester Naomi ist unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen; und Gabriel vermutet den Täter in beziehungsweise im Umfeld der Familie.

In der Mitte des Flusses, so heißt es einmal in Anspielung auf den Filmtitel, werde ihm der Atem abgeschnürt. Der Protagonist befindet sich in der Mitte von Gewaltbeziehungen, die mehrere Generationen umfassen und sich in einem permanenten Gegeneinander, einer Abfolge von Gewalt und Gegengewalt entladen. Er empfindet sein Zuhause irgendwo im ländlichen New Mexico als „Kriegszone“: Drogenkriminalität, Alkoholsucht, Waffengewalt und offener Rassismus zeigen ein Amerika der Unterprivilegierten und Abgehängten. „Tod oder Schande: Das ist unser Lebensmotto“, sagt einer von ihnen mit dem bezeichnenden Spitznamen „Trigger Finger“. Doch Gabriel, gefangen in seiner Geschichte und seiner Herkunft, will nicht mehr kämpfen. Noch getrieben von Rache, wird sich seine Perspektive allmählich ändern.

Damian John Harper, ein studierter Anthropologe, der hier mit Laien teils wahre Geschichten erzählt, verzahnt Gabriels Schicksal mit demjenigen seines straffälligen jüngeren Bruders sowie mit den Gewalterfahrungen seiner Freundin und seines Großvaters, einem Vietnam-Veteran. Das wirkt in der Summe zwar etwas überladen und im letzten Drittel des Films, wenn die langen Einstellungen von einer forcierten Parallelmontage abgelöst werden, mitunter schematisch zugespitzt. Trotzdem zeichnet „In the middle of the river“ wuchtig und authentisch ein realitätsnahes, schockierend gewalttätiges Bild vom „anderen Amerika“, das sehr aktuell ist. Dabei entlässt Harpers intensiver, nachwirkender Film den Zuschauer nicht ohne Hoffnung auf Versöhnung.

Mission: Impossible – Fallout

(USA 2018, Regie: Christopher McQuarrie)

"Same old Ethan" – für immer Sprung
von Drehli Robnik

Armer Ethan. Beziehungsglück und Teilhabe am Alltag einer Community sind ihm versagt. Nach Hause kann er nicht mehr: Sein Zuhause ist das Unterwegs-Sein in den Konflikten einer unsicheren multiethnischen Welt. …

Armer Ethan. Beziehungsglück und Teilhabe am Alltag einer Community sind ihm versagt. Nach Hause kann er nicht mehr: Sein Zuhause ist das Unterwegs-Sein in den Konflikten einer unsicheren multiethnischen Welt. In dieser Welt ist er ein Jäger, ein Suchender. Deshalb heißt Ethan auch Hunt – und deshalb heißt der andere Film, in dem Ethan heimatlos bleibt, „The Searchers“. Als John Wayne 1956 in letzterem Westernklassiker von John Ford den knorrigen Ethan Edwards auf seiner verbissenen Jagd verkörperte, war er 49, mehr als eine halbe Dekade jünger als Tom Cruise in seinem nunmehr sechsten „Mission: Impossible“-Film.

Wie einst der Western (auch die Filme des jungen John Wayne) galt auch das Actionkino lange Zeit als die zirkushafte Präsentation spektakulärer Nummern. Darin ist auch „Mission: Impossible – Fallout“ am besten; einige Setpieces sind wirklich beeindruckend, zumal Choreografien mit dem – samt einem ebenfalls beeindruckenden Schnauzer – beigestellten Henry Cavill: Eiffelturmzielspringen, Herrenklodögeln, Helicopterrempeln, Steilwandkraxeln. Hatte Cruises Quasi-Schwimmen „im Computer“ im vorigen „Mission: Impossible“-Film an sein zum Blockbuster-Mem gewordenes Schweben „im Computer“ aus dem ersten „Mission Impossible“-Film angeknüpft, so fungieren auch hier schon allein die Action-Nummern als Reminiszenzen an die Frühphase dieser Action-Ikone: Wir sind wieder in Paris und auf engem Raum hubschraubend aktiv wie im ersten (bzw. dritten) Film, wir freeclimben wieder im senkrechten Fels wie am Beginn des zweiten. Das ist natürlich nicht Geschichtsbewusstsein, sondern ein unweigerliches Moment narzisstischen Bezugs zur eigenen Tradition, aber immerhin: Zweiterer kommt ersterem so nah, dass die Vorstellung, es habe so etwas wie Geschichte gegeben (oder einst einen anderen Ethan), noch im Raum bleibt.

Dabei ist Geschichte – „natürlich“ ließe sich auch hier sagen – im „Mission Impossible“-Zirkus weitgehend durch automatische Abläufe ersetzt. Tom heißt zurecht, wer so stur wie ein AuTomat an der Entschärfung einer Atombombe werkt. Und im Vornamen der Ethan Hunt-Figur trägt Cruise das unerbittliche Pflicht-Ethos, das ohne Reibungsverlust auf Signale reagiert, uhrwerkhaft, ähnlich all den Automatismen, die rund um ihn ablaufen und Daten fließen lassen: Tabletpräsentation, Navinutzung, Tastenakrobatik, hier Knopf im Ohr, da Chip im Hals. Wobei der Verdacht nahe liegt, dass Cruise, Rebecca Ferguson, Ving Rhames und die anderen hier beim Rumrennen ständig nur die Finger ans Ohrläppchen halten, was so viel bedeutet wie Funksprechkontakt mit dem Einsatzmonitoring (Reden ohne Ohrläppchenbetastung hingegen bedeutet: Dialog mit den Leuten im Raum), als wär’s ein Kinderspiel-Code aus der Zeit der Cowboy-Filme. Und: Das Injizieren von Signaltrackern mittels Druckluftpistolen gerät hier zu einer Manie bzw. Routinegeste – ähnlich dem einstmals verselbständigten Gebrauch der „Bleispritze“ in alten Western mit und ohne John Wayne.

Wird Ethan es wieder schaffen? Die Frage ist – hör ich hier ein „natürlich“? – längst vom Projekt der Weltrettung vor dieser oder jener Bedrohung auf die sich (wie es heute normal ist) selbst abbildende Franchise-Logik übergegangen, und die heißt Überbietung. Dass es sich erfolgreich wiederholt, meint, dass es noch extremer wird – und dafür bringt dieser kleine, kompakte, sich schindende, sich und uns viel zu wenig von seinen mimischen Fähigkeiten gönnende Schauspieler immer prekärere Voraussetzungen mit. Wird da jemand alt? Bleibt Cruise für immer jung? (Und was sagt Scientology dazu? Das hat „uns“ doch einmal so beschäftigt, als Cruise 2008 den St. Auffenberg spielte, obwohl er für die Rolle zu alt, zu hässlich und zu undeutsch war…) Das fragt sich umso mehr, als nun für den Sechser, ein Novum im „M:I“-Zirkus, nicht die Inszenierungsmarke gewechselt wurde, sondern der Regisseur beibehalten wird – so wie hier erstmals auch Nicht-Team-Figuren aus dem 2015er Film –, nämlich Christopher McQuarrie: Als findiger Routinier ohne ausgeprägte Trademark (wie sie alle „M:I“-Regisseure vor ihm einbrachten) peilt er nun so etwas wie ein „Setteln“ an; da passt das Revuepassierenlassen der bisher bravourös absolvierten Action-Ballett-Großtaten gut dazu.

Was sich leider auch wiederholt: Simon Pegg schafft es wieder, als Figur völlig unlustig zu sein. (Zur Erinnerung: Der Mann hat mal grandiose Filme wie „Hot Fuzz“ oder „The World’s End“ gemacht.) Was sich leider gar nicht wiederholt, obwohl es doch immer, zumal seitens der Haters, als Toms Automatismus schlechthin galt: sein Grinsen. Von der drahtigen kleinen Grinsekatze – vom Kater der Hater, von Tomcat – bleibt nur die Katze; das Grinsen ist fast weg. Denn: Ethan will jetzt Tiefgang, Figurensubstanz, biografisches Kapital (wenn schon jeder dahergeflogene Superheld heutzutage sechs Vorleben hat, von denen sieben ihm selbst nicht bewusst sind) (wie eine Katze, eh). Der andere Ethan, der mit über vierzig bereits rasant dahinalternde Westernheld, lebte seine Endlichkeit in der mürrischen Melancholie jahrzehntelanger Altersrollen aus – und vor zehn Jahren, als er auch schon den Flegeljahren entwachsen war, hat Cruise in „Tropic Thunder“ gezeigt, wie toll und mikrodynamisch und knackarschig wir ihn uns in Altersrollen vorstellen könnten. Der Action-Opa Ethan hingegen, der der Zeit trotzt, weil er Uhrwerk ist, macht nun einen auf Bond im Post-Schnösel-Modus, sprich: Sein neuer Film gibt uns gleich zum Auftakt ein Stück Trauungstraumatraum, danach Loyalitäts-Lulu und Beziehungs-Blabla. Statt Tränen fließen auch hier Daten: So genau wollte man’s vielleicht gar nicht wissen. Und weniger Plot wäre mehr gewesen: mehr Stunt mit Hunt, mehr Cruise als missile mit Seil. Aber seien wir nicht unbescheiden: „Mission: Impossible – Fallout“ ist sicher besser als der anstehende „Top Gun“-Aufguss. Und: Ein paarmal geht noch.

Gute Manieren

(BR/FR 2017, Regie: Juliana Rojas, Marco Dutra)

In der Verwandlung gefangen
von Wolfgang Nierlin

Eine große Brücke verbindet einen der ärmeren Stadtteile der brasilianischen Metropole São Paulo mit der modernen Hochaussiedlung auf der anderen Seite, wo Bürokomplexe, schicke Geschäfte und Wohntürme in den Himmel …

Eine große Brücke verbindet einen der ärmeren Stadtteile der brasilianischen Metropole São Paulo mit der modernen Hochaussiedlung auf der anderen Seite, wo Bürokomplexe, schicke Geschäfte und Wohntürme in den Himmel ragen. Die alte und die neue Welt sind nur durch einen Fluss getrennt; und doch ist dieser Grenze eine vielfache Differenz eingeschrieben. Wenn die in sozial prekären Verhältnissen lebende Krankenschwester Clara (Isabél Zuaa) zu Beginn von Juliana Rojas‘ und Marco Dutras Film „Gute Manieren“ vor den verglasten Türen eines jener Wolkenkratzer steht und auf das Signal des Türöffners wartet, blickt sie uns an. Ihr Einlass vollzieht sich äußerlich als Übertritt in eine fremde Sphäre, doch Clara, so zeigt sich bald, ist stolz und stark und selbstbewusst genug, um ihren Platz in der Gesellschaft und im Leben zu kennen.

Ihre Bewerbung als zukünftige Kinderbetreuerin bei der schwangeren und scheinbar ziemlich wohlhabenden Ana (Marjorie Estiano) hat Erfolg, weil die einfühlsame Clara ein zuverlässiges Gefühl für die Schwächen ihres Gegenübers hat. Ihr umsorgendes Wesen, das von Ana durchaus gewünscht und gefordert wird, dehnt sich bald auf den ganzen Haushalt aus. Währenddessen entwickelt sich eine homoerotische Beziehung zwischen den beiden attraktiven Frauen, die bald durch ein dunkles Schicksal miteinander verbunden sind. Ana, wegen ihrer unehelichen Schwangerschaft von ihrer reichen Familie verstoßen, leidet unter mysteriösen Komplikationen und entwickelt bei Vollmond einen Somnambulismus. Dieser geht einher mit einem Heißhunger auf blutiges Fleisch. Jenseits gesellschaftlicher Hierarchien erkennt Clara, dass sie Ana vor sich selbst und anderen schützen muss. Als diese in einer dramatisch-schaurigen Niederkunft schließlich ein Kind gebärt, erweist sich das neugeborene Wesen in seiner Doppelexistenz als ebenso gefährlich wie verletzlich.

Die beiden brasilianischen Filmemacher inszenieren in ihrer phantastisch-märchenhaften Geschichte konsequent diese Ambivalenz zwischen der animalischen und der menschlichen Seite des Kindes, das in seinen Verwandlungen gefangen ist. Inspiriert von Jacques Tourneurs „Katzenmenschen“ (1942) und den Märchenfilmen Walt Disneys akzentuieren sie die Differenz zwischen Zivilisation und Instinkt, Mythos und Moderne. Dabei verwenden sie Elemente des Horror-Genres, um auf ebenso spannende wie verstörende Weise über Klassenunterschiede, Ausgrenzung und Außenseitertum zu sprechen. Schließlich erzählen Rojas und Dutra in ihrem preisgekörnten, zwischen Faszination und Schrecken changierenden Film aber auch von einer besonders bizarren und zugleich sehr zärtlichen Mutter-Sohn-Beziehung. Der kindliche Widerstand auf dem Weg in die Selbständigkeit und eine aufopferungsvolle mütterliche Liebe werden dabei in eine feine, stets zerbrechlich wirkende Balance gebracht.

Welcome to Sodom

(AUT/GH 2018, Regie: Christian Krönes, Florian Weigensamer)

Science-Fiction ohne Zukunft
von Jürgen Kiontke

Einen besonderen Blick auf das Thema Datenschutzgrundverordnung bietet der Film „Welcome to Sodom“ recht einschlägig in seinem Untertitel: „Dein Smartphone ist schon hier“. Mit „Dein“ wird hier der besserverdienende Teil …

Einen besonderen Blick auf das Thema Datenschutzgrundverordnung bietet der Film „Welcome to Sodom“ recht einschlägig in seinem Untertitel: „Dein Smartphone ist schon hier“. Mit „Dein“ wird hier der besserverdienende Teil der Weltbevölkerung angesprochen. Um dessen ausgemusterte Elektroware geht es hier, und schau an: Da sind ja noch die Urlaubsfotos drauf!

250.000 Tonnen E-Schrott landen jährlich in Agbogbloshie, einem Stadtteil der ghanaischen Hauptstadt Accra. Ursprünglich sollten ausrangierte Computer und Telefone hier die Wirtschaft anschieben, Müllhändler haben daraus aber ein recht großes Geschäftsmodell entwickelt. Die Hardware-Leichen werden illegal gegen Schwarzgeld verklappt und danach ausgeweidet. Die Ortschaft firmiert auch als titelgebendes „Sodom“ oder „Toxic City“: Umweltexperten raten, man solle sich besser nicht länger als zwei Stunden dort aufhalten. Bis zu den Knien im Schrott stehen rund 6.000 Menschen; sie wohnen auf der Deponie, ziehen dort Kinder auf, halten Rindviecher.

Als Filmemacher kommt man an dem Ort schlecht vorbei, und den Regisseuren gebührt Dank für ihre hervorragenden Bilder. An vielen Orten glühen die Plastikscheiterhaufen, die Metallreste in den Computern, Druckern und Klimaanlagen werden einfach herausgebrannt.

Man könnte reine Lust am cineastischen Schauwert unterstellen, die toxische Stadt auf die Leinwand zu bringen, legitim wäre dies – wir wagen einen Ein Blick hinter die Kulissen Europas. Würden nicht auch die Müllwerker ihre Lebensgeschichten erzählen: Da ist der schwule Jude David, der sich im Müll noch sicherer fühlt als sonstwo auf der Welt. Da ist das Mädchen Kwasi, das sich in einen Jungen verwandelt, um in Ruhe Metall sieben zu können. Da ist die Witwe Fauzia, die Wasser ausgerechnet in Plastikbeuteln verkauft und sagt: „Hier siehst du mit 44 Jahren aus wie mit 70.“ – „Hier kommst du nie wieder weg“, philosophiert der Müllsammler, der es sich auf gefundenen Särgen gemütlich macht.

Dieser alttestamentarische Ort ist ein kosmopolitischer; eine Stadt auf irgendeinem Schrottplaneten in der Galaxis, die die unsere ist. „Welcome to Sodom“ ist Science-Fiction ohne Zukunft. Ein gleichermaßen wunderbares wie erschreckendes Stück Kino.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret

Die Frau, die vorausgeht

(USA 2017, Regie: Susanna White)

Crazy Horses
von Christian Kaiser

Als Sitting Bull tödlich getroffen im Schnee liegt, beginnt sein Zirkuspferd, ein Geschenk Buffallo Bills, zu tanzen. Elegant und anmutig hüpft und tänzelt es rhythmisch durchs Bild. Es ist eine …

Als Sitting Bull tödlich getroffen im Schnee liegt, beginnt sein Zirkuspferd, ein Geschenk Buffallo Bills, zu tanzen. Elegant und anmutig hüpft und tänzelt es rhythmisch durchs Bild. Es ist eine starke Szene von fast Werner-Herzogschen Ausmaßen, die einen – gerade in seinem Musikeinsatz – bisweilen recht konventionellen Film doch noch ziemlich eigensinnig enden lässt. Sitting Bulls Stamm, so erfährt man kurz darauf, habe im Tanz des Tieres eine göttliche Botschaft gesehen und die Flucht ergriffen. Das Publikum indes weiß: Das doofe Pferd war im Zirkus Buffallo Bills schlichtweg darauf konditioniert worden, nach jedem abgefeuerten Schuss herumzutänzeln.

Dieses Wissen verleiht der ohnehin leicht absurden Szene zusätzlich noch etwas Befremdliches. Natürlich: Es war Sitting Bulls Lieblingspferd! Dennoch lässt sich im feierlichen Tanz des dressierten Pferdes, dessen Verhalten seiner Natur so krass zuwiderläuft, ein Bild des endgültigen Sieges der vermeintlichen Zivilisation des weißen Mannes über die Lebensweise Sitting Bulls und der Sioux erblicken. Dabei erscheinen die Indianer in den Reservaten ohnehin bloß noch als Schatten ihrer selbst: viele der großen Häuptlinge sind bereits verstorben und man trauert ihnen – wie z.B. Crazy Horse – wehmütig nach.

Den weißen Männern, für deren Sieg der Tanz des Pferdes einsteht, zollt der Film überhaupt große Aufmerksamkeit, ergeht sich aber dankenswerterweise nicht in allzu simplen Feindbildern: Auch weiße Frauen inszeniert Susanna White als Rassismen pflegende Figuren, derweil männliche Rothäute, allen voran der Häuptling Sitting Bull, einen chauvinistischen Stolz pflegen und sich von Frauen – zumindest vor Publikum – nichts befehlen lassen. Einzig die Indianerinnen scheinen als gesellschaftliche Gruppe eine Reinheit und Unschuld aufzuweisen, allerdings gibt ihnen der Film am wenigsten Raum.

Erzählt wird in „Die Frau, die vorausgeht“ die Geschichte der Künstlerin und Bürgerrechtlerin Caroline Weldon, die ungefähr zur Zeit der Ghost Dances ausgezogen ist, Sitting Bull zu porträtieren. Zum Zeitpunkt, als eine Kommission eine Verkleinerung der Indianer-Reservate durchsetzen will, erschien die Ghost-Dance-Bewegung freilich als provozierende Revolte. Sitting Bull schlug Weldons Warnungen, dass ihm die Bewegung angelastet werden und zu seiner Verhaftung führen könnte, jedoch in den Wind. Es kam zur Spaltung – und Caroline Weldon behielt Recht: Sitting Bull sollte verhaftet werden und wurde dabei erschossen.

Dass Susanna Whites Film nach einem Drehbuch des ganz offenbar politisch recht engagierten Steven Knight („Dirty Pretty Things“ (GB 2002, Regie: Stephen Frears)) diese Ereignisse nur sehr frei behandelt, macht bereits die Namensgebung klar: Caroline Weldon, die eigentlich Susanna Carolina Faesch hieß, wird hier in Catherine Weldon umgetauft. Und im Gegensatz zu Caroline Weldon reist Catherine Weldon nicht als ausgesprochen emanzipierte und geschiedene Frau in die Indianer-Reservate, sondern als Witwe, die sich nun erst zaghaft traut, ihren Kopf durchzusetzen. Dramaturgischer Aufhänger ist gewissermaßen die Wandlung von einer arg naiven und blauäugigen hin zur starken Figur, die sich gegen massive Anfeindungen durchzusetzen lernt: Jessica Chastain – für Terrence Malick einst die personifizierte weibliche Güte in „Tree of Life“ (USA 2011), später jedoch mehr und mehr auch als eiskalt-berechnende, harte Frau besetzt – ist für diese Rolle freilich eine ausgezeichnete Besetzung. Zu Zeiten der #MeToo-Bewegung liefert dieser Aufhänger vielleicht auch die richtigere Geschichte, die man aber eben nicht als Geschichtsstunde betrachten sollte.

Leider gesellt sich auch noch der Anflug einer Romanze zwischen Weldon und Sitting Bull hinzu, der zwar nie in eine echte Liebelei überführt wird, aber zu den vorhersehbarsten Kniffen des Films zählt. Dass er immer wieder einmal ironisch mit Erwartungshaltungen spielt – und etwa Sitting Bull in der Kleidung des weißen Mannes einführt – kommt ihm hingegen zugute, funktioniert aber keinesfalls immer. Der Witz, mit welchem Weldon anfangs mehrfach als naiv (und eigene Vorurteile und positive Rassismen pflegend) geschildert wird, fällt beispielsweise weit weniger originell aus. Nur ansatzweise originell erscheint auch der Umstand, dass sich ein vermeintlicher Antagonist schließlich als weniger eindimensional erweist: Der schon in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ (USA 2017, Regie: Martin McDonagh) als durchaus tragischer Rassist besetzte Sam Rockwell gibt hier Colonel Groves, der Weldon als Erster und noch während ihrer Anreise deutlich die sofortige Abreise nahelegt – und entpuppt sich zunehmend als Schuldiger, den seine Taten immerhin umtreiben, was jedoch etwas schablonenartig und oberflächlich in Szene gesetzt wird.

So ist „Die Frau, die vorausgeht“ letztlich ein etwas durchwachsener Film: Brillante Szenen blitzen nur kurz in hochsolider Konventionalität auf und die etwas verkrampft um Vielschichtigkeit bemühte Anklage des Rassismus und des Sexismus bleibt bei allen Sympathien letztlich eben doch etwas verkrampft. Aber als Western, der nah am Zeitgeist liegt, ist er ebenso aktuell und spannend wie auch als Film, der zugleich den Jahrzehnte währenden Wandel der Filmemacherin von der TV-, Kurz- und Dokumentarfilm-Regisseurin zur Kino-Langspielfilm-Regisseurin gehörig stärkt: Er ist hochgradig charakteristisch für die Filmkultur einer Zeit, in der zunehmend mehr Frauen die jahrzehntelang vornehmlich von Männern besetzten Regiestühle erobern.

Nico, 1988

(IT/BE 2017, Regie: Susanna Nicchiarelli)

Der Klang des Besiegt-Werdens
von Wolfgang Nierlin

Die Vorspanntitel sind unterlegt mit kurzen Filmszenen, die der Filmavantgardist Jonas Mekas von New York, Andy Warhol und seiner Factory-Entourage gemacht hat. Diese „Scences from the life of Andy Warhol“ …

Die Vorspanntitel sind unterlegt mit kurzen Filmszenen, die der Filmavantgardist Jonas Mekas von New York, Andy Warhol und seiner Factory-Entourage gemacht hat. Diese „Scences from the life of Andy Warhol“ sind knappe, flirrende Momentaufnahmen, die als Erinnerungen kurz aufscheinen und verlöschen. Viele Jahre später sitzt Warhols ehemalige Muse Nico (Trine Dyrholm), als umworbenes Model und eigenwillige Sängerin zur Ikone geworden, zum Interview in einer Radiostation im englischen Manchester. Sie wolle nicht mehr über ihre frühere Band The Velvet Underground sprechen. Sie habe 1968 vor allem viel LSD genommen. Jetzt, 1986, besteht sie gegenüber dem Interviewer auf ihrem Geburtsnamen Christa und ihrer Solokarriere, ihrer eigenen Musik, ihrem eigenen Leben. Und irgendwann später bekennt sie, die beschlossen hat, nicht mehr auf ihr Äußeres zu achten: „Ich war nicht glücklich als ich schön war.“

Susanna Nicchiarelli arbeitet in ihrem nach wahren Berichten entstandenen Film „Nico, 1988“, der am 30. Todestag der schillernden Künstlerin in die Kinos kommt, konsequent gegen eine nostalgische Verklärung oder mythische Überhöhung des Stars. Sie zeigt eine sperrige, unbequeme Sängerin, die sich mit ihrer finsteren Musik dem früheren Image entzieht und sich kompromisslos allen Erwartungen verweigert. Die italienische Regisseurin portraitiert die Titelheldin ihres außerordentlich intensiven Films darüber hinaus als eine innerlich zerrissene Frau, deren Kindheitstrauma sich gewissermaßen in ihrer eigenen, ziemlich problematischen Mutterschaft fortsetzt. Aufgewachsen in den Ruinen des zerbombten Berlin, sucht die 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Nico mit ihrem tragbaren Aufnahmegerät noch immer nach dem Klang der Kindheit: dem „Sound des bombardierten Berlin“.

Dieser „Klang des Besiegt-Werdens“ grundiert Nicos düstere, von ihrer dunklen Stimme getragene Musik und verleiht zugleich Susanna Nicchiarellis Film einen nüchternen, realistischen Erzählton, in den sich auf der Bildebene immer wieder augenblickshafte Visionen und traumähnliche Sequenzen mischen. Ihr stark verdichtetes Roadmovie konzentriert sich dabei auf die letzten Lebensjahre der Künstlerin mit Stationen in Italien, Prag und Deutschland. Illusionslos schildert Nicchiarelli Nicos Drogensucht, aber auch ihre Ekstasen und Sehnsüchte.

Unberechenbar und widersprüchlich äußert die Sängerin an einem ihrer schockierenden Tiefpunkte, an denen sie sich schon mal Backstage ganz offen Heroin spritzt oder wütend über das Spiel ihrer Bandkollegen ein Konzert abbricht: „Ich interessiere mich nicht mehr für Musik.“ Die dänische Schauspielerin und Sängerin Trine Dyrholm, die übrigens alle Lieder selbst singt, verschmilzt in ihrer ungewöhnlichen Performance mit der Figur, deren Exzessen und Abgründen. Man müsse „Kraft finden in dem, was für uns zurückbleibt“, interpretiert Nicos Manger Richard (John Gordon Sinclair), der als väterlicher Freund zugleich heimlich in sie verliebt ist, einmal Zeilen des englischen Dichters William Wordsworth. Im Grunde zielt Nicchiarellis entschlackter, wohltuend sachlicher Film ins Offene eines Lebens kurz vor seinem Ende. Und findet darin eine Frau und Künstlerin auf dem Weg zu sich selbst.

Endless Poetry

(FR/CHL 2016, Regie: Alejandro Jodorowsky)

Flucht ins Leben
von Wolfgang Nierlin

Ein Ermordeter mit herausquellendem Gedärm liegt auf der Straße eines berüchtigten Arbeiterviertels in Santiago de Chile. Selbst vor seinen Kleidern machen die Leichenfledderer nicht Halt. Wüst, gemein und bedrohlich ist …

Ein Ermordeter mit herausquellendem Gedärm liegt auf der Straße eines berüchtigten Arbeiterviertels in Santiago de Chile. Selbst vor seinen Kleidern machen die Leichenfledderer nicht Halt. Wüst, gemein und bedrohlich ist die Umgebung, in der der junge Alejandro Jodorowsky (Jeremias Herskovits) in den 1940er Jahren zum Mann und Künstler heranreift. Während der sensible Außenseiter Gedichte von Federico García Lorca liest und sich mit ersten Schreibversuchen ein Poetendasein erträumt, hat sein herrischer Vater Jaime (Brontis Jodorowsky) ein Medizinstudium für ihn vorgesehen. Im Übrigen will der geldgierige Ladeninhaber aus seinem Sohn einen richtigen, also furchtlosen Mann machen, weshalb er ihn zwingt, Ladendiebe zu entlarven und brutal zusammenzuschlagen. Die Konfrontation mit der nackten Wirklichkeit und die Flucht in die Phantasie liegen bei diesem archetypischen Vater-Sohn-Konflikt also miteinander im Clinch.

Für den legendären chilenischen (Comic-)Autor und Filmemacher Alejandro Jodorowsky (Jahrgang 1929), bekannt für seine singulären Kultfilme „El Topo“ (1970) und „Montana Sacra“ (1973), ist diese Opposition, vor allem aber ihre Auflösung im surrealen Fluss der Bilder – aufgenommen von Wong Kar-wai-Kameramann Christopher Doyle – programmatisch. Sein opernhaftes, stilistisch überbordendes, ebenso drastisches wie pathetisches Kino feiert den Exzess und die Übertreibung, die Opulenz und den Kitsch. Verspielt und maßlos setzt der betagte Filmmagier dabei die üblichen Koordinaten von Raum und Zeit außer Kraft. Neben dem Theatralischen ist es vor allem Jodorowskys Vorliebe für schräge, monströse Figuren, grelle Effekte und eine ausgestellte Künstlichkeit, die an die Werke Federico Fellinis erinnert. Wie dieser hegt auch Jodorowsky eine Bewunderung für das Clowneske und den Zirkus, für Pantomime und Marionetten. In seinem neuen Film „Endless Poetry“, dem nach „The Dance of Reality“ zweiten Teil seiner filmischen Autobiographie, huldigt er gegen den Tod einmal mehr dieser Welt der wahren Lebendigkeit.

Und er tut dies mit den Mitteln der Rebellion. Um sich von seinem dominanten Vater und seiner jüdischen Familie zu befreien und seiner künstlerischen Berufung zu folgen, muss Alejandro ganz symbolisch mit einer Axt den Familienbaum fällen. „Eine nackte Jungfrau wird deinen Weg erhellen mit einem leuchtenden Schmetterling“, wird ihm prophezeit, bevor sich diese poetische Weissagung in der Begegnung mit der Dichterin Stella Díaz (Pamela Flores, die auch die singende Mutter des Helden verkörpert), einer Inkarnation urgewaltiger Weiblichkeit, erfüllt. Alejandro ist jetzt ein junger Mann (Adan Jodorowsky), der in der verrückten Künstlerkommune der Cereceda-Schwestern Zuflucht findet, bald die Dichter Nicanor Parra und Enríque Lihn (Leandro Traub) kennenlernt und mit diesem zusammen durch subversive Aktionen und surreale Akte auf sich aufmerksam macht.

Seine künstlerische Berufung muss sich dabei immer wieder gegen äußere Widerstände und innere Zweifel behaupten. Im Gespräch mit sich selbst als alter Mann (gespielt von Alejandro Jodorowsky) findet er Rat: „Das Leben hat keine Bedeutung, du musst es leben“, sagt dieser. Als weißer Engel mit Flügeln schwebt der zum Künstler Berufene schließlich während der Karnevalsprozession über den Köpfen rot gewandeter Teufel und tanzender Totenskelette. Doch erst der endgültige Bruch mit dem Vater und die Flucht aus seiner (auch politisch) morbiden Heimat ins Exil nach Frankreich führen Alejandro zu seinem künstlerischen Selbst.

How to Party With Mum

(USA 2018, Regie: Ben Falcone)

Endlich wieder bieder
von Drehli Robnik

Melissa McCarthy ist an sich eine großartige Komikerin – hochpräsent in ihrem Timing, Körpereinsatz und Stimmbruch. Ihr Gemahl Ben Falcone hat bereits zwei Komödien mit ihr in der Hauptrolle inszeniert, …

Melissa McCarthy ist an sich eine großartige Komikerin – hochpräsent in ihrem Timing, Körpereinsatz und Stimmbruch. Ihr Gemahl Ben Falcone hat bereits zwei Komödien mit ihr in der Hauptrolle inszeniert, eine davon („Tammy“, 2014) hatte auch schon ein sentimental anvisiertes Mutter-Thema. In der aktuellen Gemeinschaftsarbeit des Ehepaars (Produktion und Drehbuch haben sie zusammen übernommen) spielt nun McCarthy die Mutterrolle: In „Life of the Party“, eingedeutscht als „How to Party With Mum“, nimmt eine Mittvierzigerin nach einer abrupten unfreiwilligen Scheidung ihr einst der Familie geopfertes Universitätsstudium (Archäologie) wieder auf; sie wird Teil der Campusclique und Partywelt ihrer Tochter und ist dort erstaunlich willkommen, auch erotisch erfolgreich.

Ältere Filmbuffs kennen die Anachronismus-Schulbank-Formel zum Beispiel aus der „Feuerzangenbowle“; etwas Heinz Rühmanneskes haftet auch dem sich anbahnenden Absinken von McCarthy in spießigen Gebrauchshumor an. Bitte bald „Spy 2“ oder „Ghostbusters 2“ oder vielleicht auch mal was Atypisches machen!

Im aktuellen Film, der in den USA zum Muttertag gestartet wurde, hagelt’s statt Frauen-Teamwork (oder gar Frauen-Solidarität) Bitchklischees, Kreuzwehwitze und Streitszenen, die von Formalien und Schinkenbrotobsessionen durchkreuzt werden; manche davon rettet die verlässliche Maya Rudolph. Zwischen Trinkspruchritual, Sorority-Initiation, Sex in der Bibliothek und – besonders dringend gebraucht – Party mit Eighties-Retro-Motto entspinnt sich ein bis ins Detail durchberechneter, dauerbeschallter und dennoch völlig verhatschter Feelgood-Film, der sich zum Findgut-Film auswächst: Ständig drückt uns irgendwer rein, wie urleiwand (für Nicht-Ösis: knorke) die Mama ist. Und das Weltbild in Sachen Jungsein und Studieren, das „How to Party with Mum because She Is the Life of the Party“ vermittelt, ist so zynisch und karrieristisch wie unterwerfungsbereit. Das hat Zukunft.

Randnotiz in Sachen Marginalisierung: Dunkelhäutige Menschen kommen hier in einer alibi- und gönnerhaften Art ins Bild, die für die gesamte Menschheit beleidigend ist. Am Ende ein Cameo von Christina Aguilera als Fundraising-Stargast; es darf getanzt werden. Vielmehr: muss.

Hereditary – Das Vermächtnis

(USA 2018, Regie: Ari Aster)

Den Augen nicht trauen
von Christian Kaiser

Flirrende, bläuliche, unwirkliche Lichteffekte. Spiegelbilder in Scheiben, die sich nicht an der gespiegelten Person orientieren. Sinneseindrücke, die sich als – echter oder vermeintlicher – Alptraum entpuppen. Personen, die sich nach …

Flirrende, bläuliche, unwirkliche Lichteffekte. Spiegelbilder in Scheiben, die sich nicht an der gespiegelten Person orientieren. Sinneseindrücke, die sich als – echter oder vermeintlicher – Alptraum entpuppen. Personen, die sich nach genauem Hinsehen doch bloß als Möbelstück erweisen – was bisweilen an Polanskis „Le locataire“ (FR 1976) erinnert, wo ein Stuhl im Fieberwahn doch nicht so ganz seinem Anblick entspricht. Dort mutiert auch ein harmloser Spielball in der Wahnvorstellung des Protagonisten zum abgetrennten Kopf. In „Hereditary“ wird man Zeuge einer solchen Umwandlung in umgedrehter Reihenfolge.

Überhaupt steckt – wenngleich auch Fellinis Poe-Verfilmung („Außergewöhnliche Geschichten“; IT/FR 1968; Segment „Toby Dammit“) und deren Vorbild Mario Bava Pate gestanden haben mögen – viel Polanski im „Hereditary“: „Rosemary’s Baby“ (USA 1968) macht sich am stärksten bemerkbar, wenn sich die weibliche Hauptfigur von ihrem Mann unverstanden wähnt, wenn sie immer wieder von einer aufdringlichen, freundlichen, älteren Dame umsorgt wird, wenn sich das okkulte Treiben immer deutlicher Bahn bricht.

Was „Hereditary“ mit diesen Polanskis – und mit seiner losen Mieter-Trilogie insgesamt – eint, ist das Spiel mit dem Wahn, mit einer vermeintlichen oder echten Paranoia der Figuren. „Hereditary“ besitzt allerdings vordergründig eine Eindeutigkeit, die man eher aus Polanskis letztem reinen Horrorfilm „The Ninth Gate“ (ES/FR/USA 1999) kennt. Die tote Mutter, die immer einen männlichen Enkel ersehnt hat; der Sohn, der trotz aller versuchten Schwangerschaftsabbrüche zur Welt gekommen ist; die okkulten Symbole, die immer wieder auftauchen – alles nimmt seinen schicksalhaften Lauf, der sich teilweise an H. P. Lovecrafts populärer Horrorstory „The Thing on the Doorstep “ (1937) orientiert, lange Zeit aber vor allem als abgründiges Familiendrama ausgibt.

Es beginnt mit der Beerdigung von Annie Grahams Mutter, mit der sie – woran ihre Grabrede keinen Zweifel lässt – eine eher schwierige Beziehung pflegte. Im Nachlass der Toten befinden sich diverse okkulte Bücher: eines davon verziert mit einem Symbol, das nun immer häufiger im Umfeld der Familie auftaucht – was aber zunächst bloß der Kamera und dem Kinopublikum auffällt. Die gehandicapte Tochter verhält sich in der Folgezeit immer sonderbarer und einen Schicksalsschlag später ist es auch um den Geisteszustand des Sohnes schlecht bestellt: was nicht zuletzt mit den Séancen zusammenzuhängen scheint, die Annie von einer neuen Freundin erlernt hat. Bald keimt in ihr der Verdacht, dass unheilvolle Dinge vor sich gehen. Doch ihr Mann, mit welchem sie einst einen heftigen Ehezwist hatte, sorgt sich eher um die geistige Gesundheit seiner Frau – zumal sie sich schon vor Jahren als Schlafwandlerin ausgesprochen bedenklich verhalten hatte.

Und weil der Film immer wieder mit Albtraumbildern und flüchtigen Sinneseindrücken spielt, nimmt ein Wahn- & Paranoia-Aspekt zunächst großen Raum ein – auch wenn früh gesäte Hinweise auf Unheilvolles dem Publikum und nicht unbedingt den Figuren dargeboten werden. Gegen Ende aber ereignet sich das Übernatürliche immer drastischer und eindeutiger. Doch wie gesagt trügt der Schein in diesem Paranoia-Horrorthriller. Hier herrscht der Wahn und vielleicht verlieren deshalb so viele Lebewesen ihren Kopf in dem Film, weil es gerade darum geht, nicht seinen Kopf zu verlieren, Wahn und Wirklichkeit sauber zu scheiden. Deshalb ist womöglich letztlich doch nicht alles so eindeutig übernatürlich, wie es am Ende zu sein scheint. Denn der Film setzt immerhin mit dem Geschehen innerhalb eines Puppenhauses ein, welches Annie neben vielen weiteren Miniaturmodellen als Abbild der umgebenden Wirklichkeit für eine geplante Kunstausstellung hergestellt hat. Es wirkt einige Zeit so, als ginge es um eine Figur, die mit ihrem Uhrmacher-Okular ganz genau hinschaut und ihre Umgebung dennoch viel zu spät durchschaut.

Doch man kann den Film, der gegen Ende hocheffektiv zum – im positiven Sinne – perversen Alptraum gerät, auch ganz anders lesen. Als Imagination im künstlichen Miniatur-Raum, im kreativen Werk der Hauptfigur, die ihr ungesundes Familienleben in eine monströse Horrorstory umformt: Wir sehen gewissermaßen bloß, was eine Künstlerin – getrieben vom zerrütteten Familienleben – in ihr Werk hineinprojiziert. Ein – ihre Wirklichkeit verarbeitendes – Puppenspiel. Eine Lesart, welche den positiven Nebeneffekt mit sich bringt, dass die (eben nur scheinbare) Eindeutigkeit des Übernatürlichen am Ende nicht zusammenbrechen lässt, was der Film zuvor als durchaus sozialkritisches, rabenschwarzes, leicht satirisches Familiendrama aufgebaut hat. Und darin ähnelt „Hereditary“ dann einem anderen jungen und stark gehypten Horrorfilm – nämlich „The VVitch“ (USA 2015; Regie: Robert Eggers), der ebenfalls zunehmend eindeutiger zu geraten schien, letztlich aber konsequent die Innenperspektive des Hexen-Wahns wiedergibt und mit dem sich „Hereditary“ die Verbeugung vor Kubricks „Shining“ (1980) aufgrund des avantgardistischen Soundtracks und dem Entsetzen vor nackten Leibern welker Vetteln teilt.

Wolf and sheep

(DK/FR/SWE/AFG 2016, Regie: Shahrbanoo Sadat)

Kleines Glück im kargen Leben
von Wolfgang Nierlin

Ein früh verstorbener Familienvater wird zu Grabe getragen. Während die Männer des kleinen Dorfes ein Schaf opfern, spenden die Frauen der Witwe Trost. Eine von ihnen sagt: „Das Leben gilt …

Ein früh verstorbener Familienvater wird zu Grabe getragen. Während die Männer des kleinen Dorfes ein Schaf opfern, spenden die Frauen der Witwe Trost. Eine von ihnen sagt: „Das Leben gilt nichts.“ Nachts hält ein Beter mit Laterne auf dem kargen Friedhofshügel die Totenwache, während aus dem fernen Dunkel das Geheul von Wölfen dringt und für Augenblicke eine nackte Frauengestalt das Bild mit einer unheimlichen Aura auflädt. Die grüne Fee mit dem langen Haar stammt aus einer der phantastischen Geschichten, die man sich hier erzählt und in denen sich Wirklichkeit und Legende unaufhörlich mit immer neuen Erfindungen durchdringen, um mit ihnen die Besonderheiten und das Unverständliche des Lebens zu erklären. Die magische Welt der Nacht und die Wirklichkeit des Tages gehören in dieser abgeschiedenen Gemeinschaft zusammen. Am nächsten Morgen schient ein alter Mann das verletzte Bein einer Ziege und Kinder treiben die Herde auf steinige Höhen.

Völlig unaufgeregt und verhalten beobachtet die junge afghanische Filmemacherin Shahrbanoo Sadat in ihrem Langfilmdebüt „Wolf and Sheep“ das Leben von Menschen, die unter nahezu archaischen Bedingungen ihr Dasein fristen. Diese gehören zur Ethnie der Hazara, der drittgrößten Volksgruppe Afghanistans, die immer wieder Anfeindungen ausgesetzt ist. Angesiedelt in einer trockenen, staubigen Talsenke im zentralen Teil des Landes – gedreht wurde allerdings in Tadschikistan -, schildert Sadat in losen Szenen den einfachen Alltag der Dorfgemeinschaft. Inspiriert von eigenen Erfahrungen, geht es der Regisseurin vor allem darum, den offiziellen, meist klischeebeladenen Bildern ihres Landes Ansichten des „wirklichen Lebens“ entgegenzusetzen. Ihr dokumentarischer Realismus, der der ethnographischen Beobachtung angenähert ist, verzichtet deshalb weitgehend auf eine dramatische Handlung und vertraut auf die Unbekümmertheit ihrer Laienspieler.

Trotzdem schält sich aus der Gleichrangigkeit des Erzählten und der Gleichförmigkeit der Ereignisse allmählich die Geschichte zweier jugendlicher Außenseiter: Während Qodrat (Qodratolla Qadiri), der eingangs zum Halbwaisen geworden ist, Gerüchten um das Liebesleben seiner Mutter ausgesetzt ist, wird die gleichaltrige Ziegenhirtin Sediqua (Sediqua Rasuli) von ihren Freundinnen wegen angeblicher sagenumwobener Sonderlichkeiten insgeheim gemieden. Scheu nähern sich die beiden Jugendlichen über das Knüpfen und Spielen mit einer Steinschleuder einander an. Shahrbanoo Sadat bindet das ein in die Kämpfe und obszönen Reden der pubertierenden Jungen und in die schüchternen Rollenspiele der Mädchen. Die Härten eines beschwerlichen, manchmal unbarmherzigen Lebens, das im Tausch und der Entschädigung immer wieder den Ausgleich findet, sind dabei stets gegenwärtig. Einmal klauen die beiden unschuldig Verliebten zusammen Kartoffeln, um sie danach in einem Erdfeuer zu dämpfen. Für einen langen Moment nur wird ein kurzes Glück greifbar, das danach von den Schicksalen des rauen Lebens wieder zerstreut wird.

Hereditary – Das Vermächtnis

(USA 2018, Regie: Ari Aster)

Vom Schmerz zum Schrecken
von Drehli Robnik

Jubelblurbs von Edelfedern der US-Kinokritik umfloren den Start des Konzept-Horrorfilms „Hereditary – Das Vermächtnis“. Der Jubel erfolgt ja nicht zu Unrecht. Allerdings wird die Art, wie solcher Kritik-Hype uns in …

Jubelblurbs von Edelfedern der US-Kinokritik umfloren den Start des Konzept-Horrorfilms „Hereditary – Das Vermächtnis“. Der Jubel erfolgt ja nicht zu Unrecht. Allerdings wird die Art, wie solcher Kritik-Hype uns in Schnappatmung versetzen will, den Stärken dieses Langfilmdebüts des jungen New Yorkers Ari Aster (Regie & Drehbuch) kaum gerecht. Diesen Film prägt weniger das grell Gellende als vielmehr ein Gestus des Gravitätischen in Sachen grief und relief: Aus lastenden Verlusten, Aufarbeitungsanläufen und Schuldzuweisungen innerhalb einer White Upper Middle Class-Familie entfaltet sich hier Ominöses und entsteht schubweise nackter Schrecken. Nach dem Begräbnis der Oma wird die Enkeltochter immer seltsamer, deren Mutter packt es nicht, ihr Vater ist der Typ aus „In Treatment“, aber hilfos, und dann rückt der wuschelköpfige Sohn immer mehr ins Zentrum…

„Hereditary“ wirft ein intergenerationales Schmerzensnetzwerk mit markanten Raumknoten aus (emblematisch: das Baumhaus vor dem Heim; die Puppenhaus-Szenarien, in denen die Mutter, von Beruf Objektkünstlerin – was sonst? –, Traumata pittoresk vergegenständlicht). Es wirkt ein bisserl gar gut ausgedacht – aber es wirkt. Das ist ähnlich wie bei dem bizarr verdrehten Missbrauchsdrama in einer schwarzen Bürgersfamilie in Asters Kurzfilm vom „Strange Thing About the Johnsons“. Dass schmerzliche Geheimnisse sich in einer Familie lange halten und wirken, das scheint bei Aster – betrachtet man sein „Gesamtwerk“ – kein Milieu-Monopol des weißen Amerika zu sein. Wie sein kurzer Vorgängerfilm hat auch „Hereditary“ einen Showdown am offenen Kamin. Bewahren wir ansonsten über die Story und ihre Auflösungen konspiratives Schweigen.

Beachtlich ist, wie „Hereditary“ Plots und Topoi des modernen Horrorkinos arrangiert, ohne dabei zitathaft oder beliebig zu werden: Zeichnungen von einem weirden Kind, die Neudeutung diverser gut verpackter Familienmemorabilia, abrupt endende Alpträume, Versuche, ein böses Buch zu verbrennen, Fliegenschwärme, Dachbodenmysterien, Klassenzimmervisionen, Leichenfunde, Flackerlicht, Séancen und ein Signature Sound (Zungenschnalzen) zu flirrenden Geigen und dronenden Bläsern.

Rahmend, tragend für diese motivische Vielfalt ist die Verbindung einzelner Over the Top-Momente mit Zusicherungen, die an Figuren im Film wie auch an uns ergehen – nämlich nach Art des hier öfter gesprochenen Eingeständnis-Satzes „Ich weiß, das ist jetzt total unglaubwürdig, aber…“. Eine regelrechte Doppel-Anmutung – du glaubst es nicht, aber es packt dich –, und Toni Collette gibt dem einen labilen Ausdruckskörper; flankiert von Alex Wolff und Gabriel Byrne spielt sie groß auf, ein wenig auch so, als würde sie an ihre Rolle (ebenfalls eine Mutterrolle) vor zwanzig Jahren in „The Sixth Sense“ anknüpfen. Ja, und die Art, wie hier Gesichter, Gesten und schlichte Hausansichten lange starrend verharren, auch mal in jähstem Lichtwechsel und in hellstem Halbdunkel (Morgendämmerung ist das neue Mitternacht), das schafft eine starke Atmosphäre und ist diabolisch creepy. Das kriecht dich. Hundert pro.

Grain – Weizen

(TR/FR/D/SWE/QA 2017, Regie: Semih Kaplanoğlu)

Totes Land, neues Leben
von Wolfgang Nierlin

In einer nicht so fernen, sehr gegenwärtigen Zukunft ist die einst farbige Welt schwarzweiß geworden. Die Kontraste ihrer mal grauen, mal erdigen Töne sind jetzt zwar härter und deutlicher sichtbar, …

In einer nicht so fernen, sehr gegenwärtigen Zukunft ist die einst farbige Welt schwarzweiß geworden. Die Kontraste ihrer mal grauen, mal erdigen Töne sind jetzt zwar härter und deutlicher sichtbar, aber was zwischen ihnen liegt verliert an Kontur. In Semih Kaplanoğlus neuem, kunstvoll gestaltetem Film „Grain – Weizen“ ist der verbleibende Lebensraum in verschiedene Zonen unterschiedlicher Güte und Existenzmöglichkeiten eingeteilt. Zwischen dem Chaos der Städte, der sogenannten „unbehüteten Natur“ und den „Dead Lands“ der verbotenen Zone erstreckt sich eine unfruchtbar gewordene Ödnis, die nur noch wenige Abstufungen kennt und aus der fast alles Leben verschwunden ist. Zwischen dem Sein einer verkümmerten Natur und dem Nichts einer zerstörten Natur sind Grenzen errichtet worden, die durch tödliche Magnetfelder „gesichert“ werden. Wer sie betritt, verbrennt und stirbt einen qualvollen Flammentod.

In Kaplanoğlus parabolischer Endzeitvision sind die dystopischen Motive sehr realistisch gezeichnet: In umzäunten Flüchtlingslagern harren die Menschen aus in der Hoffnung auf ein besseres Leben, über das ein selektierender Gen-Test entscheidet; Ufos überwachen das „tote Land“, in der die verlöschende Vergangenheit des früheren Lebens eingesperrt ist; in den Straßen einer futuristischen Stadtlandschaft toben wüste Straßenkämpfe; und in den Laboren mit ihren riesigen Gewächshäusern forscht man fieberhaft an genetisch veränderten Pflanzen nach Saatgut, das vom zerstörten Lebenskreislauf nicht abgestoßen wird. Da die Nahrungsmittelversorgung mittlerweile ernsthaft bedroht ist, sucht der Wissenschaftler Erol Erin (Jean-Marc Barr), der für die Firma „Novus Vita“ arbeitet, nach einer Lösung des Problems und begibt sich dafür auf Abwege, indem er der Spur des abgetauchten Genetikers Cemil Akman (Ermin Bravo) folgt.

Der Entdecker des sogenannten „M-Partikels“ wird in der verbotenen Zone vermutet. Zusammen mit seinem Kollegen Andrei (Grigoriy Dobrygin) und mit Hilfe des weiblichen Scouts Alice (Cristina Fluter) gelingt es Erin, die Magnetschranke zu überwinden und der Spur des wissenschaftlichen Aussteigers in den „Dead Lands“ zu folgen. Mit Anklängen und Reminiszenzen an Andrei Tarkowskis Filme „Stalker“ (UdSSR 1979) und „Nostalghia“ (UdSSR/IT 1983) beginnt für den kritischen Wissenschaftler Erin eine Art innere Reise, die ihn in der Begegnung mit dem charismatischen Konvertiten Akman zunehmend stärker mit sich selbst konfrontiert und schließlich verändert. Unter dem Boden einer alten Klosterkirche kultiviert Akman nämlich fruchtbare Erde, die es zu „retten“ und auszubringen gilt. So wird Erin, der zwischen empirischem Wissen und spiritueller Sehnsucht gespalten ist, zu Akmans Schüler und Gefolgsmann.

In seiner Erforschung des „menschlichen Parikels“, das die Einheit des Ganzen in sich einschließt, beschreibt Akman nämlich das Dasein als einen ungeteilten Körper, den es vom Ego zu befreien gilt. Erin durchläuft dabei verschiedene Stadien der inneren Umkehr, der Versuchung und der Heilung, in denen Motive an Semih Kaplanoğlus früheren Film „Yumurta – Ei“ (TR 2007) anklingen, beispielsweise in der Szene mit dem Wolf, der nachts Erins Zelt umkreist und ihn gewissermaßen an den Ort „fesselt“. Darüber hinaus zitiert der türkische Regisseur in seinem bildgewaltigen, von apokalyptischen Szenerien, eindrucksvollen Schauplätzen und überraschenden, zunächst rätselhaft anmutenden Wendungen bestimmten Endzeitfilm immer wieder religiöse Motive, die sich nahtlos in die existentielle Thematik einfügen. Die ebenso naturverbundene wie spirituelle Opposition des „Bekehrten“ wird schließlich zum Korrektiv der rationalen technischen Welt. Im Wiederfinden des verloren Geglaubten erscheint schließlich die Hoffnung auf Rettung.

Avengers: Infinity War

(USA 2018, Regie: Joe Russo, Anthony Russo)

To Infinity (War) and not beyond – Die Avengers rüsten sich für den „finalen“ Kampf
von David Auer

Wie der Herr seine Knechte und vice versa brauchen Superheroes ihre Supervillains, und je schillernder jene geraten, desto heldenhafter können diese in Aktion treten. An den Antagonisten (nicht nur) in …

Wie der Herr seine Knechte und vice versa brauchen Superheroes ihre Supervillains, und je schillernder jene geraten, desto heldenhafter können diese in Aktion treten. An den Antagonisten (nicht nur) in Comics und ihren Filmadaptionen müssen sich die Protagonisten messen lassen. Wenn, wie bei den Avengers, ein ganzes Franchise sich auf einen Kulminationspunkt zubewegt, schürt das große Erwartungen. Und die werden von „Avengers: Infinity War“ ja nicht enttäuscht. Schon einmal hat sich eine bunte Superheldentruppe einem lila Ungetüm entgegengestellt. Im letzten Ableger der X-Men-Hauptstory ist der titelgebende Apocalypse eben genau darauf aus, die Apokalypse, und in diesem Sinne auch recht eindimensional – der Film deswegen auch dementsprechend (die Einnahmezahlen am Box Office sprechen Bände; dass über 540 Millionen Dollar weltweit mittlerweile als Flop gelten, auch. Eher eine Ausnahme, sprich kein Anzeichen, vielleicht aber ein Vorzeichen für Superhero Fatigue, die aber bis auf weiteres nicht um sich greift, wie der Kassenerfolg von „Black Panther“ jüngst wieder einmal bewiesen hat.). Nach bald 20 Jahren Comicfilm-Traktiererei muss aber ein komplexerer Gegenspieler her, die zu Fans umfunktionierten Zuschauer lassen sich nicht mehr mit so simplen Motiven wie Weltherrschafts- und Weltzerstörungsgelüsten abspeisen.

Auftritt Thanos: Schon nach dem Abspann der Initialzündung des Marvel Cinematic Universe (MCU), „Iron Man“, hatte dieser einen ultrakurzen Auftritt als grinsender, behelmter Behemoth. Damals haben sich noch nicht so gut wie alle automatisch dem Sitzenbleibritual ergeben, heute ist das gang und gäbe, standardisierte Konsumpraxis, zumindest bei Comic-Verfilmungen (immer häufiger passiert es, dass die meisten auch bei anderen Blockbustern bis zum bitteren Ende sitzen bleiben: Manchmal werden sie belohnt, wie bei „Kong: Skull Island“, der nach den Credits das MonsterVerse anteasert, meist aber enttäuscht). Auch haben die meisten 2008 noch keinen blassen Schimmer gehabt, wer dieser Thanos überhaupt sein soll. Sein erster Auftritt war also vor allem eines: Insider-Service in Reinkultur, aber auch: Ausblick und Werbung für das, was auf die Uneingeweihten und Heldinnen noch zukommen sollte. Eine Dekade später und das Bescheidwissen der meisten mittlerweile vorausgesetzt – immerhin hat Disney über 18 Filme hinweg einen Crashkurs in Sachen Nerd-Wissen angeboten – nun der ultimative payoff: Thanos wie er leibt und lebt, sinniert und leidet, schweren Herzens (SPOILER ALERT) seine Adoptivtochter opfert und mit Gegenaufklärung im Gepäck seine Mission erfüllt. Schillernd eben.

Was ist seine Motivation und warum hat er Gegenaufklärung im Gepäck? Angesichts des Leids, das er im Universum erblickt, und das er allein auf Überbevölkerung in den Galaxien zurückführt, offenbart sich ihm nur eine Lösung dafür: die Hälfte aller Bewohner sämtlicher Planeten – randomisiert, weshalb die Gleichung Thanos=Hitler völlig danebengreift – mit einem Fingerschnippen zu beseitigen, sie so vom Leid zu erlösen, damit die andere Hälfte diesem nicht mehr ausgesetzt ist. Seine Devise lautet, im Universum „Gleichgewicht“ unter dem Deckmantel der Gnade herzustellen – und der Zweck heiligt für ihn die Mittel. Um diesen zu erreichen, muss Thanos aber zuerst alle sechs überall im All verstreuten Infinity Stones zusammenklauben. Die MacGuffins, die das Franchise zusammengehalten haben, erhalten nun also doch ihren übergeordneten tieferen Sinn, sind also keine mehr. Wie er zu ihnen kommt, das ist schon sehr beeindruckend arrangiert: Bei dem Aufgebot an Superhelden, das im finalen Showdown auftritt, hätte auch ein veritabler Clusterfuck dabei herauskommen können. Bei „Infinity War“ handelt es sich aber um einen überraschend übersichtlichen Fleckerlteppich, zusammengewebt aus vielen aufeinanderfolgenden imposanten Set Pieces, in denen sich Iron Man, Captain America und Co. grüppchenweise darum kümmern, Thanos davon abzuhalten, die Infinity Stones in seine Hände zu bekommen, genauer: in seinen Handschuh. Denn das würde bedeuten, dass er sich sämtlicher ihnen innewohnende Kräfte bemächtigte – die da wären: (Kontrolle über) Materie, Energie, Raum, Zeit, Geist und Seele –, womit er eben seine biopolitischen Pläne in die Tat umsetzen könnte.

Mit ein wenig Fantasie ist darin eine Selbstallegorisierung Disneys wiederzuerkennen: Wie Thanos Steine sammelt Disney Studios und wächst so zunehmend zum Monopolisten – mit Übermacht über Kinoraum und -zeit – heran (immer öfter dominieren Disney-Filme die Kinos und ihre Programme überall; ein erschreckendes Handyvideo, das zeigt, wie in einem US-amerikanischen Megaplex ausschließlich „Black Panther“ gezeigt wurde, lässt nichts Gutes – im Sinne einer Verödung des Angebots – für die Blockbuster-Zukunft vermuten). Nicht nur in Sachen Kino, sondern ebenso Fernsehen, das ja, glaubt man dem Pop-Geraune in den Feuilletons und in den zu diesen zugerichteten Blogs dieser Welt, ohnehin besser als Filme funktioniert, und diese wiederum im um sich greifenden Franchise-Wahn immer mehr wie Fernsehen. Jeder Eintrag ins Universum eine Episode, die die nächste teast, inklusive „Staffel“-Finale und was das Medium sonst noch so bereithält, wie z. B. auch Cliffhanger. Davon gibt es am Ende von „Infinity War“ nämlich auch einen, wie nach dem Ende der Credits selbstverständlich wieder eine Quasi-Vorschau auf den nächsten Teil. Wie das Fernsehen ist auch im ihm nachempfundenen Kino aber eines nicht zu finden, nämlich das, was der Begriff verspricht: in die Ferne zu sehen. Anstatt dessen blickt „Infinity War“ weit zurück in die Vergangenheit, ist dabei aber überhaupt nicht weitsichtig, weil er die Entstehung von Zeit, Raum, Materie etc., also den Urknall, als Geburt der Infinity Stones markiert, die sich im Zuge dessen überall im All verstreut hatten. Also merke: Die dem Kapitalismus eigene restlose Verdinglichung hat bereits – retroaktiv gewendet – am Anfang alles Existierenden überhaupt seinen Ursprung; nur so können Abstrakta, die man, bürgerlicher Wissenschaft sei Dank, gelernt hat, als isolierte zu begreifen, in Edelsteinform sich manifestiert haben. Ein Jenseits der Verdinglichung hat es demnach nie gegeben, und Kapitalismus ist immer schon und überall gewesen, selbst in den entferntesten Galaxien. Auch wenn der im MCU nicht zwangsweise auf jedem Planeten sein Unwesen treibt, herrscht trotzdem überall dasselbe Elend, und des Krisenmanagers und Biopolitikers Pseudolösung ist eine, die so nur als vom reaktionären Antikapitalismus produzierte gedacht werden kann.

Schließlich, weil eben gänzlich randomisiert – zweiter SPOILER ALERT! –, geht es auch unseren Heroes an den Kragen, von denen gleich mal schnurstracks alle bis auf die Avengers-Stammcrew sich in Pixel-Asche auflösen. Die Szenen, in denen Thanos mit dem vollendeten Infinity Gauntlet bestückt fingerschnippend seine Mission erfüllt und die nach und nach liebgewonnenen Helden und Heldinnen zerbröseln, sind packend inszeniert und berührend; die Atmosphäre im Kinosaal von absoluter Stille geprägt, der Schock einigen ins Gesicht geschrieben. Ist es nun vorbei? Nein, natürlich nicht! Ein Blick in die IMDB verrät, dass bald ein zweiter „Infinity War“ folgt, genauso wie ein weiterer Spider-Man, Dr. Strange usw. usf. sich bereits in Pre-Production befinden. Es geht also immer so weiter, und das ist ja (nach Benjamin) die Katastrophe. Genauso, wie das Ende der Welt viel eher als das Ende des Kapitalismus vorstellbar und abbildbar ist, ist auch die Fähigkeit, sich das ganz Andere – also dass es z. B. nicht immer so weitergeht – vorstellen zu können, abhandengekommen, bzw. Fantasie überhaupt im Einerlei der Kreativindustrie aufgegangen, sprich als Begriff schon gar nicht mehr satisfaktionsfähig. Egal, Fukuyama hatte recht und das Ende der Geschichte ist eingetreten: Sich utopistisch gebendes Denken heute ebbt zwangsweise ab ins nostalgische Herbeiwünschen der sogenannten goldenen 70er-Jahre, in denen zumindest mehr Menschen als heute verständlicherweise noch ein wenig Hoffnung für die Zukunft hatten (oft nur, weil sie sich ihrer Rente sicher sein konnten, aber auch, weil die Sozialdemokratie noch nicht so umstandslos wie heute bloß als Elendsverwalter, dazu noch ein schlechter, brilliert hat), und hatte sie auch bloß den Namen „demokratischer Kapitalismus“ getragen. Dabei wird die Idee der Utopie im Allgemeinen überhöht wie sonst nix, denn dass zumindest für alle und noch mehr heute schon und bereits seit Langem ja genug zum Essen da wäre, ist Tatsache, kein Nicht-Ort (utopos), und dafür nicht zu sorgen spottet eigentlich jeder Gesellschaft, die sich gerne zivilisiert nennt. Aber „zart wäre einzig das Gröbste: dass keiner mehr hungern soll“ (Adorno). Mit einem klobigen Handschuh kann man aber nicht zärtlich sein; Thanos mag also zwar omnipotent sein, omniszient ist er aber nicht, denn dann hätte er ja z. B. einfach mehr Essen für alle Menschen und Aliens für alle Zeiten herbeischnippen können; oder ganz „banal“ gesagt: Er hätte alle „Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, umwerfen können (der Film dann aber kaum seine schön gerenderten Post-/Apokalypse-Panoramen entfalten können und die Avengers wären, hätten sie ihren größten Widersacher daran gehindert, noch viel deutlicher als sonst als das in Erscheinung getreten, was sie sind, nämlich ein konterrevolutionärer Sicherheitsapparat, der bloß seinen Hegemonieanspruch auf dem Erdball verteidigt). Das ist von Marx – der ja heute jubiläumsbedingt mal wieder durch die Feuilletons gereicht wird, deren Schreiberlinge beflissene Grabpflege leisten für einen zu Tode theoretisierten, akademisierten Marxismus –, der die Stelle damit einleitet, dass mit dieser Lehre die Kritik der Religion endet, und damit ja auch sie, also die Religion selber, da das in ihr aufgehobene Versprechen fürs Jenseits im Diesseits eingelöst würde.

Bekanntlich ist die Religion (zumindest in den deindustrialisierten Industriezentren) bereits aufgehoben und durch jene der Kulturindustrie ersetzt worden, hungern müssen aber trotzdem noch genug, am meisten gerade jene, die von den „Segnungen“ des Kapitals am allerwenigsten verschont bleiben, dafür aber von der Moral, die sein Propagandaapparat verbreitet. Dessen Credo lautet, dass alles so weiter geht, gehen muss, und das auch gut so ist. So wenig wie das prozessierende Unheil kommen das Marvel Cinematic Universe, das Star Wars-Imperium und die X-Men-Maschinerie, allesamt vereint unter Disneys Dach, sobald zur Ruhe, bzw. erst dann, wenn die Kinogeher der jeweiligen Serien überdrüssig geworden sind. Endet aber krisenbedingt das eine Franchise, liegt schon das nächste in den Startlöchern, in dem vermutlich wieder eine Fraktion Widerständiger gegen einen mächtigen Übergegner antreten wird (aus nichts anderen speisen sich die meisten Franchise-Erzählungen). Widerstand, so lehrt die Kulturindustrie, ist zwecklos, bzw. eben nicht, sofern er eben Stoff für die nächsten Blockbuster in Serie hergibt, in denen sie sich selbst als Lösung für eigens produzierte Probleme anpreist. Erst aber, wenn die Herrschaft ihre geknechteten Objekte nicht mehr braucht und vice versa, wären auch Erzählungen, die dieses Herrschaftsverhältnis unverblümt verdoppeln und als unausweichlich darstellen, nicht mehr vonnöten, um es noch irgendwie ertragen zu können – und „Infinity War“ könnte als das genossen werden, was er hoffentlich einmal sein wird: ein vergnügliches, wenn auch etwas zu lang und pompös geratenes Artefakt aus einer längst vergangenen, zum Glück überwundenen Zeit.

Augenblicke: Gesichter einer Reise

(FR 2017, Regie: Agnès Varda, JR)

Porträtgalerie unter freiem Himmel
von Wolfgang Nierlin

„Gemeinsam Bilder machen, aber auf andere Weise“, lautet die relativ offene Projektidee, mit der sich Agnès Varda und JR gemeinsam auf den Weg begeben. Gegenseitige Bewunderung und die gemeinsame Liebe …

„Gemeinsam Bilder machen, aber auf andere Weise“, lautet die relativ offene Projektidee, mit der sich Agnès Varda und JR gemeinsam auf den Weg begeben. Gegenseitige Bewunderung und die gemeinsame Liebe zur Fotografie haben die fast 90-jährige französische Filmemacherin und den jungen Streetart-Künstler zusammengeführt. Dabei spielen die beiden zu Beginn ihres gemeinsamen Films „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ („Visages Villages“) auf humorvolle Weise mit jenen zufälligen Koinzidenzen, die für einmal gerade nicht zu einer Begegnung zwischen ihnen führen. Stattdessen habe man sich gezielt verabredet für einen Film, der verspielt und luftig leicht vom Suchen und Finden handelt und dem, so Varda, der Zufall assistiere. Insofern ist ihr dokumentarisches Roadmovie nicht nur ein Zeugnis ihrer (beginnenden) Freundschaft unter den mit einem Augenzwinkern inszenierten Bedingungen eines großen Altersunterschieds, sondern auch eine Hommage an die Imagination. Vor allem aber verknüpft der Film Begegnungen der jüngsten Gegenwart mit solchen aus der erinnerten Vergangenheit.

Dieses Konzept erinnert an Agnès Vardas früheren Film „Die Strände von Agnès“ (Les plages d’Agnès“, 2008) und trägt unverkennbar wie jener – wenngleich weniger ausdrücklich – autobiographische Züge. Mit der großformatigen, vielfach multiplizier- und teilbaren Porträtkunst von JR kommen zugleich sehr zeitgenössische künstlerische Strategien hinzu. Die beiden Ansätze treffen sich gewissermaßen im sozialen Gedanken ihres Projekts, das Menschen und Orte, Lebenswege und Erinnerungen miteinander verknüpft. In einem zu einer Art mobilem Fotostudio umfunktionierten Wohnmobil fahren Agnès Varda und JR „kreuz und quer“ und von Nord nach Süd durch Frankreich, um Geschichten des Wandels, aber auch des Beharrungsvermögens aufzuspüren. „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“, sagt die Grande Dame des französischen Kinos. Auf ihrer gemeinsamen Reise gestalten die beiden Künstler in der Begegnung mit Menschen eine „Porträtgalerie unter freiem Himmel“.

Der soziale Aspekt ihrer Unternehmung, der die Arbeit und Selbstauskünfte der Porträtierten miteinbezieht, ist dabei von größtem Wert. So besuchen sie eine ehemalige Bergarbeitersiedlung im Norden, die abgerissen werden soll; sie thematisieren den Strukturwandel in der Landwirtschaft; und sie porträtieren Frauen von Hafenarbeitern, um sie aus dem Schatten ihrer Männer zu holen. Immer geht es darum, mit den vergrößerten Porträts dieser Menschen, die als großformatige Plakate auf Fassaden, Container und Güterwaggons geklebt werden, die Erinnerung gegen das Vergessen zu bewahren. Ein nur halb aufgebautes Dorf wird mit den Gesichtern der aus der Umgebung stammenden Menschen belebt; ein alter, auf einen Strand in der Normandie gestürzter Bunker dient als temporäres Kunstobjekt für ein Bild (das verwendete Foto zeigt den später berühmt gewordenen Modefotografen Guy Bourdin 1954 in Saint-Aubin-sur-Mer), das die Flut am nächsten Tag wieder abgewaschen hat.

So sind bei aller Leichtigkeit immer wieder Vergänglichkeit und Tod die subkutanen Themen des Films. Der Besuch des Grabes von Henri Cartier-Bresson auf einem kleinen Friedhof des Örtchens Montjustin in der Provence und die Begegnung mit JRs 100-jähriger Großmutter erzählen davon ebenso wie Agnès Vardas nachlassende Sehkraft oder die Pensionierung eines Chemiearbeiters, der sich vor einem „Sprung ins Leere“ wähnt. Als die beiden schließlich Vardas Nouvelle Vague-Weggefährten Jean-Luc Godard in Rolle am Genfer See besuchen möchten, kommt es zu einer schmerzlichen Enttäuschung. Der menschenfreundliche, in Teilen fast schon idyllisierende Film, der präzise und in einem zügigen Tempo montiert ist, erhält dadurch eine unerwartet kontrastierende Stimmung; und eine Spannung, die letztlich zurück ins Offene, Unbestimmte, nur verschwommen Sichtbare führt.

Der Geschmack von Zement

(D/LBN/SYR/QA 2017, Regie: Ziad Kalthoum)

Ein Denkmal für den Staub
von Jürgen Kiontke

„Dreck fressen“, das ist eine Formulierung für das, was während harter Maloche passiert. Sie bezeichnet auch die Koinzidenz zwischen Arbeit und Krieg: „im Schlamm robben“ steht für schwere Lasten tragen, …

„Dreck fressen“, das ist eine Formulierung für das, was während harter Maloche passiert. Sie bezeichnet auch die Koinzidenz zwischen Arbeit und Krieg: „im Schlamm robben“ steht für schwere Lasten tragen, sich verletzen, Schmerzen.

Regisseur Ziad Kalthoum nimmt den lapidaren Spruch ganz wörtlich und setzt ihm ein filmisches Denkmal: „Der Geschmack von Zement“ heißt sein hochauflösendes Bildwerk, in dem der Staub eine symbolhafte Brücke zwischen Konstruktion und Destruktion bildet. Egal ob Bomben fallen und die Toten und Verletzten aus den Trümmern geborgen werden müssen oder der Krieg vorbei ist und die Infrastruktur wieder aufgerichtet werden muss: Es wird auf jeden Fall Staub aufgewirbelt.

Kalthoums Film handelt vom Leben syrischer Arbeiter, die nach ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg ein Auskommen auf Beiruts Hochhaus-Baustellen gefunden haben. Ein stark reglementiertes Leben: Tagsüber arbeiten sie, nachts ziehen sie sich in einen Raum im Keller der Baustelle zurück; unter rudimentären Umständen: Geschlafen wird auf dem Boden, es gibt kaum persönliche Gegenstände, und ab 19 Uhr ist es ihnen verboten, die Baustelle zu verlassen. Ausgangssperre.

Zement ist überall, die Arbeit ist gefährlich. Dass das Herkunftsland der Arbeiter in Trümmern liegt und sie das Nachbarland aufbauen, ist gefilmter Zynismus. Aber der Einsatz syrischer Arbeiter im Libanon hat Tradition, wie der Erzähler im Off-Text erklärt. Schon die Vorfahren gingen dort arbeiten: „Vaters Hände sahen aus wie der Stadtplan Beiruts.“

Kalthoum, 1981 im syrischen Homs geboren, hat an der Film-Hochschule in Moskau studiert. „Der Geschmack von Zement“ ist sein dritter Film. Kalthoum ist aus der syrischen Armee desertiert. Er sagt: „Die einzige Waffe, die ich tragen kann in diesem Leben, ist die Kamera.“ Und die schießt spektakuläre Bilder der Beiruter Skyline; Kräne ragen in den Abendhimmel, die halbfertigen Etagen enden in der Luft.

Kalthoum positioniert unseren Blick mitten ins Geschehen: Die Aufzüge fahren hier auf dem Kopf stehend nach unten, durch die Rohbau-Etagen leuchtet der Sonnenuntergang – hier macht einer entschiedene Anleihen beim expressionistischen Stummfilm der zwanziger Jahre – mit modernster technischer Ausstattung.

Für das Thema „Zerstörung“ dienen ihm Panzerfahrten durch die zerlegten Städte Syriens, die Kamera auf dem Geschützturm montiert. Die Kanone kracht, Gebäudetrümmer fliegen durch die Gegend, Staub verteilt sich. Jene Zementstaubwolken, die uns wiederbegegnen, wenn nachts eine Bombe in das Wohnhaus gefallen ist und Rettungsmannschaften und Nachbarn versuchen, Verletzte zu bergen. Drohnenflüge und Unterwasserkamerafahrten liefern weitere Bilder.

„Ich setze meine eigenen Erfahrungen als Geflohener in meine Filmsprache um: das Gefühl des Abwartens, das Hereinbrechen der Traumata in der Nacht, das Gefangensein in den Mühlen unserer Gesellschaft“, sagt der Regisseur.

Die Mühle: eine Kamera, an der Innenseite der Zementmischertrommel. Wir sollen den Beton schmecken und spüren. Als Publikum fährst du da Karussell, und das ist nicht das Schlechteste, was das Kino leisten kann. Es ist das Beste. Kalthoum sagt: „Ich setze den Betrachter selbst in die erste Person.“ Und die sitzt hier in der ersten Reihe.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Neues Deutschland

Die Augen des Weges

(PE 2016, Regie: Rodrigo Otero Heraud)

Vom Wissen der Steine und den Wirkungen des Wassers
von Wolfgang Nierlin

Ein Mann geht durch die majestätische Bergwelt der Anden mit ihren weiten Hochebenen und schroffen Felsformationen, mit ihren rauschenden Bächen und grünen Weiden. Er geht die Wege seiner Vorfahren und …

Ein Mann geht durch die majestätische Bergwelt der Anden mit ihren weiten Hochebenen und schroffen Felsformationen, mit ihren rauschenden Bächen und grünen Weiden. Er geht die Wege seiner Vorfahren und spricht aus dem Off des Films über den Weg, der von Geburt an für jeden Menschen vorherbestimmt ist. Er sagt, der Weg selbst habe Augen und leite die Schritte des Wanderers. Der das spricht, heißt Hipólito Peralta Ccama. Als weiser Priester und spiritueller Lehrer bewahrt und vermittelt er das Wissen seiner Vorfahren. In Rodrigo Otero Herauds stimmungsvollem Filmpoem „Die Augen des Weges“ („Los ojos del camino“), das das Gehen als Metapher für den Lebensweg begreift, bespricht Hipólito den Stein und das Wasser und weiß sich dabei in einer tiefen Verbindung mit den Apus, den umgebenden Göttern der Bergwelt: „Wir gehen nie allein.“

Die Zyklen des Lebens und die Kreisläufe der „Mutter Erde“ bilden gewissermaßen eine Einheit im animistischen Denken des Priesters und seiner Vorfahren. Deshalb ist auch die Weitergabe des ererbten Wissens so wichtig. Und deshalb stellt sich Hipólito das Wirken der Götter als kreisförmig vor. Wenn er die Fließrichtung des Wassers, die Eigenschaften von Regen und Nebel, die Wirkungen des Windes und die Weisheit der Steine beschreibt und veranschaulicht, dann geht es immer um einen Prozess des Reifens und Wachsens. Dieser mündet in der Ernte, der Stärkung und zugleich einem Neubeginn. Im Grunde vermittelt dieses andine Wissen eine Praxis ökologischer Nachhaltigkeit, die heute dringender denn je gebraucht wird. Hipólitos Sorge, der so wichtige Traditionsfaden könnte unter den Wirkungen von Egoismus und wirtschaftlicher Habgier reißen, begleitet seine sich in konzentrischen Kreisen entfaltende Meditation (in Quechua) und hält sie zugleich in einer permanenten Spannung.

In den Wiederholungsschleifen und Redundanzen seines Films nimmt Rodrigo Otero Heraud diese zyklischen Bewegungen auf und spiegelt sie zugleich in der Schönheit der ganz real als beseelt verstandenen Natur. Die lineare Auffassung der Zeit im Gehen und die mit ihm verbundene Traditionsvermittlung sowie die kreisförmige Auffassung der Zeit in der natürlichen Abfolge von Werden und Vergehen bilden also eine Einheit. „Gehen heißt auch Zurückkehren“, sagt dementsprechend Hipólito, der aus einer Priester-Familie stammt und dieses Wissen sehr authentisch und glaubwürdig ausstrahlt. Der Film wechselt deshalb immer wieder ins Schwarzweiß und erzeugt so einen mitunter geheimnisvollen Wechsel zwischen Gestern und Heute. Auf teils idealisierte, in bedächtigem Rhythmus aufgenommene Idyllen folgen dokumentarische Bilder der arbeitenden Landbevölkerung und ihrer archaisch anmutenden Rituale. Die Wahrheiten, die Rodrigo Otero Herauds Film vermittelt, sind einfach. Nur scheinen wir sie vergessen zu haben. Wie sagt doch Hipólito gleich zu Beginn einmal: „Der Mensch kommt auf die Welt, damit das Leben mit vollem Herzen erblüht.“

The Untamed

(MEX/D/DEN/FR/NOR 2016, Regie: Amat Escalante)

Reine Schönheit, unauslöschlicher Schmerz
von Wolfgang Nierlin

Das Fremde kommt von weit her, aus den Tiefen des Alls. Es lebt, von einem Wissenschaftler-Ehepaar betreut, in einer Holzhütte im Wald. Die umgebende Lichtung mit dem plätschernden Bach, der …

Das Fremde kommt von weit her, aus den Tiefen des Alls. Es lebt, von einem Wissenschaftler-Ehepaar betreut, in einer Holzhütte im Wald. Die umgebende Lichtung mit dem plätschernden Bach, der grünen Wiese und den grasenden Schafen beschreibt einen locus amoenus. Was man von dem geheimnisvollen Wesen zunächst sieht, ist ein einzelner langer Tentakel, der sich aus dem nackten Schoß einer verzückten jungen Frau löst. Verónica (Simone Bucio) wird später über das vielarmige Alien, das zunächst nur in Andeutungen sichtbar ist, sagen, es sei „die primitive Seite von allem“ und „schenke nur Lust“: „Es ist das Schönste, was du in deinem Leben sehen wirst, vermutlich im ganzen Universum. Nichts wird mehr sein wie es war.“ Trotzdem ist Verónica nach dieser Begegnung verletzt und blutet aus einer Wunde an der Hüfte. Das mysteriöse Es im Zustand seiner reinen Triebnatur, gewährt offensichtlich nicht nur sexuelle Transgression und Ekstase, sondern es verwandelt die Erfahrung einer außerordentlichen Lust auch in einen unauslöschlichen Schmerz.

In Amat Escalantes preisgekröntem Film „The Untamed“ („La región salvaje“) arbeitet die menschliche Triebnatur gegen die Fesseln der Gesellschaft. Doch der tabuisierte Übertritt in die reine Lebendigkeit des Daseins birgt zugleich tödliche Gefahren. Die in parallelen Erzählsträngen entwickelte Geschichte stellt zunächst Verónicas verhängnisvolles Verlangen gegen die unerfüllte Lust eines unglücklichen jungen Paares: Während Alejandra (Ruth Ramos), Mutter zweier kleiner Kinder, unter der Dusche masturbiert, um ihr unbefriedigendes Sexualleben zu kompensieren, treibt es ihr Mann Ángel (Jesús Meza) heimlich mit seinem Schwager Fabián (Eden Villavicencio). Aus Angst vor Diskriminierung verleugnet Ángel seine sexuelle Orientierung, indem er sich selbst homophob gibt. Der zu Eifersucht und impulsiver Wut neigende Landvermesser ist aber auch Opfer einer dominanten mütterlichen Erziehung und leidet unter einem traumatischen Kindheitserlebnis: Seit sein Vater im Beisein des Jungen auf der Jagd einen Hirsch getötet hat, kann Ángel kein Fleisch mehr essen.

Körper und Fleisch sind in unterschiedlichen Ausprägungen die Signaturen von Amat Escalantes verstörend abgründigem Film. Unterlegt mit düsteren Drones, verbindet sich sein direkter, realistischer Stil diesmal mit phantastischen Elementen. Denn nach und nach werden sich die Figuren, geleitet von Neugier und ungestillter Sehnsucht, von Enttäuschung und Schmerz, mit dem vielgliedrigen Tentakel-Monster vereinigen. In der Natur entspricht dessen physisches Bild dem verschlungenen Wurzelwerk eines Baumes. Erfüllung und Tod liegen in Escalantes roher, kreatürlicher Sicht auf die menschliche Existenz nah beieinander. „Ich bin ein Tier“, schreit Ángel, als er nicht mehr anders kann. Einmal grölt eine besoffene, an einer Kneipentheke aufgereihte Männerhorde voller Inbrunst: „Das Leben ist nichts wert. Es fängt mit Weinen an und hört mit Weinen auf.“ Demgegenüber steht das friedliche, von weit her kommende Bild wild kopulierender Tiere. Der Krater, der sie umgibt, könnte von einem Meteoriten stammen.

System Error

(D 2017, Regie: Florian Opitz)

Liebling, ich habe das Wachstum geschrumpft
von Dietrich Kuhlbrodt

Die Weltherrscher von Industrie und Kapital preisen das unendliche Wirtschaftswachstum. Die Unendlichkeit bietet weit mehr als ein nur tausendjähriges Reich. Wo bleiben in diesem Interviewfilm von Florian Opitz („Speed“, „Der …

Die Weltherrscher von Industrie und Kapital preisen das unendliche Wirtschaftswachstum. Die Unendlichkeit bietet weit mehr als ein nur tausendjähriges Reich. Wo bleiben in diesem Interviewfilm von Florian Opitz („Speed“, „Der große Ausverkauf“, „Akte D“) die Einwände? Die Umweltschützer, die Wistleblower, die Mahner, die auf die Endlichkeit der Erde verweisen, die Tatkräftigen, die im Hinterhof ihr Kraut züchten, die Filmer, die uns den brennenden Urwald und die riesigen Sojafelder in Brasilien zeigen, die neuen Veganen, die sich gegen die Massentierhaltung wenden – sie alle kommen nicht vor. Ist das der Systemfehler? Sicherlich nicht. Wir kennen alle die Einwände gegen die Unendlichkeit des Wirtschaftswachstums. Der Film ruft sie energisch auf. Er arbeitet mit dem, was wir eh im Kopf haben.

Aber haben wir ein Rezept gegen die Unendlichkeitsfetischisten des Kapitalismus? Gegen die Player der Hedge Fonds? Gegen Trumps Exberater Anthony Scaramucci, gegen Andreas Gruber, Chefinvestor der Allianz, gegen Carlos Capeletti, größter Massenhühnerhalter Brasiliens? Sie alle haben ihren Auftritt im Film, und wir haben keinen Plan. Opitz vermeidet folgerichtig und mit Erfolg, eine Lösung anzubieten, gar ein Manifest, einen Aufruf. Wer jetzt gefordert wird, das sind wir, Filmzuschauer. „System Error“ aktiviert uns, uns zu dem, was wir eh im Kopf haben, einen Gedanken zu machen: zu unser aller Zukunft und anderem als dem Wirtschaftswachstum. Der Kapitalismus begreift sich als unabänderbar? Quasi als göttliches Gesetz? Hilfe! Wir brauchen Karl Marx! Seine Sätze werden in „System Error“ zur Leitfigur. Jeweils ein Satz, weiß auf schwarzem Grund, als Zwischentitel.

Ja, Ende der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts hat es begonnen. Marx drang wieder ins Bewusstsein ein. Vor ein paar Jahren bildete sich in Neukölln wieder ein Kapital-Lesekreis. (Ich vermeide mal das Wort Basislektüre.) Ich schreib’ das jetzt nur, um auf Lenin zu kommen, der gleich nach seiner Abreise aus Zürich – vor ziemlich genau 100 Jahren – den volkswirtschaftlichen Teil des Buchs als brauchbar für den entstehenden Sozialismus fand. Der Kapitalismus ist eben keine feststehende Größe, mehr so etwas wie Entstandenes und Vergehendes. Denk’ ich doch.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Solo: A Star Wars Story

(USA 2018, Regie: Ron Howard)

Fetischgasmaske im Funkensprühregen
von Thomas Blum

Gibt es irgendwen da draußen, der oder die in dem mittlerweile ziemlich unübersichtlich gewordenen Sammelsurium aus »Star-Wars«-Prequel-, Sequel- und Franchise-Filmen noch halbwegs durchblickt? Klar: Gut gegen Böse, so viel hat …

Gibt es irgendwen da draußen, der oder die in dem mittlerweile ziemlich unübersichtlich gewordenen Sammelsurium aus »Star-Wars«-Prequel-, Sequel- und Franchise-Filmen noch halbwegs durchblickt? Klar: Gut gegen Böse, so viel hat man schon verstanden. Irgendwelche Rebellen, die in sonderbare Mittelaltermarktkleidung gewandet sind, haben sich mit Neonröhren bewaffnet und kämpfen gegen ein sich »das Imperium« nennendes, praktisch das ganze Universum beherrschendes Schweinesystem, dessen ranghohe Offiziere logischerweise schwarze SS-Stiefel und graue Wehrmachtsmäntel tragen und dessen Anführer anscheinend mit einer schweren Atemwegserkrankung zu kämpfen hat. So weit, wie gesagt, alles klar. Aber ist in den offenbar jeweils ineinander lappenden sowie strukturell und personell miteinander verschachtelten Filmen noch so etwas wie eine klare, stringente Erzählung auszumachen oder ist sowieso schon alles wurscht?

Sicher, für die Walt Disney gehörende Produktionsfirma Lucasfilm ist die Marke „Star Wars“ von nicht geringer Bedeutung, ist die Story doch ihrem Wesen nach unendlich und daher auch endlos perpetuierbar: Immerfort können neue skurril kostümierte Figuren, neue Haupt- und Nebenhandlungsstränge, neue Episoden, Vorgeschichten und Epiloge und neue lustige Blechdosenroboter, die possierliche Geräusche machen, hinzuerfunden werden, ohne dass irgendjemandem auffiele, dass er im Grunde immer denselben Film sieht. (Es ist wie mit der Imbissrestaurantkette „McDonalds“: Sieht man sich einen „Star-Wars“-Film an, weiß man schon vorher, was einen erwartet. Man entscheidet sich bewusst dafür, kann also vom Konsumierten/Rezipierten nicht wirklich enttäuscht werden.) Auch der Kern der Handlung der Weltraumoper ist ja sehr nah an unserer Gegenwart, die sie im Grunde nur auf märchenhafte, neoromantische und stark simplifizierte Weise – und in die ferne Zukunft verlegt – nacherzählt: Drecksauregimes und -konzerne expandieren und verwandeln die Welt in einen stündlich hässlicher werdenden Ort, während eine Handvoll Ausgebeuteter sich in windigen Wüstenregionen zusammenschließt, sackartige Roben und Togen anzieht und eine Rebellion anzettelt.

Eine der imposantesten, weil im Gegensatz zu seinen Weltraumkompagnons mit Humor ausgestatteten Figuren im fortwährend verwirrender werdenden „Star-Wars“-Kosmos ist bekanntermaßen der Weltraumcowboy, Abenteurer und Luftikus Han Solo (in den Original-„Star-Wars“-Filmen verkörpert von Harrison Ford), der, gemeinsam mit seinem mittels Grunzlauten kommunizierenden Kumpel Chewbacca, einer Art großem lebenden Flokatiteppich, durchs All düst und allerlei fragwürdige Geschäfte macht.

Der neueste „Star-Wars“-Film, „Solo: A Star Wars Story“, erzählt nun seine Geschichte: die eines jungen, draufgängerischen, in eine junge Frau (Qi’ra) verliebten Mannes (Han), der diverse halsbrecherische Abenteuer erlebt und actionreiche Kämpfe mit bösen Spießgesellen absolviert. Und tatsächlich geht dieser Space-Western gleich standesgemäß los: „It’s a lawless time“, so lautet der erste Satz, der bei Beginn des Films eingeblendet wird. Han muss, gemeinsam mit seinem Schwarm Qi’ra, von seinem Heimatplaneten Corellia, einem vom Imperium zu einer Art Riesenstandort für die Raumschiffproduktion und die daran angeschlossene Sklavenarbeit gemachten Stern, fliehen, und schon da wird optisch und akustisch viel von all dem aufgefahren, was im Wesentlichen auch die spätere Filmhandlung ausmacht: Verfolgungsjagd (auf urbanem nächtlichem Gelände), Schießerei und Geknall, Fanfarendonner, Explosionen, Funkensprühregen, Monsterhunde, zerknitterte Echsenwesen, besagte Blechdosenroboter und die gesichtslosen lustigen weißen Polypropylensoldaten („Sturmtruppen“). Alles also wie gehabt. Und wie immer schön aseptisch und jugendfrei, es ist eben eine Disney-Produktion: kein Sex, keine Gewalt (außer dem gezeigten Spielzeugpistolen-, Feuerwerks- und Explosionsgeknalle).

Der Zuschauer erfährt, warum Han Solo mit Nachnamen eigentlich „Solo“ heißt, wie er zu seinem Raumschiff kommt und wie die Männerfreundschaft Han Solo/Chewbacca entsteht. Überhaupt: schon wieder viel Männerfreundschaft in diesem Film.

Dann geht auch schon die Action weiter (jetzt nicht mehr am Boden, sondern in der Luft, vor einem winterlichen Gebirgspanorama): Han Solo überfällt gemeinsam mit anderen einen Coaxium-Transport, Kampf und Action, Schießerei und Geknall, Explosionen, Funkensprühregen, Fanfarendonner. Apropos Fanfarendonner: „John Powells Filmmusik ist durchgängig allgegenwärtig“, schreibt die »FAZ«. Ja, so kann man das durchaus formulieren. (Coaxium ist übrigens ein superwertvoller Superraumschifftreibstoff, der die gesamte Galaxis antreibt und von dem schon geringste Mengen genügen, um sich durchs halbe All zu katapultieren.) Der Überfall wird jedenfalls vergeigt, Coaxium wird keines erbeutet. Das Beste: Auch nach der ganzen kraftraubenden, turbulenten Kampfaction sehen die überlebenden Beteiligten alle aus wie aus dem Ei gepellt. Super!

Doch jetzt weiter im Plot: Han Solo landet auf einer lauen Abendparty in der Schaltzentrale der superkriminellen Organisation Crimson-Dawn, im Vergleich zu deren Machenschaften ein Mafiamassaker ein Kindergeburtstag ist, und muss dort erfahren, dass seine geliebte Qi’ra mittlerweile eine Art freiwillige Leibeigene des ruchlosen Crimson-Dawn-Anführers ist, einem unvorteilhaft geschnittene Morgenmäntel tragenden FDP-Gesicht namens Dryden Vos. Was tun? „These people are not your friends“, so wird Han Solo von einem Kompagnon gewarnt. Als könnte man sich’s nicht schon denken!

Jedenfalls bekommt Han Solo erneut den Auftrag, mit seinen Kumpels in großem Stil Coaxium zu stehlen. Es kommt, wie’s kommen muss, ein neues Setting muss her: eine Coaxium-Raffinerie auf einem kargen, vegetationsarmen, sandigen Planeten (vermutlich Fuerteventura). Dort folgen Schießerei und Geknall, Fanfarendonner, Explosionen, Funkensprühregen usw.

Später dann natürlich: Lüge, Enttäuschung, Verrat, Intrige, Zweikämpfe. Man kennt das ja.

Das Figurenensemble hat man nicht ohne eine gewisse Liebe zum Quatsch bzw. nicht ohne politischen oder filmhistorischen Anspielungsreichtum zusammengestellt: Es gibt einen aus Metallteilen zusammengeschraubten Droidenpiloten, der in Körpersprache, Gang und Sprechweise dem Klischee einer emanzipierten, resoluten Afroamerikanerin nachempfunden ist und über die Gleichberechtigung von und den freien Willen bei Robotern sinniert. Es gibt hässliche Imperiumsknechte, deren Physiognomie gänzlich von einer Art BDSM-Fetisch-Breath-Control-Gasmaske bedeckt ist, aus deren ins Freie ragenden Atemschlauchenden beständig der Speichel des Trägers rinnt (sehr schöne Idee). Es gibt Piraten/Widerständler, die eine Vorliebe für selbstgebastelte Pelzcapes, Trapperstiefel, futuristische Ritterhelme, Indianerschmuck und Medizinmannmasken zu haben scheinen.

Doch tun sich auch diverse Fragen auf: Warum wirkt die halbe Ausstattung des Films wie aus Mittelalter-, Sandalen-, Piraten-, Ritter-, Kriegs- und Wildwestfilmen zusammengeklaut? Warum ist der halbseidene Lando Calrissian, ein Weggefährte Han Solos, gekleidet wie die schwarzen Zuhälter in den Blaxploitationfilmen der frühen 70er Jahre? Und warum sieht die Gruppe der Widerständler so aus, als hätte man sie direkt vom Set des offenbar gleichzeitig im Studio nebenan gedrehten „Mad-Max“-Sequels geholt? Kann man Liebe zu einer Maschine empfinden? Können Roboter lieben? Und müssen die Disneystudios immer die gleichen, mit ein paar liebevollen Zitatspielereien versehenen superkonventionellen und superöden Blockbuster konzipieren?

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

The Cleaners

(D 2018, Regie: Hans Block, Moritz Riesewieck)

Vorfallfreie User Experience
von Ricardo Brunn

Jeden Tag werden mehr als 350.000.000 Bilder auf Facebook hochgeladen. 300 Stunden Videomaterial sind es pro Minute bei YouTube. Instagram kommt einer Statistik aus dem Jahr 2016 zufolge täglich auf …

Jeden Tag werden mehr als 350.000.000 Bilder auf Facebook hochgeladen. 300 Stunden Videomaterial sind es pro Minute bei YouTube. Instagram kommt einer Statistik aus dem Jahr 2016 zufolge täglich auf etwa 80.000.000 Fotografien, Tendenz steigend. Weltweit nutzen derzeit über 2,5 Milliarden Menschen Soziale Medien, veröffentlichen und teilen dort Inhalte. Doch nicht alles, was geschrieben oder hochgeladen wird, bleibt sichtbar. Im Hinterzimmer des Internets durchforstet eine Schar an Billiglöhnern die Bilderflut und sortiert die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Mehr als 100.000 sollen es sein, Content Moderatoren genannt, vornehmlich von den Philippinen. Einige von ihnen haben die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck seit 2016 ausfindig gemacht und interviewt. 2017 hat Riesewieck zu den Recherchen das Buch „Digitale Drecksarbeit“ (dtv) veröffentlicht, in Dortmund das Theaterstück „Nach Manila“ inszeniert und Vorträge gehalten. Nun folgt mit „The Cleaners“ die cineastische Aufarbeitung der Thematik.

Als „gigantische Schattenindustrie digitaler Zensur“ wird das Content Moderating im Presseheft beschrieben und ganz im Sinne dieser Wortwahl, gräbt sich „The Cleaners“ tief in die Ästhetik des Neonoirs ein. Architektur rahmt die Figuren, sperrt sie in ein Labyrinth aus Bürowänden, hinter denen dem Auge nichts als Dunkelheit begegnet. Einzige Lichtquelle bleibt der Computermonitor, der die Gesichter der Content Moderatoren eisig aus der Finsternis herausschält, während sie in wenigen Sekunden ihre Entscheidung „ignore“ oder „delete“ für ca. 25.000 Bilder (von der niedlichen Katze bis zur Enthauptung) pro Arbeitstag treffen müssen. Sie thronen, das zeigen die ersten Bilder des Filmes, wie dunkle Ritter hoch über der grell leuchtenden Stadt in einem der zahlreichen Bürotürme Manilas. Doch trotz ihres enormen Einflusses auf die Sozialen Netzwerke hat die erhöhte Position nichts Machtvolles an sich. Ganz im Gegenteil spricht aus jedem Blick der im Film auftretenden Arbeiter Müdigkeit und Erschöpfung.

Von diesem Punkt aus entwirrt „The Cleaners“, einem Politthriller gleich, langsam ein Netz an Hintergründen und fatalen Zusammenhängen. Er veranschaulicht wie Internet-Konzerne die schwierige, kontextsensitive und als zu komplex für Algorithmen eingeschätzte Aufgabe der Beurteilung von Bildern, Videos und Kommentaren outsourcen, ohne sich um die psychischen Schäden der Clickworker zu kümmern. Er fragt nach den strengen, oftmals absurden und im amerikanischen Puritanismus verhafteten Richtlinien, die den Content Moderatoren wenig bis keinen Raum für Intuition lassen und zeigt, wie weich die Grenze zwischen sinnvoller Kontrolle und politischer Einflussnahme tatsächlich ist. Das beginnt bei verfehlten Einschätzungen satirischer oder historischer Materialien, die ohne ihren spezifischen Kontext ausschließlich aufgrund abgebildeter Nacktheit gelöscht werden und endet bei Videos von Kriegsverbrechen, die NGOs in mühevoller Kleinarbeit als Beweismittel vor Ihrer endgültigen Löschung bewahren, oder mit Verträgen über das Blockieren bestimmter Nachrichten zwischen Machthabern totalitärer Staaten und den Betreibern der Sozialen Netzwerke.

Block und Riesewieck bemühen sich redlich darum die verschiedenen Facetten der Zensur und die mit jedem Jahr länger werdenden Schatten der Internetindustrie in ihrem Film auszuleuchten. Es bleibt jedoch am Ende ein Gefühl des Kurzangebundenseins, das sich einerseits natürlich aus dem Bemühen um mehr oder weniger sinnvolle Verknappung, vornehmlich jedoch aus der Tatsache speist, dass alles in „The Cleaners“ dem Prinzip des Thrillers untergeordnet wird. Die Beschaffenheit des Filmes mit seinem Low-Key-Stil und den im Neonlicht erstrahlenden Straßen, die Michael Mann nicht hätte besser einfangen können, den manchmal dröhnenden Elektrosounds, dem Verzicht darauf, den ProtagonistInnen aus ihrem beruflichen Umfeld suchend ins Leben zu folgen, den Datenstromanimationen und der klaren Entlarvung eines Bösewichts, der im Verborgenen agiert, formen ein Bedrohungsszenario, das in seiner Lust auf Spannung allzu sehr den Hang zum Konspirativen aufweist.

„The Cleaners“ folgt hier klar dem Trend der zunehmenden Kommerzialisierung des Dokumentarfilmes. In der bewussten Anpassung an die vermeintlichen Erwartungen eines möglichst großes Publikums wird er ungewollt ein Dokumentarfilm über Bilder, dem es selbst an Bildern fehlt, der seinem Grundkonflikt des Zeigens und Verbergens sowie der Frage nach dem Wahrheitsgehalt eines Bildes ästhetisch nicht begegnet. Es ist ein bereinigter Film, der außerhalb seiner düsteren Machart nicht viel Offenheit zulässt, entscheidende Fragen unberührt lässt und dem deshalb viel abhanden kommt. Die spannungsgeladene Inszenierung suggeriert, dass Unternehmen wie Facebook moralisch agieren müssten, wohingegen eine nüchternere Betrachtungsweise den Schluss nahegelegt hätte, dass die Internetkonzerne nur der Logik des ihren zugrunde liegenden Systems folgen, in dem Moral gar nicht vorkommen kann.

Bei allem aufklärerischen Anspruch ist Blocks und Riesewiecks Debütfilm demnach ein wenig so wie das Objekt seiner Betrachtung: Alle verstörenden Bilder wurden gelöscht, um eine zwar beunruhigende, aber möglichst vorfallfreie User Experience zu schaffen. „The Cleaners“ wird damit zur Veranschaulichungshilfe einer schwerwiegenden Krise der Digitalisierung ohne eigene ästhetische Position, taugt als Geste der Betroffenheit, ist solides Handwerk künstlerisch angehauchter, journalistischer Arbeit. Das reine auf Spannung und damit Unterhaltung getrimmte Konstatieren eines Missstandes macht aus der notwendigen Konfrontation des Publikums aber etwas Gefälliges, Einlullendes. Ein bisschen Kopfschütteln hier, etwas Gänsehaut da und dann doch wieder das altbekannte Schulterzucken. Vor allem, weil der hehren Aufdeckungsarbeit nichts nachfolgt und das sollten wir uns einfach nicht mehr leisten.

Ein Leben

(FR/BEL 2016, Regie: Stéphane Brizé)

Das Leichte und das Schwere
von Wolfgang Nierlin

„Das Leben ist nie so gut oder schlecht wie man glaubt“, heißt es ganz am Ende von Stéphane Brizés tief beeindruckendem Film „Ein Leben“ („Une vie“). Seine Adaption des gleichnamigen …

„Das Leben ist nie so gut oder schlecht wie man glaubt“, heißt es ganz am Ende von Stéphane Brizés tief beeindruckendem Film „Ein Leben“ („Une vie“). Seine Adaption des gleichnamigen Romans von Guy de Maupassant übersetzt den relationalen Gehalt dieses Zitats auf poetische Weise in eine filmische Struktur. Deren zeitliche Koordinaten sind beständig im Fluss. Voraus- und Rückblenden bewirken, dass die Chronologie der Ereignisse aufgebrochen wird und sich Gegenwart, augenblickshaft erinnerte Vergangenheit und ahnungsvolle Zukunft wechselseitig durchdringen. Verstärkt wird dieses zeitliche und seelische Ineinander zusätzlich durch eine asynchrone Montage von Bild und Ton, so dass beispielsweise Worte und Gedanken der filmischen Gegenwart, gesprochen aus dem Off, auf Bilder der Erinnerung treffen. So wird das Hässliche vom Schönen, das Schwere vom Leichten konterkariert oder abgemildert, um jenen Funken Hoffnung zu beseelen, den das Leben in sich trägt.

Stéphane Brizé erzählt die zeitlos gültige Lebensgeschichte einer jungen Landadligen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts entlang dem Wechsel der Jahreszeiten, der (zeitbedingt) zugleich einen anderen, bewussteren Lebensrhythmus beinhaltet. Die wiederkehrende Arbeit im Garten, die Zyklen des von einer göttlichen Natur bestimmten Pflanzens und Erntens, erscheint dabei als Spiegelbild einer reinen, empfindsamen Seele. Der Garten beflügelt die Hoffnung, verkörpert den Schmerz und spendet Trost.

Als die ebenso schöne wie kultivierte Jeanne Le Perthius des Vauds (Judith Chemla), Tochter eines wohlhabenden Barons aus der Normandie, nach kurzer Bedenkzeit den verarmten Vicomte Julien de Lamare (Iwann Arlaud) heiratet, ist ihr reiner, unschuldiger Glaube an das Gute im Menschen noch ungebrochen. Sie ist sich gewiss, dass im Strom der Vergänglichkeit jedes Ding einen Platz und ein Ziel, eine Aufgabe und einen Zusammenhang besitzt. Dieses Vertrauen in die göttliche Schöpfung und den Menschen wird erschüttert, als sie bemerkt, dass sie belogen und von ihrem Mann mit anderen Frauen, die ihr zugleich nahe stehen, betrogen wird.

Reduziert und konzentriert, folgt Brizé den Enttäuschungen und Abstürzen seiner Heldin. Dabei verzichtet er auf eine konventionelle Dramaturgie, um stattdessen die Wende- und Höhepunkte seiner Erzählung aus unvermittelten, abrupten Ellipsen sprechen zu lassen – aus Fragmenten einer aufgesplitterten Zeit. So gewinnt die Einstellung, die Spannung, Intensität und Sinnlichkeit des einzelnen, mit einer Handkamera aufgenommenen (naturalistischen) Bildes an Gewicht. Der französische Regisseur schließt dabei seine unglückliche, durch Verrat und Gewissensnöte sowie den Tod ihrer Eltern und die Abwesenheit ihres Sohnes immer einsamer werdende Heldin in das enge, fast quadratische Academy-Bildformat ein. Jeannes Leben wird zu einem Gefängnis, ihre Ideale und scheinbaren Gewissheiten werden immer wieder enttäuscht. Und doch glimmt in allem Niedergang am Ende auch ein Funken Hoffnung.

3 Tage in Quiberon

(D/AUT/FR 2018, Regie: Emily Atef)

Zerbrechlicher Mensch
von Wolfgang Nierlin

Unruhig flattert ein Drachen im Wind, schwankend in der Brise, die vom Meer her kommt. Im geglückten Moment erscheint das Schwere leicht. Und doch kann der schwebende Papier-Vogel in einem …

Unruhig flattert ein Drachen im Wind, schwankend in der Brise, die vom Meer her kommt. Im geglückten Moment erscheint das Schwere leicht. Und doch kann der schwebende Papier-Vogel in einem Augenblick abstürzen, ist der ganze luftige Zauber fragil. Die Kraft, die ihn trägt, kann ihn ebenso gefährden. In Emily Atefs preisgekröntem Film „3 Tage in Quiberon“ über Romy Schneider kann man dieses Eröffnungsbild als Metapher nehmen für die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz. Wenn kurz darauf die Protagonistin von hinten gezeigt wird, an den äußersten rechten Bildrand gedrängt, ist das zugleich ein Hinweis auf ihre Isolation und Einsamkeit, die in eine Spannung gesetzt werden zum Blick in die Weite und den dort vielleicht aufscheinenden Möglichkeiten. Tatsächlich hält sich die berühmte Schauspielerin, grandios verkörpert von Marie Bäumer, im Frühjahr des Jahres 1981, für eine Erholungs- und Entgiftungskur im titelgebenden Ferienort in der Bretagne auf. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit und auf strenge Diät gesetzt, will sie für sich und ihre Kinder „nüchtern werden“.

Gequält von Sorgen, die sie mit einem übermäßigen Alkohol- und Tablettenkonsum bekämpft, leidet die vielbeschäftigte Schauspielerin unter den Konflikten einer berufstätigen Mutter, die ihre Arbeit liebt und braucht und zugleich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchte. In dieser äußeren und inneren Situation, die Emily Atef eher implizit vermittelt, erhält Romy Schneider Besuch von ihrer fiktiven Jugendfreundin Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), die sich besorgt um sie kümmert. Tiefe Verbundenheit und gegenseitiges Vertrauen sind spürbar, wenn die beiden zusammen ein Bad nehmen oder Hilde ihre Freundin in den Schlaf wiegt. Diese intime Zweisamkeit wird empfindlich gestört, als der Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) und der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner), der Romys Vertrauen genießt, für ein exklusives Interview eintreffen.

Dieses in Wort und Bild dokumentierte historische Treffen dient Emily Atef als Anlass für ihr Portrait der Künstlerin als ein verletzlicher, in seinen Widersprüchen gefangener Mensch. Die Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Person, zwischen fiktiver Figur und realem Leben hat dabei besonderes Gewicht, wenn Romy gleich zu Beginn des suggestiv geführten Interviews sagt: „Ich bin nicht Sissi. Ich bin Romy Schneider. Ich bin nicht meine Rollen.“ Gegenüber Jürgs zunächst manipulierenden, gar übergriffigen Fragen behauptet die ebenso dünnhäutige wie redselige, offen mitteilungsbedürftige wie verletzliche Schauspielerin ihr Recht auf eine eigene Identität und ein eigenes „normales“ Leben. Mit ihrer ehrlichen, ungezwungenen Art, die nach Austausch und Ausgelassenheit strebt, aber immer wieder in die Ernüchterung und den Zusammenbruch führt, kann sie schließlich auch Jürgs für sich einnehmen. Ihr offensichtlich mehr als väterlicher Freund Lebeck nutzt wiederum diese Gefühlsschwankungen für seine intimen Fotos. In Schwarzweiß aufgenommen, haben diese Emily Atefs konzentriertem, durch seine intensive Nähe einnehmendem Kammerspiel als Inspirationsquelle gedient.

The Cleaners

(D/BR 2018, Regie: Moritz Riesewieck, Hans Block)

Die Säuberungsmaschinen aus Manila
von Britta Rotsch

Jede Minute werden 500 Stunden Video- und Bildmaterial auf YouTube hochgeladen. Auf Facebook sind es 2,5 Millionen Posts und 450.000 Tweets auf Twitter. Löschen oder im Internet lassen? Diese Frage …

Jede Minute werden 500 Stunden Video- und Bildmaterial auf YouTube hochgeladen. Auf Facebook sind es 2,5 Millionen Posts und 450.000 Tweets auf Twitter. Löschen oder im Internet lassen? Diese Frage stellen sich Content-Moderatoren täglich um die 250.000 Mal und kontrollieren, was wir im Netz sehen und was nicht. Ihre Aufgabe ist es, sich tagtäglich durch Texte, Bilder und Videos zu klicken, um pornographische Szenen, Enthauptungen, verfassungsfeindliches Material oder den Penis von Donald Trump auszusieben. Die mies bezahlten Angestellten dort entscheiden mit einem Klick darüber, was mehr als zwei Milliarden Facebook-User auf diesem Planeten in ihrer Filterblase zu sehen bekommen. „Wir müssen verhindern, dass sich der Hass in den sozialen Medien verbreitet“, sagt eine ehemalige Gatekeeperin. Eine Verantwortung, derer sie sich am Anfang der Unterzeichnung ihres Arbeitsvertrags nicht bewusst war.

Diese Schattenwelt ist eine große Outsourcing-Industrie auf den Philippinen. Firmen, die mit Usergenerated Content arbeiten wie Facebook, Youtube, Twitter, LinkedIn, haben ihren Sitz in der philippinischen Hauptstadt. Hier in Manila arbeiten junge Leute, die täglich aus den Slums in die Stadt pendeln und für diese Firmen arbeiten. „Ein sozialer Aufstieg auf den ersten Blick, könnte man denken. Doch hier handelt es sich um eine wirkliche Schattenindustrie“, so der Produzent des Dokumentarfilms, Georg Tschurtschenthaler. Neben weiteren kleineren Standorten wie Berlin, Warschau oder Dublin, ist Manila Welthauptstadt dieser Industrie mit zehntausenden von Arbeitern. „Hier herrscht extreme Geheimhaltung. Facebook beschäftigt Unterfirmen. Mitarbeiter, die für diese Unterfirmen arbeiten, dürfen offiziell nicht über ihren Job sprechen und müssen bei der Einstellung direkt eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben“, erklärt der Produzent. Auch in der Brutstätte Silicon Valley, einer der bedeutendsten Standorte für IT- und High Tech-Industrie weltweit, herrscht eine Schweigespirale und Unwissen. Es dauerte Wochen bis die Regisseure erste Einblicke in die Welt und das System bekamen, denn offiziell sind Firmen wie Facebook nicht unter diesem Namen in Manila bekannt. Mittlerweile verlassen immer mehr Arbeiter diese Blase.

In Manila gibt es weder eine lange Einarbeitungszeit noch Aufklärung über die ausführende Tätigkeit. Worauf sich die Arbeiter bei diesem Job einlassen, wissen sie vorher nicht wirklich. Diese Art von Arbeit ist brutal für den Geist und führt manche Mitarbeiter sogar in den Suizid. Doch der Content wird nicht weniger. Die digitale Welt wächst weiter rasant an. „Das gibt es alles noch nicht so lang. Erst durch die Smartphones ist das Problem so richtig akut geworden, jetzt wo jeder einfach und schnell Videos drehen und hochladen kann“, meint Tschurtschenthaler.

In „The Cleaners“ wird das gezeigt, was viele über soziale Netzwerke ahnten und dennoch ist das Ausmaß dieses Systems erschreckend. Durch das vertraglich festgelegte Regelwerk „Löschen“ oder „Ignorieren“ wird nicht nur das Userverhalten kontrolliert, sondern gefährdet durch die Zensur auch unsere Demokratie. Wenn mit einem Klick und unter Zeitdruck entschieden wird, was in den sozialen Netzwerken zu sehen ist, wird die Meinungsfreiheit immer mehr in die Schranken gewiesen. Kunst und Satire werden step by step ausgelöscht. Ist es wirklich sinnvoller, bestimmte Bilder und Videos den Zuschauenden nicht zu zeigen? Vielleicht hat Tschurtschenthaler Recht damit, dass wir auch solche Bilder sehen sollten. „Nur weil und manche Bilder nicht erreichen, heißt es nicht, dass das alles nicht in Wirklichkeit passiert“.

Die Sanfte

(FRK 2017, Regie: Sergey Loznitsa)

Entmenschlichte Menschen
von Wolfgang Nierlin

Die Kiste mit den Lebensmitteln und der Kleidung kommt wieder zurück. Vergeblich versucht Aljonka (Vasilina Makovtseva), die Sachen ihrem Mann ins Gefängnis zu schicken. Während dieser angeblich unschuldig inhaftiert ist, …

Die Kiste mit den Lebensmitteln und der Kleidung kommt wieder zurück. Vergeblich versucht Aljonka (Vasilina Makovtseva), die Sachen ihrem Mann ins Gefängnis zu schicken. Während dieser angeblich unschuldig inhaftiert ist, lebt seine schweigsame Frau allein mit ihrem Hund in einem abgeschiedenen, verwitterten Holzhaus auf dem Land. Nachts bewacht sie eine kleine, heruntergekommene Tankstelle, was aber keinen Sin macht, wie ihr eine Kollegin zu verstehen gibt. Auch Aljonkas Nachfragen und zaghaften Beschwerden auf dem städtischen Postamt bringen nichts ein. Die resolute, unfreundliche Schalterbeamtin weist sie barsch zurück, die verhärmten Umstehenden haben ihre eigenen Sorgen und auf dem Rückweg im überfüllten Bus findet sie sich wieder inmitten zeternder und schimpfender Menschen. Die Klagen der Leidgeprüften werden sich später, flankiert von patriotischen Reden und wehmütigen Gesängen, wie in einer auf ewig deprimierenden Endlosschleife wiederholen.

Sergey Loznitsa schickt in seinem neuen, erschütternden Film „Die Sanfte“ seine passive Heldin nämlich auf die Reise in eine ferne russische Gefängnisstadt. Von Hindernissen und Zurückweisungen, Kontrollen, Schikanen und Enttäuschungen gekennzeichnet, wird diese Fahrt durch das beschädigte Leben eines kaputten Landes immer mehr zum kafkaesken Trip ins Ungewisse eines undurchschaubaren Systems. Vor allem aber führt Aljonkas zum Scheitern verurteilter Versuch, das Paket persönlich zu überbringen, mitten hinein in den Hass einer Gesellschaft, deren Mitglieder in einem permanenten Gegeneinander gefangen sind. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, zitiert ein Taxifahrer genüsslich Hobbes, bevor er ein Hohelied auf den Nutzen des Gefängnisses anstimmt: Es schütze die Menschen und sichere das wirtschaftliche Überleben der Stadt. Dann bringt er die ahnungslos erscheinende Aljonka in eine billige Absteige, wo sie in ein wüstes, von deprimierender Hässlichkeit gezeichnetes Saufgelage gerät.

In Sergey Loznitsas ebenso realistischer wie grotesker Parabel auf den entmenschlichten Menschen, der in einer sich ewig fortsetzenden Hölle gefangen ist, wird die gleichmütige, unentwegt behördlicher Willkür und Gewalt ausgesetzte Heldin zu einer unfreiwilligen Führerin in die Abgründe einer zerstörerischen Gesellschaft. Deren Kälte und Aggressivität kontrastieren mit dem warmen Licht und den Sepiafarben des Films. In den langen Einstellungen des rumänischen Bildgestalters Oleg Mutu wechseln sich räumlich gestaffelte, parallele Handlungen akzentuierende Kompositionen ab mit Arrangements zusammengedrängter Körper und Gesichter, die beeindruckend authentisch sind. Deren müder, ausgemergelter Ausdruck spiegelt eine schlafende Gesellschaft, die von mächtigen, unsichtbaren „Chefs“ gelenkt wird. „Für die sind Menschen nichts“, sagt einmal einer über deren Niedertracht. In dieser Schlechtigkeit sind jedoch, jeder auf seine Weise, alle gefangen. Schließlich geht es in der verstörend absurden Zuspitzung von Loznitsas Film um nichts weniger als um die Einheit von Volk und Gefängnis.

Karl Marx. Der deutsche Prophet

(D 2018, Regie: Christian Twente)

Mario Marx
von Marit Hofmann

„Jeden Tag verbrachte Mario Adorf einige Stunden in der Maske, um dem wohl umstrittensten deutschen Denker zum Verwechseln ähnlich zu sehen.“ Regisseur Christian Twente verneigt sich vor dieser Leistung des …

„Jeden Tag verbrachte Mario Adorf einige Stunden in der Maske, um dem wohl umstrittensten deutschen Denker zum Verwechseln ähnlich zu sehen.“ Regisseur Christian Twente verneigt sich vor dieser Leistung des 87jährigen Super Mario im Dokudrama „Karl Marx. Der deutsche Prophet“, das Arte am 28. April und das ZDF am 2. Mai zur Primetime zu zeigen wagten.

Weil das ZDF sich nicht festlegen mag, wie es zu dem „widersprüchlichen Weltgeist“ steht, sich aber irgendwie am Brimborium zum 200. Geburtstag beteiligen will, blendet es zur Sicherheit sozialistische Aufmärsche, Mao, Stalin und andere Schreckgespenster ein und lässt andererseits Marx-Biograf Jürgen Neffe betonen, dass der „Philosoph der Freiheit“ so was nun doch nicht gewollt hätte (Mario Marx: „Ich bin kein Putschist, ich bin Philosoph!“). Sein Werk, erläutern die ZDF-Historiker Peter Arens und Stefan Brauburger, „bot das Rüstzeug für eine internationale Arbeiterbewegung, die später in sozialdemokratisch orientierten Parteien ihren Siegeszug antrat, aber auch das ideologische Fundament totalitärer Regime“. Man werde aber dem „nach Luther wirkmächtigsten Deutschen“ kaum „gerecht, wenn man den Blickwinkel auf seine radikalen Potentiale verengt“.

Gerecht wird man ihm, indem man sein Werk auf Phrasen wie diese verengt: „Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer – dies lässt sich auch auf die Lage der Welt von heute übertragen“ und indem man Experten wie den Exinvestmentbanker Rainer Voss, den Historiker Rolf Hosfeld („Marx hatte … immer das große nationale Layout im Auge“) und die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld, die Marx’ Gedanken für „totalen Quatsch“ hält, dekorativ an einen Sekretär in einer alten Fabrik setzt. Gerecht wird man ihm, indem man sein Leben in steifen Spielszenen aus der Sicht von Tochter Eleanor erzählt, denn dass der „weltferne Egomane“ (Arens/Brauburger) gegenüber den Damen der Familie rücksichtslos war und nicht mit Geld umgehen konnte, ist weniger „umstritten“. Gerecht wird man ihm, indem man in Rückblenden die ungestümen Jungs Karl und Friedrich sich spätere All-time-Faves wie „Ein Gespenst geht um in Europa“ und „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ zuwerfen lässt („Das ist gut, schreib das auf!“).

Dass Marx hauptsächlich am Schreibtisch saß, war für Twente „rein vom Filmischen her“ freilich ein „Alptraum“. Der „Hitzkopf“ (Hosfeld) haut dann auch mal auf den Billardtisch („Genossen, man muss das doch dialektisch sehen!“) oder sagt in bräsigem Dialekt Großvaterweisheiten auf: „Der Fortschritt ist nun mal ein störrischer Esel.“ – „Du aber auch!“, versetzt Eleanor. Nein, diese Drombuschs!

Gerecht wird ihm schließlich folgender Dialog: „Wird denn das Früchte tragen, was wir tun, Fritz?“ – „Jetzt hör aber auf, wir haben ihnen das Rüstzeug gegeben. Frisch auf ans Werk, Prophet!“
„In seinem Sessel behaglich dumm / sitzt schweigend das deutsche Publikum“ (Karl Marx).

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Black Panther

(USA 2018, Regie: Ryan Coogler)

Handelt vom struggle und schweigt darüber: „Black Panther“ (All hail our corporate overlords!)
von David Auer

The struggle is real, das hat sich sogar bis zu den Möchtegern-Monopolisten aus dem Hause Disney durchgesprochen. Nach der nahezu Totalinventarisierung des Marvelschen Figuren-Repertoires recycelt der Multimedia-Gigant frisch-fröhlich und unablässig …

The struggle is real, das hat sich sogar bis zu den Möchtegern-Monopolisten aus dem Hause Disney durchgesprochen. Nach der nahezu Totalinventarisierung des Marvelschen Figuren-Repertoires recycelt der Multimedia-Gigant frisch-fröhlich und unablässig auch allegorische Restbestände aus dem gedruckten Universum des Comic-Powerplayers und möchte so auf seinem Weg zur Herrschaft der Leinwände weltweit (manchmal) gesellschaftspolitische Relevanz beanspruchen. Der Zenit der Black-Lives-Matter-Bewegung ist, zumindest hinsichtlich ihrer medial angeleiteten Abwicklung, bereits überschritten, da trägt „Black Panther“ sie schon munter zu Grabe. Im bereits 18. Ableger des Marvel Cinematic Universe wird zum wiederholten Male der Konflikt ausgetragen, den die X-Men auf Papier in den Sechziger-, im Kino in den Nullerjahren, begonnen haben (man könnte meinen, weil der Konflikt ja auch in der extradiegetischen Wirklichkeit nicht zum Erliegen kommt; viel eher aber ist dafür schlicht die Konvention ausschlaggebend: Narrativ haben Comicverfilmungen selten mehr zu bieten als die Zuspitzung des Kampfes zweier verfeindeter Parteien, meist zwischen Gut und Böse, selbst wenn hie und da pflichtschuldig ein paar Nuancen ins Spiel kommen). Trifft Professor X auf Magneto, ist selbst für Eingeweihte unschwer zu erkennen, wer für wen und wofür einstehen soll: der pazifistische Liberale im Rollstuhl für Martin Luther King – auch wenn der sich nicht im Traum liberal geschimpft hätte – und gewaltfreien Widerstand, der behelmte Radikalinski für Malcolm X und revolutionären Aufstand. (Der Vorwurf des „white washing“ ist heutzutage schnell parat, wäre aber nur dann haltbar, wenn man die früheren X-Men-Comics als Allegorisierung allein der Bürgerrechtsbewegung liest; allerdings handelt es sich ja bei dem einen um einen Querschnittsgelähmten, bei dem anderen um einen Shoah-Überlebenden, und beide sind Mutanten – sprich da braucht man nicht viel „appropriaten“, um auch abseits der Hautfarbe einen struggle zu erkennen.) So emanzipationspolitisch aufgeladen, wenn man so will, sind die Avengers-Kinoadaptionen selten, „Black Panther“ ist’s dafür umso stärker; dabei gefällt er sich darin, die Grenzen zwischen dem Protagonisten und Antagonisten bis zur schließlichen falschen Versöhnung (und Beseitigung des allzu Abseitigen) zu verwischen und damit so was wie den gesellschaftlichen Antagonismus schlechthin zu verschleiern.

Auch erzählerisch nimmt Regisseur Ryan Coogler größtmöglichen Abstand vom Mutter-Franchise, dessen Geschehnisse bis auf wenige Andeutungen außen vor bleiben, wenig Abstand dagegen von dem Ansinnen, die leidgeplagte Black History und Gegenwart für seinen Blackbuster in den Dienst zu nehmen. Seit Jahrhunderten gedeiht in Afrika der dank Alien-Technologie hochentwickelte Ethnostaat Wakanda, in dem Tribalismus und Monarchie herrschen, nicht von ungefähr absichtlich versteckt vor der restlichen Welt. Der König und titelgebende Hero muss den Thron gegen die royalen Ambitionen des Antagonisten verteidigen, der die Nation öffnen und die „Verdammten dieser Erde“ (im Sinn Frantz Fanons mehr denn der Prolet-Arier-Bewegung) mit Waffen ausstatten will. (Apropos Ausstattung: Die ist afrofuturistisch und oft auch, wie die Darstellung Teil-Afrikas insgesamt, ethnokitschig.)

Zum dritten Mal schon arbeitet Coogler mit Michael B. Jordan zusammen, der den kampferprobten und narbenübersäten Widersacher mit viel Swag mimt. Am Ende eines kaum aufregenden Showdowns gewinnt nicht dessen aggressive Identitätspolitik, sondern Wischiwaschi-Universalismus; der Panther gibt die NGO für schwarze Kids im Ghetto, tritt vors Weltpublikum, erklärt sich bereit, Wakanda-Technologie mit diesem zu teilen und spätestens, als er von einem single tribe namens Menschheit träumt, ist der Vergleich mit Martin Luther King (genauer: einer trivialisierten Schwundform von ihm) aufgelegt.

Das ist eben so lieb wie liberal und insofern vor allem auch zu verstehen als Eingemeindungsritual ins Marvel Cinematic Universe (geschlossene Grenzen und Ethnopolitik sind hier ein No-Go, denn Disney wie Kapital kennen weder Grenzen noch Rassen: Grenzen nicht, weil seine Produkte ja überall auf der Welt abgesetzt werden und Kapital frei fließen soll; „Rassen“ nicht, weil prinzipiell alle sowohl ausbeutungsfähig als auch Zielgruppe sein und diese Produkte gefälligst erwerben sollen – was nicht heißt, dass Kapitalismus Rassifizierungen und Rassismus nicht auch produziert und davon genauso wie von Grenzen auch profitiert).

Der Panther ist nun also fixer Bestandteil des weltweit operierenden und bunten Kinohelden-Teams Marke Walt Disney Company, der nach Marvel, Pixar und Lucasfilm usw. usf. nun seit kurzem 21st Century Fox und damit die X-Men gehören. Vom struggle wird demnach noch viel zu sehen, hören und lesen sein – wer aber von Monopolisierung nicht reden will, sollte auch vom ihm schweigen.

Hands of Stone – Fäuste aus Stein

(USA 2016, Regie: Jonathan Jakubowicz)

Sand im Getriebe
von Nicolai Bühnemann

Roberto Durán (Edgar Ramirez) stammt aus den Slums von Panama und will als Boxer ganz nach oben. Sein Trainer Ray Arcel (Robert De Niro), eine Legende auf seinem Gebiet, hat …

Roberto Durán (Edgar Ramirez) stammt aus den Slums von Panama und will als Boxer ganz nach oben. Sein Trainer Ray Arcel (Robert De Niro), eine Legende auf seinem Gebiet, hat sich mit der Mafia überworfen. Aber er macht dem Boss (John Turturro) ein Angebot, dass dieser nicht ausschlagen kann: Entweder Arcel macht Durán zum Champion oder er ist endgültig am Ende seines Weges angelangt.

Ist das denkbar generisch? Ja. Ist das unterm Strich auch ziemlich reaktionär? Leider ebenfalls. Danach wird es allerdings komplexer. Die Zeit, die sich der Film für die Backstory Duráns, seine Kindheit in Panama, nimmt, ist durchaus gut angelegt, wobei es auch löblich ist, dass die Dialoge auf Spanisch mit Untertiteln gehalten sind. Der auf historischen Tatsachen beruhende Film lässt die großen Konflikte Duráns erkennen. Sein Gegner Sugar Ray Lennon (Usher) ist leider nicht sonderlich komplex gezeichnet, bleibt die ungebrochen sympathischere Figur. Der eigentliche Star des Films ist allerdings wenig überraschend De Niro und sein Arcel die mit Abstand interessanteste Figur. Dass Turturro nur wenige Minuten screen time hat, ist hingegen sehr schade.

Einen „Männerfilm“ zu drehen ist an sich natürlich kein Problem. Dass sein Frauenbild das schlimmste an ihm ist, hingegen schon. So darf Durans Frau Felicidad (Ana de Armas, der Name bedeutet übersetzt „Glück“) kaum jemals über den Status einer trophy wife hinauskommen, die es noch nach der größten Schweinerei ihres Mannes kaum erwarten kann, zur Versöhnung mit ihm in die Kiste zu springen.

Während sich der venezolanische Regisseur Jonathan Jakubowicz zu Beginn dem Potenzial seines Stoffes durchaus bewusst zu sein scheint, versandet er in der zweiten Hälfte dann auch dramaturgisch mehr und mehr, wobei das abgedroschene letzte Bild und der Inhalt der obligatorischen „Wie es mit den historischen Personen weiterging“-Texttafeln sehr symptomatisch sind. Auf ein Sequel über Arcel und seine Beziehung zur Mafia wäre ich übrigens sehr gespannt. Zur Überbrückung kann ich ja mal „Creed“ (USA 2015; R: Ryan Coogler) nachholen, den wohl tatsächlich letzten Eintrag ins „Rocky“-Franchise.

A beautiful day

(USA/FRK 2017, Regie: Lynne Ramsay)

Äußere und innere Narben
von Wolfgang Nierlin

Eine Atmosphäre latenter Gewalt und atemloser Spannung durchzieht diesen Film, der von Beginn an seine Zuschauer verunsichert. Die Irritation resultiert dabei zunächst aus einer fragmentierten Bildererzählung, die Disparates vereint und …

Eine Atmosphäre latenter Gewalt und atemloser Spannung durchzieht diesen Film, der von Beginn an seine Zuschauer verunsichert. Die Irritation resultiert dabei zunächst aus einer fragmentierten Bildererzählung, die Disparates vereint und gegen einen Zusammenhang zu arbeiten scheint, indem sie Handlungsausschnitte der erzählten Gegenwart mit Erinnerungssplittern verbindet. Die Groß- und Detailaufnahme dient dabei als zentrales stilistisches Mittel der filmischen Abstraktion. Im Close-up ist das Nahe fern, entzieht sich das Sichtbare der Identifizierbarkeit. Unterlegt mit den hypnotischen Sounds und den gegenläufigen Rhythmen des vom Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood komponierten Soundtracks, kreiert die schottische Regisseurin Lynne Ramsay in ihrem preisgekrönten Thriller „A beautiful day“ (engl. Titel „You were never really here“) ein assoziativ gebautes Raum-Zeit-Kontinuum. Dieses scheint zunächst abgelöst, ja abgeschlossen von der Realität, obwohl es durchsetzt ist von flirrenden Bildern der Großstadt New York als Mitspielerin.

Tatsächlich aber spiegelt sich in ihm das traumatisierte Innenleben der männlichen Hauptfigur. Joe (Joaquin Phoenix) ist ein geheimnisvoller, schweigsamer Einzelgänger, der seinen finsteren Blick hinter Kapuze und Bart versteckt und mit einem schleppenden Gang unterwegs ist. Offensichtlich hat der äußerlich selbstsicher und cool wirkende Mann gerade einen blutigen Auftrag erledigt, nach dem er kurz und knapp ins Telefon nuschelt: „It’s done.“ Joe wirkt wie ein harter, furchtloser Kämpfer. Doch sein wuchtiger, mit großen Narben übersäter Körper sowie die wiederholten Flashbacks seiner Alpträume weisen ihn als physisch und psychisch Versehrten aus. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es sich Joe, der noch bei seiner alten Mutter (Judith Roberts) wohnt, zur Aufgabe gemacht hat, gegen Bezahlung minderjährige Mädchen aus den Fängen von Zuhältern und Bordellbetreibern zu befreien. Als Mann mit Prinzipien geht er dabei nicht nur sehr konzentriert und präzise vor, sondern auch äußerst brutal. Doch Lynne Ramsays Filmsprache setzt auch hier auf Distanz und meidet die visuellen Klischees des Genres.

Stattdessen erkundet sie einen individuellen psychischen Raum, dessen vermeintliche Stabilität zunehmend bedroht wird und dessen systematische Selbstkontrolle sich nur noch schwer aufrecht erhalten lässt. Als Joe die minderjährige Nina (Ekaterina Samsonov), Tochter eines hochrangigen Politikers, aus einem New Yorker Luxusbordell befreit, sieht er sich plötzlich mit einem übermächtigen Feind konfrontiert. Er wird selbst zum Gejagten, in dessen Umfeld mehrere Kontaktpersonen sowie seine Mutter brutal ermordet werden. Doch in Lynne Ramsays düsterem Rache-Thriller, der Gegenwärtiges an Vergangenes bindet, ist diese blutige Spur des Todes kein Anlass für auf Action basierte Gewalt. Vielmehr formt die Regisseurin aus den Koordinaten der Verbrechen eine Schlinge, die sich um den müden Körper des innerlich gebrochenen, isolierten Protagonisten legt, der wie die von ihm befreiten schutzlosen Opfer seinerseits der Erlösung bedarf. Im jeweils anderen finden der kinderlose Mann und das elternlose Kind schließlich einen Ersatz für die entbehrte Geborgenheit einer funktionierenden Familie und damit einen Funken Hoffnung inmitten eines ungewissen Aufbruchs.

Leviathan

(USA 2012, Regie: Lucien Castaing-Taylor, Véréna Paravel)

Ziellose Ordnungsprinzipien
von Ricardo Brunn

Wo wir uns befinden, bleibt zuallererst einmal unklar. Minutenlang stochert die Kamera im Schwarz der Nacht, sucht das Auge vergeblich nach Objekten, Subjekten, nach irgendetwas, das Halt bieten und eine …

Wo wir uns befinden, bleibt zuallererst einmal unklar. Minutenlang stochert die Kamera im Schwarz der Nacht, sucht das Auge vergeblich nach Objekten, Subjekten, nach irgendetwas, das Halt bieten und eine Erzählung in Gang setzen könnte. Stattdessen blendendes Licht, Meeresrauschen, das uns bis zum Ende des Filmes kaum eine Sekunde mehr verlassen wird, rasselnde Ketten, hydraulisches Kreischen, verfremdete Stimmen, die ihre Kommandos brüllen wie gegnerische Alien-Krieger eines Videospiels, Wasser, das auf rostige Metallplatten prasselt. Vieles ist und wird vor allem Sound bleiben, der aus der Dunkelheit nicht zuordenbar, manchmal übersteuert und kratzig wie aufgewühlte See gegen das Publikum brandet und eine beklemmende Stimmung erzeugt.

„Leviathan“ von Lucien Castaing-Taylor and Véréna Paravel, als recht lose Erforschung der Arbeit auf einem amerikanischen Fabrikschiff angelegt, gebiert sich von Beginn an als ein gefährlicher Strudel. Mit jeder neuen Welle, in die das Hochseeschiff hineinsteuert, wird man unter Wasser gezogen. Vergeblich schnappt man zwischendurch in den nur selten klaren Bildern nach Luft, nur um wenige Momente später wieder im Wasser zu versinken. Ganz so, als wolle einen das Regie-Duo zur Aufgabe zwingen. „Leviathan“ ist filmisches Waterbording, herausfordernd in der konstanten Desorientierung. Jeder Blick ist von einer solchen Subjektivität, wie es das Kino selten gesehen hat. Extrem kleine Digitalkameras, die über das ganze Schiff verstreut wurden, erzeugen ungeahnte Perspektiven, versetzen das Publikum in die Position stürmisch über das Deck hastender Arbeiter oder gefangenen und an Bord des Schiffes hin- und hergespülten Fisches. Und unter diesen unruhigen, verwackelten Bildern beginnt auch der Film selbst zu schwanken. Vom Dokument zum Experiment. In der Subjektivität verliert sich ein Blick von außen, der im Extremfall das Wasser an die obere Bildkante und den das Schiff begleitenden Vogelschwarm an die untere Bildkante schiebt oder eine Zuordnung des Gesehenen gänzlich verweigert. Sehen macht in „Leviathan“ seekrank, die Kälte in den Gliedern, die Nässe auf der Haut und den Geruch von Blut und Fischabfällen, die aus dem Schiffskörper gespiehen werden, physisch erfahrbar.

Zwar zeigt „Leviathan“ in dieser absoluten Subjektivität durchaus die Routinen einer unter beständigem Zeitdruck stehenden industriellen Verarbeitung von Fisch, wenn minutenlang Muschelschalen von Fischern geknackt werden, das schwere Fischernetz mehrfach eingeholt und der noch lebende Fisch emotionslos zerkleinert wird. Nur Sinn will sich einfach keiner ergeben. Alles hier funktioniert, greift sinnvoll ineinander und steht doch fremd nebeneinander. Und das Fischereischiff wird im düsteren und gespenstischen Rausch der Bilder samt seiner Besatzung zu einem Organismus oder Tumor, der wuchert, seinem biologischen Plan folgt und Fragen nach einer Zweckhaftigkeit schon deshalb hinfällig erscheinen lässt. Es geht in „Leviathan“ primär nicht um ein ökonomisches Prinzip, das in seinem nüchternen Funktionieren gezeigt und allein dadurch in seinem Zynismus entlarvt wird. Dass man nach dem Abspann keine Lust mehr auf Fisch hat, ist eher ein Nebenprodukt dieses Filmes, der ins Zentrum seiner Beobachtung die Frage nach den Ordnungsprinzipien unserer Welt stellt, die sich unter dem Eindruck geoökonomischer Interessen vollkommen verselbstständigt haben. Das apokalyptische Moment dieses Filmes liegt in der scheinbaren Unauflösbarkeit der gezeigten Verhältnisse, die im blinden Voranschreiten zum ewigen Wachstum beitragen. „Leviathan“ zeigt die Natur eines Menschen, dessen Suche nach Sicherheit und Reichtum in der Gewinnsucht zum permanenten Kampf mit Widersachern, der Natur und schlussendlich sich selbst geführt hat.

Man wünscht sich, wenn die Augen vom Sehen zu brennen beginnen und die Lider kraftlos werden, geradezu die Erscheinung eines alttestamentarischen Leviathans aus den Tiefen des Meeres, der dem Gezeigten Einhalt gebietet. Aber so wenig wie die Fischer bei der Arbeit eine Mine verziehen, weicht das Schiff von seinem Kurs ab. Und wie zu Beginn nicht klar war, wo wir uns befinden, geht auch die Fahrt des Trawlers nirgendwo hin. Es gibt kein Ankommen, kein Abladen des gefangenen Fisches, keine Erlösung von der Arbeit für die Besatzung. Es gibt nur den traurigen Schlaf vor dem Fernseher in der Messe und das fraglose Weitermachen bis alles wieder in die Dunkelheit fällt.

Noma – Ein Blick hinter die Kulissen des besten Restaurants der Welt

(GB/DK 2015, Regie: Pierre Deschamps)

Wie man aus einer Mücke einen Elefanten brät
von Ricardo Brunn

René Redzepi zählt zu den innovativsten Köchen der Welt. Sein Restaurant „Noma“, 2003 in Kopenhagen eröffnet, wurde innerhalb kürzester Zeit mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet und seit 2010 dreimal in Folge …

René Redzepi zählt zu den innovativsten Köchen der Welt. Sein Restaurant „Noma“, 2003 in Kopenhagen eröffnet, wurde innerhalb kürzester Zeit mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet und seit 2010 dreimal in Folge zum besten Restaurant der Welt gekürt. Nicht ohne Grund, denn Redzepi ist ein Perfektionist. Einer, der sofort merkt, wenn auf seinen Kreationen Thymian anstatt Zitronenthymian serviert wird und dann vor versammelter Mannschaft nicht weniger als ein ganz großes Fass aufmacht. Sein Aufstieg vom mazedonischen Einwandererkind zu einer der einflussreichsten Personen des Kochgewerbes sowie seine an Besessenheit grenzende Akribie leuchtet Pierre Deschamps nun in der Dokumentation „Noma“ kräftig aus.

Über drei Jahre hat der Regisseur den Starkoch, der mit dem Anspruch auftritt, die nordische Küche revolutionieren zu wollen, begleitet. Der Blick hinter die Kulissen des Noma erzählt dabei viel über den (selbstauferlegten) Druck, der auf allen Beteiligten lastet. In jeder Szene geht es um die perfekte Kreation und darum, das Beste zu geben und der Beste zu sein. Eine Sinnkrise ist die Folge, zu der sich zu allem Übel noch eine Lebensmittelvergiftung im Restaurant gesellt. Von einem Moment auf den nächsten ist Redzepis berufliche Existenz gefährdet. Und auch die Verweigerung des dritten Michelin-Sterns ist ein harter Schlag. Am schlimmsten trifft ihn jedoch der Verlust des Titels „Bestes Restaurant der Welt“ im Jahr 2013.

Mit einigem Tamtam werden all diese Begebenheiten zum Porträt eines Menschen vermengt, der sich vehement weigert seine Gäste mit Silberbesteck essen zu lassen und damit gegen die Etikette verstößt, der in einer Sekunde in die Kamera winkt, um ihr dann schelmisch den Stinkefinger zu zeigen, der mit dem Fahrrad nach einem stressigen Tag heimfährt, der beste Vater der Welt für seine Familie ist und einen vorzüglichen fuck auf seine gutbetuchten Gäste gibt, die extra aus New York anreisen. Redzepi beherrscht die Attitüde des smarten Rebellen vorzüglich. Nur wirklich nah kommt man ihm nicht. So wenig wie die vielen Unschärfen, Makroaufnahmen und Zeitlupen des hübsch gefilmten Essens etwas über die Poesie des Kochens erzählen, so wenig offenbart der offensiv zur Schau gestellte Einblick in die Arbeit und das Leben des Sternekochs etwas über den Menschen René Redzepi. Alles ist immer einen Hauch zu perfekt und zu dramatisch. Da wird die Frage, ob es das Lokal ein viertes Mal schaffen kann zum besten Restaurant der Welt gekürt zu werden, ins Zentrum des Filmes gestellt und mit heißer Luft aufgeschäumt, als gäbe es kein Morgen mehr. Die Verbissenheit mit der der Film Spannung suggeriert, wo doch nur Nudelwasser ganz leicht vor sich hinköchelt, grenzt an Hirnfermentierung.

Dramaturgie ist in „Noma“ wie alles andere auch vor allem ein Luxusproblem. Und jede Es-geht-hier-jetzt-echt-um-alles-Szene wird süffisant mit der Ideologie des Großverdienerhippies angereichert, dass einem das in Birkensaft pochierte Ei auf Waldmeistersauce im Halse stecken bleibt. Letztlich ist „Noma“ ein MacGuffin, ein alberner Bluff in alberner Werbefilmästhetik, der aus jeder Mücke einen Elefanten macht und den Endpunkt einer totalen Entpolitisierung und zugleich Entästhetisierung des Dokumentarfilmes darstellt. Wenn sich im Essen unser Verhältnis zu unserer inneren und äußeren Natur, zu Zeit, Geld und Werten widerspiegelt, dann erzählt „Noma“ in dekadenter Blindheit davon, wie sehr dieses Verhältnis heute verschoben ist.

Der Stellenwert der Ernährung hat mittlerweile groteske Züge angenommen. Kochen und Essen haben, nicht zuletzt auch in ihrem zur Ideologie gewordenen Mantra vom „richtigen“ Essen, das mit reichlich kognitiven Dissonanzen einhergeht, eine kollektive Essstörung kultiviert. Die übersättigte Gesellschaft spielt mit dem Hunger der Konsumwilligen nach dem moralisch Vertretbaren, dem Besonderen und dem Unwiederholbaren. Wo kaum noch etwas Absatzmöglichkeiten schafft und alles im Abonnement permanent verfügbar ist, bietet so etwas wie die Nouvelle Cuisine die ultimative Einzigartigkeit. Und so hat sich eine Fresselite herausgebildet, die für ein 25-Gänge-Menü, das der Umwelt zuliebe aus regionalen Zutaten besteht, von New York nach Kopenhagen fliegt. Essen bedeutet heute nicht immer Genuss, aber häufig Distinktion. Es geht um einen Platz in der Welt, den kein anderer besetzt. Und der Wunsch nach Geltung verführt Mann zum Grill, groß wie ein Auto und die Gutbetuchten zum Besuch eines Monate im Voraus ausgebuchten Nouvelle-Cuisine-Restaurants. Am anderen Ende der Skala arbeitet sich KEEMI auf ihrem Youtube-Kanal regelmäßig durch den Tiefkühlfraß großstädtischer Supermärkte. Mukbang heißt das Phänomen aus Südkorea, bei dem Menschen vor der Kamera mampfen und aus ihrem Alltag berichten. Kauen und sprechen fallen hier gern in eins und nach 30 Minuten ist die Grillplatte für zwei von einer Person vollständig verspeist. Das Magazin „Foodboom“ bringt es dann ganz unironisch im Titel auf den Punkt: Essen knallt.

„Noma“ knallt in diesem Sinne ebenfalls. Und am besten serviert man einen Molotow-Cocktail zu diesem Film, der über die Beschaffenheit eines aufwendig gestalteten Kochbuches nicht hinausfindet. Die Bilder sind hübsch, die Texte nett. Ein perfektes Produkt des Champagner-Kapitalismus. Guten Appetit und Prost!

Chungking Express

(HK 1994, Regie: Wong Kar-Wai)

Von Kalifornien träumen
von Nicolai Bühnemann

Der Mitte der Neunziger überaus populäre Quentin Tarantino musste mal wieder als Vergleich herhalten, um „Chungking Express“, die dritte Regiearbeit Wong Kar-Wais, auch einem westlichen Publikum schmackhaft zu machen. Bei …

Der Mitte der Neunziger überaus populäre Quentin Tarantino musste mal wieder als Vergleich herhalten, um „Chungking Express“, die dritte Regiearbeit Wong Kar-Wais, auch einem westlichen Publikum schmackhaft zu machen. Bei allen formalen und inhaltlichen Unterschieden, so anders wie die Filme aussehen und sich anfühlen, würde ich die Art wie Wong Elemente aus verschiedenen Genretraditionen zu Filmen verflicht, die keine Genrefilme sind, sondern Apropriationen, eher mit einem deutschen Filmemacher vergleichen, der seine Karriere ebenfalls in dieser Zeit begann: Christian Petzold. Wie Petzold generische Erzählungen (Hitchcock, Cain, Harvey) mit unverkennbarer eigener Handschrift in Filme überführt, die sich an ein Arthouse-Publikum richten, so benutzt Wong das asiatische Genrekino oder den Film Noir als Folien, vor denen er seine ganz eigenen Figuren und Erzählungen entwickelt.

So gibt es etwa den Humor mit leichtem Hang zum Albernen, der vielen asiatischen Genrefilmen eignet, die eigentlich keine Komödien sind. Auch stellt sich der nur mit seiner Dienstnummer benannte Polizist 663 (Tony Chiu-Wai Lung) ähnlich unbeholfen an, wenn es darum geht, mit Frauen anzubandeln wie der Protagonist in „A Chinese Ghost Story“. Nachdem er von seiner Freundin verlassen wird, mit der er fünf Jahre zusammen war, kauft er einen Monat lang jeden Tag eine Dose Ananas mit dem Verfallsdatum 1. Mai, seinem Geburtstag. Wenn er seine Ex bis dahin nicht zurückerobert hat, ist für ihn auch ihre Liebe endgültig verfallen. Um über seinen Liebeskummer hinwegzukommen, geht er exzessiv joggen und telefoniert die Liste seiner Verflossenen ab, von denen eine nun bereits seit Jahren verheiratet ist: „So lange haben wir uns nicht gesehen?“ Seine Witzeleien ziehen eine Parallele zwischen dem Paar, das war, und Demi Moore und Bruce Willis, die wohl das amerikanische Promipaar der Zeit waren. In einer Bar begegnet er einer namenlosen Drogendealerin (Brigitte Lin), zu der er sich mit einer überaus kreativen Pick-Up-Line setzt: „Magst du Ananas?“

Letztere ist mit ihrer blonden Perücke und der großen Sonnenbrille ein wandelndes Hitchcock- und De Palma-Zitat. Letztlich ist sie aber weder eine neurotische Kriminelle noch eine klassische femme fatale. Vielmehr ist sie ein eiskalter Profi, der sich mit so eruptiver wie beiläufiger Schusswaffengewalt einiger Kontrahenten entledigt und zur Durchsetzung ihrer Geschäftsinteressen auch vor Kindesentführung nicht zurückschreckt. Für das Spinnen großangelegter Intrigen interessiert sie sich nicht. Dafür kommt sie bei ein paar Drinks an der Bar mit 663 ganz zur Ruhe, schläft anschließend in voller Montur bei ihm, ohne dass zwischen den beiden irgendetwas passieren würde. Der Rhythmus des Films nimmt sehr für ihn ein, der solche Momente der Ruhe dem hektischen Treiben der Stadt entgegensetzt, die die wichtigste Folie für seine fragmentarisch bleibende Erzählung ist.

Gleich zu Beginn bahnt sich die Kamera ihren ruhelosen Weg zwischen den Passanten auf den Straßen, deren Körper und Gesichter in der Unschärfe verwischen. Auch indische EinwandererInnen, die sich ihr Geld mit Drogenschmuggel verdienen, haben ihren Platz im Wirrwarr der Sprachen und Kulturen, als das der Film seinen Schauplatz vorstellt. Mit flinken Fingern werden Drogenpäckchen in Kuscheltiere genäht oder in den Absätzen von Schuhen versteckt und Dollarscheine abgezählt und der Film schneidet das ebenso flink hintereinander.

Es sind die ein ums andere Mal wiederholten amerikanischen Songs, die in diesem babylonischen Treiben den Figuren eine eigene Identität zu geben scheinen. In der zweiten Hälfte geht es um einen anderen Cop, Dienstnummer 223 (Takeshi Kaneshiro), der mit einer Stewardess (Velerie Chow) liiert ist, die wie die Dealerin ihren Job mit ins Bett nimmt, nun aber in Form von Spielzeugflugzeugen. Auch hier gibt es ein Beziehungsdreieck, als er sich in die Angestellte eines Imbisses verguckt. Ja, vierundzwanzig kleine Stunden können einen Unterschied machen, wenn man sich verliebt. Die Frau heißt Faye und wird von Faye Wong mit einem Kurzhaarschnitt gegeben, der wirklich zum Verlieben ist. The Mamas & the Papas aus dem Radio schaffen ihr während sie mit Wischmob, Messern und Salatbesteck ihrer stressigen Tätigkeit nachgeht, einen ganz eigenen kulturellen Ort, an dem sie tanzend von Kalifornien träumen kann.

Transit

(D/F 2018, Regie: Christian Petzold)

In der Schwebe
von Wolfgang Nierlin

Ein Klima aus Angst, Verfolgung und Misstrauen liegt über der Stadt. Polizei-Sirenen als Signale der Hetze hallen bedrohlich durch die Straßen von Paris. Im Frühjahr 1940, angesichts der heranrückenden deutschen …

Ein Klima aus Angst, Verfolgung und Misstrauen liegt über der Stadt. Polizei-Sirenen als Signale der Hetze hallen bedrohlich durch die Straßen von Paris. Im Frühjahr 1940, angesichts der heranrückenden deutschen Armee, kündigen sie brutale Razzien und willkürliche Verhaftungen an. Mit einem sogenannten „Frühjahrsputz“ soll die französische Metropole „gesäubert“ und „dicht gemacht“ werden. Immer enger legt sich die Schlinge aus Denunziation und Gewalt um den eingeschränkten Bewegungsradius von Exilanten, Flüchtlingen und jüdischen Mitbürger. Wer sich nicht verstecken kann, hat bald nur noch die gefährliche Option, sich irgendwie in die noch feie Zone im Süden des Landes durchzuschlagen. Christian Petzolds trotzdem in warmes Licht getauchter Film „Transit“, eine freie Adaption von Anna Seghers gleichnamigem, autobiographisch inspiriertem Roman, macht die unwirkliche Normalität dieser Klaustrophobie fast körperlich spürbar. Unter den Ausgegrenzten und Verfolgten führen Hunger und Verzweiflung gehäuft zu Selbsttötungen.

Der aus Deutschland geflohene Georg (Franz Rogowski), dessen persönliche Hintergründe weitgehend im Dunkeln bleiben, ist einer von ihnen. Ohne Geschichte erscheint der schweigsame Einzelgänger ebenso geheimnisvoll wie gegenwärtig. Georg ist ein außenstehender Beobachter, der zwar verwickelt ist in die Geschicke seiner Leidensgenossen, der diese aber zugleich beobachtet. Von der anderen Seite aus betrachtet, fungiert er als Spiegelbild, Projektionsfläche und Katalysator. Später, bei seiner Ankunft in Marseille, fühlt er sich gar „unsichtbar“ und geht den Geschichten der anderen Flüchtlinge lieber aus dem Weg. Doch weil er sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer falschen Identität tarnt, wird er zunehmend involviert in die Schicksale der anderen und dabei selbst sichtbarer. Noch in Paris, konfrontiert mit dem Selbstmord des Schriftstellers Weidel, hat er dessen Nachlass an sich genommen. Jetzt, auf der illegalen Fahrt nach Süden, gewähren ihm die augenblickshaften Ausschnitte der vorbeiziehenden Landschaft eine Ahnung der Freiheit.

Das Manuskript des toten Schriftstellers, aus dem mittels Voiceover wiederholt zitiert wird, nutzt Petzold für einen Perspektiv- und Erzählerwechsel, wodurch eine Distanz entsteht. Wie in einem Modiano-Roman resultieren daraus eine melancholische Unbestimmtheit und ein Schweben zwischen Raum und Zeit. Verstärkt wird diese oszillierende Atmosphäre noch dadurch, dass Petzold das Historische im Gegenwärtigen situiert und damit ein gewisses zeitloses Nebeneinander evoziert, in dem die Übergänge fließend sind. Analog dazu befinden sich die Menschen in einem Zwischenraum, wo sie sich, herausgefallen aus der Ordnung des Lebens, eine Passage nach Übersee erhoffen. In diesem prekären Kontext tritt Georg unter falschem Namen immer deutlicher in die Sichtbarkeit. Zeitweise wird er zum Ersatzvater und zum beruhigenden, unerschrockenen Begleiter; er entwickelt Gefühle, empfindet Scham und Schuld und findet sich schließlich als Liebender. Doch im Schattenreich zwischen Leben und Tod, das ganz selbstverständlich den Transitraum der Heimatlosigkeit zwischen Gehen und Bleiben grundiert, bleibt alle Zukunft in der Schwebe.

Zentralflughafen THF

(D/FR/BR 2018, Regie: Karim Aïnouz)

Wartehalle für die Zukunft
von Jürgen Kiontke

Als es vor vier Jahren einen Volksentscheid zur Nutzung des Tempelhofer Felds – ehemals der Berliner Innenstadt-Flughafen – gab, mit dem die Berliner den Bebauungsplänen des Senats für das Riesenareal …

Als es vor vier Jahren einen Volksentscheid zur Nutzung des Tempelhofer Felds – ehemals der Berliner Innenstadt-Flughafen – gab, mit dem die Berliner den Bebauungsplänen des Senats für das Riesenareal einen Korb gaben, dürften sie eines nicht im Sinn gehabt haben: dass in den zu Zeiten des Nationalsozialismus errichteten monströsen, Terminal, heute das größte Baudenkmal Europas, einmal Menschen einziehen würden. Es gab Nutzungen für Teile des Gebäudes, sicher. Ein schöner Rockclub logiert dort und auch die Modemesse „Bread & Butter“ hatte dort namensgerecht dick aufgetragen. Aber ein Wohnhaus, das war das Flughafengebäude bestimmt nicht.

Bis zum September 2015, als Deutschland rund eine Million Flüchtlinge aufnahm. Da war Leerraum dringend gesucht. Irgendwann waren die Turnhallen Berlins gefüllt, im angrenzenden Stadtteil Neukölln belegten Migranten den stillgelegten C&A. Da kam man auf die verrückte Idee, auch die Hangars des Flughafens zum Übergangswohnheim zu trimmen. Wie die rund 2.000 Menschen leben, die man dort einquartiert hatte, blieb oft der Spekulation überlassen: Presse und Fernsehen erhielten selten Zugang zu dem Gebäudekomplex. Man wolle die Privatsphäre der Menschen schützen, hieß es seitens des Betreibers. So machten Gerüchte die Runde von überquellenden Toiletten, von Bustransporten zu Duschen irgendwo in der Stadt. Von Achtbett-Zimmern und irrsinnigem Lärm, der die Kriegsversehrten dort unter massiven Stress setzte. Dass der Flughafenkomplex Filmkulisse sein könnte, kam schon mehreren Filmemachern in den Sinn. Selbst Jennifer Lawrence drehte hier schon die „Tribute von Panem“.

Das Gebäude selbst zum Hauptdarsteller zu machen, blieb jedoch dem brasilianischen Regisseur Karim Aïnouz vorbehalten. Als Spezialist für Liegenschaften – zuvor drehte er einen Film über das Centre Pompidou in Paris – und dezidiert politischer Filmemacher, der Minderheiten in den Blick nimmt, begann er vor drei Jahren mit den Dreharbeiten über das gigantische Bauwerk, in dessen weitläufigen Garten, dem Rollfeld, sich die Kite-Surfer und Urban-Gardening-Aktivisten tummeln. Und in dessen Innenausstattung Tausende Bürgerkriegsflüchtlinge warten, dass sie Anerkennung, Wohnung und Arbeit finden, kurz: eine bessere Zukunft. Das Ergebnis heißt „Zentralflughafen – THF“. Der Dokumentarfilm beginnt mit einer Führung für Touristen. Dies sei einmal der „schönste und größte Flughafen der Welt“ gewesen, erklärt der Guide. Nun dürfte er das besonderste Übergangswohnheim sein. Auf drei Monate sollte der Aufenthalt dort ursprünglich begrenzt sein. Manche Flüchtlinge sind jedoch schon über ein Jahr dort.

Wer lebt innerhalb dieser Mauern? Aïnouz‘ Protagonisten, der 18-jährige Ibrahim, der vor dem Bürgerkrieg floh, und der irakische Mediziner Qutaiba, träumen davon, endlich anzukommen. Ein Jahr lang hat Karim Aïnouz den Alltag der beiden mit der Kamera begleitet, verrückte Bilder sind dabei entstanden. Etwa wenn Ibrahim auf einem Sofa vor dem Gemälde der Ampelmännchen sitzt.

Aïnouz weiß, wie man Menschen in Gebäuden inszeniert. Nach Architekturstudien in Brasilia und einem Filmstudium in New York wirkte er als Regieassistent, Drehbuchautor, Produzent und schließlich als Regisseur bei mehr als 20 Filmen mit. Auf der Berlinale 2014 war er mit „Praia do Futuro“ im Wettbewerb. Die prägendste Szene: Der Hauptdarsteller Wagner Moura reinigt als Taucher das Aquarium im Aquadom am Alexanderplatz. Der Taucher inmitten der Fische lässt die massive Architektur schwerelos erscheinen.

Ähnlich transformieren die Protagonisten in „Zentralflughafen THF“ ihre temporäre Behausung – die Nazi-Architektur wird lebendig. Sein Film diene ihm auch zur Bewältigung seiner eigenen Migrationsgeschichte, sagt der Regisseur, gerade in Ibrahim erkenne er sich wieder. Auch er sei als Jugendlicher zwischen den Kontinenten unterwegs gewesen, als er von Brasilien zu seinem Vater nach Frankreich zog. Er habe einen Film über die Solidarität machen wollen, die Menschenrechte im Hinterkopf. „Ich war schockiert, als ich gesehen habe, wie die Leute dort leben.“

„Zentralflughafen THF“ ist ein Film über ein irres Gebäude. Es sei nicht zum Wohnen gedacht, sagt Aïnouz. Das Unangenehmste: „Die Geräusche.“ In der Tat kommen die sehr lauten Durchsagen rüber, als sei der Flughafen noch in Betrieb. Sie lassen den Funktionsbau erahnen und können einen geradezu erschrecken – zum Beispiel, wenn über Lautsprecher zum Impfen gerufen wird. Daneben hallen Kindergeschrei und Arbeitsgeräusche durch die Hangars. Es stellen sich unschöne Assoziationen ein. „Würde man in meinem Film den Ton abdrehen, wirkt alles friedlich“, sagt der Regisseur. Erst der Lärm mache deutlich, dass dies ein Ort der Gestressten sei.

Dennoch ist dies ein ruhiger, ein eleganter und unvermutet hoffnungsfroher Film. Das liegt nicht zuletzt an den Protagonisten. Ibrahim ist zwar traurig, wenn er an den Verlust der Heimat in Syrien denkt. Einmal sitzt er mit zwei anderen auf einer Bank im Freien und raucht Shisha. „Der Blick auf das Feld ist so sensationell, ich werde nie woanders wohnen wollen“, sagt einer. Schallendes Lachen.

Voller Hoffnung bereitet sich Ibrahim mit Sprachlehrern und Jobvermittlern auf ein neues Leben in Deutschland vor.
Und Qutaiba? Der ist sowieso eingespannt. Er arbeitet als Sanitäter und Übersetzer. Sagt, dass man auf jeden Fall jede Gelegenheit zur Arbeit nutzen soll.

Wo andere Filme drastische Zustände mit drastischen Bildern beschreiben, bleibt dieser Film cool und zurückhaltend und zieht die Zuschauer auf diese Weise für das Geschehen. Der Zugang ist denkbar cineastisch: Der stillgelegte Flughafen mit den immensen Ausmaßen dient als Kulisse für die große Erzählung von Flucht und Migration. Ankunft und erst mal kein Abflug. Die Flüchtlinge bewohnen eine Metapher. Man möge den Film unbedingt auf großer Leinwand sehen, empfehlen die Protagonisten. Und draußen? Fährt die Kamera nachts mit den Parkwächtern über das weitläufige Gelände, zur Wildtierbeobachtung. Diese Nacht werden Füchse gesichtet. Ironisch gebrochen erzählt der Film seinen Stoff. In brillanter Montage Gleichzeitigkeiten schildernd.

„Zentralflughafen THF“ wurde dieses Jahr bei einer Auswahl von insgesamt zwölf Filmen mit dem Filmpreis von Amnesty International ausgezeichnet. In der Jury saßen neben der Schauspielerin Friederike Kempter die Leiterin der Abteilung „Kampagnen und Kommunikation“ von Amnesty International, Bettina Müller, der Regisseur Ali Samadi Ahadi, selbst preisgekrönter Dokumentarfilmer („The Green Wave“, 2009). Er sagt: „Das ist ein sehr schöner Film, rund und positiv. Ein Film, der den Zuschauern die Einladung ausspricht hinzugucken.“ Wir lebten in einer Zeit, wo uns die Ohnmacht angesichts der Zustände die Luft zum Atmen nehme. „Das Sanfte, das Ruhige, mit den Leuten mitzugehen, tut den Zuschauern gut.“

Dass die Jury auch durchaus andere Herangehensweisen zu würdigen wusste, kam mit der besonderen Erwähnung des Films „Eldorado“ (Kinostart: 3. Mai 2018) zum Ausdruck: Er wurde bei den Rettungseinsätzen im Mittelmeer gedreht, zeigt Tote, Verletzte und Sklavenarbeiter in Italien. Aïnouz‘ Film hingegen motiviert das Warten – auf Papiere, Zulassungen, Erlaubnisse. „Mit Wärme und Humor porträtiert der Regisseur das Engagement der vielen Helfer und zeigt, wie wichtig Mitmenschlichkeit ist.“ Der Film „lädt die Zuschauer ein, hinzusehen und mitzumachen und trägt damit eine Botschaft, die in der heutigen Zeit wichtiger ist denn je“, heißt es in der Laudatio der Jury. „Er begegnet den Menschen auf Augenhöhe“, sagt Friederike Kempter.

Dieser Text erschien zuerst in: Amnesty Journal 4/18

Das Mädchen aus dem Norden

(SW/NO/DK 2016, Regie: Amanda Kernell)

Der Wunsch, ein anderer zu werden
von Wolfgang Nierlin

Nur widerwillig kehrt die alte Frau zusammen mit ihrem Sohn und der Enkeltochter zurück in ihr Heimatdorf im Norden Schwedens, um an der Trauerfeier für ihre verstorbene Schwester teilzunehmen. Ihre …

Nur widerwillig kehrt die alte Frau zusammen mit ihrem Sohn und der Enkeltochter zurück in ihr Heimatdorf im Norden Schwedens, um an der Trauerfeier für ihre verstorbene Schwester teilzunehmen. Ihre eigensinnige Verweigerungshaltung und ihre Abneigung gegenüber der Sprache und dem Brauchtum der Samen sind dabei so auffällig, dass sie auf einen tiefen inneren Konflikt und alte Wunden schließen lassen. Die ehemalige Lehrerin aus Uppsala scheint zwei Namen zu haben, die für zwei unterschiedliche Welten und Leben stehen. Als Christina (Maj Doris Rimpi) blickt die selbstbewusste Außenseiterin, vor einem Fenster stehend, in die Weite einer nächtlichen Landschaft und erinnert sich dabei an ihre Kindheit und Jugend in einer samischen Familie, die von der Rentierzucht gelebt hat. Und sie durchlebt dabei noch einmal jene Identitätskrisen, die zum Bruch mit ihrer Herkunftsfamilie geführt haben.

Um diesen vielschichtigen, schier unlösbaren Konflikt zu erhellen, erzählt Amanda Kernell die Entwicklungs- und Emanzipationsgeschichte ihres sehenswerten Debütfilms „Das Mädchen aus dem Norden“ (Sameblod) in einer langen Rückblende. Diese führt ins Schweden der 1930er Jahre, genauer nach Lappland, wo Christina alias Elle Marja (Cecilia Sparrok) zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Njema (Erika Sparrok) unter den rauen Bedingungen eines Nomadendaseins aufwächst. Als initiierende Erfahrung erlebt das kluge, willensstarke Mädchen, wie es mit dem Schnitt in das Ohr eines Rentiers dessen Zugehörigkeit markiert. Dieses blutige Bild wird an einer späteren Stelle zurückkehren und Elle Marjas eigene samische Herkunft auf diskriminierende Weise kennzeichnen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die beiden Schwestern in einer Internatsschule für Samen, wo die rassenbiologische Ideologie ganz offen vertreten wird und „Lerndefizite“ körperliche Züchtigungen zur Folge haben.

In dieser fragwürdigen, offensichtlich rassistischen Institution zeigt sich Elle Marja als selbstbewusste, wissbegierige Schülerin, die bis zu einem gewissen Grad sogar von ihrer Lehrerin (Hanna Alström) gefördert wird. Sie erlebt aber auch offene Anfeindungen, brutale Übergriffe und eine demütigende, ihr Schamgefühl verletzende körperliche Untersuchung. Dadurch gerät sie immer mehr in einen Widerspruch zwischen ihrem Wunsch nach Bildung und Unabhängigkeit und den gesellschaftlich vorgegebenen Grenzen ihrer Herkunft. Im Versuch, sich durch Sprache und Kleidung anzupassen und sich eine neue Identität zu geben, verleugnet sie einen gewichtigen Teil ihrer Persönlichkeit.

Bald sitzt das aufgeweckte, findige Mädchen, das trotzig und gegen alle Widerstände seinen Weg geht, zwischen allen Stühlen. In Amanda Kernells ruhiger, verhaltener Inszenierung, in der sich Zuspitzungen und subtile Einfühlung die Waage halten, steht das schöne Gesicht der Protagonistin im geheimen Zentrum. In seinen ausgewogenen, mimisch zwischen hoffnungsvoller Erwartung und verhärteter Enttäuschung changierenden Zügen spiegelt sich das ganze Drama zwischen Sein und Bewusstsein, zwischen den Grenzen der Herkunft und dem Wunsch, ein anderer zu werden.

Loveless

(RU/FR/DE/BE 2017, Regie: Andrey Zvyagintsev)

Verlorene Menschlichkeit
von Wolfgang Nierlin

Lange verharrt die Kamera auf einem alten, mächtigen Baum mit kahlen, verschlungenen Ästen, die sich dunkel im fahlen Winterlicht abzeichnen. Dann folgt stumm eine Serie von Naturstillleben, von Ansichten eines …

Lange verharrt die Kamera auf einem alten, mächtigen Baum mit kahlen, verschlungenen Ästen, die sich dunkel im fahlen Winterlicht abzeichnen. Dann folgt stumm eine Serie von Naturstillleben, von Ansichten eines kleinen Wäldchens an einem stillen, zugefrorenen Fluss, dessen Fläche berückende Spiegelbilder wirft. Wenn kurz darauf im Hintergrund dieser Idylle eine Hochhaussiedlung sichtbar wird und Kinder ein leicht baufälliges Schulgebäude verlassen, sind wir als Zuschauer im Kontrast zwischen Natur und Zivilisation, zwischen alter und moderner Welt angekommen, die sich fremd und unvereinbar gegenüber stehen. Andrei Swjaginzew arbeitet in seinem neuen, beeindruckenden Film „Loveless“ beständig an diesem Kontrast, spitzt ihn noch zu, wenn er den Materialismus einer seelenlosen Wohlstandsgesellschaft zeigt, deren Menschen sich im Konsum von Äußerlichkeiten verlieren. Längst hat der globale Kapitalismus auch die russische Gesellschaft eingeholt.

Das kafkaeske Großraumbüro mit seinen vielzähligen, anonymen Computerarbeitsplätzen, an denen die Angestellten förmlich mit den Maschinen verschmelzen, funktioniert als Metapher dieser Entfremdung. Hier ist der Familienvater Boris (Alexei Rosin) mehr oder weniger lustlos, vor allem aber möglichst unauffällig in den Routinen und Wiederholungsschleifen seines Arbeitsalltags gefangen. Derweil kümmert sich seine attraktive Frau Schenja (Marjana Spiwak), die einen Kosmetiksalon leitet, um den Verkauf der gemeinsamen Wohnung. Die beiden tief zerstrittenen, sich nur noch mit Hass und aggressiven Schuldzuweisungen begegnenden Eheleute wollen sich nämlich scheiden lassen. Darunter leidet vor allem ihr gemeinsamer 12-jähriger Sohn Aljoscha (Matwei Nowikow), der ungeliebt und ungewollt ist. Völlig hilf- und trostlos hört er heimlich, wie sich seine Eltern um seine Abschiebung in ein Internat streiten, weil sie nicht mehr länger Verantwortung für ihn übernehmen möchten. Seit geraumer Zeit mit jeweils neuen Partnern liiert, steht der Junge ihren egoistischen Selbstverwirklichungsplänen im Wege.

Dann verschwindet Aljoscha plötzlich, was seine gleichgültigen, um ihr eigenes Glück besorgten Eltern noch nicht einmal gleich bemerken. Zu sehr sind sie mit der selbstsüchtigen Modellierung ihres Lebens, seiner körperlichen Optimierung und seiner materiellen Neueinrichtung beschäftigt. Weil der postsozialistischen Polizei die Mittel fehlen, kümmert sich ein freiwilliger Such- und Rettungsdienst um den Fall, der mit seinem solidarischen Handeln gewissermaßen den Altruismus einer verloren gegangenen Menschlichkeit verkörpert.

Andrei Swjaginzew widmet entsprechend der Systematik und Ausdauer dieser intensiven Suche, in deren Verlauf sich trotz Anteilnahme und Kooperation die mitleidlosen ehelichen Fronten eher noch verhärten, lange Passagen seines erschütternden Films. Sein Kameramann Michail Kritschman findet dafür atmosphärisch dichte Bilder, in denen Motive aus Filmen von Andrei Tarkowski und Theo Angelopoulos anklingen. Darüber hinaus verknüpft Swjaginzew sein konsumkritisches Ehe- und Familiendrama mit Nachrichten über den Krieg in der Ostukraine, mit Zeichen gegenwärtigen Verfalls sowie dem offiziellen Verbot „apokalyptischer Propaganda“ in dem Jahr (2012), für das angeblich der Maya-Kalender den Weltuntergang vorhergesagt hat. Dass sich die Lieblosigkeit fortsetzen wird, solange die Menschen sich selbst die Nächsten bleiben, daran lässt der russische Regisseur keinen Zweifel.

The Terence Davies Trilogy

(GB 1983, Regie: Terence Davies)

Das Nichts zwischen den Bildern
von Nicolai Bühnemann

Drei mittellange Filme, die eine Trilogie ergeben, die der Regisseur nach sich selbst benannte. Der erste, der 43-Minüter „Children“ (1976), war der Debütfilm des 1945 in Liverpool geborenen Terence Davies. …

Drei mittellange Filme, die eine Trilogie ergeben, die der Regisseur nach sich selbst benannte. Der erste, der 43-Minüter „Children“ (1976), war der Debütfilm des 1945 in Liverpool geborenen Terence Davies. Es folgten die noch kürzeren „Madonna and Child“ (1980) und schließlich „Death and Transfiguration“ (1983). Fragmentarisch wird die Geschichte eines Mannes erzählt, von seiner Schulzeit bis zu seinem Tod in einem katholischen Pflegeheim. Er heißt Robert Tucker und wird von drei Darstellern gespielt: als Kind von Philip Mawdsley, als junger Mann von Robert Hooper und schließlich als mittelalter Mann und Greis von Terry O’Sullivan.

Sowohl die Gliederung der Geschichte in drei Teile, zwischen denen Jahre liegen, als auch die drei Darsteller unterstreichen, dass es Davies nicht um Synthese geht, sondern vielmehr darum, die Brüche in Tuckers Leben herauszuarbeiten. Nichts findet zusammen in dieser Biographie, diesen Filmen. Weder das Schulkind zum Erwachsenen noch dieser zum kranken alten Mann. Robert Tucker nicht zu sich und nicht zu seinen Mitmenschen. So dominant und gewaltig wie die Bilder sich geben, scheint die Trilogie doch eher von den Leerstellen her gedacht zu sein, vom unüberbückbaren Nichts, das die einzelnen Filme, Szenen und Bilder voneinander trennt – und die Menschen.

Im ersten Teil kriegen wir schnell mit, dass der Junge homosexuell ist. Das Stigma wird ihm von seinen Mitschülern mit dem Wort „Schwuchtel“ aufgeprägt. Er wird gemobbt und geprügelt für das Begehren, das er sich genauso wenig ausgesucht hat wie irgendein anderer Mensch. Die Strenge der Institution spricht schon aus dem Erscheinungsbild der Jungen in ihren Uniformen. Wer bei der Klausur nicht sputet, bekommt einen harten Klaps auf den Hinterkopf, für Prügeleien in der Pause stehen Stockschläge auf die Hand. Schon als Kind verinnerlicht der Protagonist den Schmerz, dessen Quelle es ist, nicht sein zu dürfen, wer er ist.

Am Ende des Schultages, dessen gnadenlose Struktur der Film mit Bildern von der Uhr im Klassenraum akzentuiert, deren Zeiger sehr langsam auf die Vier vorrücken, während Lehrer und Schüler unisono zum Vater Unser und zur Heiligen Maria beten. Die Strenge aber findet sich auch in die Form des Films eingeschrieben, in seinen genau komponierten und kadrierten grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern mit dem Seitenverhältnis 1:1,37, bei denen die Kamera oft komplett statisch bleibt und auf extradiegetische Musik weitgehend verzichtet wird. In einer quälend langen Einstellung fährt der Junge mit seiner Mutter Bus. Sie blickt starr geradeaus, er aus dem Fenster. Die Blicke können sich ebenso wenig treffen wie die Generationen. Dazwischen schneidet Davies Szenen, in denen Tucker, nun ein junger Mann, beim Psychiater sitzt, der Tabletten gegen die Depressionen verschreibt und attestiert, dass sich das Interesse an den Mädchen schon irgendwann einstellen wird.

Das die Filme verbindende Motiv ist der Tod. Zunächst der des Vaters, den Robert dafür hasst, dass er ihn nicht lieben kann, weil er derart in den patriarchalen Vorstellungen von Familie und Geschlecht und der Eifersucht und der Gewalt, die aus diesen resultieren, gefangen ist. Im zweiten dann der der Mutter, die Tucker bis zum letzten Atemzug pflegt. Für Momente stellt sich hier in Bildern von Händen, die einander halten, eine Zuneigung ein, die im Vorgänger undenkbar war. Sonst fährt Davies dadurch, dass er den Film für mehr erotische Ausschweifungen öffnet, die Kontraste zwischen dem, was ist, und dem, was nicht sein darf, zwischen der religiös geprägten Gesellschaft und der Sexualität, die sie unterdrückt, weiter hoch. Tuckers Begehren darf nur versteckt in kurzen Momenten der Hingabe und kleinen Gesten der Zärtlichkeit Ausdruck finden. Das Händchenhalten am Pissoir. Der Blowjob, bei dem sich der Protagonist geradezu im Gesäß seines Gegenübers festzukrallen scheint, auf der verzweifelten Suche nach Halt. Der muskelbepackte und tätowierte Mann, der einem anderen den Zeigefinger hinhält, damit er daran saugen kann.

In einer kleinen Miniatur in der Mitte des Films wird ein Telefonat aus dem Off, in dem der Protagonist einen Tätowierer dazu anhält, ihm die Hoden zu tätowieren, wofür dieser immer mehr Geld verlangt, gerahmt von seiner Beichte gegenüber einem Priester. Andächtig schweift die Kamera dazu langsam durch den prachtvollen Innenraum einer Kirche. Noch da, wo der Film für Momente zu einer schonungslos entfesselten Komik findet, bleiben die Sphären streng getrennt, arbeiten Bild und Ton eher gegen- als miteinander.

Im dritten Teil dann wird viel gesungen und gebetet, wenn schließlich Tuckers eigene Tage gezählt sind. Doris Day singt „It all depends on you“ und die Kinder singen im Chor in Engelskostümen. Harte Schnitte trennen Junge, Mann und Greis, die nicht das Ganze einer Lebensgeschichte, einer Person ergeben, die eine Entwicklung durchläuft, sondern auf ewig separate Teile bleiben. Es erklingen mehr Lieder aus dem Off zu Bildern eines Weihnachtsbaums mit viel Lametta. Von Nonnen umsorgt haucht Tucker ohrenbetäubend laut sein Leben aus, als wollte er noch in seinen letzten Augenblicken der Welt sein Leid klagen. So fügt sich in einer unheiligen Dreifaltigkeit die Geschichte vom Leben, das nicht sein durfte, zu einem Tryptichon des Scheiterns. Was Robert erwartet, sehen wir nicht. Die Leinwand wird weiß und die Einblendung „The End“, mit der die ersten beiden Teile schlossen, entfällt hier bedeutungsvoll.

Das Berliner Kino Arsenal zeigt im April alle acht Spielfilme, die Terence Davies zwischen 1988 und 2016 drehte und zwar größtenteils von 35mm-Kopien. So auch die „Terence Davies Trilogy“, die am 4.4. nochmals wiederholt wird.

Der Mann mit der Todeskralle

(USA, HK 1973, Regie: Robert Clouse)

Bruce Lee im Spiegelkabinett der Filmgeschichte
von Nicolai Bühnemann

Lei Siu Lung, der Mann, der mit seinem amerikanischen Namen Bruce Lee in die Geschichte des Martial Arts-Films eingehen sollte, war von Anbeginn an ein transnationales Phänomen. Geboren in San …

Lei Siu Lung, der Mann, der mit seinem amerikanischen Namen Bruce Lee in die Geschichte des Martial Arts-Films eingehen sollte, war von Anbeginn an ein transnationales Phänomen. Geboren in San Franciscos China Town als Sohn eines chinesischen Schauspielers und einer Deutsch-Chinesin, verbrachte er seine Kindheit im unter japanischer Besatzung stehenden Hongkong. Mit 13 wurde er dem legendären Yip Man, einem Meister des Win Chun Kung Fu vorgestellt. Da der junge Bruce seine Kampfkünste zunächst für eine „Karriere“ als Straßenkämpfer nutzte, wurde er von seinen Eltern mit achtzehn nach San Francisco zurückgeschickt. Die Legende will es, dass er 100 Dollar in der Tasche hatte. Auch wenn Lee seit seinem sechsten Lebensjahr vor Film- und Fernsehkameras stand, waren es nur eine Handvoll Filme, die ihn zu einer Ikone des Kinos und der Kampfkünste gleichermaßen machten. Der letzte von ihnen ist „Enter the Dragon“, 1973 unter der Regie des amerikanischen Genre-Routiniers Robert Clouse enstanden. Lee starb an den Strapazen der Dreharbeiten im Alter von nur 32 Jahren.

Bruce Lee spielt die Filmfigur Lee, die am Anfang den Auftrag bekommt, an einem Kampfsport-Turnier teilzunehmen, das als Vorwand herhalten muss, um einem Mann auf dessen privater Insel nachzuspionieren, der verdächtigt wird, sich seine Millionen mit Heroin und Prostitution zu verdienen. Doch schon hier ist klar, dass er ein Mann mit einer anderen Mission ist: Unbeeindruckt vom mächtigen Auftraggeber trainiert er lieber weiter seinen jungen Schüler, dem er etwas wichtiges mit auf seinen Lebensweg zu geben hat: „We need emotional content. Not anger! Don’t think. Feel! Never take your eyes off your opponent. Even when you bow!“

Kann man dieses Verwirrspiel der Identitäten retrospektiv anders begreifen, als dass sich in dem Schüler der reale Sohn Lees spiegelt, der Schauspieler und Kampfsportler Brandon Lee, der seinem Vater auch darin folgte, dass er 1994 bei den Dreharbeiten zu dem Film „The Crow“ (Alex Proyas) achtundzwanzig-jährig verstarb, getötet mit einer Waffe, in der sich eine echte Kugel, statt einer Platzpatrone befand? Jedenfalls hätte wohl auch die Rolle seines Vaters in dem Biopic „Dragon: The Bruce Lee Story“ (Rob Cohen, USA 1993), die ihm angeboten wurde, aber dann an den nicht mit Bruce verwandten Jason Scott Lee ging, keinen Ausweg aus dem Labyrinth des Scheins ohne Sein geboten.

Auch die Besetzung der Nebenrollen steht ganz im Zeichen eines west-östlichen Genre-Hybrids. Jim Kelly hat im asiatischen Harem der Gangster freie Auswahl. Auf John Saxons Rücken darf eine schöne namenlose Blondine stehen, zu Zwecken der Massage versteht sich. Wer gut aufpasst, kann Jackie Chan als „Thug in prison“ entdecken. Bolo Yeung, der es als Bodybuilder bis zum Mr. Hongkong brachte, und einem westlichen Publikum wohl am ehesten als Endgegner Van Dammes in „Bloodsport“ (Newt Arnold, USA 1988) bekannt ist, darf auch hier kräftig zulangen. Lee hingegen hat mal wieder eigene Pläne – ob mit Frau oder ohne. Bleibt die stählerne Kralle von Boss Han (Kien Shih), der sich unser Spion schließlich zum Zweikampf stellen muss, bei dem sich die Inszenierung zu atemberaubender Frenetik aufschwingt. Dabei gehen viele Spiegel zu Bruch, von denen wir längst nicht mehr wissen, wen sie nun genau zeigen.

Ob in diesem Finale Furioso dann bewusst oder auch nicht der klassische Film Noir nachhallt und namentlich Orson Welles‘ Meisterwerk „The Lady from Shanghai“ (USA, 1947), in dem sich ein vielgereister Mann (Welles) am Ende in ein Dasein des Verzichts und der Entbehrung ohne seine von Rita Hayworth gespielte fatale Muse fügen muss, spielt dann auch keine allzu große Rolle mehr. Denn fest steht: Ein Spiegelkabinett ist ein Spiegelkabinett ist ein Spiegelkabinett.

The Death of Stalin

(GB/FR 2017, Regie: Armando Iannucci)

L´art pour l´art – Sowjetterrorroutine in Stalinsatire
von Drehli Robnik

Moskau 1953: Nach dem plötzlichen Tod von Langzeitdiktator Stalin üben sich dessen Kronprinzen – erst auf Väterchens Datscha, dann in der Hauptstadt des Sowjet-Imperiums – auf Partei- und Trauerversammlungen in …

Moskau 1953: Nach dem plötzlichen Tod von Langzeitdiktator Stalin üben sich dessen Kronprinzen – erst auf Väterchens Datscha, dann in der Hauptstadt des Sowjet-Imperiums – auf Partei- und Trauerversammlungen in Loyalitätheucheln, Intrigen und Allianzen. Derweil arbeiten Exekutionskommandos ungerührt Säuberungslisten mit in Ungnade Gefallenen ab. Im Abspann sehen wir dann Retuschen von Bonzenfotos, wie sie zur Folklore stalinistischer Propaganda- und Geschichtspolitik zählen.

Geheimdienstchef Beria, Außenminister Molotow, Malenkow, der formelle, Chruschtschow, der faktische Nachfolger: Diese einst klingenden Namen werden wohl jenen Leuten viel sagen, die auf Anhieb den Unterschied zwischen Politbüro und Zentralkomitee der Kommunistischen Partei definieren können. Verkörpert sind die Akteure detailreich von Mimen mit heute klingenden Namen: Jeffrey Tambor, Michael Palin, Simon Russell Beale und Steve Buscemi, dessen Ponem längst eine Ikone jener mieselsüchtigen Genervtheit ist, in der sich Terror gegen die Umgebung mit genuinem Leiden verbindet. Andrea Riseborough und Olga Kurylenko als goscherte Hofdamen machen die Zittrigkeit der Diadochen noch deutlicher.

Wie in seinen Farcen westlicher Gegenwartspolitik „In the Loop“ und „Veep“ inszeniert der schottische Regisseur Armando Ianucci in „The Death of Stalin“ ein Dialogensemble, öffnet das Intime des inner circle auf kurz geweitete Räume und das Streiflichthafte von Sketches auf Tempo und Sound-Gepräge einer komplex konstellierten Entscheidungssituation hin. Die Düsternis, die dramatischen Blickachsen und Schattenrisse der Graphic Novel-Vorlage von Fabien Nury und Thierry Rubin weichen in dieser Adaption dem Kräftespiel der Timbres und Motoriken, die sich in den Ablauf eines Machtmechanismus einfügen. Mit Gusto lässt der makabre (und in Russland verbotene) Film Gegensätze kollabieren: Allmacht und Panik, Automatik und Flause, Formalismus und Irrsinn.

Vergleiche mit Heutigem sind aufgelegt – file under „Zynismus“ in der politischen Machtdurchsetzung –, aber sie sind entweder redundant, wenn wir im Regime von Putin eine blasse Version dessen von Stalin erblicken wollen, oder aber wenig sinnvoll, sofern wir auf Analogien mit heutigen nationalautoritären Postdemokratien weiter westlich abheben. Sprich: Stalin war nicht Kurz; er regierte lang. Und: Ein Spezifikum des Stalinismus liegt in der unproduktiven Selbstbezogenheit seiner Routinen; sein System warf wenig an Profit und Euphorie, an entfesselten Kreativ-Innovations- und Hassgefühls-Energien, ab. Seiner Gewaltherrschaft hat ein gewisses L´art-pour-l´art-Moment; und dem schmiegt sich hier Satire, die auf hohem Niveau um sich selbst rotiert, kunstvoll an.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Death of Stalin“.

Death Wish

(USA 2018, Regie: Eli Roth)

Rumsauen statt agitieren
von Nicolai Bühnemann

Dr. Paul Kersey (Bruce Willis) ist liebender Ehemann und Vater und arbeitet als Chirurg in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Chicago. Als bei einem Raubüberfall seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) …

Dr. Paul Kersey (Bruce Willis) ist liebender Ehemann und Vater und arbeitet als Chirurg in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Chicago. Als bei einem Raubüberfall seine Frau Lucy (Elisabeth Shue) ermordet wird und seine Tochter Jordan (Camila Morrone) im Koma landet, beschließt er, in den Straßen der Stadt auf Ganovenjagd zu gehen.

Was Michael Winners Original-„Death Wish“ aus dem Jahr 1974 ideologisch besonders unsympathisch machte, sucht man in Eli Roth‘ Neuauflage des Stoffes glücklicherweise vergeblich. Dort ging es nicht nur um Selbstjustiz, die politische Agenda des Films schloss auch eine affirmative Haltung gegenüber der Todesstrafe ein und eine weitere Liberalisierung der Waffengesetze. Diese weiteren Themen fallen bei Roth komplett weg beziehungsweise werden mit einem kurzen Witz abgehandelt. Bleibt die Sache mit der Selbstjustiz.

Kersey wird eingeführt als jemand, der nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen ist, der lieber eine schwere Demütigung hinnimmt als zuzuschlagen. Also muss schon das schlimmste eintreffen, was einem family man wie ihm passieren kann, damit aus dem täglichen Retter, der weiter seinem Job nachgeht, ein nächtlicher Rächer wird.

Roth macht aus diesem Stoff einen so derben wie eigensinnigen Splatter-Film. Der freilich die reaktionäre Agenda der Vorlage auf vielfache Weise ironisch brechen muss, um sie durch eine einfache Dialektik zwischen den „guten“ und den „bösen“ Persönlichkeitsanteilen der Filmfigur Paul Kersey zu ersetzen. Roth erreicht das dadurch, dass er das macht, wofür er bekannt ist: rumsauen. Der Film übersteigert die Gewalt ins Groteske, macht sie dabei aber nicht komensurabel. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Denn wer guckt schon gerne dabei zu, wie sich ein Mann eine tiefe Wunde mit einem Tacker verarztet?

In seinem aufgrund des Stoffes und der Besetzung der Hauptfigur kommerziell erfolgsversprechendsten Film eignet sich Roth die gängigen psychologischen Deutungsmustern des Hollywoodmainstreamkinos nur an, um sie zugleich in subversiver Absicht überzuerfüllen: Kersey kommt aus einer gefährlichen Ecke der Stadt, er ist ein Mann, der sich nach oben arbeiten musste, der ein ambivalentes Verhältnis zu seinem Bruder hat und einmal die Woche brav zu seiner Therapeutin geht, die im Verlauf des Films große Fortschritte in seiner Befindlichkeit bemerkt. Die Frage, wie ernst der Regisseur von „Hostel 2„, einer nicht sonderlich subtilen Satire auf die neoliberale Weltordnung, das meint, stellt sich dabei nicht. Entscheidend ist allerdings, welcher Form der Ironie sich der Film bedient.

Frei nach John Wayne könnte man sagen, dass Kersey tun muss, was er glaubt, als Mann tun zu müssen. Genau wie in Michael Winners Original. Nur war der eben von Anfang an der rechte Wolf im linken Schafspelz, aus dem sein innerer Zwiespalt nur mit den gängigen Mitteln des 1970er-Jahre-Brutalokinos herausgekitzelt werden musste. Bei Roth dagegen ist, wenn nach allerlei blutigen und unvorhersehbaren Volten Jordan aus dem Koma erwacht, noch längst nicht alles gut. Aber der Film ist vorbei. Auf den nächsten Film von Eli Roth bin ich sehr gespannt.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.perlentaucher.de.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Death Wish“.

Thelma

(NOR/FR/DK/SW 2017, Regie: Joachim Trier)

Fesseln der Erziehung
von Wolfgang Nierlin

In der Weite einer nordischen Winterlandschaft geht ein Vater mit seiner kleinen Tochter übers Eis. Unter der gefrorenen, spiegelglatten Oberfläche des Sees tummeln sich Fische wie in einem Aquarium. Wenn …

In der Weite einer nordischen Winterlandschaft geht ein Vater mit seiner kleinen Tochter übers Eis. Unter der gefrorenen, spiegelglatten Oberfläche des Sees tummeln sich Fische wie in einem Aquarium. Wenn sie sachte gegen die Eisdecke stoßen, wirken sie wie hilflose Gefangene. Kurz darauf, im Wald, beobachten die beiden schweigsamen Wanderer ein Reh, auf das der Vater mit seinem Gewehr anlegt. Doch dann ändert der Jäger überraschenderweise seine Absicht und richtet die Waffe heimlich auf das Mädchen. Joachim Triers Film „Thelma“ beginnt mit einer Irritation und einer Verstörung, die lange nachwirkt und Fragen aufwirft, die ins Herz einer komplizierten Coming-of-Age-Geschichte und in die geheimnisvollen Abgründe einer psychotischen Vater-Tochter-Beziehung führen. Im Spannungsfeld zwischen mythischer Natur und moderner Stadt, Kindheitserinnerungen und Gegenwart, Religion und Wissenschaft, Trauma und Wahnsinn entfaltet der norwegische Regisseur einen visuell vielschichtigen Mysterythriller, der das Genre mit existentiellen Themen verbindet.

Als Biologie-Studentin auf dem Universitätscampus in Oslo wirkt die junge Titelheldin zunächst verloren und isoliert. Thelma (Eili Harboe) lebt in einem anonymen Wohnheim, ist schüchtern und sucht zaghaft Anschluss. Als sie im Lesesaal der Uni-Bibliothek plötzlich eine Art epileptischen Anfall erleidet, entwickelt sich in der Folge ein Kontakt zu ihrer schönen Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins). Die beiden verlieben sich ineinander, doch Thelma leidet unter Schuldgefühlen und sucht entgegen ihren wahren Empfindungen immer wieder die Distanz; worauf der verleugnete Körper mit zunehmend heftigeren Anfällen reagiert, deren Ursachen – so ergeben diverse medizinische Untersuchungen – offensichtlich psychogener Natur sind. Etwas Unterdrücktes bricht aus, verdrängte Wünsche scheinen sich regelrecht zu materialisieren. Bald wird deutlich, dass Thelma Konflikte austrägt, die von der strengen christlichen Erziehung ihrer Eltern herrühren.

Joachim Trier inszeniert Thelmas Anfälle als intensiven Ausdruck übernatürlicher, letztlich zerstörerischer und damit befreiender Kräfte. Im telepathischen Raum umgelenkter Energien prallen Vögel gegen Fenster, werden Stromkreise unterbrochen und die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft gesetzt. Alpträume und Phantasien werden real und verbinden sich zugleich mit einem symbolischen Subtext. Hypnotisierende Bilder eines verbotenen Begehrens und einer internalisierten Gefangenschaft stehen in dessen Zentrum. Um sich aus den Fesseln ihrer Erziehung zu lösen und sich von der väterlichen Kontrolle zu befreien, muss Thelma schließlich erst zurückkehren an den Ort ihrer Kindheit und damit in die Geschichte einer fortgesetzten Unterdrückung und psychischen Manipulation.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Thelma“.

The Death of Stalin

(GB/F 2017, Regie: Armando Iannucci)

Alles beim Alten
von Jürgen Kiontke

„Ich hab‘s im Rücken – vom sozialen Aufstieg.“ Ja, wer würde als Publikum angesichts solcher Nöte nicht ins Schmunzeln geraten. Der Stoff ist auch echt lustig: Der Satz fällt in …

„Ich hab‘s im Rücken – vom sozialen Aufstieg.“ Ja, wer würde als Publikum angesichts solcher Nöte nicht ins Schmunzeln geraten. Der Stoff ist auch echt lustig: Der Satz fällt in Anwesenheit eines recht prominenten, aber auch recht vollgepissten Patienten. „The Death of Stalin“ heißt der Film, und der Mann, der am Boden liegt, ist der titelgebende sowjetische Generalsekretär der UdSSR. Man schreibt das Jahr 1953.

Gerade ist er zusammengeklappt, die Entourage ist in Aufruhr. Wer jetzt nicht schleunigst Nachfolger wird, der landet womöglich in Sibirien, vielleicht auch vor dem Erschießungskommando. In den nächsten zwei Tagen, werden die Karten brutalstmöglich neu gemischt. Parteisekretär Nikita Chruschtschow macht sich ebenso Hoffnung auf das Amt wie Geheimdienstchef Lawrenti Berija.

Diese lange zurückliegenden Ereignisse wären ein sehr guter Stoff für einen guten Film. 1953 gab es eine krasse Frontstellung. Die Welt stand vor der Vernichtung, allein durch das nukleare Potenzial. „The Death of Stalin“ ist ein bunter, ein opulenter Streifen, mit viel Liebe zur Ausgestaltung des damaligen Interieurs bis hinein in die Besonderheiten der Kleidung.

Das Problem: Er ist nur recht schwer erträglich. Flachste Witzchen dominieren die Dialoge, das Personal wird ins Lächerliche gezogen, ohne dass der Zuschauer dem folgen kann. Welches Verarschungspotenzial hat im zeitgenössischen Kino etwa der Oberbefehlshaber Georgi Schukow, der die Rote Armee gegen die Wehrmacht führte? Der Film erklärt nicht viel, eingeblendete Texte müssen dafür sorgen, dass man überhaupt weiß, wer dort spricht.

Die Albernheit und Unfertigkeit hat möglicherweise einen Grund: Das Produzententeam Yann Zenou und Laurent Zeitoun hat sich in der Vergangenheit um so dolle Komödien wie „Ziemlich beste Freunde“ verdient gemacht, noch so ziemlich jeden ernsthaften Stoff in eine Under-the-belt-Blödelform gebracht und sich in den USA sogar Rassismusvorwürfe eingehandelt.

Die Kritik im Westen feiert jedenfalls den „Tod Stalins“. Dass dieser Film in Russland komplett aus den Kinos geschmissen wurde, ist allerdings auch ein Statement. So ist er ein Zeugnis für den Zustand des Kinos als Propagandainstrument – und seine Rezeption von Kunstverständnis allüberall. Eigentlich hat sich seit damals nicht viel geändert.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „The Death of Stalin“.

Death Wish

(USA 2018, Regie: Eli Roth)

Männersachen
von Thomas Blum

Eine Kamera nähert sich Wolkenkratzern und Straßenschluchten: eine Autoverfolgungsjagd, Schüsse, Sirenen, ja, hier geht es ruppig zu, eine gefährliche Großstadt in den USA, Chicago. Ein Hospital, Stimmengewirr, Betriebsamkeit, Geschrei. Doch …

Eine Kamera nähert sich Wolkenkratzern und Straßenschluchten: eine Autoverfolgungsjagd, Schüsse, Sirenen, ja, hier geht es ruppig zu, eine gefährliche Großstadt in den USA, Chicago. Ein Hospital, Stimmengewirr, Betriebsamkeit, Geschrei. Doch halt, stop! Moment!

Um Sympathie mit den Opfern zu empfinden, muss man sie ein wenig kennen und nett finden, weswegen uns die perfekte All-American Family (Mutter: blond, Vater: Arzt, Tochter: süß) erst einmal eine Weile vorgeführt wird. Klar: Das sind grundgute bürgerliche Menschen. Sie haben ein schönes Haus, haben einen liebevollen Umgang miteinander und trinken frischen Fruchtsaft zum Frühstück. Doch dann, als Papa einmal zur Unzeit Spätschicht hat, kommen böse, ruchlose, maskierte Männer ins Haus, schreien herum, rauben Wertsachen, schießen die blonde Frau tot und die süße Tochter ins Koma.

Beim Begräbnis seiner Ehefrau macht sich Dr. Paul Kersey (Bruce Willis), der gute, brave Bürger, Familienvater und Arzt, dann erstmals Gedanken: „Wie kann das Gottes Plan sein?“ Warum dürfen irgendwelche Dahergelaufenen einem Frau und Kind tot- bzw. halbtotschießen und die Polizei zuckt hilflos mit den Schultern? Ein anderer Mann erklärt es dankenswerterweise unserem Helden, dem braven Bürger, nur eine Szene später: „Die Polizei ist immer zu spät dran. Die Leute verlassen sich auf die Polizei. Aber ein Mann muss selbst beschützen, was ihm gehört“, also Frau und Kinder zum Beispiel. Ein Satz, wie ihn die National Rifle Association nicht besser ins Drehbuch hätte schreiben können.

Dr. Kersey geht allerdings erst einmal zum Therapeuten, schließlich kann er weder schlafen noch arbeiten noch zuhause vor der Glotze sitzen. Und er fühlt sich schuldig, hat er doch versagt. Er, ein Mann, hätte seine Ehefrau und seine Tochter besser beschützen müssen.

Er sieht also Waffenreklamevideos, in denen leicht bekleidete, lächelnde Damen riesenhafte Wummen abfeuern. Und er sucht ein Waffengeschäft auf, in dem man ihm erklärt, dass das Gefühl, eine Waffe abzufeuern, besser sei „als ein verficktes neugeborenes Baby“ zu haben. Schließlich sehen wir ihn im Splitscreen-Verfahren: Tagsüber operiert der brave Arzt seine Patienten, abends trainiert der Mann mit Waffen. Durchladen, entsichern, zielen. Auf zweierlei Art, so lernen wir, operiert er nun, um Menschenleben zu retten: Er operiert Verletzte und Kranke mit Skalpell und Schere, und er operiert des Nachts mit einem Revolver das Krebsgeschwür der Übeltäter aus der Gesellschaft heraus.

In der Folge räumt Dr. Kersey nach Feierabend auf den Straßen Chicagos ein bisschen auf, was ihm ein wenig Erleichterung verschafft: Verbrecher abknallen, ihnen etwas über den Schädel ziehen, eigene Fleischwunden mit einem Tacker bearbeiten. Männersachen eben. Auch seine Therapeutin freut sich über das zurückgekehrte Wohlbefinden ihres Patienten: „Was immer Sie auch in Ihrer Freizeit tun, machen Sie damit weiter!“

Wer sich noch an die 70er Jahre erinnert, wird bei all dem an den beliebten Selbstjustiz-Thriller „Ein Mann sieht rot“ (im Original: „Death Wish“, USA 1974) mit Charles Bronson in der Titelrolle denken. Nicht zu unrecht, schließlich haben wir es hier mit einer Neuverfilmung des Stoffs zu tun. Eli Roth, den Regisseur dieses Remakes, kennen wir von Schockern wie „Hostel“ oder „Cabin Fever“. Sein neuer Selbstjustiz-Reklamefilm müsste Trump ganz gut gefallen.

Dieser Text erschien zuerst in: Neues Deutschland

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Death Wish“.

A Chinese Ghost Story

(HK 1987, Regie: Siu-Tung Ching)

Die Geisterbahn der großen Gefühle
von Nicolai Bühnemann

Auf löchrigen Socken zieht der junge Steuereintreiber Ling Choi San (Leslie Cheung) durchs Land. Als er ohne einen Cent Geld in der Tasche in einem kleinen Ort ankommt, gleichen ihn …

Auf löchrigen Socken zieht der junge Steuereintreiber Ling Choi San (Leslie Cheung) durchs Land. Als er ohne einen Cent Geld in der Tasche in einem kleinen Ort ankommt, gleichen ihn einige Soldaten mit ihren Fahndungsbildern ab, und ein Sargmacher nimmt vorsichtshalber schnell seine Maße. Nur mit einem Schlafplatz sieht es schlecht aus. In einem leer stehenden Tempel gerät er zwischen die Fronten eines Kampfes zwischen dem taoistischen Schwertkämpfer Yin Chek Hsia (Wu Ma) und einem Kontrahenten, die ihm zunächst wenig Beachtung schenken – selbst dann noch, als er mitten zwischen den Klingen ihrer Schwerter steht. In der Nacht trifft er hier auf Lip Siu Sin (Joey Wang), die sofort bleibenden Eindruck bei ihm schindet, sich aber dann später, wie es der Titel erahnen lässt, als Geist herausstellt.

Ning, der so ängstlich ist, dass er wohl auch seinen eigenen Schatten fürchtet, muss nun über ebendiesen springen, um der schönen Unbekannten dabei zu helfen, als Mensch wiedergeboren werden zu können – um jeden Preis. Bis dahin jedoch gilt es viele Abenteuer zu bestehen. Im Reich der Lebenden und der Toten. In einem Gerichtssaal, dessen Personal der Film zu schillernden Karikaturen überzeichnet. Die Endgegnerin ist ein weiblicher Baumgeist mit einer ausgesprochen langen Zunge, die sie nutzt, um ihren Opfern das Leben auszusaugen.

Der Produzent Tsui Hark, der sich seitdem zu einem der bedeutendsten Genreregisseure des jüngeren Hongkong-Kinos entwickelte, überließ die Regie dem Stuntman und Choreograph Siu-Tung Ching, hatte aber wohl auch selbst großen Einfluss auf den abgeschlossenen Film, der sich zum vielleicht legendärsten Fantasy-Klassiker seiner Zeit entwickeln sollte. Wie so viele Genrefilme aus der damaligen Kronkolonie zeichnet sich auch „A Chinese Ghost Story“ durch einen wilden Genre-Mix aus, der sich vom asiatischen Martial Arts-Kino ebenso nimmt, was er braucht, wie von einigen einflussreichen westlichen Horror- und Splatterfilmen der Dekade. So stehen wenig subtile Zitate aus „Hellraiser“ (Clive Baker, GB 1987), „The Evil Dead“ (Sam Raimi, USA 1982) oder auch „Die Geisterstadt der Zombies“ (Lucio Fulci, Italien 1982) neben atemberaubend choreographierten Kampfszenen und in herzigen Stop-Motion-Animationen zum Leben erweckten Kreaturen verschiedenster Art. Zwischendurch gibt es noch eine ziemlich unfassbare Musical-Einlage, in der Yin einmal mehr seine Tanz- und Schwertkünste unter Beweis stellen darf.

Schierer und erheiternder Quatsch trifft auf eine süßliche, aber dadurch nur umso eindrücklichere Poesie in den Liebesszenen zwischen Ling und Lip. So ist etwa schon die pre title sequence ein einziger filmischer Rausch aus im Blau der Nacht im Herbstwind treibenden Blättern und wehenden Vorhängen. Hier sucht den an seinen Pergamentrollen arbeitenden Ling eine betörend schöne weibliche Geistererscheinung heim, die mit ihren langen Haaren, in denen der Lufthauch spielt, auch das Publikum sofort zu bezaubern vermag. Jedenfalls geben Leslie Cheung, der der jüngste von zehn Söhnen war, zeit seines Lebens zwischen Hongkong und Großbritannien pendelte und sich 2003 im Alter von sechsundvierzig Jahren das Leben nahm, und Joey Wang ein wundervolles Paar ab im vielleicht schönsten Geisterbahnfilm in der Geschichte des Kinos.

Gesehen in der Reihe: „Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1946-1997“ im Berliner Kino Arsenal

Heaven’s Gate

(USA 1980, Regie: Michael Cimino)

Leben, Liebe, Tod und Kino
von Nicolai Bühnemann

Prolog: Michael Cimino stellt die Restauration des Films vor In sich zusammengefallen wirken seine Gesichtszüge. Die Lippen geschwollen, die Augen verdeckt von einer großen, schwarzen Pilotensonnenbrille. Doch auch wenn er …

Prolog: Michael Cimino stellt die Restauration des Films vor

In sich zusammengefallen wirken seine Gesichtszüge. Die Lippen geschwollen, die Augen verdeckt von einer großen, schwarzen Pilotensonnenbrille. Doch auch wenn er wohl als Künstler und als Mensch gebrochen ist, bleibt er doch ein Mann mit einer Mission. Stolz berichtet er, wie er neun Monate lang an einer Restauration von „Heaven’s Gate“ durch das Team der Criterion Collection beteiligt war, involviert in alle Aspekte der Veröffentlichung. Denn Cimino hat etwas, das er der Welt hinterlassen möchte, die er 2016, drei Jahre nach Erscheinen der gewohnt liebevollen Edition des wohl weltweit bedeutendsten alternativen DVD-Labels verließ: die von ihm ursprünglich intendierte Version seines insbesondere im Herkunftsland bis heute oft verkannten Meisterwerks.

1974 legte Cimino, der zuvor nur an zwei Drehbüchern mitgearbeitet hatte sein Regiedebüt mit „Thunderbolt and Lightfoot“ („Die letzten beißen die Hunde“) vor. Clint Eastwood, Produzent und Hauptdarsteller, überließ dem Unbekannten die Regie, weil er beeindruckt war von seiner Überarbeitung des Scripts zum „Dirty Harry“-Sequel „Magnum Force“ (Ted Post, 1973). Ohne diese Unterstützung hätte Cimino, so beteuerte er später, niemals in Hollywood Fuß fassen können. Nach dem Film, der mit Bridges an der Seite Eastwoods, gekonnt Elemente eines Buddy-Road Movies mit denen eines kompromisslosen Heist-Thrillers verbindet, lustig beginnt und tragisch endet, dauerte es vier Jahre bis Cimino ein weiteres, wesentlich größeres und persönlicheres Projekt vorlegen konnte: den epischen Vietnamkriegsfilm „The Deer Hunter“ („Die durch die Hölle gehen“). Wenn am Ende Christopher Walken und Robert De Niro russisches Roulette spielen, ist das eine dieser Cimino-Momente, die nicht mehr vergisst, wer sie einmal gesehen hat. Der Erfolg des Films, der immerhin alleine in den USA das dreifache seiner Produktionskosten von etwa 15 Millionen Dollar einspielte, ermöglichte es Cimino zwei Jahre später „Heaven’s Gate“ zu drehen, bei dem es nun endgültig kein Halten mehr für ihn zu geben schien.

Berüchtigt ist der Film wohl vor allem für seine wahnwitzige Produktionsgeschichte. Das Budget, das ursprünglich bei 11 Millionen Dollar veranschlagt war, belief sich schließlich auf damals absolut astronomische 44 Millionen, was durch die Tatsache, dass sich der Film als Kassengift herausstellte, das Studio United Artists beinahe in den Ruin trieb, vor dem es nur noch die Übernahme durch MGM bewahren konnte. Der Film trieb die Traumfabrik in eine ihrer zyklischen Krisen, aus der sich nur noch durch das wenige Jahre zuvor durch „Jaws“ („Der Weiße Hai“, Steven Spielberg, 1975) begründete Blockbuster-Segment retten konnte. Jedenfalls war es dieser Film, der dem, was seit den späten Sechzigern als New Hollywood firmierte, ein Jahr nach dem Kinostart des ähnlich größenwahnsinnigen Francis Ford Coppola-Projekts „Apocalypse Now“, bei dem sechs Wochen für den Dreh veranschlagt waren, aus denen sechzehn Monate wurden, die das Team sich durch den philippinischen Dschungel schlug, dem Herzen der Finsternis entgegen, das sie schließlich mit fast 200 Stunden abgedrehtem 70mm-Material erreichten, endgültig den Todesstoß verpasste. Auch wenn Coppolas Film letztlich ein finanzieller Erfolg wurde, musste Hollywood sich wieder mal neu erfinden, um die Exzesse zweier Filmemacher zu überstehen, denen ihre Besessenheit für ihre ganz eigene gigantomanische Vision von Kino, offensichtlich die Tuchfühlung zur Realität genommen hatte.

Alles an „Heaven’s Gate“ ist groß. Der Director’s Cut des Films läuft über dreieinhalb Stunden. Der Cast ist beeindruckend, vereint er doch Namen, die schon damals bekannt waren wie Kris Kristofferson, John Hurt, Jeff Bridges oder Christopher Walken mit derzeitigen Nachwuchsschauspielern wie Brad Dourif, Mickey Rourke, aber insbesondere einer jungen, fulminant aufspielenden (und in einer Liebesszene auch splitterfasernackten) Isabelle Huppert. Gedreht ist er in monumentalen Cinemascope-Panoramen wie sie wohl niemand sonst so fotografieren könnte wie Vilmos Zsigmond. Beim Aufbau seiner Geschichte, die angelehnt ist an reale Ereignisse, die sich im Wyoming des Jahres 1890 zutrugen, nimmt sich der Film genau die Zeit, die er braucht, um seine Charaktere und ihre Konflikte einzuführen und sich dann immer weiter zu steigern in einem einzigen Crescendo des Grauens.

Kristofferson spielt James Averill. Die Exposition stellt ihn uns als Harvard-Absolventen vor, einen Mann also, der (zumindest materiell) auf der Gewinnerseite des Lebens geboren wurde. 20 Jahre später ist er der Sheriff von Johnson County, das zum Großteil bewohnt wird von armen europäischen Immigranten, die aus den verschiedensten Ecken der „alten Welt“ hierher kamen auf der Suche nach einem Leben in Wohlstand und Würde. Doch dabei haben sie die Rechnung ohne den örtlichen Viehbaron Major Wolcott (Ronnie Hawkins) gemacht, dessen bestimmter Rat an sie lautet: „Go home!“. Er schreckt vor nichts zurück, was seinen Kapitalinteressen dient – auch nicht davor, unschuldige Menschen ermorden zu lassen. Der örtliche Auftragskiller Nate Champion (Christopher Walken), arbeitet zwar zunächst für die reichen Viehzüchter, erschießt dabei auch einen Mann, der einen Stier getötet hat, um seine Familie ernähren zu können, dabei wird er jedoch mehr und mehr von seinem Gewissen geplagt, bis er sich schließlich ganz mit seinen Auftraggebern überwirft und sich bedingungslos gegen sie stellt. Außerdem hat auch er ein erotisches Interesse an der Prostituierten Ella Watson (Isabelle Huppert), die mit Averill liiert ist. Parallel zu dem Beziehungsdreieck spitzen sich auch die Konflikte zwischen den reichen Farmern und den armen Einwanderern und denen, die sie zu verteidigen trachten, immer weiter zu – bis sie sich schließlich in einer kriegerischen Auseinandersetzung entladen, die zu einer beispiellosen Orgie des Tötens und des Sterbens wird.

Majestätisch, erhaben, unbeeindruckt erscheint dazu die Landschaft in ihrer Weite, mit ihren Tannen, den schneebedeckten Bergmassiven, die nichts wissen von den Schicksalen der Menschen, die zu ihrem Wolf werden. Nichts Wissen von ihrem Scheitern an sich, ihren Ambitionen, der Gesellschaft, die sie sich geschaffen haben oder noch schaffen wollen. Von ihrer Suche nach dem richtigen Leben im Falschen. Von der Sinnlosigkeit ihrer Gewalt. Von den Todeslisten für „Anarchisten und Störenfriede“. Von Vergewaltigungen und gemeuchelten Prostituierten. Von dem Mann, den sich Ella als Ehemann auserkoren hatte und zu dem sie dann schmerzerfüllt herabblickt, wenn sein Körper und sein Gesicht zerrissen sind von Kugeln. Von dem anderen Mann, der abgrundtief böse schien, und der doch, wenn Ella ihm dann im Tumult der Schlacht ins Kinn schießt, einfach nur ein weiterer toter Mensch ist. Von dem Bedürfnis nach Rache (auch) des Publikums, das radikal unbefriedigt bleiben muss, weil mehr Kugeln nicht wieder heilen können, was Kugeln zuvor zerstörten. Von dem Revolverlauf, den sich eine Frau in den Mund schiebt, blutend an das Rad eines Wagens gelehnt, wenn sich der Pulverdampf der letzten Schlacht verzogen hat, die nur noch Verlierer kennt. Von den Projektilen, die schließlich klaffende rote Löcher in ein weißes Hochzeitskleid reißen.

Selig sind die Berge und die Felder und die Wälder, die nicht wissen, wozu Menschen fähig sein können. Auch dann noch, wenn sie sich eigentlich danach sehnen Gutes zu tun, verzweifelt nach Zuneigung und Geborgenheit suchen. Und auch in der Darstellung der Zärtlichkeit, mit der die Verdammten einander kurzfristig Halt geben, in- und beieinander für Augenblicke ein anderes Leben finden, das richtig ist, schön und gut, entwickelt der Film eine Schonungslosigkeit und eine Intensität wie sie im internationalen Affektkino wohl ihresgleichen sucht.

Doch dann ist da der Dampf der Lokomotive, die im Western von jeher für die fortschreitende Zivilisierung, die Nutzbarmachung des Landes für die Zwecke des Menschen stand, in dem Averill auf seinem Pferd verschwindet, von dem er aus dem Bild getilgt zu werden scheint. Ja, mit diesem Film endet etwas. Unwiderruflich.

Epilog: Ciminos Weg nach „Heaven’s Gate“

Erst fünf Jahre später konnte der Regisseur mit dem berühmten italienischen Produzenten Dino De Laurentiis einen Geldgeber für einen weiteren Film finden, den in Hongkong angesiedelten Thriller „Year of the Dragon“, zu dem Cimino das Drehbuch gemeinsam mit Oliver Stone verfasste. Die Hauptrolle übernahm Mickey Rourke, der bereits in einer kleinen Nebenrolle in „Heaven’s Gate“ zu sehen war. Das KritikerInnen-Echo war vernichtend, für die Darstellung chinesischer Amerikaner handelte sich der Regisseur den Vorwurf ein, rassistische Stereotype zu bedienen. Nachdem auch die Folgeprojekte „The Sicilian“ (1987) und „The Desperate Hours“ (1990) kollossale Flops wurden, drehte Cimino nur noch einen weiteren Film, „The Sunchaser“ (1996), der trotz der Nominierung für die Goldene Palme in Cannes nur auf Video veröffentlicht wurde. In der Zeit bis zu seinem Tod am 02.07.2016 schrieb er einen Roman, „Big Jane“ (2001), der mit zwei französischen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Der einst als „Wunderkind“ gehandelte Regisseur sollte der Welt also nur sieben Filme hinterlassen.

Nachdem es den Film hierzulande bislang nur auf einer gewohnt schmucklosen DVD von MGM gab, veröffentlicht Capelight nun die von Criterion restaurierte Fassung erstmals hierzulande in HD. Zu dem umfangreichen Bonusmaterial des schön gestalteten Mediabooks zählt unter anderem auch ein 24-seitiges Booklet und ein Interview-Featurette mit Jeff Bridges. Eine Single-DVD wird gleichzeitig erscheinen.

Taxi Hunter

(HK 1993, Regie: Herman Yau)

Ein komödiantischer Taxifahrer(jäger) auf kantonesisch
von Nicolai Bühnemann

Das Schicksal meint es offenbar nicht gut mit dem bürgerlich braven Versicherungsvertreter Kin (Anthony Chau-Sang Wong). Nicht nur, dass er so unterwürfig und gutmütig ist, dass es für die skrupellos …

Das Schicksal meint es offenbar nicht gut mit dem bürgerlich braven Versicherungsvertreter Kin (Anthony Chau-Sang Wong). Nicht nur, dass er so unterwürfig und gutmütig ist, dass es für die skrupellos korrupten Taxifahrer der Stadt ein Leichtes ist, ihm mit ihren abgekarteten Spielen im Straßenverkehr Unsummen von Geld aus der Tasche zu ziehen, einer von ihnen, dem mit krummen Touren seine Kunden auszunehmen offenbar wichtiger ist als ein Menschenleben, überfährt auch noch eines Nachts seine hochschwangere Frau (Hoi-Shan Lai). Sein Boss, der ihn kurz zuvor noch zum Mitarbeiter des Monats ernannte, zeigt für den schweren Schicksalsschlag wenig Verständnis. Also steht unser Antiheld im strömenden nächtlichen Regen, das Bier in der Hand, in dem er nun seinen Schmerz zu ertränken trachtet.

Herman Yau wurde 1961 geboren und dreht seit den frühen Neunzigern unermüdlich einen Film nach dem anderen – gerne auch mal vier in einem Jahr. Splatter-Aficionados ist er vor allem wegen seinen derben Cat III-Schockern (die Abkürzung steht für die höchste Altersfreigabe in Hongkong, entspricht also der deutschen FSK18, wird aber dort nur an besonders harte Filme vergeben) wie „Ebola Syndrome“ (1995) oder der „The Untold Story“-Reihe (1993, 1998, 1999) ein Begriff. Seine Variation amerikanischer Vorbilder wie den im selben Jahr entstandenen „Falling Down“ (Joel Schuhmacher), aber insbesondere „Taxi Driver (Martin Scosese, 1976) fällt was die Drastik der Gewaltdarstellung anbelangt wesentlich zahmer aus, wartet dafür aber mit einer hinreißend durchgeknallten Melange aus reichlich derangierter Komik, so bitteren wie düsteren melodramatischen Momenten und Actionszenen auf.

Jedenfalls hat Kin nun endgültig die Schnauze voll von den mafiösen Taxi-Machenschaften, besorgt sich eine Knarre und beginnt sich nachts im Taxi durch die Stadt kutschieren zu lassen – und wehe dem Fahrer, der versucht ihn übers Ohr zu hauen. Nun will aber auch so ein Rächerdasein gelernt sein. Das beginnt schon damit, dass der Monolog vor dem Spiegel bei ihm wesentlich weniger bedrohlich wirkt als bei Travis Bickle, dem von Robert De Niro gespielten Protagonisten in Scorseses bahnbrechendem Klassiker, und auch die Kanone flutscht hier nicht wie auf Schienen, sondern verhakt sich ständig in der verdammten Hosentasche. Kins bester Freund ist der Polizist Yu Kai Chung (Rongguang Yu), der bald auf den Fall des mysteriösen Taxifahrerjägers angesetzt wird. Die Konstellation wird dadurch noch zusätzlich verkompliziert, dass sein Partner undercover nach dem Mörder sucht.

Letzterer zeichnet dann auch hauptsächlich für den comic relief verantwortlich und wird von Man-Tat Ng wirklich hinreißend herzig gegeben. Schon seine weiten Klamotten mit den protzigen Logos verschiedenster amerikanischer Profisportvereine und das immer verkehrt herum auf dem Kopf sitzende Basecap, an das er sich dann auch schon mal seinen Dienstausweis heftet, bieten eine Parodie auf die Verehrung westlicher Vorbilder (etwa Elvis in „Bullet in the Head“) durch die männlichen Protagonisten in Hongkong-Filmen, die sich gewaschen hat. Als Kin in sein Taxi steigt, ihn als böse einstuft und auf der Flucht anschießt, spitzen sich die Geschehnisse immer weiter zu. Und auch ein wutentbrannter Mob demonstrierender Taxifahrer hat schließlich mit dem nächtlichen Rächer noch ein Hühnchen zu rupfen.

Auch wenn der Film beständig zwischen dramatischen Höhepunkten und tief empfundener Melancholie changiert, bleibt er dabei jedoch in seinem Herzen eine nachtschwarze Komödie.

Gesehen in der Reihe „Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1946-1997“ im Berliner Kino Arsenal.

From Dusk Till Dawn

(USA 1996, Regie: Robert Rodriguez)

Unsere tollen Mutanten
von Drehli Robnik

Es gab einmal, damals, in der Populärkultur der 80er Jahre, ein Phänomen, das nannte man Crossover: die Kreuzung oder Aneinanderreibung von Bestandteilen verschiedener Gattungen. Hybride Formen wucherten wie wild: In …

Es gab einmal, damals, in der Populärkultur der 80er Jahre, ein Phänomen, das nannte man Crossover: die Kreuzung oder Aneinanderreibung von Bestandteilen verschiedener Gattungen. Hybride Formen wucherten wie wild: In der Musik mischten sich schwarze Spielarten wie Reggae oder HipHop mit weißem Metal und Hardcore, etwa bei den Bad Brains, den Beastie Boys oder Run DMC. Das Mainstream-Kino frönte der Genrekreuzung, um SciFi-Dschungelkriegsfilme wie „Aliens“ und „Predator“ oder Horror-Liebesfilme wie „Die Fliege“ zu gebären; manche erinnern sich vielleicht auch noch an „Blade Runner“ oder „Wild at Heart“.

Crossover-Rock wurde eine Landplage, und im Kino gab es mit Robert Rodriguez‘ „From Dusk Till Dawn“ endlich auch ein Crossover aus Serienmörder-Thriller und Zombie-Splatter-Movie. Aber eigentlich ist der Film des texanischen Shooting Stars kein Crossover, denn er verwebt weniger die Elemente diverser Gattungen zu einem heterogenen Ganzen als dass er zwei Genres bzw. Genrefilme en bloc zusammenhängt.

Und das geht so: Ein raubmordendes Brüderpärchen nimmt nach Absolvierung einiger Massaker in Texas einen Priester (Harvey Keitel) und dessen zwei Kinder samt Wohnmobil als Geiseln. Breitspurig betont werden vorerst psychodynamische Machtspiele zwischen Entführern und Opfern und die bange Frage, wann der psychotische Gangsterbruder, dem es nach der Tochter (Juliette Lewis, einmal mehr als Lolita) gelüstet, die Nerven wegschmeißen wird.

Diese Themen sind jedoch rasch vom Tisch, als das Quintett in Mexiko in einem obskuren Tanz-, Sauf- und Strip-Lokal namens The Titty Twister einkehrt. Dort erfolgt der abrupte, eruptive Genre-Wandel, und die zweite Filmhälfte ergeht sich im Gemetzel Mensch gegen Monster, unter Rekurs auf ein Motivspektrum, das von „Die Nacht der lebenden Toten“ bis „Braindead“ reicht.

Dass ein Film auf so krude Weise das Genre wechselt und dabei jede kombinatorische Finesse einer zweiminütigen Schrecksekunde opfert, in der alle erzähl- und gattungstechnischen Parameter ausgetauscht werden, dieser Wille zur Plumpheit wird verständlicher, wenn man bedenkt, dass Robert Rodriguez Bestandteil des Medienverbundes rund um Quentin Tarantino ist.

Beide Regisseure lieferten Episoden zu „Four Rooms“, und Tarantino spielt, nach einem kleinen Part in Rodriguez‘ folkloristischem Actionknaller „Desperado“, den nervlich labilen Bruder von Hauptdarsteller George Clooney in „From Dusk Till Dawn“. Und auch das Drehbuch des Films stammt von dem als Wunderkind verkannten Wiederverwerter einer zweifellos imposanten Videosammlung, sodass sich der „Alles nur Spaß“-Quotient und der Anteil von Zerdehnungen, Kalauern und starken Sagern an den Dialogen gegenüber Rodriguez‘ vorigem Film noch erhöht haben.

Tarantino, eh klar. Wenn ein Film detailverliebt der Anhäufung von Vertrautem und zugleich einer nihilistischen Selbstentwertung huldigt; wenn alles wurscht wird und nichts übrigbleibt als der show-off einer überdrehten Virtuosität in der satirischen Typenkomik, im aufdringlich dargebotenen Kitsch-Dekor (zumal der den Film verschlingenden Titty Twister-Geisterbahn) und in der Action-Choreographie und -Montage, die in Rodriguez‘ Low-Budget-Erstling „El Mariachi“ (1992) überzeugender waren; wenn sich also in „From Dusk Till Dawn“ der Hang zum Belanglosen die Latexmaske des splatter movie überstreift, dann lassen sich die Genres wechseln wie Pistolenmagazine: raus und wieder rein, so mechanisch wie die für komplex gehaltenen erzählerischen Brüche in „Pulp Fiction“.

Mindestens so spannend wie die Überlegung, wer nun das große Beuschelreißen in „From Dusk Till Dawn“ überlebt, ist die Frage, wie lange dieser nach vier Jahren schon altersschwache Schmäh sich noch als avanciert, „kultig“ oder sonstwie ungewöhnlich gebärden kann. Manche lebende Tote stinken schon bald, und dann sollte man sie begraben.

Dieser Text erschien zuerst in: Falter, Ende Juni 1996

Mars attacks!

(USA 1996, Regie: Tim Burton)

It´s not Unusual...
von Drehli Robnik

„It´s not Unusual“ war 1965 einer der größten Erfolge von Tom Jones und zählt mit einer Länge von 1:58 zu den kürzesten Superhits der Musikgeschichte. Es kann kein Zufall sein, …

„It´s not Unusual“ war 1965 einer der größten Erfolge von Tom Jones und zählt mit einer Länge von 1:58 zu den kürzesten Superhits der Musikgeschichte. Es kann kein Zufall sein, dass dieses Lied 1990 in Tim Burtons „Edward Scissorhands“ zu hören war und in „Mars Attacks!“ zweimal an exponierter Stelle ertönt: Auf dem Höhepunkt der Alien-Invasion, als Marsmännchen Las Vegas verwüsten, singt Tom Jones es höchstpersönlich auf der Bühne eines Casinos, wie er das im wirklichen Leben auch gerne tut. Nach erfolgter Weltrettung sieht man den Sänger in idyllischer Landschaft, umringt von Rehlein, einen Falken auf dem Arm; in der letzten Einstellung beginnt er, zum Intro seiner Hymne zu shaken, und unter den Klängen von „It´s not Unusual“ wird man vom Abspann entlassen. Dass das alles nicht ungewöhnlich ist, liefert eine Art Programmatik zum knallbunten Treiben in „Mars Attacks!“.

Ungewöhnlich wäre es, wenn Hollywood dem Erfolg von „Independence Day“ nicht weitere Filme aus dem SciFi-Subgenre des Invasionsspektakels nachgeschoben hätte. In der Tat erwarten uns einige einschlägige Machwerke, und „Mars Attacks!“ brilliert durchaus als Parodie zum Trend. Obrigkeitsglaube, Militarismus und Patriotismus, in Roland Emmerichs Blockbuster deftig beschworen, werden auf sympathische Weise desavouiert: Der US-Präsident ist ebenso durchtrieben wie von der Lage überfordert, sein Stab gibt ihm einen verhängnisvollen Rat nach dem anderen, und der militärisch-wissenschaftliche Komplex (personifiziert vom atomschlagbesessenen General und vom seelenruhig Pfeife rauchenden „Experten“) erweist sich als hilflos.

Allerdings war „Mars Attacks!“ schon vor „Independence Day“ in Produktion, und Tim Burton zielt, anders als etwa die Zucker-Brüder, nicht direkt auf die Persiflage gängiger Genre-Klischees ab – was nicht heißt, dass er diese nicht in ihrer Substanz trifft. Die Begegnung mit dem Fremden, zentraler Topos des fantastischen Kinos, erfährt eine drastische Wendung: Die Ikonographie ohnmächtigen Staunens (inkl. aufgerissene Augen und Münder), mit der ein Spielberg seit „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ diverse Konfrontationen mit dem Nicht-Menschlichen inszeniert, wird radikal umgekehrt, und der verbohrte Pragmatismus eines Emmerich, dem auch der Weltuntergang nur ein kniffliges Problem ist, ins Haarsträubende überhöht.

In „Mars Attacks!“ wird alles, nur nicht gestaunt. Ein Gutteil des Humors rührt von der Unbeirrbarkeit, mit der die Erdlinge gegenüber den Aliens an routinierten Verhaltensweisen festhalten und sie in den Horizont ihrer Interessen einbauen: Der Präsident (Jack Nicholson) nützt die Chance auf Publicity und hält floskelreiche Reden; der Hotelier in Las Vegas (ebenfalls Jack Nicholson, unkenntlich im knalligen Cowboy-Outfit) hofft, dass die Ankömmlinge ein Quartier brauchen werden; die Fernsehleute wittern die Story ihres Lebens, und die Gambler fühlen sich beim Glücksspiel gestört.

Dass die Menschheit agiert, als wäre die Invasion nichts Ungewöhnliches, und nur durch Zufall vor der Vernichtung gerettet wird, gibt dem Film sein Plot-Gerüst. Ausstaffiert wird es durch eine Unzahl rasant zwischen Washington, Kansas und Las Vegas alternierender Szenen, die den amerikanischen Volkskörper ins vertraute Spektrum klischierter Kleingruppenschicksale aufgliedern – verkörpert von mittel- bis großen Stars: Pierce Brosnan, Annette Benning, Sarah Jessica Parker, Rod Steiger, Michael J. Fox, Danny DeVito, Jim Brown, Pam Grier und Glenn Close als First Lady. Mit ihrer grandios schmierenden Typenkomik sind sie ebenso Darsteller wie Ornamente in einem Muster. Das erinnert an Katastrophenschinken, von denen auch „Independence Day“ zehrte, mehr noch an Altman-Filme à la „Nashville“: die (Wieder-)Geburt einer Nation im melting pot Tausender Tics und Spleens. In „Mars Attacks!“ gibt es kaum Figuren, die keinen Huscher haben, und auch das ist ja in Amerika vielleicht nichts Ungewöhnliches.

Und die Marsmenschen? Erstaunlicherweise sind sie genauso, wie man es erwartet: Klein, grün, boshaft, mit Riesenhirnen und spritzpistolesken Lasern ausgestattet, kommen sie in fliegenden Untertassen angereist. Zwar gemahnen Teile des Dekors in schreiendem Kolorit an Design-Sünden der 70er Jahre, doch die vorrangigen Bezüge des Films führen zur Blüte des Invasionsgenres in den 50ern, zu grenzdebilen Klassikern wie „War of the Worlds“ oder „Earth vs. the Flying Saucers“ (direkte Vorlage allerdings ist eine Sammelkarten-Serie aus Kaugummipackerln von anno 62).

Tim Burton wühlt gern im populärkulturellen Müll: Vom Trickfilm kommend, macht er aus Comic-Stoffen Blockbuster wie die beiden ersten Batman und aus Motiviken infantiler Monster-Begeisterung verquere Melodramen wie „Edward Scissorhands“ oder das Puppentrick-Grusical „Nightmare Before Christmas“. Das ist im nachklassischen Hollywood nichts Besonderes: Etiketten wie „Trash-Ästhetik“ und „Kult“ sind rasch zur Hand in einem Kino, das der Wiederverwertung alter B-Film- und Fernseh-Materialien frönt und eine zwischen gourmethaftem Eh-Schon-Wissen und nostalgischem Immer-noch-glauben-Wollen gespaltene Rezeptionshaltung bedient.

Allerdings kommt Burtons Fusion von Spielzeugfanatismus und Pop-Expertise ohne jenen bombastischen Hang zum Ultimativen aus, der Spielberg und Emmerich inspiriert: „Mars Attacks!“ versucht nicht, fliegende Untertassen auf den heutigen Stand von Imagination und Technik zu hieven, damit es noch einmal richtig beeindruckend wird, sondern verbeißt sich liebevoll ins absurde Unterfangen, den Look und die Spektakel von damals mit der Maschinerie von Industrial Lights & Magic originalgetreu zu rekonstruieren. Einige Spezialeffekte von „Mars Attacks!“ sind bizarr, andere jedoch ob ihrer gezielten Einfallslosigkeit charmant, und der narrative Organismus zerfleddert bereitwillig, um sie alle gebührend auszustellen.

Ob Burton ein großes Kind mit Millionenbudget ist, sei dahingestellt; jedenfalls sind seine Gags mitunter kindisch, und es fehlt ihm jene ironische Distanz, die „Mars Attacks!“ zur Schund-Persiflage (oder gänzlich zur Altmanschen Sozialsatire) gemacht hätte. Dass es für ihn an den Genre-Marginalien, die er ins Zentrum rückt, nichts zu verbessern oder zu verspotten gibt, hat schon sein voriger Film „Ed Wood“ demonstriert, der dem Schaffen des dilettantischen No-Budget-Regisseurs von Monster- und Invasionsfilmen recht ernsthaft Tribut zollte – so als wäre Wood ein ganz normaler gescheiterter Filmemacher. Wer weiß? Vielleicht ist das alles wirklich ganz normal: Buben mit Scherenhänden sind auch nur einsame Teenager, Nightmare-Monster wollen auch nur Weihnachten feiern, ein UFO sieht letztlich nicht anders aus als alle anderen, und Tom Jones singt sein Lied dazu.

Dieser Text erschien zuerst in: Falter #9, 1997

Bullet in the head

(HK 1990, Regie: John Woo)

Von der Freundschaft in Zeiten des Krieges
von Nicolai Bühnemann

„Then I saw her face, now I’m a believer.“ Vielleicht ist die Frage, mit der sich John Woos Film befasst, woran man in der Welt, von der er erzählt, noch …

„Then I saw her face, now I’m a believer.“

Vielleicht ist die Frage, mit der sich John Woos Film befasst, woran man in der Welt, von der er erzählt, noch glauben kann. Eine Instrumental-Version von Neil Diamonds‘ berühmtem Song (in der Version von The Monkees) liegt von Beginn an über den Bildern, wird auch später, wenn der Film immer brutaler wird, sich weiter leitmotivisch wiederholen. Vorbilder wie Elvis artikulieren das Bedürfnis der bettelarmen Protagonisten, ein (westlicher) König zu sein. Das Süßliche daran, das Pathos, das bei Woo ja immer nahe am Kitsch gebaut ist, ist dabei nicht einfach nur eine Behauptung, die er dadurch widerlegen würde, dass sich aus dem Melodram, als das sich der Film in seiner Exposition vorstellt, langsam ein sehr harter Action-, Gangster- und Kriegsfilm entwickelt, vielmehr bleibt beides untrennbar miteinander verzahnt.

Hongkong 1967. Die drei Freunde Ben (Tony Chui-Wan Leung), Paul (Waise Lee) und Frank (Jackie Cheung) wollen raus, das alltägliche Elend eines Armutsviertels hinter sich lassen, die Welt sehen. Doch nach der Hochzeit Bens erschlägt Frank in Notwehr das Oberhaupt einer Gang. Die drei müssen vor der Polizei fliehen, wobei es sie nach Vietnam verschlägt, mitten in die Wirren des Krieges. Nachdem sie bei der örtlichen Mafia mit Unterstützung des Auftragskillers Luke (Simon Yam), der ebenfalls aus Hongkong stammt und mit der Nachtclub-Sängerin Sally (Yolinda Yam) liiert ist, die von dem Mafiaboss Leung  zur Prostitution gezwungen wird, eine Kiste mit Gold stehlen, geraten sie in nordvietnamesische Gefangenschaft. Abermals gelingt ihnen die Flucht. Wäre da nur nicht die Sache mit dem Gold, das ganz von Toms Seele Besitz ergriffen hat. So sehr, dass er Frank in den Kopf schießt, der überlebt, aber heroinabhängig wird, um seine Schmerzen zu betäuben.

Die Kugel im Kopf legt also ein sehr eindrückliches Zeugnis ab von der Schuld, in die sich die Protagonisten mehr und mehr verstricken. Sie ist der Fremdkörper, der Vergebung unmöglich macht, auf den nur noch mehr Kugeln folgen können. Im Finale wird die freundschaftliche Fahrradfahrt vom Beginn parallel montiert zu der verfeindeten Autofahrt am Schluss. Der ganze Film dazwischen wird so retrospektiv zu einem missing link für die Rückkehr der Erwachsenen in glückliche Jugendtage. Es bleibt ein Schädel, der belegt, dass über Sein oder Nichtsein hier längst entschieden wurde.

John Woo, 1946 im Süden Chinas geboren, seit 1969 als Regisseur tätig, schreibt sich in kurzer, aber entscheidender Position in den Film ein, der gemeinhin neben dem ein Jahr zuvor entstandenen „The Killer“ zurecht als sein Opus Magnum gehandelt wird. Er spielt den Kommissar, der nach den drei Männern fahndet, die längst ihre beschwerliche asiatische Odyssee angetreten haben. Die weiblichen Figuren erscheinen dabei nur als Projektionsfläche der Männersehnsüchte nach einem besseren Leben. Doch so wenig wie die Freundschaft einen Ausweg aus dem von Armut, Gier und Gewalt geprägten Überlebenskampf bietet, so wenig tut es auch die romantischen Liebe. Auch das Frauengesicht ist also nichts (mehr), woran man wirklich glauben könnte.

Dass der Film es mit dem Geballer etwas übertreibt, gerade die Kriegsszenen irgendwann ziemlich repetitiv wirken, ändert nichts an seiner tief empfundenen Tragik über das Scheitern seiner Figuren an der Welt. Es stimmt, was in einer alten Jump-Cut-DVD-Besprechung steht: „Wenngleich Woo seine verschiedenen Gewaltdiskurse – reale politische Gewalt, coole Actionfilm-Gewalt, harte physische Militärgewalt etc. – vor allem in dieser Melange nicht immer sicher im Griff hat, erzählt er doch eine spannende, dramatische und abwechslungsreiche Geschichte, der das klassische Coming-of-Age-Drama als Folie dient, um den Verfall freundschaftlicher Werte unter chaotischen Bedingungen nachzuzeichnen.“ Und auch das sonst nicht eben für seine Genreaffinität bekannte Filmlexikon des Katholischen Filmdienst spricht von einer „schonungslosen Abrechnung mit den politischen Verhältnissen“ und bescheinigt dem Film eine „eigenwillige Poesie.“

Zu den Fassungen: Auch die große Popularität John Woos zur Entstehungszeit reichte nicht, um dem Film seinen Weg auf deutsche Leinwände zu bahnen. Stattdessen erschien er seinerzeit in einer um satte 27 Minuten gekürzten Version auf VHS. Laser Paradise veröffentlichte ihn dann immerhin komplett ungekürzt auf DVD, die spätere Kinowelt-DVD bietet neben der ungekürzten Fassung zumindest das korrekte Bildformat, allerdings nur deutschen Ton – auch hier lässt die Edition mal wieder erheblich zu wünschen übrig. Auf eine offizielle HD-Version des Films warten seine vielen Fans und alle, die es hoffentlich noch werden könnten, leider bis heute weltweit vergeblich.

Thelma

(NOR/F/DK/S 2017, Regie: Joachim Trier)

Abgrund, fjordtief
von Carsten Happe

In Zeiten, in denen ein amtierender US-Präsident das Twitter-Format als einzig angemessenen Kommunikationskanal seiner Regentschaft erachtet, sind auch entsprechende Verkürzungen in der Wahrnehmung von Filmen en vogue, und so bekam …

In Zeiten, in denen ein amtierender US-Präsident das Twitter-Format als einzig angemessenen Kommunikationskanal seiner Regentschaft erachtet, sind auch entsprechende Verkürzungen in der Wahrnehmung von Filmen en vogue, und so bekam „Thelma“ nach seiner internationalen Premiere beim Filmfestival in Toronto schnell das einprägsame Label „it’s like Stephen King’s ‚Carrie‘ directed by Ingmar Bergman“ verpasst.

Eine auf den ersten Blick nachvollziehbare Etikettierung, bringen sich doch schnell – ungeachtet der Langsamkeit der Inszenierung – alle entsprechenden Ingredienzien in Stellung: die Coming-of-Age-Entwicklung eines schüchternen Mädchens mit besonderen Fähigkeiten, der religiös geprägte Background und das sexuelle Aufbegehren, gepaart mit einer typisch skandinavisch anmutenden Introspektion und Melancholie, die sich einer sanften Schneedecke gleich über die Erzählung legt. Selbst Elemente eines allseits geschätzten, grimmigen „Nordic Noir“ fließen in die dunkle Pracht der Bilder ein, angefangen bei einer kurzen Exposition aus der kindlichen Vergangenheit der Protagonistin, die sogleich ein beklemmendes Ausrufezeichen setzt. Mit dem Mädchen stimmt etwas so ganz und gar nicht. Doch ihr Vater verdient unsere Aufmerksamkeit gleichermaßen.

Es ist diese eigentümliche Familiendynamik, die den Film auch durch die ersten Tage an der Universität im fernen Oslo trägt. Die täglichen Kontrollanrufe, die Thelma ebenso pflichtschuldig wie teilnahmslos absolviert, der zwischen Konservatismus und strenger Religiosität oszillierende Anspruch der Eltern und Thelmas vorsichtiges Ausbrechen in ein selbstbestimmtes Leben. Die Begegnung mit ihrer Kommilitonin Anja schließlich bringt die fragile Balance ins Wanken, mehr noch, sie erschüttert die Grundfesten von Thelmas unterdrückter Existenz. Es erscheint zunächst wie ein altbekannter Topos unzähliger Horrorfilme, der jugendlicher Zwanglosigkeit und sexueller Abenteuerlust eine unvermeidliche Strafe folgen lässt. Aber die scheinbar epileptischen Anfälle Thelmas, die mit unerklärlichen Phänomenen einhergehen, gründen tiefer.

Auch wenn Regisseur Joachim Trier die paranormalen Ereignisse genüsslich ausspielt – und manchmal allzu sehr auf lose verwandte skandinavische Filme wie „Let The Right One In“ oder „When Animals Dream“ rekurriert – bleibt sein Hauptinteresse stets bei seiner enigmatischen Hauptfigur und ihrer allmählich freigelegten Familienaufstellung. Und damit verweist er trotz des Genrewechsels auf das Themenspektrum seines vorherigen Films, der furios fragmentarisch erzählten Familientragödie „Louder Than Bombs“.

Mit Norwegens diesjährigem Shooting Star Eili Harboe verfügt Trier dabei über eine Darstellerin, die mit beeindruckender Souveränität sowohl dem unscheinbaren Mädchen von nebenan wie auch ihren Abgründen erstaunliche Präsenz verleiht. Nicht minder bemerkenswert auch ihr Filmvater Henrik Rafaelsen, der seine naturgemäß weit weniger ausformulierte Nebenrolle sehr nuanciert interpretiert, zumal er leicht in religiös-fanatische Klischees hätte verfallen können. Sobald „Thelma“ seinem Höhepunkt entgegensteuert und die Backstory des unheilvollen Familiengeheimnisses zumindest so weit erhellt, dass alle Andeutungen und Puzzleteile passgenau zusammenfallen, entfaltet sich eine inszenatorische Wucht, die weit über den althergebrachten Katalog aus Symbolismus und dekorativem Effektgewitter hinausweist. Die Verweise sowohl auf Stephen King als auch auf Ingmar Bergman greifen letztlich zu kurz und übergehen die Eigensinnigkeit von „Thelma“/Thelma und seines Regisseurs, der hiermit ein großes und beziehungsreiches Kinowerk vorlegt, das lange nachhallt.

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Thelma“.

Die Verlegerin

(USA 2017, Regie: Steven Spielberg)

Retro-Rettungsring
von Ulrich Kriest

„Die Zeit, sie trennt nicht nur für immer Traum und Träumer / Die Zeit, sie trennt auch jeden Dichter und sein Wort / denn die Zeit läuft vor sich selber …

„Die Zeit, sie trennt nicht nur für immer Traum und Träumer / Die Zeit, sie trennt auch jeden Dichter und sein Wort / denn die Zeit läuft vor sich selber fort.“ Auf diese unvergesslich poetische Formel brachte der Zeit- und Kulturphilosoph Barry Ryan Anfang der Siebziger seine diesbezüglichen Überlegungen. Vielleicht rekurrierte er dabei auf Reisenotizen des hochrangigen US-Regierungsberaters Daniel Ellsberg, der sich 1966 nach Vietnam begab, um sich vor Ort einen Eindruck vom Fort- und möglichen Ausgang des Krieges zu verschaffen. Was er dort erleben musste, stimmte ihn nicht sonderlich optimistisch, aber immerhin hörte er hier schon eine Band avant la lettre, die sich erst ein Jahr später gründen sollte: Creedence Clearwater Revival mit dem Hit „Green River“ (1969). Zum Abschluss seiner ernüchternden Vietnam-Erfahrungen musste Ellsberg auch noch feststellen, dass die Politik seine Einschätzung der „amerikanischen Art, Kriege zu führen“ vielleicht sogar teilte, allerdings an der Tradition gewordenen Desinformation der eigenen Bevölkerung im Zeichen einer antikommunistischen Doktrin festhielt. Sich auf „die Verantwortung von Regierungsbeamten in einem verbrecherischen Krieg“ berufend, begann er streng geheime Regierungspapiere zu fotokopieren und spielte die Konvolute als Whistleblower der „New York Times“ zu.

Als die Zeitung im Sommer 1971 begann, die Geschichte zu publizieren, sah die Nixon-Regierung die nationale Sicherheit durch die Pressefreiheit gefährdet und erwirkte ein kurzzeitiges Publikationsverbot. Die Konkurrenz von der „Washington Post“ sprang „solidarisch“ in die Bresche und veröffentlichte gleichfalls Teile der „Pentagon Papers“. Am 30. Juni 1971 fällte der Oberste Gerichtshof der USA ein Grundsatzurteil, demzufolge im Zweifelsfall das Interesse der Öffentlichkeit und die Pressefreiheit höher anzusetzen sind als das Geheimhaltungsinteresse des Staates. Eine schmerzhafte Niederlage für die Nixon-Administration und das Pentagon.

Creedence Clearwater Revival auf der Tonspur, Fotokopierer, analoge Telefone; heruntergekommene Motels, in denen Whistleblower auf Kartons voller Fotokopien sitzen und auf den Mittelsmann warten; Großraumbüros in verräucherten Tageszeitungsredaktionen, in denen hemdsärmelige Chefs gern mal die Füße auf den Tisch legen; Männer mit komischen Hüten, die brisante Informationen von einer abgelegenen Telefonzelle aus bestätigen; Bleisatz und Druckmaschinen, die gegen Mitternacht auf das entscheidende „Let’s go!“ warten. „Die Verlegerin“ ist ein Period Piece, eine Ausstattungsorgie, gedreht im kuschelig-perfekten Stil des Classical Hollywood. Hat der Film als ganz alte Schule indes mehr zu bieten als Nostalgie und handfeste Medienarchäologie?

Fragte man Regisseur Steven Spielberg, würde der wohl antworten: „Mein neuer Film ist pünktlicher als die Deutsche Bahn!“ Er wusste instinktiv um das günstige Timing des Projekts, weshalb er „The Post“ (Originaltitel) geschmeidig dazwischenschob, als er eigentlich schon mit den Vorbereitungen des nächsten Großprojekts beschäftigt war. Ein mit viel Liebe zum Detail ausgestatteter Ausflug in die Geschichte, die so unzweifelhaft und unmissverständlich auf die Gegenwart gemünzt ist, in der die Rede ist von Mainstream-Medien, Lügenpresse und alternativen Fakten und die Rede sein sollte von Widerstand und Zivilcourage. Der Film bricht eine Lanze nicht nur für die Pressefreiheit, sondern auch für die Presse als unverzichtbare und nicht zu unterschätzende oppositionelle Kontrollinstanz einer verkommenen politischen Klasse, symbolisiert durch einen pöbelnden „Crook“ im Weißen Haus, der seinerzeit noch Richard „Tricky Dicky“ Nixon hieß. Der zentrale Satz des Films: „The only way to protect the right to publish is to publish!“

Als in „Die Verlegerin“ die Zeitungen ins Spiel kommen, als die „New York Times“ schon an den „Pentagon Papers“ dran ist, kümmert sich die „Washington Post“ noch um die Hochzeit von Nixons Tochter. Was auch damit zu tun hat, dass die Verlegerin „Kay“ Graham sehr geübt darin ist, mit den Mächtigen in D. C. auf Cocktailpartys zu kungeln und sehr eng mit Exverteidigungsminister Robert McNamara befreundet ist, der die „Pentagon Papers“ einst in Auftrag gab. Graham hat als Verlegerin das Erbe ihres Mannes angetreten, muss aber erst noch lernen, welche Verantwortung der Qualitätspresse als vierter Gewalt zukommt. Bei Spielberg heißt das ganz klassisch: Aus Kay muss Katherine werden – und Meryl Streep spielt diesen Lernprozess in betont schrägen Kostümen mit ihrem etwas trägen, jede Nuance ausspielenden Timing, das gern mal mit einem Oscar belohnt wird. Der Chefredakteur der „Post“ Ben Bradlee möchte vielleicht nicht Amerika „great again“ machen, aber er hat den Traum, die „Post“ vom Geruch des Lokalblatts zu befreien, weshalb er die Konkurrenz sehr genau beobachtet. Er ahnt, dass die „Times“ an einer großen Sache dran ist, und initiiert eine Art handgemachte Betriebsspionage.

Ältere Zuschauer werden schnell merken, dass der Film sich in vielen Details parasitär zu „Die Unbestechlichen“, Alan J. Pakulas vierfach Oscarprämiertem Klassiker über die Watergate-Affäre von 1976, verhält. So spielt Tom Hanks hier nicht nur Bradlee, sondern auch noch Jason Robards, der 1976 Bradlee noch etwas eindrucksvoller spielte. Spielbergs Film benutzt „Die Unbestechlichen“ zudem als Krücke, um politisch Position zu beziehen, seine eigene Bedeutung im (aktuellen) Medienspiel zu behaupten und seine Wirkung herbeizuphantasieren. „Die Verlegerin“ endet mit dem Einbruch ins Wahlkampfbüro der Demokratischen Partei im Sommer 1972, der Nixon schließlich zu Fall bringen sollte. Hier brachte die „Post“ die Sache der Aufklärung ins Rollen, mit einem lange mysteriösen Whistleblower namens Deep Throat im Hintergrund.

Whistleblowing als Ehrenamt, geduldig recherchierender Journalismus als Handwerk, ein polternder, twitternder, die Medien verachtender Präsident im Oval Office, ein mögliches Amtsenthebungsverfahren als Perspektive – was will man mehr an Aktualität? Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, hier zwei Ertrinkenden – dem klassischen Hollywood-Kino mit seinen Ausstattungsskills und stark gealterter Starpower und dem investigativen, analogen Tageszeitungsjournalismus mit seinem politischen Selbstverständnis – dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt versuchen, sich einen Rettungsring von 1976 zu teilen.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret

Hier findet sich eine weitere Kritik zu „Die Verlegerin“.

The Private Eyes

(HK 1976, Regie: Michael Hui)

Brothers in Comedy
von Nicolai Bühnemann

„We the poor working people, getting ulcers running around“ Michael Hui wurde am 3. September 1942 geboren. Er war überwiegend als Schauspieler und Drehbuchautor beschäftigt und drehte nur acht eigene …

„We the poor working people, getting ulcers running around“

Michael Hui wurde am 3. September 1942 geboren. Er war überwiegend als Schauspieler und Drehbuchautor beschäftigt und drehte nur acht eigene Regiearbeiten. Seine Detektivkomödie „The Private Eyes“, in der er auch die Hauptrolle spielt, ist inflationsbereinigt bis heute der erfolgreichste Film aus Hongkong aller Zeiten. Neben ihm sind seine Brüder Samuel und Ricky zu sehen. Man merkt dem Film an, dass Hui ein Soziologie-Studium abgeschlossen hat. Im Programmheft des Arsenals, wo der Film im Rahmen der Reihe „Splendid Isolation: Honkong Cinema 1949-1997“ zu sehen war, heißt es: „Huis Komödien sind so nah und ungeschönt an der sozialen Wirklichkeit gebaut, dass man sich wundert, dass er vorübergehend zu einer Art Superstar des Hongkong-Kinos aufsteigen konnte.“

„Rough deal is what we get“

Die Meisterschaft der Inszenierung ist beeindruckend. Das Tempo, das der Film vorlegt, ist atemberaubend. Seine Situationskomik ist beträchtlich. Dennoch ist vom Vorspann an klar, dass es den Hui-Brüdern um mehr geht, als dem Publikum grandiose Unterhaltung zu bieten. Nämlich um die genaue Analyse von Machtverhältnissen. In der Agentur, im Gewusel der Straßen von Hongkong mit seinen Hochhäusern, die immer weiter in den Himmel wachsen, seinen Schuhputzern und seinen Dienstboten. Schließlich auch in einem Sauna-Club.

„When we ask for a raise, brother you’re in for a treat“

Hui spielt Joseph Wong, den ambitionierten aber erfolglosen Chef der Manix-Detektiv-Agentur. Seine beiden Angestellten, Pighead (Ricky Hui) und die namenlose Sekretärin haben es nicht leicht mit ihm. Lee (Samuel Hui, der dritte Bruder im Bunde) bewirbt sich, nachdem er seine Arbeit in einer Flaschenfabrik verloren hat, ebenfalls um einen Job in der Agentur. Der tyrannische Boss und seine drei Untergebenen müssen im Verlauf des Films allerlei Fälle lösen. Dabei gibt es viele Zweikämpfe – mit einem Wurst-Nunchaku, einem Haigebiss, einer gebratenen Ente und jeder Menge Töpfen. Am Ende legen sie einer Bande von organisierten Kriminellen das Handwerk, deren großer Coup darin besteht, das Publikum eines Kinos auszurauben.

„Chicken food is our reward“

Aus dem Titel-Song von Sam Hui

Vor dem Frühling

(GEO/D/F 2017, Regie: George Ovashvili)

Winter is here
von Carsten Happe

Es waren turbulente Jahre Anfang der 1990er Jahre, als das alte Blockdenken des Kalten Krieges sich für einen Wimpernschlag der Geschichte in Luft auflöste und politisches Tauwetter durch Osteuropa zog. …

Es waren turbulente Jahre Anfang der 1990er Jahre, als das alte Blockdenken des Kalten Krieges sich für einen Wimpernschlag der Geschichte in Luft auflöste und politisches Tauwetter durch Osteuropa zog. Die Menschen in West- und Ostdeutschland waren noch glückstrunken oder schon latent verkatert nach der Wiedervereinigung und jenseits des ehemals eisernen Vorhangs bröckelten nach und nach die kommunistischen Gewissheiten vergangener Generationen.

Hierzulande eher den Randnotizen zugehörig war die erste eigene Präsidentschaft Georgiens, die noch vor der Auflösung der UdSSR bereits im Mai 1991 installiert wurde. Präsident Swiad Gamsachurdia brachte mit seinem autoritären Führungsstil, der insbesondere einheimische Minderheiten hart anging, allerdings sowohl Nationalisten wie Reformkräfte gegen sich auf. Ein Militärputsch nach nur wenigen Monaten war die zwingende Konsequenz, Gamsachurdia floh mit seinen treuesten Anhängern in die Berge.

Dies ist der Status quo zu Beginn von George Ovashvilis drittem Spielfilm „Vor dem Frühling“, der sich nach dem poetischen Festivalliebling „Die Maisinsel“ einem ungleich größeren Thema widmet. Mit sparsamen Worten führt Ovashvili in seine Erzählung ein und deutet damit die erratische Stille an, die große Teile des Films bestimmen werden. Der Präsident ist ein undurchdringlicher Charakter und die Frage bleibt offen, ob dies die Sprachlosigkeit eines entmachteten Machtmenschen ist oder eine grundsätzliche Disposition. Nur in vereinzelten Momenten blitzt so etwas wie Lebendigkeit oder gar Lebensfreude auf, ansonsten gilt als alles bestimmende Maxime ein stoisches „immer weiter“, über Gebirgsketten, durch Flüsse und Wälder.

Die Antagonisten bleiben ebenso unsichtbar wie allgegenwärtig, als mutmaßliche Verfolger aus den opponierenden Kräften und mehr noch die unwirtliche wie unberechenbare Natur, die es zu bezwingen gilt, die jedoch auch niemals nachzugeben scheint. Zwischen dem Sisyphos-Mythos und unbestimmter christlicher Symbolik entspinnt sich eine Reise, die mit fortschreitender Dauer zu einer eigentümlichen Kreisbewegung ins Innere führt – und zu einer Ausweglosigkeit, die einen bis heute ungeklärten Tod zur Folge hat.

Während der Originaltitel „Khibula“ den Endpunkt des (Lebens-)Weges benennt, setzt „Vor dem Frühling“ einen zarten Hoffnungsschimmer, der auch immer wieder in die Filmhandlung einbricht und den Präsidenten weitermachen lässt. Die Möglichkeit der Rückkehr ins Amt wird bestärkt durch Begegnungen mit dem einfachen Volk, in kleinen Dörfern und Hütten am Wegesrand, in denen schnell noch das Gemälde des Herrschers geradegerückt wird und seinen Begleitern, man möchte fast Jüngern sagen, das Abendmahl bereitet wird. Die Aufeinandertreffen mit Sympathisanten, aber auch Anhängern der Gegenseite, sind das Herzstück des Films, der in diesen Momenten aus seiner Deckung kommt und die Menschen hinter den Rollenbildern zeigt. Und hier gewinnt „Vor dem Frühling“ eine Allgemeingültigkeit, die über den realen Fall des georgischen Präsidenten hinausweist. Eine bildgewaltige Naturerfahrung aus einer filmisch kaum erschlossenen Region ist es ohnehin.