Lola

(IE/FR 2023; Regie: Andrew Legge)

Alternative Wirklichkeiten

Die Bilder sind schwarzweiß, verregnet und grobkörnig. Angeblich wurde der 16mm-Film, der wohl im Jahre 1941 entstand, erst vor kurzem im Keller eines Landhauses der Grafschaft Sussex gefunden. Zusammengesetzt aus privaten Filmaufnahmen und historischen Dokumenten, könnte man meinen, es handle sich um Found-Footage-Material, das die Off-Erzählerin an eine gewisse Thom adressiert. Tatsächlich sehen wir aber eine phantasievolle Mockumentary über eine alternative Geschichtsschreibung. Martha „Mars“ Hanbury (Stefanie Martini), aus deren Perspektive der Film hauptsächlich gedreht ist, hat das Material für ihre Schwester Thomasina „Thom“ (Emma Appleton) montiert, um die Geschichte, von der sie im Folgenden erzählt, rückgängig zu machen. Die Kunst, als überaus trick- und erfindungsreiche Kreation verstanden, soll also einmal mehr das Leben retten.

Ende der 1930er Jahre leben die beiden verwaisten Hanbury-Schwestern auf ihrem idyllischen Landsitz und basteln mit kreativem Eifer an einem Apparat, der Funk- und Fernsehwellen aus der Zukunft empfangen soll, wovon sie sich „magische Möglichkeiten“, aber auch eine neue Einnahmequelle erhoffen. Die beiden jungen Frauen sind schön, überaus selbstbewusst und emanzipiert. Während die burschikose Thom die wissenschaftliche Seite des Projekts vertritt, möchte die romantisch veranlagte Mars „die Schönheit der Welt offenbaren“. Als das Experiment schließlich gelingt, flimmert ausgerechnet David Bowie mit seinem Hit „Space Oddity“ über den Bildschirm. Auf den Namen „Lola“ getauft, wird die Maschine im 2. Weltkrieg aber zugleich zur militärischen Waffe, die als Frühwarnsystem hilft, Menschenleben zu retten. Bald darauf wird „der Engel von Portobello“ (so ihre Kennzeichnung in den Wochenschauen) vom Geheimdienstagenten Holloway (Rory Fleck Byrne) enttarnt und für die Spionage eingespannt.

Die Idee, Zukünftiges vorauszusehen, um die Gegenwart zu beeinflussen, ist nicht ganz neu. In Andrew Legges originellem, ästhetisch reizvollem Film „Lola“ dient sie unter anderem der Frage, ob die Zukunft vielleicht nur eine Fiktion ist, die sich manipulieren und in eine andere Wirklichkeit überführen lässt. Der irische Regisseur spielt mit den Paradoxien der Zeit, wenn er Martha sagen lässt: „Erinnere dich an morgen.“ Oder: „Die Zukunft ist eine dunkle Erinnerung.“ In der Realität der beiden Schwestern, die durch die Anwesenheit des in Martha verliebten Holloway bald bohèmehafte Züge annimmt, spitzen sich die Ereignisse nach einem „Fehler“ allerdings auf turbulente Weise zu. Andrew Legge interessiert sich dabei aber weniger für erzählerische Stringenz oder gar politische Implikationen. Sein Film, gedreht mit alten Objektiven, ist vielmehr ein eher unterkühltes künstliches Spiel mit den spekulativen Möglichkeiten des Mediums. Alles, was echt sein könnte, also Menschen, ihre Gefühle und dramatischen Verwicklungen, fügt sich in diesem Konzeptfilm zu einem ebenso schönen wie folgenlosen Arrangement.

Hier gibt es eine weitere Kritik zu „Lola“.

Lola
Irland, Frankreich 2023 - 80 min.
Regie: Andrew Legge - Drehbuch: Angeli Macfarlane, Andrew Legge - Produktion: John Wallace, Alan Mahler - Bildgestaltung: Oona Manges - Montage: Colin Campbell - Musik: Neil Hammon - Verleih: Neue Visionen - FSK: ab 12 - Besetzung: Stefanie Martini, Emma Appelton, Hugh O'Conor, Rory Fleck-Byrne
Kinostart (D): 28.12.2023

DVD-Starttermin (D): 28.12.2023

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt11366674/
Foto: © Neue Visionen