Auf der Adamant

(FR/JP 2022; Regie: Nicolas Philibert)

Oase der Menschlichkeit

Der Auftakt des Films ist wie ein fulminantes Statement: Leidenschaftlich und aus Leibeskräften singt ein Mann mittleren Alters den Song „La bombe humaine“ (Die menschliche Bombe) der französischen Rockband Téléphone: „Ich bin ein Elektron im Protonenhagel.“ Der psychisch kranke François Gozlan, Sohn des Regisseurs Gérard Gozlan, gehört zu einer Gruppe von Patienten, die mehr oder weniger regelmäßig das Klinikschiff „Adamant“ aufsuchen, eine psychiatrische Tageseinrichtung am rechten Seine-Ufer in Paris. Während auf den Straßen und Brücken drumherum der Alltagsverkehr rollt und Frachtschiffe mit schwerer Last vorbeiziehen, wirkt das anheimelnde, phantasievoll gestaltete Holzschiff wie eine geschützte, sanft schaukelnde Oase der Ruhe. Seit Juli 2010 in Betrieb, wurde die psychiatrische Anlaufstelle, die zu einem Kliniknetzwerk gehört, einst gemeinschaftlich von Architekten, Psychologen und Patienten konzipiert. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Herkunft können Betroffene hier zusammenkommen.

Der renommierte französische Dokumentarfilmer Nicolas Philibert, der hierzulande mit seinem Film „Sein und Haben“ (2002) bekannt geworden ist, hat nun in seinem preisgekrönten neuen Film „Auf der Adamant“ (Goldener Bär der Berlinale) dieser ungewöhnlichen Einrichtung ein aufschlussreiches Porträt gewidmet. Ohne Kommentar beobachtet er die Treffen in den diversen Workshops, die hier überwiegend künstlerisch ausgerichtet sind. So gibt es beispielsweise Mal- und Fotokurse, einen Filmclub namens „Travelling“, der sein 10-jähriges Jubiläum vorbereitet, und eine Bibliothek mit Schreibwerkstatt. Es wird musiziert, gesungen und getanzt, genäht und gekocht. Der Film dokumentiert aber auch Gesprächssituationen und Selbstauskünfte der Klienten, ohne jedoch ihre jeweiligen Krankheitsbilder zu erläutern oder gar zu „problematisieren“. Vielmehr vermittelt Philibert eine Gleichrangigkeit der Beziehungen zwischen Teilnehmern und Therapeuten und integriert sich und sein kleines Team auch selbst in dieses demokratische Gefüge.

Im geschützten Raum des Bootes sprechen „labile Menschen“ über ihre Ängste, über „negative Schwingungen“ und Stimmen in ihrem Kopf, über Isolation und Einsamkeit. „Ich habe meine Freiheit verloren“, sagt eine Frau. „Geisteskranke haben keine Familie“, meint ein anderer Besucher. Es geht um Assoziationen, die von Bildern und Menschen ausgelöst werden, und um notwendige Medikamente, die dabei helfen, nicht durchzudrehen. Marc Nauciel singt auf berührende Weise „Personne n’est parfait“ (Niemand ist perfekt); und die Vielfachbegabung Frédéric Brieur, der malt, schreibt und Musik macht, wähnt in sich Inkarnationen tragischer Künstlergestalten wie van Gogh und Jim Morrison. Für sein Porträt eines ebenso widerständigen wie „utopischen Orts der Menschlichkeit“ lässt sich Nicolas Philibert von Zufällen, guten Gelegenheiten und überraschenden Details leiten. So entsteht unvoreingenommen eine Nähe zu Menschen, ihrer Würde und zu ihren kreativen Potentialen, die Selbstwirksamkeit befördern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Darin spiegelt sich zugleich – und nicht zuletzt als Korrektiv – ganz allgemein unser Menschsein.

Auf der Adamant
(Sur l'Adamant)
Frankreich, Japan 2022 - 109 min.
Regie: Nicolas Philibert - Drehbuch: Nicolas Philibert - Produktion: Miléna Poylo, Gilles Sacuto, Céline Loiseau - Bildgestaltung: Nicolas Philibert - Montage: Nicolas Philibert - Verleih: Grandfilm - Besetzung: Mamadi Barri, Sabine Berlière, Jan-Paul Hazan, Frédéric Prieur, Sébastien Tournayre
Kinostart (D): 14.09.2023

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt26448811/
Foto: © Grandfilm