Zwischen uns der Fluss

(DE 2023; Regie: Michael Klier)

Neue Stärke gewinnen

Auf einem kleinen, schmalen Videobild ist die Elbe bei Dresden zu sehen, während aus dem Off die kämpferische Stimme einer jungen Frau gegen die Zerstörung der Natur durch die geplante Bebauung der Elbwiesen polemisiert. Die Studentin Alice (Lena Urzendowsky) dokumentiert mit ihren Filmen nicht nur eine „Stadt im Wandel“, sondern sie richtet sich damit auch gegen ihren Vater, einen Architekturprofessor, der maßgeblich an den städtebaulichen Planungen beteiligt ist. Gerade muss Alice aber in einer psychotherapeutischen Einrichtung für zwei Monate Sozialstunden ableisten, weil sie bei einer Demo einen Polizisten verletzt hat; was man allerdings erst später erfährt. „Zwangsweise freiwillig“, bezeichnet das die Therapeutin (Laura Tonke), denn die junge Aktivistin wirkt lustlos und genervt. Sie soll die schwer traumatisierte, etwa gleichaltrige Cam (Kotti Yun) betreuen, die Opfer eines brutalen, vermutlich rassistisch motivierten Überfalls wurde und seither verstummt ist. Doch die beiden schweigen sich an. Cam wehrt zunächst alle Kommunikationsangebote ab und öffnet sich nur sehr zögerlich. Wenn sie schließlich zum ersten Mal spricht, sieht man sie von hinten.

Michael Klier zeigt in seinem neuen Film „Zwischen uns der Fluss“ diese angespannten, von Unausgesprochenem beherrschten Tage des Schweigens in hellen, fast leeren Räumen. Dabei konzentriert er sich intensiv auf die stummen, aber sprechenden Gesichter der beiden Protagonistinnen, die trotz räumlicher Nähe getrennt und isoliert voneinander erscheinen. In anderen Einstellungen, die Fenster als Spiegel benutzen, verschmelzen sie andererseits zunehmend mit der Umgebung. Je mehr sich die Figuren einander annähern, desto stärker gewinnt das Außen und damit die Stadt Dresden an Bedeutung. Offensichtlich im Frühjahr und auf malerischen Wegen gefilmt, vermittelt sich auf den langen Spaziergängen und Fahrradfahrten der jungen Frauen fast eine Naturidylle. Alice wohnt privilegiert auf einer Anhöhe in einem älteren, ruhigen Viertel, Cam verliert ihre Neubauwohnung und kann vorübergehend schließlich zu Alice ziehen. Je mehr sich die eine aus ihrem Trauma löst, desto deutlicher werden andererseits die Risse in Alices‘ Leben, das von einer schwierigen Kindheit und einem gespaltenen Verhältnis zu den Eltern belastet wird.

Michael Klier zeichnet in seinem ruhig, unspektakulär und sparsam erzählten Film das Portrait zweier Frauen, die nach sich selbst und einem Platz im Leben suchen. Dabei tauschen sie mitunter förmlich die Rollen; etwa wenn Cam ihre Freundin auffordert, nicht mehr länger Kind zu sein, sich von ihren übermächtigen Eltern zu lösen und die Beziehung zu ihnen zu normalisieren. In einer freien Theatergruppe, die Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ probt, gewinnt Cam neue Stärke für ein neues, freieres Leben, das sich jeglichem Erwartungsdruck verweigern will. Wenn sie schließlich im Spiel eine ihrer Mitspielerinnen tröstend umarmt und ihr Zeilen eines Liedes von Friedrich Hollaender leise, vertraulich und zärtlich ins Ohr singt, gilt das letztlich auch für sie selbst und richtet sich zugleich an Alice: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre. Ich glaub‘, ich gehöre nur mir ganz allein.“

Zwischen uns der Fluss
Deutschland 2023 - 94 min.
Regie: Michael Klier - Drehbuch: Karin Aström, Michael Klier, Lena Urzendowsky, Kotti Yun - Produktion: Michael Klier, Jana Cisar, Anne-Kathrin Seemann - Montage: Gaya von Schwarze - Musik: Johannes Aue - Verleih: Real Fiction - Besetzung: Kotti Yun, Lena Urzendowsky, Laura Tonke, Jeremias Meyer, Vu Dinh
Kinostart (D): 11.04.2024

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt29537229/
Foto: © Real Fiction