filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Tödliche Versprechen - Eastern Promises

(Großbritannien / Kanada 2007; Regie: David Cronenberg)

Gewaltpotentiale des Körpers

foto: © universum / tobis
Zum Genrefilm hat Hollyood schon lange ein gestörtes Verhältnis. Das musste Ende der Fünfzigerjahre auch Orson Welles erfahren, dessen Noir-Klassiker "Touch of Evil" von Universal derart konfektioniert wurde, dass es fast vierzig Jahre dauern sollte, bis der Film erstmals in einer Fassung zu sehen war, die zumindest annähernd Welles′ Vorstellung entsprochen haben muss. Dessen 58-seitiger Bittbrief an die Universal-Chefetage ist bis heute eines der leidenschaftlichsten Dokumente jener Verbundenheit, die selbst die größten Regisseure für ihre Filmgenres gehegt haben. In Hollywood aber hatte sich spätestens mit dem Ende des Studiosystems die Meinung durchgesetzt, dass Genrekino automatisch mindere Qualität bedeutete. Die Unterscheidung zwischen A- und B-Film war nicht länger budgetabhängig, sondern nur noch eine Frage von Form und Inhalten. Bestimmte Themen und Geschichten blieben danach in Hollywood auf Jahre unangetastet. In den Siebzigerjahren war Roger Corman einer der wenigen Produzenten, der weiter reine Genrefilme finanzierte, während die ′jungen Wilden′ New Hollywoods die klassischen Genres gleich reihenweise demontierten. Inzwischen hat das multifunktionale Prinzip ′Blockbuster′ die Idee des Genrefilms weitgehend aus dem Mainstreamkino verdrängt; markttechnisch erfüllt er lediglich noch die Anforderungen eines Nischenprodukts.    

Man kann unter diesen Umständen David Cronenberg gar nicht genug würdigen. Kein anderer Regisseur arbeitet in den letzten zwanzig Jahren erfolgreicher daran, das kommerzielle Kino mit den Methoden des Genrekinos zu unterwandern. Mit "Die Fliege" (1986), dem Remake eines ausgesprochenen B-Films, gelang es Cronenberg erstmals, den psychotronischen Body-Horror seiner frühen Arbeiten (die explodierenden Köpfe aus "Scanners", der New Media Splatter aus "Videodrome" oder die vulgofreudianischen Kreaturen in "Die Brut") in den Konventionen des Mainstreamkinos aufgehen zu lassen, ohne seine unverkennbare Handschrift zu opfern. Im Gegenteil scheint es, als würden Cronenbergs filmische Motive erst unter den Bedingungen der Kulturindustrie ihre ganze subversive Kraft entfalten. Dabei haben Genres und Massengeschmack Cronenberg nie sonderlich interessiert. Stattdessen schuf er über die Jahre ein Gesamtwerk, das sich nicht in bloße Gegensätze auflösen ließ und trotzdem eine im Mainstreamkino einzigartige thematische Dichte und Geschlossenheit entwickelte. Wie ein Chirurg arbeitet Cronenberg mit den Gewalt- und Blutbildern aus der Populärkultur: Er legt die fragile Verfasstheit des menschlichen Körpers schonungslos offen, behält aber stets einen kühlen Kopf.

Auch Cronenbergs neuer Film "Tödliche Versprechen" strahlt wieder diese klinische Coolness aus, die viel eher zu einem Horrorfilm als zu einem Thriller passt, der im Londoner Milieu der russichen Mafia Vory v Zakon spielt. Der Trick geht wie schon in seinem letzten Film "A History of Violence" auf Kosten der Zuschauer, die lange in dem Glauben gelassen werden, in einem klassischen Gangsterfilm zu sitzen. Aber Krimis und die Strukturen des organisierten Verbrechens reizten ihn nicht so sehr wie Menschen, die sich in einem Zustand ständiger Grenzüberschreitung befinden, hat Cronenberg in einem Interview gesagt. Der Mafia-Handlanger Nikolai, gespielt von Viggo Mortensen, ist so ein Mensch. Während seiner Aufnahmezeremonie in den Kreis der Captains erklärt er den Clanchefs ohne eine Miene zu verziehen, dass er längst tot sei und nur noch in der ,Zone′ lebe.

Die ,Zone′ ist ein wiederkehrendes Konzept in den Filmen Cronenbergs. Sie markiert den Übergang der Physis ins Metaphysische; der Ort, an dem Cronenbergs Protagonisten während ihrer Drogentrips materialisieren ("The Naked Lunch") oder von Todesvisionen heimgesucht werden ("The Dead Zone"). Für die Hebamme Anna (Naomi Watts) ist diese ,Zone′ ein russisches Restaurant im Herzen von London, durch das sie auf ihrer Suche nach dem Vater eines Säuglings die Unterwelt der Vory v Zakon betritt. Hier herrscht der Familienpatriarch Semyon (Armin Müller-Stahl) über ein Clanwesen, in dem Mütterchen Russland und die Moderne eine bizarre Koexistenz führen. Peter Suschitzky, Cronenbergs Vertrauensmann hinter der Kamera, belässt diese Welt in bedrohlicher Dunkelheit, als sei sie kein realer Ort, sondern ein Geisteszustand. Tatsächlich hat Semyons Sohn Kirill (Vincent Cassel) nicht alle Tassen im Schrank; der mysteriöse Nikolai ist permanent damit beschäftigt, diese tickende Zeitbombe unter Kontrolle zu bringen.

Die wichtigste Lektion, die Cronenberg vom Genrekino gelernt hat, ist erzählerische Ökonomie. "Tödliche Versprechen" ist Muskeln ohne ein Gramm Fett zuviel - so wie der Körper von Mortensen, der sich in der besten Szene des Films nackt und unbewaffnet gegen zwei Killer zur Wehr setzen muss. Der spektakuläre Sauna-Kampf wird bald schon in Cronenbergs Bildergalerie eingehen, nicht nur weil er sich bislang weniger durch sorgfältige Action-Choreografien hervorgetan hat. In dieser Szene verschmelzen auch, losgelöst von der reinen Action, wiederkehrende Motive seiner Filme zu einem kaltblütigen Todesballett: der Körper als Fetisch, Schneidewerkzeuge (die des Schlachters diesmal, keine chirurgischen), Nikolais Mafia-Tattoos als physische Überformung, ein Tribut seiner mentalen Verhaftung in der ′Zone′ (das ′Neue Fleisch′), und der geschundene Körper als extremster Ausdruck seiner Vergänglichkeit - einem der beiden Killer rammt Nikolai abschließend ein Messer ins Auge.

Cronenberg, der Zeremonienmeister der Transgression, hat mit "A History of Violence" und "Tödliche Versprechen" klare, einleuchtende Formen für die multiple Körperpolitik seiner frühen Filme gefunden. Cronenberg-Fans mag das enttäuschen, aber in ihren Grundstrukturen unterscheiden sich Snuffporno-Piratenszene ("Videodrome"), Car Crash-Subkultur ("Crash") und Mobster-Unterwelt nur marginal. Was sich gewandelt hat, ist Cronenbergs Gewalt-Begriff: weg vom Metaphorisch-Blumig-Schmadderigen hin zu einer nüchternen Schilderung der Gewaltpotentiale des Körpers und deren Folgen. Vom Exzesshaften (Amputationskult, Metamorphosen) seiner frühen Filme ist in "Tödliche Versprechen" nichts geblieben. In den beiläufigen Einstellungen auf Blutbäder hat der Chirurg Cronenberg auch formal die Oberhand gewonnen. Eine Szene zeigt Mortensen beim routinierten Zerlegen einer Leiche, und fast will man da Cronenberg selbst erkennen, der sich genüsslich die Zigarette auf der Zunge ausdrückt, bevor er sich an die Arbeit macht. Gewalt ist in "Tödliche Versprechen" kein abstraktes Konzept mehr. Sie ist die unmittelbarste Form von Kommunikation zwischen zwei Körpern.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 01/2008

Andreas Busche



Tödliche Versprechen - Eastern Promises
OT: Tödliche Versprechen - Eastern Promises
Großbritannien / Kanada 2007 - 100 min.
Regie: David Cronenberg - Drehbuch: Steven Knight - Produktion: Robert Lantos, Paul Webster - Kamera: Peter Suschitzky - Schnitt: Ronald Sanders - Musik: Howard Shore - Verleih: Universum / Tobis - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Viggo Mortensen, Naomi Watts, Vincent Cassel, Armin Mueller-Stahl, Sinéad Cusack, Jerzy Skolimowski
Kinostart (D): 27.12.2007

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0765443/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2007/toedliche_versprechen_eastern_promises/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/19265/ToeDLICHE-VERSPRECHEN/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...