Yusuf-Trilogie

(TÜR / D / GR / F 0; Regie: Semih Kaplanoglu)

Atem der Zeit

Semih Kaplanoglus „Yusuf-Trilogie“ in einer „3-DVD Special Edition“

Die Filme des türkischen Filmkünstlers Semih Kaplanoǧlu evozieren eine Sinnlichkeit, die den Zuschauer geradezu physisch erfasst. Eine poetologische Referenz dafür findet sich in „Yumurta – Ei“, wo einmal aus John Steinbecks Novelle „Die Perle“ zitiert wird: Man müsse ein Ereignis als Ausgangspunkt wählen und dieses dann raum-zeitlich verdichten. In langen konzentrierten Einstellungen, getragen vom Atem der Zeit und dem ruhigen Fluss alltäglicher Ereignisse verdichtet Kaplanoǧlu sein Erzählen in Bildern. Dieses öffnet und vermischt sich immer wieder mit dem Traum, beschwört eine magische Welt inmitten der Wirklichkeit und zieht so dem poetischen Realismus eine spirituelle Dimension ein. Rituelle Handlungen und religiöse Bräuche, wiederkehrende Symbole und eine beseelte Natur stehen für diese Transzendenz. Als „Hinterwelt“ ist diese stets gegenwärtig und bildet im Verbund mit kulturellen Traditionen zugleich das Gegengewicht zum modernen Leben.

In der soeben erschienenen „3 –DVD Special Edition“ der „Yusuf-Trilogie“, die in den Jahren 2005 bis 2010 entstand und die die Filme „Yumurta – Ei“, „Süt – Milch' und „Bal – Honig“ umfasst, ist dieser spannungsreiche Kontrast zwischen Natur und Kultur, Tradition und Moderne stets gegenwärtig. In ihrer Suche nach Heimat, nach einem Platz im Leben, nach Liebe und sprachlichem Ausdruck reflektieren die Yusuf-Figuren in verschiedenen Lebensaltern dieses Verhältnis. Bezogen sind sie dabei nicht nur auf bestimmte Familienkonstellationen, in denen die Beziehungen zu Vater und Mutter eine herausgehobene Rolle spielen, sondern vor allem auch auf Orte und Landschaften.

Im informativen, aber wenig strukturierten Making Of, das der Trilogie-Edition beigegeben ist und das Gespräche mit Mitarbeitern, „Impressionen von den Dreharbeiten“ und Filmausschnitte versammelt, wird die Bedeutung dieser Schauplätze, aber auch bestimmter, in allen drei Filmen auftauchender Objekte nochmals anschaulich. Das ungewöhnliche Nebeneinander von traditioneller und moderner Kultur in der Stadt Tire im Hinterland der Ägäis (Schauplatz der Filme „Yumurta“ und „Süt“) ist dafür ebenso ein Beispiel wie die urwüchsige Natur in der Provinz Rize an der Schwarzmeerküste im Nordosten der Türkei, wo „Bal“ gedreht wurde. Um ein möglichst „realistisches Gefühl entstehen zu lassen“, arbeitet Semih Kaplanoǧlu aber nicht nur an Originalschauplätzen, sondern auch mit möglichst wenig künstlichem Licht und einem reduzierten Ton, der „die Stille zum Klingen“ bringt.

Ebenso bedeutsam für Kaplanoǧlus Realismuskonzept ist seine Arbeit mit Laienspielern, die mitunter gleich in mehreren Filmen der Trilogie mitwirken. Diese sollen sich selber spielen und dabei ihre eigenen Erfahrungen, Einstellungen und Empfindungen einbringen. Immer wieder lässt sich anhand der dokumentierten Dreharbeiten beobachten wie Kaplanoǧlu, der unter seinen Mitarbeitern als sehr fordernd und bestimmt gilt, mit seinen Regieanweisungen die Schauspieler auch emotional führt. „Wegsein ist ein Gefühl, das wir immer in uns selber tragen“, lautet einer dieser suggestiven Sätze, der die Schauspieler zu einer möglichst undramatischen, glaubhaften Darstellung führen soll; oder auch: „Fühle die Armut in deinem Herzen.“

In Kaplanoǧlus „Yusuf-Trilogie“, die unheimlich reich an Details ist, lassen sich die Spuren dieser Arbeit sowie wiederkehrende Motive und Symbole durch alle drei Filme hindurch verfolgen oder wiederentdecken. Dazu gehören beispielsweise der symbolische Gehalt der Filmtitel, die wiederum archetypische Beziehungen zwischen den Figuren verschlüsseln, die Darstellung und Deutung der alten Berufe (z. B. Seiler, Brunnenbauer, Imker), Yusufs dichterische Berufung (in den Worten aus Arthur Rimbauds Gedicht „Empfindung“: „Einsame Wege will ich gehen.“) oder auch die wiederkehrenden (epileptischen) Anfälle, die eine empfindliche Grenze zwischen Realität und Traum, Leben und Tod berühren. Dass ein solch vergleichendes Sehen in kurzer zeitlicher Abfolge jetzt möglich wird, ist ein großes Verdienst dieser DVD-Edition. Deren werbetechnische Fokussierung auf den Berlinale-Gewinner „Bal“ führt in der Anordnung und Gestaltung der Box allerdings zu leichten Irritationen. Wie lautet doch einer der Kalendersprüche, die der kleine Yusuf in „Bal“ gleich zu Beginn mit zögerlicher Stimme seinem Vater vorliest: „Ihr sollt die Dinge erleichtern statt sie zu erschweren.“ Dieses prophetische Wort mag auch hier gelten.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Yusuf-Trilogie
Türkei / Deutschland / Griechenland / Frankreich 0 - 298 min.
Regie: Semih Kaplanoglu - Verleih: Piffl Medien - Besetzung: Nejat Isler, Saadet Aksoy, Ufuk Bayraktar, Kaan Karabacak, Cengiz Bozkurt, Tülin Özen, Gülçin Santýrcýoðlu
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 11.11.2011

Link zum Verleih: http://www.goodmovies.de/einzelansicht.php?products_id=593&S=f08d1fd1c6aff790046a0e8a5246f625