Angewandte Filmkritik #31-40

von Jürgen Kiontke

Angewandte Filmkritik #40: AG Filmfestival
Für den deutschen Film, den im Popcorn-Kino keiner anschaut, gibt es die deutschen Filmfestivals. Rund 60 von ihnen haben sich jetzt zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, um u.a. der gemeinsamen Aufgabe – dem deutschen Film auf die Sprünge zu helfen – nachzukommen.

Ziel der neuen „AG Filmfestival“ ist es laut ihrer ersten Pressemitteilung, „bessere Bedingungen für Filmfestivals in Deutschland zu schaffen und gemeinsam mit den Filmschaffenden und anderen Verbänden Filmkultur zu stärken und zu fördern“.

Zur anstehenden Novellierung des Filmförderungsgesetzes hat die Filmfestivals allerdings keiner gefragt. Gesetzesaffine Texte im Fach Deutsche Wirtschaftspolitik schreibt die AG aber schon wie nix: „Filmfestivals stehen am Beginn der Auswertungskette; sie begreifen sich als Teil der Filmwirtschaft sowie der kulturellen Praxis Kino und ihrer Vermittlung.“ Sie „stellen eine in Umfang und Wirkung ernstzunehmende Auswertung deutscher Filme im Kino dar und ihr Anteil an der Kinoauswertung deutscher Produktionen wird sich in den nächsten Jahren weiter erhöhen.“

Und ist der Zuschauer dann die Krone der Nahrungskette? Oder verspeist den die Verwertungsindustrie? So dezidiert, wenn auch ungleich schnoddriger, hat sich bisher nur Berlinale-Chef Dieter Kosslick zum Deutschsein des Films bekannt.

Statt sich selbst anzupreisen, dass man eine nationale Arbeit macht, die offensichtlich selbst der Nation nichts wert ist: Warum nicht die Quote fordern? Im deutschen Kino sind 50 Prozent deutsche Filme zu zeigen. Und in den nächsten Jahren weiter erhöhen?

ag-filmfestival.de

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Angewandte Filmkritik #39: Mutter
Als Johannes Terne am Berliner Alexanderplatz um die Ecke biegt, muss ich laut lachen. Der Schauspieler schaut verwirrt. Gerade habe ich mit meiner Mutter Eva telefoniert, die ihren Morgen mit der Soap „Rote Rosen“ beginnt – wie ich. Im Urlaub auf Bornholm gab es zwei deutsche Sender, RTL und ARD. „Rote Rosen“ zum Frühstück bzw. hören. Das Bild war ausgefallen. Für „Rote Rosen“ reichen auch ein paar Ohren. Seitdem bin ich in der Serie, die sich in jeder Staffel dezidiert um eine Frau ab 40 im Umbruch dreht.

Terne spielt den Bösewicht Roman. „Meine Mutter und ich, wir haben uns eben gefragt: Enden Sie im Knast?“ – „Ach was“, sagt Terne, spontan den Roman gebend. „Ich hau doch in zwei Monaten mit meiner Frau in die Karibik ab!“ Jetzt gucke ich verwirrt. „Die echte oder ihre, jetzt?“ – „Meine Filmfrau Susann (die Frau ab 40) natürlich!“ Jetzt lachen wir beide. Das werde ich meiner Mutter berichten.

Ich suche nach Terne bei Wikipedia. Geboren in Hoyerswerda 1951, hatte er schon eine lange sozialistische Karriere an den Theaterbühnen im Osten hinter sich, als er Burgschauspieler in Wien wurde. Leute wie er bessern ihre Altersbezüge in solchen Formaten auf. Terne liefert eine solide Leistung ab.

Das Treffen ist nun schon etwas her – und die Mutter war dann auf Hilfe angewiesen. Der Vater kümmerte sich Jahre lang, bald kam auch der Pflegedienst morgens, dann erst die „Roten Rosen“.

Man sollte nicht meckern über das seichte Niveau von TV-Soaps. Es kann sein, dass sich schwere Schicksale davor verbergen. Und jetzt wäre es mir lieber, Mutter schaute die roten Rosen im Fernsehen, als dass sie auf ihrem Grab wüchsen. Lebe wohl, geliebte Filmkritikermutter.

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Angewandte Filmkritik #38: Pizza Volkshochschule

Das European Media Art Festival, eines der sympathischsten, schönsten und tollsten Film- und Kunstfeste im Lande, ein Gemisch aus herausfordernden Installationen, Videos und schönen, klugen Menschen von überall, findet zu einem recht großen Teil in der Lagerhalle Osnabrück statt. Die Speisekarte ist recht ortsverbunden, neben dem „Rolandsmauer Spezial“ – Penne al Forno mit frischen Champignons -, finden wir dort eine italienische Teigspeise, deren Namen wohl weltweit einzigartig sein dürfte.

Auf die Frage, warum das „Pizzabrot mit Hähnchenbruststreifen, getrockneten Tomaten und Mozzarella – überbacken und mit Ruccola garniert“, nach einem der Breitenbildung verpflichteten Lehrinstitut benannt wird, bekommt man zur Antwort: „Die steht doch da drüben an der Straße.“

Das EMAF-Programm liefert vor allem experimentale Kurzfilme, etwa den preisgekrönten „Ink in Milk“ des Malers Gernot Wieland. Ein zwölfminütiges Kunstwerk über Biografie, Schizophrenie und Tierwelt. Überwältigend montiert, mit allen Materialien, die man sich vorstellen kann. Nicht wenige Zuschauer wandten sich nach der Sichtung der Karte der Lagerhalle zu. Empfehlung des Restaurant-Chefs: Der „Shot des Monats“. „Never Forget“ heißt dieses Wodka-Pepino-Peach-Chili-Gemisch.

Ein Getränk wie ein experimenteller Kurzfilm. Sollte in jeder Volkshochschule erhältlich sein.

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Angewandte Filmkritik #37: Rammstein
„Haben sie es so nötig?“ fragt dieser Tage Bild-Zeitung.

Na, aber sowas von: Die Band Rammstein hat erstmals ihr Video zu ihrem Depeche Mode-Cover „Stripped“ auf Youtube hochgeladen, 21 Jahre nach der Veröffentlichung. Seinerzeit gab es viel Theater ums Rocktheater, die Ossi-Gruselrocker konnten sich erstmals als Skandalnudeln inszenieren – verwenden sie doch Szenen aus dem Film „Fest der Völker“, directed by Leni Riefenstahl und powered vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, dem Film über die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin.

„Wegen der verwendeten Nazi-Ästhetik stellten viele Kritiker die Band in die rechte Ecke“, schreibt Bild – das ist ja ein Ding. Wieso jetzt noch mal der Upload? Sänger Till Lindemann, der sich 2006 mal selbstkritisch zu dem Ding geäußert hat, um seine eigene gern zelebrierte eindeutige Uneindeutigkeit zu unterstreichen, gibt Auskunft: „Ich finde das Video heute immer noch toll.“ Ihn würden, hihi, die gezeigten Massenturnaufnahmen im Übrigen an SED-Veranstaltungen erinnern.

Ja, so Olympische Spiele sind ja auch immer eine tolle Sache, eine schöne Provokation. Man kann nicht sagen, Rammstein wüssten nicht, wie Pop funktioniert. Video-Direktor Philipp Stölzl: „Diese heroische Ästhetik, Natur, Körper, Sperrwerfen: Ich dachte, das ist möglicherweise eine gute Welt für Rammstein.“ Na, was soll man da noch sagen: „Eine andere Welt ist möglich“ vielleicht? Stölzl erzählt das im zehnminütigen „Making of“. Leni Riefenstahl kommt mal wieder nicht zu Wort. Dafür schreibt einer drunter: „Die Melange aus Bild und Ton ist beeindruckend schön.“

Übrigens muss es die Bild auch bitter nötig haben. An anderer Youtube-Stelle gammelt das Video übrigens schon seit fünf Jahren, das Making of seit sieben Jahren vor sich hin.

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Angewandte Filmkritik #36: Kassengift
Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Produktionen mit kleinen, mittleren und großen Budgets durchschnittlich besser zu vermarkten sind, wenn eine Frau die zentrale Figur ist. Auch Filme, die den sogenannten Bechdel-Test bestanden, schnitten besser ab. Das bedeutet, dass in einem Film mindestens zwei Frauen vorkommen, die sich wenigstens einmal miteinander über ein anderes Thema unterhalten als einen Mann.

Wieso gibt es dann andere Filme; die, wo Frauen nix zu kamellen haben – wir leben doch schließlich im Kapitalismus? Eine befreundete Filmkritikerin, die in einer von diesen bescheuerten Textagenturen, die die Preise kaputt machen, am Fließband Filmartikel für ein Millionenpublikum produziert, sagt: Blockbuster werden grundsätzlich von Männern rezensiert. „Da hast du als Frau keine Chance.“

Toxische Männlichkeit, mal ganz klassisch – als Kassengift. Es sieht so aus, als würde das große Männerkino ausschließlich auf große Filmkritiker treffen.

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Angewandte Filmkritik #35: Spiegel
Der Fall Claas Relotius hat den Spiegel und den erfundenen Journalismus ganz schön in die Bredouille gebracht. Reicht es, Reportagen mit abgeschriebenem und ausgedachtem Zeug aufzufüllen?

Vor langer Zeit hatte ich eine Weile die Gelegenheit, beim Spiegel, wenn auch nur online, Filmkritiken unterzubringen. Bereits beim zweiten Text bekam ich einen erbosten Anruf von Online-Chef: Ich hätte meinen Artikel aus dem Internet kopiert. Beim Vergleich meiner Version mit dem der Redaktion vorliegenden Werk stellte sich heraus, da stimmte außer der ersten Zeile nichts überein. Zudem: Ich hatte damals noch gar keinen Internetzugang. Den Text hatte ich gefaxt.

Kurze Zeit später ein weiterer Anruf. Die Redakteurin – sie befinde sich gerade in der Kündigungszeit – sei für die Kopie verantwortlich. Warum sie das getan hatte, konnte man mir nicht sagen. Das Gespräch beendete Online-Chef mit der Bemerkung: „Wir schreiben doch alle ab, auf die ein oder andere Weise.“ Ich antwortete: „Sie vielleicht, ich nicht.“

Kannten die sowas damals schon von sich selbst? Immerhin: Offensichtlich tat es die so gerühmte Dokumentationsabteilung des Spiegel damals noch, sonst wär Artikel durchgerutscht. Veröffentlich wurde der Text dann allerdings nie. Aber irgendwie hatte die mediale Spitzenkraft ja auch wieder recht: Filmkritik ist Text. Text, der aus Bildern gewonnen wird, die wiederum aus einem Text generiert wurden, dem Drehbuch. Im besseren Fall ist dies eine Übersetzungs-, im schlechteren Falle eine Kopierarbeit.
Für mich hatte es sich dort bald ausgeschrieben. Die nächste Redakteurin fand meine Arbeit bald zu schlecht übersetzt bzw. kopiert. Möge sie auch heute noch erfolgreich redigieren – auf die ein oder andere Weise.

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Angewandte Filmkritik #34: Hotel Auschwitz
Mit Filmtiteln ist es so eine Sache. „Hotel Auschwitz“ heißt der erste Film von Cornelius Schwalm. „Sensationell“ soll er sein, das Werk „desavouiert eine Theatertruppe, die im Angesicht des ehemals größten Vernichtungslagers der Welt an sich selbst scheitert“. So „schmerzvoll, berührend, warm, absurd, tragisch, unerträglich heiter, radikal und mutig“ sei dieser Film, „dass er allen ans Herz gelegt werden muss“, teilt mir der Verleih mit. Und das ganz ohne Filmförderung, ist man stolz. Das lässt einen etwas verstört zurück, aber soll er auch bestimmt, ist dies doch „eine sehr schwarze Tragikomödie, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt“ (Radio 1 nach der Premiere).

Ja, das stimmt. Er wurde zum Teil sogar auf dem Gelände der Gedenkstätte gedreht. Ein Highlight sicherlich die Sexszene im Birkenwäldchen. Sie: „Ich möchte deinen Schwanz halten.“ Nur zu. Eine deutsche Komödie, die in Auschwitz gedreht wird, mit einer deutschen Fickszene auf dem Areal. Anschließend wird gegrillt. Ohne Zweifel geht das nicht. „Danke, Danke, ich kann nach Auschwitz nicht gleich ein Würstchen essen.“ Aber noch mal Sex geht: „Dann sollten wir vielleicht mal Stellung beziehen!“

Das Geschehen wird untermalt mit dieser typisch ironischen Klaviermusik, wie sie nur der deutsche Spaßfilm kennt. Schön geklimpert, ihr lustigen Filmemacher.

Was sagen die Kollegen? Der Film sei als Kommentar „zur auch unter Intellektuellen verbreiteten recht verlogenen Gedenkkultur und den immer noch vorherrschenden Ressentiments vieler Deutscher, Relativierung des Holocausts inbegriffen“, urteilt der Freitag. Allein man mag es nicht recht glauben. Eher, dass hier der Wahnsinn grassiert.

Wie verhieß noch die Ankündigung? „Großartige Schauspieler, fantastische Dialoge, verstörender Humor warten auf euch.“ Können sie. Am besten mindestens tausend Jahre.

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Angewandte Filmkritik #33: Brasilien
In Brasilien wurde gewählt. Ein Kino-Gespräch auf der Straße.

Jürgen, es ist ein horror movie, was wir da in Brasilien sehen. Ich weiß gar nicht, wie so jemand wie Bolsonaro als Präsident kandidieren konnte. Der Mann sollte im Gefängnis sitzen. Wir müssen die extreme Rechte stoppen.

Wir sind die Lunge der Welt, wir haben jede Menge Rohstoffe. Jetzt musste einer gefunden werden, mit dem man sie billigst ausbeuten kann. Das Ministerium für Umwelt fusioniert mit Ministerium für Landwirtschaft. Jegliche Industrie soll privatisiert werden und der Amazonas gleich mit.

Auch für die Kunst wird es ein schwieriges Pflaster. Kinoprojekten wurden alle Zuschüsse gestrichen. Es gibt eine schwarze Liste mit 700 Künstlern; das sind all die, die den Gegenkandidaten öffentlich unterstützt haben. Es wird eine Hexenjagd veranstaltet. Ich selbst bin ein walking target.

Wenn es so läuft, wie es immer läuft, sind nicht nur wir gefickt, die ganze Welt ist gefickt. Boykottiert Brasilien! Niemand sollte mehr brasilianische Produkte kaufen.

Regisseur Karim Aïnouz („Zentralflughafen THF“, D/FR/BRA 2018) wurde nach einer Rede in Rio de Janeiro von Freunden des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro in einem Video diffamiert.

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Angewandte Filmkritik #32: Climax
„Ein Jahr #metoo: Was hat es bewirkt?“, fragte man sich unlängst zum Jahrestag der Debatte um sexuelle Belästigung in der Film- und Medienbranche.

Dieser Tage auf der Leinwand nicht viel, wenn man sich zum Beispiel Gaspar Noés bescheuerten neuen Film „Climax“, anschaut, der u.a. eine sehr lange Szene enthält, in der sich zwei Tänzer darüber das Maul zerreißen, wie sie ihre Ensemble-Kolleginnen, mal richtig anal ranzunehmen gedenken. Zu Nikolaus, wenn der Film startet, erwartet das Publikum ganz großes Kino im Kino. Ob es besonders perfide ist, dass die beiden Schwarze sind, mag dahingestellt sein, es ist nicht die einzige Krassheit im Stiefel.

Für die Mitarbeiter*innen hinter und vor der Kamera gibt es folgendes zu vermelden: Die neue überbetriebliche Vertrauensstelle „Themis“ gegen sexuelle Belästigung und Gewalt berät Betroffene der Filmindustrie, vermittelt zwischen belästigter Person und Arbeitgeber und setzt sich für Prävention und Aufklärung in den Branchen Film, Fernsehen, Theater und Orchester ein. 17 Organisationen, unter anderen die Gewerkschaft Verdi und der Regieverband, agieren als Trägerinnen und sollen für die Finanzierung sorgen. Namenspatin ist die griechische Göttin Themis, die für Gerechtigkeit, Ordnung und Philosophie zuständig ist.

Arbeitgeber Noé sollte sich zu Noël vielleicht mal mit Themis in Verbindung setzen.

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Angewandte Filmkritik #31: Golzow
Stockdunkel draußen, ab ins Kino. Ein besonderes Kino: „In der ersten Folge der beliebten DDR-Kinoserie ‚Die Kinder von Golzow‘ wurde schon gleich am Anfang geflunkert“, erzählt der Mann im Golzower Kinomuseum.

Die Dokumentationsstelle für die Langzeitbeobachtung der Menschen in dem kleinen brandenburgischen Ort ist in der alten Turnhalle untergebracht. In die Eintrittskarte sehr akkurat ein Filmschnipsel integriert.

Zum Besuch bekommt man die ersten zehn Minuten der wichtigsten Dokumentationsfilmreihe der DDR gezeigt, von der es über 200 Kilometer Film gibt. Die Szene aus dem Jahr 1961, wie die Schulkinder alle aus dem Fenster schauen und lachen, weil sie dort eine Katze sehen, sei ein Fake, sagt er. „Mit der Katze hat es nicht geklappt. Der Regisseur hat dann eine Taube dorthin gesetzt!“ Das erzählt er mir kurz passend zum 100. Geburtstag der Oktoberrevolution.

Basierte also alles auf Lügen? Zusammenbruch kein Wunder? Es ließe sich argumentieren: Erstens sind im Sozialismus alle Tiere gleich, zweitens wurde hier ganz modern mit Fake Animals gearbeitet. Im Westen fanden sie das naturgemäß gut. Auf der Berlinale 1982 gab es für einen Teil der „Kinder von Golzow“ den Preis der internationalen Filmkritiker. Gut gemacht, Kolleg*innen!

Foto: © United Artists