filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Love Alien

(Deutschland / Kroatien / Spanien / Österreich 2012; Regie: Wolfram Huke)

Geschlossene Gesellschaft

foto: © film kino text
"Die Pärchenlüge ist überall, ihr Anblick ist nicht schön", sangen die Lassie Singers. Die Zumutung, die es für einen unfreiwilligen Dauersingle bedeutet, in einer medial übersexualisierten Welt zu leben, in der sich alles ums Doppelpack dreht und Liebe als Lebenssinn verkauft wird, führt Wolfram Huke in seiner Dokumentation erschütternd vor Augen. Davon, die omnipräsente heterosexuelle Zweierkiste als Lüge zu verstehen, ist er jedoch weit entfernt - nichts wünscht er sich sehnlicher als eine Liebesbeziehung, die er ebenso wie sexuelle Kontakte in den 30 Jahren seines Lebens nie gehabt hat.

Der Regisseur hatte zunächst vor, eine Dokumentation über andere zutiefst verunsicherte "Love Aliens" zu drehen. Das Ganze geriet zum Selbstversuch mit Huke als Regisseur, Kameramann und Protagonist in Personalunion. Von seinem 29. bis 30. Geburtstag begleiten wir ihn bei seinen Versuchen, eine Frau zu finden: bei missglückten Dates, beim Ausfüllen von dämlichen Partnerbörsenprofilen, bei einer Therapeutin, die sein Vermeidungsverhalten analysiert, beim Frustessen und Abspecken und bei Stilberaterinnen, die ihm neben Eyebrow Waxing raten: "Du musst dich als Produkt betrachten." Denn wenn er ausstrahle, dass er nicht viel wert ist, "warum sollten andere dich dann kaufen?" Da sage noch einer, die Thesen der israelischen Soziologin Eva Illouz von der Romantikindustrie und deformierten "Gefühlen in Zeiten des Kapitalismus" seien übertrieben.

Huke lässt den Zuschauer nie vergessen, dass hier jemand sich selbst filmt: Beim Radfahren schauen wir mit über den Lenker, in der Badewanne sehen wir nur die Füße, wir kommen nachts in die dunkle Messiwohnung, in der niemand wartet, oder Huke legt die Kamera neben das halbleere Hoteldoppelbett, um in Selbstgesprächen seine Einsamkeit zu umkreisen.

Sein Film rührt an ein Tabu, das auch unsere aufgeklärten Kreise pflegen: Da redet man schon eher über angesagte Themen wie Polyamorie als über vermeintlich uncoole bis prüde Liebesabstinenzler und ihre Schamgefühle. Vor der Kamera spricht Hukes Mutter zum ersten Mal mit ihrem Sohn darüber, dass sie sich Sorgen um sein Jungfrauendasein macht, und gibt "der scheißegoistischen Gesellschaft" die Schuld. Allerdings läuft der Regisseur in seiner gewagten und erstaunlich selbstironischen Selbstbeschau Gefahr, dass man den Film als Symptom begreift. So ist man versucht, Hukes Hang zur "Spiritualität", zu Pilgerreisen und kirchlichem Weltjugendtag, als Flucht zu deuten. Auch die Kamera dient, wie die Therapeutin zu Recht bemerkt, dazu, ein Problem wegzuschieben, das vielleicht gar keins sein müsste. Das Projekt ist nicht, eine Freundin zu finden, sondern einen Film darüber zu drehen, dass man keine findet.

Der Sache nicht gerade dienlich ist, dass Huke sich an seinem 30. Geburtstag in ein Kloster zurückzieht, wo ihn die deprimierende Glückwunschmail einer Onlinepartnerbörse erreicht: "Bleiben Sie den Münchner Singles weiterhin treu!" Immerhin gelangt er dort zu einer Einsicht, die ihn von der auch sexuell von Jesus besessenen Fanatikerin aus Ulrich Seidls "Paradies: Glaube" unterscheidet: "Jesus ist keine Frau, das muss man mal festhalten."

Dieser Text ist zuerst gekürzt erschienen in: Konkret 5/2013

Marit Hofmann

Benotung des Films: (7/10)


Love Alien
Deutschland / Kroatien / Spanien / Österreich 2012 - 72 min.
Regie: Wolfram Huke - Drehbuch: Wolfram Huke - Produktion: Ferdinand Freising - Kamera: Wolfram Huke - Schnitt: Marion Tuor - Musik: Benjamin Hansen, Wolfram Huke - Verleih: Film Kino Text - FSK: ohne Altersbeschränkung -
Kinostart (D): 16.05.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2517622/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...