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Winternomaden

(Deutschland / Schweiz / Österreich 2012; Regie: Manuel von Stürler)

Aus einer fernen Zeit

foto: © neue visionen filmverleih
In der Abenddämmerung wirkt die Schafherde wie ein schwarzes Band, das sich schier endlos durch die verschneite Winterlandschaft schlängelt. Es sind Bilder wie aus einer fernen Zeit, die Camille Cottagnoud für Manuel von Stürlers Dokumentarfilm "Winternomaden" ("Hiver Nomade") aufgenommen hat. Ihre Archaik kontrastiert immer wieder die Zivilisation, die nie ganz abrückt, doch wie ein fremdes Wesen die Wege der Hirten flankiert. Wenn etwa eingangs des Films das sanfte Getrappel der Schafe sich vom Verkehrslärm entlang einer Straße absetzt; oder wenn wiederum Autos von dem achthundert Leiber zählenden Herden-Körper umschlossen werden. Einmal hat eine moderne Wohnsiedlung, vom Hirten abschätzig "Disneyland" bezeichnet, die Landschaft verändert; ein anderes Mal versperren Bauern, die sich um ihre Felder sorgen, feindselig den Weg. Doch das einfache Leben in der Natur, umgeben von Tieren, schafft immer wieder starke Gegenbilder als Quellen der Energie und Entspannung: ein einfaches Zeltlager am Waldrand; die Ruhe am wärmenden Lagerfeuer; ein Vollmond am bewölkten Nachthimmel; eine friedliche Morgenstimmung am Fluss.

Sein Beruf sei vom Aussterben bedroht, sagt der 54-jährige Hirte Pascal Eguisier, der sein Handwerk bei einem Bergamasker Schäfer gelernt hat und seit nunmehr 32 Jahren als passionierter Wanderhirte durch die Westschweiz zieht. Zusammen mit seiner jungen Kollegin Carole Noblanc, drei Eseln und vier Hunden bricht er auf zu einem Viehtrieb, der wie eine Reise anmutet, vier Monate dauert und der eine Wegstrecke von etwa 600 Kilometern umfasst. Unterwegs gibt es immer wieder Schwierigkeiten bei der Futtersuche, mit tiefem Gelände oder ausbrechenden Schafen. Auch lautstarke Konflikte zwischen dem forschen Pascal und der bretonischen Aussteigerin Carole bleiben nicht aus, die jedoch bald wieder versöhnlicheren Tönen weichen oder auch kleinen Neckereien. Mehrmals werden die beiden Schäfer auch zum Essen eingeladen, mal von Fremden, mal von Freunden. Doch bei aller kurzzeitigen Geselligkeit bleiben sie Abgeschiedene im Draußen, den Elementen der Natur ausgesetzt. "Ich bin überzeugt, irgendwo ist ein Beschützer, der uns leitet", sagt Pascal.

Als teilnehmender Beobachter, ohne Kommentare oder Interviews begleitet Manuel von Stürler dieses Unterwegssein durch die Stimmungen der Natur, um das symbolische, religiös konnotierte Bild eines einfachen Hirtenlebens wiederzubeleben. Dabei geht es ihm sowohl um dessen "Schönheit und Reinheit" als auch um "die ganze Komplexität" und "harte Realität beim Führen der Herde". Wie schon Erich Langjahrs thematisch verwandte "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" beschreibt auch Manuel von Stürlers "Winternomaden" alte Zyklen in neuer Zeit. Wenn im Verlauf des Viehtriebs die gemästeten Schafe sukzessive vom Patron fürs Schlachthaus abgeholt werden und so am Ende nur noch wenige Leittiere übrigbleiben, handelt der Film nicht nur vom Abschluss einer langen gemeinsamen Wanderung, sondern auch von einem wehmütigen Abschied zwischen Mensch und Tier.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (8/10)


Winternomaden
OT: Hiver nomade
Deutschland / Schweiz / Österreich 2012 - 90 min.
Regie: Manuel von Stürler - Drehbuch: Claude Muret, Manuel von Stürler - Produktion: Elisabeth Garbar, Heinz Dill - Kamera: Camille Cottagnoud - Schnitt: Karine Sudan - Musik: Olivia Pedroli - Verleih: Neue Visionen Filmverleih - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Pascal Eguisier, Carole Noblanc, Jean-Paul Peguiron
Kinostart (D): 20.12.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt2215113/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/winternomaden/links.htm

Trailer:


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