filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Der Fluss war einst ein Mensch

(Deutschland 2011; Regie: Jan Zabeil)

Der Ort ist das Ziel

foto: © fimgalerie 451
Ein junger Mann aus Deutschland (Alexander Fehling), namenlos, auf einer Reise durch ein afrikanisches Land, ebenfalls namenlos. Er benutzt eine Fähre und einen Mietwagen. Bei einem Unwetter in der Nacht ist durch die Windschutzscheibe fast nichts mehr zu erkennen, dann plötzlich ganz nah Kühe, eine scharfe Bremsung und ein scharfer Schnitt, so wie wenn man sich die Augen zuhält.

Ein neuer Tag: Der Deutsche liegt ziemlich relaxed auf der Kühlerhaube und raucht. Keine toten Kühe und kein toter Deutscher. Nicht mal eine Beule im Rover. Situation folgt auf Situation. War da eine Zäsur oder nicht? Der Deutsche, ohne Auto jetzt, wird von einem alten Afrikaner, namenlos, auf einem Einbaum durch ein ausgedehntes namenloses Flussdelta, Ziel unbekannt, gesteuert. Der Deutsche wirkt müde und ziellos, er verschläft die halbe Fahrt, der Fährmann sagt am Lagerfeuer: Der Elefant kommt zu dir, um dich zu töten.

Am nächsten Morgen ist der Alte tot und der Junge ratlos. Wie soll er den Weg zurück finden, wenn er auf dem Boot noch nicht einmal das Gleichgewicht halten kann?
Was nun überwiegt, sind die Geräusche der Gefahr und die Geräusche des ausgedehnten Flussdeltas. Der Deutsche kann an seiner Angst zugrunde gehen, er kann sich aber auch dem langsamen Strom überantworten, so wie man sich seinem Schicksal ergibt.

Für einen Film wie "Der Fluss war einst ein Mensch" stehen derzeit zwei Genretypisierungen zur Verfügung. Zum einen passt der Film zu Filmen wie "The Sixth Sense" von Night S. Shyalaman, "Alice" von Claude Chabrol oder "Jacob′s Ladder" von Adrian Lyne, er ist also als eine Art metaphysischer Psychothriller les- bzw. erlebbar. Zum anderen, je nach Auslegung, passt das Langfilmdebüt von Jan Zabeil auch in die Reihe jener neueren zivilisationskritischen Filme, die von der Entfremdung des westlichen Menschen berichten, indem sie ihn in einer urwüchsigen und gleichgültigen Natur aussetzen. Hier könnte man an Filme wie Gus Van Sants "Gerry" denken, gar an "The Blair Witch Project" aber auch an jene die Natur mystifizierenden Filme eines Weerasethakul, in denen die Natur zwar als mächtig und allgegenwärtig erscheint, aber wo aus ihrer Allmacht (und ihrer Geisterwelt) auch Heilung und Sinnzusammenhang erwachsen kann.

Ein junges Beispiel für einen deutschen Film, der eher für die (afrikanische) Natur als für die (westliche) Kultur votiert, war "Schlafkrankheit" von Ulrich Köhler. Nah daran und sichtlich geprägt von "Dead Man" von Jim Jarmusch entwickelt Zabeil eine Metapher von der (Über-)Lebensunfähigkeit eines europäischen Zeitgenossen angesichts einer allumfassenden Natur, mit und in der er nichts anfangen kann. Die Natur in "Der Fluss war einst ein Mensch" ist nahezu identisch mit dem darin Untergehen, mit dem Tod. Solch Metaphorik lässt nicht viel zu rätseln übrig.

Bereits das mutige Konzept der weitgehend improvisierten Dreharbeiten, sich mit einem aus nur vier Leuten bestehenden Team in (ein auch im Abspann des Filmes nicht näher bezeichnetes) afrikanisches Land und mehr oder weniger ungeschützt in dessen Gefahren (Skorpione im Zelt, Flusspferde im Fluss) zu begeben, um sowohl handlungstechnisch als auch realiter alles auf sich zukommen zu lassen, ist programmatisch. Natürlich wird so der Weg, nämlich der Ort und seine Charakteristika, zum Ziel und deshalb verbringt der Film die Hälfte seiner Zeit schweigend bei seinem teils skeptischen, teils "leidenden", teils panischen und teils dreingegebenen Protagonisten (wofür dem Hauptdarsteller weniger Mimik als nötig zur Verfügung steht) und guckt und lauscht und fühlt die geheimnisvolle afrikanische Natur, er meditiert quasi das weg, was der Junge wegleidet.

Was der junge Mann nun eigentlich vorhatte auf dem fremden Kontinent, ist dabei so wenig wichtig wie Land und z.B. Leute, die, wie auch er und alles andere hier, zum Exemplarischen erhoben und im Abspann nur als "People of the Village" bezeichnet werden. Der Film, seine Figuren, die Handlung und der Ort Afrika, offenbar alles im Dienst einer Mystifikation. Es bleibt das zwiespältige Gefühl, zwar spürbar mitten drin gewesen zu sein und weitab von jeder Zivilisation, zugleich aber, dass hier ein Kontinent zusammenschnurrt zum Zweck einer ziemlich eskapistischen Romantisierung von Wildnis: sei sie nun positiv oder negativ besetzt - Hauptsache, sie ist wilder als das degenerierte Europa.

In Köhlers Afrikafilm "Schlafkrankheit" war Afrika gehaltvoller, widersprüchlicher, und daher plausibler. Aber "Der Fluss war einst ein Mensch" ist ja, wie gesagt und offenbar, auch nur ein Film über diese jungen Deutschen, die vor lauter Coolness nicht mal Autofahren können.

Andreas Thomas

Benotung des Films: (5/10)


Der Fluss war einst ein Mensch
Deutschland 2011 - 83 min.
Regie: Jan Zabeil - Drehbuch: Alexander Fehling, Jan Zabeil - Produktion: Benny Drechsel, Karsten Stöter, Jan Zabeil - Kamera: Jakub Bejnarowicz - Schnitt: Florian Miosge - Verleih: Fimgalerie 451 - FSK: ab 6 Jahre - Besetzung: Alexander Fehling, Sariqo Sakega, Obusentswe Dreamar Manyima, Babotsa Sax'twee, Nx'apa Motswai
Kinostart (D): 27.09.2012
DVD-Start (D): 29.03.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1956669/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/der_fluss_war_einst_ein_mensch/links.htm

Details zur DVD:
Bild: 1.77:1 (anamorph) - Sprache: Englisch (DD 5.1, DD 2.0 Stereo) - Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch - Extras: Making Of, Interview mit Alexander Fehling und Jan Zabeil, Trailer - FSK: ab 6 Jahre - Verleih: Filmgalerie 451

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...