filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers

(Südkorea 2011; Regie: Kim Ki-Duk)

Gequälte Seele

foto: © rapid eye movies
Seit drei Jahren lebt der international bekannte südkoreanische Filmemacher Kim Ki-duk abgeschieden und allein in einer Berghütte. Gegen die winterliche Kälte hat er innerhalb des Hauses ein Zelt aufgeschlagen, in dem er campiert. Darin steht ein Rechner, während im anderen Teil der spärlich eingerichteten Behausung ziemlich viel Werkzeug und jede Menge Ersatzteile herumliegen, als handle es sich um die Werkstatt eines Maschinenbauers. Tatsächlich ist Kim Ki-duk handwerklich sehr geschickt, baut etwa eine Espressomaschine oder auch einen Revolver zusammen. Meistens sieht man ihn jedoch beim Kochen und Essen. Diese wiederkehrenden alltäglichen Verrichtungen sind jedoch gegen alle Erwartungen an eine durch das Sujet etwaig nahegelegte meditative Erzählstruktur überraschend schnell geschnitten und zeitlich verdichtet. Das spiegelt zum einen den unruhigen, gequälten Geist des eigenwilligen Filmemachers (und Menschen), zum anderen die Ökonomie seiner Arbeit. Denn Kim Ki-duk hat sein filmisches Selbstportrait "Arirang" komplett allein realisiert.

"Ich filme mich selbst, um mir klar zu werden über mich und meine Arbeit", sagt der renommierte und überaus produktive Regisseur in einem der ausgedehnten Selbstgespräche, die im Zentrum dieses schonungslos radikalen, manchmal geradezu fremd anmutenden Films stehen. Ungewöhnlich offen und intim fingiert Kim Ki-duk eine Selbstbefragung, imaginiert er ein zweites Ich, das über die Montage in einen Dialog mit dem spürbar leidenden, zunehmend verwahrlosenden Regisseur tritt. Dabei wird die Kamera einerseits zum Spiegel einer filmischen Selbsttherapie, die mitunter einer verzweifelten Austreibung dunkler Seelenqualen ähnelt; andererseits ist sie das Medium einer Selbstinszenierung, die die Dokumentation immer wieder mit fiktionalen Brechungen unterwandert.

Vor diesem Hintergrund ist "Arirang" zunächst das Dokument einer künstlerischen Krise und Verstörung. Als bei den Dreharbeiten zu seinem Film "Dream" eine Darstellerin beinahe ums Leben kommt, löst dies bei Kim Ki-duk ein Trauma aus, das seine Arbeit und ästhetischen Überzeugungen in Frage stellt. Dabei reflektiert er nicht nur die Ethik eines Filmemachens, das ihn zunehmend traurig stimmt, sondern auch die gehetzte Praxis seiner Arbeitsweise, die den nach Erfolg und Anerkennung strebenden Künstler - so seine Beobachtung an sich selbst - zu einer Maschine macht. Aus diesen künstlerischen Zweifeln erwächst schließlich eine allgemeine Sinn- und Lebenskrise, in der sich der schmerzliche Rückblick auf ein einsames Leben und ein neues Verständnis des Todes verbinden. Dieser sei "etwas Weißes, das schwarz wird." Immer wieder singt Kim Ki-duk, in Tränen aufgelöst, das titelgebende Lied "Arirang", verdichtet es zum Schrei einer gequälten Seele. "Mal geht′s bergauf, mal geht′s bergab…", heißt es darin über die Hinfälligkeit allen menschlichen Tuns im großen Strom der Geschichte.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (9/10)


Arirang - Bekenntnisse eines Filmemachers
OT: Arirang
Südkorea 2011 - 100 min.
Regie: Kim Ki-Duk - Drehbuch: Kim Ki-Duk - Produktion: Kim Ki-Duk - Kamera: Kim Ki-Duk - Schnitt: Kim Ki-Duk - Verleih: Rapid Eye Movies - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: (Mitwirkende) Kim Ki-Duk
Kinostart (D): 26.01.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1922551/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/arirang_bekenntnisse_eines_filmemachers/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22113/ARIRANG/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FRK, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Girl on the Train

(USA 2016; Tate Taylor)

Wer hat schon heute noch einen Gärtner?

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...