filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Yumurta - Ei

(Türkei / Griechenland 2007; Regie: Semih Kaplanoglu)

Aufgeschobener Aufbruch

foto: © piffl medien
In den bedeutendsten Filmen des modernen türkischen Kinos bricht sich ein Lebensgefühl Bahn, das zwischen melancholischem Existentialismus, Entfremdung und Perspektivlosigkeit changiert. So wirken die Arbeiten von Autorenfilmern wie Nuri Bilge Cylan und Zeki Demirkubuz mitunter geradezu als zeitgenössische Fortsetzungen der Filme Antonionis. Doch hinter selbstbezogener Einsamkeit und der Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen, steht hier nicht allein ein allgemeiner Sinnverlust im Zeichen der Moderne, sondern vor allem ein kultureller Bruch nach dem Wegfall traditioneller Gewissheiten. Zwar bleibt die aktuelle Politik des Landes weitgehend unsichtbar, doch der durch sie verursachte gesellschaftliche Wandel hat sich in den Biographien der dargestellten Figuren festgesetzt und ihre Identitäten mit Ungewissheiten infiziert. Unterdrückte Sehnsüchte und innere Unruhe bei gleichzeitig äußerem Stillstand, scheint ein Wesensmerkmal von ihnen zu sein. Anderseits sind sie oft in Indifferenz und Unentschiedenheit gefangen, was sich zum Beispiel in Cylans Filmen "Uzak" (Weit weg) und Iklimler (Jahreszeiten) besichtigen lässt.

Auch der schweigsame Dichter Yusuf (Nejat Isler) aus Semih Kaplanoglus Film "Yumurta - Ei", dem ersten Teil der "Yusuf-Trilogie", gehört in diese Reihe melancholischer, scheinbar verlorener Gestalten. Zu Beginn des tief beeindruckenden Films sieht man ihn in seinem Istanbuler Buchladen: Umgeben von vollgestopften Regalen, sitzt er in sich gekauert, rauchend und leise Musik hörend, während er dem aufreizenden Auftreten einer späten Kundin kaum Beachtung schenkt. Seine Distanz zur oberflächlichen Beliebigkeit des städtischen Lebensgefühls ist genauso ausgeprägt wie diejenige zu seiner ländlichen Herkunft. Yusuf lebt in einem ungewissen Zwischenreich: Er hat seine traditionelle Erdung gegen eine trügerische Hoffnung eingetauscht, weil ihm seine künstlerische Berufung im klassischen Konflikt mit dem Leben keine Wahl zu lassen scheint; er sucht, ohne sich darüber bewusst zu sein, nach einer Identität, die er zugleich flieht.

Als Yusuf zur Beerdigung seiner Mutter Zahra nach Tire unweit der ägäischen Küste gerufen wird, konfrontiert ihn das nicht nur mit dem ungeliebten Ort seiner Kindheit und Jugend, sondern in der jungen, schönen Ayla (Saadet Aksoy) auch mit seinem uneingestandenen, unterdrückten Liebesbegehren. Während er noch mit der formalen Abwicklung des Trauerfalls beschäftigt ist und dabei kaum innere Regung zeigt, trifft er auf frühere Bekannte und seine einstige Jugendfreundin Gül (Gülcin Santyrcyoelu). Doch Yusuf ist ein Fremder in der Heimat; seine Erinnerungen sind wie ein ferner Schatten verlorener Möglichkeiten. Müde und melancholisch, scheinbar ohne Interesse und immer den anvisierten baldigen Aufbruch im Blick durchquert Yusuf die Szenerien vertrauter Orte, an denen alte Bräuche, überlieferte Werte und das Wissen um handwerkliche Techniken lebendig sind. Gerade seine Begegnung mit Ayla, die trotz selbstbewusster Emanzipiertheit ein ungebrochenes Verhältnis zu den heimatlichen Traditionen besitzt und die ihm in gewisser Weise die Mutter ersetzt, zwingt ihn in die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft. Widerstrebend einem Gelübde seiner verstorbenen Mutter folgend, soll Yusuf einen Widder opfern.

Semih Kaplanoglu, der seinen Film in langen Einstellungen komponiert hat und seine mitunter betörend schönen Bilder mit einer unaufdringlichen Symbolik metaphysisch auflädt, schickt Ayla und Yusuf, als wären sie verheiratet, auf eine Fahrt über den Berg Bozdag bis zum Gölcük-See. Dabei wird die göttliche Natur zum Spiegel der Erinnerung und zum Seelenraum. Im Schweigen verdichtet sich für Yusuf schließlich ein Gefühl der Heimkunft und eines verdrängten Liebesverlangens. In einer atmosphärisch höchst eindringlichen, völlig ungewöhnlichen Szene mit einem großen Hirtenhund, der in einer Mischung aus Bedrohung und schützender Geborgenheit Yusuf eine Nacht lang auf freiem Feld festhält beziehungsweise bewacht, verdichtet Kaplanoglu in einem außerordentlichen, irritierenden Bild das Motiv des aufgeschobenen Aufbruchs. Für einen langen kathartischen Augenblick wird aus dem verlorenen Schaf, das seinen Weg nicht mehr kennt, ein weinendes Kind. In "Yumurta" mündet die verhinderte Flucht in eine Rückkehr.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (10/10)


Yumurta - Ei
OT: Yumurta
Türkei / Griechenland 2007 - 97 min.
Regie: Semih Kaplanoglu - Drehbuch: Semih Kaplanoglu, Orcun Köksal - Produktion: Semih Kaplanoglu - Kamera: Özgür Eken - Schnitt: Ayhan Ergürsel, Suzan Hande Güneri, Semih Kaplanoglu - Verleih: Piffl Medien - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Nejat Isler, Saadet Aksoy, Ufuk Bayraktar, Kaan Karabacak, Cengiz Bozkurt, Tülin Özen, Gülcin Santyrcyoelu, Semra Kaplanoglu
DVD-Start (D): 14.10.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1021004/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 25.05.2017

Song to Song

(US 2017; Terrence Malick)
Häutungen von Wolfgang Nierlin
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd-start: 26.05.2017

Dieses Sommergefühl

(F/D 2016; Mikhaël Hers)
Media vita in morte sumus von Ulrich Kriest

Dieses Sommergefühl

(FR, DE 2016; Mikhaël Hers)
Die Leere nach dem Tod von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)

Die Aufrüstung der Polizei

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?