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Der Gott des Gemetzels

(Frankreich / Deutschland 2011; Regie: Roman Polanski)

Krisenkaffeekränzchen bei den Spießbürger-Barbaren

foto: © constantin
Mit dem sicheren Gespür hochkultivierter Feuilletonisten wagen wir uns an diese Filmkritik. Wir wägen Argumente ab, lassen auch andere Meinungen zu und erörtern das Für und Wider, bis wir zu einem ausgewogenen Urteil gelangt sind. Ganz ähnlich wollen es die beiden Elternpaare halten, als ihre Söhne sich in die Haare kriegen. Nach dem Motto "Wenn Kinder sich streiten, sollten Erwachsene sich raushalten, aber: Gewalt geht uns alle an!" trifft man sich im Appartement der "Opfereltern" und hält fürs Protokoll fest, der eine Sohn habe, "bewaffnet mit einem Stock", dem anderen die Zähne ausgeschlagen. Auf den Einwand des "Tätervaters" einigt man sich auf die Formulierung "ausgestattet mit einem Stock".

Im Laufe des Krisenkaffeekränzchens dürfen wir miterleben, wie die hehren Vorsätze und distinguierten Höflichkeitsfloskeln der Erziehungsberechtigten der Spießbürger-Barbarei weichen. Gewiss könnte man einwenden, der Plot nach einem Theaterstück von Yasmina Reza wirke eigentlich recht abgeschmackt, aber wie kleinkariert ist das denn bitte? Die Brillanz liegt im bösen Detail: im gefrorenen Lächeln Kate Winslets, in der ausgestellten moralischen Verbissenheit Jodie Fosters, in der vorgeschützten Trotteligkeit John C. Reillys, vor allem aber in der blasierten Mimik des Christoph Waltz. Herrlich ist′s, dem Quartett zuzusehen, wenn im Folgenden rasant die Fronten wechseln: Mal kämpft Paar gegen Paar (was auch heißt: Businesstypen gegen die Aktivistin und den Klospülungsvertreter, Finanz gegen Kultur, neoliberal gegen liberal), mal hetzen Männer gegen Frauen, mal hyperengagierte Mütter gegen desinteressierte Väter, mal dreschen die Ehepartner gegenseitig aufeinander ein. Wie die Gäste will man raus aus diesem geschmackvoll eingerichteten Wohnzimmer und schafft es nicht - man könnte glatt auf den Coffeetable-Kunstband kotzen.

Dass manch Kritiker Roman Polanskis Beschränkung aufs Kammerspiel mit dessen Schweizer Hausarrest in Verbindung bringt oder seinem Film gar eine persönliche Beichte unterstellt, ist natürlich Bullshit. Nehmen wir uns lieber an den zusehends verwahrlosenden Sitten der Gastgeber und Gäste ein Beispiel und genehmigen uns einen Schluck aus der Scotchpulle, bis wir vor Lachen vom Stuhl rutschen. "Ich wisch mir den Arsch ab mit euren Menschenrechten!" grölt Kate Winslet am Ende in die Runde. Und ich scheiß auf Differenzierungen: Super Film! Ich wisch mir den Arsch ab mit euren ausgewogenen Werturteilen!

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 12/2011

Marit Hofmann



Der Gott des Gemetzels
OT: Carnage
Frankreich / Deutschland 2011 - 79 min.
Regie: Roman Polanski - Drehbuch: Roman Polanski - Produktion: Saïd Ben Saïd - Kamera: Pawel Edelman - Schnitt: Hervé de Luze - Musik: Alexandre Desplat, Alberto Iglesias - Verleih: Constantin - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Jodie Foster, Kate Winslet, Matt Dillon, Christoph Waltz, John C. Reilly
Kinostart (D): 24.11.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1692486/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/der_gott_des_gemetzels/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/22264/GOTT-DES-GEMETZELS/Kritik/

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