filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Der diskrete Charme der Bourgeoisie

(Frankreich 1972; Regie: Luis Buñuel)

Psycho ohne Analyse

foto: © arthaus / kinowelt (dvd)
"Und dann war ich noch froh, dass ich in diesem Film das Rezept meines Martini dry unterbringen konnte." Luis Buñuel

Worum geht es hier? Schwer zu sagen. Bliebe nur die Flucht in die Inhaltsangabe ... aber was IST denn der Inhalt? Mal überlegen: 6 Großbürgerliche sind zum Essen verabredet. Aber Ort und Zeitpunkt scheinen falsch zu sein. Der Versuch wird wiederholt, mehrfach, ohne rechten Erfolg. Zum Essen kommt es nicht wirklich. Sei es, weil ein Missverständnis vorliegt, sei es, weil alle verhaftet werden, sei es, weil alle erschossen werden, sei es, weil das Treffen nur ein Traum, eher ein Alptraum, war. So ist der ganze Film: Nicht zu entscheiden, ob Traum, oder Pseudorealität (Fiktion), und selbst im Traum immer wieder junge Soldaten, die der Bourgeoisie ihrerseits ihre Träume zum Besten geben, oder von ihrer tragischen Kindheit erzählen ("Es wird länger dauern, aber es wird interessant!").

Absurd und surreal. Ironie und Psycho ohne Analyse. Das Unbewusste lebt. Und es sagt alles, auch wenn Herr Buñuel es nichts erklären lässt. Das Sein ist ein zweckloser Zustand, umso zweckloser das Sein der Bourgeoisie. Das deklarierte, angestrebte Ziel, das Dinner, wird nie erreicht, eine Sättigung, die Auflösung eines leiblichen Bedürfnisses bleibt unerfüllt. Was bleibt, ist der Weg, das Wie. Und meisterlich bringt Buñuel uns nahe: die Codices großbürgerlicher Vornehmheit, Arroganz und Verderbtheit, das nonchalante Arrangement von politischer, klerikaler und militärischer Macht. Es geht darum, zu sein, was man ist, savoir vivre, zu bleiben, wie man ist und wo man ist und hingehört: an die Macht. Morde, mehrere in diesem Film, sind entweder Kavaliersdelikte, Anekdoten der schauerlichen Art, altmodische Kolportage, oder Alpträume - wenn man selbst Opfer politischer Attentate wird. Das Leben der Bourgeoisie ist ein Schauspiel der vornehmen Fassade. In einer der schönsten Szenen öffnet sich hinter der gedeckten Tafel ein Vorhang: dahinter das Publikum, das Essen ist der zu spielende Akt, unsere großbürgerlichen Menschen die Theaterschauspieler - die plötzlich ihren Text vergessen haben und zu schwitzen beginnen.

Gelassene, spielfreudige und brillante Schauspieler verwandeln Buñuels lakonischen Plot in einen schlafwandlerisch stilsicheren Film, der an keiner Stelle einen Aussetzer hat, nie überpointiert oder irgendwie bedeutungsschwanger ist. Ein unbeirrbar weises (und pechschwarzes) Understatement praktiziert der Film in der Sprache seiner Bilder und Figuren, sodass jede neue Pointe den Spaß an der vorigen verdoppelt, in dem Maß, wie jede neue Szene einen weiteren Aspekt der Phänomenologie einer gesellschaftlichen Klasse addiert, weil die filmische Skizzierung durch keine figurellen oder inszenatorischen Fehler ins Stocken gerät. Aus dem idealen Ensemble noch heraus ragt der grandiose Fernando Rey als Kokain schmuggelnder, dauergeiler und schießfreudiger Botschafter der südamerikanischen Bananenrepublik "Miranda". In einer Gastrolle als befreundeter Justizminister der ihm in nichts nachstehende Michel Piccoli. Militär, Kirche, Polizei, Politik: alle sind sie niedlich vereint in der Bewahrung ihres Status Quo durch Unterdrückung und Korruption. Und sie geben sich kaum Mühe, das zu vertuschen. Die Politik, so der Botschafter, wird schließlich auch nicht durch Diplomatie oder gar Demokratie entschieden, denn sie ist eine militärische Angelegenheit.

Luis Buñuel knüpft mit seinen späten Filmen (u.a.: "Belle de jour" (1966), "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (1972), "Diese obskure Objekt der Begierde" (1977)) bei seinen besten Zeiten an, bei "Ein andalusischer Hund" (1928) und "Das goldene Zeitalter" (1930). Doch: Auch wenn Buñuel versucht hat, alle Deutungsversuche seines surrealen Films mithilfe doppelter Böden und verdreifachter Realitätsebenen zu verhindern, so hat er ein wunderbar scharfsichtiges, entlarvendes, komisches und kritisches Portrait abgeliefert von einer Bourgeoisie, die, wenn sie noch nicht abgeknallt wurde, dann heute noch dafür lebt, sich für das nächste Dinner zu präparieren.

Andreas Thomas

Benotung des Films: (10/10)


Der diskrete Charme der Bourgeoisie
OT: Le Charme discret de la Bourgeoisie
Frankreich 1972 - 102 min.
Regie: Luis Buñuel - Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carriere - Produktion: Serge Silberman - Kamera: Edmond Richard - Schnitt: Hélène Plemiannikov - Verleih: Arthaus / Kinowelt (DVD) - FSK: ab 16 Jahre - Besetzung: Fernando Rey, Delphine Seyrig, Stéphane Audran, Bulle Ogier, Jean Pierre Cassel, Michel Piccoli
Kinostart (D): 20.04.1973

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0068361/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik

Hitlers Hollywood

(DE 2016; Rüdiger Suchsland)
Ästhetik der Verführung von Wolfgang Nierlin
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...