filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Männertrip

(USA 2010; Regie: Nicholas Stoller)

72 Stunden mit dem Rockstar-Es

foto: © universal
Aldous Snow ist eine amerikanische Phantasie vom britischen Rockstar: ein Knäuel aus Dandy, Partytier und Drama-Queen, gesegnet mit einem nasalen Zungenschlag, der in gleichem Maß Souveränität und Weggetretenheit markiert. Der gockelhafte Stadionrockgott in hautengen Lederhosen ist drogensüchtig und einsam, aber trotz aller Neigung zu Selbstzerstörung und -mitleid eben kein tragisch verglühender Hendrix-, Morrison- oder Joplin-Komet, sondern: good, clean dirty fun. ("British motherfuckers never die", wie ein sehr lebhafter P. Diddy hier einmal poetisch, wenn auch pophistorisch verkürzt anmerkt.)

Seinen ersten Auftritt absolvierte der spindeldürre Lead-Sänger der fiktionalen Band "Infant Sorrow" 2008 in der von Comedy-Mogul Judd Apatow produzierten Beziehungskomödie "Forgetting Sarah Marshall": Dort war Snow - dem der britische Komiker Russell Brand Manierismen und Garderobe leiht - Nebenbuhler des Helden: Als solcher durfte er sich, wie das im Planetensystem Apatow üblich ist, von der Karikatur zum Charakter entfalten, ohne seine Lächerlichkeit preiszugeben. Nicholas Stoller, Apatow-Schüler und Regisseur von "Forgetting Sarah Marshall", hat Aldous Snow nun mit "Get Him to the Greek" (zu deutsch: "Männertrip") in das Zentrum einer eigenen Komödie gestellt - und dabei seine Signifikanz für den Apatow-Erzählkosmos entscheidend verschoben.

Statt den schrulligen Exoten am Bildrand zu geben, personifiziert Brand hier quasi in Reinform jenes hedonistische Es, mit dem Apatows Bubenkomödien stets kokettieren, um dann doch verantwortungsbewusst im Schoß mittelständischer Familienwerte zu landen. Für Aldous Snow gibt es, im Gegensatz zur "40-Year-Old Virgin" Andy oder den Teenagern in "Superbad", keinen Ausweg in monogame Zweisamkeit. Die Frage von "Männertrip" lautet: Was passiert, wenn das Rockstar-Es eine Apatow-Komödie hijackt, und wo schlägt das biedere Über-Ich zurück? Die Versuchsanordung ist als Buddy-Reisedrama angelegt: Der Musiklabel-Mitarbeiter Aaron Green (Jonah Hill) soll Snow binnen 72 Stunden von London zu einem Comeback-Konzert nach Los Angeles bringen. Der Auftrag von Aarons Vorgesetztem Sergio (P. Diddy) ist widersprüchlich: Snow soll möglichst nüchtern durch seine PR-Boxenstops getrieben werden, wenn nötig gilt es ihn aber durch gemeinsame Ausschweifungen bei Laune halten. Und da das Drehbuch in einer tollpatschigen Geste vor Aarons Abreise schnell noch seine Freundin abserviert (aber sicherheitshalber nur so halb), darf er auch ohne moralische Krise Groupie-Sex haben.

Das Experiment verläuft, komödiantisch wie ideologisch, eher ernüchternd: Ohne die Spannung mit Moralcodes und Romantikformeln eines US-amerikanischen Mittelstands-Mainstreams verflacht der Bubenspaß aus Drogenkonsum und Bimbo-Sex zu übersteuerten Sketches. Aldous Snows Exzesse werden dabei zwar als gelebter Alltag anerkannt. Aber wenn gegen Ende deviantes Begehren in eine Paarbeziehung jenseits des Rockgötterhimmels einzusickern droht, dann zieht der Film die Notbremse. Und zwar so unvermittelt, dass man den Ruck spürt.

Die seltsame Unwucht von "Männertrip" hat freilich noch andere Ursachen: Das Showbiz-Milieu bietet reichlich Gelegenheit für Gastauftritte (endlich Metallica-Drummer Lars Ulrich und Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman im selben Film!), entzieht den zahlreichen Popkultur-Scherzchen aber jeden alltagsnahen Resonanzraum. Und das gelassene Ensembleblödeln, das andere Apatow-Filme auszeichnete, kann sich in der gehetzten Countdown-Struktur kaum mehr entfalten. Nur wenn der Film nach Las Vegas reist, nicht erst seit "Knocked Up" die US-Hauptstadt männlicher Sehnsucht wie Hysterie, findet der schrille Tonfall seine eigene Integrität: In einer Slapstick-Sequenz, an der Schauspieler-Altspatz Colm Meaney, ein Drogencocktail und eine mit Fell tapezierte Wand wesentlichen Anteil haben, macht der Film endlich ernst mit seiner Vulgarität. Für diese fünf Minuten schaut dann sogar Stollers klobige Mise-en-scène aus, als wäre sie Teil der Komik.

Joachim Schätz

Benotung des Films: (6/10)


Männertrip
OT: Get Him to the Greek
USA 2010 - 109 min.
Regie: Nicholas Stoller - Drehbuch: Nicholas Stoller, Jason Segel - Produktion: Judd Apatow - Kamera: Robert D. Yeoman - Schnitt: William Kerr, Michael L. Sale - Musik: Lyle Workman - Verleih: Universal - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Jonah Hill, Russell Brand, Rose Byrne, Elisabeth Moss, Colm Meaney, Kali Hawk, Meghan Markle, Pink, Christina Aguilera, Katy Perry
Kinostart (D): 02.09.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt1226229/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2010/maennertrip/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21351/M%C3%A4NNERTRIP/Kritik/

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 18.05.2017

National Bird

(USA 2016; Sonia Kennebeck)
Sind so viele Drohnen... von Jürgen Kiontke

Nocturama

(BE/DE/FR 2016; Bertrand Bonello)
Terror als surrealistische Geste von Ulrich Kriest

Nocturama

(FR/DE/BE 2016; Bertrand Bonello)
Krankheit zum Tode von Wolfgang Nierlin
kinostart: 11.05.2017

Das Ende ist erst der Anfang

(BE/FR 2015; Bouli Lanners)
Gegen die Angst immer geradeaus von Wolfgang Nierlin

Rückkehr nach Montauk

(DE, FR, IE 2017; Volker Schlöndorff)
Tier mit wechselnden Standpunkten von Wolfgang Nierlin
kinostart: 04.05.2017

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Black Lives Matter, White Lies Splatter von Drehli Robnik

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
Kollektiver Albtraum der amerikanischen Zivilgesellschaft von Nicolai Bühnemann

Get Out

(USA 2017; Jordan Peele)
The Horror, the horror von Marit Hofmann

Victoria - Männer & andere Missgeschicke

(FR 2016; Justine Triet)
Selten innerer Frieden von Wolfgang Nierlin
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin

Die Schlösser aus Sand

(FR 2015; Olivier Jahan)
Lauter Abschiede und ein Neubeginn von Wolfgang Nierlin

Guardians of the Galaxy Vol. 2

(USA 2017; James Gunn)
Daddy Issues im Familien-Business von David Auer
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik

The Founder

(USA 2016; John Lee Hancock)
Von San Bernardino um die Welt mit dem (Nicht-)Gründer Kleptokapitalisten-Kroc von Nicolai Bühnemann
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann

Tiger Girl

(DE 2016; Jakob Lass)
Destruktive Selbstfindung von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 19.05.2017

Humanoid

(USA 2016; Joey Curtis)
Endlose Schlachten im ewigen Eis von Nicolai Bühnemann
bluray-start: 19.05.2017

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)
Afrikabilder von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/D 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Fehlgeleitete Besessenheit im Partyparadies von Nicolai Bühnemann

Spring Awakening

(GR 2015; Constantine Giannaris)
Fotoalbum der Rebellion von Nicolai Bühnemann

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt

kurzkritiken

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #36

Taxi Driver

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-15

von Jürgen Kiontke

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?