filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Hierro - Insel der Angst

(Spanien 2009; Regie: Gabe Ibáñez)

Let′s (Please Not) Do the Twist (Again)

foto: © universal
Wenn man seine Familie am Abend mit einem Elefanten im Wohnzimmer überraschen möchte, ist es sicherlich nicht sinnvoll, das Tier dort schon morgens abzustellen und lediglich unter einem Häkeldeckchen zu verstecken. So ähnlich verhält es sich mit "Hierro - Insel der Angst", denn dem Psychothriller wird ein kaum überraschender Plottwist zum Verhängnis, und die allzu offensichtlichen Hinweise darauf verderben den Filmgenuss schon recht früh. Aber von vorne, denn eigentlich fängt ja alles ganz gut an.

Eine einsame, gewundene Landstraße, mitten in der Nacht. Eine Frau ist mit ihrem kleinen Sohn unterwegs und rast, als sei sie auf der Flucht. Die Musik dräut, und ebenso bedrohlich wird das Spielzeugauto des Jungen im Handschuhfach hin und her geschleudert. Mit einer Hand will die Mutter ihr Kind eben noch anschnallen, als sie plötzlich die Leitplanke durchstößt. Auto und Spielzeugauto schweben in Zeitlupe durch die Luft, krachen zu Boden, die Scheiben bersten. Als die Frau vom Tageslicht geweckt wird, ist sie allein im Wrack und schwer verletzt. Von ihrem Kind keine Spur.

Wer nach diesem aufregenden Auftakt erwartet, jetzt die Geschichte dieser Frau und ihres Verlusts erzählt zu bekommen, erlebt eine Überraschung, denn plötzlich scheint die Erzählung neu anzusetzen. Nun geht es um eine ganz andere Frau, die eine ähnlich schreckliche Erfahrung macht: Die allein erziehende Maria Vara will mit ihrem Sohn Diego zur Kanaren-Insel Hierro übersetzen und dort Urlaub machen. Sie schläft auf der Fähre mit dem Kind im Arm ein, und als sie aufwacht, ist es verschwunden. Die Polizei findet keine Spur des Jungen. Traumatisiert kehrt Maria zurück zu den Scherben ihres alten Lebens. Später erhält sie die Nachricht, dass eine Leiche im Meer gefunden worden sei, möglicherweise ihr Sohn, und reist in Begleitung ihrer Schwester erneut nach Hierro. Bei der Identifikation schließt Maria aber aus, dass es sich um Diego handelt. Sie muss trotzdem noch ein paar Tage bleiben, bis ein richterlicher Beschluss für einen DNA-Test vorliegt. Ihre Schwester reist wieder ab, und Maria nutzt die Zeit, sich auf eine Spurensuche zu begeben.

Viele Psychothriller spielen ein doppeltes Spiel. Ganz allmählich zeigen sich dann Risse im vermeintlichen Geschehen, und es erweist sich, dass wir als Zuschauer den Täuschungen einer Figur aufgesessen sind, weil die Inszenierung geschickt verbarg, dass aus einer beschädigten Wahrnehmung heraus erzählt wurde, wir vielleicht sogar an einer Wahnvorstellung teilhatten. Auch "Hierro - Insel der Angst" legt früh entsprechende Fährten. Regisseur Gabe Ibáñez bemüht sich um Ambivalenz und nutzt altbekannte Inszenierkonventionen. Doch leider ist sein Debütfilm noch weit davon entfernt, zu einem labyrinthischen Klassiker zu werden wie beispielsweise Nicolas Roegs "Don′t Look Now" ("Wenn die Gondeln Trauer tragen", 1973), der ebenfalls vom Nachklang eines schrecklichen Verlusts erzählt.

"Hierro" findet leider nicht die nötigen subtilen Mittel, um eine Unsicherheit über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Schon Marias Träume und Halluzinationen, in denen Wasser rückwärts fließt und sie ihren Sohn festhält, wirken überdeutlich. In einigen entscheidenden Szenen ist es dann die Kamera, die zuviel verrät - gerade indem sie nichts verraten will: Sie zeigt ein Gesicht nicht und legt umso mehr nahe, dass es dafür doch wohl einen guten Grund geben wird. Die Farbpalette des Films ist auf die Farben des Meeres beschränkt, erinnert an Algen und faules Seegras. Stimmungsvoll ist das auf alle Fälle, doch wenn auch in Marias Hotelzimmer alle Bilder an den Wänden das Meer und bedrohliche Wellen zeigen, müssen selbst Zuschauer mit nur wenig Plottwist-Erfahrung nicht mehr lange grübeln.

Wie in jedem Pointenfilm gibt es zum Schluss den Wendepunkt, an dem sich die Täuschung endlich auch der Figur selbst offenbart und sich die Realitätsverschiebung auflöst. Hier schreit einem der Film seine Pointe regelrecht entgegen und nutzt Rückblenden, um auch wirklich jedes Missverständnis aufzuklären. Zeitlupen, pathetische Musik und Atemgeräusche auf der Tonspur sollen die Emotionalität verstärken, doch letztlich verhält es sich leider ganz anders: "Hierro" versucht nicht nur, den Elefanten im Wohnzimmer als Überraschung zu verkaufen, sondern erklärt auch noch ausführlich, dass und warum es sich um einen Elefanten handelt. Sieh mal hier: Stoßzähne! Rüssel! Trampelfüße! Die wirklichen Rätsel in "Hierro" entstehen eher durch eine gelegentlich unpräzise Montage, denn bisweilen gelingt es Gabe Ibáñez nicht, seinen Film klar zu strukturieren, so dass einige Zeitsprünge und Ortswechsel unnötig (und ungewollt) verwirrend geraten.

Gut, es handelt sich um ein Debüt, und deshalb muss noch nicht alles rund laufen, und das richtige Maß darf auch mal fehlen. Viele Momente zwischen Mutter und Sohn sind zärtlich und berührend, und selbst die Kinderdarsteller nerven in keinem Moment. Schieben wir einen Großteil der Schuld deshalb nicht auf Regisseur Gabe Ibáñez und auch nicht auf den Drehbuchautor Javier Gullón, sondern zum Beispiel auf David Fincher und M. Night Shyamalan. Deren Filme "Fight Club" und "The Sixth Sense" wurden relativ zeitnah 1999 veröffentlicht und motivierten vermutlich gleich mehrere Generationen von Filmemachern, es mit unzuverlässigen Erzählern und wilden Plottwists zu versuchen. Die Ergebnisse dieses mutmaßlichen Wettbewerbs sind teilweise so skurril, dass der zwar nicht gelungene, aber klassische Versuch in "Hierro" gar nicht so unsympathisch wirkt. Doch beim nächsten Film darf es gerne entweder ein richtig gutes oder mal ein überraschend unüberraschendes Drehbuch sein.

Louis Vazquez

Benotung des Films: (4/10)


Hierro - Insel der Angst
OT: Hierro
Spanien 2009 - 91 min.
Regie: Gabe Ibáñez - Drehbuch: Javier Gullón - Produktion: Álvaro Augustín, Jesús de la Vega - Kamera: Alejandro Martínez - Schnitt: Enrique Garcia - Musik: Zacarías M. de la Riva - Verleih: Universal - Besetzung: Elena Anaya, Hugo Arbues, Jon Ariño, Miriam Correa, Tomás del Estal, Andrés Herrera, Javier Mejía, Kaiet Rodríguez, Raquel Salvador, Bea Segura, Mar Sodupe
DVD-Start (D): 16.12.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1318025/

Details zur DVD:
Bild: 1,78:1 (anamorph / 16:9) - Sprache: Deutsch, Spanisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - FSK: ab 16 Jahren - Verleih: Universal

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

9 Songs

(GB 2004; Michael Winterbottom)

Sex. Sex. Sex.

von Dietrich Kuhlbrodt

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...