filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

John Rambo

(USA 2008; Regie: Sylvester Stallone)

Heroismus-Resterampe

foto: © warner
Der Hype um den nunmehr vierten Rambo-Film ist ziemlich schnell der Ernüchterung gewichen: Die amerikanische Filmkritik zeigt sich verhalten, das Einspielergebnis des ersten Wochenendes blieb mit rund 19 Millionen Dollar deutlich unter den Erwartungen und seine Reputation, die sich Stallone mit dem Achtungserfolg "Rocky Balboa" (für den er zuvor bereits, wie auch im vorliegenden Fall, als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in Personalunion fungierte) erspielte, scheint wieder im Abklang begriffen. Rambo, das war der prototypische Actioner der 1980er Jahre, eine wortkarge Kampfmaschine, zunächst ein getriebener Vietnamveteran, der sich im weiteren Verlauf der Serie zum waschechten reagonomic mit Panzerkörper mauserte und als Ein-Mann-Armee im vietnamesischen Dschungel wie in der afghanischen Wüste dem Kommunismus trotzte. So lautet zumindest die gängige, ideologiekritische Lesart, deren fortwährende Reproduktion die Figur eher in das ironisch geerdete Abteil des Olymps der Popikonen hievte. Welchen Stellvertreter-Krieg will diese Figur heute, immerhin gut 20 Jahre seit der letzten Fortsetzung und einem Kalten Krieg, der ohne Helden versiegte, noch führen?

"Taking a life is never right", spricht ein christlicher Missionar verächtlich zu Rambo, nachdem dieser die Gruppe mit tödlicher Präzision vor der Exekution einer burmesischen Piratenbande bewahrte. Ziel der Bootstour: ein kleines Dorf inmitten der Wirrungen des burmanisch-karenischen Bürgerkrieges, dessen Bewohnern die Friedensfreunde, ausgestattet mit Medikamenten und Bibeln, aber keinen Waffen, pazifistischen Beistand leisten möchten. Natürlich wird das Dorf dem Erdboden gleichgemacht, und natürlich obliegt es dem widerwilligen Rambo, zusammen mit einem Söldnertrupp, der ausgerechnet vom ansässigen Priester angeheuert wurde, die Rettung der entführten Überlebenden anzutreten. Die Frage kann nur noch lauten, wie und warum er es tut.

Nicht nur in der Überbietungslogik der zur Schau gestellten Gewalt ist "John Rambo" seinen Vorgängern turmhoch überlegen, mit ihrem fast schon hyperreal anmutenden Modus dichtet er ihr zudem eine völlig neuartige Funktion zu, die sich erst so richtig anhand der abstoßenden Drastik und ihrer gleichzeitigen Verzahnung mit dem augenscheinlichen B-Movie-Charakter des Plots erweist. Kein Element wird ausgelassen, das die Phalanx an Action-Motiven zur Dämonisierung der Gegenspieler nicht bereits reaktionär erprobt hätte: Der Feind ist gesichtslos, massenhaft und völlig sadistisch; plündernd, folternd, vergewaltigend und pädophil veranlangt schreckt er nicht mal vor grausamster Kindestötung zurück (nach wie vor ein Novum in Hollywood); und der pazifistische Missionar weiß sich im Finale nur noch im vollendeten Regress zu helfen: Mit einem Stein zertrümmert er rauschhaft im den Kopf seines Antagonisten - und dies alles geschieht auch noch auf dem Rücken eines real existierenden Konflikts.

Kein Zweifel, dieser Krieg taugt nicht mehr als augenzwinkernder Comic-Relief, als welche die Vorgänger das kollektive Gedächtnis bewohnen. Dabei wird gerne die Entwicklung der Figur Rambo übersehen: vom unerwünschten Kriegsheimkehrer, der fast schon einem Anachronismus gleich lebende Wunde und Vertreter jener zweiten Veteranengeneration zwar, die eher mit Drogenkonsum denn würdevollem Heroismus besetzt war, über den rasenden Amokläufer, der in dem schmerzvollen Verlust der einzigen Liebe und im gleichzeitigen Kampf gegen die eigene, korrupte Regierung jede Präzision und Taktik vergessen hat, bis zum in sich ruhenden Pol, der seine innere krieg- also menschgemachte Natur kontrolliert in einer gewaltdurchdrungenen Welt entlädt und dadurch geradewegs seine eigene Moral konstruiert, war es ein steiniger Weg. Seine vermeintlich patriotische Richtung fand immer wieder an der widersprüchlichen und inkonsistenten Haltung Rambos selbst ihre Grenzen.

Was wir in "John Rambo" präsentiert bekommen, ist letztlich nur noch pures Destillat der Vorläufer, und das suggeriert bereits der Titel, der den Film nicht als weitere Fortsetzung beziffert, sondern der Figur eine nun vollkommene Identität zuschreibt. "You think you killed for your country. You killed for yourself", lautet Rambos Legitimation des erneuten Griffs zur Waffe. Die Demarkationslinie droht ständig überschritten zu werden: Nicht nur räumlich lebt er in der unmittelbaren Nähe des Krieges. Für seine Initiation braucht es keine Vaterfigur mehr, wie dereinst Colonel Trautman, sondern lediglich ein vollwertig akzeptiertes Ich. Das führt die Konturierung der Figur hinab in die Wirrungen des Nihilismus, und an dieser Stelle kommt die Gewalt ins Spiel. Das Klischee der Figur will nicht mit der Grausamkeit der Bösewichte harmonieren. Zu sorgfältig ist die Gewalt inszeniert, zu verstörend ihr Effekt, als dass sie als pures exploitatives Element bestehen könnte. So wird sie unter der Hand zum eigentlichen Thema des Films. Sie skizziert die Bösewichte nicht nur abstoßend genrekonform als völlig degenerierten Abschaum, denen jedes Leid der Welt zu wünschen ist, sondern schlägt zugleich einen Bogen zu den Vorgängern, die diese Versatzstücke erst zaghaft etablierten. Vom Heroismus bleibt nur noch das hilflose Zitat: kein von der Marter gezeichneter und schon deswegen umso erstarkter nackter Oberkörper, nur noch eine kurze Positionierung der Figur als rettende Instanz im rechten Moment unterlegt vom klassischen Musik-Thema. Die Kämpfe finden auf Distanz statt, im Schlussteil agiert Rambo fast schon im Hintergrund, und das finale Aufeinandertreffen ist keines: Hinter einem Baum versteckt stößt er das Messer blitzschnell in den Bauch seines fliehenden Kontrahenten. Entsprechend in Szene gesetzt wird dieser Akt erst, als der Kampf bereits entschieden ist. Spannung und Genugtuung fühlen sich anders an.

Die Mythologie des Actioners zerbricht an ihrer Revitalisierung, ohne irgendeine Transzendenz anzustreben: Mit dem Spaß am Heroismus ist der realen Gewalt nicht beizukommen, aber der Wunsch nach einem heroischen Vollstrecker angesichts des dargebotenen Leids trübt zugleich den Blick für die Konstitution des Leids. Hier jedenfalls ist Rambo die Antithese seiner selbst, kapituliert vor seinen Funktionen und manövriert den Heroismus aufs Abstellgleis der blindwütigen Kulturkritik.

Sven Jachmann

Benotung des Films: (7/10)


John Rambo
OT: Rambo
USA 2008 - 92 min.
Regie: Sylvester Stallone - Drehbuch: Sylvester Stallone - Produktion: Josef Lautenschlager, Avi Lerner, Kevin King Templeton, John Thopmson - Kamera: Glen MacPherson - Schnitt: Sean Albertson - Musik: Brian Tyler - Verleih: Warner - FSK: ab 18 Jahren - Besetzung: Sylvester Stallone, Julie Benz, Matthew Marsden, Ken Howard, Graham McTavish u.a.
Kinostart (D): 14.02.2008

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0462499/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2008/john_rambo/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/19711/JOHN-RAMBO/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.03.2017

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
kinostart: 02.03.2017

Certain Women

(US 2016; Kelly Reichardt)
Äußere Ferne, innere Verlassenheit von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Marx mag´s brav (und ist doch Projektprankster) von Drehli Robnik

Der junge Karl Marx

(FR, DE,BE 2016; Raoul Peck)
Glück des Aufbegehrens von Wolfgang Nierlin

Der junge Karl Marx

(FR, DE, BE 2016; Raoul Peck)
Was macht der Finger in der Webmaschine? von Jürgen Kiontke

Logan

(USA 2017; James Mangold)
Alte Männer danken ab - Re-/Generationswechsel im Popkultur-Refugium von David Auer
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin

Elle

(FR, D, BE 2016; Paul Verhoeven)
Katzen, Menschen, Vergewaltigungen von Nicolai Bühnemann

T2 Trainspotting

(GB 2017; Danny Boyle)
Booooooooooy von Ricardo Brunn
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.01.2017

The Lady in the Car with Glasses and a Gun

(F/B 2015; Joann Sfar)
Edel-Retro von Bernd Kronsbein

kurzkritiken

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

The Ides of March - Tage des Verrats

(USA 2011; George Clooney)

Politische Archetypen

von Andreas Busche

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...