filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

The Gambler

(USA 2014; Regie: Rupert Wyatt)

Das Glück als Glückssache

foto: © paramount
Zielstrebig bewegt er sich durch die zwielichtigen Räume. Vorbei an den Tischen voller Menschen, überwiegend Männer, von denen einige, während sie auf das ganz große Glück warten, nervös an ihren E-Zigaretten ziehen. Am Ziel seines Ganges durch diese Unterwelt setzt er alles auf eine Karte, gewinnt zunächst Unsummen, setzt weiter alles auf eine Karte. Unruhig blickt die Dealerin zu ihren Vorgesetzten, der Erlaubnis harrend, das Spiel fortzusetzen. Es sei zu seinem eigenen Schutz, erklärt sie ihm. Doch gerade diesen Schutz will er nicht. Er will weiter spielen, immer alles auf eine Karte, bis er alles verloren hat. Und wenn er das noble Gambling Establishment verlässt, hat Jim Bennett (Mark Wahlberg) 60.000 Dollar Schulden - selbstverständlich bei Leuten, denen man besser kein Geld schuldig bleibt.

Wenn Bennett nicht spielt, arbeitet er als Literaturprofessor und vermittelt den Studierenden seine zynischen Ideen über Camus' "Der Fremde" und das Wesen von Talent. Dass Amy Phillips (Brie Larsson), die einzige seiner Schülerinnen, der er talentiert genug hält für eine Zukunft in der schreibenden Zunft, zu seinem love interest wird, scheint für ihn nur ein weiterer Baustein zu sein zu einem Leben unter beständiger Hochspannung, das diktiert wird von der unermüdlichen Jagd nach Kicks - und seien es auch ganz buchstäbliche, wie die, mit denen er von seinen koreanischen Schuldnern einmal böse zusammengestaucht wird.

Mark Wahlberg soll gesagt haben, er habe sein ganzes Leben auf eine solche Rolle gewartet. Beinahe dreißig Kilo nahm er ab, um dem Mann, der mit seinem Leben spielt, dem ewig Getriebenen eine angemessen schmächtige Statur zu verleihen. Wahlberg macht seine Sache durchaus überzeugend, wirkt aber dennoch etwas angestrengt in der Abgeklärtheit, mit der er sich fürs Charakterfach vorstellt. Gleich in der ersten Einstellung rinnt eine Träne über sein Gesicht, das die folgenden 110 Minuten kaum jemals zur Ruhe kommen wird. Ganz großartig besetzt ist der Film allerdings in den Nebenrollen. Jessica Lange gibt Bennetts Mutter so fies und neurotisch, dass man es durchaus verstehen kann, dass er sich von ihr "freikauft", indem er sich Geld von ihr leiht, um seine Schulden zu begleichen, welches er anschließend, in einer rauschhaft inszenierten Nacht in der Spielhalle verzockt. Einer der Schuldner wird gegeben von Michael Kenneth Williams, der schon als schwuler Gangster Omar in der Serie "The Wire" eine geradezu diabolische Coolness an den Tag legte. Ein anderer, der bei dem sich Bennett Geld leiht, um alle anderen auszubezahlen, wird gespielt von John Goodman, der in einer Sauna-Szene seinen nackten, wahrlich Buddha-haften Oberkörper zeigt. Goodman erklärt in einem der grandiosen Dialoge, dass ein entspanntes Leben allein darin bestehen kann, sich in einer Position zu befinden, in der man der Welt mit nur zwei Worten begegnen kann: "Fuck you!". Schließlich Brie Larsson, der als Amy die Aufgabe zufällt - die vielleicht insgeheim alle Nebenfiguren inne haben - einen Kontrapunkt zu bilden zu Wahlbergs getriebener, rastloser, selbstzerstörerischer Männlichkeit. Ob er sich selbst wirklich so sehr hasst, darf sie ihn einmal fragen.

"The Gambler" ist ein Remake des gleichnamigen Films von 1974, in dem Drehbuchautor James Toback autobiographische Elemente verarbeitet haben soll, der aber auch lose auf Dostojewskis "Der Spieler" basiert. Die Vielzahl der Verfilmungen von Dostojewskis kleinem Roman mag Aufschluss darüber geben, welch ein dezidiert filmisches Sujet das Glücksspiel und die sich aus ihm ergebende Abhängigkeit sind. "The Gambler" führt einmal mehr vor, dass Menschen sich nirgendwo so glamourös und so unterhaltsam in den Ruin stürzen, wie im Casino. Unter den Dostojewski-Adaptionen findet sich eine, die den Titel "The Great Sinner" trägt und 1949 unter der Regie von Robert Siodmak entstand. Im Hollywood des Production Codes musste der Zynismus einer Gesellschaft, in der es zum guten Ton gehört, Familienangehörige an die Spieltische zu setzen in seine Schranken gewiesen werden, der große und durch und durch verlorene Sünder schließlich zu christlicher Heilsbotschaft, Läuterung und Liebe finden.

Und 2014? Hat, ohne zu viel zu verraten, Gott als Erlöser ausgesorgt und an seiner Stelle steht nur noch das Roulette, über das in Großaufnahme und Zeitlupe die Kugel saust, dass es klingt wie eine Sturmbö. Eine große, schreckliche Schicksalsmacht. Zwar wird Bennett letztlich ein Happy End spendiert, zwar kann ein Mann, der einen Masterplan verfolgt, über dessen Ausgang er nicht die geringste Kontrolle hat, letztlich nur als komödiantischer Held erscheinen. All das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, wie grausam eine Welt sein muss, in der das Glück reine Glückssache ist.    

Nicolai Bühnemann

Benotung des Films: (8/10)


The Gambler
USA 2014 - 111 min.
Regie: Rupert Wyatt - Drehbuch: William Monahan - Produktion: Robert Chartoff, Stephen Levinson, Mark Wahlberg, David Winkler, Irwin Winkler - Kamera: Greig Fraser - Schnitt: Pete Beaudreau - Musik: Clint Bennett, Peter Rotter - Verleih: Paramount - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Jessica Lange, Mark Wahlberg, Brie Larson, Sonya Walger, John Goodman, Caitlin O'Connor, Erika Jordan, Michael Kenneth Williams, Anne McDaniels, George Kennedy, Leland Orser, Richard Schiff
Kinostart (D): 15.01.2015
DVD-Start (D): 28.05.2015
Blu-ray-Start (D): 28.05.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2039393/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2.40:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch, Englisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch, Englisch - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: Paramount

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...