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Venezianische Freundschaft

(Italien / Frankreich 2011; Regie: Andrea Segre)

Verriegeltes Leben

foto: © jolefilm
Zunächst arbeitet Shun Li (Zhao Tao) in einer römischen Nähfabrik, die von Chinesen betrieben wird. Die junge Mutter muss bei ihrem ominösen Arbeitgeber Schulden abbezahlen, damit ihr 8-jähriger Sohn, der beim Großvater lebt, nach Italien nachkommen kann. Man spürt den psychischen Druck, dem Shun Li ausgesetzt ist und den sie still erträgt, ohne Näheres über die Hintergründe des Frondienstes zu erfahren. Dafür richtet der italienische Soziologe und Dokumentarist Andrea Segre in seinem Spielfilmdebüt "Venezianische Freundschaft" ("Io sono Li") den Blick auf ausbeuterische Wohn- und Arbeitsverhältnisse. Shun Li "arbeitet, bezahlt und wartet", wie sie selbst einmal sagt. Als unauffällige Arbeitssklavin steht sie gewissermaßen unter Aufsicht und Kontrolle. Weder kann sie frei über ihre Zeit noch über ihren Verdienst verfügen. Ihr Leben erscheint verriegelt. Halt findet sie allein in der Poesie des antiken Dichters Qu Yuan und den empfindsamen Briefen, die sie sehnsuchtsvoll an ihren kleinen Sohn schreibt.

Dann wird die disziplinierte Arbeiterin mit der offenen, freundlichen Ausstrahlung unvermittelt aus dem hässlichen römischen Vorort in die venezianische Lagunenstadt Chioggia, dem wenig touristischen "Klein-Venedig", versetzt, wo sie die "Osteria Paradiso" betreiben soll. Das Lokal wird hauptsächlich von einheimischen Fischern frequentiert, die sich anfangs über die Sprach- und Kommunikationsprobleme der unerfahrenen Fremden lustig machen. Doch ist der Spott der eingeschworenen Männergemeinschaft nicht böse gemeint. Einer von ihnen, der als Dichter apostrophierte Bepi (Rade Sherbedgia), freundet sich sogar mit Shun Li an. Er, der vor dreißig Jahren selbst aus Jugoslawien emigrierte, teilt mit ihr die Herkunft aus dem Fischermilieu, ähnliche Fremdheitserfahrungen und nicht zuletzt eine seelenverwandte Empfindsamkeit.

Andrea Segre entwickelt entlang dieser berührenden Freundschaft, die bald Anfeindungen ausgesetzt ist, einen (schon im doppeldeutigen Originaltitel mitschwingenden)  interkulturellen Dialog, der immer wieder überraschende Schnittmengen aufweist und von gegenseitigem Respekt und Verständnis getragen wird. Dabei werden selbst die Unterschiede mitunter humorvoll integriert. Still und zurückhaltend erzählt Segre aber auch vom sozialen Druck, der auf dieser freundschaftlich-zärtlichen "Vater-Tochter-Beziehung" lastet und schließlich zu einem ebenso geheimnisvollen wie schmerzlichen "Ausgleich" führt. Aus stimmungsvollen Bildern, in denen eine wärmende Wintersonne die kühlen Nebelschleier über der Lagune lichtet, schimmern immer wieder Refugien der Ruhe und Geborgenheit, die doch nicht von Dauer sein können: Wie jene geliebte Fischerhütte auf dem Meer, die schließlich - als Reminiszenz an die schwimmenden Teelichter zu Ehren des Dichters Qu Yuan - in einem Feuer der Erinnerung verbrennt und zugleich leuchtet.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (7/10)


Venezianische Freundschaft
OT: Io sono Li
Italien / Frankreich 2011 - 97 min.
Regie: Andrea Segre - Drehbuch: Andrea Segre, Marco Pettenello - Produktion: Francesco Bonsembiante, Francesca Feder - Kamera: Luca Bigazzi - Schnitt: Sara Zavarise - Musik: François Couturier - Verleih: Jolefilm - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Tao Zhao, Rade Serbedzija, Marco Paolini, Roberto Citran, Giuseppe Battiston
Kinostart (D): 05.12.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2036388/

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