filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Hin und weg

(Deutschland 2014; Regie: Christian Zübert)

Abschied in Ostende

foto: © majestic filmverleih
Ein noch junger Mann auf einem Hometrainer fährt angestrengt gegen sich selbst und gegen die Zeit. Sein tägliches Leistungspensum wird schwächer, seine Kräfte lassen kontinuierlich nach. Denn der 36-jährige Hannes (Florian David Fitz) leidet an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS, an der schon sein Vater gestorben ist. Im Kontrast und in der Verbindung zu ihm zeigt Christian Zübert in der Exposition zu seinem neuen Film "Hin und weg" in einer mit Splitscreens arbeitenden Montagesequenz das Ensemble seiner Freunde: Eine mehr oder weniger lustige Runde von Thirtysomethings, die zu diesem Zeitpunkt - ebenso wenig wie der Zuschauer - noch nichts von Hannes tödlicher Krankheit wissen und deren generationstypischen Probleme im Vergleich dazu marginal erscheinen. Während Frauenheld Michael (Jürgen Vogel) als liebenswerter Macho und lockerer Hallodri die sexuellen Freuden seines Single-Daseins kultiviert, stecken Mareike (Victoria Mayer) und Dominik (Johannes Allmayer) im Ehe-Frust ihrer langjährigen Beziehung fest.

Kurz darauf wechselt Züberts in Cinemascope gedrehter Ensemblefilm, der die Balance sucht zwischen Heiterkeit und Ernst, in den Modus des Roadmovies. Gemeinsam unternimmt die Clique, zu der auch Hannes Freundin Kiki (Julia Koschnitz) gehört, eine Fahrradtour nach Belgien. Für Hannes soll es ein Abschied sein, denn sein noch geheimer Zielort ist eine Sterbeklinik in Ostende. Als er sich bei einem Zwischenstopp im Hause seiner Mutter Irene (Hannelore Elsner) den Freunden eröffnet, sitzt deren Schock tief und der eben noch lockere Tonfall verstummt schlagartig. Ihrem Gesprächsbedürfnis begegnet der mal kämpferische, meistens jedoch nachdenkliche Hannes mit den Worten: "Ich will nicht quatschen, sondern einfach nochmal mit den Freunden abhängen." Und Michael verspricht: "Wir hauen nochmal richtig auf die Kacke!"

Genau darin liegt ein Problem des Films. Zwar entdecken in der Folge, vermittelt durch ein Gruppenspiel, vor allem die Freunde ihr eigenes Leben neu; doch zu oft hat man den Eindruck, als erschöpfe sich dieses primär in einem lustvoll-spaßigen Hedonismus. Immer wieder beschwört der Film, unterstützt durch stimmungsvolle Musik, den Wert von Beziehungen und rührt dabei an die Gefühle; eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe oder auch den inneren Konflikten, die zu Hannes′ Entscheidung für einen selbstbestimmten Tod führen, bleibt aus. Überhaupt ist die Zeichnung der Charaktere relativ flach und der realistische Grundton nur an manchen - vor allem gewichtigen Stellen - nicht plakativ. So hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck: Die zweifellos vorhandenen Diskussionsanlässe müssen seinem routiniert vorgetragenen Unterhaltungswert gewissermaßen abgetrotzt werden.

Wolfgang Nierlin

Benotung des Films: (3/10)


Hin und weg
Deutschland 2014 - 95 min.
Regie: Christian Zübert - Drehbuch: Ariane Schröder, Christian Zübert - Produktion: Florian Gallenberger, Benjamin Herrmann - Kamera: The Chau Ngo - Schnitt: Mona Bräuer - Verleih: Majestic Filmverleih - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Florian David Fitz, Julia Koschitz, Jürgen Vogel, Miriam Stein, Volker Bruch, Johannes Allmayer, Victoria Mayer, Hannelore Elsner, Sascha Hartmann
Kinostart (D): 23.10.2014
DVD-Start (D): 30.04.2015
Blu-ray-Start (D): 30.04.2015

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3273636/

Details zur DVD / Blu-ray:
Bild: 2.35:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: 20th Century Fox

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritiken

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

ältere filme

King Kong

(USA, NZ 2005; Peter Jackson)

König - Dame - Turm

von Drehli Robnik

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-13

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ricardo Brunn schrieb am 28.2.2017 zu La La Land

Ja, das mit den Sternen ist immer so eine Sache. Ich versuche im Text häufig nur einzelne Aspekte aufzugreifen, die die Sterneanzahl darunter dann nicht zwingend reflektiert. Manchmal ist der Film insgesamt nicht ge...

Frage schrieb am 27.2.2017 zu La La Land

Zugegeben: bei dieser (nicht unberechtigten) Kritik verstehe ich das Zusammenspiel von Text und fünf! Sternen nicht. Zwei vielleicht?

Sebastian schrieb am 22.2.2017 zu Kalt wie Eis

Vielen Dank für Deine Antwort! Du hast mit Deinen Einwänden natürlich recht. Ich habe wohl etwas zu schnittig formuliert (eins, zwei, drei) ;-) Grundsätzlich hege auch ich (Jahrgang 65), wie vermutlic...