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Monsieur Lazhar

(Kanada 2011; Regie: Philippe Falardeau)

Was gesagt werden muss

foto: © arsenal
Quebec, die frankophone Region im Osten Kanadas, an einem Tag wie viele andere. Der elfjährige Simon kommt zur Schule, spricht kurz mit der gleichaltrigen Klassenkameradin Alice und macht sich dann auf den Weg, die Schulmilch für seine Klasse zu besorgen. Die Tür zum Klassenraum ist verschlossen, doch durch die Scheibe in der Tür sieht er, dass die junge, bei den Kindern sehr beliebte Lehrerin Martine an der Decke hängt.

Dass Simon entsetzt auf diese Entdeckung reagiert, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern hat tiefere Gründe in seiner ganz besonderen Beziehung zu Martine. Wollte die Lehrerin ihm vielleicht dadurch etwas sagen, dass sie sich von Simon finden ließ? Starker Tobak für ein Kind. Aber der Selbstmord der Lehrkraft bringt ohnehin die Verhältnisse in der Schule in Bewegung. Die Kollegen sind ratlos, die Kinder traumatisiert und bekommen psychologische Betreuung - und schließlich fehlt auch noch eine Lehrkraft, die Martines Stelle einnimmt.

Auf diese Stelle bewirbt sich der aus Algerien stammende, schon etwas ältere Bachir Lazhar, der auf eine langjährige Erfahrung als Lehrer in seiner Heimat zurückblicken kann. Sagt er jedenfalls. Doch Kanada ist nicht Algerien und einige von Monsieur Lazhars ungewöhnlichen und auch vergleichsweise ungewöhnlich altmodischen Unterrichtspraktiken stoßen bei der Schulleitung und den Eltern (und selbst bei den Kindern!) auf wenig Gegenliebe, weil sie gegen bestens inkorporierte Regeln der professionellen Konfliktvermeidung verstoßen. In der Schule herrscht eine enorme Distanz zwischen den Anwesenden: körperliche Züchtigung ist selbstredend verpönt, aber auch eine Umarmung gilt als unbotmäßig. Man hat das Klassenzimmer, in dem Martine sich erhängt hat, neu gestrichen - und nun soll der Alltag auch, bitteschön, wieder alltäglich werden.

Für alles weitere ist die Schulpsychologin Madame Latendresse (sic!) zuständig, die ihre Arbeit allerdings explizit jenseits des Unterrichtsalltags verortet: der Lehrkörper muss draußen bleiben. Nur Monsieur Lazhar scheint zu ahnen, dass auf Seiten der Kinder Redebedarf besteht und Trauerarbeit geleistet werden muss. Als Alice schließlich eine Gelegenheit nutzt, um Martines Gewaltakt eloquent anzuklagen, platzt der Knoten.

"Monsieur Lazhar", der "Oscar"-nominierte Film von Philippe Falardeau nach einem Theaterstück, legt mit einiger Sensibilität Schicht um Schicht einer eigentümlichen Problemkonstellation frei, um gleichzeitig ziemlich passgenau menschliche Schicksale ineinander zu fügen. Dabei ist die Gefahr, in allerlei Fettnäpfchen zwischen Kitsch, Klischees und Feelgood-Avancen zu treten, beängstigend groß: schließlich ist das Thema "Schule" in den letzten Jahren wirklich groß in Mode gekommen - in Spiel- , wie in Dokumentarfilmen.

Von Szene zu Szene wechselt der Film seine Perspektive, erweitert den Blick, wird immer komplexer: was mit dem skandalösen Selbstmord beginnt, den die Kinder als Gewaltakt gegen sich erleben, wird zu einer Reflexion über kulturelle Differenzen, wobei überdeutlich gezeigt werden soll, dass die weiblich dominierte, rationale Erziehung in Kanada eher konfliktscheu ist und die Kinder mit ihren Emotionen alleingelassen und so gewissermaßen entmündigt werden. Der neue (männliche) Lehrer, ein intuitiv arbeitender Araber, der auch noch eine unglückliche Biografie mit sich herum trägt, wählt nicht nur gerne das offene Wort, sondern er fordert seinen Schülern auch intellektuelle wie emotionale Leistungen ab und packt sie nicht in künstliche Watte.

Das alles hat das Zeug zu einem hölzern ächzenden und durchaus auch explizit konservativen Lehrstück über die Defizite politischer correctness, die aus Bequemlichkeit Konflikte scheut und verdeckt und Kinder systematisch überfordert, aber der trotz allem eher leichtfüßige Film punktet vor allem mit seinen Darstellerleistungen. So überzeugt nicht nur Mohammed Fellag in der Rolle des charismatischen Lehrers, insbesondere die beiden jungen Protagonisten Emilien Néron und Sophie Nélisse bestechen durch die Authentizität ihres Spiels. Da sieht man denn auch darüber hinweg, dass der Film oder auch schon die Vorlage ein paar blinde Flecken im schnurrenden Handlungsgefüge durch eine etwas süßliche Sentimentalität kaschiert. Da es aber um das kommunikative Bearbeiten von Trauer geht, verbuchen wir das jetzt mal unter letztlich menschenfreundliche und wärmende Poesie.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (6/10)


Monsieur Lazhar
OT: Monsieur Lazhar
Kanada 2011 - 94 min.
Regie: Philippe Falardeau - Drehbuch: Philippe Falardeau - Produktion: Luc Déry, Kim McCraw - Kamera: Ronald Plante - Schnitt: Stéphane Lafleur - Musik: Martin Léon - Verleih: Arsenal - FSK: ohne Einschränkung - Besetzung: Fellag, Sophie Nélisse, Émilien Néron, Danielle Proulx, Brigitte Poupart, Evelyne de la Chenelière, Jules Philip, Daniel Gadouas, Louis Champagne, Seddik Benslimane u.A.
Kinostart (D): 12.04.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.de/title/tt2011971/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2012/monsieur_lazhar/

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