filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Winter's Bone

(USA 2010; Regie: Debra Granik)

Truest Grit

foto: © ascot elite
Wie vom Blues durchdrungen wirkt dieser leise Film, der von Entbehrung und Kriminalität erzählt und die Zuschauer mit nur einem winzigen Hoffnungsschimmer entlässt. Die in den hintersten Winkeln der Gesellschaft Vergessenen mühen sich mit ihrem Leben ab, und doch sieht man keine hängenden Schultern, sondern stolze Menschen, die gleichwohl kurz davor stehen, auch das Wenige, das ihnen geblieben ist, zu verlieren.

Die siebzehnjährige Ree lebt mit ihren beiden kleinen Geschwistern und ihrer kranken, geistig abwesenden Mutter in einem Holzhaus auf einem kleinen Waldgrundstück im Süden Missouris. Der Vater, Jessup, ist seit zwei Wochen verschwunden, vermutlich um einem Gerichtstermin zu entgehen. Ihm drohen zehn Jahre Haft, weil er in Drogengeschäfte verwickelt war, wie viele Leute in der Gegend, die sich mit der Produktion und dem Vertrieb von Crystal Meth Geld dazu verdienen. Leider hat Jessup Haus und Grundstück der Familie als Sicherheit für sein Erscheinen vor Gericht verpfändet. Ree steht deshalb vor dem Nichts: Schon in wenigen Tagen soll sie mit der Familie einfach auf die Straße gesetzt werden, und kein Gesetzbuch steht ihr bei. Ein unbeschwertes, jugendliches Leben gibt es für sie ohnehin nicht: Sie hat die Mutterrolle übernommen, muss irgendwie ihre Geschwister durchbringen und ist oft genug auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen, die ihr Essen vorbeibringen und ihr schließlich sogar anbieten, eines der Kinder bei sich aufzunehmen. Doch diesen Zerfall der Familie will Ree nicht zulassen. Ihre einzige Chance ist es, den Vater schnellstmöglich wieder zu finden und dazu zu bewegen, sich zu stellen.

Die Suche nach ihm stößt jedoch auf Widerstand und wird durch Mauern des Schweigens, durch Lügen und Ausflüchte blockiert. Obwohl Ree mit vielen ihrer Ansprechpartner über mehrere Ecken verwandt ist, begibt sie sich in große Gefahr, erhebt sie doch ihre Stimme in einem autoritären und von brutalen Männern dominierten System. Frauen, die Fragen stellen, sind da eigentlich nicht vorgesehen. "Hast du keinen Mann, der das für dich machen kann?" heißt es einmal. So hangelt sich Ree mit nur wenig Erfolg von einer vagen Hoffnung zur nächsten, doch der Verdacht liegt schnell nah, dass sie ihren Vater nicht mehr lebend sehen wird. Verweise auf das Backwood-Horror-Subgenre, die in manchen Besprechungen von "Winter's Bone" zu finden sind, führen trotz des Redneck-Milieus und einiger motivischer Überschneidungen auf eine falsche Fährte, denn die Bedrohungen, denen Ree sich ausgesetzt sieht, folgen einer kriminellen Logik. Das irrationale Element des Horrors fehlt hier völlig.

Regisseurin Debra Granik legt großen Wert auf "Naturalismus" bei der Darstellung der Lebensumstände ihrer Figuren und öffnet damit Debatten über die vermeintliche "Ausstellung von Elend" weit die Tür. Doch auch wenn sie an Originalschauplätzen, in authentischen Häusern dreht und ihren Protagonisten sogar die Kleidung von Einheimischen anzieht, täuscht dies nicht darüber hinweg, dass sie ein Genrestück erzählt: Daniel Woodrell, der Autor der (von Granik und Produzentin Anne Rosellini adaptierten) Romanvorlage, bezeichnet seinen Stoff als "Country Noir", und diese Zuschreibung trifft den Nagel auf den Kopf. Trotz des ungewöhnlichen Settings nämlich ist die mäandernde, ganz und gar nicht geradlinig verlaufende Suche nach einem womöglich Toten durch und durch noir. Naturalismus bleibt dabei auf der Strecke, ob intendiert oder nicht, weil ein noch so "authentisch" präsentiertes Setting bei aller akribischen Detailtreue letztlich der Zeichenhaftigkeit dieser dramatischen Struktur weichen muss. Der klare Genrebezug gerät dem Film aber zum Vorteil. Noch Debra Graniks viel gelobtes Debüt, das Junkie-Drama "Down to the Bone" aus dem Jahr 2004, wirkte trotz seines vorgeblichen Realismus konstruiert und klischeebeladen, weil die zurückgenommene Inszenierung einige schwach motivierte Willkürlichkeiten des Drehbuchs nicht verbergen konnte. "Winter's Bone" dagegen überzeugt bei seiner Gratwanderung zwischen Konvention und Innovation.

Wie oft im Film Noir ist der kriminalistische Aspekt von Rees Suche nach ihrem Vater letztlich von untergeordneter Bedeutung. Es ist nicht etwa eine detektivische Entdeckung, die Ree näher ans Ziel bringt, sondern die Hartnäckigkeit, mit der sie trotz aller Widerstände weitermacht. Gerade durch ihre Beharrlichkeit beeindruckt Ree ihre Gegner und weckt zum Schluss doch noch so etwas wie Hilfsbereitschaft bzw. Solidarität. Als Neo-Noir mit einer starken Frauenfigur wirkt "Winter's Bone" manchmal wie ein verschollenes Frühwerk der Coens. Eine Stärke Graniks aber - und das unterscheidet sie natürlich von den frühen Coens - ist ihre zurückhaltende, unaufdringlich wirkende Inszenierweise, die den (zu Recht oft gelobten) Schauspielern Raum lässt, sich zu entfalten. Filmische Mittel werden punktgenau einsetzt, etwa lehrbuchmäßige, nicht explizite Großaufnahmen während eines überraschenden Gewaltausbruchs. Nachhaltig beeindruckend ist das gebrochene Ende des Films, wenn eine Figur aus dem Bildrahmen verschwindet und plötzlich klar wird, dass sie nun wohl in den Tod geht und dies der letzte Blick auf sie war. In diesen stillen, unscheinbar wirkenden Momenten entfaltet "Winter's Bone" seine große Kraft.

Louis Vazquez

Benotung des Films: (9/10)


Winter's Bone
OT: Winter's Bone
USA 2010 - 100 min.
Regie: Debra Granik - Drehbuch: Anne Rosellini, Debra Granik - Produktion: Alix Madigan, Anne Rosellini - Kamera: Michael McDonough - Schnitt: Affonso Gonçalves - Musik: Dickon Hinchliffe - Verleih: Ascot Elite - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Kevin Breznahan, Dale Dickey, Garret Dillahunt, Sheryl Lee, Lauren Sweetser, Tate Taylor, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, William White
Kinostart (D): 31.03.2011

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1399683/
Pressespiegel auf filmz.de: http://www.filmz.de/film_2011/winter_s_bone/links.htm
Pressespiegel auf film-zeit.de: http://www.film-zeit.de/Film/21240/WINTERS-BONE/Kritik/

Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 27.04.2017

Der traumhafte Weg

(DE 2016; Angela Schanelec)
Trost durch Schönheit von Wolfgang Nierlin
kinostart: 20.04.2017

CHiPs

(USA 2017; Dax Shepard)
Aufgemotzt und angepatzt von Drehli Robnik

The Bye Bye Man

(USA 2016; Stacy Title)
Tabunamensspuk und weißer Wahn in weitem Raum von Drehli Robnik
kinostart: 13.04.2017

40 Tage in der Wüste

(US 2015; Rodrigo García )
Möglichkeiten der Befreiung von Wolfgang Nierlin

Verleugnung

(USA, GB 2016; Mick Jackson)
Passt! von Dietrich Kuhlbrodt
kinostart: 06.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
kinostart: 30.03.2017

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)
Gerührt und verführt zur Gleichheit von Drehli Robnik

Die andere Seite der Hoffnung

(FI 2017; Aki Kaurismäki)
Phönix mit gebrochenen Flügeln von Wolfgang Nierlin

Die versunkene Stadt Z

(US 2016; James Gray)
Obsessive Suche nach dem Unbekannten von Wolfgang Nierlin

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)
Surfen im Gaza-Streifen von Jürgen Kiontke

I am not your negro

(US/FR/BE/CH 2016; Raoul Peck)
Moralische Monstrosität von Wolfgang Nierlin
kinostart: 23.03.2017

Do not Resist. Police 3.0

(USA 2016; Craig Atkinson)
Die Aufrüstung der Polizei von Jürgen Kiontke

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)
Schwerelos schwebender Socken-Schocker von Drehli Robnik

Power Rangers

(USA 2017; Dean Israelite)
Brands as Friends - Widerspruchslose Warensubjekte machen mobil von David Auer
kinostart: 09.03.2017

Kong: Skull Island

(USA 2017; Jordan Vogt-Roberts)
Nicht King, nicht Fleisch, aber viel Fell, viel Hass und Ping Pong von Drehli Robnik

Moonlight

(USA 2016; Barry Jenkins)
Keine Kompromisse von Marit Hofmann
auf dvd:aktuelldemnächst
dvd/bluray-start: 28.04.2017

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)
Nepper, Schlepper, Kinderfänger von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 21.04.2017

Nacktbaden - Manche bräunen, andere brennen

(GR/DE 2016; Argyris Papadimitropoulos)
Tragödie eines lächerlichen Mannes von Wolfgang Nierlin

The Runaround - Die Nachtschwärmer

(USA 2017; Gavin Wiesen)
L.A. mit Eigenleben von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 28.03.2017

Ich, Daniel Blake

(GB/F/BEL 2016; Ken Loach)
Im Einhornland von Jürgen Kiontke
dvd/bluray-start: 27.03.2017

Arrival

(USA 2016; Dennis Villeneuve)
Aliens verstehen? SciFi als Üben im Trüben von Drehli Robnik
dvd/bluray-start: 24.03.2017

Bedeviled: Das Böse geht online

(USA 2016; Abel Vang, Burlee Vang)
The only thing to fear von Nicolai Bühnemann
dvd/bluray-start: 23.03.2017

Frantz

(DE/FR 2016; François Ozon )
Die Farbe der Lüge von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 10.03.2017

Alles was kommt

(F/D 2016; Mia Hansen-Løve)
Zerbrechliches Leben von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 09.03.2017

Tschick

(D 2016; Fatih Akin)
Ihr wisst doch, was ich meine! von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 03.03.2017

Marketa Lazarová

(CSSR 1967; František Vlácil)
Stabile Ordnung der Gewalt von Wolfgang Nierlin
dvd/bluray-start: 02.03.2017

Nebel im August

(D/AT 2016; Kai Wessel)
Ein Denkmal von Dietrich Kuhlbrodt
dvd/bluray-start: 23.02.2017

American Honey

(GB/USA 2016; Andrea Arnold)
Verlorene Verlierer von Wolfgang Nierlin

American Honey

(USA/GB 2016; Andrea Arnold )
Ökonomisierung der Freiheit von Ricardo Brunn
dvd/bluray-start: 17.02.2017

The Visit - Eine außerirdische Begegnung

(DK, AUS, NOR, FIN, IR 2015; Michael Madsen)
Kontrollverlustängste von Ricardo Brunn
dvd-start: 03.02.2017

Hungerjahre - in einem reichen Land

(D 1980; Jutta Brückner)
Wachsende Versteinerungen von Wolfgang Nierlin

kurzkritiken

Life

(USA 2016; Daniel Espinosa)

Schwerelos schwebender Socken-Schocker

von Drehli Robnik

A United Kingdom

(USA, GB 2016; Amma Asante)

Gerührt und verführt zur Gleichheit

von Drehli Robnik

Blair Witch

(USA 2016; Adam Wingard)

The Seventeen Year Witch

von Drehli Robnik

ältere filme

A Serious Man

(USA 2009; Ethan Coen, Joel Coen )

Please, accept the mystery!

von Ricardo Brunn

Die Zärtlichkeit der Wölfe

(BRD 1973; Ulli Lommel)

Einer von uns

von Nicolai Bühnemann

Battle Royale (WA)

(J 2000; Kinji Fukasaku)

Nepper, Schlepper, Kinderfänger

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #35

Le Mystère des roches de Kador

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #34

Le Chat (Die Katze)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #33

Frankenstein

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?

Tom schrieb am 20.3.2017 zu Affenkönig

Man sieht den Schauspieler Hans Jochen Wagner zum Aufzug stürmen, nachdem er Sex auf dem Küchentisch hatte. Dabei sieht man, dass er eine Erektion hatte! Wenn der Aufzug dann oben ist, ist sein Penis wieder sch...