filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Die wilde Zeit

(Frankreich 2012; Regie: Olivier Assayas)

Konjunktiv II, sexy

foto: © nfp
So ist es gewesen. So hätte es zumindest gewesen sein können. Hierzulande sind wir es ja schon seit ewigen Zeiten gewohnt, die frühen 70er Jahre mit ihren kollektiven und individuellen Suchbewegungen zwischen Pop und Politik zwischen den Polen "68" und "77" fixiert zu bekommen. Sprich: wer von "68" reden will, darf von Schleyer und Stammheim nicht schweigen! Und umgekehrt? Wie uninteressant und unproduktiv solch Präsentieren alter Rechnungen, solch eine Affirmation des Status quo ist, konnte man gerade im Kino bei "Das Wochenende" erleben. Politische Aktivisten, so könnte man glauben, sollen sich gefälligst erst einmal entschuldigen, wofür konkret, darüber reden wir, vielleicht, später. Aber eher nicht!

Anders der französische Filmemacher Olivier Assayas, Jahrgang 1955, der mit seinem neuen Film "Aprés Mai" von der Zeit nach dem Mai ′68 erzählen will, als die Revolution gescheitert war, aber für die Jugendlichen trotzdem noch immer etwas in der Luft lag.

"Something in the Air" lautet denn auch der internationale Verleihtitel von "Die wilde Zeit". Es ist ein Film, der mit größter Sympathie für seine Protagonisten davon erzählt, dass man sich seinen Reim auf die Gegenwart immer erst »danach« macht, was aber nicht notwendig dazu taugt, die jeweilige Gegenwart zu denunzieren. Es geht hier um eine historische Spurensuche, die - einen Gedanken von Greil Marcus aufgreifend - ein marginales und marginalisiertes Aktionsfeld rekonstruiert, basierend etwa auf dem Abdruck eines Lippenstifts auf einer Zigarette.

Assayas begleitet eine Gruppe von Jugendlichen, die sich durchaus als Teil einer historischen Bewegung verstehen, allerdings nur bedingt die Dogmen der »alten Politik« teilen. Wir sehen also einige Maoisten, Trotzkisten, Anarcho-Syndikalisten und Situationisten in unruhigen Zeiten, aber manche von ihnen wollen und werden später doch eher dichten, schreiben, malen oder filmen. Drogen und Musik kommen ins Spiel, gleichberechtigt zur Politik; ein exquisiter, von Kennerschaft und Zeitgenossenschaft zeugender Soundtrack mit Musiken von Syd Barrett, Kevin Ayers, The Incredible String Band oder Tangerine Dream weitet die Bilder atmosphärisch (zur Erinnerung: in "Das Wochenende" fördert das Durchforsten der Vinyl-Sammlung des Ex-Terroristen ausgerechnet das Stones-Album "Love you Live" zutage). Man soll, darf und muss zuhören, darf sich von Bildern und Tönen gefangen nehmen lassen. Assayas zielt mit seinem ambitionierten Erzählreigen auf eine antiautoritäre Polyphonie, die einen aufmerksamen Zuschauer erfordert.

Zugleich erzählt der Film, der erzählerisch lose um die autobiografische Figur Gilles herum organisiert ist, fast schon pastoral ein paar Liebesgeschichten, die mal enger, mal weniger eng mit dem politischen Bewusstsein der Akteure verknüpft sind. Es stehen allerlei bedeutsame Fragen im Raum: "Wie positionierst du dich?" Oder: "Braucht der richtige politische Inhalt nicht auch eine entsprechende revolutionäre Syntax?" "Oder ist allein schon diese Frage ein Ausdruck kleinbürgerlicher Ideologie?" "Wie hat Kunst auszusehen, die die Massen erreicht?" Hier werden keine stellvertretenden Pappkameraden für bestimmte diskursive Positionen durch die Kulisse geschoben, es wird vielmehr versucht, eine historische Atmosphäre filmisch lustvoll mit beseelten Akteuren zu rekonstruieren.

Ihm gehe es auf der Grundlage autobiographischer Erinnerungen zuvörderst darum, ein Gefühl für die Schönheit der Utopien jener Zeit zu vermitteln, hat Assayas in Interviews erklärt. Und die Jugendlichen von 1971 von Laien von 2012 hat spielen lassen, die die »Sprache von ′68« wie eine Fremdsprache lernen mussten. Auch dies ist ein schöner (Seiten-)Aspekt dieses Films: wie kommt man von heute überhaupt noch nach 1971 zurück, als Darsteller? Intuitiv?

Kurz vor Schluss brennt dann erstmals ein Fluchtfahrzeug. Dass der aktionistische Schwung und die Energie des gegenkulturellen Aufbruchs auf Dauer nicht zu halten sind, zeigt sich auch darin, dass immer wieder einzelne Figuren in narrativen Lücken verschwinden und unvorhergesehen wieder auftauchen. Dieses Mäandern birgt Überraschungen. Denn wer gerade noch von einer spirituellen Erfahrung in Indien träumte und dorthin auch aufbrach, wird vielleicht dann doch »nur« ein Kunsthandwerker, der das herrschende System mit Deko-Ware beliefert. Und dem Maoisten von vorgestern werden die vielen Niederlagen und Desillusionierungen zu viel, weshalb er für die Strategie des bewaffneten Widerstands nicht mehr nur plädiert, sondern Taten sehen will und sich dazu jüngere Aktivisten sucht.

Die folgenden, terroristischen und katastrophischen 70er Jahre, so Assayas, die habe er ja mit seinem semi-dokumentarischen "Carlos" bereits verhandelt. "Die wilde Zeit" ist jedenfalls der schönste und wichtigste Film des Jahres, weil er dringender und für uns Ältere, die sich vielleicht noch an die siebziger Jahre erinnern, schmerzhafter denn je von der Schönheit der Utopie, der Revolte erzählt. "Die wilde Zeit" schwärmt nicht ohne Melancholie, aber letztlich doch ausgelassen und fröhlich von der Frische des jugendlichen Lebendigseins. Die Geschichte mag sich anders entwickelt haben: aber beschädigt das die Ideen von "Aprés Mai"? So hätte es gewesen sein können.

Ulrich Kriest

Benotung des Films: (9/10)


Die wilde Zeit
OT: Après mai
Frankreich 2012 - 122 min.
Regie: Olivier Assayas - Drehbuch: Olivier Assayas - Produktion: Charles Gillibert, Marin Karmitz, Nathanaël Karmitz - Kamera: Eric Gautier - Schnitt: Luc Barnier - Verleih: NFP - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Lola Créton, Dolores Chaplin, India Menuez, Victoria Ley, Felix Armand, Mathias Renou, Carole Combes, Clément Métayer
Kinostart (D): 30.05.2013
DVD-Start (D): 05.12.2013

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1846472/

Details zur DVD:
Bild: 1.85:1 (anamorph) - Sprache: Deutsch, Französisch (DD 5.1) - Untertitel: Deutsch - Extras: Making of, Trailer - FSK: ab 12 Jahren - Verleih: NFP / EuroVideo

Trailer:


Artikel teilen:          


Kommentare


Einträge: 0
im kino:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge
auf dvd:aktuelldemnächst
Zurzeit keine Einträge

kurzkritiken

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

Gaza Surf Club

(D 2016; Philip Gnadt, Mickey Yamine)

Surfen im Gaza-Streifen

von Jürgen Kiontke

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

ältere filme

Kein Platz für wilde Tiere / Serengeti darf nicht sterben

(D 1956; Bernhard Grzimek, Michael Grzimek / Bernhard Grzimek)

Afrikabilder

von Nicolai Bühnemann

Gerhard Richter Painting

(D 2011; Corinna Belz)

Grauer Star

von Ricardo Brunn

Mauerpark

(D 2011; Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

von Ricardo Brunn

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Das Kino Matías Pinieros

Shakespeares Frauen zwischen Buenos Aires und New York

von Nicolai Bühnemann

Gewinnspiel

2 DVDs von "Die Hände meiner Mutter" zu gewinnen

Die "Children of the Corn"-Reihe

Von christlichem Fundamentalismus zu Gottes Rache

von Nicolai Bühnemann

comics

Frontbericht

Die Graphic Novel "Die Präsidentin" beschreibt die ersten 100 Tage unter Marine Le Pen

von Sven Jachmann

Wiedersehen mit einem Klassiker

Will Eisners Comic-Monument "Ein Vertrag mit Gott"

von Sven Jachmann

Der Blick im Rückspiegel

Zum Comic "Ein diabolischer Sommer"

von Johannes Binotto

kolumne

Magische Momente #38

Ma l′amor mio non muore (Aber meine Liebe stirbt nicht)

von Klaus Kreimeier

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-16

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #37

Tagebuch einer Verlorenen

von Klaus Kreimeier

neuste kommentare

findus schrieb am 1.5.2017 zu Now Is Good - Jeder Moment zählt

man möchte nicht dass der abspann zu ende geht

Ove schrieb am 30.3.2017 zu Ein Mann namens Ove

Die Kritik trifft genau den Kern! Der Film ist total vorhersehbar und in seinem Anspruch so 08/15, dass auch gut ein Tatort draus hätte werden können. Dass sowas für den Oscar nominiert wurde ist unbegre...

Ricardo Brunn schrieb am 24.3.2017 zu Affenkönig

Hallo Tom, danke für deinen Kommentar, aber was genau ist damit gemeint? Wie verhält sich das zur Kritik von Julia Olbrich?