Archiv der Kategorie: Filmkritik

Das Zimmer meines Sohnes

(I / F 2001, Regie: Nanni Moretti)

Einfach göttlich
von Dietrich Kuhlbrodt

Das ist Bestsellertechnik vom Feinsten. Und man muss zugeben, dass daraus auch was Gutes entstehen kann. Was schon dadurch bewiesen wird, dass dieser Film in Cannes 2001 die Goldene Palme …

Das ist Bestsellertechnik vom Feinsten. Und man muss zugeben, dass daraus auch was Gutes entstehen kann. Was schon dadurch bewiesen wird, dass dieser Film in Cannes 2001 die Goldene Palme bekam. Alles, was zu hören und zu sehen ist, ist eins zu eins. Man kann sich darauf verlassen. Die Welt ist in Ordnung, auch wenn ein Schrecken zu bewältigen ist. Er wird bewältigt. Man kann ohne Scheu seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Kein formaler Krimskrams stellt sich zwischen uns und Nanni Moretti. Das ist der, der den Film gemacht hat. Und die Hauptrolle spielt.

'Das Zimmer meines Sohnes' betreibt Angehörigentherapie in gepflegtem Ambiente. Was ist zu tun, wenn ein Kind tödlich verunglückt? Der Psychotherapeut (Moretti) bedarf selbst psychischen Zuspruchs. In Großaufnahme müssen sowohl er wie die Zuschauer ansehen, wie die Schrauben in den Sargdeckel gedreht werden. Jetzt bricht er die Behandlung seiner Patienten ab. Wodurch der eine spontan geheilt ist, der andere aber das kostbare Design des Praxismobiliars zerdeppert. Das ist eine besonders schöne Szene des Films, bei der ich voll mitgehen konnte. Wir erfahren auch, wie Mutter und Schwester ihre Depressionen meistern. Zum Schluss sind wir in einer Postkartenidylle am Mittelmeer, und wir wissen, dass alles gut wird und der Film zu Ende ist, denn es darf gelacht werden.

Es tut mir sehr, sehr leid, wie zynisch ich den Filmplot soeben wiedergegeben habe. Womöglich habe ich eine Hemmschwelle, mich meinen Gefühlen hinzugeben, gar eine Störung. Alle anderen waren vom Film schwer beeindruckt. Auch muss ich einräumen, dass ich mich während der Vorstellung überhaupt nicht gelangweilt habe. Schließlich ist das Thema wichtig. Die Angehörigen werden fokussiert. Vom Opfer haben wir zwar nichts erfahren, außer dass der Junge, bevor es soweit war, ständig auf die weiche Art gelächelt hat. Ich nehme an, es ist zurzeit en vogue, an sich zu denken, wenn man überlebt. Bille August, der alte Schwede, hat ebenfalls einen Angehörigentherapiebestsellerfilm in gepflegtem Ambiente gemacht. Übrigens ist in 'Martins Lied', der im Winter in die Kinos kommt, der Angehörige eine Frau, und da sie Erste Violinistin ist, könnten sie und der Psychotherapeut Moretti ein standesgemäßes Paar werden.

Wie gesagt, 'Das Zimmer meines Sohnes' ist edel, hilfreich und gut.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 11/2001

Attenberg

(GR 2010, Regie: Athina Rachel Tsangari)

Zarte Misanthropie
von Andreas Busche

Athina Rachel Tsangaris hinreißendes Coming-of-Age-Drama „Attenberg' ist typisch für das neue griechische Kino. Der Zeitpunkt, über ein neues griechisches Kino zu reden, könnte kaum unpassender sein. Die Politik hat dazu …

Athina Rachel Tsangaris hinreißendes Coming-of-Age-Drama „Attenberg' ist typisch für das neue griechische Kino.

Der Zeitpunkt, über ein neues griechisches Kino zu reden, könnte kaum unpassender sein. Die Politik hat dazu beigetragen, dass der Name Griechenland wenig positive Assoziationen weckt. Griechenland steht für Krise, Misswirtschaft, Krawalle auf den Straßen, Fremdenhass. Und damit übergreifend für ein Europa, das sich neu hinterfragen muss. Eine Filmkultur, die aus dieser Gemengelage erwächst, kann eigentlich nichts anderes hervorbringen als ein Kino der Krise. Dass Krisenkino aber keine Katastrophe sein muss, zeigt sich in diesem Frühjahr, weil mit Athina Rachel Tsangaris ebenso großartigem wie skurrilem Coming-of-Age-Drama „Attenberg', für das Ariane Labed 2010 in Venedig mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, und mit „Alpen' von Giorgos Lanthimos zwei Filme in die Kinos kommen, deren Regisseure viel für das Selbstverständnis des neuen griechischen Kinos getan haben. Lanthimos letzter Film „Dogtooth' (2009) war im vergangenen Jahr für den Oscar nominiert – als erster griechischer Film seit fast fünfzig Jahren.

Filme wie „Attenberg', das Alltagsporträt „Wasted Youth' (2010) von Argyris Papadimitropoulos und Jan Vogel oder Panos Koutras campy Transenliebesgeschichte „Strella' (2009) könnten unterschiedlicher kaum sein. Wenn Tsangaris weiibliche Hauptfiguren Marina und Bella indes mit Stechschritt-Choreografien ihrem Nicht-Einverstanden-Sein Ausdruck verleihen, der junge Skater Haris in „Wasted Youth' auf seinem Rollbrett ziellos die Un-Orte seiner Stadt abklappert und Strella auf High Heels unaufhaltsam durch die Straßen Athens stöckelt, erschließt sich im neuen griechischen Kino eine Dynamik, die unmittelbar ans gesellschaftliche Leben rührt.

Wie machen Menschen das bloß?

„Attenberg' ist charakteristisch für die Temperatur des neuen griechischen Kinos: Reserviert, auf liebenswerte Weise emotional verkorkst, latent soziophob, neugierig und dabei mit einer unwiderstehlichen, rohen Energie ausgestattet. Dem warmen, mediterranen Licht wirkt Tsangari mit analytischer Klarheit entgegen. Ihre Figurenkonstellationen gleichen konzeptuellen Entwürfen mit einer lockeren Distanz zu ihrem Gegenstand. Tsangari beschreibt diesen Abstand als notwendig, um den Blick für die Verhältnisse zu schärfen. Zu große Nähe, sagt sie, mache befangen.

Die Eröffnungsszene von „Attenberg' veranschaulicht Tsangarls Haltung auf rührige Weise. Da stehen sich Marina und Bella vor einer weißen Wand gegenüber, ganz nah, wie in einem Western-Showdown. Bella steckt Marina die Zunge in den Mund. „Wie fühlt sich das an? Du musst atmen, sonst erstickst du', belehrt Bella ihre Freundin. Kusstraining. Marina kennt Balzverhalten nur aus den Dokumentationen des Naturfilmers David Attenboroughs („Attenberg', wie Bella sagt). Der Umgang mit den eigenen Artgenossen, speziell den männlichen, fällt der 23-Jährigen schwer. „Wie machen Menschen das bloß?', wundert sie sich.

In „Attenberg' wird aufopferungsvoll inszeniert und nachgeäfft, doch Marinas Handlungen sind stiller Protest. Eine deviante Form der Trauerarbeit. Marinas Vater, einziger Verbündeter In ihrer zarten Misanthropie, liegt im Sterben, und ihr letztes Geschenk an ihn ist die körperliche Hingabe an einen anderen Menschen. Weil es mit 23 vielleicht doch mal an der Zeit ist, aber eben auch der Beruhigung des Vaters dient, der sich Sorgen macht um seine Tochter, die bislang nur mit dem Paarungsverhalten von Berggorillas vertraut ist. Und dann schenkt sie ihrem einsamen Vater, den sie sich immer ohne so ein Ding zwischen den Beinen vorgestellt hat, ein letztes Mal – mit Bella, die von Penisbäumen träumt und ohnehin für Marinas Vater schwärmt. Der ultimative Freundschaftsbeweis. „Attenberg' ist mit seinen hinreißend knutschenden, sabbernden, spuckenden, stechschreitenden Hauptdarstellerinnen die schönste Liebeserklärung dieses Kinofrühlings. „Les demoiselles d’Attenberg' sozusagen, nur dass statt der symphonischen Zuckerwatte, die 1967 Jacques Demys „Les demoiselles de Rochefort' süßte, bei Tsangari der Fürst der Entfremdung höchstpersönlich, Alan Vega, auf der Tonspur croont. Vegas entkörperlichter Rock’n’Roll beschreibt zugleich Marines Verhältnis zur Welt. Da ist es nur konsequent, dass genau vier Worte sie vor der inneren Vergletscherung retten: „Alan Vega ist Gott.' Marina verliebt sich erst in eine abstrakte Idee von Liebe und später in die konkrete Vorstellung davon.

Das Gefühl der Entfremdung ist so etwas wie das Leitmotiv im neuen griechischen Kino. Lanthimos Filme zum Beispiel erinnern in ihrem kühlen Versuchsaufbau eher an soziologische Experimente. In „Alpen' schlüpfen die Mitglieder einer seltsamen Bedarfsgemeinschaft in die Rollen Verstorbener – die der Tochter, der Geliebten, des besten Freundes. Monte Rosa, die weibliche Hauptfigur, spürt in diesen Re-Enactments einem Gefühl von Wahrhaftigkeit nach, das ihr längst abhanden gekommen ist. Aber alle Ausbruchsversuche aus Lanthimos‘ rigiden Wirklichkeitskonstruktionen sind von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Tsangari hingegen hat vor „Attenberg' zehn Jahre in den USA gelebt. Sie beschreibt das Gefühl des Außenseiters als einen essentiellen Zustand. „Als Filmemacherin ist es wichtig, zunächst eine Distanz zu schaffen, um sich ein klares Bild von den Verhältnissen zu machen.' Auch Konstantins Glannaris, dessen Migrantenporträt „From the Edge of the City' (1998) Tsangari einen wichtigen Referenzpunkt für das neue griechische Kino nennt, lebte viele Jahre im englischen Exil.

Florierende Mangelwirtschaft

Man könnte den neuen griechischen Film als florierende Mangelwirtschaft beschreiben. Für Tsangari ist die Solidarität untereinander die treibende Kraft. Die widrigen wirtschaftlichen Verhältnisse sind ausschlaggebend für die aufregende Entwicklung im aktuellen griechischen Kino, das gerade zwei Riesenschritte auf einmal nimmt. Während sich die Strukturen noch im Aufbau befinden, wird fleißig weiter produziert – ohne staatliche Förderung, mit Minimalbudgets, in zäher, aufopferungsvoller Kleinarbeit. Die Energien, die bei diesen Arbeitsprozessen freigesetzt werden, sind in den Filmen von Tsangari, Lanthimos & Co. förmlich zu spüren. Kein Wunder, dass das Kino aus Griechenland bei Festivals derzeit so hoch im Kurs steht. Griechenland hat sich lange im Glanz der eigenen glorreichen Vergangenheit gesonnt. Tsangari betrachtet die selbst gewählte Isolation angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise äußerst kritisch. In „Attenberg' bricht es einmal aus dem Vater heraus, als er über die Stadt blickt, die er selbst mitentworfen hat. Aspra Spitia ist ein perverses Konstrukt der sechziger Jahre, eine moderne, dem sozialistischen Ideal nachempfundene Arbeitersiedlung, finanziert vom Industriekapital des damals boomenden Griechenlands. Heute ist sie eineTotenstadt. Sie hätten eine lndustriekolonie auf einer Schafweide errichtet, meint der Vater verbittert. Ein Bild, das bis ins gegenwärtige Kino Griechenlands nachwirkt. Tsangari & Co. haben innerhalb kürzester Zeit vierzig Jahre Filmgeschichte aufgeholt. Dass sie dasselbe Schicksal wie Aspra Spitia ereilt, steht nicht zu befürchten.

Dieser Text erschien zuerst in: Pony #73

Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben

(THAI / GB / D / F / ESP 2010, Regie: Apichatpong Weerasethakul )

Bilderrausch
von Harald Steinwender

Onkel Boonmee (Thanapat Saisaymar) leidet an Nierenversagen und hat sich auf sein Landgut im Nordosten Thailands zurückgezogen. Während der alte Mann inmitten seiner Familie den Tod erwartet, erhält er Besuch …

Onkel Boonmee (Thanapat Saisaymar) leidet an Nierenversagen und hat sich auf sein Landgut im Nordosten Thailands zurückgezogen. Während der alte Mann inmitten seiner Familie den Tod erwartet, erhält er Besuch von verschiedenen Geistern. Darunter sind seine verstorbene Frau Huay (Natthakarn Aphaiwong) und sein verschollener Sohn Boonsong (Jeerasak Kulhong), der nun im Dschungel als Affengeist lebt. Als Boonmees Leben sich dem Ende zuneigt, rekapituliert er seine früheren Leben in anderen Körpern …

Mit seinem sechsten Spielfilm gelingt dem Avantgarde-Regisseur Apichatpong Weerasethakul ein höchst unkonventioneller, märchenhafter Film. Jenseits der mythopoetischen Bildsprache ist 'Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben' eine Parabel auf das gegenwärtige Thailand und seine zwischen Tradition und Moderne zerrissene Gesellschaft. Während Boonmees jüngere Verwandte längst die rückständige Provinz verlassen haben und in der hochtechnisierten Moderne angekommen sind, leben die Älteren noch in einer von Animismus und Geisterglauben geprägten Welt. Wie selbstverständlich unterhalten sich Boonmee und seine Schwester mit verstorbenen Verwandten, die ihnen als Geister oder in Tiergestalt erscheinen.

'Uncle Boonmee …', auf dem Filmfestival in Cannes 2010 mit der Goldenen Palme prämiert, ist der Abschluss von Weerasethakuls Kunstprojekt 'Primitive', das sowohl Installationen wie Filme umfasst. Viele der Stilmittel, die der Filmemacher nutzt, sind im westlichen Kino mit dem Kunstfilm assoziiert: lang gehaltene, oft starre Kameraeinstellungen, eine niedrige Schnittfrequenz und eine verinnerlichte Handlung. Der mäandernden, oft enigmatischen Erzählweise voller Ellipsen und Sprünge stehen Sequenzen mit demonstrativ ausgespielter Echtzeit gegenüber. Manche Zuschauer mag dieser disparate, nur schwer zugängliche Erzählgestus abschrecken. 'Uncle Boonmee …' ist fraglos ein erratischer Film, der tradierte Sehgewohnheiten unterläuft.

Weerasethakuls Drama lebt von ruhigen, fast malerischen Bildern: Wasserdampf, der aus dem Dschungel aufsteigt; zwei Alte, die im Sonnenlicht ungerührt von den sie umfliegenden Bienen Honig aus Waben naschen; ein Wasserbüffel, der in der Nacht durch den Urwald streift – allesamt Bilder, die, begleitet von der fast musikalischen Geräuschkulisse, lange nach dem Kinobesuch nachwirken. Besonders gelungen ist eine märchenhafte Sequenz über eine Prinzessin, die sich von einem Wels begatten lässt – der Fisch ist Boonmee selbst in einer seiner früheren Reinkarnationen. In ihrer anrührenden Naivität erinnert die Episode an die besten Momente aus Pier Paolo Pasolinis 'Trilogie des Lebens'. Wer sich auf solche mythischen Bilder und den meditativen Rhythmus einlässt, wird mit einem Filmerlebnis belohnt, das durch seine lyrische Bildsprache besticht.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf: www.br.de

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From Paris with Love

(USA 2010, Regie: Pierre Morel)

Buddy Buddy
von Harald Steinwender

Getarnt als Assistent des US-Botschafters in Paris führt der junge und unerfahrene Geheimagent James Reese (Jonathan Rhys Meyers) ein ruhiges Leben. Das ändert sich, als ihm sein neuer Partner vorgestellt …

Getarnt als Assistent des US-Botschafters in Paris führt der junge und unerfahrene Geheimagent James Reese (Jonathan Rhys Meyers) ein ruhiges Leben. Das ändert sich, als ihm sein neuer Partner vorgestellt wird. Der US-Amerikaner Charlie Wax (John Travolta) ist ebenso egozentrisch wie ordinär und laut. Trotz anfänglicher Probleme rauft sich das ungleiche Paar bei ihrer Jagd nach Drogenhändlern und Terroristen zusammen. Bald entdecken sie, dass Reeses Verlobte Caroline (Kasia Smutniak) in den Fall verwickelt ist.

Luc Besson hat ein Händchen für Fließbandware und B-Filme. Seit fast dreißig Jahren produziert der Franzose parallel zu seinen eigenen Regiearbeiten europäische Genrefilme. Serien wie die 'Taxi'- und 'Transporter'-Filme waren äußerst erfolgreich, zuletzt avancierte Pierre Morels harter Rachethriller '96 Hours' zum Überraschungshit. Mit 'From Paris With Love' hat das Team Morel-Besson nun einen weiteren Thriller abgeliefert, der wie gewohnt in einem irrealen Paris zwischen Postkartenmotiven und Banlieue-Tristesse angesiedelt ist.

Die Geschichte vom ungleichen Männerpaar, das seine anfängliche Abneigung im Kampf gegen einen gemeinsamen Gegner überwindet und schließlich zu Freunden wird, ist schon unzählige Male erzählt worden. Wie so oft sind auch hier die Gegensätze kultureller Art. Der intellektuell-distinguierte Jungagent James hat sich in Paris an die Vorzüge einer europäischen Metropole gewohnt und genießt das süße Leben zwischen Hochkultur, französischer Küche und Schachpartien mit seinem begriffsstutzigen Chef. Travolta dagegen tritt als Zerrbild des amerikanischen Touristen in Europa an. Wie ein Bulldozer walzt er mit lärmigem Gehabe durch Paris und erweist sich noch beim Drogendeal im Vorstadtghetto als Elefant im Porzellanladen.

Lustvoll gibt Travolta mit Glatze und Henriquatre-Bart zurechtgemacht die Rampensau – mit affektierten Gesten und expressiver Mimik, rüpelhaftem Benehmen und Chuzpe. Das alles ist immer mehr als eine Nuance zuviel und deutlich als Zitat seiner Rollengeschichte angelegt. Wie in 'Schnappt Shorty' ist Travoltas Charlie Wax ein cooler Killer, wie zuletzt in 'Die Entführung der U-Bahn Pelham 123' legt der Star sein Schauspiel als überzogene Camp-Performance an. Einmal verlangt er in einer offensichtlichen Anspielung auf Pulp Fiction' nach einem 'Hamburger Royal'. Dabei degradiert er seinen aus 'Match Point' bekannten Schauspielkollegen Rhys Meyers zum Nebendarsteller.

Aus den kulturellen Gegensätzen und den unterschiedlichen Schauspielstilen erwachsen durchaus einige amüsante Scherze. Auch technisch ist 'From Paris With Love' kompetent umgesetzt und bietet fulminante Actionszenen. Ärgerlich ist jedoch der dummdreiste Sexismus des derben Buddy-Movies, in dem selbst der Tod der Lebenspartnerin mit einem Achselzucken quittiert wird. Wer sich an solchen Geschmacklosigkeiten nicht stört und von einem gelungenen Kinoabend viel Geballer und zynische One-liner erwartet, ist hier allerdings bestens aufgehoben.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf www.br.de

Medianeras

(AR / D / ES 2011, Regie: Gustavo Taretto )

Schachteldasein
von Wolfgang Nierlin

Als „urbane Fabel“ über Einsamkeit in der Großstadt und die Neurosen ihrer Bewohner hat der argentinische Regisseur Gustavo Taretto seinen Film „Medianeras“ bezeichnet. Demgemäß eröffnet er sein überraschend stilsicheres Langfilm-Debüt …

Als „urbane Fabel“ über Einsamkeit in der Großstadt und die Neurosen ihrer Bewohner hat der argentinische Regisseur Gustavo Taretto seinen Film „Medianeras“ bezeichnet. Demgemäß eröffnet er sein überraschend stilsicheres Langfilm-Debüt mit einer Montage beeindruckender Stadtansichten von Buenos Aires, die eine chaotische „Bauwüste“ voller ästhetischer Brüche und architektonischer Widersprüche zwischen Tradition und Moderne zeigen. Hier drängen sich Wohnsilos an alte Villen, hier wird hemmungslos abgerissen und umgebaut. Und wo Lücken in den Häuserzeilen entstehen, werden jene, oft mit Kunst oder Werbung verzierten Trennwände und Brandmauern sichtbar, von denen der Filmtitel spricht. Tarettos Reflexion über die moderne Stadt setzt dabei die Planungs- und Bausünden einer menschenfeindlichen Architektur in eine direkte Beziehung zu den seelischen Leiden der Stadtbewohner. Diese werden zum Abbild der Stadt, die umgekehrt ständig von ihnen transformiert wird.

„Medianeras“ meint aber auch das Dazwischenliegende, das zugleich trennt und verbindet. In Gustavo Tarettos ebenso origineller wie witziger Versuchsanordnung wird das isolierte Leben in der Schachtel-Wohnung deshalb auch zu einer sehr zeitgemäßen Reflexion über moderne Kommunikationsmittel und virtuelle Beziehungen. Der 29 Jahre alte Webdesigner Martín (Javier Drolas), der sich in seinem kleinen Ein-Zimmer-Appartement komplett abgeschottet hat, fast nur noch Online kommuniziert und von diversen Phobien geplagt wird, drückt sein Dilemma in einem der vielen Off-Monologe so aus: „Das Internet bringt mich der Welt näher, aber es entfernt mich vom Leben.“ Sein weibliches Pendant heißt Mariana (Pilar López de Ayala), arbeitet als Schaufensterdekorateurin und wohnt im Häuserblock gegenüber. „Wo ist Walter?“ („Wally In The City“) lautet der Titel des Wimmelbuches, das sie seit ihrer Kindheit begleitet und das ihre eigene Verlorenheit, aber auch Sehnsucht metaphorisiert: „Wie soll man eine Person finden, von der man nicht weiß, wie sie aussieht?“

Aber „Medianeras“ handelt dadurch auch vom Suchen und Finden der Liebe, von unverhoffter Nähe, zufälligen Begegnungen und von ganz altmodisch romantischer Vorherbestimmung der Liebesuchenden füreinander. So erzählt Taretto die parallelen Leben seiner beiden sympathischen Protagonisten entlang einer Vielzahl von Entsprechungen, die sich in Phobien, Trennungen und Enttäuschungen manifestieren. Auf eine in der Montage enge Verschränkung von Wort und Bild folgen immer wieder längere Passagen, die von emotionalen Stimmungen getragen werden. In ihnen spiegeln sich auch die drei Kapitel des nach Jahreszeiten gegliederten Films, der einen „kurzen Herbst“, einen „langen Winter“ und zuletzt den Beginn des Frühlings als Aufbruch und Ausbruch umfasst: In den Ritzen der Fassaden wuchert unkontrolliert Pflanzengrün; und „Mariana y Martín“ produzieren für YouTube ein Playback-Video zum Soul-Klassiker „Ain’t No Mountain High Enough“ von Marvin Gaye und Tammi Terrell.

Marvel’s The Avengers

(USA 2012, Regie: Joss Whedon)

Zug zum Thor, den Hulk im Nacken: Jetzt mit noch mehr Superheld pro Film
von Drehli Robnik

Zwar kommen prominent besetzte Nebenfiguren aus den jeweiligen Primärfilm-Universen hier nur kurz (Gwyneth Paltrow als Iron Mans Geliebte), bloß per Foto (Natalie Portman als Thors Geliebte) oder gar nicht vor …

Zwar kommen prominent besetzte Nebenfiguren aus den jeweiligen Primärfilm-Universen hier nur kurz (Gwyneth Paltrow als Iron Mans Geliebte), bloß per Foto (Natalie Portman als Thors Geliebte) oder gar nicht vor (Tommy Lee Jones als Captain Americas Ausbilder bei der US Army Anno 1942). (Der von Anthony Hopkins gespielte nordische Allgöttervater und Hammerflüsterer Odin schläft weiter im Off der Erzählung, und das ist kein Schaden.) Trotz dieser Reduktionen ist 'The Avengers' randvoll übersät mit (Neo-)Stars unterschiedlicher Kaliber und Superhelden aus diversen – ohnehin bald auch wieder separat weiterlaufenden – Marvel/Disney-Franchises. Dazu gibts überraschende Cameos der Altspatzen Jerzy Skolimowski, Jenny Agutter und Harry Dean Stanton.

Angelegt als High-Concept-Irgendwas zwischen Kinofassung eines Comic-Sonderhefts und Ensemblefilm, Mashup-Style-Spätlese und Markenfusion setzt 'The Avengers' die seit Jahren akkumulierten Identitätskapitalien von Halbgott-, Hulk- und Hero-Figuren um: Alle wissen so einigermaßen, wer sie sind und was ihr Problem oder Kerngeschäft ist, nun können Allianzen durchgespielt werden im Kampf gegen Thors fiesen Adoptivbruder Loki (Tom Hiddleston) – zu zweit, zu dritt, im ganzen Team, mal zerstritten, mal durch künftig wohl weiter auszulotende mysteriöse Vergangenheiten verbunden, mal in Trauer oder Entschlossenheit vereint. Zählt man den bisher stets zumindest am Ende oder gar nach abgelaufenem Abspann der jeweiligen Marvel-Blockbuster aufgetretenen S.H.I.E.L.D.-Kommandanten und Oberfusionierer (Samuel L. Jackson) hinzu, dann kommen da an die zehn Superheld_innen zusammen, da ergeben sich schon rein mathematisch … sehr viele mögliche Konstellationen, und einige davon sind ja auch reizvoll; etwa die der beiden hormonell aufgedrehten Technikwissenschaftler (die bei Bedarf in Eisenhaut bzw. grüner Größe samt notorischer, hier offensiv thematisierter Hosennot agieren). Das Tempo, mit dem Robert Downey Jr. und Mark Ruffalo ihre jeweiligen Eitelkeits- und Nervositätsmarotten virtuos absondern, zeugt weniger von Sinn für rhythmische Dynamik als vom Bemühen der Regie (Fernsehformelmastermind Joss Whedon, der auch das Drehbuch geschrieben hat), die in den Figuren eröffneten Potenziale in läppischen 142 Minuten ebenso pflichtfertig abzuarbeiten wie die 3D-Actionroutinen in Sachen Flugkünste und Leute-an-Wände-donnern-Lassen. Scarlett Johansson ist zwar für manch überraschende kleine Handlungswendung gut, war aber auch schon mal kesser und kampfsportlich beeindruckender, und Jeremy Renner werden wir wohl nie wieder als so entspannten Actionfilm-Average-Guy erleben wie weiland in '28 Weeks Later' oder 'The Hurt Locker'.

Schmerzlich vermisst werden hier die Screwball- und Kauz-Komik, der schwelgerische Retrochic, die auschoreografierten Schwebemomente, die Politik- und Zeitgeschichtsbezüge der Watch-, Iron und X-Men von 2009/10/11. Vergleichen wir nur die Dichte der Verweisnetze in Hinblick auf nachwirkende Nazi-Vergangenheit, jüdische Gegengewalt, antirassistische Bürgerrechtspolitik und homophobe Zwangsheilungsstrategien in den X-Men-Filmen (in den ersten drei und vor allem jenem vom vorigem Jahr) mit dem läppischen Moment in einer in Stuttgart – of all places – spielenden Szene von 'The Avengers', in der ein offenkundiger greiser Holocaust-Überlebender zwei Sätze lang gegen den göttlich-aristokratischen Menschheitsunterwerfer Loki anreden darf, dies nur, um dem sogleich anfliegenden Captain America die Anknüpfung an die ethischen Weihen seiner (historisch kontrafaktischen) antidiktatorischen Schutzschildkriegsführung aus dem Zweiten Weltkrieg zu erleichtern. Eher unangenehm ist in 'The Avengers' auch der politikfeindliche filmische Entwurf der Beziehung zwischen dem (einzig durch das Wissen um die Dringlichkeit der Lage legitimierten) Weltsicherheitsmanagement von S.H.I.E.L.D. einerseits und einem in orwellhafter Monitordüsternis auftretendem 'Security Council' anderseits, der offenbar auf die UNO oder die US-Regierung gemünzt ist.

Aber wie gesagt: Schon die Genre- und Franchise-immanenten Vergleiche fallen eher zu Ungunsten von 'The Avengers' aus. Den Satire-, Weirdness- und Traumatik-Level etwa von Jon Favreaus 'Iron Man II', seinem kommerziell erfolgreichsten und (wenn man den ganz aus der Art gefallenen, von Ang Lee biopolitästhetisch-pflanzenwuchernd inszenierten und aufgrund von umfassender Seltsamkeit eher gefloppten ersten 'Hulk'-Film von 2003 weglässt) besten Vorgängerfilm, unterfliegt 'The Avengers' locker. Noch größer sind da wohl die Märkte, noch jünger (und eher weniger nerdig) sind die Kernzielgruppen, die dieser Film anpeilt; dem entsprechend versprüht sein Endlosshowdown mit großstadtzertrümmernden Stahlriesenraupen mehr als nur einen Hauch von HASBRO-Spielwarenadaptionskino.

Our Idiot Brother

(USA 2011, Regie: Jesse Peretz)

Trost mit Zuckerguss
von Carsten Happe

„Dumm ist der, der Dummes tut“, wusste schon Forrest Gump, und in dieser Hinsicht ist Ned wahrlich der Idiot des Titels, der für den Verkauf von Marihuana an einen Polizisten …

„Dumm ist der, der Dummes tut“, wusste schon Forrest Gump, und in dieser Hinsicht ist Ned wahrlich der Idiot des Titels, der für den Verkauf von Marihuana an einen Polizisten mal eben für ein paar Monate in den Knast wandert. Danach hat seine Freundin einen Neuen und verjagt ihn vom gemeinsamen Ökobauernhof, seinem angestammten, überschaubaren Biotop. Einzig Willie Nelson bleibt ihm noch, sein treuer Golden Retriever, mit dem sich der Neo-Hippie sanft in den gut gepolsterten Schoß seiner entfremdeten Familie fallen lässt.

Kein schlechter Ausgangspunkt für eine hübsche Social-Clash-Komödie, möchte man meinen, und hat dabei längst den liebenswerten Slacker ins Herz geschlossen – erst recht, wenn er mit dem sauertöpfisch-britischen Teil der stocksteifen Sippe zusammenprallt. Paul Rudd, der bislang zumeist solide seinen Stiefel in der zweiten Reihe heruntergespult, hin und wieder sogar das Mädchen abbekommen hat (Reese Witherspoon! Michelle Pfeiffer!), ist die Spielfreude angesichts des Drehbuchs, das ihm auf den schmächtigen Leib gezimmert wurde, durchweg anzumerken – und er dankt es mit einer solch charmanten Performance, der lediglich die übelsten Zyniker nichts abgewinnen könnten.

Dieser größte Pluspunkt des Films fordert allerdings zugleich auch seine massivste Schwachstelle heraus: In der gängigen Komödienarithmetik, der sich „Our Idiot Brother“ auf bisweilen allzu überkandidelte Weise unterwirft, sind Neds drei Schwestern allesamt frustrierte, verklemmte, verbissen karrieresüchtige Furien, die zu ihrem Glück gezwungen werden müssen und natürlich nicht ansatzweise erkennen, wenn es in Form ihres vertrauensseligen, herzensguten Bruders vor ihnen steht. Die Läuterung der sträflich unterforderten Zooey Deschanel, Elizabeth Banks und Emily Mortimer bildet dabei den Zuckerguss, den man gerne schon vorab heruntergekratzt hätte, bevor er klebrig hängenbleibt.

Aber möglicherweise muss das auch so sein, wenn man neben gefälligem Entertainment noch eine kleine Moral unters Volk mischen möchte, die von der Bedeutung des Andersseins für ein Sozialgefüge, einer Familie mithin, erzählt und in ihrem ganz eigenen Happy End, das selbstredend von Beginn an so sicher scheint wie das Amen in der Kirche, eine große integrative Kraft verströmt. Dass sich sogar für geborene Außenseiter wie Ned ein passgenauer Platz in der Gesellschaft findet, hat letztlich etwas ungemein Tröstendes.

Ausente

(AR 2011, Regie: Marco Berger)

Blicke männlichen Begehrens
von Wolfgang Nierlin

Der männliche Körper als Objekt des Begehrens und die Blicke, die dieses Begehren evozieren, durchziehen in ihrer motivischen Verschränkung Marco Bergers Film „Ausente“ (Abwesend). Zunächst ist es der jugendliche Körper …

Der männliche Körper als Objekt des Begehrens und die Blicke, die dieses Begehren evozieren, durchziehen in ihrer motivischen Verschränkung Marco Bergers Film „Ausente“ (Abwesend). Zunächst ist es der jugendliche Körper des 16-jährigen Schülers Martín (Javier De Pietro), der in einer Reihe von Detailaufnahmen auf Gliedmaßen, Muskeln, Haut und Haare als Gegenstand erotischer Faszination beschworen wird. Es sind dies Fragmente der Lust, die andererseits in Martíns eigenen Blickbewegungen, die er auf seine Klassenkameraden in der Umkleidekabine eines Schwimmbads richtet, eine Fortsetzung finden und die Wahrnehmung dominieren. Im subjektiven Wechselspiel mit dem Auge der Kamera teilt Berger die Lust des Voyeurs zugleich mit seinem Protagonisten und dem Zuschauer. Immer wieder auch inszeniert der argentinische Filmemacher seinen Helden in typischen Pin-up-Posen unter der Dusche oder auf dem Bett, um seinen homoerotischen Obsessionen Ausdruck zu verleihen. Diese Offensichtlichkeit geriete in einem heterosexuellen Diskurs sofort unter den Verdacht sexueller Ausbeutung und ästhetischer Kitsch-Produktion. In Marco Bergers Kino der Blicke und der unausgesprochenen Gefühle verdichtet sich jedoch gerade darin eine spannungsgeladene erotische Atmosphäre.

Insofern ist Martín Blanco – sein Name deutet es an – auch eine Projektionsfläche für heimliche oder uneingestandene Sehnsüchte und Wünsche. Das Doppeldeutige zwischen Anziehung und Abstoßung sowie der mysteriöse Thrill des Unbestimmten, von der Musik Pedro Irustas kongenial unterstützt, kennzeichnet auch die Beziehung Martíns zu seinem Schwimmlehrer Sebastián Armas (Carlos Echevarría). Unter diversen Vorwänden und immer neuen Lügen versucht der Jüngere den Älteren zu verführen. Die ungewohnte Nähe, die daraus resultiert, vermittelt sich über Blicke und Gesten und stellt sich ein über absichtliche Umwege und Verhinderungen. Das einmal von Sebastián imaginierte Versteckspiel im Labyrinth der Umkleidekabinen ist ein treffendes Bild für diese wechselseitige Suchbewegung, die Marco Berger zwischen Wunsch und Wirklichkeit ansiedelt.

Denn in seiner Verantwortung als Lehrer ist Sebastián einem zunehmend stärker werdenden psychischen Druck ausgesetzt und in einem fatalen Gefüge aus Lust, Angst und Schuld gefangen. Berger entwickelt hier einen komplexen Charakter, der im komplizierten Spannungsfeld zwischen privaten und öffentlichen Konflikten, die immer nachdrücklicher sein Leben erschüttern, förmlich aus der Bahn geworfen wird. Als er erkennt oder sich eingesteht, was er tatsächlich fühlt und will, ist es bereits zu spät. Sebastián ist ein tragischer Held, der schließlich an sich selbst und den verinnerlichten gesellschaftlichen Verboten scheitert.

Klitschko

(D 2011, Regie: Sebastian Dehnhardt)

Ganz totales Überfernsehkino
von Ricardo Brunn

Das Verhältnis von Dokumentarfilm und Fernsehen ist seit jeher ambivalent. Zwar hat das Dokumentarische im Öffentlich-Rechtlichen seinen festen Platz. Der Anteil ist, gemessen an fiktionalen Formaten, sogar größer, bezieht man …

Das Verhältnis von Dokumentarfilm und Fernsehen ist seit jeher ambivalent. Zwar hat das Dokumentarische im Öffentlich-Rechtlichen seinen festen Platz. Der Anteil ist, gemessen an fiktionalen Formaten, sogar größer, bezieht man Spielarten wie Features und Reportagen in die Betrachtung mit ein. Leider fristet gerade der abendfüllende Dokumentarfilm schon seit langer Zeit ein Dasein an den Peripherien des Programmplanes und wird auch immer seltener durch das Fernsehen koproduziert. Die Gründe dafür sind vielfältig und oft erbärmlich: In seiner Langsamkeit, Offenheit und der Unwilligkeit, Fragen eindeutig zu beantworten, passt er – so wollen es die Verantwortlichen – nicht zum allzeit zappbereiten Zuschauer. In seiner produktionsbedingten Unvorhersehbarkeit passt er – so will es der Quotendruck – nicht zu den zuständigen Redakteuren, die lieber zu Beginn schon genau wissen wollen, wie das Produkt am Ende ausschauen wird und auch unabwägbaren Finanzierungssituationen aus dem Weg gehen wollen. Manchmal heißt es einfach auch nur abfällig, der Dokumentarfilm sei zu kritisch.

Mit „Klitschko“ kam ein Film ins Kino, der von Sebastian Dehnhardt, einem versierten Regisseur erfolgreicher TV-Dokumentationen („Krupp – Mythos und Wahrheit“, „Das Drama von Dresden'), inszeniert wurde. Die große Fernsehproduktionsfirma für Geschichts-dokumentationen, „Broadview TV“, bei der Dehnhardt auch Geschäftsführer ist, hat den Film maßgeblich produziert. Aus dieser reinen Betrachtung der Produktionsbedingungen ergibt sich also eine Art Umkehrbewegung: Der vom Fernsehen auf allen Ebenen vernachlässigte abendfüllende Dokumentarfilm wird hier von Fernsehmachern initiiert und für die große Leinwand produziert.

„Klitschko“ erzählt, ausgehend von den unmittelbaren Vorbereitungen auf einen Kampf, in einer Rückschau von der Kindheit und den Kickbox-Anfängen der Brüder Vitali und Wladimir in Kiew, ihren ersten Boxkämpfen und der Entdeckung in Deutschland, bis hin zu den Millionen-Kämpfen der beiden Athleten. Zu Wort kommen auf dieser Wegstrecke Trainer, ehemalige Gegner, Boxpromoter, Ärzte und Manager. Erstmals sind auch die Eltern der Klitschko-Brüder zu sehen.

Über zwei Jahre hinweg hat der Regisseur seine Protagonisten mit dem Ziel begleitet, mehr über die besondere Beziehung der Brüder zu erfahren. Nähe scheint dabei jedoch keine entstanden zu sein. Dehnhardt geht mit seinen Protagonisten nicht anders um als mit den Interviewpartnern seiner zahlreichen Geschichtsdokus: sie liefern vor allem das, was er zu einer einfachen und verständlichen Geschichte montieren kann. Ihre Mutter wird auf der Couch drapiert, als wäre es nicht ihre eigene, während Wladimir auf der Terrasse eines Hauses in den Bergen grillt, das auch gut für den Film gebaut worden sein könnte. Es ist ein geradezu aseptischer Blick auf das Leben der zurzeit berühmtesten Boxer der Welt.

Zugunsten einer perfekten Inszenierung des Klitschko-Universums wird auf Unmittelbarkeit sowie das Vertrauen in den Moment fast gänzlich verzichtet. Nichts wird hier dem Zufall überlassen. Kaum auszuhalten sind die Szenen, in denen Wladimir und Vitali eine inszenierte Schachpartie spielen und dem Zuschauer von Rivalität und Freundschaft der Brüder erzählen sollen, weil es kaum authentische Momente im Film gibt, die das auf andere Art vermitteln könnten, oder weil diesen Momenten nicht genug vertraut wird. Denn im Kopf des Regisseurs ist immer noch das Fernsehpublikum die Zielgruppe.

So ist es auch kein Wunder, dass der Film litfasssäulenartig mit Musik und Sounddesign verkleistert ist. Immer höher türmen sich im Verlauf des Filmes die musikalischen Triumphbögen. Stellenweise mag dies Ausdruck von Angst und Unbeholfenheit sein, dem fehlenden Off-Kommentar (ein offensichtliches Zugeständnis an das Kino) adäquat zu begegnen und die fernsehuntypische Leerstelle einfach mal zuzulassen. Vor allem aber ist es die Routine des Fernsehregisseurs, jedem Bild durch musikalische Untermalung zu besserer Verständlichkeit verhelfen zu wollen und Mehrdeutigkeiten zu vermeiden, denn „Klitschko“ möchte vor allem eine Ansicht verbreiten: Mit aller Macht will der Film Dokumentarmonument sein.

Doch die Inszenierungsstrategien einer aufgeblasenen Fernsehdokumentation genügen diesem Anspruch nicht. Egal, wie groß der Flachbildfernseher auch ist, allein die Überlebensgröße des Kinos soll dem Werk samt seinen Protagonisten einen anderen Stellenwert zuweisen und es nicht zuletzt ermöglichen, die historische Bedeutung der Klitschkos zu stärken. Besonders deutlich wird dieser Aneignungsversuch in den Anfangstiteln des Filmes: die Produktionsfirma „Broadview TV“ wird kurzerhand in „Broadview Pictures“ umbenannt. Der Wille zum Kino ist überall zu spüren, nur im gedrehten Material, dem jede Fragestellung und Unvoreingenommenheit gegenüber seinen Protagonisten fehlt, ist davon nichts vorhanden.

„Klitschko“ ist eines der vielen Beispiele dafür, dass die Frage nach dem Kino als Kunst hierzulande immer häufiger in die Frage nach dem Kino als Fernsehen mündet. Umso wichtiger ist es gerade für die Gattung des Dokumentarfilmes, die leichtfertige Vermischung der Terminologien, wie sie in der deutschen Filmkritik gang und gäbe ist, einer klaren Begriffsbestimmung zuzuführen: Eine Dokumentation ist kein Dokumentarfilm – auch dann nicht, wenn sie sich durch die Hintertür ins Kino schleicht.

Junta

(AR / I 1999, Regie: Marco Bechis)

System der Angst
von Wolfgang Nierlin

Im alten Griechenland galt als Barbar, wer keinerlei Regeln und Gesetzen unterstand. „Garage Olimpo“, der Originaltitel von Marco Bechis‘ Film „Junta“, trägt seine schreckliche Zwiespältigkeit deshalb bereits im Namen: Zwischen …

Im alten Griechenland galt als Barbar, wer keinerlei Regeln und Gesetzen unterstand. „Garage Olimpo“, der Originaltitel von Marco Bechis‘ Film „Junta“, trägt seine schreckliche Zwiespältigkeit deshalb bereits im Namen: Zwischen 1976 und 1982, als Argentinien von einer brutalen Militärjunta unter den Generälen Videla, Agosti und Massera terrorisiert wurde, war die ausrangierte Werkstatt eines von über dreihundert geheimen Folterlagern im Untergrund von Buenos Aires, in denen Regimegegner und mutmaßliche Oppositionelle zu Tausenden willkürlich gefangen gehalten und misshandelt wurden. Um die Spuren illegaler Verschleppung und grausamer Folter zu verwischen, warf man die Opfer staatlicher Gewalt von Militärflugzeugen aus ins Meer. Seither gelten nach Schätzungen etwa 30000 Menschen als „desaparecidos“ – als Verschwundene. Für Regisseur Marco Bechis sind sie Opfer einer modernen Barbarei, die Folter nicht mehr primär als Bestrafungsmittel einsetzt, sondern als perverse Methode benutzt, um den Körper der Geschundenen zu instrumentalisieren und in totaler Weise ihre Psyche zu besetzen. Die Seele selbst werde zum Gefängnis, so der argentinische Regisseur.

Abgelöst von den konkreten historischen Ereignissen, möchte Bechis insofern seinen Film ganz allgemein als Manifest gegen staatliche Gewalt verstanden wissen. Gleichwohl bezieht sich „Junta“ auf autobiographische Erlebnisse und auf Aussagen von Überlebenden. Im Jahre 1977 wurde der damals 20jährige Grundschullehrer und linke Aktivist Bechis selbst von Soldaten in Zivil entführt und inhaftiert, bevor er schließlich das Land verlassen musste. Im Film erleidet ein ähnliches Schicksal die erst 18 Jahre alte Maria (Antonella Costa), die in den Slums der argentinischen Hauptstadt Alphabetisierungskurse gibt und bei ihrer Mutter Diane (Dominique Sanda) lebt. Hier wohnt als Untermieter auch der zunächst unauffällig wirkende Felix (Carlos Echeverría), der Maria seine Liebe aufdrängt und später in einem komplizierten Verhältnis zu ihrem Peiniger wird. Die Abhängigkeit des Opfers von der Willkür des Täters fasst Bechis äußerst komplex, indem er den anonymen Raum durch einen privaten überlagert und in dieser Ambivalenz als verzweigtes System der Angst kennzeichnet. Die Hierarchie der Unterwerfung verlangt von Maria die Selbstaufgabe, während Felix als ein in mehrfacher Hinsicht Abhängiger sichtbar wird.

Mit Marias dramatischer Gefangennahme betritt auch der Zuschauer „die Welt der Geräusche“, wo in sogenannten „Operationssälen“ – das sind dunkle, kalte Verschläge aus Beton und Blech – die junge Frau, eine schwarze Augenbinde tragend und nackt auf eine Pritsche gefesselt, mit Stromschlägen bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert wird. Die Primitivität des Ambientes und der Methoden korrespondiert dabei auf erschreckend paradoxe Weise mit der planmäßigen Durchführung und Organisation der Quälerei, die hier in pervertierter Form als „Normalität“ eines Arbeitsalltags mit Stempeluhr, Freizeitraum und Strafversetzung in den „Außendienst“ erscheint. Körper und Seele der Opfer unterliegen der totalen Kontrolle durch die Täter und ihren hybriden Herrschaftsanspruch: „Wir entscheiden, wann gestorben wird. Wir sind hier unten Gott.“

Besonderes Augenmerk legt Bechis in seinem beeindruckenden Film auf den schmalen Grat zwischen Normalität und Wahnsinn, Freiheit und Tod. Immer wieder kontrastiert er den Horror der Folterkeller mit Ansichten der Stadt und dem gleichmäßigen Fluss des täglichen Lebens. Hauchdünn ist die Membran zwischen den beiden Welten, zwischen oben und unten, draußen und drinnen. Ein gemeinsamer Ausflug, den Felix mit Maria in die „oberirdische“ Stadt unternimmt, spitzt dieses paradoxe Verhältnis noch zu, das Marco Bechis folgendermaßen charakterisiert hat: „Die Bewohner der Stadt lebten in einer Fiktion, während die Wahrheit im Untergrund war.“

Attenberg

(GR 2010, Regie: Athina Rachel Tsangari)

Expedition ohne Förderung
von Marit Hofmann

Das seltsamste Tier ist der Mensch. Die 23jährige Marina versteht ihresgleichen nicht und hält sich lieber an Tierdokumentationen des Briten David Attenborough. Zusammen mit ihrem todkranken Vater imitiert sie mit …

Das seltsamste Tier ist der Mensch. Die 23jährige Marina versteht ihresgleichen nicht und hält sich lieber an Tierdokumentationen des Briten David Attenborough. Zusammen mit ihrem todkranken Vater imitiert sie mit Leidenschaft das Balzverhalten von Wasservögeln und Gorillas. Wenn sie dagegen mit der in Liebesdingen erfahrenen Freundin bis zum Brechreiz Zungenküsse übt, fühlt sich das für Marina an 'wie eine Nacktschnecke' im Mund: 'Wie machen Menschen das nur?'

Aus dem krisengebeutelten Griechenland kommt nicht nur einer der 'schrecklichsten Küsse der Kinogeschichte' (New York Times), sondern auch ein besonders selbstbewusstes Argument für die steile These von Regierocker Klaus Lemke, dass Filmförderung fürn Arsch sei. Filme lieber ungewöhnlich, könnte das Motto von Athina Rachel Tsangari lauten, die ihre eigene Produktionsfirma gegründet hat, um ihre und die Projekte anderer eigenwilliger Filmemacher verwirklichen zu können.

Für die bizarre Mischung aus einer 'Doku über eine andere Familie im Stil eines Tierfilms' und einem 'abstrakten Musical, das in unseren Köpfen stattfindet' (Tsangari über 'Attenberg'), hätte sich wohl auch kaum ein staatliches Fördergremium erwärmt, wenn derzeit in Griechenland in nennenswertem Maße Kultursubventionen zu vergeben wären. Einerseits seziert die Regisseurin in kühlen Versuchsanordnungen menschliche Verhaltensweisen vor den klinischen Kulissen eines zerfallenden Fabrikstädtchens. Andererseits sind unvermittelt absurde Tanzeinlagen der beiden Freundinnen im Stil der silly walks von Monty Python eingestreut, die die Handlung wie ein griechischer Chor unterbrechen und kommentieren, aber vor allem signalisieren, wie die Protagonistinnen, die Suicide hören und trostlosen Jobs nachgehen, auf ihre Art der aussichtslosen Lage trotzen.

Diese angenehm unsentimentale Coming-of-age-Story mündet nicht darin, dass die junge Frau in der Krise endlich erwachsen wird und sich ins System fügt. Die Anthropologin wider Willen, die man nie lächeln oder gar flirten sieht, klopft gesellschaftliche Konventionen auf ihren Gehalt ab: Was kann sie davon übernehmen, und was kann ihr gestohlen bleiben? Ebenso wie Marina sich schließlich vorsichtig aufs Leben mit ihresgleichen einlässt, wird der Zuschauer mehr und mehr zum anteilnehmenden Beobachter dieser außergewöhnlichen Variante menschlicher Spezies.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 05/2012

Tomboy

(F 2011, Regie: Céline Sciamma)

Der letzte unbeschwerte Sommer
von Andreas Busche

„Du bist ganz anders als die anderen“, sagt die zehnjährige Lisa zu Michael, als sie am Bolzplatz stehen und den Jungs beim Fußballspielen zugucken. Was sie damit meint, wird erst …

„Du bist ganz anders als die anderen“, sagt die zehnjährige Lisa zu Michael, als sie am Bolzplatz stehen und den Jungs beim Fußballspielen zugucken. Was sie damit meint, wird erst später klar, als die beiden allein sind und Lisa ihren neuen Freund schminkt. Der Junge lässt es über sich ergehen. Doch Michael heißt eigentlich Laure.

Laure und ihre Familie sind neu in der Wohnsiedlung. Für das Mädchen bedeutet der Umzug eine Umstellung: wieder eine andere Schule, wieder neue Freunde finden. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, die Kinder genießen die letzten Ferientage. Laure stößt zu der Gruppe; mit ihrem schlaksigen Körper und den burschikos-kurzen Haaren könnte sie glatt als Junge durchgehen. Mädchenkram interessiert sie sowieso nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sich Lisa, dem einzigen Mädchen, als Michael vorstellt. Beim Fußball ist sie nicht schlechter als die Jungs, ein bisschen stolz reicht Lisa ihr während des Spiels das Wasser. Nur als die anderen eine Pinkelpause einlegen, gerät Laura in Erklärungsnot. Gender Trouble. Im Spiel manifestieren sich früh soziale Normen. Subjekte werden konstituiert und dekonstruiert.

Céline Sciamma bedient sich in „Tomboy“ des Rollenspiels als erzählerischem Modus‘, sie interessiert sich für diesen so heiklen wie spannenden Moment der Kindheit. Wenn die Kinder unter sich sind, sind sie ganz sie selbst und gehen gleichzeitig in Rollen auf. Laures kleine Schwester Jeanne läuft im rosa Tutú durch die Wohnung und spielt mit Puppen – weil sie gelernt hat, dass Mädchen so was tun. Später erzählt sie Laures Freunden von ihrem starken großen Bruder; prompt verprügelt Laure/Michael einen anderen Jungen, der Jeanne geschubst hat. Der Vater wiederum meint ernsthaft, dass er Laure endlich das Pokern beibringen muss.

Derart verwirrt von Geschlechtervorstellungen genießt Laure ihre Rolle als Michael, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu werden. Als der Schwindel auffliegt, verliert auch das Spielen seine Unschuld. Sciamma aber nimmt alle Gefühle gleich ernst. Laure, die ihr eigenes Jungsding einmal ausprobieren möchte; Lisa, die sich in Michael verliebt hat; Jeanne, die ihr Kindsein noch ausleben kann. Und die Eltern, die von Laures Geschlechterverwirrung zunächst schockiert sind. Für Sciamma gehören Rollenspiele zu den prägenden Kindheitserfahrungen. Aber irgendwann ist auch der unbeschwerteste Sommer vorbei.

Bellflower

(USA 2011, Regie: Evan Glodell)

Waste Land USA
von Harald Steinwender

Wochenende, eine heruntergekommene Kneipe in Kalifornien: Bier-Pitcher und Whiskey-Shots gehen im Dutzend über den Tresen, das Publikum besteht vor allem aus Slackern Anfang 20 bis Mitte 30. Ein Wettbewerb wird …

Wochenende, eine heruntergekommene Kneipe in Kalifornien: Bier-Pitcher und Whiskey-Shots gehen im Dutzend über den Tresen, das Publikum besteht vor allem aus Slackern Anfang 20 bis Mitte 30. Ein Wettbewerb wird ausgerufen: 50 Dollar für denjenigen, der die meisten lebenden Heuschrecken isst! Milly (Jessie Wiseman) ist sofort dabei, ihr Herausforderer ist Woodrow (Evan Glodell). Milly gewinnt. Am Tresen trifft sie Woodrow wieder, spendiert ihm ein Bier und einen Whiskey. Tags darauf das erste Date. Wohin es gehen soll? 'I want you to take me to the cheapest, nastiest, scariest place you know!' Also fährt Woodrow Milly nach Texas, dahin, wo man vom Essen Diarrhö bekommt, eine Frau wie Milly schon nach wenigen Metern belästigt wird und Woodrow sogleich von einem Redneck ein blaues Auge verpasst bekommt. Was für ein Beginn für eine Romanze.

Regisseur Evan Glodell (zudem Drehbuchautor, Ko-Cutter und Ko-Produzent) inszeniert mit 'Bellflower' ein kleines, rotziges Indiefilmchen, schnell abgedreht und ökonomisch geschickt mit sich selbst in der Hauptrolle besetzt. Das Ergebnis ist oft unerwartet charmant, auch wenn manche Passagen etwas forciert ausgefallen sind und 'Bellflower' sich zu sehr in der Perspektive seiner Jungsprotagonisten suhlt. Es geht, unter anderem, um Perspektivlosigkeit und die dunkle Magie der Popkultur, den Traum vom Leben wie im Film: 'You need some better images in your life.' Wie wahr! Aber was, wenn diese besseren Bilder vor allem aus Endzeitfilmen stammen? Die Hauptbeschäftigung von Glodells Slacker-Protagonisten ist neben Saufen und dem Herumschrauben an Muscle-Cars vor allem das Basteln eines eigenen Flammenwerfers. Ihr role model ist Lord Humungus aus George Millers 'The Road Warrior', dem zweiten 'Mad Max'-Film. Warum? Darum: 'LORD Fuckin‘ HUMUNGUS! The master of fire, the king of the waste land! Lord Humungus doesn’t get cheated on by some stupid bitch. Lord Humungus doesn’t say: ‚Was it good for you?‘ He doesn’t say: ‚Who called?‘, or: ‚Where were you last night?‘ He doesn’t leave the fuckin‘ game when he falls in love. Nobody fuckin‘ tells Lord Humungus what to do. Lord Humungus fights when he wants to fight. And fucks when he wants to fuck. And when all else fails he drives straight into the fuckin‘ tanker!' Es geht also um narzisstische, gekränkte Männlichkeit, die sich in Endzeitvisionen und Gewaltphantasien verirrt.

Milly geht fremd. Woodrow rastet aus. Er haut dem Rivalen eins auf die Nase, rennt weg, wird von einem Auto angefahren, leidet aber vor allem an seinem gebrochenen Herzen. Es folgt viel tote Zeit. Dann geht’s zur Sache. Ein Zwischentitel informiert uns: 'Nobody gets out of here alive'. Der Flammenwerfer kommt zum Einsatz, ein Baseballschläger, ein Messer und eine 45er. Eine Tattoo-Maschine wird blutig zweckentfremdet – ein Zitat aus 'Love & a .45' (1994; C.M. Talkington), off-screen, gottseidank. Aber, ätsch: Alles nur gelogen, alles nur eine Jungsphantasie in der Jungsphantasie. Ein schlauer Kniff, mit dem der Film sich vorm Abdriften ins Prätentiöse rettet. Statt einer klaren Narration folgt nun die Auflösung der Handlung bis zur Stasis. Kaskaden von Bildern brechen in die Narration ein, miteinander konkurrierende Erzählungen kollidieren. Amerika wird zum 'Mad Max'-Territorium: Waste Land USA. Woodrow und sein Kumpel Aiden (Tyler Dawson) fahren durch die kalifornische Wüste, die tatsächlich wie Australien aussieht. Die Sonne brennt direkt in die Kamera. Sie trinken Bier und schießen mit einer Schrotflinte auf Verkehrsschilder. Am Meer verbrennt Woodrow Millys Sachen, um – vielleicht? – Kalifornien zu verlassen. Warum auch nicht: 'We never even go to the beach.'

Die Frauen spielen hier nur die zweite Geige. Milly versaut die Beziehung mit ihrem Seitensprung, Courtney (Rebekah Brandes), eine der wenigen Frauen, der das Drehbuch ein paar Zeilen zugesteht, ist nur ein Anhängsel der 'Helden'. Aber auch die Jungsfreundschaft besteht vor allem aus Saufen und Nichtstun. Produktiv sind die Protagonisten nur im Basteln ihrer Zerstörungsgerätschaften. 'Bellflower' hat fast nichts gekostet, gerade einmal lächerliche 17 000 US-Dollar laut IMDb. Das sieht man dem Film auch an. Die Dialoge wirken mitunter improvisiert, sind oft redundant. In die Breitwandbilder schleicht sich der Dreck und der Staub ein: Immer wieder finden sich Flecken im Bild und auf der Linse. Die Bilder der handgeführten Digitalkamera rutschen in die Unschärfe, wirken flach, die Farben oft übersteuert: Gelb und Grün erstrahlen toxisch, Rot blutet aus, Blau ist vor allem fahl. Irgendwie spielt 'Bellflower' tatsächlich nach der Apokalypse. Keiner der Protagonisten geht arbeiten, woher sie das Geld für Benzin und Schnaps haben, interessiert den Regisseur nicht.

'Bellflower' ist vielleicht kein großer Wurf, aber durchaus sehenswert. Es wäre interessant zu sehen, was Glodell mit einem moderaten Budget und einem besseren Drehbuch auf die Beine stellen kann. Immerhin hat er laut einer Interviewaussage schon eine ganze Reihe von Drehbüchern in Arbeit. Arbeitstitel: 'Tales from the Apocalypse.' Na dann: 'Long live Lord Humungus!'

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Splatting Image # 89, März 2012

Die Summe meiner einzelnen Teile

(D 2011, Regie: Hans Weingartner)

Überwachen und Strafen
von Wolfgang Nierlin

Zwischen Wahn und Wirklichkeit, gedehnter Zeit und sehr konkreten Räumen bewegt sich der psychisch erkrankte Mathematiker Martin Blunt (Peter Schneider) in Hans Weingartners neuem Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“. …

Zwischen Wahn und Wirklichkeit, gedehnter Zeit und sehr konkreten Räumen bewegt sich der psychisch erkrankte Mathematiker Martin Blunt (Peter Schneider) in Hans Weingartners neuem Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“. Der österreichische, in Deutschland arbeitende Regisseur knüpft damit inhaltlich und thematisch an sein beeindruckendes Spielfilmdebüt „Das weiße Rauschen“ an. Wieder geht es um einen jungen Mann, der durch eine Psychose und einen längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik aus der Bahn geworfen wird. Dabei interessiert sich der politische Filmemacher Weingartner vor allem für die möglichen gesellschaftlichen Ursachen dieser Erkrankung sowie für den repressiven Umgang des Systems mit denjenigen, deren Handeln, Fühlen und Denken von der Norm abweicht, also für den Außenseiter, der durch Überwachen und Strafen ruhiggestellt werden soll.

Gleich die Einleitung des Films, in der die Weite und Ruhe einer Waldeinsamkeit mit der klaustrophobischen Enge eines Gefängniswagens kontrastiert wird, etabliert leicht forciert diese Dialektik von Freiheit und Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung aus der Klinik entgleitet Martin rasant der soziale Boden unter den Füßen: Er landet in einer Wohnung des Berliner Problembezirks Marzahn, verliert wegen „mangelnder Belastbarkeit“ seinen Job, kann sich nur schwer von seiner ehemaligen Freundin Petra (Julia Jentsch) lösen und stürzt sich schließlich in seine Alkoholsucht. Weingartner inszeniert das ruhig, fast wortlos und mit genauem Blick auf die soziale Realität. Das macht seinen Film sehr intensiv und reich an Zwischentönen. Zugleich mildert er die dargestellten Härten immer wieder mit einem empathischen Blick.

„Back in reality“, sagt Martin einmal und glaubt selbst nicht recht daran. Als er schließlich – in einer der eindringlichsten Szenen – durch den Räumungsvollzugsdienst und schier ohnmächtig vor Hilflosigkeit auch noch aus der Wohnung geschmissen wird, kehren die alten Zahlen-Dämonen und Alpträume wieder, verschieben sich ihm die Koordinaten seiner (Selbst-)Wahrnehmung. In einem Abbruchhaus begegnet er dem etwa 10-jährigen ukrainischen Waisenjungen Viktor (Timur Massold). Ihr Zusammensein, aus dem bald innige Freundschaft wird, mildert den permanenten Druck von außen. Gemeinsam flüchten sie in den Wald, der zum Refugium, zum zivilisatorischen Gegen-Ort und zum utopischen Aussteiger(t)raum wird. Sie bauen eine Hütte und erleben eine neu erwachende Stärke und Freiheit im Einklang mit der Natur. „Sei du selbst“, „hab‘ keine Angst“, lauten die Sätze, die diesen mutigen Aufbruch in einer Spiegelgeschichte mit der Zahnarzthelferin Lena (Henrike von Kuick) begleiten. Doch dann melden sich die Wächter der Norm zurück; und mit ihnen die dunklen Schatten des anderen, zerstörerischen Ichs.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Chronicle – Wozu bist Du fähig?

(GB / USA 2012, Regie: Josh Trank)

Ist es ein Vogel? Ein Flugzeug? Ein psychopathischer Heranwachsender?
von Louis Vazquez

Teenager mit Superkräften im Found-Footage-Stil – da darf man als Feind metaphysisch aufgeblasener Seifenopern und unmotivierter Wackelkameras das Interesse völlig zu Recht hart auf Null schrauben und einfach gar nicht …

Teenager mit Superkräften im Found-Footage-Stil – da darf man als Feind metaphysisch aufgeblasener Seifenopern und unmotivierter Wackelkameras das Interesse völlig zu Recht hart auf Null schrauben und einfach gar nicht mehr zuhören. Wenn man dann aber doch, quasi aus Versehen, völlig ungespoilert im Kino landet und sich auch nur einen Hauch für phantastische Filme interessiert, könnte das Erstaunen nicht größer sein. Was Josh Trank da in seinem Spielfilmdebüt auf die Leinwand bringt, ist nämlich tatsächlich so gut, wie der Hype inzwischen lautstark behauptet.

Drei Jugendliche gelangen unverhofft an telekinetische Kräfte, die ihnen sogar das Fliegen ermöglichen, und schnell ist da die pubertäre Lust, die neuen Fähigkeiten an arglosen Mitmenschen auszuprobieren. Man ahnt bald, wie der Hase rennt. Stichworte: Übermensch, Machtrausch, Korruption. Aber das ist ja schon mal interessanter als die zu befürchtende Seifenoper.

Zudem sind die drei Helden nicht unbedingt beste Freunde, sondern die zwei ungleichen Cousins Andrew (Dane DeHaan) und Matt (Alex Russel) sowie der in der Schule ziemlich populäre Steve (Michael B. Jordan, der in der ersten Staffel von „The Wire“ mal eine Sterbeszene hatte, die vieler Leute Auffassung von Fernsehserien für immer verändert hat). Diese vom Zufall zusammengewürfelten Figuren entwickeln sich viel interessanter als die austauschbaren Gesichter, die man sonst in Found-Footage-Filmen vorgesetzt bekommt.

Während die Person hinter der Kamera üblicherweise am unwichtigsten ist, handelt es sich bei Andrew um die Hauptfigur. Seine Mutter ist todkrank, sein Vater ein gewalttätiger Säufer – als geplagter Außenseiter und Sonderling wäre Andrew eigentlich ein wandelndes Teenagerfilmklischee. Als Kameramann einer Pseudo-Doku aber begeistert er schlichtweg, weil er mal keiner von den unrealistischen Wackelbild-Amateuren ist, die nicht im Stande sind, auch mal ohne Zoom zu arbeiten und ein totales Bild zu liefern. Andrew stellt die Kamera auch mal hin. Er will nicht nur draufhalten, sondern wirklich dokumentieren und aus seinem Leben erzählen. Was er zeigt, erzählt ziemlich viel über ihn selbst. Selten gewann der Kameramann so viel Profil.

Und dann gelingt es dem Film sogar noch, mit der Entdeckung der telekinetischen Fähigkeiten ganz unaufdringlich eine freiere Kameraführung zu motivieren. Erst viel später bemerken die Freunde, was Andrew inzwischen per Gedankenkraft macht, und sprechen ihn darauf an. Mit welchem Aberwitz der Film im letzten Akt sein Found-Footage-Konzept schließlich auf die Spitze treibt, wie er mit den typischen Auslassungen arbeitet und welchen Sinn für Timing er dabei an den Tag legt, das alles ist schon ziemlich erstaunlich und hebt „Chronicle“ weit über vergleichbare Genrestücke hinaus. Die Entwicklung des Antagonisten kann einem durchaus den Boden unter den Füßen weg ziehen, falls man sich nicht längst durch Trailer oder geschwätzige Filmkritiker alle Überraschungen hat verderben lassen.

Ein bisschen was zur Struktur wird jetzt aber auch hier verraten, vor lauter Begeisterung natürlich: Dass das Charakterdrama mit seinen dezent eingesetzten Spezialeffekten gerade dann, wenn man so gar nicht mehr damit rechnet, aus seinem Mikrokosmos ausbricht und zum sehr lauten Kracher wird, ist schon wieder brillant und dürfte wie im letzten Jahr das Zugunglück in J.J. Abrams’ „Super 8“ für sperrangelweit geöffnete Münder bei jenen sorgen, die den Trailer noch nicht auswendig kennen.

Ein nicht geringer Anteil am fälligen Lob gebührt Drehbuchautor Max Landis, dessen schon berühmter Vater John („An American Werewolf in London“, „Blues Brothers“) inzwischen augenzwinkernd und stolz lamentiert, sich seinen Sohn nun leider nicht mehr für die eigenen Filme leisten zu können. Vielleicht brauchte es zwei Nerds wie Trank und Landis, um dem Superheldenfilm eine so erfrischende Perspektive abzuringen. Wenn man sich auf Youtube Tranks Kurzfilm „Stabbing at Leia’s 22nd Birthday” oder die wunderbaren Reenactments von Landis’, hm, Kurzdokumentarfilm „The Life and Death of Superman” ansieht, erkennt man schnell eine gewisse Leidenschaft fürs Fach. Und das ist noch immer mehr als man von so manch anderem kalkulierten Blockbuster sagen kann.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Chronicle – Wozu bist Du fähig?

(GB / USA 2012, Regie: Josh Trank)

Von Zero zu Hero (and back again)
von Ulrich Kriest

Andrew hat es nicht leicht. Seine Mutter stirbt gerade qualvoll an Krebs, sein Vater ist ein gewaltbereiter Frührentner mit einem Alkoholproblem und in der Schule ist er ein Außenseiter, eher …

Andrew hat es nicht leicht. Seine Mutter stirbt gerade qualvoll an Krebs, sein Vater ist ein gewaltbereiter Frührentner mit einem Alkoholproblem und in der Schule ist er ein Außenseiter, eher noch ignoriert als gepiesackt. Zum Schutz gegen die Welt hat er sich eine Kamera gekauft, die er jetzt immer dabei hat. Beliebter wird er durch diesen Spleen nicht gerade. Aber an dem Abend, als sein cooler und leicht philosophisch angehauchter Cousin Matt und der an der High School äußerst beliebte Steve ein geheimnisvolles Loch im Wald entdecken, aus dem unheimliche Geräusche dringen, bekommt Andrews Kamera tatsächlich mal eine sinnvolle Funktion. In einer unterirdischen Höhle begegnet den drei Jungs etwas, was sie, um den Preis von etwas Nasenbluten, mit enormen telekinetischen Fähigkeiten ausstattet.

Mit etwas Training reicht das schnell hin, um beim Schulfest zum Star zu werden, aber die wahren Freuden im Umgang mit ihren neuen Fähigkeiten entdecken die Drei beim intimen, gemeinsamen Football-Spiel über den Wolken. Dass man es trainieren muss, seine unbegrenzten Fähigkeiten zu realisieren, ist ein sehr schöner Gedanke dieses Films. Der, das wird früh klar, allerdings in eine andere Richtung will: es geht um die Verantwortung beim Genuss. Matt, der gerne mal ein paar philosophische Lesefrüchte in seine Gespräche einbaut, warnt früh vor einer „Hybris“, die sich einstelle, wenn man unter diesen Umständen seinen Gefühlen freien Lauf lasse. Was bei Andrew schon mal passiert, wenn er sich im Straßenverkehr genötigt fühlt: wisch und weg. Matt würde, damit sich das nicht wiederholt, gerne Regeln aufstellen, doch der jahrelang frustrierte Andrew hat dessen Schopenhauer- und Nietzsche-Exkurse in den falschen Hals bekommen – und bricht, nach etwas Recherche im Netz, als flugfähiger Super-Predator mit Riesenkräften und –kränkungen komplett mit der Welt.

Insofern handelt es sich bei „Chronicle“ tatsächlich um ein teenage angst-Drama im Gewande einer gebrochenen Superhelden-Geschichte. Am erstaunlichsten: die Low Budget- und Pseudo-Found Footage-Ästhetik der Kameraperspektive wird immer wieder intelligent aufgebrochen, zunächst durch die zusätzliche Perspektive einer Bloggerin (die allerdings nicht auf Andrew, sondern auf Matt bezogen ist – ein kleiner Schönheitsfehler?), später kommen dann, je nach Stadium der Hybris und der radikalen Selbstermächtigung, Überwachungskameras, Polizeikameras und Fernsehkameras hinzu. Aber auch Andrews Found Footage-Material hat es in sich, weil sich die frisch erworbenen Fähigkeiten in diesem Punkt mit Talent und Ehrgeiz paaren. Will sagen: wenngleich Andrew ein ziemlicher Loser bleibt, hätte er doch eine blendende Zukunft als Kameramann gehabt, weil er diese sehr elegant zu führen weiß – allein durch die Kraft seiner Gedanken. (Aber natürlich hätte ihn eine solche Karriere wieder ins zweite Glied verwiesen!)

Das ist ein ziemlich cleverer Einfall der Filmemacher, um den Flow des Films wieder näher an den Genre-Mainstream zu binden, ohne die kargen Produktionsmittel zu dementieren. Eine gelungene Talentprobe also, deren Schwächen allerdings auch nicht zu übersehen sind: die moralische Botschaft eines verantwortungsvollen Umgangs mit Superkräften liegt etwas zu sehr auf der Hand und der (sehr!) langwierige Action-Showdown des Films verkommt leider zur öden und spannungslosen Materialschlacht á la Roland Emmerich.

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Splice

(CAN 2009, Regie: Vincenzo Natali)

Die eierlegende Wollmilchsau
von Harald Steinwender

Trotz ihrer Jugend haben Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) bereits eine brillante Wissenschaftskarriere absolviert. Als das aktuelle Projekt des Forscherpaars jedoch Gefahr läuft, eingestellt zu werden, wagen die …

Trotz ihrer Jugend haben Clive (Adrien Brody) und Elsa (Sarah Polley) bereits eine brillante Wissenschaftskarriere absolviert. Als das aktuelle Projekt des Forscherpaars jedoch Gefahr läuft, eingestellt zu werden, wagen die Gentechniker ein riskantes Experiment: Sie bringen menschliche DNA in ein Hybridwesen ein. Die auf den Namen 'Dren' getaufte Kreatur (Delphine Chanéac) wächst schnell zu einem menschenähnlichen Wesen heran. Während die Jungforscher elterliche Gefühle entwickeln, wird Dren zunehmend unkontrollierbarer.

Kurz vor dem deutschen Kinostart von 'Splice' vor zwei Jahren gelang es einem Team von US-Wissenschaftlern, in einem Labor erstmals ein komplett künstliches Bakterium zu erschaffen. Damit wurde die Idee, die Vincenzo Natalis Science-Fiction-Thriller zu Grunde liegt, durch die Wirklichkeit eingeholt, noch bevor der Film die Kinos erreicht hatte. Das von den realen Forschern geschaffene Bakterium mag zwar weit von dem menschenähnlichen, das Erbgut verschiedener Tiere vereinenden Fantasiewesen aus 'Splice' entfernt sein. Einen zusätzlichen tagesaktuellen Bezug verleiht dies dem von Regiekollegen Guillermo del Toro ('Pans Labyrinth') produzierten Werk aber allemal.

Streckenweise erhebt 'Splice' durchaus den Anspruch, einen populärkulturellen Beitrag zur gegenwärtigen Bioethikdebatte zu leisten. Wie dort läuft alles auf die Frage hinaus, ob der Mensch immer auch umsetzen darf, was technisch möglich ist. Ein allzu kopflastiges, gar philosophisches Traktat über das prometheische Streben sollte allerdings niemand von dem Crossover aus Science-Fiction, Fantasy und Thriller erwarten. Vielmehr bedient sich Regisseur und Drehbuchautor Natali, der mit dem klaustrophobischen Thriller 'Cube' 1997 ein Überraschungserfolg landete, neben den obligatorischen Verweisen auf James Whales 'Frankenstein'-Adaption und das 1980er-Jahre-Remake der 'Fliege' einer B-Film-Dramaturgie und genretypischer Effekte. Die atmosphärisch gestalteten Bilder von 'Splice' sind mittels Farbfilter monochrom eingefärbt, auch mit Digitaleffekten geizt der Monsterfilm kaum. Das Design der Kreatur setzt offensichtlich auf die Schaulust des Publikums, das die Entwicklung des Hybridwesens vom nagetierartigen Kleinkind bis zur Mischung aus Mensch, Känguru, Fisch und Vogel verfolgen darf.

Doch was unter den Händen eines David Cronenberg provokantes und intellektuelles Genrekino hätte werden können, verzettelt sich in altbekannten Klischees und krankt am vorhersehbaren Drehbuch. Ambitioniert ist einzig der von Natali konsequent verfolgte Ansatz, den Science-Fiction-Plot als Ausgangspunkt einer mit Verweisen auf die griechische Mythologie und Freud aufgeladenen sarkastischen Kritik an oppressiven Familienstrukturen zu nutzen. Aber gerade durch die forcierten Verweise auf ödipale Ursituation und Inzest wirkt 'Splice' überkonstruiert. Übrig bleibt ein unbefriedigender Genrezwitter, ähnlich hybrid wie die geklonte Kreatur in seinem Zentrum.

Dieser Text ist zuerst erschienen auf: www.br.de

Totem

(D 2011, Regie: Jessica Krummacher )

Zombieland
von Andreas Thomas

Ein Ahnentier, ein Stammeszeichen der Sippe sei ein Totem laut Duden. Laut Wikipedia ist der Totem ein Schutzgeist in Gestalt einer Naturerscheinung. Er kann sich als Pflanze, als Tier, gar …

Ein Ahnentier, ein Stammeszeichen der Sippe sei ein Totem laut Duden. Laut Wikipedia ist der Totem ein Schutzgeist in Gestalt einer Naturerscheinung. Er kann sich als Pflanze, als Tier, gar als Berg, Fluss oder Stein materialisieren. Im Debutfilm von Jessica Krummacher tritt dieser Schutzgeist seiner schutzbefohlenen Familie in Menschengestalt in Erscheinung, in der durchaus bezugsreichen Eigenschaft als Haushaltshilfe.

Weil sie Totem ist, bleibt es rätselhaft, woher die junge Fiona eigentlich kommt; ihre Gastfamilie sagt, so was wie sie bekomme man im Internet; und wenn Fiona an einem Tag behauptet, ihre Eltern seien tot und sie am anderen Tag mit ihrer Mutter telefoniert, der sie weismachen will, sie sei im Urlaub am Meer, so mögen solche Widersprüche die Familie und uns verwirren oder kriminologischen Ehrgeiz aktivieren, aber sie könnten auch einfach darauf verweisen, dass Fiona aus dem Nichts kommt und wieder ins Nichts gehen wird, dass sie Interimslösungen benötigt für eine Mission, dass sie nichts ist als ein Geist oder in ihrer Eigenschaft als Totem der Geist dieser hier im Reihenhaus hausenden Sippe ist, der gekommen ist, um zu helfen, denen, die vielleicht Hilfe nötig haben, diese aber eigentlich nicht annehmen wollen oder können.

Man könnte auch sagen, Fiona sei ein Spiegel der Verhältnisse, die in jenem Reihenhaus herrschen, wahrscheinlich deutsche Verhältnisse, und sie spiegelt sie den von ihnen Beherrschten, ganz einfach, indem sie widerspruchslos dient und das mitmacht, was ihr vorgemacht wird. Aber weil sie spiegelt, katalysiert sie und sie zieht den vorhandenen Hass auf sich, weil sie verdeutlicht und verstärkt: die vorhandene Einsamkeit/Depression.

Fiona hat in der internationalen Filmgeschichte mindestens zwei Geschwister, das eine ist Grace aus Lars von Triers „Dogville“, die, indem sie gut und gnädig zu den Menschen ist, das ultimativ Böse aus ihnen herausholt und das andere ist der Fremde aus Pasolinis „Teorema“, dessen „Heimsuchung“ wie die von Fiona sich auf eine Familie beschränkt, aber im Gegensatz zu der von Fiona alles auf den Kopf stellt. Bei Fiona ändert sich nichts an den Verhältnissen. Außer dass sie zuerst versucht wird, geliebt zu werden und dann abgesondert wird. Vielleicht liegt das daran, dass der Fremde von „Teorema“ nichts Geringeres als Gott himself ist und Fiona nur ein Aushilfsgeist. Ich tendiere eher zur Theorie, dass weder Jesus noch Fiona hier Abhilfe leisten könnten, denn Deutschland – und diese deutsche Familie mit ihrem ausgestopften Reichsadler an der Wand, ihrem versteinerten Deutschen Schäferhund im Wohnzimmer und ihrer Kegelbahn ums westfälische Eck, ihren gesenften Wurstspießchen und ihrem Kaninchenstall ist Deutschland – denn dieses von langer Hand verkorkste Deutschland scheint immun gegen Schutz und Liebe, Gott oder Hass, denn es ist, nach Jahrzehnten verweigerter Anamnese, immer noch das siechkranke Erbe des unverhüllten Bösen, welches Nationalsozialismus genannt wird.

Schön, dass es endlich (wieder) jemanden gibt, der diesen Dauerkollaps nachzumalen gewillt ist und schön, dass Fiona und Jessica Krummacher dabei so viel Empathie für die Täter/Täterkinder/Täteropfer mitbringen. Allein, diese Gnade scheint vergeblich(denn das Böse/der Übergriff/ die Gewalt und Vergewaltigung, das zeigt der Film, hat sich festgefressen), ähnlich vergeblich wie die des österreichischen Regiekollegen Ulrich Seidl. Im Unterschied zu ihm, und das macht „Totem“ zu einem empathischeren Film als z.B. Seidls „Hundstage“, bedarf Krummacher keiner theologisch grundierten Dichotomie ihrer Erzählung, sprich: wo Seidl die (österreichische) Welt als (durch Werner Herzog beglaubigte) pure Hölle inszeniert, mit Menschen, welche vollkommen verloren sind – und damit die Existenz eines Himmels geradezu postuliert (wenigstens den Wunsch/Glauben an einen Himmel provoziert), da geht Krummacher einen Schritt weiter, wenn sie zeigt: „Die Hölle sind wir“ und sich nicht auf Distanz begibt, weil es der „Geist“ des Films, Fiona, auch nicht tut. Weil wir mittendrin sind, ohne Gegenargumente, ohne Himmel, ohne Gott, ohne Ausweg, ohne die verborgene Möglichkeit eines Gebets, nur behaftet mit dem Fluch, den Fluch zu fühlen, ist „Totem“ so stark und in seiner Stilisierung so realistisch geworden.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Perfect Sense

(D / GB / S / DK 2011, Regie: David Mackenzie)

Vorgestellte Fülle
von Wolfgang Nierlin

“Es gibt Dunkelheit und Licht, Männer und Frauen”, hebt eine allwissende Erzählerstimme aus dem Off des Films an, während eine assoziative Montage das vielgestaltige Dasein als schier endlosen Bilderstrom visualisiert. …

“Es gibt Dunkelheit und Licht, Männer und Frauen”, hebt eine allwissende Erzählerstimme aus dem Off des Films an, während eine assoziative Montage das vielgestaltige Dasein als schier endlosen Bilderstrom visualisiert. Die Rede in Gegensätzen und ihr globaler Bezug zielt in David Mackenzies Film „Perfect Sense“ auf „die Welt, wie wir sie uns vorstellen“, gewissermaßen auf ihre Vollständigkeit. Dass darin trotzdem nicht immer alles zum Besten bestellt ist, dass Mangel und Entbehrung, Verletzung und Schmerz mitunter bedrohliche Ausmaße annehmen, gehört zu dieser vorgestellten Fülle dazu. So leiden etwa Michael (Ewan McGregor) und Susan (Eva Green) – jeder auf seine Art und aus unterschiedlichen Gründen – an einem Mangel an Liebe und Beziehungsfähigkeit. Das Leben ist für den Glasgower Chefkoch und die Epidemiologin unvollständig, auch wenn sie scheinbar alles haben. Der Wert der Fülle ist ihnen verschlossen. Als sie sich begegnen, geschieht dies gerade noch rechtzeitig, denn eine Menschheitskatastrophe wirft ihre dunklen Schatten voraus.

Diese beginnt mit einem Verlust des Geruchssinnes, der begleitet wird von einer Trauer über die Versäumnisse des Lebens; als müsste den Menschen zuerst etwas genommen werden, damit sie dessen Wert erkennen. Auch in den darauf folgenden Krisen, in denen die Menschen Schritt für Schritt ihre zentralen Sinnesempfindungen einbüßen und damit ihre Zugänge zur Welt, geht dem jeweiligen Verlust ein heftiger emotionaler, aus dem Unterbewusstsein aufsteigender Ausbruch voraus. Das Verschwinden des Geruchssinns wird eingeleitet von einer rasenden, großer Angst entspringenden Völlerei. Vor dem Verlust des Hörsinnes toben sich die Betroffenen in wüsten, anarchischen Wutausbrüchen und hasserfüllten Zerstörungsorgien aus. Und bevor die Menschen schließlich ihre Sehkraft verlieren und in die Dunkelheit versinken, erleben sie noch einmal tiefe Glücksmomente.

David Mackenzie inszeniert diese apokalyptische Vision aus der subjektiven Perspektive seiner Protagonisten, die im Verlauf der Epidemie allen Desillusionierungen zum Trotz die Liebe füreinander entdecken beziehungsweise neu lernen. Den gesellschafts- und zivilisationskritischen Aspekten seines Stoffes, der unterschiedliche Verschwörungstheoretiker auf den Plan ruft, begegnet er mit wechselnden Überlebensstrategien und phantasievollen Kompensationsleistungen seiner Helden. „Das Leben geht weiter“, lautet trotzig ein wiederkehrender Satz. An die Stelle der Sinnesempfindung tritt die Vorstellungskraft, die neue Eigenschaften entdeckt und mit Erinnerungen verknüpft. Aber auch wo die Erfahrung fehlt oder Ausschließung droht, bleibt etwas übrig, was die Erzählerin des Films als real erfahrene Gegenwart des Lebens, als menschliche Liebesfähigkeit und spirituelle Sehnsucht umschreibt. Im Klammergriff der unheilvollen Katastrophe tritt dieser „vollkommene Sinn“ nur deutlicher und nachdrücklicher ans Licht.

Shame

(GB 2011, Regie: Steve McQueen)

Tristesse und Penis
von Carsten Moll

Brandon sieht zwar aus wie ein gut bestückter Michael Fassbender, hat einen gut bezahlten Job samt schickem Appartement in New York, gut geht es ihm trotzdem nicht. Der erfolgreiche Yuppie …

Brandon sieht zwar aus wie ein gut bestückter Michael Fassbender, hat einen gut bezahlten Job samt schickem Appartement in New York, gut geht es ihm trotzdem nicht. Der erfolgreiche Yuppie ist nicht bloß einsam, er leidet auch unter seiner Hypersexualität; zwanghaft wichst und fickt sich Brandon durch seinen Alltag, unfähig zu jeglicher zwischenmenschlichen Beziehung, die tiefer geht als sein Penis. Sein Dasein als Sex-Zombie gerät erst aus der Bahn, als sich seine hyperemotionale Schwester Sissy (Carey Mulligan in einer eher undankbaren Rolle als düstere Variation des Manic Pixie Dream Girls und Katalysator für den männlichen Protagonisten) bei ihm einnistet …

Trotz einiger inhaltlicher Parallelen erinnert Steve McQueens zweiter Spielfilm weniger an „American Psycho“ als an Darren Aronofskys „Black Swan“. Sowohl die Tänzerin Nina aus „Black Swan“ als auch Brandon machen nach außen hin den Eindruck von Perfektion, sind aber unter der Oberfläche emotional erstarrt. Als eine Art männliches Pendant ersetzt „Shame“ Ballett durch Sex und statt Schwanensee gibt es einen Schwanz zu sehen. Die phantasmagorische Hysterie Aronofskys ist bei McQueen zwar einem nüchternen Autismus gewichen, die dokumentarisch anmutenden Bilder von einem kalten New York als Seelenlandschaft des Protagonisten aber sind ganz ähnlich. Gemein ist beiden Filme auch die aufdringliche Tonspur, die die Zuschauer_innen in den Würgegriff nimmt und mit dem pathetischen Soundtrack keinen Raum für Zwischentöne lässt.

Wo „Black Swan“ als trashiges Grand Guignol zumindest unterhaltsam und als Camp durchaus konsumierbar ist, da meint es „Shame“ todernst mit seiner wirren Verknüpfung von individueller Leidensgeschichte und sozialkritischem Befund. (Verantwortlich für dieses Durcheinander dürfte vor allem das Drehbuch sein, an dem neben McQueen auch Abi Morgan mitgeschrieben hat, die für „Die Eiserne Lady“ eine ähnlich krude Mischung aus Ästhetik und Politik konstruiert hat.) Dass so manche Kritiker_innen in „Shame“ eine Verhandlung existenzieller menschlicher Fragen ausmachen und sogar das wirkliche Leben, wenn nicht Wahrheit abgebildet sehen, dürfte weniger an der Aufrichtigkeit und Tiefgründigkeit von „Shame“ als an einer Vorliebe für filmischen Realismus liegen. Das vom method acting beeinflusste Schauspiel Michael Fassbenders sowie allerlei Realitätseffekte rufen nicht nur Begeisterung hervor, sondern veranlassen zum Beispiel den britischen Guardian dazu, sogenannte Sexsüchtige zur Beurteilung des Films heranzuziehen, wie es zuvor bei „Black Swan“ mit professionellen Tänzern geschah; das Kino muss sich nicht nur an den wahren Geschichten des Lebens messen lassen, sondern wird auch als Mittel zur Kracauerschen Errettung der äußerlichen Wirklichkeit verklärt. Dass mit einer vollkommeneren Wirklichkeitstreue auch eine vollkommenere Irreführung einhergehen könnte, wird dabei nicht in Betracht gezogen.

Ebenso bleibt oftmals eine kritische Betrachtung der Klischees, mit denen McQueen und Morgan arbeiten aus. Natürlich ist die Affirmation von Stereotypen ein effizientes Mittel zur Herstellung des Eindrucks von Authentizität, aber die Auswahl der im Film vorgeführten Klischees ist bestenfalls zweifelhaft und reicht von albern bis ärgerlich. Von der obligatorischen asiatischen Nutte bis zum infernalischen Schwulenclub als Tiefpunkt von Brandons Abwärtsspirale nutzt der Film im besonderen Maße sozial stigmatisierte Randgruppen zur Illustrierung von Brandons Schamerfahrung (obwohl die Scham hier eigentlich auf kaum mehr als Selbstverachtung reduziert wird) und beschämt diese gleich mit. Nicht allein das Zeigen des echten Sexclubs und der Prostituierten, von denen einige im echten Leben immerhin Burlesquetänzerinnen sind, machen die Bilder problematisch, sondern deren manipulative Emotionalisierung durch den Soundtrack und die fragwürdige Kontextualisierung. Denn so sehr der Film mit seiner episodischen und offen angelegten Kreisstruktur, den langen Einstellungen und der Aussparung von psychologischen Erklärungen auch Wirklichkeit abzubilden versucht, folgt er im Grunde doch einer formelhaften und konventionellen Dramaturgie vom Fall und der möglichen Läuterung des Protagonisten, retardierendes Moment in der Schwulenhölle und moralisierender Grundton inklusive. Dass McQueen seinen Protagonisten dabei in einer durch und durch konstruierten Welt ausgesetzt hat, gelingt ihm nie ganz zu verschleiern, dafür ist der Hang zum Bedeutungsschwangeren zu groß: Jedes Plakat in der U-Bahn und jeder Song („I Want Your Love“) gibt sich bedeutungsvoll und liefert meist doch nur platte Kommentare. Dabei bleibt der psychotische Blick, der nur vorgibt ein kühler, distanzierter zu sein, immer auf Brandon beschränkt, Prostituierte werden zusammen mit Internetpornografie, Analsex und Promiskuität zu bloßen Symptomen einer kranken Gesellschaft.

Statt auf eine Vielfalt von Fiktionen setzt „Shame“ ganz auf eine als Authentizität missverstandene Egozentrik, die an die Ränder drängt, was eh schon marginalisiert wird. Scham und Sexsucht dienen lediglich als Aufhänger für einen geschmackvoll fotografierten Höllenritt und eindimensionale Gesellschaftskritik, die beinahe etwas Nostalgisches hat. Am Schluss, der einen Wandel Brandons andeutet (wir wurden Zeugen einer blutigen Wiedergeburt), wird noch einmal die konservative Moral des Films bebildert: Im konfusen Zusammenfall aus Psyche und Gesellschaft wird der krankhaften Abweichung immer wieder Zweisamkeit und Ehe als gesunde oder zumindest weniger kranke Alternative entgegengestellt. Der Hoffnungsschimmer für Brandon und eine vermeintlich entmenschlichte Gesellschaft funkelt uns deshalb am Ende des Films auch als Detailaufnahme eines Eherings entgegen.

Monsieur Lazhar

(CAN 2011, Regie: Philippe Falardeau)

Was gesagt werden muss
von Ulrich Kriest

Quebec, die frankophone Region im Osten Kanadas, an einem Tag wie viele andere. Der elfjährige Simon kommt zur Schule, spricht kurz mit der gleichaltrigen Klassenkameradin Alice und macht sich dann …

Quebec, die frankophone Region im Osten Kanadas, an einem Tag wie viele andere. Der elfjährige Simon kommt zur Schule, spricht kurz mit der gleichaltrigen Klassenkameradin Alice und macht sich dann auf den Weg, die Schulmilch für seine Klasse zu besorgen. Die Tür zum Klassenraum ist verschlossen, doch durch die Scheibe in der Tür sieht er, dass die junge, bei den Kindern sehr beliebte Lehrerin Martine an der Decke hängt.

Dass Simon entsetzt auf diese Entdeckung reagiert, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern hat tiefere Gründe in seiner ganz besonderen Beziehung zu Martine. Wollte die Lehrerin ihm vielleicht dadurch etwas sagen, dass sie sich von Simon finden ließ? Starker Tobak für ein Kind. Aber der Selbstmord der Lehrkraft bringt ohnehin die Verhältnisse in der Schule in Bewegung. Die Kollegen sind ratlos, die Kinder traumatisiert und bekommen psychologische Betreuung – und schließlich fehlt auch noch eine Lehrkraft, die Martines Stelle einnimmt.

Auf diese Stelle bewirbt sich der aus Algerien stammende, schon etwas ältere Bachir Lazhar, der auf eine langjährige Erfahrung als Lehrer in seiner Heimat zurückblicken kann. Sagt er jedenfalls. Doch Kanada ist nicht Algerien und einige von Monsieur Lazhars ungewöhnlichen und auch vergleichsweise ungewöhnlich altmodischen Unterrichtspraktiken stoßen bei der Schulleitung und den Eltern (und selbst bei den Kindern!) auf wenig Gegenliebe, weil sie gegen bestens inkorporierte Regeln der professionellen Konfliktvermeidung verstoßen. In der Schule herrscht eine enorme Distanz zwischen den Anwesenden: körperliche Züchtigung ist selbstredend verpönt, aber auch eine Umarmung gilt als unbotmäßig. Man hat das Klassenzimmer, in dem Martine sich erhängt hat, neu gestrichen – und nun soll der Alltag auch, bitteschön, wieder alltäglich werden.

Für alles weitere ist die Schulpsychologin Madame Latendresse (sic!) zuständig, die ihre Arbeit allerdings explizit jenseits des Unterrichtsalltags verortet: der Lehrkörper muss draußen bleiben. Nur Monsieur Lazhar scheint zu ahnen, dass auf Seiten der Kinder Redebedarf besteht und Trauerarbeit geleistet werden muss. Als Alice schließlich eine Gelegenheit nutzt, um Martines Gewaltakt eloquent anzuklagen, platzt der Knoten.

„Monsieur Lazhar“, der „Oscar“-nominierte Film von Philippe Falardeau nach einem Theaterstück, legt mit einiger Sensibilität Schicht um Schicht einer eigentümlichen Problemkonstellation frei, um gleichzeitig ziemlich passgenau menschliche Schicksale ineinander zu fügen. Dabei ist die Gefahr, in allerlei Fettnäpfchen zwischen Kitsch, Klischees und Feelgood-Avancen zu treten, beängstigend groß: schließlich ist das Thema „Schule“ in den letzten Jahren wirklich groß in Mode gekommen – in Spiel- , wie in Dokumentarfilmen.

Von Szene zu Szene wechselt der Film seine Perspektive, erweitert den Blick, wird immer komplexer: was mit dem skandalösen Selbstmord beginnt, den die Kinder als Gewaltakt gegen sich erleben, wird zu einer Reflexion über kulturelle Differenzen, wobei überdeutlich gezeigt werden soll, dass die weiblich dominierte, rationale Erziehung in Kanada eher konfliktscheu ist und die Kinder mit ihren Emotionen alleingelassen und so gewissermaßen entmündigt werden. Der neue (männliche) Lehrer, ein intuitiv arbeitender Araber, der auch noch eine unglückliche Biografie mit sich herum trägt, wählt nicht nur gerne das offene Wort, sondern er fordert seinen Schülern auch intellektuelle wie emotionale Leistungen ab und packt sie nicht in künstliche Watte.

Das alles hat das Zeug zu einem hölzern ächzenden und durchaus auch explizit konservativen Lehrstück über die Defizite politischer correctness, die aus Bequemlichkeit Konflikte scheut und verdeckt und Kinder systematisch überfordert, aber der trotz allem eher leichtfüßige Film punktet vor allem mit seinen Darstellerleistungen. So überzeugt nicht nur Mohammed Fellag in der Rolle des charismatischen Lehrers, insbesondere die beiden jungen Protagonisten Emilien Néron und Sophie Nélisse bestechen durch die Authentizität ihres Spiels. Da sieht man denn auch darüber hinweg, dass der Film oder auch schon die Vorlage ein paar blinde Flecken im schnurrenden Handlungsgefüge durch eine etwas süßliche Sentimentalität kaschiert. Da es aber um das kommunikative Bearbeiten von Trauer geht, verbuchen wir das jetzt mal unter letztlich menschenfreundliche und wärmende Poesie.

Film Socialisme

(F 2010, Regie: Jean-Luc Godard)

Vom Wunsch, Europa glücklich zu sehen
von Wolfgang Nierlin

Man müsste das Spät- und Alterswerk Jean-Luc Godards, in das sich seine aktuelle Arbeit „Film Socialisme“ nahtlos einfügt, eigentlich aus seinen ästhetischen Verneinungen heraus definieren und davon sprechen, was seine …

Man müsste das Spät- und Alterswerk Jean-Luc Godards, in das sich seine aktuelle Arbeit „Film Socialisme“ nahtlos einfügt, eigentlich aus seinen ästhetischen Verneinungen heraus definieren und davon sprechen, was seine Filme im Abgleich mit den gängigen filmsprachlichen Konventionen alles nicht sind. Weil in ihnen traditionelle Erzählmuster durchbrochen und aufgehoben werden, gibt es weder eine durchgehende dramatische Geschichte noch einen auf diese bezogenen Spannungsbogen. Bilder und Töne, collagiert oder einander nebengeordnet, sind vielmehr diskursiv aufeinander bezogen, wobei ein stetiger Austausch zwischen Vorder- und Hintergrund, On und Off stattfindet. Wie lässt sich, so eines der vielen Themen von Godard und von „Film Socialisme“, „die Wirklichkeit in die Wirklichkeit stecken“, also auch filmisch abbilden? Immer wieder kreist der Film – ähnlich dem Bild des Fischschwarms unter Wasser – um die Frage, wie sich die komplexe Realität trotz mangelhafter Instrumente erfassen lässt. Indem er erhofft, „das Unsichtbare zu zeigen“, formuliert Godard zugleich einen utopischen Anspruch an die Kunst.

Man müsse vor dem Lesen das Sehen lernen, heißt es einmal. Und an anderer Stelle: „Es gibt nichts Bequemeres als einen Text.“ Trotzdem oder gerade deshalb spielen Texte und Zitate, namentlich von Benjamin, Derrida, Sartre, Heidegger und vielen anderen, eine maßgebliche Rolle. Und aus der Vielstimmigkeit und Gleichzeitigkeit des Text- und Sprachengewirrs stellt sich dem Rezipienten immer wieder die Frage: Wer spricht?, während Töne und Musik (u. a. von Schnittke, Zimmermann, Kancheli, Beethoven und Pärt), Bilder und Texte einander überlagern oder beziehungsreich nebeneiander stehen. So wie sich die Träger der Stimmen bildlich nicht einfach identifizieren lassen, so bleiben auch die Urheber der Texte weitgehend ungenannt. Das aufgerufene Wissen (und seine Archive) fügt sich in Godards filmischer Dialektik gewissermaßen zu einer neuen (politischen) Ordnung; das Verstehen beginnt mit dem Staunen; und am Anfang des Films sieht man deshalb nicht umsonst ein Bild mit Papageien, von einem Piepston unterlegt.

„Film Socialisme“ handelt zunächst und vor allem von Wanderbewegungen, von den Wegen und Strömen, auf denen sich Geld, Waren und Menschen durch Zeiten und Räume bewegen; und davon, wie aus ihren Berührungspunkten und grausamen Zusammentreffen eine „unmögliche Geschichte“ entsteht. Diese Bewegung zwischen Flucht- und Sehnsuchtsorten ist vor allem eine zwischen Süden und Norden, Afrika und Europa und wird im ersten Teil des Films von einem Kreuzfahrtschiff auf dem Mittelmeer vollzogen. Dabei werden Orte wie Odessa, Jaffa, Hellas, Barcelona und Neapel als Wiegen der Menschheit aufgerufen und mit markanten Geschichtsdaten verknüpft: etwa der Russischen Revolution, dem Spanischen Bürgerkrieg und den Folgen des 2. Weltkriegs in menschlicher und nicht zuletzt kultureller Hinsicht.

Vor allem Griechenland als Ursprung der Demokratie, aber auch der Tragödie nimmt Godard dafür immer wieder in den Blick und mischt dabei inszenierte Bilder in den dominierenden Farben Blau, Rot und Gelb mit dokumentarischen Fundsachen. Das führt ihn im zweiten Teil des dreigliedrigen Films unweigerlich zu der Frage: „Quo vadis Europa?“ Und in eine französische Autowerkstatt mit dem nicht zufällig gewählten (Résistance-Tarn-)Namen „Martin“, wo die Kinder der gleichnamigen Familie gerade dabei sind, ihre Eltern einem ebenso privaten wie öffentlichen Verhör über die familiäre Zukunft zu unterziehen. Im „Wunsch, Europa glücklich zu sehen“, wird die Jugend überraschenderweise zum (sozialistischen) Hoffnungsträger für Brüderlichkeit, Freiheit und Gleichheit: „Die Ideen trennen uns wohl wie uns die Träume einander näher bringen.“ Und: „Der Traum der Individuen ist, zu zweit zu sein.“

Nathalie küsst

(F 2011, Regie: David Foenkinos, Stéphane Foenkinos)

Verschrobene Schweden und rührende Großmütter
von Wolfgang Nierlin

„I call it love“, heißt es im Popsong zur Liebe auf den ersten Blick, die Nathalie (Audrey Tautou) und François (Pio Marmaï) ereilt. Diese beginnt im Café an der Ecke, …

„I call it love“, heißt es im Popsong zur Liebe auf den ersten Blick, die Nathalie (Audrey Tautou) und François (Pio Marmaï) ereilt. Diese beginnt im Café an der Ecke, in hoffnungsvollem Grün und mit Aprikosensaft. Das „Glück ohne Donnerstage“ ist federnd leicht und beschwingt wie Nathalies Gang durch die leere Straße; der Liebe wachsen Flügel und der Zufall ist zunächst ein willfähriger Freund. David und Stéphane Foenkinos‘ Tragikomödie „Nathalie küsst“, für die David Foenkinos seinen eigenen, erfolgreichen Roman „La délicatesse“ adaptiert hat, beginnt wie ein romantisches Liebesmärchen aus einer vergangenen Zeit, imprägniert mit altmodischem Charme und französischer Liebesleichtigkeit. Da wird der Kniefall zum Heiratsantrag, wobei der Schlüsselbund als Verlobungsring dient, bis schließlich eine schwebende Kreisfahrt der Kamera das weiß gewandete Hochzeitspaar förmlich umarmt.

Doch so viel unbeschwertem Liebesglück ist keine Dauer beschieden. Die Brüder Foenkinos verklären es zum schwebenden Ideal, um ihrer bittersüßen comédie dramatique eine tragische Fallhöhe einzuziehen. Denn kurz darauf stirbt François völlig abrupt bei einem Unfall. Wenn Nathalie vor seinem Grab steht, vermittelt das Bild einen irrealen Moment. In subjektiver Perspektive kehrt sie zurück in die leere, gemeinsame Wohnung. Nathalie „verschließt sich in ihrem Leid“, will nur noch allein sein und mit niemandem reden. Um den emotionalen Druck zu lindern, entledigt sie sich gemeinsamer Erinnerungsstücke. Doch ihr Dilemma spiegelt sich fortan in dem Bedürfnis, „nach vorne zu sehen“ und zugleich „der Vergangenheit treu zu sein“.

Also stürzt sie sich in die Arbeit, wehrt immer beherzter das Liebeswerben ihres Chefs (Bruno Todeschini) ab und trifft endlich auf jenen Menschen, der die Perspektiven in mancherlei Hinsicht durcheinander wirbelt und Nathalie mit ihrer schmerzenden Vergangenheit versöhnt. Denn Markus (François Damiens) ist nicht nur ein leicht verschrobener Schwede und linkischer Außenseiter, sondern er wird von seinen Kollegen schlichtweg übersehen. Das ändert sich gründlich nach dem titelgebenden Kuss, der den steifen Sonderling regelrecht verzaubert und ihm das „Herz verdreht“. Zu „Get it on“ von T-Rex verwandelt sich ihm die Welt in eine Parade lockender Frauen. Immer wieder wechselt der Film die Tonlage zwischen grauer Realität und Tagtraum, zwischen Dialogwitz und visuellem Humor, den die Brüder Foenkinos mit zahlreichen Ellipsen und assoziativen Bildanschlüssen transportieren. Die retardierende Komödiendramaturgie gibt den so ungleichen Figuren genügend Zeit, um ganz klassisch zueinander zu finden und sich im Spannungsfeld zwischen Beruf und Privatleben gegen eine feindliche Umwelt zu behaupten. Doch bleibt es Nathalies rührender Großmutter vorbehalten, mit Unvoreingenommenheit und Menschenkenntnis Markus‘ „gutes Herz“ zu erspüren und damit auf Anhieb jene emotionale Kontinuität zu entdecken, deren sich Nathalie insgeheim längst sicher ist.

Warrior

(USA 2011, Regie: Gavin O'Connor)

Friendly Fire
von Harald Steinwender

Boxerfilme sind Geschichten über proletarische Helden, die sich mit harter (Körper-)Arbeit aus der Gosse hocharbeiten; über stumpfe und abgestumpfte Männer, die mit dem Kopf gegen Wände und gesellschaftliche Konventionen anrennen; …

Boxerfilme sind Geschichten über proletarische Helden, die sich mit harter (Körper-)Arbeit aus der Gosse hocharbeiten; über stumpfe und abgestumpfte Männer, die mit dem Kopf gegen Wände und gesellschaftliche Konventionen anrennen; die den Überblick darüber verlieren, wo die Begrenzung des Rings beginnt und wo sie endet; über Männer, die sich in einem endlosen Kampf mit sich selbst und der Gesellschaft befinden. Boxerfilme sind Aufsteigergeschichten: entweder unreflektierte success stories, die mit dem Triumph des Außenseiters enden, der mit einem alles entscheidenden Sieg zum Volkshelden aufsteigt. Oder aber sie erzählen als kritische Noir-Varianten davon, was nach dem großen Sieg mit dem Boxer geschieht, wie dieser von skrupellosen Managern ausgebeutet wird, sich mit kriminellen Rackets einlässt, an seinem Ruhm zerbricht und von seinem Körper im Stich gelassen wird. Boxerfilme sind immer auch Familienfilme: David O. Russells 'The Fighter' (2010) erzählt von zwei ungleichen Brüdern und deren desolater Familie, die eigentliche Tragödie in Martin Scorseses 'Raging Bull' ('Wie ein wilder Stier'; 1980) ist der endgültige Bruch zwischen den LaMotta-Brüdern, und Burgess Merediths Trainer ist für Sylvester Stallones 'Rocky' (1976; John G. Avildsen) natürlich ein Vaterersatz.

Gavin O’Connor zitiert in seinem Mixed-Martial-Arts-Boxerfilm 'Warrior' die Bausteine und Klischees des Genres, von Rouben Mamoulians 'Golden Boy' (1939) bis zu 'Rocky', der Apotheose des Genres, und 'Raging Bull', Scorseses Anti-Boxerfilm. Auch er erzählt von ungleichen Brüdern, dem verbitterten Heißsporn Tommy (Tom Hardy), einem tablettenabhängigen Ex-Marine, und dem abgeklärten Familienvater Brendan (Joel Edgerton), der als Physik-Lehrer arbeitet. Während Brendan als Verlierer der Wirtschaftskrise gezwungen ist, wieder in den Ring zu steigen, um seine Familie zu ernähren, kehrt Tommy in seine Heimatstadt Pittsburgh zurück, um sich vom verhassten Vater (Nick Nolte) für die Großveranstaltung 'Sparta', eine Art MMA-Super-Bowl, trainieren zu lassen. 'Warrior' beinhaltet die für das Genre unvermeidlichen Trainingssequenzen und Ausflüge in den Sozialrealismus. Und natürlich läuft alles auf den letzten, alles entscheidenden Boxkampf hinaus, bei dem die Brüder und ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe im Ring aufeinanderprallen und die Familie wieder zusammenfindet, während in Kneipen und zuhause ein Millionenpublikum zusieht.

O’Connor gelingt es, den im Genre bis zum Erbrechen durchgespielten Plot ohne jede Ironie zu inszenieren, ganz so, als ob er hier zum ersten Mal erzählt werden würde. Neben den ausgezeichnet choreografierten Kampfsequenzen macht gerade dies den Reiz seines Films aus, der leicht neben Russells vordergründig soziologischem 'The Fighter' bestehen kann. Der Hauptgrund dafür, dass 'Warrior' so gut funktioniert, liegt jedoch am exzellenten Schauspielerensemble: Nick Nolte leistet als passiv-aggressiver Alkoholiker, der am 1000. Tag seiner Abstinenz rückfällig wird, wahrlich Großes. Tom Hardy, seit 'Bronson' (2008) und 'Inception' (2010) auf dem Weg zum Star, gelingt es, die Zerrissenheit seiner Figur geradezu physisch erfahrbar zu machen. Der bislang kaum bekannte Joel Edgerton bietet mit seinem zurückhaltenden Spiel ein ideales Gegengewicht zu Hardys intensiver Performance. In einer rein dialogisch aufgelösten Konfrontation der beiden Brüder, exakt in der Mitte des Film positioniert und als Foreshadowing des Schlusskampfes angelegt, erscheint Tommys Körper krumm und schief, wie unter der Last der familiären Konflikte verbogen. Zwischenmenschliche Konflikte visualisiert der Film dagegen vor allem mit Großaufnahmen, die den Fokus vom Körper auf das Gesicht, vom embodiment zum acting verschieben. Zugleich bündelt O’Connor damit den Konflikt, der das Zentrum seines Films bildet: In 'Warrior' ist der eigentliche Kriegsschauplatz die Familie, die alle Beteiligten gezeichnet hat. Selbst die Flucht Tommys in die Ersatzfamilie Army bestätigt die Erfahrung, dass es gerade das 'friendly fire' ist, das umso tiefer verletzt.

Dieser Text ist in einer erweiterten Fassung erschienen in Splatting Image # 89, März 2012

Wer weiß, wohin?

(F / Liban. / Ägypt. 2011, Regie: Nadine Labaki)

Die List der Frauen
von Wolfgang Nierlin

Auf dem steinigen Grund des Friedhofs vollführt eine Gruppe schwarzgekleideter Frauen einen Tanz aus Trauer und Schmerz. Sie beweinen ihre Ehemänner und Söhne, die dort begraben sind. Doch selbst der …

Auf dem steinigen Grund des Friedhofs vollführt eine Gruppe schwarzgekleideter Frauen einen Tanz aus Trauer und Schmerz. Sie beweinen ihre Ehemänner und Söhne, die dort begraben sind. Doch selbst der Tod weist ihnen getrennte Plätze zu, denn es handelt sich bei den Gefallenen um verfeindete Muslime und Christen eines kleinen libanesischen Dorfes. Aus missverständlichen oder geringfügigen Anlässen kommt es hier zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften immer wieder zu Konflikten. Das darin liegende Unbestimmte ist in Nadine Labakis neuem, tragikomischen Film „Wer weiß, wohin?“ (Et maintenant, on va où?) durchaus Absicht. Denn der dörfliche Mikrokosmos mit seinen „dunklen Schatten“ steht stellvertretend für die vergangenen und gegenwärtigen Konflikte des Landes, lässt sich aber auch universell verstehen. So sagt eine Erzählerin zu Beginn des Films, dass die folgende Geschichte ein Geschenk für all diejenigen sei, die „zwischen den Welten leben“.

Eigentlich könnte alles gut sein. Liebevoll und mit Humor zeichnet Nadine Labaki zunächst das friedliche Zusammenleben innerhalb der Dorfgemeinschaft. Schrullige Typen und burleske Späße, verträumte Musical-Einlagen und geschlechtsspezifische Rollenklischees werden dabei lustvoll gemischt und geben nicht zuletzt Auskunft über Mentalitäten. Selbst die Religionsgrenzen überschreitende Liebe zwischen der von der libanesischen Regisseurin selbst gespielten Barbesitzerin Amale und dem Anstreicher Rabih findet hier ihren romantischen Niederschlag. Doch vom Versöhnungsfest der Dorfbewohner und den bei diesem Anlass gefassten guten Vorsätzen bis zum nächsten Scharmützel vergeht nur kurze Zeit. Und als die Muslime ihre Moschee von Schweinen und anderen Tieren verunreinigt vorfinden, dauert es nicht lange, bis Hühnerblut im Weihwasser der Christen-Gemeinde auftaucht. Ohne (politische) Hintergründe zu erhellen oder zu problematisieren, geht es Labaki hier vor allem um die Dynamik der Eskalation, die bei allem Ernst immer auch ironisch betrachtet wird.

Vor allem die blindwütige Triebnatur der Männer, ihre Streitsucht und mangelnde Kommunikationsbereitschaft werden zu Symptomen dieser aggressiven Verhaltensmuster aus Gewalt und Gegengewalt. Nadine Labaki gibt sie der Lächerlichkeit preis und weist selbstbewusst den Frauen die Rolle der Friedensstifterinnen zu. Mit Mut und List, mit selbstgebackenen Haschkuchen und dem Sexappeal der russischen Tänzerinnen aus dem „Paradise Palace“ bringen sie die Männer auf andere Gedanken und in andere Zustände. Das Ablenkungsmanöver aus dem Geist der Versöhnung gelingt. Und tatsächlich ist die Welt am Morgen nach dem Rausch, als die Männer aus ihrem tiefen Schlaf erwachen, eine andere, irgendwie „verkehrte“ oder umgedrehte.

Iron Sky – Wir kommen in Frieden!

(FIN / D / AUS 2012, Regie: Timo Vuorensola)

Lachen über alles
von Drehli Robnik

Der Titel ist in mehrerlei Hinsicht Programm: In 'Iron Sky' ist vieles aus Eisen und fast alles in Stahlgrautönen gehalten, und mit einigem Recht schwelgt die Inszenierung in der Gigantomanie …

Der Titel ist in mehrerlei Hinsicht Programm: In 'Iron Sky' ist vieles aus Eisen und fast alles in Stahlgrautönen gehalten, und mit einigem Recht schwelgt die Inszenierung in der Gigantomanie digitaler und physischer Metalllarchitekturen. So auch bei Raumschiffschlachten am Himmel, hoch oben oder gleich über New York, zwischen den USA und Invasoren, die per Riesenzeppelin von ihrer versteckten Basis auf der Rückseite des Mondes aus anno 2018 zur Rückeroberung ihres einstigen Heimatplaneten antreten. 'Wir kommen in Frieden!' lautet die Titel-Byline des Films.

Eisern ist der Himmel und himmelweit offen das Panorama der Satire in dieser sich selbst so definierenden 'Sci-Fi-Komödie'. In Anklang an Tim Burtons – in jedem Punkt ungleich schlaueren und irreren – 'Mars Attacks' (1996) werden hier alle als hässlich, korrupt und machtneurotisch hingestellt, verstrickt in ihre Gelüste, Eitelkeiten und die Eigendynamik ihrer gruppenspezifischen Redeweisen: die strammen und doch untereinander in Rivalität zerstrittenen Invasoren, die weiße US-Präsidentin mit ihrem Slogan 'Yes, she can' und ihrem Buhlen um schwarze Wählergunst (um deretwillen sie einen afroamerikanischen Astronaut auf den Mond entsendet, der den ganzen Film über viel Blackness-Speak strapaziert), ferner ihr militärischer und ziviler Beraterstab, diverse UNO-Delegierte im Dauerzank, unter ihnen ein dem Oberst Gaddafi nachempfundener. Bezieht sich 'Iron' hier auch auf die Ironie, in deren stahlhartes Gehäuse 'Iron Sky' sich umso mehr einschließt, je mehr er gegen Ende auf heilloses Chaos setzt, das bloß die Anmutung von Lachzwang und bleischwerer Konfusion versprüht?

Wenn wir von der an Freitaghauptabendfernsehen gemahnenden Lichtsetzung und Tonmischung des Films absehen, zugunsten der Faktoren, die die PR-Linie zu diesem Trash-Handstreich sich selbst zugute hält – was bleibt zu erwähnen? Die Regie stammt von dem jungen finnischen Do-It-Yourself-SciFi-Satiriker Timo Vuorensola, und er hat in jahrelanger Mühsal, wie man so sagt, Einige(s) bewegt: den im Status lebender Legendenschaft erstarrten Udo Kier zum Mitspielen (an der Seite von Julia Dietze, Götz Otto und Tilo Prückner), ferner die Industrial-Altspatzen Laibach zu Beiträgen zu einem platten Soundtrack (Marschmusik, Easy Listening, 'Star Spangled Banner'-Variation) – und schließlich eine weltweit vernetzte Gemeinde potenzieller Fans zum Stopfen von Budgetlücken dieser deutsch-finnisch-australischen Koproduktion. Im Gegenzug darf die Community sich selbst oder ihre Ideen in Teilen in den Film reinreklamieren. (So sieht er auch aus? Was? Das hab ich nicht gesagt!) Wir notieren: crowd funding, mit Zusatz 'innovative Geschäftsidee', ab jetzt Fallstudie im Betriebswirtschaftslehregrundkurs.

Allein, die Sache hat noch einen Haken, ausgehend vom Hakenkreuzgrundriss der Raumbasis. Die Invasoren sind Nazis, die 1945 auf den Mond geflohen sind und dort ein lunares Regime unter einem Führer namens Kortzfleisch aufrechterhalten. Den Nationalsozialismus und sein Bild macht der Film, wie gesagt, zum Teil-Ziel eines Rundumschlags, der auf die Einsicht hinausläuft: Alle spinnen – und manche tragen dabei noch SS-Uniform. Das passiert im Kino immer wieder mal und wird dadurch nicht weniger falsch. Ein Vergleich liegt allzu nah: 'Inglourious Basterds', mit dessen lang nachglühender Strahlkraft auch 'Iron Sky' sein Kultsüppchen kochen möchte, war ein pointierter Film mit einem bildpolitischen Konzept (artikuliert im Horizont der Trashtraditionsbespielung, warum auch nicht?); Tarantinos Inszenierung setzte an beim engen Fokus auf ein Verständnis von Nazismus als Gewaltpolitik aus Rassenhass und antisemitischem Wahn – und beim jüdischen Widerstand dagegen, zumal bei einem Bruch von Erwartungen und Benimmregeln, ausgelöst durch das nachgerade obszöne Erscheinen von Handlungsmacht seitens jener, denen die Geschichtsbilderkultur bis vor ganz kurzer Zeit kaum je gestattet hat, die Rolle 'reiner' Opfer zu überschreiten. (Nicht zu vergessen den charmanten, eloquenten Wiener SS-Mann – eben kein Kauz, Dickwanst oder Choleriker wie so viele andere Kinonazis –, dessen Bild klar machte, dass das Kernproblem und -verbrechen am Nazismus etwas anderes ist als Fettsucht oder chronische Übellaunigkeit.)

Anders gesagt: Es spricht grundsätzlich rein gar nichts gegen einen Film, der Nazis zeigt und dabei als Partyknaller daherkommen will – aber dann dürfen nicht nur Eisentrümmer durch den Himmel, sondern muss eben auch eine Nazi-Party in die Luft fliegen (und mit ihr dasjenige an Sinnbestand, was deren heutige kulturnationalistische und staatsrassistische Nachfolgeschaft antreibt). Nochmal anders gesagt: Die so notorische wie völlig sinnlose – weil von ihrer Logik her politisch-ästhetische Positionierung durch Unschulds- und Hygienemoral ersetzende – Frage, ob man über Nazis lachen darf, sie stellt sich bei 'Iron Sky' nicht: Der Film zielt erstens nicht auf Nazis (oder auf politische Aspekte ihrer Popkultur- und Medienbilder), sondern auf Allzumenschliches (das er auch nicht trifft), und zweitens bietet er nichts zum Lachen.

The Grey – Unter Wölfen

(USA 2011, Regie: Joe Carnahan)

Bisse und Schnitte ins Leben
von Drehli Robnik

Wölfe lassen sich gut melken, ebenso die Landschaften und Plotregister, in denen das in schicker Körnigkeit und ausreißenden Farben gedrehte Abenteuer-Horrorfilmhybrid „The Grey – Unter Wölfen' sie platziert. In endlosen …

Wölfe lassen sich gut melken, ebenso die Landschaften und Plotregister, in denen das in schicker Körnigkeit und ausreißenden Farben gedrehte Abenteuer-Horrorfilmhybrid „The Grey – Unter Wölfen' sie platziert. In endlosen Schneewüsten, Wäldern und nervenaufreibend zu überquerender Schlucht samt reißendem Flüsschen agiert der Wolf per Umzingelung im Rudel oder jähem Biss aus dem Nichts; er jault und knurrt, was das Sounddesign hergibt, er lässt Augenpaare aus dem Dunkel leuchten, als wäre dies ein Slasherfilm mit unsichtbarem Killer.

Grauenhaft sind sie, die Grauen, aber das gilt auch für die nicht minder angegrauten Zweibeiner, auf die sie Jagd machen: eine kleine Gruppe kerniger Ölkonzernarbeiter um die Vierzig, auf dem bierseligen Flug über Alaska abgestürzt, nunmehr auf der Flucht vor Hunger, Frost und Isegrim. 'Men unfit for society' nennt sie der in McGyver-hafter Routine bescheidwissende Held, der recht ausgiebig sinniert, entweder mit sonorer Intimstimme im inneren Monolog direkt in unser Ohr oder etwas vehementer vor versammelter Mannschaft; ihn spielt der mittlerweile ganz ins Actionf(l)ach gewechselte Liam Neeson in seiner nunmehr zweiten Hauptrolle für Regisseur Joe Carnahan nach „The A-Team“. Wer also ist hier nun A-, wer B-Team? Wer ist Bestie, wer Futter? Wer ist Alphatier, und wer mutiert doch zum family man, beim Erzählen von Frau und Kind daheim vor dem Lagerfeuer.

Die Besten und die Bestien

Auch die rasch weniger werdenden Petroknechte (durchwegs männlichen Geschlechts) knurren einander an oder jaulen zurück, wenn sie den Kopf eines eben erlegten Killerwolfes triumphal ins Dunkel schleudern. Am Ende – wenn von dem 'Flug des Phönix'-artigen Kleinkolllektiv kaum mehr einer übrig ist – wird gar Gott angeheult. Regression und Ritual, Reviermarkierung und Rivalität, Kreatur pur und ihre Klage an eine Schicksalsgewalt, die es ihr nicht leicht macht: Wo bleibt aber da das Menschliche? Was das Leben nicht nur brünftig leben, sondern auch wehmütig lieben lässt, über das bloß animalische und improvisationsfreudige Survival hinaus, das sitzt hier im Schnitt: in melancholischen Erinnerungsflashes aus verlorenen Zeiten der Geborgenheit – sei es auf dem Schoß des Sinnsprüche hinterlassenden Daddy, sei es im Bett mit der früheren Frau; deren sanft geflüsterte Mahnung, keine Angst zu haben, ist da noch in die Flugzeugabsturzsequenz oder in den Showdown insertiert. Ui, da macht jemand einen auf Malick oder Soderbergh. Ziemlich prätentiös ist das schon. Aber der Film ist trotzdem nicht so schlecht.

Tag und Nacht

(A 2010, Regie: Sabine Derflinger)

Königliche Abbrecherinnen
von Wolfgang Nierlin

Der titelgebende Wiener Escortservice „Tag und Nacht“ ist ein kleines, privates Unternehmen, das insgesamt sechs Prostituierte beschäftigt und deren Sex-Dienste via Internet offeriert. Zuhälter Mario (Philipp Hochmair), ein Amateur mit …

Der titelgebende Wiener Escortservice „Tag und Nacht“ ist ein kleines, privates Unternehmen, das insgesamt sechs Prostituierte beschäftigt und deren Sex-Dienste via Internet offeriert. Zuhälter Mario (Philipp Hochmair), ein Amateur mit Profi-Attitüde, der die Geschäfte über seine verwahrloste Privatwohnung abwickelt, gibt sich gegenüber den beiden neuen Frauen in seinem Team locker, gutgelaunt und höchst zufrieden: Er habe neben drei Osteuropäerinnen noch seine Frau Sissi (Martina Spitzer) am Start, alles laufe bestens. Unter diesen Voraussetzungen erhoffen sich die beiden Studentinnen Lea (Anna Rot) und Hanna (Magdalena Kronschläger) leicht und schnell verdientes Geld. Außerdem, so glauben sie, ist für sie ein Spiel, was die erfahrenere Sissi für sich einmal als Leben bezeichnet.

Die Motivation der beiden jungen Frauen in Sabine Derflingers realistischer Milieustudie „Tag und Nacht“ ist vielleicht ein wenig dürftig. Sie dient der österreichischen Regisseurin jedoch für einen detaillierten Einblick in die (unbekannte) Welt der Sexarbeiterinnen. Darüber hinaus generieren die wechselnden Begegnungen mit mehr oder weniger perversen Kunden, der Sex auf Abruf und die Milieus, in denen er stattfindet, die revueartige Struktur des Films. Ein Panoptikum der Perversionen vom Klischee behafteten koksenden Geschäftsmann, über den verklemmten Verbalerotiker bis zum romantisch umwölkten Freier mit BH, Strapse und einem obszönen Gedicht auf den Lippen wird hier vorgeführt. Wofür Derflinger allerdings Alltäglichkeit und Normalität beansprucht, was sich wiederum in der ungeschönten Ästhetik des Films niederschlägt: „Alles das, was sonst wegfällt, wollte ich so normal wie möglich zeigen.“

Vor allem erzählt ihr Film „Tag und Nacht“ aber die Geschichte einer langsam zerbrechenden Freundschaft in zunehmend desillusionierenden prekären Verhältnissen. Immer stärker wird das Leben von Lea, die sich cool und selbstbestimmt gibt, und der etwas unsicherer und labiler wirkenden Hanna vom dunklen Sog des neuen Jobs absorbiert, infiltrieren schwerwiegende Kontrollverluste ihren nur scheinbar geordneten Alltag. Hanna vernachlässigt ihr Studium der Kunstgeschichte und scheitert in einer Prüfung, während Lea sich resigniert für ein Schauspielstudium bewirbt. Einmal bezeichnet sie sich als „Abbrecherin“; dabei trägt die beiden gemeinsame Perspektivlosigkeit gerade bei ihr antibürgerliche Züge. Immer deutlicher driften die Freundinnen ab und entfernen sich dabei zugleich voneinander. In schmerzliche Ironie verkehrt sich deshalb jener Satz, den eine der beiden einmal zu Beginn ihrer abenteuerlichen Unternehmung äußert: „Männer kommen und gehen, aber wir zwei sind Königinnen.“

The Music Never Stopped

(USA 2011, Regie: Jim Kohlberg)

Rock’n’Roll will never dead!
von Ulrich Kriest

Schöne Idee: Musiktherapie als ultimative Chart-Show, funktioniert – wie in diesem Film – so nur mit bestens abgehangener Pop-Musik. „The Music never stopped“, basierend auf einem Essay von Oliver Sacks …

Schöne Idee: Musiktherapie als ultimative Chart-Show, funktioniert – wie in diesem Film – so nur mit bestens abgehangener Pop-Musik. „The Music never stopped“, basierend auf einem Essay von Oliver Sacks („The man who mistook his wife for a hat“), ist also gewissermaßen Ü50-Formatradio im Kino, „die größten Hits der Sechziger!“

Gänsehaut! Es gilt: „Rock’n‘Roll (I gave you the Best Years of my Life)“ – und zwar damals in den Sechzigern, als Popmusik noch ein alternatives, vielleicht sogar gegenkulturelles Lebensgefühl und, herrje, Protest gegen das Establishment und seine Politik(en) repräsentierte. Playing in the Band. Talking ’bout my generation. Give me a F … ! Next Stop is Vietnam. Father? Yes, son? I want to …

Wie gesagt: die Sixties. Doch jetzt, also circa 1988, hat Gabriel Sawyer leider einen Hirntumor und kann rein gar nichts erinnern, was ihm nach 1970 geschah. Gabriel dämmert in der Klinik vor sich hin, seine Eltern sind rat- und hilflos – bis eine pfiffige Musiktherapeutin auf die Idee kommt, ihm die größten Hits der sechziger Jahre vorzuspielen. Dann erwacht Gabriel unvermittelt aus dem Off und beginnt drauflos zu schwadronieren – von Dylan (Mensch, der konnte reimen!) und den Beatles (Alles, was du brauchst, ist Liebe), von The Grateful Dead („Leider nie live gesehen!“) und Simon & Garfunkel. Oder waren es doch Buffalo Springfield? Es passiert etwas hier. Was es ist, ist nicht exactly clear.

Seine Eltern pflegen Gabriel, obwohl sie ihn seit 1968 nicht mehr gesehen haben. Warum das so ist, erzählt der Film in einer Folge von Rückblenden: Vater, ein Patriot und Pop-Liebhaber der Proto-Beat-Zeit, und Sohn entzweiten sich Mitte der Sechziger über ihre musikalischen Vorlieben, die für existentielle politische Haltungen standen. Immer länger wurden Gabriels Haare, immer lauter seine Lieblingsmusik, bis es schließlich hieß: „Flagge verbrennen! Regierung ertränken!“ Ironie der (Pop-)Geschichte: wenn der (liebende?) Vater Zugang zu seinem verlorenen Sohn finden will, muss der knorrige Bing Crosby- und Sinatra-Fan sich im Schnelldurchlauf die Musik der Sechziger draufschaffen.

Das ist eine lustige Idee, doch leider missglückt dem Film völlig, seinen Figuren eine Form von Leben einzuhauchen. Vater und Sohn bleiben repräsentative Pappkameraden, wandelnde Allgemeinplätze, die gemeinsam Musik von gestern hören, weil sie sich heute noch immer nichts zu sagen haben. Übrigens auch nichts über Musik, was mindestens die Figur Gabriels enorm beschädigt. Denn wem Popmusik existentiell etwas »bedeutet« hat, dem sollte dazu doch etwas mehr und etwas Anderes dazu einfallen als beispielsweise die Plattitüden Oliver Geißens bei der ultimativen Chart-Show.

Regisseur Jim Kohlberg setzt mit „The Music Never Stopped“ beherzt und letztlich auch ziemlich gespenstisch auf die Rührung von Nostalgikern durch Zeichen und Humor: Erkennen Sie die Melodie, gar das Schallplatten-Cover? Am Schluss der Therapie verkleiden sich Vater und Sohn dann vergnügt als Hippies (no drugs, please!) und besuchen (endlich) gemeinsam ein Grateful Dead-Konzert. Da feierte die Band mit „Touch of Grey“ gerade ihre erste Hit-Single seit „Uncle John‘s Band“, was dem Film natürlich gut ins Konzept passt, weil hier ja eh nur Hits gespielt werden, damit die Nostalgie auch beim Mainstream verfängt. „Out on the road today / I saw a deadhead sticker on a cadillac / A little voice inside my head said / „Don’t look back, you can never look back.“ Das hörte man bereits 1984.

Muss man also unterstellen, dass es einen kulturellen Unterschied gibt zwischen dem Besuch eines Dead-Konzertes 1967/68 und eines Dead-Konzert 1987/88? Der Film dementiert das um der Versöhnungsgeste willen. Obwohl, soviel Liebe zum Detail muss sein, unter uns Deadheads, Stichwort Humor: Pigpen wird schon vermisst. Aufschlussreich indes ist die krude Verbindung von Pop-Nostalgie und entpolitisiertem Geschichtsrevisionismus. Motto: Music brings you home, experience the ride.

Indes sagt dieser geradezu auf erpresserische Weise rührende Film doch auch: Hätte der Vater, vulgo: die Vätergeneration bereits »1968« über diese empathische, wenngleich letztlich auch völlig oberflächliche und aus der Not der narzisstischen Verletzung geborene Neugier auf den Sound der Jugend verfügt, hätte man sich das ganze Gerangel auf den Nebenkriegsschauplätzen Vietnam, Post-Kolonialismus, Bürgerrechte, Rassismus und Auschwitz auch sparen können. Schließlich wussten die Alten schon, als sie noch jung waren: „But what can a poor boy do except to sing for a rock’n‘roll band.“

My Week With Marilyn

(GB / USA 2011, Regie: Simon Curtis)

Film im Film und Führung in Frottee
von Drehli Robnik

An Spielfilmen über das Filmemachen und seine Geschichte mangelt es derzeit nicht; gefühlte 24 pro Sekunde kommen dieser Tage in die Kinos, zumeist in neokonservativ-nostalgischem Tonfall und mit der Beschwörung …

An Spielfilmen über das Filmemachen und seine Geschichte mangelt es derzeit nicht; gefühlte 24 pro Sekunde kommen dieser Tage in die Kinos, zumeist in neokonservativ-nostalgischem Tonfall und mit der Beschwörung einer Wahrheit hinter den Kulissen des Spektakels, die uns verlorengegangen ist und nun geborgen werden soll. Das kann die schiere Evidenz beredt grinsender Gesten hinter der Sprachmauer des Sprechtonfilms sein (The Artist') oder der verlorene Archivschatz einer im Rückblick vergoldeten Gründerzeit des Laufbilds (Hugo Cabret') – oder die Vorstellung einer echten Marilyn hinter der Fassade der Monroe und ihrer Filmarbeit.

Die ostentativ zartbittere Komödie 'My Week With Marilyn' spielt 1956 in der Umgebung von London während des Pinewood-Studiodrehs zu 'The Prince and the Showgirl – Der Prinz und die Tänzerin' und zeigt die Titelheldin zerrissen zwischen Leistungsdruck, Imagezwang, Geltungsbedürfnis, Konfusion und Tablettensucht. Alle wollen an ihre Vitalsubstanz heran, wollen sie führen und formen: ihr Co-Star und Regisseur Laurence Olivier aus der Position des abgeklärten Profimimen; Paula Strasberg als ihre mütterliche Method-Acting-Mentorin, die das Ethos ungekünstelter Ausdrucksechtheit in eine andere Art von Dressur umwandelt; Arthur Miller als ihr Ehemann, der seine Frau schon nach kurzer Ehe heimlich ab- und im Notizbuch zur unvorteilhaften Romanfigur umschreibt.

Es herrscht allseits Zank und Frust, Bosheit und Unwahrheit. Da genügen die lieb gemeinten Ermunterungen der selbstironischen Schauspielkollegin Dame Sybil Thorndike (Judi Dench) an die heillos überforderte Marilyn nicht mehr; da müssen härtere Kontraste in Form sanfterer Verkehrsformen her. Gerade recht kommt Colin Clark: Der spätere Kunsthistoriker (Sohn des prominenteren Branchenkollegen Sir Kenneth), auf dessen Memoiren basierend der Film weitgehend aus seiner Perspektive erzählt ist, arbeitet als filmbegeisterter, einfallsreicher Laufbursche am Set. Um einiges jünger als Marilyn und fast ebenso schmollmündig wie sie, avanciert er zu ihrem einfühlsamen Vertrauten, Helfer bei kleinen Fluchten, 'perfect date' (samt Spontannacktbad nach Schloss- und Collegevisite) und Kuschelbuddy, dem sie alles gesteht.

Simon Curtis‘ Inszenierung und Musikeinsatz lassen wenig Zweifel, wann wir jeweils beschwingt, bezaubert oder betroffen sein sollen. Sicherheitshalber aber bekommen die dämmrig hauchende MM und der zwischen Wutanfall vor dem Schminkspiegel und Shakespeare-Rezitation angesichts von Marilyn-Mustern im Vorführraum changierende Olivier – Michelle Williams und Kenneth Branagh spielen jeweils mit Gusto – ein paar Schlüsselszenen, in denen sie ausbuchstabieren, was Sache ist: In Wirklichkeit will Marilyn will ja nur um ihrer selbst willen lieb gehabt werden wie jedes Mädchen; und doch hat sie was, da muss man einfach hinschauen, das ist irgendwie ein Traum. Letzteres in etwa sind die tief gedachten Worte, die uns 'My Week With Marilyn' als Resümee mit auf den weiteren Lebensweg gibt, ob unter Anrufung von Prospero oder versonnen aus dem Off verkündet vom Zwischendurchlover Colin, der nun heartbroken und gereift zu seiner Normalo-Geliebten zurückkehrt. (Das junge Paar spielen Eddie Redmayne und Emma Watson, vormals die Hermione aus dem Harry Potter-Franchise.)

Mit dem mehrfach ausgesprochenen Appell, die Augen nicht zu verschließen oder abzuwenden, schwingt sich der Film zu einer Geste der Nobilitierung auf, gegenüber der angepeilten Publikumshaltung eines Voyeurismus, wie es ihn so schwitzig seit den seligen Zeiten der Sexklamotten mit Laura Antonelli nur noch selten gibt. In gediegener altenglischer Ausstattung, mit viel glänzendem Holz und gepflegtem Grün, tritt die Titelfigur zur Entblößung forcierter Natürlichkeit an, die in Bein- und Popo-Begutachtung kulminiert. Marilyn kiekst nackt vor der Badezimmertür, trällert kokett in der Wanne, räkelt sich in Frottee. Am Beginn und Ende des Films ist jeweils noch das Re-enactment einer Bigband-Tanz- und Gesangsnummer ('Heatwave' und 'That Old Black Magic') drangepappt – warum nicht, wenn die vielseitige Williams (of Kelly Reichardt and Shutter Island fame) schon verfügbar, platinblondiert und in die Rolle eingespielt ist? Das beleidigt die Intelligenz der Filme, für die Marilyn Monroe zu Recht nach wie vor gern erinnert und betrachtet wird (zumal jener, die besser, lasziver und verstörender sind als 'My Week With Marilyn' und die Komödie, von deren Dreh er handelt), ebenso wie unsere anonym gestreute Publikumsintelligenz. So als hieße das ganze “My Weak Wit – Marilyn”.

Totem

(D 2011, Regie: Jessica Krummacher)

Leben und Leiden im Parzellenparadies
von Carsten Happe

Die elektrischen Fensterläden fahren herab wie ein Theatervorhang. Aus dem Off wispert Fiona, die Protagonistin „Ich wusste nie, was ich wollte. Ich weiß es auch jetzt nicht.“ über einem uneindeutig …

Die elektrischen Fensterläden fahren herab wie ein Theatervorhang. Aus dem Off wispert Fiona, die Protagonistin „Ich wusste nie, was ich wollte. Ich weiß es auch jetzt nicht.“ über einem uneindeutig eindeutigen letzten Bild, dann senkt sich der Abspann über „Totem“. Und alles zuvor ist pure Irritation, der Wirklichkeit um einen Pixel oder eine Bildzeile verschoben, so dass sie in ihr noch verhaften bleibt, unbedingt sogar, aber sich gleichzeitig dem Surrealen einen Spalt öffnet. Und nicht wirklich zu fassen ist, im Ungefähren und Abgründigen.

Reden wir über Sozialrealismus im Kino, über Filme von Mike Leigh oder Andreas Dresen. Filme, die einen gewissen Aufwand betreiben, genau diesen zu verschleiern. Die einen Blick in das unverstellte, echte, wahrhaftige – derer Adjektive gibt es zuhauf – Leben ermöglichen wollen, die mit zugegeben großer Meisterschaft die Wirklichkeit zu simulieren beabsichtigen – mit ihren Kleine-Leute-Geschichten, ihren präzisen Alltagsbeobachtungen, immer dem wahren Leben abgeschaut und abgetrotzt und entsprechend maßstabsgetreu nachgestellt. Sind sie mit ihrer Realitäts-Mimikry nicht das wahre Illusionskino, und nicht etwa „John Carter“ oder „Avatar“? Begeben sie sich nicht sehenden Auges in jene Falle des Kinos, die das Stellvertretende, die Vorspiegelung falscher Tatsachen als Grundvoraussetzung ausmacht?

„Totem“ verfolgt eine divergente Strategie, ist sich der Künstlichkeit des Kinobildes extrem bewusst und erfüllt dieses Muster mit unerbittlicher Konsequenz, trotz oder möglicherweise gerade wegen seiner beschränkten Mittel. Die beiden Babys in ihrem Bettchen sind Babypuppen, als solche auch direkt zu identifizieren und entsprechend thematisiert, und doch kümmern sich die „Mutter“ Claudia und ihre neue Haushaltshilfe Fiona rührend um sie, möchten sie gar nicht mehr aus dem Arm geben. Was macht diese Tatsache mit den Charakteren, wo werden sie verortet, gleich in der ersten Sequenz? Fiona, die Neue in dem seltsamen Familiengefüge irgendwo im Ruhrgebiet, so heißt es, aber das ist letztlich egal, bleibt eine Fremde durch den gesamten Film. Ihre Eltern seien gestorben, antwortet sie auf Nachfrage; ein paar Minuten später sehen wir sie mit ihrer Mutter telefonieren. Eines Nachts spaziert sie mit dem Kinderwagen durch die Stadt, zwei aufmerksam gewordenen Polizisten gegenüber gibt sie sich als Mutter der Baby(puppen) aus und hält der Überprüfung stand. Währenddessen bleibt die „echte“ Mutter tagsüber im Bett liegen oder regt sich über Fionas Terrassenfegen auf und fordert lautstark ihre Ruhe. Claudias Leben ist unbemerkt aus den Fugen geraten. Ihr Mann Wolfgang macht sich, wenn nicht ohnehin abwesend, höchstens noch an Fiona ran, auch zur Tochter Nicole findet Kommunikation nicht mehr statt. Die Routine ist zu etwas Bedrückendem geworden, die Rituale sind schal, die Wohlstandsgesellschaft ertrinkt im Banalen und frisst ihre Kinder.

Im Referenzraum von „Totem“ ist Ulrich Seidls „Hundstage“ nicht allzu weit entfernt, die Sommerluft flirrt und ermattet die Menschen, und Nicoles doppelt so altem Freund fehlt nur noch Georg Friedrichs breiter österreichischer Dialekt, wie er sich so unterhemdig und breitbeinig auf der Couch lümmelt. Ansonsten ist das kleinbürgerliche Leben in dieser Wohnsiedlung zwischen Gelsenkirchener Barock und selbstgezimmertem Kaninchenstall in der Gartenparzelle ebenso hässlich und depressiv und latent selbstmordgefährdet wie in der Wiener Vorstadt. Zwischen den nahezu unbekannten Darstellern in „Totem“ findet sich mit Natja Brunckhorst ein ehemals berühmtes Gesicht, die Christiane F. von vor dreißig Jahren, und so gar nichts scheint die lethargische, abgespannte Claudia mit jenem Charakter zu verbinden, aber vielleicht würde Christiane F., wenn sie den Absprung wirklich geschafft hätte, dreißig Jahre später in einer ebensolchen westdeutschen Vorortsiedlung versauern, am Heute verzweifeln und dem Gestern ein klein wenig nachtrauern. Das Morgen hingegen ist ein zu großer gedanklicher Kraftakt, so schließt man besser die Rollläden vor dem, was dort kommen mag oder wählt noch radikalere Wege sich dem Ungewissen zu verweigern. Das ist durchaus eigenwillig wie so vieles an „Totem“, der sich mit ebensolcher Strenge wie erzählerischer Freiheit eindrücklich und nachhaltig ins Bewusstsein schleicht.

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Das Leben gehört uns

(F 2011, Regie: Valérie Donzelli)

Die Nouvelle Vague im Posthistoire
von Carsten Happe

Valérie Donzelli erklärt dem Melodram den Krieg. Die Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin von „Das Leben gehört uns“, Frankreichs Oscar-Beitrag des vergangenen Jahres, schnappt sich die denkbar tragischste Geschichte – dem …

Valérie Donzelli erklärt dem Melodram den Krieg. Die Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin von „Das Leben gehört uns“, Frankreichs Oscar-Beitrag des vergangenen Jahres, schnappt sich die denkbar tragischste Geschichte – dem kleinen Sohn eines jungen Paares wird ein Gehirntumor diagnostiziert – und wendet sie komplett auf links. Mit Hilfe von drei Off-Kommentatoren, so eklektischer musikalischer Unterstützung von Vivaldi über Morricone bis hin zu Chansons und sogar Techno, mit visuellen wie akustischen Schrullen und überbordender Energie kämpft sie gegen den unbedingten Runterzieher ihres Themas an – und verdeutlicht auf schönste Weise, dass es letztlich überhaupt nicht so sehr darauf ankommt, was man erzählt, sondern in erster Linie auf das Wie.

Die Geschichte hat sich Valérie Donzelli und Jérémie Elkaim, ihrem Co-Star und Co-Autor, aus dem realen Leben buchstäblich aufgedrängt, und wenn „Das Leben gehört uns“ möglicherweise als therapeutische Aufarbeitung gedacht war, gleicht das Endergebnis eher einem Exorzismus. Mit vereinten Kräften und der im Angesicht der Tragödie freigesetzten Energie eines kleinen Wirbelsturms erobern sich die beiden – und mit ihnen der Film – die Gestaltungsmacht über das Schicksal zurück. Selten waren Original- als auch deutscher Titel treffender.

Ausgerechnet Roméo und Juliette heißt das junge Paar, und Roméo schwant, als sie sich das erste Mal begegnen und einander vorstellen, bereits Böses. Doch die Liebe ist zu stark für einen kosmischen Witz und der Film zu exaltiert, es bei subtilen Anspielungen zu belassen. Stattdessen fährt er volles Risiko, mit Musical-Einsprengseln, wechselnden Erzählperspektiven und einer erfrischenden Respektlosigkeit gegenüber Obrigkeiten ebenso wie Konventionen. Damit schlingert er oftmals am Rande des Peinlichen, des Kitschigen oder Unangebrachten. Er ist weitgehend unstimmig und findet nie zu einer einheitlichen Linie. Und genau dafür kann man ihn liebgewinnen – und ihm dankbar sein, dass er die Spielfreude und Experimentierlust der Nouvelle Vague entstaubt und updatet, dass er dem Betroffenheits- und Gefühlsduselkino den Mittelfinger entgegenstreckt und leicht Verdauliches wie „Ziemlich beste Freunde“ mit einer gehörigen Portion Exzentrik konterkariert. Ich ziehe meinen Hut und strecke alle Waffen vor Valérie Donzelli und ihrem mutigen Film.

Barbara

(D 2012, Regie: Christian Petzold)

Grenzüberschreitungen
von Wolfgang Nierlin

Unser Blick ist zunächst der Blick der anderen, der aus der Vogelperspektive und dem Verborgenen heraus eine Frau beobachtet, die an einem neuen Ort eine neue Arbeitsstelle antritt. Aus der …

Unser Blick ist zunächst der Blick der anderen, der aus der Vogelperspektive und dem Verborgenen heraus eine Frau beobachtet, die an einem neuen Ort eine neue Arbeitsstelle antritt. Aus der Distanz spricht ein Misstrauen; und die Worte, die dieses Taxieren begleiten, zielen auf die Einsperrung im Vorurteil. Der sie ausspricht, heißt Schütz (Rainer Bock) und ist von der Stasi; und diejenige, die durch diese Worte und Blick denunziert wird, trägt den Namen Barbara Wolf (Nina Hoss). Wegen eines Ausreiseantrages und der möglichen Gefahr einer sogenannten Republikflucht wird die junge Ärztin von der renommierten Berliner Charité an ein Provinz-Krankenhaus an der Ostsee versetzt. Wie eine Gezeichnete bewegt sich die schweigsame Außenseiterin durch die Szenerie. Sie ist skeptisch, reserviert und ungesellig; und hat dafür auch gute Gründe, denn sie wird ständig observiert und kontrolliert. Barbara ist in ihrem Land eine Frau ohne Recht auf Privat- und Intimsphäre.

„Hier kann man nicht glücklich werden“, sagt Stella (Jasna Fritzi Bauer), eine andere Verfolgte, an anderer Stelle über die DDR. Fast schon im Kontrast zu diesen Erfahrungen zeigt Christian Petzold in seinem neuen, preisgekrönten Film „Barbara“ einen überaus sinnlichen Osten mit viel schöner Natur, alten Häusern und einem mächtigen Wind vom Meer. Eine warme Atmosphäre erfüllt die Räume, die Zeit atmet und selbst die Arbeit folgt noch einem ruhigeren, freieren Rhythmus. Aber im Sommer des Jahres 1980 zeigt die Diktatur immer wieder ihr hässliches Gesicht. Barbara beginnt, sich zaghaft zu integrieren und bereitet doch zugleich bei konspirativen Treffen mit ihrem Geliebten aus dem Westen (Mark Waschke) ihre Flucht vor.

„Wir wollten das filmen, was zwischen den Menschen ist, sich aufgetürmt hat, was sie misstrauen lässt oder vertrauen, abwehren und annehmen“, schreibt Christian Petzold in einer Anmerkung zum Film. In Barbaras zögerlichem Verhältnis zu ihrem überaus offenen und kommunikativen Kollegen Andre Reiser (Ronald Zehrfeld), der zuvorkommend ist und um sie wirbt, lässt sich viel von diesen differenzierten zwischenmenschlichen Bewegungen spüren. Dabei geht Barbaras distanzierte Skepsis durchaus in verschiedene Richtungen, gewissermaßen gen Ost und West. Ihre Verantwortung als Mensch und Ärztin hat eine Geschichte und einen Ort; und ist geerdet in einem Gefühl, das in vielerlei Hinsicht Grenzen überschreitet.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers

(KOR 2011, Regie: Kim Ki-Duk)

Gequälte Seele
von Wolfgang Nierlin

Seit drei Jahren lebt der international bekannte südkoreanische Filmemacher Kim Ki-duk abgeschieden und allein in einer Berghütte. Gegen die winterliche Kälte hat er innerhalb des Hauses ein Zelt aufgeschlagen, in …

Seit drei Jahren lebt der international bekannte südkoreanische Filmemacher Kim Ki-duk abgeschieden und allein in einer Berghütte. Gegen die winterliche Kälte hat er innerhalb des Hauses ein Zelt aufgeschlagen, in dem er campiert. Darin steht ein Rechner, während im anderen Teil der spärlich eingerichteten Behausung ziemlich viel Werkzeug und jede Menge Ersatzteile herumliegen, als handle es sich um die Werkstatt eines Maschinenbauers. Tatsächlich ist Kim Ki-duk handwerklich sehr geschickt, baut etwa eine Espressomaschine oder auch einen Revolver zusammen. Meistens sieht man ihn jedoch beim Kochen und Essen. Diese wiederkehrenden alltäglichen Verrichtungen sind jedoch gegen alle Erwartungen an eine durch das Sujet etwaig nahegelegte meditative Erzählstruktur überraschend schnell geschnitten und zeitlich verdichtet. Das spiegelt zum einen den unruhigen, gequälten Geist des eigenwilligen Filmemachers (und Menschen), zum anderen die Ökonomie seiner Arbeit. Denn Kim Ki-duk hat sein filmisches Selbstportrait „Arirang“ komplett allein realisiert.

„Ich filme mich selbst, um mir klar zu werden über mich und meine Arbeit“, sagt der renommierte und überaus produktive Regisseur in einem der ausgedehnten Selbstgespräche, die im Zentrum dieses schonungslos radikalen, manchmal geradezu fremd anmutenden Films stehen. Ungewöhnlich offen und intim fingiert Kim Ki-duk eine Selbstbefragung, imaginiert er ein zweites Ich, das über die Montage in einen Dialog mit dem spürbar leidenden, zunehmend verwahrlosenden Regisseur tritt. Dabei wird die Kamera einerseits zum Spiegel einer filmischen Selbsttherapie, die mitunter einer verzweifelten Austreibung dunkler Seelenqualen ähnelt; andererseits ist sie das Medium einer Selbstinszenierung, die die Dokumentation immer wieder mit fiktionalen Brechungen unterwandert.

Vor diesem Hintergrund ist „Arirang“ zunächst das Dokument einer künstlerischen Krise und Verstörung. Als bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Dream“ eine Darstellerin beinahe ums Leben kommt, löst dies bei Kim Ki-duk ein Trauma aus, das seine Arbeit und ästhetischen Überzeugungen in Frage stellt. Dabei reflektiert er nicht nur die Ethik eines Filmemachens, das ihn zunehmend traurig stimmt, sondern auch die gehetzte Praxis seiner Arbeitsweise, die den nach Erfolg und Anerkennung strebenden Künstler – so seine Beobachtung an sich selbst – zu einer Maschine macht. Aus diesen künstlerischen Zweifeln erwächst schließlich eine allgemeine Sinn- und Lebenskrise, in der sich der schmerzliche Rückblick auf ein einsames Leben und ein neues Verständnis des Todes verbinden. Dieser sei „etwas Weißes, das schwarz wird.“ Immer wieder singt Kim Ki-duk, in Tränen aufgelöst, das titelgebende Lied „Arirang“, verdichtet es zum Schrei einer gequälten Seele. „Mal geht’s bergauf, mal geht’s bergab…“, heißt es darin über die Hinfälligkeit allen menschlichen Tuns im großen Strom der Geschichte.

Muriels Hochzeit

(AUSTRAL. / F 1994, Regie: P. J. Hogan)

Coming out of Porpoise Spit
von Carsten Moll

Das ist der Stoff aus dem chick flicks sind: Muriel aus dem australischen Städtchen Porpoise Spit ist wohl das, was man ein hässliches Entlein nennt. Mit ein paar Kilos zu …

Das ist der Stoff aus dem chick flicks sind: Muriel aus dem australischen Städtchen Porpoise Spit ist wohl das, was man ein hässliches Entlein nennt. Mit ein paar Kilos zu viel auf den Hüften, auffälligen Hautunreinheiten, scheußlichen Klamotten und einem Mund, der immer ein wenig zu weit offen steht, bestreitet Toni Collette als Muriel den ersten Teil des Films. Wie es sich im Kino gehört, haben die anderen für Leute, die so aussehen, nur Spott und Gemeinheiten übrig, auch wenn Muriel eigentlich recht gutmütig ist – vielleicht ein bisschen zu gutmütig und bestimmt auch ein wenig obsessiv dabei. So fängt ausgerechnet Muriel auf der Hochzeit einer vermeintlichen Freundin den Brautstrauß und muss sich dann erst mal rechtfertigen, was ihr denn überhaupt einfalle, sie habe ja nicht einmal einen Freund und werde wohl auch niemals einen kriegen. Demütigender wird es noch, als sie vor versammelten Gästen von der Polizei abgeführt wird, weil sie ihr neues Kleid (im Leoparden-Look!) angeblich im Supermarkt geklaut hat. Spätestens aber wenn die Clique aus Kleinstadt-Tussis, die Muriel bislang zumindest in ihrer Nähe geduldet haben, Muriel eiskalt abserviert, wünschen sich die Zuschauer_innen, dass sich das hässliche Entlein endlich zum schönen Schwan mausert und es ganz Porpoise Spit zeigt. Der Plan lautet: nach Sydney gehen und endlich heiraten.

Die Erwartungen an einen Film, der die Hochzeit schon im Titel trägt und dessen Kinoplakat eine glückliche Braut in Weiß zeigt, sind natürlich klar gesteckt. Und wenn man nicht gerade in einem Film von Todd Solondz sitzt, kann man getrost davon ausgehen, dass sich das Blatt für Figuren wie Muriel irgendwann zum Besseren wendet. Denn auch wenn Toni Collette hier Dawn Wiener aus „Welcome to the Dollhouse“ in Sachen Geschmacklosigkeit in kaum etwas nachsteht, ist Muriel natürlich kein Nerd, der konsequenterweise ja niemals zum Helden werden kann. Von Anfang an stehen die Zeichen in „Muriels Hochzeit“ auf Feel-Good-Movie; ein Soundtrack, der fast vollständig aus ABBA-Songs besteht, kann natürlich keine Tragödie untermalen. Die Eheschließung als Happy End und Lösung aller Konflikte scheint also unvermeidlich und eigentlich erwarten die Zuschauer_innen auch nicht viel mehr. Zu oft schon war der populäre Mythos von der Traumhochzeit auf der Leinwand zu sehen, die Ehe wurde naturalisiert und erscheint somit geradezu alternativlos.

Doch ganz so leicht macht es einem „Muriels Hochzeit“ dann doch nicht. Titel und Plakat sind nur Köder und der Film bestenfalls ein chick flick auf Abwegen. Wo in den typischen Hollywoodproduktionen, die ganz klar ein wichtiger Bezugspunkt für den australischen Überraschungserfolg „Muriels Hochzeit“ sind, straight und unterreflektiert von Traumhochzeiten als Erlösungsfantasie erzählt wird, da ist „Muriels Hochzeit“ auch ohne offensichtliche Homosexualität ein queerer Film. Die titelgebende Hochzeit, die mindestens so schaurig wie unterhaltsam ist, mag zwar ein Höhepunkt des Films sein, für Muriel ist sie aber definitiv der Tiefpunkt. Immer kann Muriel mit den Sympathien der Zuschauer_innen rechnen, egal wie schlecht sie aussieht und wie falsch sie sich verhält, der Film ist immer auf Augenhöhe mit seiner Protagonistin und lässt ihr selbst bei ihren erbärmlichen Träumereien zu seichter Popmusik ihre Würde. So wie „Muriels Hochzeit“ ohne die Standardware aus Hollywood nicht denkbar wäre, so fungieren Unterhaltungsmusik und abgedroschene Kinofantasien für Muriel als Überlebensstrategie und Quelle von Sinn und Bedeutung. Erst als ihr Traum von der eigenen Hochzeit auf Kosten aller Beteiligten in Erfüllung geht und sich als hohles Schauspiel offenbart, wird auch sie zu einer der hässlichen Karikaturen, die das Küstennest Porpoise Spit so zahlreich bevölkern und denen der Film erst spät ihre Portion Menschlichkeit gewährt.

In diesem Moment ist Muriel endlich eine von den anderen oder glaubt es zumindest zu sein. Doch den Zuschauer_innen ist sie hier fremd, genau wie ihrer besten Freundin Rhonda. Rhonda und Muriel freunden sich an, nachdem diese aus ihrer Clique verstoßen wurde, und natürlich ist Rhonda all das, was Muriel nicht ist. Sie ist selbstbewusst, dunkelhaarig und sexuell aktiv. Völlig unvorbereitet wird bei ihr allerdings Krebs diagnostiziert (und als Kennerin des Mainstreamkinos fragt Rhonda ihren Arzt, ob das darin liegt, dass sie so viel Sex hatte – und „Muriels Hochzeit“ ist clever genug, um ihn das verneinen zu lassen). Die Folgen für Rhonda sind Operationen und gelähmte Beine, aber sie bleibt die selbstbewusste Person, die sie vorher war und hat auch weiterhin Sex. Der Film zeigt auch kein sonderliches Interesse an der Bebilderung einer Leidensgeschichte. Dennoch ringt sie Muriel in einem Moment der Verzweiflung das Versprechen ab, bei ihr zu bleiben, damit Rhonda nicht auf ihre Mutter angewiesen ist und nach Porpoise Spit zurückkehren muss. Hier liegt das eigentliche Eheversprechen des Films, ein Schwur, der ganz ohne ABBA-Soundtrack, Hochzeitskitsch und institutionelle Billigung auskommt. Doch Muriel wird Rhonda für (irgend)einen Ehemann verlassen. Dieser Verrat und die daraus resultierende Rückkehr zur Mutter nach Porpoise Spit beschreiben Rhondas Schicksal treffender als kamerataugliches Siechtum im Krankenhaus oder der unbedingte Wille zum Extremsport, der erstaunlich viele Film-Rollstuhlfahrer befällt.

Auch wenn die Demaskierung von Heirat und Ehe als utopisches Moment ein zentrales Motiv im Film ist, die große Stärke von „Muriels Hochzeit“ ist die Einbettung seiner Protagonistin in einen komplexen sozialen Kontext. Zwar ist Muriel immer im Fokus der Geschichte, aber am Rande spielen sich nicht nur Familiendramen ab, in kräftigen Strichen wird auch das Portrait einer ganzen Kleinstadt gezeichnet. Dabei wird auch die Australianness des Films deutlich, der, obwohl er im Grunde eine universelle Geschichte in der Tradition Hollywoods erzählt, eindeutig in der australischen Kultur verwurzelt ist. So sind das grausame Patriarchat von Muriels Vater genau wie die krasse Geschmacklosigkeit von Porpoise Spit und seinen Einwohnern typische Elemente des australischen Kinos, die außerhalb Australiens schwer einzuordnen sein dürften. Muriels schlechter Stil markiert sie so auch nicht als Außenseiterin oder Nerd, sondern ist vielmehr ein Zugeständnis an ihr Umfeld, das der für ihren Kitsch berühmten Gold Coast nachempfunden ist. Die Tragik Muriels, die noch nicht wie später nach ihrer Flucht nach Sydney im Grunge-Look rumläuft, liegt nicht darin, dass sie nicht dazugehört, sondern in ihren verzweifelten Versuchen sich anzupassen.

Die Selbstfindung Muriels, die natürlich durch eine starke, unabhängige neue Freundin initiiert wird, wird dabei nicht gerade unkonventionell inszeniert, aber unterläuft dennoch gekonnt ärgerliche Klischees. Klar, am Ende sieht Toni Collette natürlich um einiges besser aus als zu Beginn des Films, aber der Film erlaubt sich immer wieder Widersprüche: Muriel mag zwar nach Grunge aussehen, hört aber weiterhin ABBA, wenn es ihr schlecht geht. Die Plastik-Tussis aus Porpoise Spit sind es, die Nirvana hören. Auch ist man beinahe schon erstaunt, dass das Dicksein Muriels nicht thematisiert wird und als Panzer gegen Frust oder für ironische Diätwitze herhalten muss. Die Anekdote, dass Toni Collette für ihre Rolle in sieben Wochen über achtzehn Kilo zugenommen hat, ist dabei natürlich trotzdem genauso albern und peinlich wie bei ihrer Kollegin Renée Zellweger. Ob das kurzzeitige Erdicken als Teil der Leistungsschau bald vollkommen durch authentischeres Fett wie das von Gabourey Sidibe und Mo‘nique ersetzt wird, bleibt abzuwarten.

Am Ende ist Muriel selbstverständlich glücklicher und besser, aber die Abgründe in ihrem Leben sind weiterhin da. Der Film lässt sogar die satirischen Überspitzungen, die die ganze Bitterkeit erst erträglich gemacht haben, für einen Moment beiseite und wird zu dem Drama, dass die ganze Zeit unsichtbar im Hintergrund ablief. Die Konfrontation mit dem herrischen Vater wird unausweichlich, aber sie bietet keinen Befreiungsschlag und keine tränenreiche Läuterung. Porpoise Spit bleibt fürs Erste Porpoise Spit. Gemeinsam mit Rhonda verlässt Muriel schließlich ihren Heimatort, ohne dass sich die Freundinnen mehr erkämpft hätten als einen Neuanfang in der Großstadt Sydney. Im Vorbeifahren verabschieden sich die beiden sichtlich erleichtert von dem Kleinstadt-Muff, den Malls und Diners und Touristen am Straßenrand. Dazu läuft wieder ABBA und irgendwie fühlt sich das im ersten Moment ein bisschen zu versöhnlich an. Aber Muriel hat es schon verraten: Das ist der Soundtrack für die schlechten Zeiten. Wenn geträumt werden muss.

Police, adjective

(RO 2009, Regie: Corneliu Porumboiu)

Eine Frage des Gewissens
von Wolfgang Nierlin

Was in den meisten anderen Filmen aus dramaturgischen Gründen fehlt, wird in Corneliu Porumboius Film „Police, adjective“ ausführlich gezeigt: der konkrete Alltag und die tägliche Arbeit der handelnden Figuren. Was …

Was in den meisten anderen Filmen aus dramaturgischen Gründen fehlt, wird in Corneliu Porumboius Film „Police, adjective“ ausführlich gezeigt: der konkrete Alltag und die tägliche Arbeit der handelnden Figuren. Was diesen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogenen Realismus und die mit ihm verknüpfte Ästhetik des Zeigens dabei so eindringlich macht, ist die Darstellung von Zeit als elementarer Inhalt der Handlung und zugleich als nachzuvollziehende Dauer des Erlebens. Äußerlich betrachtet, geschieht in „Police, adjective“ insofern fast nichts; und auch die Anlässe des Geschehens erscheinen mehr oder weniger geringfügig. Trotzdem erzeugt diese sowohl ästhetische als auch inhaltliche Reduktion, mit der Porumboiu hier den trögen Arbeitsalltag eines jungen Drogenfahnders beschreibt, eine erhebliche Spannung. Das resultiert zum einen aus der permanenten, fast schwebenden Offenheit des Films, zum anderen aus dem Blick auf Details.

Die äußere Handlung vollzieht sich in den Koordinaten von Bewegung, Beobachtung und Warten. Seit Tagen beschattet Cristi (Dragos Bucur), ein Polizist in Zivilkleidung, drei jugendliche Haschischkonsumenten, ohne nennenswerten Ermittlungsfortschritt. Für ihn ist klar, dass dieses Vergehen geringfügig ist und sich unter den Schülern kein Dealer befindet. Doch seine Vorgesetzten verlangen Ergebnisse und erzeugen einen Handlungsdruck. Eine Razzia soll durchgeführt werden. Aber Cristi, der sonst eher mit gesenktem Kopf und müdem Körper unterwegs ist, macht moralische Skrupel geltend und zweifelt gar am Sinn des Gesetzes. Er gerät in einen Gewissenskonflikt, in dem sich persönliche Verantwortung und staatliches Gesetz, gesunder Menschverstand und die hierarchischen Strukturen einer verstaubten Bürokratie gegenüberstehen.

Deren Verkrustungen in den täglichen Arbeitsprozessen und in den abgenutzten Einrichtungen maroder Gebäude verfolgt Porumboiu bis in die graue Stadttopographie. Zum anderen entfaltet er einen vielschichtigen Diskurs über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln, der mit einem Gespräch zwischen Cristi und seiner Frau Anca (Irina Saulescu), einer Rumänischlehrerin, über die Metaphorik eines Schlagerlieds beginnt und in einer Auseinandersetzung über Gewissensfreiheit seinen Höhepunkt findet.

Der geradlinige Cristi, für den die Wahrheit offensichtlich nicht das Ergebnis einer Interpretation ist, sondern die Einsicht in eine unmittelbare, jedem zugängliche Evidenz, führt dieses fast schon absurde, jedenfalls sehr komische Gespräch mit seinem respekteinflößenden Chef, einem ideologische gestählten Dialektiker alter Schule. Ob nun beim Sprechen in Bildern oder beim Nachdenken über die Definitionen aus dem Wörterbuch: Immer geht es um die Frage des Verstehens und seine Bedeutung für das Handeln. Dessen Spielraum zwischen Eigenverantwortung und Fremdbestimmung, zwischen moralischer Pflicht und Gesetzestreue, erweist sich in „Police, adjective“ als sehr eingeschränkt, denn die Macht der Sprache spiegelt (und zementiert) in Corneliu Porumboius Film vor allem ein hierarchisches Ordnungssystems.

John Carter – Zwischen zwei Welten

(USA 2012, Regie: Andrew Stanton)

Tarzans Avatar macht Star Wars am Mars
von Drehli Robnik

Bei Fantasyfilmhelden gehört es zum guten Ton, dass sie am Handlungsende – entwicklungsromanhaft, fortsetzungshoffnungsgerecht und vorzugsweise per Off-Kommentar – bekräftigen, dass sie nun wissen, wer sie sind und wie sie …

Bei Fantasyfilmhelden gehört es zum guten Ton, dass sie am Handlungsende – entwicklungsromanhaft, fortsetzungshoffnungsgerecht und vorzugsweise per Off-Kommentar – bekräftigen, dass sie nun wissen, wer sie sind und wie sie heißen. Das tut auch dieser. Er heißt eben nicht Virginia – daraus, dass die örtlichen Aliens, also eigentlich indigene 'Indianer', im holprigen interkulturellen Dialog seinen Herkunftsort für seinen Namen halten, resultiert hier ein Running Gag –, sondern John Carter. Und aber auch nicht John Carter von der Erde, sondern, wie er sagt, John Carter vom Mars. Also wie der Film, dessen Held er ist. Der heißt allerdings 'John Carter – Zwischen zwei Welten' und situiert ihn zwischen ebendiesen, außerdem zwischen drei Populationen (wovon eine ein Stamm von vierarmigen Humanoiden ist), zwei Planeten (einer davon die Erde), zwei bis drei Erzählebenen, diversen dynastischen und intergalaktischen Machtstrategieverwicklungen und 150 (gefühlten 160) Eigennamen, vom Reich Zodanga bis zum Volk der Therns.

Das ist so kompliziert, wie es sich liest und auch noch in 3D und deshalb aber auch nicht gleich schlecht. Insofern tun weitere Namensverweisspiele keinen Abbruch, liefern sie doch jene Hausmarken, auf deren bürgschaftliches Symbolkapital diese Disney-Produktion hinaus will: 'John Carter' ist die Adaption der Kompilation eines zum Teil 100 Jahre alten – eben 1912 begonnenen – Serienromanstoffs von Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs und bietet ausstattungsintensiven Schwulst, der sich in jüngere Kino-Fantasy-Traditionen einreiht (wie sehr diese wiederum von Burroughs’schen Mars-Imaginarien zehrten, sei dahingestellt): Wir bekommen Fetischklamotten wie in 'Barbarella', Muckis in Ketten wie in 'Conan', Prophezeiungspathos wie in 'Dune', fette Viecher wie in alten 'Star Wars'-Filmen, dazu ausladende Felspanoramen, bizarre Palastbauten, klobig schwebende Schlachtschiffe, Stammeskultur hochgewachsener Humanoider und anderes, was an 'Avatar' erinnert.

An letzteren Film muss man nicht nur dann unwillkürlich denken, wenn John Carter, nach schaukampfförmiger Metzelung zweier weißpelziger Riesenaffen ganz in deren Blut gebadet und insofern blauhäutig, die Hand zum Salut ans Haupt hebt: Das ist wie eine Grußadresse an einen Blockbuster, dem gegenüber sich 'John Carter' als die spleenigere Variante erweist. Was in James Camerons Inszenierungen von Initiationsriten und Stammesgemeinschaften oft ins unangenehm Völkische und Vitalistisch-Heilsame ausgreift (und was hier, schon von der Vorlage her, kolonialistisch bis 'Edle Wilde'-faschistoid geraten könnte), das wird in 'John Carter' konterkariert und gegengewichtet: Dies geschieht zum Einen durch die unmäßig – und an der Grenze zum Strapaziösen – sprudelnde Lust am Akkumulieren von Erzählmaterial (eben: noch ein Name hier, eine Machination dort, ein Kreatürchen obendrauf, eine Deadline zwischendurch, das Ganze gerahmt in einer Jahrzehnte später auf der Erde angesiedelten Rückblendenrahmenhandlung, die zunächst in ein Sezessionskriegswesternuniversum führt, daher der Name Virginia und der militärische Gruß … Are you still with me?); zum Anderen durch eine Erzählform, die im Kleinen ihrer Jumpcuts und lustig-episodischen Montagen wie auch im Großen ihrer abrupten Schauplatz- und Handlungsstrangwechsel auf kunstvolle Zeitsprünge und Implizitsetzungen baut. Wie gesagt: Die Sache wird dadurch nicht leichter zu verfolgen und der Film noch formloser, aber es fügt Konturen und Reize hinzu.

Die ab und zu traumatisch dazwischenblitzenden Rückblenden zum Verlust der schmerzlich verlorenen geliebten Frau, die der Held nicht vergessen kann – vergessen wir sie lieber gleich wieder, zumal sie an den Vorjahrs-Blockbuster-Krampf 'Cowboys and Aliens' erinnern; wobei der Vergleich mit diesem in seinem Genre-Crossover-Ansatz nicht unähnlichen Film für den durchwegs unernst antretenden 'John Carter' vorteilhaft ausfällt. Hier regiert eben Freude am infantilen Aufhäufen und mittendrin zu Auslassungen und ausgelassenen Sprüngen, und wenn Regisseur Andrew Stanton ein Landschaftspanorama in ostentativer Leere ausbreitet und darin Momente des Slapstickballetts inszeniert, dann knüpft er damit kurz an stilistische Trümpfe seiner (einprägsameren) Animationsfilmerfolge 'Findet Nemo' und 'Wall-E' an.

Der im Original einfach 'John Carter' (ohne Zwischen-Zusatz) betitelte Film frönt der Magie (und Unzahl) ominöser, mehrfach geschichteter Namen und ist somit in der Hauptrolle fast programmatisch besetzt: Neben einem als Vierhänder unkenntlichen Willem Dafoe, sowie Lynn Collins, Ciarán Hinds, Samantha Morton und Dominic West, macht passable Figur ein kanadischer Neo-Star mit dem prägnanten Namen Taylor Kitsch. Nicht nur sein Gesicht erinnert an den jungen Johnny Depp. Ja, diese Namen: Für uns klingen die so seltsam wie 'John Carter aus Virginia' für einen Mars-Indianer. Taylor… Johnny…: Wer heißt schon so?

Headhunters

(NOR 2011, Regie: Morten Tyldum)

Kunstraubend, haarsträubend, hochtrabend – bis zum Plumpsklo
von Drehli Robnik

Die Adaption eines norwegischen Krimibestsellers von Jo Nesbø wird als nächster großer Skandinavienexport nach der 'Millennium'-Trilogie beworben, hat aber mit traumatophilen Bilderrätsel- und Stammbaumdechiffrierungsspielen Stieg Larsson’scher Prägung wenig zu tun. …

Die Adaption eines norwegischen Krimibestsellers von Jo Nesbø wird als nächster großer Skandinavienexport nach der 'Millennium'-Trilogie beworben, hat aber mit traumatophilen Bilderrätsel- und Stammbaumdechiffrierungsspielen Stieg Larsson’scher Prägung wenig zu tun. Um die Mitte versprüht der Thriller 'Headhunters' etwas Wirtschaftsverschwörungsparanoia; davor aber zelebriert der Film zu Bossa Nova-Beschallung kess montierte Gebrauchscoolness, wie sie auch seine PR-Linie prägt.

Ein arroganter Führungskräftejobvermittler mit Doppelleben als Kunstdieb (Aksel Hennie) lässt – ob in Form von gezierten Businessmeeting-Männerritualen oder per Off-Kommentar – allerlei smarte Berufsweisheiten auf uns los: 'Regel Nummer 1…, Nummer 2…, Nummer 3…' Und weiter ist zu hören, dass wie der Kunstmarkt, so auch Lebenslaufbahnen auf fiktiven Werten, auf reinem 'Renommee', basieren. Also, wenn uns zu diesem Zeitpunkt nicht eh schon die Rückenansicht seiner blonden Gattin, von Beruf Galeristin (what else?), beim Duschen im Designerhaus sprachlos gemacht hat über die Anmutung von so viel stilvollem savoir vivre, dann sind wir spätestens durch solche Einsichten geflasht und bereit zur Entgegennahme der Lektion, dass alles unecht ist und nichts wie es scheint.

Und schneller als wir „Coen-Brüder!“ sagen können, kippt hier ein Plan ins Desaster, wird der Dieb zum Gejagten des Beklauten (der sich als ehemaliger Special Forces-Soldat mit ausgeprägten Tracking-Fähigkeiten entpuppt, gespielt von Nikolaj Coster-Waldau) – und irgendwann findet er dann hilf- und haarlos zur Demut vor dem Leben. Freilich, die Momente der Einsicht und des Geständnisses, dem der aus Hochmut tief Gefallene gleich noch einen lang verdrängten Kinderwunsch hinterherschiebt, diese bekehrungsmoralische Form von Sinnbildung gegenüber dem lediglichen Lifestyle ist so reaktionär wie schematisch. Wenn der Film und sein Held ganz am Ende den Tonfall souverän beschwingter Oberschlauheit wiederfinden, ist das zwar inkonsequent und so enervierend wie zu Beginn, aber fast schon eine Erleichterung: Wir sind hier also doch nicht beim 'Jedermann' der Salzburger Festspiele oder bei einer dieser antibürgerlichen Ressentimentetüden in Sachen 'Die Großen ganz klein-Machen', die sich heutzutage – im Kino oder sonstwo – als kritische Bearbeitungen von deregulierter Kapitalherrschaft oder Karrierementalität aufspielen.

Dass der Renommee-Experte auf der Flucht – ein Fall von Kapitalflucht, möchte man sagen – sich von all dem Tand seines kaufkräftigen Status lösen muss, von der Rolex, von der gepflegten rotblonden Mähne bis hin zur Entblößung in kreatürlicher Nacktheit samt Regenerationsbad im klaren Quell eines Flusses (Norwegen scheint ja als Tourismusdestination entzückend zu sein …) – diese Motive des Alles-Abwerfens machen auch ohne symbolische Aufladung genug Sinn, nämlich im Survivalthriller-haften Abschnitt des Films (der die verblüffende Doppeldeutigkeit der Berufsbezeichnung Headhunter ausspielt): Wer überall DNA-Spuren oder Minisendersignale hinterlassen könnte, muss eben ganz zum bloßen Körper werden und in der Stofflichkeit einer zuvor bloß mit pikierten Fingerspitzen berührten Umwelt aufgehen. Die eingangs eher schulbuchhaft bemühte pushyness der Regie von Morten Tyldum entfaltet hier manche Vorzüge, hält den Druck aufrecht und arbeitet mit lockerer Hand einige schön irrwitzige Verfolgungsjagdsituationen in Wald, Schlucht und Plumpsklo heraus.

Vom heist movie in ,,Oceans'-Manier über Paranoia im Fincher-Barock des hohlen – eben auch doppelbödigen – Luxus (man denke etwa an 'The Game' von 1997) bis zur Rettung des nackten Lebens im Dreck wie in einem zerknirschungsethischen Horrorschocker: Diese drei zunächst separat aktivierten Brennstufen werden zuletzt alle gleichzeitig gezündet. Das ergibt drei Filme in einem, also insgesamt einen immer wieder halbwegs guten.

Blutsfreundschaft

(A 2009, Regie: Peter Kern)

Horror Austrianui
von Andreas Thomas

Es gibt Filme, bei denen ich mir, als Kritiker, wünschte, sie gut zu finden. „Blutsfreundschaft“ von Peter Kern ist so ein Fall, weil mir Peter Kern, der Schauspieler, immer positiv …

Es gibt Filme, bei denen ich mir, als Kritiker, wünschte, sie gut zu finden. „Blutsfreundschaft“ von Peter Kern ist so ein Fall, weil mir Peter Kern, der Schauspieler, immer positiv in Erinnerung war: Er spielte in tollen Filmen von Rainer Werner Fassbinder mit („Welt am Draht“, „Faustrecht der Freiheit“), war in Hans Jürgen Syberbergs skandalträchtigem „Hitler – Ein Film aus Deutschland“ dabei, und tauchte nach Jahren von TV-Produktionen („Kir Royal“) folgerichtig als Veteran des „Neuen deutschen Films“ in Filmen Christoph Schlingensiefs wieder auf („Terror 2000“, „United Trash“). So ein Zeitzeuge und Partizipant von Sternstunden des Kinos muss doch seine Lektion gelernt haben, meint man, und sollte er auch kein geborener Filmregisseur sein, so sollte er doch wenigstens mitbekommen haben, wie man sauberen Trash produziert.

Das Cover der DVD der Filmgalerie 451 nährt letzteres Vorurteil: Ein in Würde gedunsener Helmut Berger hält darauf einen kleinen Neonazi im Arm, um ihn vor anderen, böseren Neonazis, die in einer Off-Projektion eine Neonazi-Demonstration abhalten, zu beschützen. Darüber ein sich küssendes Männerpaar, darauf in roten, reißerischen Pulp-Großbuchstaben: „Blutsfreundschaft“

In dieser Bildmontage ist praktisch schon der ganze Film enthalten, ein Film als Wille und Vorstellung sozusagen, als unterhaltsame, wäre es Trash, als naive, wäre es ernst, und, machen wir es kurz: es ist weder dies noch das und es ist bei weitem ganz und gar egal, zu wissen was es ist, weil es in erster Linie ganz fürchterlich auf die Nerven geht. Die Message ist: Peter Kern beherrscht in „Blutsfreundschaft“ nicht die Kunst des Regie-Führens, er beherrscht sie so wenig, dass es schmerzt und quält. Bei allem Anspruch, den der Film wohl irgendwie in sich haben sollte: Es ist kaum wahrnehmbar, was denn überhaupt erzählt werden sollte, so misslungen ist das Erzählen.

So gebe ich hier auch nur kurz wieder, was vom Plot sich bei mir narrativ ansatzweise durchgesetzt hat (ganz bewusst, ohne die Inhaltsangabe zu lesen):
Ein junger Neonazi oder jedenfalls einer, der mit den in Horden den Film bevölkernden Neonazis sympathisiert, ermordet aus Versehen (!) einen Menschen und versteckt sich bei einem alten Herrn und Wäschereibesitzer (das Zentrum des Films und der einzige, dem man ansieht, wie er versucht gegen eine dilletantische Regie anzuschauspielern: Helmut Berger), einem ehemaligen Hitlerjungen, der ebenso aus Versehen während der Nazizeit einen anderen umgebracht hat. Fragen Sie mich bitte nicht nach Einzelheiten! Jedenfalls ist dieses Nazideutschland/-österreich in der Erinnerung des Helmut Berger immer schön in graublau und dieses, wohl, Salzburg der Jetztzeit richtig schön grässlich piefig und klaustrophobisch: Der Horror – und wenn „Blutsfreundschaft irgendetwas ist, dann ein Horrorfilm – wohnt in jeder einzelnen Einstellung dieses Films. „Blutsfreundschaft“ – und darin liegt seine Qualität, wenn man denn unbedingt eine haben will – ist ein Film der Enge, der Angst und des Ekels. Straßenzüge, Häuser, Menschen, niemand macht da eine Ausnahme, auch nicht die kleine queere Gemeinde, die eine merkwürdige Parallelexistenz mit dieser Neonazigeschichte hat, alle wirken irgendwie pathologisch und bedrohlich und ziemlich hirnlos und konfus. Aber dieser Mangel/diese Qualität scheint kein Produkt künstlerischen Willens zu sein, sondern, das Gefühl werd ich nicht los, es scheint ganz einfach der ganz übliche Horror zu sein, an welchem unsere lieben Nachbarn in Österreich täglich zu leiden haben, ein Horror, den man so gar nicht erfinden kann, ein Horror, der mit der Luft eingeatmet wird. Wer kann sagen, woher dieser Horror kommt? Elfriede Jelinek? Ulrich Seidl? Michael Haneke? Peter Kern jedenfalls kann ihn nur unfreiwillig weitergeben.

Wenn man Schlingensief-Filme unausstehlich fand, dann wusste man, der Regisseur hatte sein Ziel erreicht. Das Schlimme an Peter Kern ist, dass er ganz ehrlich eine einfache Geschichte von Liebe und Hass erzählen will, und das Gute an ihm ist, dass er so sehr vom Horror infiziert ist, dass der aus jeder Pore des Films tropft. Nein, aber Spaß macht das wirklich nicht, auch nicht im trashigsten Sinne. Es ist ein Jammer!

Best Exotic Marigold Hotel

(GB / USA / IND 2012, Regie: John Madden)

Mut zur Veränderung
von Wolfgang Nierlin

Wie bestellt und nicht abgeholt, sitzen die sieben Protagonisten des Films in einer Reihe nebeneinander und warten auf ihren Flug nach Indien. In diesem Verharren, dessen Ungewissheit die Kamera in …

Wie bestellt und nicht abgeholt, sitzen die sieben Protagonisten des Films in einer Reihe nebeneinander und warten auf ihren Flug nach Indien. In diesem Verharren, dessen Ungewissheit die Kamera in frontaler Perspektive auf den Zuschauer bezieht, liegt ein gedehnter Moment des Wechsels zwischen altem und neuem Leben, zwischen Stillstand und Aufbruch. Die einleitende Parallelmontage, mit der die Figuren zusammengeführt werden, liefert in John Maddens unterhaltsamer Komödie „Best Exotic Marigold Hotel“ zugleich die Kurzcharakterisierung der Ensemblemitglieder. Deren gemeinsamer Nenner sind die Probleme des Alters, die, als Herausforderung verstanden, in der lebensklugen Perspektive des Films zu einschneidenden Veränderungen und einem neuen Verhältnis zum eigenen Leben führen.

So ist die herzensgute Evelyn (Judi Dench), die zeitlebens für ihren Mann da war, nach dessen Tod plötzlich auf sich allein gestellt und dazu auch noch verschuldet. Graham (Tom Wilkinson) wiederum, Richter am Obersten Gericht, begibt sich mit Schuldgefühlen auf die Spur einer alten Liebe, während der ewige Schürzenjäger Norman (Ronald Pickup) und die vom Ehepech verfolgte Madge (Celia Imrie) mehr oder weniger ernüchtert neues Liebesglück ersehnen. Komplettiert wird die bunte Reisegruppe noch von einem Ehepaar, dessen Partner sich auseinandergelebt haben, und von der fremdenfeindlich grantelnden Haushälterin Muriel (Maggie Smith), die sich ausgerechnet in Jaipur einer Hüftoperation unterziehen will.

Nach der Ankunft im chaotischen Treiben der indischen Metropole lässt der Kulturschock nicht lange auf sich warten. Maddens Film bezieht gerade aus dem Zusammenprall gegensätzlicher Mentalitäten und kultureller Unterschiede, deren Exotik stets geglättet und romantisiert erscheint, seinen schlagkräftigen Wortwitz. Das fremde Indien erstrahlt unter dieser Vorgabe als ein Land aus Licht, Farben und Lächeln, dessen Bewohner von einer überwältigenden Lebensbejahung geleitet werden. Verkörpert wird dieses idealisierte Bild von dem jungen Hotelmanager Sonny (Dev Patel), der sein reizvoll marodes Haus mit einem unerschütterlichen Optimismus in eine bessere Zukunft führen will. „Nichts passiert, solange man es nicht träumt“, heißt es einmal in diesem mit Lebensweisheiten gespickten Film. Dabei verlaufen die Lernprozesse, in denen es darum geht, „an der anderen Welt zu wachsen“, durchaus in beide Richtungen. Dahinter entdecken die Protagonisten wiederum das Wagnis des Handelns als Möglichkeit zur Veränderung. Dass am Ende alles gut wird, versteht sich in diesem Feelgoodmovie von selbst. Denn „wenn es nicht gut ist“, so Sonny, „dann ist es auch nicht das Ende.“

Das Turiner Pferd

(U / F / D / CH 2011, Regie: Béla Tarr, Ágnes Hranitzky (Co-Regie))

Eine Leidensgeschichte in sechs Tagen
von Janis El-Bira

Bei schwarzer Leinwand wird sozusagen der Urknall geschildert: Friedrich Nietzsche erbarmt sich eines geschundenen Gauls, fällt ihm um den Hals, wird abgeholt, lebt noch Jahre in Umnachtung, spricht seine letzten …

Bei schwarzer Leinwand wird sozusagen der Urknall geschildert: Friedrich Nietzsche erbarmt sich eines geschundenen Gauls, fällt ihm um den Hals, wird abgeholt, lebt noch Jahre in Umnachtung, spricht seine letzten Worte: 'Mutter, ich bin dumm.'

Berühmt ist diese Anekdote, allein, so der Sprecher weiter, über das Pferd und den Kutscher wissen wir nichts. Dann öffnet sich das Auge der Kamera und durch den Friedrichstadtpalast rauscht die pure Kinetik: Ein Sturm – hat man je einen solchen Sturm, ein solches Unwetter auf einer Leinwand gesehen? – peitscht eine Kutsche voran durch ein gesichtsloses Niemandsland. Beinahe endlos geht das so und man kann kaum glauben, welche Wucht diese Schwarzweißbilder übertragen; als würde es in den Saal hinein wehen.

Dann wird lange, sehr lange nicht gesprochen und über die gesamten 150 Minuten fallen ohnehin – man erwartet das freilich von Béla Tarr – nur wenige Sätze. Wir verfolgen das Leben und Vegetieren von Pferd, Kutscher und Kutscherstochter in oft minutenlangen, äußerst verlangsamten Einstellungen. Die immer gleichen Alltagsprozesse – das Ankleiden des alten Mannes durch die Tochter, das Verzehren der Kartoffeln mit den bloßen Händen, das Wasserschöpfen aus dem Brunnen – wiederholen sich drei-, vier-, fünfmal.

Die Szenerie, eine Hütte im Nirgendwo, wechselt nicht. Und doch entsteht hier eine Sogwirkung, wie sie dieser Tage im Film ihresgleichen nicht hat. Tarrs völlig entfesselte Kamera vermittelt in schier unbeschreiblichen Schwarzweißkontrasten räumliche Spannung, Weite und Nähe in einer Kunstfertigkeit, die man schlicht sensationell nennen muss.

Ein Unheimliches schleicht dann alsbald ums Haus, eigentümliche Dinge geschehen, seltsame Gäste treffen ein. Eine große Finsternis wird kommen. Ist das die Antwort der Geschichte auf die Umnachtung Nietzsches, auf das Ende der abendländischen Metaphysik? Man stolpert halbwegs benommen aus dem Kino ins Tageslicht zurück. Ein weit offenes Meisterwerk hat man gesehen, das nun im Kopf unaufhörlich nachrattert. 'Für mich war das wie eine Passion; eine Leidensgeschichte in sechs Tagen', sagt uns unvermittelt ein Mann auf der Straße.

Dieser Text ist zuerst anlässlich der Berlinale 2011 in der filmgazette erschienen.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Versicherungsvertreter

(D 2011, Regie: Klaus Stern)

Business as usual
von Marit Hofmann

'Willst du ein Leben lang mit mir dein Blut, dein Herz, deine Seele teilen – für diese Firma?' Ja, das wollten sie, und sie nahmen den Siegelring mit dem MEG-Logo. …

'Willst du ein Leben lang mit mir dein Blut, dein Herz, deine Seele teilen – für diese Firma?' Ja, das wollten sie, und sie nahmen den Siegelring mit dem MEG-Logo. Schließlich kam es nicht oft vor, dass Selfmademillionär Mehmet E. Göker vor einem seiner Vasallen auf der Showbühne in die Knie ging. Für die, die den Umsatz nicht ehrten, galt die Parole: 'Weg die Wichser!' Sie alle wollten’s ja nicht anders, da hat Obermacker Göker nicht ganz unrecht: seine geldgeilen und devoten Gefolgsmänner (Frauen sind hier nur Begleitblondinen), die Politiker und VIPs, die ihn hofierten, und seine Auftraggeber, die Versicherungsriesen, die nach immer mehr Kunden für private Krankenversicherungen gierten und dafür riesige Provisionen zahlten.

Klaus Stern, der bereits in anderen sensiblen Porträts offenbarte, was das Business aus Menschen macht, führt hier den rasanten Aufstieg und Fall des Versicherungsmaklers Göker und die windigen Methoden einer Branche vor. Der MEG-Chef genießt die Anwesenheit der Kamera beim Ferrarifahren, Muskelstählen, Brüllen und Sprücheklopfen ('Das Leben ist eine Torte, und ich möchte nicht nur Krümel davon abkriegen'). Stern spricht mit Untergebenen wie dem dankbaren Ex-NPD-Anhänger, den der Deutschtürke Göker bekehrt hat, und sieht zu, wie sich dessen Exbodyguard nach der Pleite das MEG-Tattoo entfernen lässt. Die bestürzend komischen Firmenvideos, die Stern unkommentiert hineinmontiert, und vor allem sein 1A Hauptdarsteller verleihen der Doku Spielfilmdrive. Göker findet sich übrigens gut getroffen.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 03/2012

Take Shelter – Ein Sturm zieht auf

(USA 2011, Regie: Jeff Nichols)

Graue Wolken
von Drehli Robnik

„Sieht das irgendjemand außer mir?“ fragt entgeistert der Familienvater (Michael Shannon), während irre Blitze durch den Nachthimmel zucken und Frau und Tochter im Auto schlafen. In anderen Momenten des Films, …

„Sieht das irgendjemand außer mir?“ fragt entgeistert der Familienvater (Michael Shannon), während irre Blitze durch den Nachthimmel zucken und Frau und Tochter im Auto schlafen. In anderen Momenten des Films, der insgesamt viel aus dem Anblick und Sound gewittriger Wolkenformationen, Stürme und Regengüsse macht, ist es der Protagonist, der schläft; da erscheinen ihm erst recht Dinge, die niemand anderer sieht – zumal Visionen, in denen das Alltagsvertrauteste plötzlich gegen ihn aggressiv wird: sein Hund, seine Möbel, sein Kollege am Bohrgerät bzw. Biertresen, gar seine Frau (dargestellt von Jessica Chastain; sie stand schon als Hausfrau und Mutter in Terrence Malicks „The Tree of Life“ am Rand eines intensiven Direktaustauschs zwischen familiärem, natürlichem und kosmischem Leben).

Mehr als andere Hollywoodfilme mit düsteren Katastrophenvisionen unter „kleinen Leuten“ auf dem Land (rezente Exorzismusfilme, „The Mothman Prophecies“ und „Signs“ von Anfang der Nullerjahre oder der schon etwas ältere, mehr populistisch denn visionär sein Tornadodesasterthema bearbeitende „Twister“) präsentiert sich „Take Shelter – Ein Sturm zieht auf“ als Milieustudie. Der Film in der Regie von Jeff Nichols bietet ein mehr als nur soziodekoratives Bild von Alltagsnöten, -gesten und -ritualen weißer Arbeiterfamilien in Ohio. Diese Milieustudie wiederum ist vermittelt über die Verhaltensstudie eines einzelnen Mannes, eben des Familienvaters, der abdriftet; sein Verhalten reduziert sich mit der Zeit ganz auf ohnmächtiges Starren und obsessives Mauern. Entgegen allgemeinem Rat und unter Vernachlässigung von Arbeitspflichten, Sozialkontakten und Rücksicht aufs knappe Familienbudget sucht er sein Heil im Ausbau des Tornado-Schutzbunkers auf dem Grundstück vor seinem Haus. Beim dorfgemeinschaftlichen Austerngrillabend in der örtlichen Mehrzweckhalle mündet seine Absonderung in einen Eklat; er geht mit biblisch anmutender Prophezeiung ab: „Ein Sturm wird kommen, und niemand von euch ist vorbereitet!“

Wie in vielen guten Horror- und Mystery-Filmen bleibt die atmosphärische Bedrohung hier so weit in Schwebe, dass gesellschaftsbezogene Lesarten nahe liegen: Was wir an Alpträumen, Wetterkapriolen und Vogelschwarmgebilden sehen und hören, bricht unvermittelt in die working class-Alltagssoziografie ein, als ominöser Ausdruck, der dazu drängt, dass wir ihm Gründe zuweisen. Die Chancen stehen gut, dass diese Gründe in Sinnbildern bestehen wie jenen von einer düsteren Zukunft des weißen Proletariats (schwarz sind hier nur zwei Nebenfiguren, die einen wohlwollenden aber hilflosen Staat verkörpern: eine überforderte Beraterin im Gemeindezentrum und ein Notarzthelfer) oder vom Kapital, dessen Krisenlaunen wie eine Wetterfront aufwallen. Diese Vorstellungen – eben furchtmythologische Bilder einer politischen Ökonomie – sind so abgegriffen wie letztlich selbst ideologisch. Sinn und Einsicht wäre mit ihnen dann zu erzeugen, wenn sie nicht als möglicher Endpunkt einer Interpretation daherkämen, sondern einmal als ein weiter aufzuknackender (zu reflektierender) Ausgangspunkt dastünden, mit der dazu gebotenen Verbindlichkeit.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Als kritischerer Film wäre „Take Shelter“ immer noch ein spannender Mystery-Thriller (und soll das auch sein). Der Art, wie der Film Energie in die bedächtige Entfaltung seines Grusels – mehr schleichende Verunsicherung denn blanker Horror – investiert, würde das keinerlei Abbruch tun, im Gegenteil: Ausgehend von Schauspiel, Montage, Effekten und Sound Design, die in „Take Shelter“ gediegen, gemessen und stets darauf angelegt sind, dass wir in den Bildern ein unheimliches Mehr an Sinn vermuten, ließen sich die Unheilsvisionen als die wahnhafte Form einer potenziellen Erkenntnis zeichnen – eines Irrsinns, der das Zeug zur Hellsicht hat und mit milieuspezifischen Seh- und Denkweisen bricht. Allein, der Habitus, aus dem der Visionär herausfällt, wird hier kaum in Frage gestellt – nämlich der selfmade man-Individualismus und die Familienmentalität, jeweils als Ideologien der Selbstbehauptung, die ihrerseits zwar höchst normalisiert, aber nichtsdestoweniger auch Formen des 'Mauerns' sind, des Sich-Fügens ins Unvermeidliche des Wirtschaftswetters und der tradierten Ordnung.

Was der Film allerdings bietet, ist eine starke Betonung des Elends von Kommunikationsarmut, verdichtet in dem Umstand, dass die kleine Tochter der Familie gehörlos ist (globalistischer Humanitätskitsch der Sorte „Babel“ lässt leise grüßen). Aber auch seine Verbindung zwischen dem Versagen der Worte und dem Unverbindlich-Andeutungshaften der Vorahnungen hält „Take Shelter“ dann doch nicht ganz konsequent durch: Zuletzt erzeugt er eine Eindeutigkeit, die Möglichkeiten einer sozialkritischen Lesart denn auch hinwegfegt. Ohne allzuviel zu spoilen, darf – in einer Zeit, da im Horror- und Mysterygenre ohnehin ein Ende, das nicht gedoppelt ist, schon fast als Gewagtheit hervorsticht – angedeutet sein, dass der Film schließlich doch, jenseits aller Relativierung und Therapeutik, eine Auflösung findet, die als starker, zumal ehrfurchtgebietender dramaturgischer Schlussakzent befriedigt; dies jedoch um den Preis, dass sie die existenzielle Angstempfindung ganz ins New Age-Wolkige hebt.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Huhn mit Pflaumen

(F / D / B 2011, Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud)

Blätter aus dem Buch des Lebens
von Wolfgang Nierlin

„Es war einmal, es war keinmal“: So beginnen persische Märchen, sagt der Off-Erzähler des Films „Huhn mit Pflaumen“ (Poulet aux prunes), der nach „Persepolis“ neuen, zweiten Zusammenarbeit der beiden Comic-Zeichner …

„Es war einmal, es war keinmal“: So beginnen persische Märchen, sagt der Off-Erzähler des Films „Huhn mit Pflaumen“ (Poulet aux prunes), der nach „Persepolis“ neuen, zweiten Zusammenarbeit der beiden Comic-Zeichner Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud. Doch dieses Mal haben sie aus der gleichnamigen Comic-Vorlage einen ganz zauberhaft-romantischen Realfilm in Cinemascope gemacht. Ihrem angestammten Metier, also ihrer Lust am Fabulieren und Phantasieren sowie ihrem Talent, ganz eigene imaginäre Räume zu gestalten, sind sie aber treu geblieben. Schon der gezeichnete Vorspann mit seinen Ranken aus Pflanzen und Ästen, eine animierte Traumsequenz im letzten Drittel des Films, die gemalten, teils expressionistisch wirkenden Kulissen der im Studio Babelsberg entstandenen Produktion oder auch der ständige, von Erinnerungen geleitete Wechsel der Zeitebenen zeigen an, dass wir uns hier in einem Reich der Phantasie befinden. Für Satrapi ist das Medium Film „ein Mittel der Erkundung des Imaginären“. Demgemäß wechselt „Huhn mit Pflaumen“ ständig Stimmungen und Stile, ist mal witzig und humorvoll, dann wieder melancholisch und traurig.

Im noch weltoffenen Teheran des Jahres 1958 – Marjane Satrapi hat sich wiederum von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen – ist der Geigenvirtuose Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric) in einer unheilbaren Schwermut gefangen. Bei einem heftigen Ehekrach hat seine Frau Faringuisse (Maria de Medeiros) die wertvolle, vom Lehrer seines Lehrers geerbte Violine zerschlagen. Die verzweifelten Versuche, ein neues, adäquates Instrument zu finden, scheitern. Weil für Nasser-Ali die Kunst und das vom Leben erfüllte Mittel ihrer Realisierung untrennbar verbunden sind, wird aus dem schmerzlichen Verlust ein existentieller Schmerz. Der melancholisch veranlagte Künstler beschließt zu sterben und entscheidet sich schließlich, von diversen Selbstmordphantasien abgeschreckt, in Würde dem Leben zu entsagen und im Bett auf den Tod zu warten, als wolle er sich damit gegen sein eigenes Schicksal stemmen.

Damit beginnt eine Zeit der Erinnerung und der Reflexion. Wie Blätter aus dem Buch des Lebens vergegenwärtigen Satrapi und Paronnaud in einzelnen Episoden, die kunstvoll ineinander verwoben sind, Nasser-Ali Khans wichtigsten Lebensstationen. Kunst und Liebe bilden auf diesem Weg eine unauflösbare Einheit. Denn erst als sich der Geigenschüler unsterblich in die wunderschöne Irâne (Golshifteh Farahani) verliebt, gewinnt sein technisch perfektes Spiel eine Seele; und nur das Leiden am versagen Liebesglück, das am Realitätssinn von Irânes Vater zerbricht, erzeugt schließlich jenen „Seufzer“, den, so Nasser-Alis Lehrer, jede wahre Kunst einfängt. Die Musik des Geigers wird also ebenso vom Verlorenen genährt wie sie andererseits immer wieder an dieses erinnert. „Durch die Kunst begreifen wir das Leben“, wird in einem von Nasser-Alis Fieberträumen einmal dem sterbenden Sokrates in den Mund gelegt. So wird durch den Verlust der Violine nicht nur das Band der Erinnerung durchschnitten, sondern der Künstler zugleich jenes Mediums beraubt, das als Therapeutikum der Seele wirkt. Was für Nasser-Ali schließlich bleibt, ist – um mit Faulkner zu sprechen – die Wahl zwischen „grief and nothing“, also zwischen leidvollem Kummer und Tod.

Die Passion der Jungfrau von Orléans

(F 1928, Regie: Carl Theodor Dreyer)

Endlich verfügbar!
von Siegfried König

Welches künstlerische Potential der Stummfilm bot, weiß erst, wer Carl Theodor Dreyers „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ gesehen hat. Im Ausreizen filmischer Möglichkeiten ist dieses Werk Klassikern wie „Panzerkreuzer …

Welches künstlerische Potential der Stummfilm bot, weiß erst, wer Carl Theodor Dreyers „Die Passion der Jungfrau von Orléans“ gesehen hat. Im Ausreizen filmischer Möglichkeiten ist dieses Werk Klassikern wie „Panzerkreuzer Potemkin“ oder „Sunrise“ auf jeden Fall ebenbürtig. Seit dem 16. Februar 2012 anlässlich des 600. Geburtstages von Jeanne d‘Arc, ist in der Reihe Arthaus Premium endlich eine deutsche DVD-Ausgabe dieses Meilensteins der Filmgeschichte verfügbar.

Zum Film:
Dreyers Film beginnt mit einer dokumentarischen Einleitung. Dem Zuschauer werden die Akten des Prozesses gezeigt, der auf Betreiben der Engländer 1431 in Rouen gegen die gefangene Jeanne d’Arc geführt wurde. In diesen Akten sei die wahre Jeanne d’Arc zu entdecken, verkündet eine Texttafel, nicht als Kämpferin mit Helm und Rüstung, sondern einfach und menschlich. Fast drei Viertel des Films zeigen die Befragung Jeanne d’Arcs durch ihre Richter. Im letzten Viertel beschleunigt sich die Handlung, um mit Jeannes Feuertod und der gleichzeitigen Niederschlagung eines Volksaufstandes seinen Höhepunkt und Abschluss zu finden.

Der Film ist einer strengen Authentizität verpflichtet. Die Texte der Zwischentitel sind wörtlich den Prozessakten entnommen und die Kostüme sind so echt wie möglich. Und doch verzichtet der Film auf jegliches Kolorit eines Historienfilms. Mit strenger Askese beschränkt Dreyer sich auf sein einziges Thema: Er führt das Mädchen Jeanne in all seiner Angst und Hoffnung, in seiner Seelenpein und Verzweiflung vor. Und er zeigt, wie Jeanne in ihrem Leiden und durch ihr Leiden inneren Frieden und Größe findet, und zwar in dem Augenblick als sie ihr Schicksal, ihren Tod akzeptiert. Der Film hat damit ein explizit religiöses Thema und Dreyer nimmt diese Religiosität ernst, absolut ernst. Trotz aller Eindringlichkeit der Darstellung gelingt es ihm aber, falsches Pathos und Sentimentalität zu vermeiden. Und trotz aller Religiosität ist die „Passion der Jungfrau von Orléans“ kein frömmelnder Film, sondern ein Film über die leidende menschliche Kreatur, die in ihrem Leiden und in ihrer Erniedrigung eine menschliche Größe gewinnt, die sie letztlich über ihre Peiniger siegen lässt.

Dreyer erreicht diese Wirkung durch die radikale Art seiner Darstellung. Sein bevorzugtes Mittel ist die Großaufnahme menschlicher Gesichter. „Nichts in der Welt ist dem menschlichen Gesicht vergleichbar“, sagt Dreyer. „Es ist ein Land, das zu erforschen man niemals müde wird.“ Die Kamera zeigt ungeschminkte Gesichter, die oftmals den ganzen Bildschirm ausfüllen. Nicht selten sind es gar nur Augen oder nur Münder, die im Bild zu sehen sind. Doch werden auf diese Weise äußerst eindringlich die Gefühle und Gedanken der Menschen vermittelt, paradoxer Weise sogar eindringlicher als es durch den Ton geschehen könnte. Dreyer suchte seine Darsteller nach ihren Gesichtern aus, er wollte jeweils das Gesicht, das einer Rolle voll und ganz entsprach. So fand er auf einer Boulevardbühne in Paris, die völlig unbekannte Maria Falconetti, die für ihn die ideale Verkörperung Jeanne d’Arcs war. Es sollte dies die einzige Filmrolle Falconettis bleiben.

Noch etwas wird durch diese Art der Darstellung erreicht: Es wird jegliche Distanz übersprungen. Wir schauen nicht einem historischen Prozess zu, wir befinden uns mitten drinnen. Dies wird dadurch verstärkt, dass es im ganzen Film, so gut wie keine Totalen gibt. Wir sehen nie die handelnden Personen im räumlichen Zusammenhang, sondern die Personen rücken uns ganz nahe. Und nicht selten entsteht der Eindruck, sie würden gleichsam von allen Seiten auf uns eindringen. Wir sehen in rascher Folge die Gesichter der Theologen, lauernd, höhnisch, drohend, wie sie erwarten, dass Jeanne eine falsche Antwort gibt, sich in den Fallstricken ihrer scholastischen Absurditäten verfängt. Und wir sehen Jeanne, ihre großen Augen, die angstvoll aufgerissen sind oder ihre stumme Qual. Die innersten Regungen der Personen werden mit ihrer Mimik und Gestik vermittelt. Es ist diese Art der Darstellung Dreyers, ein Stil, den nach ihm niemand mehr mit solcher Konsequenz verwirklichte, was dem Film seine Unverwechselbarkeit verleiht. Dieser Film wirkt wie ein historisches Dokument aus einer Epoche, in der das Kino noch nicht existierte, sagte Jean Cocteau.

Die Richter werden meist in Untersicht gefilmt und gewinnen so zusätzliche Bedrohung, etwa in einer Szene, wo wir Gesicht für Gesicht eine Reihe von Richtern sehen, die sich etwas zuflüstern, eine Szene die gegengeschnitten wird mit Jeannes angstvollen Blicken. Jeanne wird häufig von oben gesehen oder mit schief geneigtem Kopf. Sie ist das Opfer, das einer erdrückenden Übermacht intriganter Theologen gegenübersteht. Es gelingt Dreyer diesen Gegensatz ganz deutlich zu vermitteln: Auf der einen Seite die Ankläger, denen es bei aller vorgeblichen Frömmigkeit und Kirchentreue doch nur um eine Frage der Macht geht. Wir sehen ihre lauernden Blicke und erahnen ihre ständigen Hintergedanken. Auf der anderen Seite Jeanne, deren Person jederzeit absolut aufrichtig wirkt. Sie glaubt, was sie sagt und sie sagt, was sie glaubt. Bei der Befragung wird ihre Gewissennot deutlich. Ob sie sicher glaubt im Stand der Gnade zu sein und die Kirche zu ihrer Erlösung nicht zu brauchen, lautet eine Frage. Ob sie so wie Jesus der Sohn, die Tochter Gottes sei, lautet eine andere. Und von der Beantwortung dieser Fragen hängt ihr Leben ab. Doch nie versucht sie zu taktieren. Und so bejaht sie: ja sie ist die Tochter Gottes. Sie bleibt gegenüber allen Drohungen standhaft, auch als man sie in die Folterkammer führt und als man ihr die Hostie verweigert, was für sie schlimmer als Folter ist. Auf die Drohung, sie werde in der Ewigkeit allein bleiben antwortet sie: Ja, alleine … alleine mit Gott“.

Die Formulierung „Tochter Gottes“ ist programmatisch für den Film. Dreyer baut eine Vielzahl von Parallelen zu Christus ein. Sie steht vor einem Scheingericht wie Jesus und sie weigert sich allen Qualen zum Trotz, ihren Anspruch aufzugeben, genauso wie Jesus. In den Prozesspausen wird sie von den Wächtern verspottet und diese setzen ihr eine geflochtene Krone auf und drücken ihr ein Quasi-Szepter in die Hand. Und immer wieder filmt die Kamera sie mit leicht schief geneigtem Kopf, so wie Christus in Kreuzigungsdarstellungen erscheint.

Noch einmal baut Dreyer ein retardierendes Moment ein, nur um die Unbedingtheit Jeannes anschließend um so deutlicher herauszuheben. Aus Angst vor dem Feuertod unterschreibt sie endlich das gewünschte Dokument und rettet damit ihr Leben. Sie tut dies nicht aus Überzeugung sondern fast wie schlafwandlerisch und bei der Unterschrift wird ihr von einem Priester die Hand geführt. In der gleichen träumerischen Haltung bleibt sie sitzen, während man ihr die Haare schert, bis sie plötzlich nochmals nach den Richtern verlangt, um ihre Unterschrift zu widerrufen. „Ich habe Gott verleugnet, um mein Leben zu retten“. Jetzt aber hat sie ihre Entscheidung getroffen. Sie akzeptiert ihren Tod. Ein junger Priester, der einzige, der ihr wohlgesonnen war, fragt sie, was jetzt der große Sieg sei von dem sie gesprochen hatte, und sie antwortet: „Mein Martyrium“. Ihr Tod, ihr Selbstopfer, das ist ihr Sieg. Bei der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zieht Dreyer nochmals ganz deutlich die Parallele zu Christus. Am Pfahl, an den sie angebunden wird, ist oben eine Inschrift angebracht und als sie festgebunden ist und das Feuer zu brennen beginnt, fragt sie „Werde ich heute Abend bei dir im Paradies sein?“ Vor dem Scheiterhaufen hat sich eine Menge Volk versammelt und schaut ihrer Todesagonie zu. Jeanne stirbt mit dem Ruf „Jesus!“. Und aus der Menge des Volkes ertönt der Ruf: „Ihr habt eine Heilige verbrannt“. Der Aufstand, der damit beginnt, wird von den Engländern grausam niedergeknüppelt und kostet viele Menschen das Leben.

Dreyer verzichtet in seinem Film auf viele Möglichkeiten, die der Stoff geboten hätte, und die von späteren Versionen auch ausgiebig genutzt wurden. Es gibt keine Schlachten zu sehen, keine Jeanne d’Arc, die dem französischen Heer voran zieht, es gibt keine Engelserscheinungen in der Zelle und auch keine patriotischen Töne bei der Verfilmung der Nationalheiligen, was das zeitgenössische französische Publikum enttäuschte. Doch gerade durch diese Selbstbeschränkung gewinnt der Film seine Intensität. Obwohl der Film sich streng an die historischen Fakten hält, weist er durch die strikte Konzentration auf die angeklagte Jeanne über ein spezielles historisches Ereignis hinaus und Jeanne wird so zum Archetyp der hingerichteten Unschuld schlechthin, die durch ihre Aufrichtigkeit im Angesicht des Todes ihre Henker desavouiert.

Zur DVD:
Die Arthaus Premium Edition von Studio Canal umfasst zwei DVDs und ein 16seitiges Booklet. Der Film ist mit 97 Minuten um fast 15 Minuten länger als die Fassung der Criterion-Collection. Dieser Zuwachs ergibt sich jedoch daraus, dass der Film mit 20 Bildern pro Sekunde abgespielt wird, statt mit 24 Bildern wie bei der Criterion-Ausgabe. Bei dieser langsameren Geschwindigkeit, die auch bei Kinovorführungen, z.B. im Filmmuseum München verwendet wird, wirken die Bewegungsabläufe allerdings natürlicher. Die originalen Zwischentitel in Französisch werden deutsch untertitelt. Die Arthaus Premium Edition enthält eine neu eingespielte Klaviermusik von Joachim Bärenz, die weit weniger pathetisch wirkt als das Oratorium 'Voices of light“ von Richard Einhorn, das die Criterion Edition verwendet. Auf der zweiten DVD bietet Arthaus ein umfangreiches Bonusmaterial: Die Dokumentation „Carl Theodor Dreyer – Mein Metier“, ein Interview mit Helene Falconetti, der Tochter der Hauptdarstellerin, und die Dokumentation „Wer war Johanna von Orléans“.

Shame

(GB 2011, Regie: Steve McQueen)

Leider geil
von Drehli Robnik

Brandon ist ein gut gebauter Mittdreißiger und Teil der burschikosen Belegschaft eines New Yorker IT-Unternehmens. Sein Leben gilt ganz dem gierigen Konsum von Sex: ob online, mit Callgirls oder Aufrisspartnerinnen …

Brandon ist ein gut gebauter Mittdreißiger und Teil der burschikosen Belegschaft eines New Yorker IT-Unternehmens. Sein Leben gilt ganz dem gierigen Konsum von Sex: ob online, mit Callgirls oder Aufrisspartnerinnen aus Nachtlokalen, onanierend im Personal-WC oder daheim im Badezimmer, am Ende gar gay in einem Darkroom.

Dieser im Dauerorgasmus unter mönchisch anmutender Selbstkontrolle erlebte Alltag wird gestört: Brandons leichtlebige, anhängliche Schwester Sissy taucht auf, ohne Job und Bleibe, dafür mit lustigen Neo-Hippie-Klamotten und spielerischen Suizidneigungen; sie zieht zu ihm in seine schicke Wohnung, malträtiert sein Rauchtischchen und seine Seventies-Disco-Schallplatten, nimmt ihm die Abgeschiedenheit, die er braucht, um schamlos kommen zu können. Doch im Leben geht‘s oft her wie in einem Film von – Robert, Bresson nämlich (um Tocotronic zu paraphrasieren): Als entstammte Brandon dem Bresson-Film 'Pickpocket', den zwei sorgsam choreografierte U-Bahn-Augensex-Szenen zitieren (oder Paul Schraders 'Pickpocket'-Remake 'American Gigolo', dessen stylishe Anmutung in Sachen Verzweiflungssex hier als Permanenzfluidum präsent ist), tut sich in der Konfrontation mit Sissy eine Erlösungshoffnung auf – die Chance, dass dieser automatisierte Leib eine Art Gnade erfahren könnte.

Aber abgesehen von filmhistorischen Binnenbezügen und in Übergehung des naheliegenden kleinbürgerlich-hämischen Witzes, Brandons Sorgen, den ganzen Tag mit attraktiven Gespielinnen rummachen zu müssen, hätten wir gerne: Der Mann leidet. Er leidet an Sexsucht, und diese Krankheit gibt es wirklich. Eine Kulturkrankheit, sozial fabrizierter psychophysischer Zustand, zweifellos; die bei jedem Fall dieser Art, von Hysterie über narzisstische Störungen bis hin zum Burnout-Phänomen, gegebene Möglichkeit, entsprechende Symptome und Umgangsformen existenziell bis sozialdiagnostisch aufzuladen, nutzt der Film reichlich.

Audiovisuelle Montagen aus Uhrenticken, Anrufbeantworterstimmen und J.S. Bach-Klavier, Leitmotive rund um prekäre Innen-Außen-Grenzen in einem von Glasscheiben und Eisregen geprägten Stadtambiente, Entblößungen von Körpern und Gesichtern in attraktiver Präsenz, mal lapidar, mal ostentativ, stets streng kalkuliert: Hier wird ein Panorama von Leere, Einsamkeit und Entfremdung virtuos zelebriert. Wenn Brandon sein hard-on zur brand wird, gerät alles zur Suche nach Sinn. Oder sich. Oder Sex. Oder so.

'Zynismus wird zur Ehrfurcht,' heißt es eingangs in einem Motivationsmonolog von Brandons kindischem Chef vor bruderhordenhaft versammelter Büromannschaft, und zwei Nachtclubszenen später wird ebendies anhand der zerdehnten Gesangsdarbietung von 'New York, New York' durch Sister Sissy in endloser Großaufnahme durchexerziert: Der unerschütterliche Brandon weint kurz und in verschämter Rührung, auch wir sind bewegt (und klicken die entsprechende Szene demnächst millionenfach auf Youtube); Brandons Boss – Familienvater und Dampfplauderer – begleitet Sissy zum Quickie nach Hause und bekräftigt damit seine Rollenfunktion als das in seiner eitlen Geschwätzigkeit und unbeholfenen Aufreißerattitüde realitätstüchtigere (zynische) Pendant zu Brandon; der hat sich in einer Düstervariante von Existenzästhetik zum Grenzgänger mit Doppelleben geformt, geiles Fleisch aus Stein, das sich eine Herzensbindung nicht leisten kann.

Allerdings macht es der Film sich und uns immerhin nicht so leicht, den Loner, der keine Nähe duldet, als gänzlich gefühllosen Unsympathler zu zeichnen. Brandon hält durchaus mal einer Nachbarin die Haustür auf; und die zaghaft keimende (eben nicht gleich per Paarungsakt 'konsumierte') Romanze mit einer Arbeitskollegin, samt detailreich beobachteter Befangenheit beim fancy Dinner in plansequenter Inszenierung, sowie der Meinungsaustausch pro und contra fixe Beziehung und die entspannenden Witzeleien am Ende des Dates, das zeichnet sich ob seines unprätentiösen Verlaufs im doppelten Sinn wie ein Hoffnungsschimmer der Erlösung in diesem Film ab. (Exemplarisch dafür der Scherzdialog rund um das Neandertaler-Knochenrelikt an Brandons Nacken, der eben einfach so als selbstreflexiver Witz eines bildungsprivilegierten Großstadtmännchens im Raum des schlendernden Gesprächs stehen bleiben kann, ohne Mehrwert an existenzieller Einsicht realisieren zu müssen.)

Jedoch: Spätestens wenn Brandon beim Mittagspausensexausflug mit der womöglich doch ernstlich geliebten Frau (toll gespielt von Nicole Beharie) in einem vollverglasten Designerhotelzimmer ein Impotenzerlebnis hat, das er gleich darauf vor Ort durch die Dienste eines Callgirls besänftigt, stellt sich jene Ehrfurcht wieder ein, die die Sozialpathologie-Inszenierung dieses Films gegenüber der Tiefgründigkeit ihrer eigenen Vergletscherungsmetaphern hegt. In Sachen Ausmalen des Leblosen im Gelebten kann man 'Shame' nicht vorwerfen, hier würde sich jemand nicht um viel Deutlichkeit und Bedeutsamkeit bemühen. Neues ist da an der Front bildförmiger Authentizitätsbesorgtheit allerdings nicht zu erfahren, und das kunstvolle Umkippen von verdinglichter Sinneslust in blutleere Vanitas gerät, wie denn auch anders, seinerseits zum Augenschmaus.

Mit 'Shame' legt der von Turner Prize-prämierter Installationskunst her kommende britische Regisseur Steve McQueen einen Komplementärfilm zu seinem IRA-Gefängnis-Hungerstreikkreuzwegsschocker 'Hunger' aus dem Jahr 2008 vor. Auch 'Shame' bietet plansequente Dialoge in packender Länge, breitet tägliche Exerzitien einer anderen Art von Selbstmarterung aus, komponiert Aufbahrungsszenen mit schönen Bleichen als Pietà oder auf (Plakatsujet gewordenen) Laken, die hier, anders als in 'Hunger', nur im Sinn einer schamhaften Imagination befleckt sind. Als Unbeirrter, der seinen Weg geht (und abermals dauerläuft), beeindruckt nach seiner Rolle als IRA-Suizid-Mönch ein nach wie vor extrem drahtiger – und beim Filmfestival in Venedig ausgezeichneter – Michael Fassbender. Carey Mulligan als Sissy gibt – wie in 'Drive', dem anderen (sympathischeren) Existenzritual-Hipsterfilm der Saison – die attraktiv leidende Naive, die einen feschen Einzelgänger und Routinier aus der Bahn zu ziehen droht.

Putty Hill

(USA 2010, Regie: Matthew Porterfield)

Die Unschärfe überwinden
von Michael Schleeh

Irgendwo in den Vororten Baltimores, die von der Putty Hill Avenue zerschnitten werden, stirbt der vierundzwanzigjährige Cory an einer Überdosis Heroin. In einem leeren Haus, in dem sich nur alte …

Irgendwo in den Vororten Baltimores, die von der Putty Hill Avenue zerschnitten werden, stirbt der vierundzwanzigjährige Cory an einer Überdosis Heroin. In einem leeren Haus, in dem sich nur alte Zeitungen und ein Skateboard finden lassen. Ein Ort, der ein Niemandsland ist, dem jede Individualität abgeht. Wie Cory darin gelebt haben mag, einer, mit einer kaputten Biographie und einem Hang zur Selbstzerstörung, ist für niemanden vorstellbar. Corys Lebensumstände in den letzten Wochen verschwinden bereits in der Unschärfe der Vergangenheit. Und die Farben der Nacht sind nur noch verschwommen oszillierende Lichtpunkte, als Corys Schwester und ihre Freundin am Ende des Films von seinem letzten Aufenthaltsort davonfahren. Musik setzt ein.

„Putty Hill“ ist ein Independentfilm, der ansonsten völlig ohne Musik auskommt. Es ist ein fiktionaler Dokumentarfilm über die Hinterbliebenen eines Toten, seine Freunde und Angehörigen (gespielt von Laiendarstellern), die sich zu dessen Begräbnis einfinden. In langen Einstellungen werden mit Fragen aus dem Off Interviews geführt; die Schauplätze einer Jugend werden abgeschritten – der Skatepark, der Wald, die Badestelle am Fluss – um auf diese Weise einer Figur näher zu kommen, die anscheinend alle Personen des Films aus den Augen verloren haben. Um dieses Bild von ihm wieder scharf zu kriegen, oder zumindest: schärfer.

Im Gegensatz zu Porterfields früherem Film „Hamilton“ (2006), der in ruhigen, manchmal überlangen Einstellungen von einer jungen Familie und deren alltäglichen Verrichtungen und üblichen Spannungen zwischen den Personen an zwei Sommertagen in einem ruralen Vorort von Baltimore erzählt, ist „Putty Hill“ schneller geschnitten, abwechslungs- und facettenreicher. Durch die Gespräche mit einer Vielzahl an Personen aus den unterschiedlichsten Bezugsräumen ergibt sich sukzessive die spannende Konkretisierung eines Charakters, der sich bis dahin in seinen Unschärfen verlor. Jedoch gelingt es nie, die Persönlichkeit Corys eindeutig zu erfassen; Die Konturen bleiben diffus – wie seine Lebensumstände. So fallen die Aussagen der Interviewten zumeist auf sie selbst zurück und formen derart ein Panorama der Umgebung, ein soziales Koordinatensystem, das sich – auch in Bezug auf die Orte der Interviews – auf einer Straßenkarte abschreiten ließe: Film als soziale Landkarte.

„Putty Hill“ erzählt von einer Leerstelle, die als Gravitationspunkt des Films zum Zentrum der Protagonisten wird. Aus der Peripherie kommen sie zum Begräbnis zusammen, die Freunde und Kumpels, die zerbrochenen Familien ohne Vaterfiguren und berichten von einem Jungen namens Cory, der nur noch als fragmentarische Erinnerung auftaucht. Wenn also schließlich die Musik aus ist und das Bier alle, dann wird sich diese Gemeinschaft wieder in alle Winde zerstreuen, in ihre eigenen Leben und in ein trostloses Amerika hinaus, das den american dream schon längst ausgeträumt hat.

„Putty Hill“ ist bei Revolver / Filmgalerie 451 als DVD erschienen und bietet neben dem Hauptfilm noch das Debut „Hamilton“ (2006, 65 min). Der Film ist im Originalton und hat ausgezeichnete zuschaltbare deutsche Untertitel.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Viva Riva

(KON / F / BEL 2010, Regie: Djo Tunda wa Munga)

Gangsterballade aus Kinshasa
von Harald Mühlbeyer

Kriminalität und das große Geld, Partys und schöne Frauen, Sex und Gier, Rache und Gewalt, der Antagonismus zwischen einem kleinen Überlebenskünstler und dem Großgangster, die Begehrenswerte, die zwischen ihnen steht, …

Kriminalität und das große Geld, Partys und schöne Frauen, Sex und Gier, Rache und Gewalt, der Antagonismus zwischen einem kleinen Überlebenskünstler und dem Großgangster, die Begehrenswerte, die zwischen ihnen steht, die Gangster im Hintergrund und die Soldateska als korrupte Ordnungsmacht: daraus braut Regisseur Djo Tunda wa Munga sein fiebriges, spannendes Stück aus dem Tollhaus Kinshasa, einen afrikanischen Gangsterfilm, der so schön straightes Genrekino ist, dass sich ein wie auch immer gearteter ethnographischer Afrikakennenlern-Folkloreblick von außen grundsätzlich verbietet.

Eine Bande Angolaner durchkämmt ganz Kinshasa nach der Titelfigur Riva, der ihnen eine große Ladung wertvolles Benzin geklaut hat – Treibstoff ist teuer und wird auf dem Schwarzmarkt zu Höchstpreisen gehandelt. Riva wiederum hat sich mit dem Lokalgangster angelegt, dessen Freundin Nora er heftig begehrt. Es folgt ein Reigen von Gewalttaten, von Einschüchterungen, Erpressungen, von Verrat, auch von Begehren, Sex, Liebe: ein lupenreiner Gangsterfilm mit blutigem Finale, mit Schießereien in labyrinthischen Mauern und explosivem Zank um das kostbare Nass für den Tank.

Da geht es immer schön zur Sache, das macht den Film spannend. Das männlich-dominante Verbrechergehabe haben die Figuren sowieso drauf, und der elegante Gangsterboss in weißem Anzug und mit Spitzbart, der hat echt Stil. Wie er gekonnt Leute foltern lässt, über Leichen geht, um an Riva ranzukommen … Gottseidank hat’s (fast) jeder verdient. Den weißen Gangster kann man sich übrigens auch von Snoop Dogg gespielt vorstellen; Riva von einem frechen, hallodrihaften Will Smith.

Der Schnee am Kilimandscharo

(F 2011, Regie: Robert Guédiguian )

Solidarität und Menschlichkeit
von Wolfgang Nierlin

Als handle es sich um eine Lotterie, zieht der Gewerkschaftsvertreter Michel Marteron (Jean-Pierre Darroussin) im Auftrag der Betriebsleitung die Zettel mit den Namen derjenigen Hafenarbeiter aus einer Kiste, die entlassen …

Als handle es sich um eine Lotterie, zieht der Gewerkschaftsvertreter Michel Marteron (Jean-Pierre Darroussin) im Auftrag der Betriebsleitung die Zettel mit den Namen derjenigen Hafenarbeiter aus einer Kiste, die entlassen werden sollen. Zur Rettung der Marseiller Werft sei dies unvermeidlich; und weil man in der französischen Gewerkschaft CGT noch an die unzeitgemäß gewordenen Ideale von Gleichheit und Solidarität glaubt, delegiert man das individuelle Schicksal ohne Ansehung der Person an den Zufall. Dass es dabei den Gewerkschafter selbst trifft, darf man durchaus als Ironie verstehen. Beim jungen Christophe (Grégoire Leprince-Ringuet), der bald darauf zum Antipoden Michels wird, markiert die soziale Not allerdings einen entscheidenden Unterschied.

In Robert Guédiguians neuem Film „Der Schnee am Kilimandscharo“ prallen diese zwei Perspektiven aufeinander und treiben einen Keil ins scheinbar sicher gefügte Zusammengehörigkeitsgefühl der Arbeiterschaft. Während der arbeitslose Michel von seiner Familie, einer intakten sozialen Gemeinschaft und nicht zuletzt durch wirtschaftliche Rücklagen aufgefangen wird, ist Christophe auf sich allein gestellt. Er muss seine zwei kleinen Brüder versorgen und hat kein Geld. Also wird er zum Dieb; und sein Opfer ist ausgerechnet Michel.

Guédiguian nutzt die sich daraus ergebenden Gewissenskonflikte für eine Ausdifferenzierung des sozialen Bewusstseins. Plötzlich sieht sich der alte Klassenkämpfer in Selbstzweifel verstrickt und empfindet sich als Bourgeois, während Christophe zum anklagenden Anwalt der Unterdrückten wird. Raffiniert und detailgenau entwickelt Guédiguian einen komplexen Konflikt und bleibt dabei als bekennender Linker auf fast märchenhafte Weise seinen alten Idealen treu, indem er ebenso versähnlich wie humorvoll den menschlichen Zusammenhalt der Arbeiterklasse, ihre Hilfsbereitschaft und Milieutreue beschwört.

Stirb langsam 4.0

(USA 2007, Regie: Len Wiseman)

Body Rock
von Oliver Nöding

Die Anziehungskraft des Actionfilms auf den Zuschauer gründet sich im Verzicht des Protagonisten auf übermäßige Kontemplation, in seinem kurz entschlossenen, beherzten Sprung in die Aktion: Der Held agiert, während der …

Die Anziehungskraft des Actionfilms auf den Zuschauer gründet sich im Verzicht des Protagonisten auf übermäßige Kontemplation, in seinem kurz entschlossenen, beherzten Sprung in die Aktion: Der Held agiert, während der Zuschauer passiv ist. Von der postmodernen Krise und der mit dieser um sich greifenden Passivität ist aber auch der Actionheld nicht verschont worden: Auch Rambo war von der Erkenntnis, dass seine Auftraggeber nur ihre Sache im Sinn hatten und sich einen Dreck um die Moral scherten, nicht gefeit. In seinem bislang letzten Einsatz lässt sich seine Philosophie deshalb auch so paraphrasieren: Geh nach Hause, du kannst den Lauf der Dinge nicht verändern. Die Aktion, die der Actionfilm feiern möchte, ist anrüchig geworden. Wer sich für die eine Sache einsetzt, muss damit rechnen, einer ganz anderen zum Sieg zu verhelfen. Besser also, man bleibt zu Hause. Es ist eh alles egal. Wenn aber die Passivität gewonnen hat, was wird dann aus dem Actionhelden?

Len Wiseman gelingt es mit 'Stirb langsam 4.0', diese innere Krise des Actionfilms in einer zeitgenössische Ängste thematisierenden Story auf die Inhaltsebene zu heben. Wenn er den Actionhelden vielleicht auch nicht endgültig rettet, so konsolidiert er doch dessen Bedeutung als entschlossener Macher in einer Welt des Zauderns und Zögerns. Beherrschendes Thema von Wisemans Film ist logischerweise die Ohnmacht: Dem Oberschurken Thomas Gabriel ist es mithilfe unzähliger kleiner Hacker gelungen, einen „Fire Sale“ durchzuführen und die Vereinigten Staaten ins absolute Chaos zu stürzen. Sämtliche computergesteuerten Systeme befinden sich in seiner Gewalt, der Staat ist ihm hilflos ausgeliefert. Der Einzige, der sich anschickt, seinen Plan zu durchkreuzen, ist John McClane (Bruce Willis), der wieder einmal „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ist und wider Willen in Aktion treten muss. Doch halt: Allzu widerwillig ist John McClane in dieser dritten Fortsetzung von McTiernans Endachtziger-Actionklassiker 'Stirb langsam' gar nicht. Relativ schnell ergreift er die Initiative und es scheint so, als habe er die Action in all den Jahren der Abwesenheit vermisst (die lange Pause zwischen 'Stirb langsam – Jetzt erst recht!' und 'Stirb langsam 4.0' wird auch in der Diegese verortet). So wird ein Zug an ihm stärker betont, der schon in den Vorgängern implizit war: McClane ist ein Verrückter, der es insgeheim liebt, sich in Lebensgefahr zu begeben, Autos zu Schrott zu fahren, bad guys umzunieten und Dinge in die Luft zu jagen. Dem asketischen Professionalismus eines John Rambo, Scott McCoy ('Delta Force') oder John Matrix ('Phantom Kommando') setzt er unbändige Kreativität, ein Übermaß an Lebensmüdigkeit und kindliche Zerstörungswut entgegen und spiegelt so all die unerfüllten Wünsche und Bedürfnisse seines Publikums. Nachdem er sich wieder einmal auf originelle Art und Weise eines Schurken entledigt hat und sein Sidekick, der Computerhacker Matt Farrell (Justin Long), ihn ent- und begeistert fragt „Did you see that?!“, antwortet McClane nur euphorisiert: „Yeah I saw it, I did it!“ und bringt die Dichotomie von Zuschauer und Actionheld auf den Punkt. Immer wieder entfährt ihm ein freudig-erregtes Glucksen, wenn er sich um Haaresbreite aus einer tödlichen Situation befreit, ein Laut der ungläubigen Freude, wenn er sich in einem übermenschlichen Kraft- und Willensakt eines Feindes entledigt hat. Seine Tollkühnheit erreicht zum Showdown ihren Höhepunkt, als er sich selbst erschießt, um damit seinen Gegner zu besiegen, der hinter ihm steht. McClanes Körperlichkeit geht über den eigenen Körper hinaus.

Und sie wird besonders betont, weil sein Widerpart ein reiner Kopfmensch ist. Gabriel befindet sich während des ganzen Films in seiner Kommandozentrale, in der er die zu erledigenden Aufgaben delegiert, die korrekte Ausführung seiner Aufträge nur überwacht. Er macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, ist Vertreter einer Welt, in der man sich nicht mehr physisch betätigen muss, um etwas zu leisten. Gabriel ist ein Schreibtischtäter, ein Programmierer, der sich kaum von den Computer-Geeks Matt Farrell oder dem „Warlock“ (Kevin Smith), der zwar einen legendären Ruf in der Hackergemeinde genießt, aber noch mit Ende 30 bei seiner Mama lebt, unterscheidet und dessen Errungenschaften eher virtueller Natur sind. Sein Akt des Terrors ist dann auch nicht die Sprengung eines Gebäudes oder der Überfall auf eine Bank: „Everything I’ve broken can be fixed.“ Letztlich ist es der Kollateralschaden, den er verursacht, mit dem der den Zorn McClanes auf sich zieht. Doch dieser ist noch unvermeidlich: Thomas Gabriel braucht die Killer, die die Drecksarbeit für ihn machen, auch er kann sich nicht vollständig auf eine virtuelle Ebene zurückziehen. Und so ist auch ein Held alter Schule wie John McClane noch nicht überkommen. Gabriel muss letztlich mit seinem Körper für die Verbrechen bezahlen, die sein Hirn erdacht hat. Und McClane bringt ihm die Rechnung.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Prince of the City

(USA 1981, Regie: Sidney Lumet)

Der große Verrat
von Oliver Nöding

1. Mit seinen Kollegen sitzt der Drogenfahnder der New Yorker Spezialeinheit SIU Danny Ciello (Treat Williams) im Garten des Hauses seiner Eltern. Sie trinken Bier, sie lachen, feiern sich und …

1. Mit seinen Kollegen sitzt der Drogenfahnder der New Yorker Spezialeinheit SIU Danny Ciello (Treat Williams) im Garten des Hauses seiner Eltern. Sie trinken Bier, sie lachen, feiern sich und ihre Erfolge. Aber Dannys Bruder, ein Drogensüchtiger, verdirbt die Stimmung: „Ihr seid auch nur Gauner wie die Mafia mit euren dicken Uhren und den schicken Anzügen!“ Danny wählt die einfachste Lösung des Konflikts: Er schlägt den schwächeren Bruder zusammen. Und bestätigt sich damit vor allem selbst, dass dieser im Recht ist.

2. Als Danny die Absolution bei den Staatsanwälten eines geheimen Untersuchungsausschusses zur Aufdeckung innerbetrieblicher Korruption sucht, bricht seine ganze Verzweiflung aus ihm hervor. Er hat niemanden, außer seine Partner: Der einfache Bürger ist ihm ebenso fremd wie der Verbrecher, den er zu bekämpfen hat. Und die Justiz wiederum tut auch nichts, um ihrem ausübenden Organ zur Seite zu stehen. Danny Ciello wollte als Polizist helfen, die Gesellschaft zu schützen. Aber in Ausübung seiner Tätigkeit hat er nicht nur die Grenze zwischen Recht und Verbrechen überschritten, mit der Dienstmarke wurde er geradezu stigmatisiert, sie kennzeichnet ihn als Aussätzigen. Er ist isoliert. Und nun kappt er auch noch die letzte soziale Verbindung.

3. Danny blüht auf, als er reihenweise schmutzige Deals mit dem versteckten Tonband aufzeichnet. Der Eifer, mit dem er auch die heikelsten Treffen noch „verkabelt“ absolviert, muss als selbstmörderisch bezeichnet werden. Danny will erwischt, will für seinen Verrat bestraft werden. Eine Dienstwaffe trägt er schon gar nicht mehr. Noch hält sein Panzer der Belastung statt, nimmt seine Seele keinen sichtbaren Schaden. Aber wenn seine Gattin abends die Klebestreifen und Kabel entfernt, bleiben Brandspuren von der ausgetretenen Batteriesäure zurück. Er ersetzt ein altes Stigma durch ein neues.

4. Je kooperativer Danny ist, je mehr ehemalige Kollegen und Verbündete er verrät, umso mehr verliert er ironischerweise auch das Vertrauen derer, die ihn für ihre Zwecke benutzen. Sein Wort ist nichts mehr wert, weil er ein Verräter ist. Staatsanwalt Polito (James Tolkan) lädt einen kleinen Drogendealer zum Treffen mit Danny ein, der dem Cop unvermittelt ins Gesicht rotzt, bevor er wortlos wieder geht. „Warum lassen sie mich von einem kleinen miesen Verbrecher anspucken?“ fragt Danny hilflos, sich unter der Anspannung vor Krämpfen krümmend. Polito sitzt nur da. Er grinst schadenfroh und wartet darauf, dass die Fassade des Polizisten endlich bricht.

5. Danny hat Glück gehabt: Ein Dealer, der ihn des Meineids hätte überführen können, hat im Lügendetektor-Test versagt. Doch die Anspannung, die längst körperlich Präsenz zeigt, weicht nur für Sekunden von Danny. „Ein Schizo besteht vor dem Lügendetektor, weil er glaubt, was er sagt, auch wenn es gelogen ist. Ich versage, weil ich die Wahrheit sage, sie aber für eine Lüge halte. Ich kenne den Unterschied nicht mehr.“ Danny ist im semantischen Limbo gefangen, in einem Albtraum, der weder ein Ende kennt, noch einer von ihm durchschaubaren Logik folgt. Er kann nur noch warten und die Rolle spielen, die ihm dabei zugedacht ist. Er ist zum Verschwörer gegen sich selbst geworden.

6. Als Danny seinen Partner Gus Levy (Jerry Orbach) überreden will, auszusagen, verweigert sich dieser. Er wird nie so werden wie Danny, ein Verräter, für den er nur noch Verachtung übrig hat. Doch Danny freut sich über diese Ablehnung, über den Kampfgeist des geliebten Partners. Die alten Werte haben noch Bestand, sie waren keine Illusion, kein Traum. Sie sind noch da, werden noch vertreten. „Er ist einer von uns!“, sagt Danny über den Partner, der sich von ihm losgesagt hat. Danny ist trotz allem immer ein Cop geblieben. Sein Verrat ist damit total, weil er seine eigenen Basis untergraben hat. Seine Arbeit gegen die Korruption ist wie ein kalter Entzug. „Der Weg in die Korruption ist kaum merklich, der Weg zurück kann nur durch einen Sprung vollzogen werden“, sagt ein Anwalt. Danny hat das nicht gewusst. Oder doch?

7. Am Ende hat er es doch geschafft, der Entzug ist gelungen. Seine Partner haben Selbstmord begangen oder wurden verhaftet, ihm selbst hat sein Engagement gegen die Korruption die Haftverschonung und einen neuen Job als Ausbilder verschafft. Ein Neuanfang ist das nicht. Als er seinem Kurs vorgestellt wird, fragt einer der Schüler: „Sie sind Danny Ciello? DER Danny Ciello? Ich glaube nicht, dass ich von Ihnen etwas lernen kann.“ Er steht auf und verlässt den Raum. Dannys Blick sagt, dass er weiß, dass er seine Schuld nie ablegen wird. Er wird immer der Verräter bleiben, ein Außenseiter inmitten einer verschworenen Gemeinschaft. Sein flüchtiges Lächeln bleibt ein Rätsel. Es sagt nicht mehr als das: Danny hat es geschafft, irgendwie.

Schon einmal hat Lumet den Kampf eines Polizisten gegen die Korruption und die eigenen Leute thematisiert. In 'Serpico' wird Al Pacino in der Rolle des Einzelgängers zum Helden, zum Vorkämpfer einer moralischen Ordnung, zum Jesus von New York. So sehr er auch leiden muss, so viel er auch an Verlusten erfährt im Kampf gegen die Hydra, er feiert einen großen Triumph. 'Serpico' ist aller dunkler Seiten zum Trotz ein Traum, ein wunderschöner Traum. Die Welt kann gereinigt werden, es bedarf nur eines unnachgiebigen Idealisten. In 'Prince of the City' ist der Filz undurchdringlich, der Triumph leise, aber mit unvorstellbaren Qualen verbunden, der Held ein Lügner und Verräter. 'Prince of the City' ist die schmerzhafte Realität.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Suburbia

(USA 1983, Regie: Penelope Spheeris)

Alles muss zerstört werden
von Oliver Nöding

In einer verkommenen kalifornischen Vorstadtsiedlung leben einige jugendliche Punks in einem leerstehenden Haus, weil sie es aus verschiedenen Gründen bei den Eltern nicht mehr ausgehalten haben. Sie schlagen sich mit …

In einer verkommenen kalifornischen Vorstadtsiedlung leben einige jugendliche Punks in einem leerstehenden Haus, weil sie es aus verschiedenen Gründen bei den Eltern nicht mehr ausgehalten haben. Sie schlagen sich mit Diebstählen durchs Leben, reagieren sich abends auf Hardcore-Konzerten ab und haben keinerlei Vorstellung davon, wie sie ihr Leben in den Griff bekommen können. Der kleinbürgerlichen Nachbarschaft sind sie ein Dorn im Auge: Anstatt sich mit den Jugendlichen zu solidarisieren, sehen die nur ihre eigenen lächerlichen Besitztümer bedroht. Eine offene Auseinandersetzung bahnt sich an …

„No Future“: Das war in den frühen Achtzigerjahren der Slogan der Punkbewegung und in 'Suburbia' erhält man einen ziemlich guten Eindruck davon, woher diese Weltanschauung kam und was sie jenseits eines bloß plakativen Fatalismus bedeutete. Das einstige Vorstadtparadies des Films hat sich in einen besseren Slum verwandelt und die Elterngeneration, die mitansehen musste, wie ihr Traum vom Wohlstand den Bach runterging, ist viel zu sehr mit der eigenen Identitätskrise beschäftigt, als dass sie sich um die Erziehung des Nachwuchses kümmern könnte. Ungeliebt und aus desolaten Elternhäusern stammend ist den Jugendlichen jeder Optimismus, jede Hoffnung auf ein halbwegs normales Leben und das Vertrauen in die Erwachsenen, die sie im Stich gelassen haben, abhanden gekommen. Mit der Gesellschaft wollen sie zwar nichts mehr zu tun haben, doch leben sie natürlich nicht im luftleeren Raum. Ihre zwangsläufigen Frustrationen brechen sich in sinnlosen Scharmützeln während der abendlichen Konzerte Bahn, bei denen die Musiker mehr als einmal entnervt abbrechen müssen, weil die Situation vor der Bühne zu eskalieren droht. Und diese destruktive Ader entfremdet die Kids noch mehr: Weil die Verlierer um sie herum ein ähnlich beklagenswertes Leben führen und ebenfalls ihre Aggressionen irgendwo loswerden müssen, kommen ihnen die Punks gerade gelegen. Sie sind die perfekten Sündenböcke: ein paar Kids ohne jede Lobby, ohne Privilegien, ohne Fürsprecher.

Penelope Spheeris drehte vor 'Suburbia' die Punkrock-Dokumentation 'The Decline of the Western Civilization', deren Titel durchaus auch auf ihr Spielfilmdebüt gepasst hätte. Es verwundert also nicht wirklich, dass auch 'Suburbia' dokumentarische Züge trägt: Die Schauspieler sind bis auf ganz wenige Ausnahmen Laiendarsteller aus der kalifornischen Punkszene (es gibt u. a. einen sehr jungen Flea, seines Zeichens Bassist der Red Hot Chili Peppers, zu bewundern), die Konzerte bestreiten die Hardcore-Veteranen von D.I., T.S.O.L. und The Vandals und mehrere Ereignisse des Films sind von realen Begebenheiten inspiriert. 'Suburbia' ist dann auch ungemein deprimierend in seiner Rohheit und Ausweglosigkeit, die ihren deutlichsten Ausdruck im Bild einer Rotte ausgesetzter und deshalb verwildeter Hunde findet, von denen einer in der Eröffnungsszene ein Kleinkind vor den Augen der Mutter zerfetzt. Aus Opfern werden Täter, für die die Gesellschaft dann meist auch eine entsprechende Antwort parat hat, während sie vorher tatenlos zusieht. Spheeris blieb dem Sujet noch eine Weile treu: Als nächstes folgten die Teenage-Angst-Filme 'Blind Rage' und 'Dudes – Halt mich fest, die Wüste bebt!', dann widmete sie sich der Glamrockszene in L.A. in 'The Decline of the Western Civilization Part 2: The Metal Years', bevor sie mit 'Wayne’s World' einen Riesenhit landete, der ihr dann diverse Komödienengagements einbrachte. Über jene Filme kann man sich streiten, 'Suburbia' ist über jeden Zweifel erhaben.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

American Gangster

(USA 2007, Regie: Ridley Scott)

Gelobt sei, was Geld bringt
von Oliver Nöding

Nach dem Tod seines Arbeitgebers und Mentors, des Gangsters Bumpy Johnson (Clarence Williams III), schwingt sich Frank Lucas (Denzel Washington) mit marktwirtschaftlicher Geschäftsphilosophie und strengem Arbeitsethos zum Drogenzar in New …

Nach dem Tod seines Arbeitgebers und Mentors, des Gangsters Bumpy Johnson (Clarence Williams III), schwingt sich Frank Lucas (Denzel Washington) mit marktwirtschaftlicher Geschäftsphilosophie und strengem Arbeitsethos zum Drogenzar in New York auf. Wie ein Großhändler schaltet er Gewinn mindernde Mittelmänner aus, indem er sein Heroin direkt vom Hersteller in Kambodscha kauft und so Topqualität zu Spottpreisen anbieten kann. Damit stürzt er nicht nur Harlem – und damit vor allem „seine“ Leute – in die Drogensucht, er erzürnt auch das organisierte Verbrechen und natürlich die Polizei. Detective Richie Roberts (Russell Crowe), selbst ein besessener Vertreter seiner Sache, der zu zweifelhaftem Ruhm gelangt, als er eine Million Dollar beschlagnahmt und einreicht, anstatt sie in die eigene Tasche zu stecken, beginnt mit einer kleinen Spezialeinheit gegen Lucas zu ermitteln …

Ridley Scott wird weniger als großer Visionär als vielmehr als cleverer Projektmanager in die Filmgeschichte eingehen. Ohne große Inspiration, aber mit unleugbarem visuellem Gespür fertigt er in regelmäßigen Abständen seine filmischen Großprojekte und hat es so geschafft, vielerorts als „Meisterregisseur“ bezeichnet zu werden. So ist dann auch in 'American Gangster' schnell klar, was ihn an Lucas’ Geschichte fasziniert hat: Den Schwerverbrecher zeichnet er als Vorläufer des heutigen „Global Players“, dessen Legitimation einzig die erwirtschafteten Gewinne sind. Wenn Bumpy Johnson zu Beginn – wir schreiben die späten Sechzigerjahre – das Aussterben des Einzelhandels beklagt, ist die Anspielung auf gegenwärtige Zustände nicht zu übersehen, genauso wenig wie der Einfluss Lucas’schen Geschäftsgebarens etwa auf die Popkultur: 'American Gangster' ist vor allem in der Hip-Hop-Landschaft begeistert aufgenommen worden, die ja ebenfalls von einer kapitalistischen Lebensphilosophie geprägt ist, aber letztlich immer dem Ziel verpflichtet, das Ghetto hinter sich zu lassen, die eigenen Leute mit einem gewissen Maß an Wohlstand auszustatten. Jay-Z hat sich von Scotts Film zu einem Konzeptalbum gleichen Titels inspirieren lassen, zahlreiche Mixtapes werden mit einem vom Filmplakat inspirierten Artwork versehen, die Parallelen zwischen Rapper und Drogendealer herausgestellt. Die Parallelen sind in Scotts Film tatsächlich eindeutig: Wenn Lucas mit dem selbst verdienten Vermögen seine ganze Sippe aus dem ruralen North Carolina in eine Luxusvilla in New York verfrachtet und seine Brüder und Cousins in sein Geschäft integriert, sie zu Teilhabern macht, fühlt man sich nicht zu Unrecht an zahlreiche Rapper erinnert, die ihre Homies bei ihren Plattenfirmen unterbringen und so an ihrem Erfolg teilhaben lassen konnten. Ridley Scott selbst scheint sich dieser Parallele nicht nur bewusst gewesen zu sein, sie wird ihm zum Marketingschachzug: Zahlreiche populäre Rapper treten in Nebenrollen auf, von RZA über Common bis hin zu T. I. geben sie sich die Klinke in die Hand und machen 'American Gangster' zum filmischen Manifest des Hustles. Das macht Scotts Film aber ideologisch hochgradig fragwürdig: Der Mörder wird hier zum Wohltäter mit kleinen Schwächen verharmlost, der sich reinwäscht, indem er die korrupten Bullen – die eigentlichen Schurken (hallo, Paranoia!) – in den Bau bringt. „Geld stinkt nicht“: Von diesem Diktum kann sich 'American Gangster' nur halbherzig distanzieren.

Leider stellt Scotts eigener protestantischer Arbeitseifer dem durchschlagenden Erfolg seines Films auch formal ein Bein. Die strenge Zweiteilung des Films, die ihn zur Hälfte zum Gangster-, zur anderen zum Copfilm macht, legt 'American Gangster' von Anfang an in Ketten. Der Aufstieg Lucas‘ wird ebenso mit den tausendfach gesehenen Plotversatzstücken (erster Erfolg, die entscheidende Geschäftsidee, der langsame Kontrollverlust, die Entfremdung von den eigenen Wurzeln) abgehandelt wie Roberts’ Jagd auf das Phantom (Ärger mit den eigenen Leuten, der verständnisvolle Chef, Verlust des Partners, Probleme mit der Familie). So kommt der Film nie über die erneute Bestätigung des längst Bekannten hinaus: Das Verbrechen muss irgendwann gesühnt werden, der Polizist ist das Spiegelbild des Gangsters, der Besessene genießt nur ein kurzes weltliches Glück. Man hat nach den 160 Minuten 'American Gangster' das Gefühl, viel Aufbau um einen moralisch angefaulten Kern und nur wenig Payoff bekommen zu haben. Scott erzählt zwei Geschichten und hat am Ende einen halben Film. Das ist auch nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu wenig.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Highlander – Es kann nur einen geben

(GB / USA 1986, Regie: Russell Mulcahy)

Lebenslänglich
von Oliver Nöding

Die Unsterblichkeit bedeutet für Connor MacLeod (Christopher Lambert) eine ewige Gegenwart aller Erinnerungen. Sie werden von gegenwärtigen Eindrücken und Wahrnehmungen ausgelöst und überlagern das Jetzt, das dadurch mehr und mehr …

Die Unsterblichkeit bedeutet für Connor MacLeod (Christopher Lambert) eine ewige Gegenwart aller Erinnerungen. Sie werden von gegenwärtigen Eindrücken und Wahrnehmungen ausgelöst und überlagern das Jetzt, das dadurch mehr und mehr den Charakter einer Collage bekommt, keine eigene Bedeutung mehr besitzt, sondern nur noch als Referenzraum funktioniert. Zeit ist für den Highlander ins Unermessliche gedehnt: Nicht nur, weil er die Ewigkeit besitzt, sondern auch, weil unter dieser Last noch der kleinste Sekundenbruchteil mit der Fülle der Jahrhunderte aufgeladen wird. Alle Empfindung wird gesteigert: Das Gefühl, das sich bei der Erkenntnis der Unsterblichkeit einstellt, bezeichnet MacLeods Lehrer Ramirez (Sean Connery) als „the quickening“ – ein unbeschreiblicher Rausch. Das bedeutet aber auch, dass der Schmerz des Verlustes unvergänglich ist: Den mehrere Jahrhunderte zurückliegenden Tod seiner Frau betrauert MacLeod noch immer. Da ist auch das Gefühl der Schuld gegenüber denen, die er zurücklassen muss, ohne dass ihr Verlust sichtbare Spuren bei ihm hinterlassen würde. MacLeod ist äußerlich immer derselbe: Doch an seiner Seele nagt der Schmerz vieler Leben. Aus dieser Erfahrung hat er die Konsequenzen gezogen: Zwischenmenschliche Kontakte sucht er nicht mehr, er meidet sie, um nicht verletzt zu werden. Seine gegenwärtige Inkarnation Russell Edwin Nash beschäftigt sich daher auch lieber mit toten Gegenständen, mit Antiquitäten, anstatt mit Menschen. Doch welchen Sinn hat sein Leben dann noch?

Seinerzeit war 'Highlander' kein allzu großer Erfolg beschieden, erst über die Verwertung auf Video und im Fernsehen wurde Mulcahys Film rückwirkend als ein sein Jahrzehnt definierender Film erkannt. Diese Einschätzung gründete sich vor allem auf der visuellen Gestaltung des Films, der sich einer kunstvollen Kameraarbeit, ebensolchen Set Designs, nichts dem Zufall überlassenden Bildkompositionen und eines sehr augenfälligen und trickreichen Schnitts bedient, um die Verschmelzung der Zeitebenen und die ständige Präsenz der Vergangenheit für den Zuschauer erfahrbar zu machen. Gegenüber diesem Gestaltungswillen fällt das erzählerische Element jedoch zurück: Die Handlung wird nur rudimentär entwickelt und mit zunehmender Laufzeit fällt diese Diskrepanz immer stärker ins Gewicht. Plotholes, Ungereimtheiten und Unzulänglichkeiten säumen den Weg des Films, der immer dann in seinem Element ist, wenn er mit ausschweifendem Pinselstrich seine großformatigen Bilder malt. Dies hat auch dazu geführt, dass 'Highlander' in den vergangenen Jahren wieder verstärkt kritisiert, ja ihm sein einst zugestandener Klassikerstatus aberkannt wurde. Von einem sehr klassischen Rezeptionsstandpunkt aus betrachtet, ist diese Kritik nachvollziehbar und berechtigt. Andererseits ist diese Perspektive nicht besonders gut dazu geeignet, 'Highlander' zu erfassen. Mulcahys Film lässt sich am ehesten emotional begreifen, als eine Art Stimmungsbild. Als solches spiegelt er unverkennbar seine Zeit wieder, bietet Bilder und Perspektiven, die ein Verständnis der conditio humana im vorletzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ermöglichen.

MacLeod ist nämlich – aller mittelalterlichen Wurzeln zum Trotz – ein typischer Mensch der Achtzigerjahre: Die mit wertvollen Antiquitäten vollgestellte Designerwohnung ist ein Mausoleum; zwischenmenschliche Beziehungen sind ganz dem Zweck unterworfen, Langeweile, eine Enthobenheit von den Dingen hat MacLeod ereilt. „The gathering“ steht bevor, der Tag, an dem sich das Schicksal der Unsterblichen entscheiden soll, der Tag, an dem nur einer von ihnen übrig bleibt und mit einer unvorstellbaren Macht ausgestattet wird: Aber auch diese Aussicht reißt den Highlander kaum aus der Lethargie und Melancholie, die ihn gefangen hält und im berühmten Silberblick Lamberts auch für den Zuschauer sichtbar ist. Auch Mulcahys Film selbst erstarrt fast in seinen Tableaus, Bildern und Effekten. 'Highlander' ist ein minutiös geplantes Spektakel, aus dem alles Leben herausgesogen und durch bloße Bewegung ersetzt wurde. Ein faszinierendes ästhetisches Erlebnis und von einer nur schwer greifbaren Traurigkeit erfüllt.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Nixon

(USA 1995, Regie: Oliver Stone)

Tricky Dick geht nach Washington
von Oliver Nöding

„Jeder ist politisch.“ Das ist einer der (hier frei zitierten) Schlüsselsätze aus Oliver Stones zweitem „Präsidentenfilm“ nach 'JFK'. Ausgesprochen wird er von Richard Nixon (Anthony Hopkins) als Entgegnung auf seine …

„Jeder ist politisch.“ Das ist einer der (hier frei zitierten) Schlüsselsätze aus Oliver Stones zweitem „Präsidentenfilm“ nach 'JFK'. Ausgesprochen wird er von Richard Nixon (Anthony Hopkins) als Entgegnung auf seine Ehefrau Pat (Joan Allen), die nach der Wahlniederlage ihres Gatten in der Präsidentschaftswahl gegen John F. Kennedy genug vom Politgeschäft hat – noch mehr aber von den Selbstzerfleischungen ihres Ehemannes, die unweigerlich auf jeden Rückschlag folgen. Die Aussage, alles sei politisch, ist nun keine Erfindung Stones, sie gehört vielmehr zu den Allgemeinplätzen politischer Diskussion und will meist sagen: Alles, was wir tun, hat weitreichende Konsequenzen. Wer diesen Satz in aufklärerischer Manier äußert, will den Gegenüber an seine staatsbürgerliche Verantwortung in der Demokratie erinnern, ihn zu reflektiertem Handeln ermahnen. In Stones 'Nixon' wird dieser Satz nun bis zur äußersten Konsequenz gedacht: Der Mensch ist nicht nur auch dann politisch, wenn er es gar nicht sein will, er sich nicht darüber bewusst ist, politisch zu sein, er ist vielmehr mit jeder Faser ein Mitglied des Staates, auch mit jener, die er am liebsten verbergen möchte. Als Individuum ist jeder unentwirrbar an seine Herkunft, seinen Staat und damit auch an das politische Handeln gebunden. Der Staat als Konstrukt und der Mensch als dessen kleinster Bestandteil stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung, sie befruchten sich ständig gegenseitig, ob sie das nun wollen oder nicht. Politisch zu sein, ist keine freiwillige Aktivität: Es ist eine dem Menschen eingeschriebene Eigenschaft, eine Eigenschaft die ihn grundlegend konstituiert. Nixon hat als Politiker – als Präsident der USA, als wichtigster Staatsmann der Welt also – gehandelt und Entscheidungen getroffen, politische Relevanz hat Nixon nach Stones Film aber vor allem aufgrund seines Wesens. Oder in den Worten seines Nixons: „Wenn ihr JFK anseht, seht ihr, was ihr gern wärt, seht ihr mich an, seht ihr, was ihr seid.“

Stones Nixon ist ein von Minderwertigkeitsgefühlen getriebener Wadenbeißer. Ein Mann aus einfachen Verhältnissen, erzogen in einer streng religiösen Familie, früh mit einem Schuldkomplex beladen und sich immer der Tatsache bewusst, nur zweitklassig zu sein und somit für jeden Erfolg doppelt so hart arbeiten zu müssen. Dass er es dennoch zum Präsidenten gebracht hat, erfüllt ihn nicht mit Stolz, es ist ihm unangenehm – auch weil dafür der Tod seiner Mitkonkurrenten nötig war: Erst starben seine beiden Brüder an TBC, dann wurden sowohl John F. Kennedy als auch dessen Bruder Bobby ermordet. Und diese Komplexe beeinflussen auch seine Entscheidungen. Die Liebe der Massen ist es, die er sucht und die sein gesamtes Handeln bestimmt, die er jedoch nie bekommt, egal, was er tut. Je stärker sein Drängen wird, umso härter trifft ihn die Ablehnung. Während sein großer Konkurrent John F. Kennedy das Glück hatte, dass jede seiner Entscheidungen im Glanze seines Ansehens erstrahlen konnte, mithin auch seine Fehler noch den Anschein von Heldentaten hatten, musste Nixon stets damit leben, dass seine Entscheidungen von seiner unpopulären Erscheinung überschattet wurde. Das hat sich bis heute nicht geändert: Erinnern wird man sich an ihn nicht etwa, weil er erste Schritte hin zu einer Entspannung des Kalten Krieges machte, sondern weil er untrennbar mit dem Watergate-Skandal verbunden ist. „Tricky Dick“ ist der große Verräter im Weißen Haus, der Schurke Shakespeare‘schen Ausmaßes. Stone versucht auch, diesem Schurken die Menschlichkeit zurückzugeben: Tatsächlich ist Hopkins’ Nixon ein mitleiderregender Charakter, der noch nicht einmal von seinen eigenen Untergebenen Respekt bekommt, ein tragischer Held, ein Clown, der einen aussichtslosen Kampf mit sich selbst führt.

Aber es geht Oliver Stone in 'Nixon' nicht allein darum, diesem Nixon, der die USA in die größte Verfassungskrise seiner Geschichte stürzte, die Absolution zu erteilen. Wie auch 'JFK' ist 'Nixon' hochgradig spekulativ und suggestiv; Stone stützt sich zwar auf Fakten und Zeitzeugenberichte, knüpft diese aber zu einer sich jeglicher Chronologie verweigernden Assoziationskette, die man nicht mit der Realität verwechseln sollte. Unzweifelhaft bleibt nach Betrachtung seines in jeder Hinsicht beeindruckenden und buchstäblich überwältigenden Films, der in der letzten halben Stunde von seiner eigenen Komplexität vollkommen zerrissen wird und haarscharf am Rande des Scheiterns wandelt, aber die Erkenntnis, dass der Anstoß für jegliches politisches Wirken nicht im Individuum allein zu suchen ist. Auch der mächtigste Mann der Welt ist nicht die erste Ursache, sondern vor allen Dingen Wirkung. Er ist nur der Repräsentant dessen, was ist, ein Vertreter eines unbeherrschbaren, unberechenbaren Systems, das in einer schönen Sequenz als wildes, unzähmbares Tier beschrieben wird. Es konnte, so Stone, damals keinen anderen Präsidenten geben als Nixon. Die USA brauchten ihn, den Schurken. Nixon ist ebenso sehr Opfer seiner eigenen Disposition wie der seines Landes, ein Mann der all die Widersprüche in sich vereinte, die die USA zu zerreißen drohten; ein Mann, der diesen Widersprüchen eine Gestalt gab und sie somit bannte: ein Monster, dem ursprünglichen Wortsinn nach. Somit hallen in 'Nixon' auch die Worte wider, die Stone rund zehn Jahre zuvor in seinem Drehbuch zu De Palmas 'Scarface' Tony Montana in den Mund legte: „You need people like me. You need people like me so you can point your fuckin’ fingers and say, ,That’s the bad guy.’” Die Nation bekommt immer den Präsidenten, den sie verdient: So konnte dann auch ein halbes Jahrzehnt später mit Ronald Reagan ein ehemaliger Westernheld ins Weiße Haus einziehen, um der Nation das verlorene Selbstbewusstsein zurückzugeben. Dass dessen Politik des Kalten Krieges und der Aufrüstung weit hinter die des verhassten Nixons zurückfiel, tat seinem Erfolg keinen Abbruch.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Cruising

(USA 1980, Regie: William Friedkin)

Coming Out
von Oliver Nöding

Ein Serienmörder geht in der homosexuellen Lederszene New Yorks um. Der heterosexuelle Polizist Steve Burns (Al Pacino), der äußerlich ins Beuteschema des Killers passt, wird als Undercover-Cop in die Szene …

Ein Serienmörder geht in der homosexuellen Lederszene New Yorks um. Der heterosexuelle Polizist Steve Burns (Al Pacino), der äußerlich ins Beuteschema des Killers passt, wird als Undercover-Cop in die Szene eingeschleust, um als Köder für den Mörder zu fungieren. Doch statt mit diesem wird er mit seinen eigenen Abgründen konfrontiert …

Es ist nahezu unmöglich, über 'Cruising' zu sprechen, ohne auf seine problematische Entstehungsgeschichte zu verweisen. Friedkins Film zog schon während der Dreharbeiten den Zorn der Gay-Rights-Bewegung auf sich, die ihm Schwulenfeindlichkeit unterstellten, und in der New Yorker Zeitung Village Voice wurde offen zur Sabotage der Dreharbeiten aufgerufen; ein Aufruf, dem viele Homosexuelle bereitwillig folgten und die Drehorte im Meatpacking District im Westen Manhattans unter anderem mit lauter Musik beschallten, um Friedkin bei der Arbeit zu stören. (Dieser Artikel – ironischerweise aus derselben Zeitung – beschäftigt sich anlässlich der DVD-Veröffentlichung von 'Cruising' mit der damaligen Protestbewegung und ihren Auswirkungen.) Damit endeten die Probleme für Friedkin aber noch lange nicht: Sein Film erhielt das gefürchtete X-Rating, das ihn als Pornografie stempelte. Mehrere Schnitte und Kürzungen von rund 40 Minuten waren nötig, um doch noch das R-Rating zu erhalten, das letztlich aber auch nicht verhindern konnte, dass 'Cruising' sowohl an den Kinokassen als auch bei den Kritikern durchfiel. Seine Rehabilitation erfuhr der Film erst in den Neunzigerjahren, in denen es durch das veränderte öffentliche Klima möglich wurde, den Film auf der einen Seite als Zeitzeugnis und als Fenster in eine Welt vor Aids zu betrachten und ihn gleichzeitig auch von der porträtierten Szene losgelöst zu betrachten. Die Kenntnis von Friedkins Werk und seinen Methoden hilft ungemein, 'Cruising' zu verstehen oder besser: sich einem Verständnis anzunähern. Denn eines ist klar: 'Cruising' ist ein schwieriger Film.

Schon mit seinem großen Durchbruch 'French Connection' 1971 etablierte sich Friedkin als provokanter und innovativer Filmemacher. Für diesen griff er auf einen semidokumentarischen Stil zurück und lieferte so die Blaupause für die heute endgültig im Mainstream angekommenen filmischen Authentifizierungsstrategien. Gleichzeitig zwang er sein Publikum, sich mit einem rassistischen Zyniker zu identifizieren und die Welt durch dessen Augen zu betrachten, ohne seine Weltsicht gleichzeitig zu relativieren. In seinem Welterfolg 'Der Exorzist' schließlich manipulierte Friedkin die Zuschauer mittels Einsatz subliminaler Bilder und löste so ihre für gewöhnlich passive Beobachterrolle auf, öffnete den Zuschauer unbemerkt für den Dämon, der auch von seiner Protagonistin Regan Besitz ergriffen hatte. Das ist programmatisch: Man kann sich als Zuschauer in einem Friedkin-Film niemals bequem zurücklehnen, weil sie volle Teilnahme fordern. Zuschauer- und Filmraum sind nicht länger voneinander getrennt, vielmehr entfaltet sich der Film dialektisch im Raum zwischen diesen beiden.

So auch 'Cruising', der – auch wenn Friedkin im Audiokommentar versichert, die Szenen in den Lederbars der homosexuellen S&M-Szene nicht gestellt, sondern deren feiernde Stammkundschaft einfach nur „abgefilmt“ zu haben – mitnichten einen neutralen, quasidokumentarischen Blick auf die Lederszene wirft, sondern diese in einer für den Zuschauer höchst konfrontativen Weise in Szene setzt, die die beherrschenden Themen des Films, Verführung und Gewalt, widerspiegelt. Die Bilder vom orgiastischen Treiben in den verschwitzten Bars, von Menschenaufläufen in nächtlichen Parks und an Straßenecken, von Blicken voller Lust und Begierde und einem offenen Umgang mit Sex werden kontrastiert von den drastischen Mordszenen, dem aggressiv ausgestellten männlichen Körperkult und den autoritären Insignien des Sadomasochismus, die seine Anhänger zur Schau stellen, aber auch vom Hass, der ihnen etwa von Seiten der Polizei entgegenschlägt. 'Cruising' bewegt sich im pulsierenden Rhythmus von Anziehung und Abstoßung, den man als Zuschauer mitgeht, und man kommt kaum umhin, diesen Kontrast schon als prophetischen Boten der nur wenig später aufkeimenden Krankheit zu betrachten. Doch mehr als ein Film über die schwule Lederszene der ausgehenden Siebzigerjahre scheint 'Cruising' ein Film über das ambivalente Selbstbild des postmodernen Mannes zu sein, der zwischen dem Ideal des virilen Kämpfers, dem er nicht mehr entsprechen kann, und seiner femininen Seite, die er nicht zeigen darf, hin und hergerissen ist und darüber in eine tiefe Identitätskrise fällt. Ihren deutlichsten Ausdruck findet diese Erkenntnis wohl im Bild eines mit einer verspiegelten Sonnenbrille verdeckten Gesichts: Der Blick ist nicht mehr vom Erblicktwerden zu trennen, Subjekt und Objekt verschmelzen zu einem, man sucht das Andere und findet immer nur sich selbst.

Schon Burns’ Reaktion auf die überaus direkte (und eine ziemlich deutliche Sprache bezüglich der Haltung gegenüber Homosexuellen sprechenden) Frage, ob er schonmal einen „Schwanz gelutscht“ habe, die ihm sein Vorgesetzter (Paul Sorvino) zu Beginn des Films stellt, lässt seine Selbstzweifel erkennen: Statt eines eindeutigen „Ja“ oder „Nein“ gibt es ein verschämt-überspielendes Lachen, ein unruhiges Auf-dem-Stuhl-Rutschen und eine ausweichende Antwort. Später geht Burns an seinem allerersten Tag als Undercover-Polizist geradezu enthusiastisch mit seinem homosexuellen Nachbarn Ted (Don Scardino) in ein Café, während die seltener werdenden Besuche bei seiner Freundin Nancy (Karen Allen) seltsam belastet scheinen. In einer späteren Sexszene mit ihr nimmt Burns sie rabiat und ohne sie anzusehen, seine schüchternen ersten Tanzbewegungen in einem Schwulenclub weichen nach kürzester Zeit einem aggressiv-dominanten Habitus und wie selbstverständlich hüllt sich Burns in Lederjacke und -armbänder: Man hat nicht den Eindruck, er verkleide sich bloß. Und nachdem er sich in einem Fetischladen über die Bedeutung verschiedenfarbiger Einstecktücher erkundigt hat, sieht man ihn später mit einem gelben Tuch als Natursektliebhaber ausgezeichnet: Hier legt jemand mehr als nur leichte Neugier an den Tag.

In der ungewöhnlichen Auflösung des Krimiplots geht Friedkin noch einen Schritt weiter: Der Mörder, den er während der ersten Hälfte seines Films noch mehrfach bei der Ausübung seiner Taten zeigt, verschwindet in der zweiten völlig aus dem Film. Der verdächtige Student Stuart (Richard Cox), den Burns stattdessen zu beobachten und zu verfolgen beginnt, ist nicht der Mörder aus diesen Szenen. Der Zuschauer weiß, dass Stuart unschuldig ist und lediglich deshalb aggressiv auf Burns reagiert, weil er sich selbst von diesem bedroht sieht. Und Burns macht es sichtbar Spaß, seine Machtposition gegenüber dem verängstigten Studenten auszuspielen. Hatte er vorher, nachdem seine Kollegen einen anderen Verdächtigen auf Grundlage kaum stichhaltiger Indizien gedemütigt und misshandelt hatten, seinem Chef gegenüber noch sein Entsetzen über die offen zur Schau getragene Schwulenfeindlichkeit ausgedrückt, fällt er nun selbst in die Rolle des sadistischen Bestrafers. Und wer ist der Mörder an Burns’ Nachbar Ted, der am Ende tot in seiner Wohnung aufgefunden wird? In der ursprünglichen Schnittfassung waren angeblich Hinweise darauf enthalten, dass Burns während seiner Armyzeit gewalttätig gegenüber Homosexuellen geworden war, die die Lesart, dass Burns ein zwischen den Polen Homosexualität und Homophobie Hin- und Hergerissener ist, stützen. Das Ende, das einen ermatteten Burns zeigt, der voller Selbstzweifel in den Spiegel blickt, während seine Freundin sich in seine abgelegte Lederuniform hüllt, lässt eigentlich keinen anderen Schluss zu.

'Cruising' ist – so viel ist aus diesem Text hoffentlich hervorgegangen – ein rätselhafter, unheimlicher und beunruhigender, in seiner überbordenden Körperlichkeit gleichzeitig aber auch ein erschreckend schöner Film. Gegen die Vorwürfe, die vor rund 30 Jahren gegen ihn erhoben wurden, lässt sich zwar argumentieren, aber gänzlich verwerfen lassen sie sich nicht, weil Friedkin die vorherrschenden Ressentiments gegen Homosexuelle wenn auch nicht bedient, so doch für seinen Film nutzt. Das rauschhafte Treiben, das er zeigt, hat eine durchaus zersetzerische Note: Diese Welt scheint den Werten, auf denen die westlichen Zivilisationen aufgebaut sind, diametral gegenüberzustehen, maßvolle Beschränkung und keusche Enthaltsamkeit weichen dem selbstzerstörerischen Exzess. 'Cruising' fordert mündige, mutige Zuschauer, die sich Friedkins Provokationen stellen, anstatt sich ihnen zu verschließen. Dafür sind wohl auch anno 2010 nur die wenigsten bereit. Die Welt von 'Cruising' ist mit Aids untergegangen, aber der Film hat seine Relevanz noch lange nicht verloren.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

The Fall

(GB / IN 2006, Regie: Tarsem Singh)

Dichtung und Wahrheit
von Oliver Nöding

In einem Krankenhaus im Los Angeles der Zwanzigerjahre entwickelt sich eine Freundschaft zwischen zwei denkbar ungleichen Patienten: der kleinen Alexandria (Catinca Utaru), die sich bei einem Sturz den Arm gebrochen …

In einem Krankenhaus im Los Angeles der Zwanzigerjahre entwickelt sich eine Freundschaft zwischen zwei denkbar ungleichen Patienten: der kleinen Alexandria (Catinca Utaru), die sich bei einem Sturz den Arm gebrochen hat, und dem Stuntman Roy Walker (Lee Pace), der sich wiederum bei einem selbstmörderischen Stunt schwere Verletzungen zugezogen hat. Während ihrer Besuche bei ihm erzählt er ihr die Geschichte vom Kampf einer illustren Schar von Banditen gegen den bösen Governor Odious, in die mehr und mehr autobiografische Details sowohl aus Roys als auch Alexandrias Leben einfließen. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zerfließen zusehends …

Singhs Hollywood-Debüt 'The Cell' dürfte dem Regisseur rückblickend eher geschadet haben, wofür auch die lange Pause zwischen beiden Filmen spricht: Der Thriller um Jennifer Lopez wird gemeinhin mit dem „Style over Substance“-Vorwurf abgefertigt; zu Unrecht, lässt Singh doch gar keinen Zweifel daran, dass sein Interesse nicht dem hanebüchenen Krimiplot, sondern der Kreation einer morbiden Seelenlandschaft geht. Dennoch: Man sieht 'The Cell' seine Herkunft deutlich an, erkennt darin unzweifelhaft den Versuch des Hollywood-Systems, einen visionären Filmemacher in das Korsett typischen Blockbuster-Kinos zu pressen. Dass der Inder weitaus mehr kann, als atemberaubend schöne Bilder auf die Leinwand zu zaubern, belegt nun 'The Fall' sehr eindrucksvoll und darf zudem als Aufforderung an andere Filmemacher verstanden werden, für die eigenen Projekte zu kämpfen und sie auch unter widrigen Umständen zu verwirklichen, anstatt sich von Hollywood zum faulen Kompromiss zwingen zu lassen. 'The Fall' – gedreht über einen Zeitraum von vier Jahren in über 20 verschiedenen Ländern – feiert das Ritual des Geschichtenerzählens, zeigt, wie der Mensch sein Seelenheil in der Narration findet, wie er die Tristesse der Realität mit den Mitteln der Fantasie überwindet, seine irdische Existenz besser zu verstehen lernt, wenn er sie durch die Brille der Fiktion betrachtet.

Der wegen einer tragisch verlaufenen Liebesbeziehung suizidale Roy lernt im Verlauf seiner Geschichte und dem gemeinsamen kreativen Prozess der Dichtung mit Alexandria auch seinen Kummer zu verarbeiten und seine Krise zu überwinden. Singh weiß, dass zum Erzählen zwei gehören: Der aufmerksame und seinerseits fantasievolle Zuhörer ist genauso wichtig wie der Erzähler und im Idealfall ist das Ritual des Geschichtenerzählens ein wechselseitiger Prozess. Als Zuschauer lauschen wir der Stimme des Erzählers Roy, doch die Bilder, die wir sehen, entspringen der Vorstellungskraft der kleinen Alexandria, die sich so immer in das Ergebnis „einmischt“, Roy manchmal sogar zum Neuanfang oder zur Modifizierung zwingt, wenn ihr etwas nicht gefällt oder ihr ein Fehler, ein Plothole auffällt. Dass 'The Fall' visuell ein Gedicht ist, muss eigentlich nicht gesondert erwähnt werden. Doch der Stilwille, der hier zum Ausdruck kommt, ist nicht weniger als beeindruckend. 'The Fall' ist einer der schönsten Filme der vergangenen Jahre, reiht sich nahtlos ein in eine lange Ahnenreihe von „Erzählfilmen“ – und die Kritiker, die hier von „Inhaltsleere“ stammeln, haben wirklich rein gar nichts begriffen.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Was der Himmel erlaubt

(USA 1955, Regie: Douglas Sirk)

Liebe vs. Gesellschaft
von Oliver Nöding

Jahre nach dem Tod ihres Gatten verliebt sich die Witwe Cary Scott (Jane Wyman) in den stillen, verschwiegenen Naturburschen Ron Kirby (Rock Hudson), ihren Gärtner. Doch niemand scheint ihr das …

Jahre nach dem Tod ihres Gatten verliebt sich die Witwe Cary Scott (Jane Wyman) in den stillen, verschwiegenen Naturburschen Ron Kirby (Rock Hudson), ihren Gärtner. Doch niemand scheint ihr das neue Liebesglück zu gönnen: Ihre Kinder sind entsetzt darüber, dass sie einen einfachen, noch dazu mehrere Jahre jüngeren Arbeiter zu heiraten und gar das Familienheim zu verkaufen gedenkt, und Freunde und Nachbarn distanzieren sich ebenfalls schnell von der vormals so beliebten Frau. Und die hat einfach nicht die Kraft, sich den Vorurteilen zu widersetzen und sich zu ihrer Liebe zu bekennen …

Trotz solcher Fürsprecher wie Rainer Werner Fassbinder ist es immer noch leicht, Douglas Sirk als Kitsch- und Schnulzenfilmer abzuschreiben und zu verkennen, weil es offensichtlich schwer fällt, an der aufreizenden Fassade seiner Filme vorbeizusehen bzw. sie einer wertneutralen Sicht zu unterziehen; und wohl auch, weil man einem 1900 geborenen Filmemacher die Befähigung zur Ironie abspricht, die oftmals für ein Vorrecht der Sechziger- und Siebzigerjahre gehalten wird. Tatsächlich haben Sirks Melodramen nicht die besten Nachahmer auf den Plan gerufen: Die von ihm erdachten Strukturen findet man heute vor allem in Soap Operas, Liebesschmonzetten und Fernsehfilmen wieder, wo sie allerdings zum bloßen Klischee geronnen sind und ohne die psychologische Genauigkeit, kritische Schärfe und eben ohne den Humor Sirks auskommen müssen. Wer 'Was der Himmel erlaubt' sieht, ohne Sirk einordnen zu können, dem werden die feinen Unterschiede möglicherweise entgehen, der wird ihn wahrscheinlich tatsächlich als typisches Werk der Fünfzigerjahre begreifen und als das Hausfrauenkino abschreiben, dessen Oberflächenmerkmale er trägt. Der auf glatte Beaus abonnierte Hudson wird dann ebenso zur Bestätigung des Vorurteils in Feld geführt werden wie der theatralische Score, das grelle Technicolor und die die Grenze zum Kitsch mehrmals überschreitenden Bilder.

Tatsächlich lassen sich diese Merkmale allesamt auch anders deuten: Hudsons Kirby ist keinesfalls der kantenlose Schönling, sondern ein von der bürgerlichen Gesellschaft in die Isolation getriebener Eigenbrötler, der sich hinter einer Mauer der Verschwiegenhiet versteckt und im ersten Drittel des Films nicht uneingeschränkt sympathisch erscheint. Die teilweise ins Surreale gleitenden Bilder sind als Karikatur der verlogenen Mittelklassenbehaglichkeit zu sehen, um deren Bloßstellung es Sirk in 'Was der Himmel erlaubt' geht. In der zweiten Hälfte des Films werden seine Bilder zunehmend dunkler, betonen sie die innere Zerrissenheit seiner beiden Hauptfiguren, über die das gesellschaftliche vernichtende Urteil bereits gesprochen wurde (man beachte etwa die Verwendung von Blau- und Rottönen, die das Liebespaar oft räumlich voneinander trennen). Anders als das affirmative Melodram, das seine Protagonisten in den Schoß der Gesellschaft zurückführt, geht es in 'Was der Himmel erlaubt' um den Ausstieg aus der Konformität. Die Frage, die sich Cary beantworten muss, lautet nicht: „Wie kann ich meinen gesellschaftlichen Status bewahren und trotzdem glücklich sein?“, sondern „Will ich meine Identität bewahren oder gesellschaftlich anerkannt werden?“ Wenn die Gesellschaft dem Individuum zum Feind wird, es reglementiert und konditioniert, ist sie es nicht wert, ihr gerecht werden zu wollen. Das Wohl des Einzelnen steht nicht über allem, aber nur wenn der Einzelne sich – unter Rücksichtnahme auf die Rechte des anderen – als Mensch entfalten kann, ist ein Zusammenleben möglich und überhaupt wünschenswert. Diese Haltung dem Menschen gegenüber war nicht nur in den spießigen Fünfzigerjahren bemerkenswert, sie ist es immer noch.

Ein fantastischer Film eines großen Humanisten.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Pauline am Strand

(F 1983, Regie: Eric Rohmer)

Mein schönster Sommerurlaub
von Oliver Nöding

Die attraktive Marion (Arielle Dombasle) steht kurz vor der Scheidung und verbringt den Sommerurlaub gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Cousine Pauline (Amanda Langlet) in einem Haus am Strand. Dort begegnet sie …

Die attraktive Marion (Arielle Dombasle) steht kurz vor der Scheidung und verbringt den Sommerurlaub gemeinsam mit ihrer 14-jährigen Cousine Pauline (Amanda Langlet) in einem Haus am Strand. Dort begegnet sie sowohl einem alten Freund, dem unsterblich in sie verliebten Romantiker Pierre (Pascale Greggory), als auch dem Ethnologen Henri (Féodor Atkine), einem rücksichtslosen Hedonisten, in den sie sich sogleich verguckt. Pauline findet indes einen gleichaltrigen Partner in dem sympathischen Sylvain (Simon de La Brosse). Während Pierre verzweifelt versucht, Marion zu erobern, steigt Henri mit einer Süßigkeitenverkäuferin ins Bett. Als Pierre diese in Henris Haus sieht, versucht er die Nummer Sylvain in die Schuhe zu schieben …

Nach dem kühlen 'Die Frau des Fliegers' und dem herbstlichen Die schöne Hochzeit' ist Rohmer mit 'Pauline am Strand' im Sommer angekommen. Sein Film strahlt in hellen Farben, ist durch und durch lichtdurchflutet und von einer sehr entspannten Stimmung geprägt. Thematisch ist der Schritt von 'Hochzeit' zu 'Pauline' nicht allzu groß: In beiden werden verschiedene Liebes- und Partnerschaftskonzepte diskutiert. Vier konkurrierende Ansichten treffen aufeinander: Henri will keine Partnerschaft, weil er sie als Hindernis versteht – die Liebe kommt und geht, warum sich also festlegen? Marion hingegen sucht eine Liebe, die so stark ist, dass sie fast verbrennt; sie glaubt an die in der Hitze des Gefechts getroffene Entscheidung aus Leidenschaft – und riskiert gern, dass diese sich später als Fehlentscheidung entpuppen kann. Für den romantisch veranlagten Pierre hingegen ist Liebe nur in der Zeit zu denken: Lieben kann er nur eine Person, mit der er sich auch ein gemeinsames Leben vorstellen kann – und droht über dieses Anspruchsdenken zum Solipsist zu werden. Paulines Ansichten sind hingegen noch nicht durch gute oder schlechte Erfahrungen vorgeprägt, sie geht unvorbelastet durchs Leben und will sich überraschen lassen, ohne dabei jedoch alle Prinzipien aufzugeben.

Während die Erwachsenen um sie herum bereits irgendwie verletzt und dadurch „verdorben“ wurden, repräsentiert Pauline ein Konzept der Reinheit. Das macht sie nicht nur zur Hauptfigur, sondern auch zur „weisesten“ Figur des Films; gleichzeitig ist sie der deutlichste Hinweis auf den Dichtungscharakter von Rohmers Film, den man sonst leichtfertig und fälschlicherweise als Spiegelung des „echten Lebens“ begreifen könnte. Das ist er nicht: So authentisch Pauline und ihre Freunde auch sind, sie sind reine Kunstfiguren, Vertreter von Konzepten. Wer die beiden Vorgänger von Comédies et Proverbes gesehen hat, erkennt einige von ihnen wieder: Henri gleicht dem Anwalt Edmond aus 'Hochzeit', Pauline und Pierre erinnern an Lucie bzw. François aus 'Die Frau des Fliegers'. Nicht viel Neues also, aber das ist gar nicht so schlimm. Auch 'Pauline am Strand' ist wieder ein sehr schöner Film, etwas leichter als seine beiden Vorgänger, und mit einem sehr prägnanten Ende: Selbstbetrug kann eben auch ein Weg zum Glück sein.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Vollmondnächte

(F 1984, Regie: Eric Rohmer)

Louise wohnt hier nicht mehr
von Oliver Nöding

Die Innenausstatterin Louise (Pascale Ogier) lebt mit ihrem Partner Remi (Tchéky Karyo) in der Pariser Vorstadt. Dem Leben in der abgeschiedenen Zweisamkeit entflieht sie gern in die Metropole, um dort …

Die Innenausstatterin Louise (Pascale Ogier) lebt mit ihrem Partner Remi (Tchéky Karyo) in der Pariser Vorstadt. Dem Leben in der abgeschiedenen Zweisamkeit entflieht sie gern in die Metropole, um dort mit Freunden auszugehen und zu tanzen. Remi ist von diesem Freiheitsdrang eh schon wenig angetan, doch als Louise sich auch noch eine Zweitwohnung in Paris einrichtet, kühlt das Verhältnis zwischen beiden merklich ab. Louise glaubt aber immer noch, dass die Distanz gut für ihre Beziehung sei …

'Vollmondnächte', der vierte Teil von Rohmers Filmzyklus Comediés et proverbes ist nach dem Vorgänger, dem sonnigen Pauline am Strand', nun ein echter Nachtfilm. Er wird von künstlicher Beleuchtung sowie von Schwarz und Grautönen in Verbindung mit einigen sparsamen Farbtupfern dominiert und weist eine interessante Struktur auf: 'Vollmondnächte' spielt an vier Abenden bzw. Nächten, die jeweils einen Monat auseinanderliegen und dem Zuschauer so ermöglichen, den Verlauf von Louises selbst gewähltem Strohwitwendasein zu verfolgen. Die Handlung springt dabei immer zwischen der gemeinsamen Wohnung in der Vorstadt und Louises Stadtappartement hin und her, frei nach dem dem Film vorangestellten Sprichwort: „Jemand mit zwei Frauen verliert seine Seele, jemand mit zwei Häusern seinen Verstand“.

Mit ihrer Flucht, mit der Louise ihre Beziehung zum besitzergreifenden Remi eigentlich retten will, erreicht sie nur das Gegenteil: Das, was für sie richtig ist, ist für Remi leider genau das Falsche. Am Ende muss sie ihre Taschen packen, das Experiment, ihre Liebe auf die Probe zu stellen, ist schiefgegangen. Die interessanteste Szene des Films ereignet sich ungefähr nach der Hälfte der Laufzeit und stellt den Wendepunkt des Films dar: Als Louise zusammen mit ihrem Freund Octave (Fabrice Luchini) in einem Café sitzt, glaubt sie Remi gesehen zu haben, während Octave wiederum steif und fest behauptet, Camille, eine Freundin Louises, erkannt zu haben. Sofort spekulieren beide über ein Verhältnis der beiden. Rohmer filmt diese Szene jedoch, ohne dass Remi oder Camille zu sehen wären, ja, man sieht überhaupt niemanden außer eben Louise und Octave, die von ihrer Sichtung berichten. Dies mag sowohl als Beispiel für die kleinen Rätsel und Geheimnisse fungieren, die in Rohmers Filmen immer wieder auftauchen, für die radikale Subjektivität, der seine Protagonisten unterworfen sind, ohne es zu bemerken, als auch für seine eigenwillige Kameraarbeit: In Rohmers Filmen – zumindest in der Reihe Comediés et proverbes – gibt es weder Close-ups von Gesichtern noch so etwas wie Subjektiven. Die Kamera verlässt nie die Rolle des unbeteiligten, distanzierten Beobachters der Protagonisten.

Nach den herausragenden ersten drei Teilen des Filmzyklus fällt 'Vollmondnächte' etwas ab: Der Film ist äußerlich stark in seiner Zeit verhaftet und am synthetischen Frankopop, der mehrfach zum Einsatz kommt, dürften sich die Geister heute scheiden. Das ändert aber nichts daran, dass auch dieser Film ausgesprochen sehenswert und zudem gut dazu geeignet ist, die eigene Beobachtungsgabe zu schulen. Wie viel inszenatorischer und gestalterischer Wille hier am Werk ist, droht einem nämlich zunächst zu entgehen, wenn man gewohnt ist, alles auf dem Silbertablett serviert zu bekommen.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Das grüne Leuchten

(F 1986, Regie: Eric Rohmer)

Hinter dem Horizont
von Oliver Nöding

Kurz vor dem gemeinsamen Sommerurlaub wird Delphine (Marie Rivière) von ihrem Freund verlassen. Sie ist geschockt, aber trotz allem entschlossen, ihren wohl verdienten Urlaub anzutreten, den sie nun versucht, allein …

Kurz vor dem gemeinsamen Sommerurlaub wird Delphine (Marie Rivière) von ihrem Freund verlassen. Sie ist geschockt, aber trotz allem entschlossen, ihren wohl verdienten Urlaub anzutreten, den sie nun versucht, allein zu organisieren. Doch egal, wohin sie auch geht, überall wird sie an ihre neue Einsamkeit erinnert …

'Das grüne Leuchten' ist vor allem Marie Rivières Film, die für Rohmer zuvor schon in 'Perceval le gallois' und 'Die Frau des Fliegers' vor der Kamera gestanden hatte: Kaum eine Szene kommt ohne die Schauspielerin aus, Rohmer folgt ihr von Paris nach Cherbourg, in die Alpen und schließlich an die Atlantikküste nach Biarritz, bevor es zu einem Happy End in St. Jean de Luz kommt. Nach den doch eher realistisch-ernüchternden Geschichten der vier Filme zuvor ist 'Das grüne Leuchten' ein Film über die Hoffnung – auch wenn es lange nicht den Anschein hat. Delphine droht in ihrer Trauer und ihren Selbstzweifeln zu ersticken, obwohl ihr der Weg zum Glück in Form der Farbe Grün gewiesen wird, wie ihr das eine Wahrsagerin prophezeit hatte. Am Ziel angekommen, sieht Delphine dann auch den titelgebenden „grünen Strahl“ bzw. das „grüne Leuchten“. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das sich angeblich im letzten Moment des Sonnenuntergangs ereignet und das den, der es sieht, in die Lage versetzt, das eigene Wesen und das anderer in völliger Klarheit vor sich zu erkennen.

'Das grüne Leuchten' ist aber nicht nur hoffnungsvoll, es ist auch ein Film über die Einsamkeit unter Menschen: Egal, wo sich Delphine auch aufhält, sie ist immer am falschen Ort. Der Versuch, Kontakte zu knüpfen, bringt ihre Isolation nur noch stärker ans Licht. Es gibt eine famose Szene, in der man förmlich sehen kann, wie Delphine graduell immer mehr in sich versinkt, während sich die Menschen um sie herum amüsieren. Dass Delphine ausgerechnet am Bahnhof, von wo aus sie eigentlich abreisen möchte, jemanden trifft, bei dem sie sich wohl fühlt, bestätigt zum einen die Phrase, dass das Glück immer unerwartet zuschlägt, zum anderen korrespondiert dies mit einigen anderen Rohmer-Filmen: Züge und Busse sind gute Orte, um Menschen zu begegnen. Wer reist, der öffnet sich für andere. Ein schöner, sehr entspannter und meditativer Film mit einem wunderbaren Ende.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Der Freund meiner Freundin

(F 1987, Regie: Eric Rohmer)

Zu neuen Ufern
von Oliver Nöding

In einer modernen Trabantenstadt vor den Toren von Paris begegnen sich die junge Beamtin Blanche (Emmanuelle Chaulet) und die Studentin Lea (Sophie Renoir) und freunden sich an. Die selbstsichere Lea, …

In einer modernen Trabantenstadt vor den Toren von Paris begegnen sich die junge Beamtin Blanche (Emmanuelle Chaulet) und die Studentin Lea (Sophie Renoir) und freunden sich an. Die selbstsichere Lea, mit dem gutaussehenden Fabien (Eric Viellard) liiert, kümmert sich sofort um das Liebesglück der schüchternen Blanche: Der erfolgreiche Alexandre (François-Eric Gendron) ist ihrer Meinung nach genau der Richtige. Doch dann nähern sich Blanche und Fabien in Abwesenheit Leas einander an …

Mit 'Der Freund meiner Freundin' findet Rohmers sechsteilige Reihe Comédies et proverbes ihren mehr als versöhnlichen Abschluss. Nach all den fehlgeschlagenen Beziehungskonzepten und unglücklich verlaufenden Liebschaften der vorangegangenen Beiträge entlässt Rohmer am Ende dieses Films gleich zwei Liebespaare in eine hoffentlich glückliche Zukunft. Und passend dazu ist 'Der Freund meiner Freundin' leicht, verspielt und frei von den quälenden Selbsterkenntnisprozessen, denen etwa die Protagonistinnen von Vollmondnächte' oder Das grüne Leuchten' ausgesetzt waren. Deutete Rohmer zuvor immer wieder an, dass das Konzept der monogamen Liebesbeziehung in der Postmoderne kaum noch lebbar ist, zeichnet sich hier der Silberstreif am Horizont ab. Das schlägt sich nicht zuletzt in der Acrhitektur des Films nieder, die das hervorstechendste Merkmal von Rohmers Inszenierung ist. 'Der Freund meiner Freundin' spielt in einer luxuriösen Wohnsiedlung, in der Moderne und Renaissance einander die Hand reichen und die von weitläufigen Freizeitanlagen gesäumt ist, die den Protagonisten Gelegenheit für die Rohmer-typischen kontemplativen Ausflüge in die Natur geben. Es stellt sich die Frage, ob diese Kunststadt abseits der Stadt tatsächlich eine mögliche, dauerhafte Utopie darstellt.

'Der Freund meiner Freundin' ist vielleicht der zugänglichste und leichteste Film der Reihe und gut für einen Einstieg ins Werk Rohmers geeignet, dessen Inszenierungsstil zunächst eine echte Herausforderung für den Zuschauer darstellt: Die breiten Dialoge lenken oft vom Bild ab und suggerieren, hier fände eben nur Theater auf der Leinwand statt. Erst nach einiger Eingewöhnungszeit fallen einem dann die vielen Feinheiten der Regie auf, etwa die wichtige Rolle von Set-Designs und Dekor: Man achte etwa auf die Platzierung der Accessoires in Blanches Büro oder die letzte Szene, in der die vier Protagonisten entweder Grün oder Blau tragen und so noch einmal das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spielchen des vorangegangenen Films pointieren. Der erste Seheindruck ist sicherlich der eines besonders „nackten“ Stils – und das ist in gewisser Hinsicht auch richtig, etwa was die Verwendung von Musik oder des „Fernsehformats“ von 1,33:1 angeht (aus dem Zyklus Comédies et proverbes ist nur Pauline am Strand' nicht in diesem Format). Dennoch passiert in Rohmers Filmen sehr viel mehr, als es zunächst den Anschein hat, was ihren nicht unerheblichen Reiz ausmacht. Wahre Schönheit drängt sich nur selten auf. Das gilt für das Leben genauso wie für Rohmers Filme.

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Der letzte Akkord

(USA 1957, Regie: Douglas Sirk)

Die Schönheit der Chance
von Oliver Nöding

Die Amerikanerin Helen Banning (June Allyson) reist nach auf der Suche nach neuen Erfahrungen nach München und tritt dort eine Stelle im Amerika-Haus an. In dieser Tätigkeit trifft sie auf …

Die Amerikanerin Helen Banning (June Allyson) reist nach auf der Suche nach neuen Erfahrungen nach München und tritt dort eine Stelle im Amerika-Haus an. In dieser Tätigkeit trifft sie auf den berühmten deutsch-italienischen Dirigenten Tonio Fischer (Rossano Brazzi), mit dem sich nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Romanze anbahnt. Doch dann erfährt Helen, dass Tonio mit der schwer kranken Reni (Marianne Koch) verheiratet ist …

Man möchte meinen, Douglas Sirk habe sich mit 'Der letzte Akkord', seinem viertletzten amerikanischen Film, schon mit seiner Rückkehr nach Europa beschäftigt. In wunderschönstem Technicolor schwelgt er in barock anmutenden Aufnahmen Münchener und Salzburger Sehenswürdigkeiten und errichtet den majestätischen Alpen geradezu ein filmisches Denkmal. Mit diesem visuellen Pomp appelliert Sirk nicht nur an den Exotismus amerikanischer Kinogänger, er stellt seinen Film damit auch in krassen Kontrast zu den zwar nicht minder erlesen fotografierten, aber deutlich aufgeräumter und klarer anmutenden 'All meine Sehnsucht' und Es gibt immer ein Morgen'. Dies lässt sich auch auf die Inhaltsebene übertragen: Ließ Sirk das melodramatische Element in den beiden genannten Filmen mit einer nüchtern artikulierten und deshalb umso schärferen Gesellschaftskritik kollidieren, und lieferte er so eine äußerst realistische Bestandsaufnahme des Phänomens „Liebe und Partnerschaft im 20. Jahrhundert“ ab, tritt die soziale Komponente in 'Der letzte Akkord' zugunsten des zwar ungehemmten aber auch unschuldigen Herzschmerzes zurück. Hatte Sirk zuvor geradezu subversive Melodramen gemacht, ist die Tragik dieses Films nun eine rein affirmative.

Das bedeutet aber nicht, dass ihm der Blick für gesellschaftliche Missstände gänzlich abhanden gekommen wäre: Für den weltgewandten Tonio Fischer ist es etwa völlig selbstverständlich, Helen rabiat zum Essenmachen in die Küche abzuschieben. Sein großzügiges Versprechen, sich gleichzeitig um die Befeuerung des Kamins zu kümmern, entpuppt sich indes als leer: Es reicht, ein brennendes Streichholz hineinzuwerfen. Und auch die Ehe von Tonio und Reni, die für den Dirigenten beinahe einer Gefangenschaft gleicht, aber mit Rücksicht auf den Status quo nicht aufgelöst werden kann, ist ein Hinweis darauf, dass gesellschaftliche Konventionen und Institutionen nicht immer im Dienste des Menschen stehen. Insgesamt werden diese Themen in 'Der letzte Akkord' aber weitaus weniger stringent und überzeugend entwickelt. So bleibt am Ende ein zwar nur durchschnittlicher Sirk-Film, doch auch ein solcher legt sich noch wie Balsam auf geschundene Sinnesorgane. 'Der letzte Akkord' ist eine absolute Augen- und Ohrenweide und ein Film, bei dem man hemmungslos dahinschmachten kann.

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Der Babysitter

(USA 1958, Regie: Frank Tashlin)

… Vater sein dagegen sehr
von Oliver Nöding

Die Filmschauspielerin Carla Naples (Marilyn Maxwell) hat ein Problem: Eine Schwangerschaft kommt ihren Karriereplänen in die Quere. Ihr Agent rät ihr, sich zurückzuziehen, ihr Kind unter Geheimhaltung zur Welt zu …

Die Filmschauspielerin Carla Naples (Marilyn Maxwell) hat ein Problem: Eine Schwangerschaft kommt ihren Karriereplänen in die Quere. Ihr Agent rät ihr, sich zurückzuziehen, ihr Kind unter Geheimhaltung zur Welt zu bringen und dann an jemanden abzugeben, um so von lästigen Mutterpflichten befreit ihren nächsten Film drehen zu können. Aber wer nimmt schon freiwillig ein Baby an? Carla fällt ihr alter Schulfreund Clayton Poole (Jerry Lewis) ein, der damals schwer verknallt in sie war und immer noch in der Kleinstadt Midvale lebt. Tatsächlich würde Clayton alles für seine große Liebe tun und so hat er plötzlich Drillinge am Hals, was für etliche Verwirrungen und Schwierigkeiten sorgt: Nicht zuletzt bei Carlas Schwester Sandra (Connie Stevens), die ebenfalls ein Auge auf Clayton geworfen hat …

'Der Babysitter' markiert Tashlins dritte Zusammenarbeit mit Jerry Lewis (nach den beiden Jerry-Lewis&Dean-Martin-Filmen 'Der Agentenschreck' und dem brillanten 'Alles um Anita') und den Auftakt einer überaus produktiven Partnerschaft mit dem Komiker, die fünf weitere Filme hervorbrachte. Lewis dritter Film als Solostar präsentiert ihn als Vater wider Willen, eine Rolle, die er im nachfolgenden 'Der Geisha Boy' erneut einnehmen sollte und die ihren Witz nicht zuletzt aus dem asexuellen Charakter der Lewis-Persona bezieht. Clayton wird als liebenswerter, aber etwas naiver Junggeselle eingeführt, der seine Jugendliebe längst noch nicht überwunden hat und sich in tiefer Melancholie suhlt. Tashlin siedelt die entsprechenden Szenen in einem wunderbar künstlichen Studiosetting an, das die Überlebensgröße von Claytons Empfindungen trefflich verbildlicht, und kontrastiert sie mit den gewohnt absurden Slapstickeinlagen und Lewis‘schen Grimassierereien. Gleich der erste Auftritt Claytons mündet in eine cartoonhafte Sequenz, die auf dem Dach eines Hauses beginnt und in einem wunderbar choreografierten Kampf mit einem Feuerwehrschlauch kulminiert. Ganz auf das komische Talent Lewis’ zugeschnitten sind auch die Szenen, die sich um die mehr oder minder erfolgreichen, aber immer rührenden Versuche Claytons, seine Schützlinge zu versorgen, drehen.

Selbst wenn man sich bereits daran gewöhnt hat, dass Lewis Solofilme Struktur zugunsten eines organisierten Chaos verwerfen, in dem sich der Hauptdarsteller erst voll entfalten kann, ist 'Der Babysitter' (immerhin von Preston Sturges mitverfasst) als „zerfahren“ zu bezeichnen. Es dauert ca. 40 Minuten, bis Clayton zum Vater wird, und in die verbleibende Stunde wird eine solche Unmenge an Handlung gezwängt, dass die Auflösung am Ende sehr forciert erscheint. Das liegt auch daran, dass 'Der Babysitter' mehr als die folgenden Filme Lewis‘ darum bemüht ist, eine echte Geschichte zu erzählen: Verhältnismäßig großes Gewicht wird auf den melodramatischen Aspekt gelegt, die ganz realen Probleme, die sich einem alleinerziehenden Vater stellen, anstatt Lewis lediglich Szenen zu bieten, in denen er sich austoben kann. Das ist schon deshalb nicht der ideale Ansatz, weil die Lewis-Persona sich schlicht nicht dazu eignet, an ihr geschlechterspezifische soziale Schieflagen zu verhandeln. Eigentlich ist das aber nicht weiter schlimm: 'Der Babysitter' ist anachronistische und immer auch etwas spießige Unterhaltung, der man aber einfach nicht böse sein kann. Tashlin – ein ehemaliger Cartoonist – inszeniert in knalligstem Technicolor, der Film ist eine Augenweide, Jerry Lewis legt eine unglaubliche physische Präsenz an den Tag und die Gags sitzen wie ein maßgeschneiderter Anzug. Verglichen mit aktuellen Vater-wider-Willen-Szenarios ist Tashlins Film nichts weniger als eine Meisterleistung.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Hallo, Page!

(USA 1960, Regie: Jerry Lewis)

Menschen im Hotel
von Oliver Nöding

Ein Blick in das luxuriöse Fontainebleu Hotel in Miami Beach und den Arbeitsalltag des trotteligen Pagen Stanley (Jerry Lewis), der sich mit strengen Vorgesetzten, hinterlistigen Kollegen, anspruchsvollen Gästen, eingebildeten Prominenten …

Ein Blick in das luxuriöse Fontainebleu Hotel in Miami Beach und den Arbeitsalltag des trotteligen Pagen Stanley (Jerry Lewis), der sich mit strengen Vorgesetzten, hinterlistigen Kollegen, anspruchsvollen Gästen, eingebildeten Prominenten und jeder Menge Gepäck herumschlagen muss …

Dass 'Hallo, Page!', Lewis’ Spielfilm-Regiedebüt (er hatte zuvor bereits fürs Fernsehen gearbeitet und einen Kurzfilm inszeniert), kein ganz gewöhnlicher Film ist, wird gleich zu Beginn explizit gemacht: Der Chef von Paramount (Jack Kruschen) warnt den Zuschauer, dass der eher eine Sammlung von „silly sequences“ zu erwarten habe. Und so ist es dann auch: 'Hallo, Page!' ist eine Sketchshow, in der es zwar durchaus wiederkehrende Motive, einen Schauplatz und einen Hauptcharakter, aber eben keine Handlung im eigentlichen Sinne gibt. Im Zentrum dieser Sketche (aber nicht aller) steht der Page Stanley, der von einem Auftrag zum nächsten gescheucht und dabei bis zum Schluss niemals zu Wort kommen wird. Dabei begegnet er nicht nur dem massiv gestressten Superstar Jerry Lewis, der von einer ganzen Entourage übereifrig serviler Bediensteter begleitet wird, sondern auch einem Stan-Laurel-Double sowie diversen anderen, meist nicht in den Credits angeführten Gaststars.

Wie man sich vorstellen kann, schwankt das Niveau der einzelnen Sketche deutlich: Ganz groß ist 'Hallo, Page!' immer dann, wenn Lewis sein eigenes Mienenspiel und sein physisches Geschick in den Mittelpunkt rückt, während „verbalere“ Gags heute nicht mehr ganz zünden wollen. Dennoch wird in jeder Sekunde deutlich, dass Lewis längst nicht nur ein Kasper ist, sondern seinen Erfolg vor allem einer bestimmten Weltanschauung verdankt. Diese tritt in 'Hallo, Page!' logischerweise stärker hervor als in den Filmen, die der Komiker zusammen mit seinem Stammregisseur Frank Tashlin gedreht hatte. Lewis’ Regiedebüt bezieht seinen Witz aus dem Zusammenprall des mondänen Settings, der banalen Aufgabe Stanleys, seinen Versuchen, diese würdevoll zu meistern, und der Ignoranz seiner Umwelt. Wenn er zur Schadenfreude seiner Kollegen mit größtem Eifer und pedantischer Akribie einen riesigen Zuschauerraum bestuhlen muss oder eine stille Minute nutzt, um auf einer leeren Bühne den Dirigenten zu spielen, reiht sich Lewis nahtlos in die lange Ahnengalerie großer Komiker ein, bei denen lustige wie auch tragische Elemente einträchtig nebeneinander existierten. Mit 'Hallo, Page!' gelang Lewis zwar kein Meisterwerk, aber dennoch ein Film, der andeutet, warum er später von der französischen Filmkritik – und sehr zum Unverständnis seiner amerikanischen Landsleute – als auteur gefeiert werden sollte.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

La Orca

(I 1976, Regie: Eriprando Visconti)

Im Bauch des Wals
von Oliver Nöding

Zum Ende hin macht sich eine große Leere breit: Protagonisten verschwinden, ohne dass sie eine Spur hinterließen. Anonyme und teilweise gar gesichtslose Kräfte mischen sich ohne Vorankündigung in die Handlung …

Zum Ende hin macht sich eine große Leere breit: Protagonisten verschwinden, ohne dass sie eine Spur hinterließen. Anonyme und teilweise gar gesichtslose Kräfte mischen sich ohne Vorankündigung in die Handlung ein, sabotieren dessen Erzählung durch ihre überfallartigen Eingriffe. Oft bleibt nicht mehr als eine aus dem Kontext gerissene Dialogzeile, die den Zuschauer über den Verbleib bis dahin noch wichtiger handelnder Figuren aufklärt. Was als lückenlose Chronik einer Entführung begann, endet als elliptische Reflexion über soziale Isolation und die Mechanismen der Macht und – damit verbunden – der Ökonomie, die so unausweichlich wie die Naturgesetze sind. Die Schärfe von Eriprando Viscontis Sozialkritik zeigt sich vor allem darin, dass er die Gesellschaft aus seinem Film subtrahiert.

Zu Beginn ist noch alles klar: Drei namenlose Ganoven entführen die junge Alice (Rena Niehaus), Tochter eines wohlhabenden Unternehmers und verschleppen sie in ein außerhalb von Mailand gelegenes, leerstehendes Bauernhaus. Dort wartet bereits der Vierte im Bunde, der unerfahrene Michele (Michele Placido). Während Michele gemeinsam mit einem Komplizen (Flavio Bucci) dafür zuständig ist, das Mädchen zu bewachen, kümmern sich die beiden anderen um die Abwicklung der Lösegeldforderung. Doch Alice‘ Vater ist anscheinend nicht bereit, zu zahlen. Die Isolation treibt den Naivling Michele – der meist allein gelassen wird – in die Langeweile und so schließlich in eine zunächst sexuelle, dann auch eine Liebesbeziehung mit seiner Geisel, die ihn davon überzeugen möchte, mit ihr zu fliehen und ihm eine gemeinsame Zukunft verspricht. Doch als die Polizei plötzlich anklopft, erweisen sich ihre Liebesbekundungen als eiskalte Strategie …

„La Orca – Gefangen, geschändet, erniedrigt“ erweist sich ganz entgegen seines reißerischen deutschen Verleihtitels, der einen sexistischen Exploiter verspricht, als vielschichtiger und raffinierter Genrehybrid aus Erotikthriller, Kriminalfilm und Drama, dessen expliziten Sexszenen weitaus weniger als Beleg eines abgefeimten geschäftlichen Kalküls als vielmehr krasse bildliche Konkretisierung seiner gesellschaftlichen Diagnose erscheinen. Die Geschichte einer Entführung mündet zunächst in das sattsam bekannte Szenario der sexuellen Erniedrigung/Verführung der Gefangenen/des Entführers, das sich schließlich in eine sadomasochistisch angehauchte Liebesgeschichte verwandelt, die das bis dahin vorherrschende Kräfteverhältnis auf den Kopf stellt, allerdings ohne, dass dies dem eigentlich die Position der Dominanz innehabenden Michele bewusst würde: Die verführerische Alice lässt ihn weniger passiv gewähren, als dass sie ihn aktiv herausfordert, sich ihr zu nähern, so sein Vertrauen gewinnt und die Grundlage für ihre Befreiung und seinen Untergang legt. Dass es sich bei ihm um ein unbedarftes und mittelloses Landei handelt und bei ihr um die gebildete Tochter aus gutem Hause, ist dabei kein Zufall.

Es sind vor allem die sich kontinuierlich auflösenden Nebenstränge dieser Geschichte, die nach und nach verdeutlichen, dass sich „La Orca“ nahtlos in das polemische klassenkämpferische italienische Kino jener Tage eingliedert, in dem die armen Schlucker am Ende immer den Kürzeren gegenüber den gewissen- und skrupellosen Reichen ziehen. Michele und seine Komplizen sind keine bösen Menschen, vielmehr werden sie von wirtschaftlichen Umständen in die Kriminalität gezwungen: So schmuggelt Micheles Kumpan Zigaretten, weil das Geld, das er mit dem Reparieren von Flipperautomaten verdient, nicht ausreicht, um sich, seine Geliebte und deren Kind über Wasser zu halten. Aber auch der Zigarettenschmuggel bringt kaum mehr als ein kleines Zubrot, das das Risiko, geschnappt zu werden, eigentlich nicht lohnt. Das System kann den Ausbruch dennoch nicht dulden und so werden die Kriminellen heimlich, still und leise, aber ungemein effektiv aus dem Verkehr gezogen: Der Kopf der Bande (Bruno Corazzari) wird von seinen Auftraggebern abberufen, weil die Polizei auf ihn aufmerksam geworden ist – er verschwindet ohne Abschied aus dem Film –, Micheles Partner wird plötzlich von mehreren Männern gestellt, ohne dass man erführe, wie sie ihm eigentlich auf die Schliche gekommen sind. „La Orca“ zieht sich im Verlauf seiner Spielzeit immer mehr zusammen, blendet die Außenwelt immer mehr aus, bis nur noch Michele da ist. Aber auch er wird nicht bleiben.

Seine Isolation in dem verrammelten Bauernhaus lässt sich durchaus als Bild lesen: Seine Welt ist klein, dunkel, schäbig, geprägt von den Bedürfnissen, die unmittelbare Stillung verlangen, und den Träumen, die ihn dazu antreiben, über die engen Grenzen hinauszugehen. Was er nicht sieht, ist der Kontext, in den er eingebunden ist. Draußen geht das Leben weiter und es spielt gegen ihn. Während er am Schluss in seinen ausgelatschten Sandalen verblutet, einen Tod stirbt, dessen genaue Umstände niemals ans Licht kommen werden, um seine Mörderin nicht zu belasten, die eiskalte Alice in ihr behütetes Haus zurückkehren kann, spielt der Drahtzieher hinter der Entführung, ein blinder alter Mann, Klavier in einem Ballsaal, den nie ein Gast zu betreten scheint, der dafür aber von einer ganzen Armee von Putzfrauen sauber gehalten wird. Wer solche Auftraggeber hat, dessen Leben ist tatsächlich keinen müden Pfifferling mehr wert. Und vielleicht war es das nie.

Hunger

(GB / IR 2008, Regie: Steve McQueen)

Schonungslose Passion
von Wolfgang Nierlin

Von den Rändern aus bewegen sich die Figuren in das Zentrum dieses außergewöhnlichen Films. Wie bei einer Stab-Übergabe lösen die Protagonisten einander ab, wobei sich die Gewichte verändern und die …

Von den Rändern aus bewegen sich die Figuren in das Zentrum dieses außergewöhnlichen Films. Wie bei einer Stab-Übergabe lösen die Protagonisten einander ab, wobei sich die Gewichte verändern und die Perspektiven verschieben. Genauso gut ließe sich aber auch sagen, dass das Zentrum von Anfang an in jeder Figur und in jeder Handlung anwesend ist, was eine enorme Spannung erzeugt. Das parataktische Konstruktionsprinzip der strengen äußeren Form lenkt also die Konzentration des Zuschauers unter weitgehendem Verzicht auf eine herkömmliche Dramaturgie und erhöht mit seinen radikal reduzierenden Verfahren zugleich den Druck im Innern des Dargestellten. „Hunger“, der Debütfilm des britischen Videokünstlers Steve McQueen, kultiviert eine Ästhetik des Verzichts und eine Poesie der Stille. In langen Einstellungen und intimen Detail-Aufnahmen auf Körper und Dinge gewinnt die elliptische Struktur an Dichte und Intensität.

Das äußerlich lokalisierbare Zentrum des Films und sein hauptsächlicher Schauplatz ist das berüchtigte Maze Prison, ein Hochsicherheitsgefängnis nahe der nordirischen Stadt Lisburn. Im Frühjahr 1981 tobt hier ein erbitterter Kampf zwischen IRA-Gefangenen und Wächtern als Erfüllungsgehilfen der zynischen britischen Politik. Weil die Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher den Häftlingen ihren Status als politische Gefangene aberkennt, beginnen diese mit dem sogenannten „schmutzigen Protest“: Sie weigern sich, Anstaltskleidung anzuziehen, sich zu waschen und ihre Haare schneiden zu lassen; und sie beginnen, mit ihren Exkrementen, die sie an Zellenwände schmieren und in die Gänge ableiten, einen Krieg zu führen. Die Anstaltsleitung reagiert mit erzwungenen Säuberungsaktionen, die von drakonischen Strafen und brutaler Folter begleitet werden. Politisch betrachtet, ist das ein „historischer Schock“. Doch mehr noch interessiert sich Steve McQueen dafür, was Menschen sich und anderen antun in einem permanenten Klima aus Repression, Gewalt und Angst.

Dessen grausame Verdichtung schildert der Film schließlich in dem vom charismatischen Bobby Sands (Michael Fassbender) angeführten Hungerstreik, in dessen Verlauf zehn Gefangene sterben werden. Vorangestellt ist diesem das etwa 20-minütige, in nur wenigen Einstellungen aufgenommene Gespräch zwischen Pater Moran (Liam Cunningham) und Sands, in dem es darum geht, ob der Kampf für die Freiheit und das Leben die Selbsttötung erlaube. Was dann folgt, ist die schonungslose Darstellung eines nackten Sterbens, einer Passion, die in einem qualvollen Hungertod endet. Während in der ersten Hälfte von „Hunger“ das existentielle Geschehen in den Schmutz und die Dunkelheit der Gefängniszellen getaucht ist, dominiert nun eine klinisch-reinliche Helligkeit, angefüllt mit sorgsamen Gesten, unter denen das Leben allmählich unter extremen Schmerzen verlöscht. Auf einem Krankenbett wird ein ursprünglich gesunder Mensch im Verlauf von 66 Tagen durch Staatsbedienstete „zu Tode gepflegt“. Ein extremer Tabubruch und nicht verjährender Skandal!

Shame

(GB 2011, Regie: Steve McQueen)

In der Falle
von Wolfgang Nierlin

Die Kreisstruktur, die Steve McQueens neuen Film „Shame“ charakterisiert, ist auch den Bewegungen seines Helden Brandon (Michael Fassbender) implementiert. Die Routinen seines Alltags, in der Exposition als Zeitschleife sich wiederholender …

Die Kreisstruktur, die Steve McQueens neuen Film „Shame“ charakterisiert, ist auch den Bewegungen seines Helden Brandon (Michael Fassbender) implementiert. Die Routinen seines Alltags, in der Exposition als Zeitschleife sich wiederholender Handlungen und Abläufe inszeniert, kreisen wie sein Denken permanent um Sex. Dessen Realisierung ist immer schon die Vorstufe für die nächste Phantasie und für ein Begehren, das sich selbst verzehrt. Andererseits erzeugen die Gedanken einen fortgesetzten, triebgesteuerten Handlungsdruck. Brandon ist ein Sexsüchtiger, der fast schon krankhaft masturbiert, die Dienste von Prostituierten in Anspruch nimmt, exzessiv Pornos konsumiert und wie ein Besessener Frauen jagt. Emotional unfähig, eine normale Beziehung mit einem anderen Menschen einzugehen, entwickelt er einen unstillbaren Hunger. Dabei ist es gerade die schamvoll empfundene Leere nach dem Koitus, die den Teufelskreis seiner Begierde in Gang hält und ihn so zu einem Gefangenen seiner selbst macht.

Steve McQueen beschreibt Brandons Sexualität als Gefängnis. Demnach führt gerade ihre permanente Verfüg- und Konsumierbarkeit in die Unfreiheit. War es in seinem vorhergehenden Film „Hunger“ über den inhaftierten IRA-Terroristen Bobby Sands noch die Folter des Eingesperrt-Seins, die den Körper zu ebenso ungewöhnlichen wie schockierenden Widerstandshandlungen provozierte, so ist es in „Shame“ umgekehrt eine grenzenlose, egoistisch verstandene Freiheit, die den leistungs- und erfolgsgesteuerten Konsumenten zum Gefangenen macht. Steve McQueen thematisiert hier also die fragwürdige Freiheit der modernen Gesellschaft, die Züge einer fortschreitenden Entmenschlichung trägt. „Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur von schlechten Orten“, sagt einmal Brandons labile Schwester Sissy (Carey Mulligan), die an der Kälte dieser Gesellschaft zu zerbrechen droht.

Ihr Auftauchen in der aufgeräumten, sauberen New Yorker Wohnung ihres gutsituierten Bruders markiert einen entscheidenden Bruch und bewirkt eine empfindliche Störung von Brandons sexueller Ordnung. Die ungewohnte Nähe und Sissys Anspruch auf teilbare Gefühle erzeugen bei dem funktionsgesteuerten Junkie Entzugserscheinungen und klaustrophobischen Stress. Brandon wähnt sich „in der Falle“, wird förmlich krank und kann seine existentielle Krise auch nicht mit einer „normalen Beziehung“ zu einer Arbeitskollegin kompensieren. Im Gegenteil führt ihn sein diesbezügliches Scheitern auf einen exzessiven Selbstzerstörungstrip. Steve McQueen übersetzt diese Erschütterungen in einen Wechsel aus spannungsgeladener Ruhe und manischer Bewegung. Die distanzierte Sprache der Blicke löst sich dabei immer wieder auf in der abstrakten Nähe eines Geflechts von Körpern, die sich verlieren. Auch wenn das neue Werk des Turner-Preisträgers im Vergleich mit seinem Debütfilm ästhetisch weniger radikal erscheint, bleibt sein Kino doch außergewöhnlich kraftvoll.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Die Eiserne Lady

(GB 2011, Regie: Phyllida Lloyd)

Vorbiss und nicht vergessen!
von Drehli Robnik

Ideen und Ironien der Geschichte rund um Meryl Streep als „Die Eiserne Lady“ Nun hat also Meryl Streep ihren dritten Oscar, und tatsächlich macht es ja einigen Genuss, ihrem Spiel …

Ideen und Ironien der Geschichte rund um Meryl Streep als „Die Eiserne Lady“

Nun hat also Meryl Streep ihren dritten Oscar, und tatsächlich macht es ja einigen Genuss, ihrem Spiel in der Titelrolle von „The Iron Lady – Die Eiserne Lady“ zuzusehen. Unterstützt von ebenfalls Oscar-prämierter Maskenbildnerkunst, forciert Streep gegenüber der historischen Figur der Margaret Thatcher eine Ästhetik ultimativer Verkörperung:

Die 1979 bis 1990 als britische Premierministerin vehement privatisierende, heute dement halluzinierende Thatcher schwelgt in Erinnerungen (in Form von ausufernden Rückblendensequenzen oder etwa auch einem Home Movie auf DVD) und in Visionen (im Sinn von psychotischen Erscheinungen wie auch von Machtphantasien, an denen die greise Witwe so lange nach ihrer Amtszeit stur festhält). Dies zeigt „The Iron Lady“ ausgehend von der Vorführung eines Leibes, der barock ist – wuchtig bis wulstig in seinem Anblick, hinfällig in seiner Gebrechlichkeit und vanitas. Streep spielt sich durch Register und Nuancen, stellt dickbeiniges Schlurfen und verwirrtes Starren, vollentfaltetes Doppelkinn und bleiche Hängewangen unter taftdurchwölkter Haar-Corona ebenso aus wie das an Geräuschmusik mit leitmotivischen Samples gemahnende Soundspektrum von Thatchers Stimme: von den zum Ende hin atemlos gepresst herausgeknurrten Tiraden und mit Nachdruck an der Grenze zum Kreischen geflöteten Belehrungssermonen der Prime Minister-Jahre bis zum Hauchen, Seufzen und Räuspern in Thatchers einsam-seniler Gegenwart.

Als unverkennbar Oscar-Clip- oder Werkschau-Sequenz-tauglich stechen aus dem Film zwei thematisch und rhetorisch ähnliche Monologe der heutigen, greisen Thatcher hervor. In beiden erhebt sie sich – wenn auch jeweils erschöpft bzw. mit baumelnden Haxen sitzend – zu Größe und Wahn ihrer politischen Zeit: Einer viel jüngeren Bewunderin erklärt sie, dass es ja früher mal und insbesondere ihr selbst viel mehr ums 'doing' als ums 'being' gegangen sei. Später hält sie einem Arzt, der sie besorgt untersucht und sie auf ihre Gefühle als schon zu lange nicht so richtig um ihren Mann Trauernde anspricht, eine Standpauke: 'What am I bound to be feeling? People don‘t think anymore; they feel', sie hingegen interessiere sich für 'thoughts and ideas', und sie fügt eine sprichwortartige Kette von Transformationen an: 'Watch your ideas, for they become words. Watch your words, for they become actions. Watch your actions, for they become habits. Watch your habits, for they become your character. And watch your character, for it becomes your destiny. What we think we become.'

Wir werden, was wir denken: Damit ist bereits eine Analogie herausgestellt, auf die der Film insgesamt abzielt – zwischen einem idealistischen Ethos der ebenso zuchtstrengen wie solipsistischen Selbsthervorbringung durch Selbstführung und einem Zustand des Sich-Einrichtens in Illusionen, zumal im fortgesetzten häuslichen Zusammenleben und Plaudern mit den Erscheinungen des seit Jahren verstorbenen Ehemanns Denis. (Den 'alten Denis', stets zu Scherzen und Neckereien aufgelegt, spielt Jim Broadbent.)

Die seit jeher redselige rechte Regentin wahrt verbissen und mit Vorbiss die Form – und das tut gewissermaßen auch der Film, indem er Gestaltung und biografisches Sujet (quasi Idee und Werden) zu wasserdichter Einheit verschmilzt. Die One-Woman-Show einer hart arbeitenden, alles bis ins Detail kontrollierend bedenkenden, unbeirrten Virtuosin: Als das erscheint Streeps überragendes (dominierendes) Spiel ebenso wie der Lebensweg ihrer Figur – wobei Lady Thatcher aber eben doch von ihrer Abhängigkeit von der Außenwelt eingeholt wird. Darauf laufen einzelne Szenen hinaus – wenn etwa die alte Frau aus der Erinnerung an das geliebte Musical „The King and I“ heraus in einem Wohnzimmer-Walzer mit dem halluzinierten Denis schwelgt und beim Tanzen an eine Falklandkriegs-Memorial-Statuette auf einer Kommode stößt: schmerzvoller Sturz in die Realität, aus dem programmgemäß die Rückblendensequenz über das britisch-argentinische Neokolonialscharmützel von 1982 einsetzt –, aber auch der gesamte wehmütige Plot: Am Ende packt die Witwe die so lange bei sich behaltenen Klamotten ihres Mannes in Plastiksäcke und weist den Verstorbenen aus dem Haus, nicht ohne ihm dann aber doch noch ein verzweifeltes, vergebliches 'Not yet, Denis! I don’t want you to go!' auf den Flur nachzurufen.

In dieser Form führt – vielmehr: verweigert – der Film seine Auseinandersetzung mit der Politik und historischen Statur der Premierministerin, von der die Losung 'There is no such thing as society!' als einer ihrer notorischsten Aussprüche überliefert ist. (Der Satz stammt offenbar aus einem Interview mit dem Magazin Women’s Own von 1987, in dem Thatcher gegen die Idee sozialstaatlicher Verantwortung vom Leder zieht: Es gebe nur Individuen und Familien und eben nicht dieses Etwas namens Gesellschaft, an das man sich im Bedarfsfall mit Versorgungsansprüchen wenden könne.) Thatchers antikonsensuale Konfrontations- und Zerschlagungspolitik gegenüber von der Arbeiter_innenbewegung durchgesetzten Institutionen und Organisationen (Lohn- und Steuergerechtigkeit, verstaatlichte Unternehmen, Gewerkschaften, Streikrecht) ist in diesem Satz verdichtet zum Programm einer Leugnung von Sozietät (Sozietät als Notwendigkeit zum konfliktuösen Ausverhandeln von Positionen). Der Satz könnte es locker mit Sentenzen vom Kaliber 'Watch your thoughts, for they become – your destiny' aufnehmen, kommt aber im Film nicht vor. Und doch ist er ein impliziter Ausgangspunkt für die Inszenierung, die hier eine politische Praxis in ein rein ethisches, stark ästhetisch zugeschnittenes Verhältnis zur Welt umdeutet: in den Versuch, die Außenwelt und deren 'Ansprüche' (auch deren 'Anrede') insgesamt zu leugnen und zu übertönen – durch Drohreden, unbeirrtes Flöten oder einmal auch durch lauten Musikeinsatz gegen die Zurufe des halluzinierten Ehemanns.

Diese Art von Ästhetisierung von Politik, die Solidarität und Anerkennung von In-Gesellschaft-Sein pauschal mit Empfindsamkeit gleichsetzt, zeigt uns Thatcher als Politikerin, die jegliche aisthesis, jegliche empfindende Wahrnehmung, verweigert. Sie ist halt eisern, und vor der Folie dieser Fühllosigkeit wird alles unterschiedslos eins: die unerschüttert durchlebten Bombennächte 1940, die offenbar die Jugendjahre der energischen grocer’s daughter prägen (Alexandra Roach spielt die junge Thatcher bis zu ihrem Eintritt ins britische Unterhaus); später die abweisende Männerwelt der kommunalen und parlamentarischen Politik; geifernde Labour-Abgeordnete im House of Commons; linke Demonstranten, deren Toben an ihrer Autofensterscheibe abprallt – schließlich noch die sorgenvollen Worte diverser Berater_innen, seien es Parteifreunde, ihrer Tochter oder der gemaßregelte Arzt.

Welt und Geschichte sind als musikunterlegte Montagesequenzen samt körnigem Video-Archivmaterial regelmäßig zwischen den intimen Dialogschlüsselszenen (bei denen Figuren frontal auf Thatchers Blickperspektive zu agieren) aufgefädelt. Vor dem Hintergrund solcher Nivellierung und Paketierung fällt umso mehr auf, dass der Kalte Krieg, in dessen Kontext Thatcher von sowjetischer Seite ihren filmtitelgebenden Beinamen erhielt, in „The Iron Lady“ kaum eine Rolle spielt. Die sowohl in der neoliberalen Wirtschaftswende als auch im globalen Systemkonflikt so wirkmächtige britisch-amerikanische Allianz der 1980er ist hier auf Episoden im Verhandlungsvorfeld und im propagandistischen Nachspiel des Falklandkrieges reduziert: Thatcher maßregelt den zur Diplomatie ratenden US-Außenminister Haig mit dem Allzweckvergleich zwischen den Falklands und Pearl Harbor (Es gilt der argentinischen Junta energisch zu antworten, wie schon 1941), lässt dann eine feindliche Fregatte angreifen ('Sink it!') und den Krieg eskalieren, heimst dafür an der patriotisch bespielten home front tolle Beliebtheitswerte ein – und findet sich in einer weiteren traumartigen Walzerszene, die auf jene mit dem imaginären Denis antwortet, im Arm von Ronald Reagan. Dazu läuft nun die zeitgenössische Gröl-Proll-Punk-Nummer 'I‘m in Love with Margaret Thatcher' von den Nonsensibles – nicht das 'Shall We Dance' aus „The King and I“.

Der King ist dennoch nicht weit: Es liegt nahe, den Academy Awards-Erfolg dieser mehrheitlich britischen Produktion in eine Reihe mit dem ebenfalls britischen Vorzeige-Wohlfühlkultur-Vehikel „The King‘s Speech“ zu sehen, das 2011 u. A. für die beste männliche Hauptrolle (Colin Firth) und als bester Spielfilm mit Oscars prämiert wurde. Beide Filme zielen auf ein konsensuales Geschichtsbild ab, indem sie das Sensuale, Sinnliche, fokusieren: Sie zelebrieren jeweils eine 'rechte' (für Traditionalismus und konservative Institutionen stehende) Geschichtsikone als Subjekt, das sich der am eigenen Leib gemachten Erfahrung von Ohnmacht stellen muss: Der König reift an der Konfrontation mit seinem Mangel, den er unter der Führung seines Sprach- und mehr noch Seelentherapeuten anzuerkennen lernt. Die Premierministerin hingegen verweigert – selbst noch in allerdirektester, sich in Hautwülsten und Verwirrungen an ihr abzeichnender Konfrontation – die Anerkennung ihrer Endlichkeit als menschlicher Art, 'zur Welt' zu sein: Sie bleibt auf Linie, hört nicht auf guten Rat und geht lieber in ihrem Symptom auf; ihr Pendant zum Stottern ist das Festhängen in wiederkehrenden Visionen ('You can rewind it, but you can‘t change it,' scherzt der Traumgatte zu ihr, während sie sich mit der Fernbedienung des DVD-Players vor dem Home Movie eines Familienausflugs in den 1950ern abmüht). In beiden Fällen, in „The King‘s Speech“ und in „The Iron Lady“ (auch dies ein Film, der stark von der Synästhetik einer schrägen, großen Stimme zehrt), spielt sich die heute omnipräsente Führungskultur der Coaches, Berater und Gefühlstherapeuten zum ultimativen Gradmesser für demokratiefähige Politik auf – sowie nicht zuletzt als Instanz, die das sprichwörtliche Urteil der Geschichte fällt. An Thatcher werden wir, dem Film zufolge, offenbar in Erinnerung behalten (und möglicherweise noch als heroisch zugute halten) müssen, dass sie erklärter- und gelebtermaßen quer stand zum heutigen Imperativ des Feeling.

Vielleicht aber fügt sich die alte Thatcher zu guter Letzt doch in die gefühlte Heteronomie gegenüber der Wirklichkeit. In der Frage, ob sie nach dem schmerzlichen Abgang des halluzinierten Denis aus dem gemeinsamen Haus 'geheilt' ist, bleibt der Film uneindeutig; ein Bild der Eindeutigkeit allerdings erzeugt er mittels einer Wendung, durch die die Iron Lady schlussendlich einer Ironie ihrer Lebensgeschichte zum Opfer fällt: Zu von fern hereinklingenden Kinderstimmen (auch sie Halluzinationen: wer weiß?) zeigt die Schlussszene sie im close-up beim einsamen Abwaschen ihrer Teetasse – so viele Jahre nachdem sie als junge Frau auf Denis‘ Heiratsantrag mit der Erklärung geantwortet hat, sie werde niemals eine Hausfrau sein und sich mit dem Abwasch von Teetassen begnügen. Diese Wendung im Sinn eines 'Am Ende werden doch alle ganz klein' vollzieht sich in jenem quasipolitischen Register, in dem es notorischer Weise stets möglich war, Thatcher als bürgerlich-feministische Protagonistin weiblicher Selbstermächtigung qua Individualkarriere zu verstehen – oder misszuverstehen. Ironisch ist dieses Ende in Form einer Demutsgeste vor dem Schicksal der Hausfrau-und-Mutter-Rolle (auf die im Verlauf des Films mehrfach angespielt wird) auch unter einem anderen Aspekt: Meryl Streep brillierte in den letzten Jahren in mindestens zwei Hollywood-Rollen als redegewandte, Fäden ziehende rechte Politikerin, die aus einer (Groß-)Mutterrolle heraus agiert: als die so inzestuöse wie unbeirrt konspirative, die eigene Partei radikalisierende Mutter des jungen Neocon-Präsidentschaftskandidaten in „The Manchurian Candidate“ (2004), sowie als US-Politikerin, die in „Rendition – Machtlos“ (2007) ihre Tirade zur Befürwortung der Folterung von Terrorverdächtigen mit der Sorge um ihre Enkelkinder begründet und beschließt.

Mehr noch als an diese Rollen jedoch knüpft die erinnerungsselige mütterliche Margaret an „Mamma Mia!“ an, an das von Streeps Vokal- und Körperkünsten dominierte britische Erfolgsmusical von 2008. Die blumige Inszenierung stammte damals wie nun auch bei „The Iron Lady“ von Phyllida Lloyd, die nach ihrem Triumph in Sachen ABBA-Nostalgie offenbar dem Retro-Regiefach der Verkultung neokonservativer Ikonen treu bleibt. Ja, so waren die Seventies und Eighties: ABBA, Thatcher, bunte Klamotten, schrille Stimmen … 'Mamma Mia! Here I go again! My, my, how can I resist you?'

Es gibt immer ein Morgen

(USA 1956, Regie: Douglas Sirk)

Do the Robot
von Oliver Nöding

Der Spielzeugfabrikant Clifford Groves (Fred MacMurray) lebt in Los Angeles mit seiner Frau und seinen drei Kindern ein Leben voller Routine. Alle Versuche, aus dem Einerlei auszubrechen und die Flamme …

Der Spielzeugfabrikant Clifford Groves (Fred MacMurray) lebt in Los Angeles mit seiner Frau und seinen drei Kindern ein Leben voller Routine. Alle Versuche, aus dem Einerlei auszubrechen und die Flamme der Leidenschaft neu zu entzünden, werden von seiner Frau unterbunden und auch die Kinder nehmen ihren Vater längst als selbstverständlich hin. Eines Tages begegnet Clifford die erfolgreiche New Yorker Modedesignerin Norma Vale (Barbara Stanwyck), mit der er vor 20 Jahren nicht nur eine erfolgreiche Geschäftsbeziehung unterhielt. Zunächst ist es nur ein freudiges Wiedersehen alter Freunde, doch bald erkennen beide, dass ihnen mehr am anderen liegt …

Konnte man das Ende von Sirks drei Jahre zuvor entstandenen 'All meine Sehnsucht' – die Frau kehrt für ihre Liebe in das Umfeld zurück, das sie einst als Ehebrecherin stigmatisiert hatte – trotz aller bitterer Untertöne noch als Happy End verstehen, bleibt am Schluss von 'Es gibt immer ein Morgen' nur die traurige Erkenntnis, dass das Konzept vom Glück sich leider nicht immer mit dem Leben in unserer Zeit vereinbaren lässt. Soziale Zwänge lasten auf Clifford und Norma, aus denen sie nicht ausbrechen können: Familie und Karriere. Der Titel des Films hat eine ungemein bittere Note: Er suggeriert, dass man sein Leben jederzeit ändern könne, doch tatsächlich ist das nur eine Ausrede, die man sich vorhält, weil man die Wahrheit nicht ertragen kann. Clifford und Norma ergehen sich eine Weile in dem Traum, aus ihrem Leben auszubrechen, ihrem Herzen zu folgen und endlich das zu tun, wozu sie vor 20 Jahren nicht in der Lage waren. Doch es muss bei diesem Traum bleiben: Man ist eben nicht nur seines eigenen Glückes Schmied.

Diese bittere Erkenntnis fasst Sirk in wunderbare Bilder voller Tristesse und leiser Tragik. Sein beliebtestes Mittel ist es wohl, seine Protagonisten durch Fenster zu beobachten, als wolle er sie in einer Bestandsaufnahme festhalten: Das ist dein Leben, schau es dir gut an. Bei Sirk führt diese Betrachtung tragischerweise zu einer Selbsterkenntnis, die keine Konsequenzen mehr nach sich ziehen kann, weil alle Wege bereits verbaut sind. Clifford und Norma bleibt am Ende nur, sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern, Lebewohl zu sagen, umzukehren und nicht mehr zurückzuschauen. Beide müssen sich in ihr Schicksal fügen, wie Cliffords neuer Spielzeugroboter immer weitergehen, bis die Batterie leer ist. Viel trauriger und resignativer kann ein Liebesfilm kaum enden.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

Die schöne Hochzeit

(F 1982, Regie: Eric Rohmer)

Mädchenträume
von Oliver Nöding

Die aus einfachen Verhältnissen stammende Kunstgeschichtsstudentin Sabine (Béatrice Romand) steckt noch mitten in einer Affäre mit dem verheirateten Künstler Simon (Féodor Atkine) als sie einen Entschluss fasst: Schluss mit dem …

Die aus einfachen Verhältnissen stammende Kunstgeschichtsstudentin Sabine (Béatrice Romand) steckt noch mitten in einer Affäre mit dem verheirateten Künstler Simon (Féodor Atkine) als sie einen Entschluss fasst: Schluss mit dem Lotterleben, es wird geheiratet! Fest entschlossen sesshaft zu werden, braucht sie nur noch den richtigen Mann. Diesen glaubt sie wenig später auf einer Party im Haus der Eltern ihrer Freundin Clarisse (Arielle Dombasle) gefunden zu haben: Es ist der zehn Jahre ältere Anwalt Edmond (André Dussolier) …

Mit dem zweiten Film aus seinem Filmzyklus Comédies et proverbes widmet sich Rohmer einer Geschichte, die man sich gut als romantische Komödie vorstellen könnte: das naive Mädchen, das sich eine fixe Idee in den Kopf setzt und sich in den falschen Mann verliebt. In Hollywood käme natürlich irgendwann der unvermeidliche Mr. Right ins Spiel, den die Protagonistin erst nach etlichen Turbulenzen und emotionalen Verwirrungen als solchen erkennt und statt des ursprünglich Auserwählten in ihr Herz schließt. Bei Rohmer sieht das anders aus: Er konfrontiert den Zuschauer mit den abstrusen, aber umso vehementer vorgetragenen Vorstellungen Sabines und lässt den Zuschauer lange vor ihr erkennen, dass ihre Bemühungen zum Scheitern verurteilt sind; nicht nur, weil sie sich den Falschen ausgeguckt hat, sondern vor allem, weil ihre Liebes- und Lebenskonzepte schlicht nicht lebbar sind. Und den Mr. Right gibt es in Rohmers Film natürlich auch nicht.

In warmen Herbsttönen gefilmt, folgt 'Die schöne Hochzeit' viel stärker als noch der Vorgänger 'Die Frau des Fliegers' einer konventionellen Storyline, die eine starke soziale Komponente enthält. Das sichtbare Unwohlsein, das der erfolgreiche Anwalt Edmond im kleinen Reihenhäuschen von Sabines Mutter und in Sabines Mädchenzimmer empfindet, liegt nicht zuletzt in der sozialen Diskrepanz zwischen beiden begründet. Das „kleine“ Mädchen passt einfach nicht zu dem Anwalt der gehobenen Mittelschicht. Die vermeintliche Komödie verschont den Zuschauer also nicht mit unangenehmen Einsichten, zumal Rohmers Eigenart, seine Protagonisten lang und breit über ihr Seelenleben Auskunft geben zu lassen, die Naivität Sabines für den Zuschauer oft schmerzhaft offenlegt. Eine Parallele zu dem ungleich leichteren 'Die Frau des Fliegers' gibt es aber doch: Den Mann, der Sabine am Ende im Zug ein freudig-interessiertes Lächeln zuwirft, hat sie in der Eröffnungsszene im gleichen Zug ebenso übersehen wie er sie. Das Leben hält eben immer neue Überraschungen parat. Manchmal ist man nur zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sie zu bemerken.

Dieser Text erschien zuerst in: Remember it for later

The Artist

(F / B 2011, Regie: Michel Hazanavicius)

Eine wahre Geschichte der Illusion
von Wolfgang Nierlin

Die Reflexion über das Medium Film und seine Geschichtlichkeit bildet den Subtext von Michel Hazanavicius’ Neo-Stummfilm “The Artist”. Indem er mit einer Fiktion zweiten Grades beginnt und seinen Protagonisten George …

Die Reflexion über das Medium Film und seine Geschichtlichkeit bildet den Subtext von Michel Hazanavicius’ Neo-Stummfilm “The Artist”. Indem er mit einer Fiktion zweiten Grades beginnt und seinen Protagonisten George Valentin (Jean Dujardin) von einem Ort hinter der Leinwand auf sein seitenverkehrtes Abbild blicken lässt, reiht der französische Regisseur sein Werk ein in jene lange Traditionslinie von Filmen, in denen die Arbeit an der filmischen Illusion im Mittelpunkt steht. Als Film-im-Film markiert „The Artist“ immer wieder die Schnittstelle zwischen Realität und Abbild, Traum und Wirklichkeit. Die Rekonstruktion der Stummfilmära mit den Mitteln fiktionaler Brechung findet als Spiel mit dem Abbild gleich zu Beginn einen originellen Weg, um eine dramatische Liebesgeschichte zu etablieren: Während sich der ebenso gefeierte wie gefallsüchtige Stummfilmstar George Valentin im Blitzlichtgewitter sonnt, gerät sein weiblicher Fan Peppy Miller (Bérénice Bejo) mit aufs Bild und damit aufs Titelblatt der „Variety“.

„Who’s that girl?“, lautet die verfängliche Schlagzeile dazu. Und so kreuzen sich die Wege der beiden in sich abstufenden Fiktionalitätsgraden bald im Filmstudio, auf dem Set und in den erzwungenen Unterbrechungen der Dreharbeiten. Denn es ist gerade der bezaubernde Charme dieser Zäsuren, der die Illusion sowohl durchbricht als auch steigert. Nichts ist wirklich in „The Artist“; alles folgt einer spielerischen Logik der Kunst. Und doch erzählt der Film auch eine wahre Geschichte: Wie einerseits ein Stern sinkt und andererseits ein Star geboren wird und dabei am Ende einer Ära der Stummfilm vom Tonfilm abgelöst wird. In einer der diesbezüglich schönsten Szenen wird das offene Treppenhaus im Studio des Produktionschefs zur Metapher: Während George Valentin melancholisch und ernüchtert aus dem Olymp der Stummfilmstars herabsteigt, bewegt sich die Statistin Peppy Miller auf ihrem Weg zum Tonfilmstar treppauf.

Insofern handelt „The Artist“ vor allem vom Abrutschen eines Schauspielers ins Vergessen und den Suff; und umgekehrt proportional dazu vom gefeierten Aufstieg einer Schauspielerin. Von gesellschaftlichem und psychologischem Interesse erscheint dabei, dass diese negative Spiegelung nicht nur mit einer Umkehrung der Geschlechterverhältnisse, sondern auch mit einer regelrechten (materiellen) Einverleibung des Mannes durch die Frau einhergeht. Doch auch wenn sich daraus gewisse Parallelen zur derzeitigen digitalen Revolution im Kino ableiten lassen, plädiert Hazanavicius auf sehr unterhaltende und versöhnliche Weise für eine ästhetische Vermählung der Systeme und für die Integration des Alten ins Neue. Mit einem filmgeschichtlichen Augenzwinkern wird dabei der Stepptanz zum Vehikel für die Wahrung der Identität.

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Gandu – Wichser

(IN 2010, Regie: Kaushik Mukherjee)

Vom Wichser, der auszog, ein Ficker zu werden
von Oliver Nöding

Gandu (Anubrata) ist mächtig angepisst. Er ist arbeitslos, er hat nichts gelernt und keine Freunde. Mit seiner Mutter lebt er im Haus von Dasbabu, einem Café-Besitzer, der sich seine Hilfsbereitschaft …

Gandu (Anubrata) ist mächtig angepisst. Er ist arbeitslos, er hat nichts gelernt und keine Freunde. Mit seiner Mutter lebt er im Haus von Dasbabu, einem Café-Besitzer, der sich seine Hilfsbereitschaft mit Sex bezahlen lässt und dem Gandu dabei heimlich Geld aus der Tasche zieht. Die Lotterielose, die er sich davon regelmäßig kauft, sind zwar immer Nieten, aber solange es mit der Rapkarriere nicht vorwärts geht, sind sie der einzige Weg zum Reichtum. Auf seinen Streifzügen durch Kalkutta lernt er Rikscha (Joyraj) kennen, einen Rikscha-Fahrer und Bruce-Lee-Fan, der Gandu mit der Sinnlosigkeit dessen Lebens konfrontiert. Ein Ausweg aus der Leere sind Drogen und Sex: Denn Gandu ist ein Wichser, wortwörtlich, und immer noch Jungfrau …

„Gandu“ – Bengalisch für „Wichser“, „Versager“, Arschloch“ – ist ein Film des indischen Regisseurs Kaushik Muherjee (der sich hier nur „Q“ nennt), aber wahrscheinlich sogar mehr als das. Wenn das Bollywood-Kino das glitzernde Gewand des indischen Kinos ist, dann ist „Gandu“ der verschwitzt müffelnde Unterleib, der sich unter dem bunten Fummel verbirgt. Mit einer handlichen Digitalkamera und einem kleinen Haufen Unerschütterlicher im Guerilla-Verfahren gedreht, ist „Gandu“ fast schon als politisches Manifest zu bezeichnen: In Indien ist er aufgrund rigider Zensurvorgaben nach wie vor verboten, obwohl er über das Internet bereits eine große Schar von Fans gewinnen konnte und auf zahlreichen internationalen Filmfestivals mit Lob bedacht wurde. Vordergründig liegt dieses Verbot in den deftigen Hardcore-Einsprengseln begründet, die auch einem westlichen Kinopublikum vor den Kopf stoßen dürften, noch mehr aber wahrscheinlich an seiner unheimlichen Energie, der Zelebrierung des Rausches und der Wut, seiner beinahe bedrohlichen Körperlichkeit, die dem bunten, flüchtigen Eskapismus des Bollywood-Kinos unausweichliche Realität gegenüberstellt. Das kontrastreiche Schwarzweiß des Films erstickt jeden Anflug von Exotismus, zeichnet die Armenviertel Kalkuttas als von Dreck und Tristesse geprägte Orte und die eine Farbexplosion, nach der man sich sehnt, gibt es in einer der erwähnten Hardcore-Szenen. Musik lädt hier nicht zum Tanzen und Mitsingen ein, sondern wird sehr offensiv und aggressiv eingesetzt: Wütend bellt Gandu seine Raps über rohen Punkrock direkt in die Kamera, die Lyrics flackern in dicken Lettern dazu über das Bild wie Propagandaslogans. „Gandu“ ist dann auch kein Film, in den man sich gemütlich hineinsinken, von dem man sich wohlig umfangen lässt, sondern dem man sich unterwirft, von dem man sich wegspülen lässt wie von einer riesigen Flutwelle. Zuerst ist er eine sinnliche Erfahrung: Ohne auf ein Drehbuch zurückzugreifen, reiht Q Bilder und Ideen in frenetischer Abfolge aneinander, lässt sie klingen, bis daraus etwas entsteht oder verwirft sie und geht zur nächsten Szene über. Da tritt er in der Mitte des Films etwa selbst auf, als Filmemacher, der einen Film über den verdutzten Gandu machen will. Und während der noch staunt, laufen bereits die Credits zu „seinem“ Film – zum zweiten Mal in „Gandu“. „Gandu“ hat dann auch kein richtiges Ende, vielmehr franst er aus, verliert sich in seinen Einfällen, die sich auch für den Protagonisten als wirklicher als die ernüchternde Realität erweisen. Für Gandu sind seine Fantasien und Tagträume allemal lebenswerter als der Alltag ohne Perspektiven.

So beschrieben ist „Gandu“ tatsächlich ein Triumph des unabhängigen Filmemachens, der erhobene Mittelfinger gegen Dienstleistungs- und Konsenskino, gegen ein Kino, das seine Zuschauer einlullt, anstatt sie wachzurütteln, das ihnen nach dem Mund redet, anstatt sie zur Reflexion zu zwingen. In dieser Hinsicht kann man ihn kaum überschätzen, muss man den Mut, aber auch die ungezügelte Kreativität des Regisseurs und seiner Mitstreiter bewundern. Auf der anderen Seite ist „Gandu“ selbst ein flüchtiges Erlebnis. Nicht, weil er sofort wieder vergessen wäre, sondern weil er eigentlich nur in der direkten sinnlichen Erfahrung Präsenz zeigt. Es gibt keine Ideen, Gedanken oder tieferen Erkenntnisse, die man aus ihm mitnehmen könnte, die sich von seinen Bildern und seinem Rhythmus ablösen, aus ihnen filtern ließen. „Gandu“ ist tatsächlich ein bisschen wie der harte, ekstatische, Körpergrenzen überschreitende, in einem befreienden Orgasmus endenden Fick: Solange er andauert, gibt es nichts Besseres, aber seine Wirkung hält nicht lang vor. Und die Realität, sie sieht danach sogar noch ein bisschen trister aus als zuvor. Vielleicht muss man „Gandu“ am besten in einer nicht endenden Dauerschleife sehen. Oder ihn in das eigene Leben hineinbluten lassen. Wir sind letztlich alle nur kleine Wichser.

Barbara

(D 2012, Regie: Christian Petzold)

Hoss is the Boss
von Andreas Thomas

Wo Nina Hoss draufsteht, da ist auch Nina Hoss drin. Und das gilt auch für beinahe jeden Film von Christian Petzold, auch da ist Nina Hoss drin. Und jetzt ist …

Wo Nina Hoss draufsteht, da ist auch Nina Hoss drin. Und das gilt auch für beinahe jeden Film von Christian Petzold, auch da ist Nina Hoss drin. Und jetzt ist Nina Hoss Barbara und Barbara ist Nina Hoss. Ein Film, in dem Nina Hoss nicht verstockt auf dem Beifahrersitz eines Autos sitzt, ist quasi kein Film von Christian Petzold. Ob der Mann am Steuer dann Benno Fürmann ist oder wie in „Barbara“ Ronald Zehrfeld, ist quasi zweitrangig. In jedem Fall ist er in Nina Hoss verknallt und Nina Hoss ist die Spröde mit der verbiesterten Unterlippe bis ins Fratzenhafte hinein. Es vergeht auch kaum ein Film, in dem Nina Hoss nicht als „schöne“ Frau bezeichnet wird, jedenfalls wird sie immer so eingesetzt, als wäre sie eine, und daher verlieben sich stets ihre Co-Darsteller in sie.

Auch in „Barbara“ ist das so. Diesmal ist die latent beleidigte Nina Hoss in die Vergangenheit einer gelblich-ranzigen DDR versetzt – ein Platz, an dem sie mit Recht mucksch sein kann – , genauer gesagt strafversetzt, im Film und als Ärztin von der Charité Berlin in ein randständiges Kaff-Krankenhaus, das mit gefühlten 4 Ärzten gefühlte 9 Patienten zu versorgen hat, aufgrund ihres Ausreiseantrages. Diese Ranzigkeit der DDR-Verhältnisse (verkokelte Steckdosen, bröckelnde Hausfassaden) ist es wohl, meint man zunächst, die Nina Hoss zu ihrem Ausreiseantrag veranlasst haben, ein Begehr, das von behördlicher Seite in der DDR häufig nicht nur abschlägig beantwortet wurde, sondern das auch im Fall von Nina Hoss zusätzlich empfindliche Repressalien zur Folge hat, wie eine unverhohlene Dauerüberwachung und regelmäßige Wohnungs- und Leibesvisitationen. Damit nicht genug, scheint auch noch der leider grundsymphatische und gutaussehende und kräftige Oberarzt des Kleinstkrankenhauses auf sie angesetzt zu sein, oder wie soll sie sich erklären, dass er sie schon nach dem ersten Arbeitstag in seinem Auto (die Nina-Hoss-Kernszene) nachhause fahren will? Gibt es denn auch in der DDR noch so etwas wie Liebe? Muss ja wohl, wenn dieses ein Christian-Petzold-und-Nina-Hoss-Film ist, in welchem sich immer mindestens ein Mann in selbige verknallt. Und wie es ein Petzold-Hoss-Film will: einen anderen Verknallten gibt es nämlich auch schon. Noch bevor wir Zuschauer dazu kamen, hat sie mit jenem anderen, einem gutaussehenden und etwas halbseidenen Wessie (so eine Art sektschlürfender RTL-Bachelor) schon ein Liebesverhältnis gehabt, und sie hat es immer noch; so scharf ist man aufeinander, dass er extra aus dem Westen mit Mercedes und Chauffeur zum Waldrand angeritten kommt, um ihr, der nun wilden Nina Hoss, die Klamotten vom Leib zu reißen und sie auf dem weichen Moos der Waldleidenschaft zu nehmen. Observationsgefahr und übrigens auch gefährdete konkrete Fluchtpläne („Wenn du bei mir bist, kannst du immer ausschlafen, ich habe genug Geld“) müssen da mal zugunsten der Leidenschaft ignoriert werden.

Dass „Barbara“ ein klassisch gebautes Drama ist, zeichnet sich also schon hier ab, und, so viel sei versprochen, es bleibt klassisch und es wird immer klassischer: Eine (wie wir nun wissen) leidenschaftliche Frau zwischen zwei gutaussehenden Männern, und auch zwischen den beiden Gesellschaftssystemen, für die sie stehen. Arm, idealistisch und ein wenig gebeugt von den Verhältnissen der eine, gutaussehend, potent nach Augenschein und Brieftasche und etwas schnöselig der andere. Für wen oder was wird sich Barbara entscheiden? Problem und Herz oder Geld und Oberfläche? Ich nenne Nina Hoss hier bewusst bei ihrem Filmvornamen, weil diesem Wort, diesem Klang „Barbara“ im Film explizite Bedeutung zukommt; so spricht es der eine Mann eher mit Begierde, der andere eher mit Liebe aus und die Dritte, ein ihr anvertrauter schwangerer Teenager, welche gerade Gefahr läuft, von DDR-Erziehungsmaßnahmen kaputtgemacht zu werden, ruft ihren Namen laut und in Verzweiflung.

Für wen oder was wird sich Nina „Barbara“ Hoss also entscheiden? Das herauszufinden überlässt der Kritiker gerne dem Publikum, nicht ohne dieses spannende, wohl eines der spannendsten Nina-Hoss-Vehikel, zu empfehlen und nicht ohne darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass eventuelle Ähnlichkeiten mit Christine-Neubauer-Vehikeln oder mit Schwarzwaldklinik-Plots, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, hier nicht ganz zufällig sind. Sagen wir es mal so: Christian Petzold bringt ein wenig mehr Übersicht in die komplizierten Verhältnisse unserer Gegenwart und er verhilft auch dem Intellektuellen einmal dazu, etwa den Foucault zur Seite legen zu können und seinen ruhelos fragenden Gedanken einmal eine Pause zu gönnen, ohne dabei sein doch hohes Niveau verlassen zu müssen.

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Take Shelter – Ein Sturm zieht auf

(USA 2011, Regie: Jeff Nichols)

Schlechte Laune, schlechte Lage, schlechtes Wetter
von Carsten Happe

Ein Sturm zieht auf in Amerika, allegorisch ebenso wie im Wortsinn. Allein Curtis LaForche kann ihn erkennen, in seinen apokalyptischen Träumen, und nur er ist in der Lage angemessen darauf …

Ein Sturm zieht auf in Amerika, allegorisch ebenso wie im Wortsinn. Allein Curtis LaForche kann ihn erkennen, in seinen apokalyptischen Träumen, und nur er ist in der Lage angemessen darauf zu reagieren, zumindest sieht er sich schlicht dazu gezwungen. Curtis folgt der Aufforderung des Filmtitels und baut mit immer manisch werdender Besessenheit in seinem Garten einen Schutzbunker für sich und seine Familie.

Was zunächst wie ein stilles Psychogramm eines zunehmend verdrehten Geistes anmutet, entpuppt sich bald als in viele Richtungen und Lesarten interpretierbarer Thriller, der nicht zuletzt den Finger in die Wunde des amerikanischen Sozialsystems legt: Als Curtis aufgrund seiner Halluzinationen seinen Job vernachlässigt und schließlich verliert, kann seine Krankenversicherung nicht mehr die längst überfällige Operation seiner sechsjährigen, tauben Tochter übernehmen. Die Entfremdung von Familie und Freunden, das Eingestehen der eigenen Unzurechnungsfähigkeit und trotzige Festhalten an der fixen Idee des bevorstehenden Weltuntergangs, zumindest auf Curtis‘ eingeschränkten Horizont bezogen – Regisseur und Autor Jeff Nichols erweitert mit seinem zweiten Langfilm zwar sein Themenspektrum, bleibt jedoch dem schleichend eindringlichen, bisweilen obsessiven Charakter seines aufsehenerregenden Debüts „Shotgun Stories“ sowohl inhaltlich wie auch formal treu.

Mit zunächst bedächtigem Tempo arbeitet sich „Take Shelter“ der Unausweichlichkeit eines großen Dramas entgegen. Ganz bewusst ist der Film in einer Kleinstadt in Ohio angesiedelt, die Weite der Landschaft macht die Kräfte der Natur geradewegs spürbar. Aus der Ferne, nicht zuletzt in der mitunter poetischen Kameraarbeit von Adam Stone, klingt ein wenig von Terrence Malicks Inszenierungsstil an – und dass die ungemein talentierte Jessica Chastain ebenso wie in „The Tree of Life“ um die Balance kämpft und die Stimme der Vernunft repräsentiert, ist mehr als nur ein hübscher Zufall.

Michael Shannon hingegen gibt dem Wahnsinn ein Gesicht, auch er fraglos ein exzellenter Darsteller, wenngleich er hier vielleicht schon zu früh und eben auch wegen seiner auffälligen Physiognomie zum Psychopathischen tendiert, als dass er sich im finalen Drittel des Films noch glaubhaft steigern könnte, ohne an den Rand einer Karikatur zu geraten, ähnlich eines Jack Nicholson in „Shining'.
Der aufziehende Sturm allerdings entfaltet sich mit voller Wucht – und mit ihm ein Film voller eindrücklicher Momente, die lange nachwirken.

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Flying Swords of Dragon Gate

(CN / HK 2011, Regie: Tsui Hark)

Bewegungsskulpturen
von Lukas Foerster

Gleich am Anfang ein spektakulärer tracking shot, der Kamerablick fliegt von oben, aus dem Himmel, in einen Hafen hinein, hinein in die Takelagen einer ganzen Reihe großer, weit ausladender Schiffe, …

Gleich am Anfang ein spektakulärer tracking shot, der Kamerablick fliegt von oben, aus dem Himmel, in einen Hafen hinein, hinein in die Takelagen einer ganzen Reihe großer, weit ausladender Schiffe, rechts und links zischen da die Masten an einem vorbei, weit unten, in plastischer Schärfe, formiert sich langsam eine Welt. Ohne viel Vorlauf geht es dann hinein in die erste Kampfszene, es gibt, lernt man, die Ost-Verwaltung und die West-Verwaltung und außerdem Rebellen, die mit beiden nichts am Hut haben. Jedenfalls fliegen einem bald Schwerter und Balken um die Ohren, dass es eine Art hat. Nur Männer im ersten Kampf, aber es tauchen dann schnell die ersten Frauen auf, eine intrigante Konkubine und ihre flüchtige, schwangere Konkurrentin zunächst, es werden bald immer mehr, eine ist als Mann verkleidet und wagt besonders dreiste “wire fu”-Sprünge, eine andere, eine mongolische Rebellin, hat ein aufregendes Gesichtstattoo.

Gegen 'Flying Swords of Dragon Gate' sehen all die großen 3D-Produktionen, auf die Hollywood derzeit mit aller Macht setzt, all die 'Avatars' und 'Hugos', aus wie altmodische, museale Dioramen (von den “nachbearbeiteten” Flachheiten, von all den 'Thors' und 'Ghost Rider: Spirit of Vengeances', die nicht das Geringste anzufangen wissen mit der neuen Technik, gar nicht erst zu sprechen). Einzig einige fettarme B-Filme, allen voran Paul W.S. Andersons technisch imposanter 'Resident Evil: Afterlife', könnten als Vorstudien durchgehen, aber auch die verblassen schnell neben dem Meisterwerk aus Hongkong: Glasklar gebaut sind Tsui Harks Bewegungsskulpturen, sein Film beweist, dass sich die 3D-Technik auch mit schneller, hyperkinetischer Montage verträgt, wenn man sich auf die neue Sorte Bild wirklich einlässt und nicht bloß versucht, das ewiggleiche Schuss-Gegenschuss-Dauerfeuer samt großzügigem Unschärfebereich reliefartig aufzubrezeln.

Man könnte außerdem fast meinen, der Film sei auch in narrativer Hinsicht dreidimensional organisiert. Tatsächlich entfaltet sich 'Flying Swords of Dragon Gate' in erster Linie skulptural im Raum – und erst danach dramaturgisch in der Zeit: Im Zentrum steht das Dragon Gate Inn, von allen Seiten belagert, darunter befinden sich ein Labyrinth, eine verschüttete Mongolenstadt und ein Goldschatz, darüber, am Himmel, auf dessen wilde Farben die Kamera immer wieder schwenkt, braut sich ein farbenfroher Sandsturm zusammen, der es, wenn er denn schließlich loslegt, mit jedem Spezialeffektfeuerwerk Hollywoods locker aufnehmen kann.

Doch genug der Technik, so großartig sie auch ausschaut, ist sie doch nicht das, was den Film wirklich heraushebt aus dem Bewegungskino der Gegenwart. Vor allem gibt es da die Lust an der Intrige, die expandierenden, alles verschlingenden Lügengeschichten (Geschichten, die immer schon lügen, die gar nicht anders können). Um die Frauen entspinnen sich Melodramen, bei denen man nie so ganz sicher sein kann, ob sie nicht bloße Fabrikationen zwecks Vorteilsnahme sind, die Männer verkleiden sich gerne, imitieren einander, erfinden Passwörter, auf die sie irgendwann selbst hereinfallen werden, interpretieren Inschriften, die ein wenig tiefer in Geheimnisse hineinführen, auf deren Grund man doch nie gelangt und vermutlich sehr grundsätzlich nicht gelangen kann. Einfach nur er oder sie selbst, mit sich selbst identisch, ist niemand, einfach nur heroisch gleich gar niemand, die Gesamtwucht des Abenteuers ist größer als jedes Individuum und zersplittert die Identitäten. Am Ende brechen die Überlebenden in Lachen aus, man könnte denken, sie machten sich da über die heißgelaufenen Drehbuchautoren lustig, aber nein, im Gegenteil: Ein herablassendes, sich überlegen gebendes Lachen ist das gerade nicht. Eher ist es das Lachen derer, die erkannt haben, dass sie nicht immer Herr über das eigene Schicksal sein können; ein bescheidenes Lachen – aber kein ergebenes, resigniertes: wenn der nächste Goldschatz, die nächste Romanze lockt, sind mit Sicherheit wieder alle mit von der Partie.

Die Wurzeln des Films reichen weit zurück, bis zu King Hus 'Dragon Gate Inn' aus dem Jahr 1967, einem der Gründungstexte des modernen wuxia-Genres. 1992 hatte Tsui Hark sich schon einmal – als Produzent, Regie führte Raymond Lee – an einer Aktualisierung des Klassikers versucht ('New Dragon Gate Inn'). Der neue Film ist technisch betrachtet kein weiteres Remake, sondern ein Sequel, angesiedelt einige Jahre nach den Ereignissen in Raymond Lees Film. Immer wieder erinnern sich die Figuren, insbesondere Jet Lis Chow Wai On, der fast durchweg im melancholischen Modus verbleibt, an die Vergangenheit, vielleicht auch an verschiedene Vergangenheiten, es gibt so viele Handlungsstränge, dass man oft das Gefühl hat, im Film hätten sich verschiedene Paralleluniversen eher zufällig übereinander gelegt. Von hier, das merkt man doch recht schnell – und das ordentliche, aber leider nicht allzu glorreiche Einspielergebnis in Hongkong, wo man sich letztes Jahr lieber 'Sex and Zen 3D' angesehen hat, bestätigt das – wird eher kein Franchise ausgehen.

Tsui Hark ist als auteur schwer dingfest zu machen. Am ehesten erinnert er an die Autorenfilmer des klassischen Hollywoodkinos: wie diese arbeitet er durchweg in den tradierten Genres, mit den bewährten Motiven des populären Kinos und ringt ihnen immer wieder aufs neue überraschende, idiosynkratische Facetten ab. Wobei seine Filme inzwischen auch außerhalb ihrer Inszenierung ein widerständiges Moment besitzen: Tsuis längst nicht mehr ganz zeitgemäße Bemühungen um den federleichten Formenreichtum des inzwischen ebenfalls klassisch gewordenen Hongkongkinos der Siebziger und Achtziger Jahre setzen ihn in unbedingte Opposition zur staatstragenden, pompösen, mainlandchinesischen Geschichtsfilmerei eines Zhang Yimou und dessen Spießgesellen. Die Insignien des Imperiums sind für Tsui nichts als Verfügungsmasse, die alte Prunkstadt wird nur freigelegt, um ausgeraubt und dann gleich wieder im Sand begraben zu werden. Und der Kaiser ist eine Fälschung.

München 72 – Das Attentat

(D 2012, Regie: Dror Zahavi)

Ein Fernsehereignis
von Dietrich Kuhlbrodt

Eine saubere ZDF-Produktion, die die Geiselnahme auf der Olympiade 1972 in München nachspielt – bis zum Tod der Geiseln und Geiselnehmer im Kugelhagel der Polizei. Die Szenen sind entsprechend der …

Eine saubere ZDF-Produktion, die die Geiselnahme auf der Olympiade 1972 in München nachspielt – bis zum Tod der Geiseln und Geiselnehmer im Kugelhagel der Polizei. Die Szenen sind entsprechend der TV-Kriterien bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet. Die – bekannten – Schauspieler sprechen klar und nuancenlos; aber vielleicht ist auch der Ton im Studio nachsynchronisiert. Gezeigt werden für die ZDF-Zuschauer vorzugsweise Zuschauer, die vor 40 Jahren ZDF geguckt haben, live. „Das Fernsehereignis“, sagte damals ein ZDF-Moderator ergriffen, und heute befand Reinhold Elschot, stellvertretender ZDF-Programmdirektor, dass der „München 72“-Film „in bester Tradition der historischen Events des ZDF“ stehe.

Entsprechend fürsorglich wird des heutigen ZDF-Zuschauers gedacht. Bei einem Ortswechsel wird er durch einen Untertitel informiert, dass die Stadt Amsterdam in „Holland“ liege. Für Spannung sorgt ein ZDF-Reporter, der mit dem schon klassischen „gleich wird etwas geschehen“ die Aufmerksamkeit weckt. Den human touch vertreten die telefonischen Liebeschwüre eines Ehepaares („Ich liebe dich unendlich“). Vor allem aber sehen wir sauber sprechende Köpfe von Polizeibeamten und Vorgesetzten einschließlich – ausführlich – den bayerischen Innenminister, der leider wegen des Kompetenzwirrwarrs im Grundgesetz am Eingreifen gehindert ist.

Um den Beamtenlook des Films nicht zu beschädigen, verzichtet der ZDF-Film, abgesehen von den Liebeschwurszenen, fast gänzlich darauf, sich mit dem zeitgeschichtlichen Kontext des Attentats (Reaktionen in Israel und im Libanon) zu beschäftigen. Sehr klar wird aber herausgearbeitet, wofür das Attentat gut war. In der BRD wird von den sprechenden Beamtenköpfen die Spezialeinheit GSG9 gegründet, und diese wird in Mogadischu Geiselleben retten. Die Scharte von München ist ausgewetzt. – Wie gesagt, ein sauberer ZDF-Film.

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 03/12

The Artist

(F / B 2011, Regie: Michel Hazanavicius)

Tonlos, aber laut und sichtlich stolz
von Drehli Robnik

Tonlos, aber laut und sichtlich stolz: der Retro-Stummfilm 'The Artist' Wir schreiben Hollywood 1927. Ein alternder Stummfilmabenteuerheld erlebt einen jähen Abstieg; ein junges Starlet, offenherzig gegenüber dem aufkommenden Tonfilm und …

Tonlos, aber laut und sichtlich stolz: der Retro-Stummfilm 'The Artist'

Wir schreiben Hollywood 1927. Ein alternder Stummfilmabenteuerheld erlebt einen jähen Abstieg; ein junges Starlet, offenherzig gegenüber dem aufkommenden Tonfilm und Leuten im Allgemeinen, steigt allmählich auf. Beide grinsen: sie vor Elan, er zunächst in draufgängerischem Stolz. Und der wird sein Verhängnis: Er verweigert Sprechrollen, fällt in Suff, Armut, Depression bis hin zu Selbstmordabsichten. Kann das Herz der jungen Kollegin ihn retten?

Die rise and fall-Parallelstory fällt weit hinter den Grad an Komplexität, Reflexivität, Witz und Rührung jener Hollywood-Filme zurück, von denen sie abkupfert (die 1937er und 1954er Version von 'A Star Is Born', die Tonfilmeinführungsmusicalsatire 'Singin‘ in the Rain' von 1952; die wenig einträgliche Auktion des einstigen Stars stammt aus Vincente Minnellis 'The Band Wagon', 1953), und sie wäre nicht der Rede wert, käme sie nicht ohne Rede aus. 'The Artist' spielt nicht nur im Übergang zum Tonfilm, sondern ist selbst ein – nein, kein Tonfilm, sondern ein Stummfilm. Mit Zwischentiteln, in Schwarzweiß.

Abbildung des Inhalts in der Form: Das gilt hier auch für die Selbstüberschätzung des Helden, der artist sein will. Inszeniert vom Franzosen Michel Hazanavicius (mit dem Cast seiner auf ihre Art ebenfalls im Retro-Styling schwelgenden, regional erfolgreichen 'OSS'-Agentenparodien: Jean Dujardin, Bérénice Bejo), versprüht 'The Artist' Gesten des back to the roots, die treffsicher ankommen: Cannes und die Golden Globes vergaben Awards, Kritiken künden von wiedergefundener Liebe zur Essenz des Kinos, und wer mitreden will, muss diesen Film ohne Worte offenbar gesehen haben. Ist 'The Artist' also vorwiegend kultursoziologisch interessant, als Geschmacksdistinktionsvehikel für den Feinspitz in uns oder den inneren Bildungsbürger, der ins Kino slummen geht und nun stolz sein kann, einen Stummfilm ausgesessen zu haben, der ohnehin als crowd-pleaser angelegt ist? Jedenfalls muss man einiges darüber lesen und sich anhören, was dieser Film uns nicht alles gibt, das so lang an den Ton verloren war, und strukturell ist dieser Diskurs analog zu jenem Gerede, das glauben machen will, erst mit dem Einsatz von 3-D-Technik könne das Kino Tiefenwirkung erzeugen. (Als gebe es nicht haufenweise – zweifellos sprödere – Tonfilme, die wie 'The Artist' fast ohne Sprechen, mit wenig Geräusch und flächendeckendem Musikeinsatz daherkommen. Und wer auf Zwischentitel gar nicht mehr verzichten mag, kann sich ja an Mel Brooks´ 'Silent Movie' von 1976 ergötzen.)

Allein, eine solche ganz auf seinen Sinn als Konsum-Event und gemeinschaftserzwingende Diskursplattform abzielende Einschätzung wird diesem Film nicht gerecht; dafür ist manches an 'The Artist' dann doch zu drollig – und manches zu ärgerlich (weil drollig). Der Film bietet einige Beglückungen, die an Belästigung grenzen: Gags mit Hunderl (die sich in ach so witzigen Juryentscheidungen zur Vergabe von Spezial-Awards für tierische Darsteller fortsetzen), grinsender Chame bis zum Abwinken, plärrende Musik, die sich im Ton vergreift, indem sie sich in 'Vertigo' vertieft, in den Score zu Hitchcocks Ichspaltungsklassiker von 1958. So als ginge es in 'Vertigo', aus dem 'The Artist' vor allem das Musikthema der Rundum-Kamerafahrt-Kussszene zwischen James Stewart und Kim Novak zitiert, darum, in der Hingabe an fetischistisch-illusionäre Wiederbelebung vergangener Vor-Bilder sein Heil zu finden – wie es der neoliberale Selbstkorrektur- und Selbstneuerfindungsplot und das 'Lass dich verzaubern'-Diktat von 'The Artist' propagieren. (Wobei gilt: Nichts gegen Fetisch und Illusion, aber alles gegen das Heil.)

Anderseits sind da gediegene klassizistische Bildregie und Dekors; eine hübsche Frackpantomime; lustige Variationen von Ton-Bild-Beziehungen in alptraumhaften Szenen, die sich auf die drohende tönende Welt beziehen; weiters John Goodman (der in einer früheren Phase der Retrokultur, 1991 in Barton Fink' und 1993 in 'Matinee', in Satiren über Irrsinn und Marotten des alten Hollywood mitwirkte) in einer kleinen Rolle als Studioboss; ein netter Namensgag, dem zufolge die weibliche Hauptfigur Peppy Miller akronymisch so heißt wie die Darstellerin ihrer Rivalin, Penelope Ann Miller; schließlich ein streberhaftes, aber starkes Step-Finale. Ganz am Ende gibt es den ersten Ton aus menschlichem Mund – ein angespanntes Keuchen nach absolvierter Glanztanznummer – und dann den einzigen Sprechton: ,,Can you do one more?' wird das neue Traumpaar vom Regisseur des Films-im-Film gefragt, und der rundumerneuerte Star erwidert strahlend: 'With pleasure!' Nachdem hier alles Selbstabbildung eines gewitzten Kalküls ist, muss man das fast als Ankündigung verstehen, dass da noch mehr kommt. What will they think of next? Stummfilm – der neue Hype: Angeblich wird ,,Avatar 2' nun ohne Ton und in Blauweiß gedreht.

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Und wenn wir alle zusammenziehen?

(F / D 2011, Regie: Stéphane Robelin)

Pointenreiche Abkürzungen
von Wolfgang Nierlin

Einmal bedauert einer der Protagonisten, dass sich die Menschen im Allgemeinen leider zu wenig „um ihre letzten Jahre kümmern“. Das ist auch bei den fünf langjährigen Freunden in Stéphane Robelins …

Einmal bedauert einer der Protagonisten, dass sich die Menschen im Allgemeinen leider zu wenig „um ihre letzten Jahre kümmern“. Das ist auch bei den fünf langjährigen Freunden in Stéphane Robelins tragikomischem Ensemblefilm „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ zunächst nicht anders. Bis krankheitsbedingte Einschnitte in die persönlichen Lebensverhältnisse die Gruppe veranlasst, nach neuen Lösungen für ein wachsendes gesellschaftliches Problem zu suchen, das vor allem sie selbst betrifft. Und so gründen die zwei Frauen und drei Männer, die bereits alle über siebzig sind, kurzerhand eine Wohngemeinschaft, um möglichst frei und selbstbestimmt leben zu können.

Der ewige Liebhaber und fotografierende Erotomane Claude (Claude Rich), der nach einem Herzinfarkt in einem Seniorenheim landet, wird zum Auslöser für die Realisierung des unkonventionellen Projekts. Doch auch der zunehmend vergesslicher werdende Albert (Pierre Richard) und seine schwerkranke Frau Jeanne (Jane Fonda), eine emeritierte Philosophiedozentin mit großem Herz, können bald nicht mehr allein leben. Und so ziehen alle zusammen bei Jean (Guy Bedos), einem noch immer kämpferischen politischen Aktivisten, und seiner Frau Annie (Géraldine Chaplin) ein, die ein geräumiges Haus im Grünen besitzen; und einen Garten, der gerade für einen Swimmingpool umgegraben wird. Komplettiert wird die illustre Senioren-WG durch den deutschen Ethnologie-Studenten Dirk (Daniel Brühl), der den Alten in ihrem Alltag hilft und dabei Feldforschungen betreibt für seine Doktorarbeit über die „überalterte Gesellschaft“.

In Stéphane Robelins warmherzigem Film ist das Leben eine Baustelle, auf der die Protagonisten Konflikte austragen, Rückschläge parieren und dem Genuss frönen. In sanftes Licht und milde Farben getaucht, von einem altmodischen Charme und subtilem Humor getragen, etabliert der französische Regisseur ganz unspektakulär ein Setting für das routinierte Spiel seines prominenten Darstellerensembles. Dabei idealisiert er die Freundschaft, ohne ihre Verletzungen zu verschweigen. Trotzdem insistiert Robelin nicht aufs Schwere und seine Realität, sondern präferiert mit seiner Komödie den Tonfall leichter Unterhaltung und die an Pointen reichen Abkürzungen, die dafür nötig sind.

The Big Eden

(D 2011, Regie: Peter Dörfler)

Jede Sekunde schön leben
von Wolfgang Nierlin

Der für seine Anschauungen aufschlussreichste Satz des berühmten Playboys und Lebemanns Rolf Eden fällt gleich zu Beginn von Peter Dörflers Dokumentarfilm „The Big Eden“ und lautet: „An den Tod denke …

Der für seine Anschauungen aufschlussreichste Satz des berühmten Playboys und Lebemanns Rolf Eden fällt gleich zu Beginn von Peter Dörflers Dokumentarfilm „The Big Eden“ und lautet: „An den Tod denke ich nie.“ Und weil nach dem Leben nichts mehr komme, gelte es, „jede Sekunde schön zu leben“. Die Kunst der Verdrängung ist also ebenso Programm wie der gesteigerte Weltbezug; an die Stelle der Transzendenz tritt beim Partykönig Eden ein ekstatisches Lebensgefühl. Und dies drückt sich für ihn vor allem in seiner Liebe zu Frauen und Geld aus. Der materialistische Zusammenhang zwischen beidem ist für Eden ebenso offensichtlich wie einfach: „Wenn man Geld hat, hat man Frauen.“ Und diese Überzeugung des vom Glück begünstigten Gegenwartsfanatikers scheint das bewegte Leben des 80-Jährigen reichlich zu bestätigen.

Den biographischen Spuren und persönlichen Ausprägungen dieses Lebens folgt Peter Dörfler durch einen intimen Perspektivwechsel, indem er Edens verzweigte Familie zu Wort kommen lässt. Sieben Kinder von sieben Frauen zählt der Porträtierte zu seinen Nachkommen und von ihnen äußeren sich einige überraschend wohlwollend und hellsichtig vor der Kamera. Edens enthusiastischer Narzissmus, dokumentiert in zahlreichen Privatfilmen, seine kindliche Sehnsucht nach ewiger Jugend und Schönheit (wofür er sich mehrmals Liften ließ), seine Unterhaltungssucht sowie seine Lust an der Selbstinszenierung verdichten sich dabei zu den hervorstechendsten Merkmalen dieses „Spielers“ und „Manipulators“. „Die anderen größer machen als sie sind“, lautet Edens Maxime. Dem entspricht wiederum, dass viele Geliebte und Freunde noch Jahr später von seiner Großzügigkeit bewegt sind.

Doch trotz dieser Einblicke und Einsichten bleibt ein blinder Fleck, den Peter Dörflers filmische Strategie bewusst offen hält. Indem der Film die Jugend des 1930 in Berlin geborenen Juden Shimon Eden während seiner Zeit in Palästina und seine Erfahrungen im Unabhängigkeitskrieg von 1948 nachzeichnet, liefert Dörfler zwar mögliche Erklärungen für dessen forcierte Verdrängung der Vergangenheit und ihrer Schrecken, trotzdem geht es in seinem Film nicht um die Suche nach dem „wahren Kern“ des Porträtierten. Einer seiner klugen Söhne spekuliert gar, dass es einen solchen möglicherweise gar nicht gebe. Gefühle wie Eifersucht, Trauer und Schmerz bleiben jedenfalls ausgespart. Auch wenn sich darin Edens Arbeit an der eigenen Legende ausdrücken mag, bleibt dies doch auch Quelle einer Beunruhigung: Dass die Hülle vielleicht alles ist und der schöne Schein des Lebens dessen Essenz.

Ziemlich beste Freunde

(F 2011, Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano)

Streichelzoo für Unberührbare
von Carsten Moll

Im Zuge des anhaltenden Authentizitätswahns will auch dieser Film nicht darauf verzichten auf die „wahren Begebenheiten“ zu verweisen, auf denen er basiert. Dabei ist natürlich nichts an der Grundidee von …

Im Zuge des anhaltenden Authentizitätswahns will auch dieser Film nicht darauf verzichten auf die „wahren Begebenheiten“ zu verweisen, auf denen er basiert. Dabei ist natürlich nichts an der Grundidee von „Intouchables“, so der Originaltitel, von solcher Außergewöhnlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit, dass es einer Authentifizierung durch reale Ereignisse bedürfte. Der Film des Regie- und Autorenduos Olivier Nakache und Éric Toledano erzählt die bereits als Autobiografie verwertete Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo und seinem Pfleger Abdel Yasmin Sellou nach: Philippe ist ein reicher und kultivierter Franzose, der nach einem Paragliding-Unfall querschnittsgelähmt ist und in Depressionen versinkt. Erst durch die Freundschaft zu seinem lebenslustigen Pfleger Abdel, einem Algerier, gelingt es ihm, neuen Lebensmut zu schöpfen.

Wer noch nicht wusste, dass es möglich ist, sich mit Menschen anderen ethnischen und sozialen Hintergrunds anzufreunden, der kann das hier lernen und außerdem, dass das Leben nicht unbedingt die besten Geschichten schreibt. Das mögen sich auch die Macher von „Intouchables“ gedacht haben und so legen sie ihr Werk trotz Rückgriffs auf die „wahre Geschichte“ voll und ganz als Filmmärchen in der Tradition von Hollywood-Produktionen wie „Pretty Woman“ und „Sister Act“ an. Um das bekannte Schema reibungslos abklappern zu können, nimmt sich der Film einige Freiheiten: So lassen Nakache und Toledano etwa einen weiteren Algerier aus der französischen Öffentlichkeit verschwinden und ersetzen den Abdel aus der Wirklichkeit kurzerhand durch die Figur des Senegalesen Driss, während Philippe Philippe bleibt. Abweichungen und Übereinstimmungen zwischen Film und der Wirklichkeit, auf die so vehement hingewiesen wird, werfen Fragen auf, zum Beispiel warum aus Abdel überhaupt Driss wurde? Oder ob ein Charakter wie Philippe in einem französischen Spielfilm als Senegalese oder Algerier denkbar wäre und inwiefern das Weißsein als notwendiger Bestandteil der Figur angesehen wird? Oder anders: Würde das Publikum einen bürgerlichen, intellektuellen Schwarzen für glaubhaft halten?

Solche Fragen scheinen sich Nakache und Toledano nicht gestellt zu haben, denn sie erzählen völlig unreflektiert die alte Geschichte von der Erziehung des schwarzen durch den weißen Mann. Das Personal von „Intouchables“ mit seinen stummen asiatischen Masseusen, dem impotenten, intellektuellen Krüppel und nicht zuletzt dem zugleich kindlich-naiven und sexuell-aggressiven Schwarzen mag anmuten wie aus einer Satire à la „Adams Äpfel“. Tatsächlich bleiben die Stereotypen und Klischees aber unangetastet und werden nie ernsthaft herausgefordert. Stattdessen wird anhand fragwürdiger Karikaturen, die trotz aller Übertreibungen ja ihre Wurzeln in der außerfilmischen Realität haben sollen, eine kitschige Geschichte vom sozialen Aufstieg und der heteronormativen Liebe als Allheilmittel erzählt; Philippe ist am Ende von seiner Depression erlöst, was er Driss‘ Lektionen in Sachen Liebe, Authentizität und Coolness zu verdanken hat. Und Driss ist dank einem Anzug und Ausflügen in die bürgerliche Kultur zu einem neuen, besseren Menschen geworden, der die heile Welt von Philippes Villa verlassen kann. Das Publikum wird mit dem guten Gefühl entlassen, dass Driss mit seinem Wissen um Malerei und Versmaße bestens für die Welt da draußen gerüstet sei.

Die Prämisse der Geschichte und vieler ihrer Gags ist, dass man sich auf völlig überholte Vorstellungen von Gesellschaft und Kultur einlässt, um dann zuzusehen, wie deren Spießigkeit durch kaum weniger altbackene Ansichten entlarvt wird. „Intouchables“ scheint mit dem 21. Jahrhundert zu hadern, einzig Philippes Maserati ist auf dem neuesten Stand und wirkt dadurch wie ein Artefakt aus der Zukunft. Der Rest des Films ist Material aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. In diesem Kontext gilt das Bild von einem kiffenden Bürgerlichen schon als gelungene Pointe und Driss‘ Tanzeinlage vor Philippes verklemmter Verwandtschaft als subversiv und befreiend (obwohl man die Szene eigentlich schon 1996 besser im Musikvideo zu „Wannabe“ von den Spice Girls gesehen hat). Passenderweise hört der Kleinkriminelle aus den Banlieues hier keinen harten Hip-Hop, sondern tanzt am liebsten zu Discomusik aus den 70ern. Das sieht nicht nur lustiger aus, es lässt sich als Soundtrack auch sicherlich besser vermarkten.

Das Kinopublikum darf sich aber nicht bloß an harmlosen Witzen über piefige Vorstellungen von Oper und moderner Kunst ergötzen, sondern sich gleichzeitig auch den Banlieues, vermittelt durch graue Wackelbilder und Moll-Töne vom Klavier, ganz nah fühlen. Ernsthaft etwas zu sagen hat der Film zu beiden Welten nicht, die Vorstadt im tristen Sozialdrama-Look wirkt zudem seltsam isoliert vom Rest der Geschichte, die sich größtenteils in Philippes Villa abspielt. Auch viele der Nebencharaktere bleiben auffallend unbeteiligt und wirken deplatziert; Philippes pubertierende Adoptivtochter etwa ist nur ein einziges Mal mit ihrem Vater auch nur im selben Raum, ohne dass diese räumliche Trennung gleich als Reflektion einer inhaltlichen Parallele interpretiert werden könnte. Vielmehr verstärken solche Patzer den Eindruck von einem unausgereiften und oberflächlichen Drehbuch, das nicht nur frei von Überraschungen und Spannung ist, sondern Behinderung und soziale Not zu plot devices degradiert. Selbst für eine Wohlfühl-Komödie sind die Hindernisse und Widrigkeiten allzu schnell überwunden und Philippe-Darsteller François Cluzet betont die Behinderung seiner Figur zur Freude mancher KritikerInnen nicht zu sehr. Der vermögende Querschnittsgelähmte kann es sich leisten – wie es sich für Behinderte auf und vor der Leinwand gehört – normaler als normal zu sein. Die Schlüsselszenen seiner Wiedergeburt als glücklicher Mensch zeigen ihn nicht umsonst im Sportwagen und beim Paragliding.

Dass „Intouchables“ trotz seiner Formelhaftigkeit ein äußerst ungelenker Film ist, der unreflektiert fragwürdige Klischees en masse reproduziert, scheint den Großteil des Publikums und der Kritik nicht zu stören. Dazu ist alles zu sehr auf Gefälligkeit getrimmt, die Ironie angenehm sanft und die Witze schön vorhersehbar und harmlos; das Vorhandensein von Unmengen an Klischees und Stereotypen wird geradezu zu einer Notwendigkeit, wenn nicht zur Essenz des Unterhaltungskinos erklärt. Gleichzeitig darf man sich ein bisschen betroffen und interessiert an vermeintlich schwierigen Themen geben. Viel gefühlt wird da, aber auch von Solidarität und Utopie ist die Rede und fast schon meint man im Schlange-stehen-vor-dem-Kino einen politischen Akt zu erkennen, „Intouchables“ wird zum Film der Krise. Ob der Technokratie tatsächlich mit Alexandrinern und Disco beizukommen ist, wie der Film zeigt, darf weiterhin bezweifelt werden.

William S. Burroughs: A Man within

(USA 2010, Regie: Yony Leyser)

Einsamer Mensch
von Wolfgang Nierlin

Yony Leysers Dokumentarfilm über William S. Burroughs beginnt mit einem Zitat über den „Geruch des Todes“ und endet mit einer Tagebucheintragung über die „Liebe als Schmerzmittel“. Das ist gewissermaßen die …

Yony Leysers Dokumentarfilm über William S. Burroughs beginnt mit einem Zitat über den „Geruch des Todes“ und endet mit einer Tagebucheintragung über die „Liebe als Schmerzmittel“. Das ist gewissermaßen die emotionale Bewegung, die der materialreiche Film beschreibt. Doch zunächst ist der legendäre Beat-Poet bei einer Rezitation seines „Thanksgiving“ zu sehen und zu hören: Die Demontage des american dream, die „parasitäre“ Natur des Menschen und der eigene Außenseiterstatus erscheinen darin als Themen eines bitteren Abgesangs, der zugleich Schlaglichter wirft auf die künstlerischen Abweichungen dieses gegenkulturellen Avantgardisten. Doch nicht die Literatur mit ihren rauschhaften Sprachbewegungen und assoziativen Cut-ups steht im Mittelpunkt von Leysers Portrait-Film „William S. Burroughs: A man within“, sondern der Charakter und die wesentlichen Motive eines außergewöhnlichen Menschen.

„Ich aber wollte nicht die Kunst, sondern sein Leben auf Film erfassen: seine Persönlichkeit, seine Freunde und wen er beeinflusste“, schreibt Yony Leyser im Regiekommentar zu seinem Film. Und so lässt er viele Wegbegleiter, Freunde und Verehrer zu Wort kommen, deren Zeugnisse und Einschätzungen zugleich ihren eigenen künstlerischen Werdegang beleuchten. In diesem gedanklichen Austausch, der zwischen Bericht und Bekenntnis changiert, wird Burroughs‘ vielfältige Bedeutung als generationsübergreifende Integrationsfigur zwischen Beat, Pop und Punk deutlich. Mit der Beat Generation artikulierte der 1914 in St. Louis geborene Schriftsteller in den 1950er Jahren ein Gefühl der „geistigen Befreiung“, wie sein Mitstreiter Allen Ginsberg meint. Als Junkie und Waffenfetischist suchte er eine Verbindung zwischen Freiheit und Kontrolle, Exzess und Abhängigkeit. Und als (damals noch gesellschaftlich geächteter) Homosexueller führte er ein queeres Leben im Verborgenen.

John Waters, Patti Smith, Iggy Pop, Laurie Anderson und Gus Van Sant sind einige der Befragten, die kenntnisreich und mitunter sehr persönlich ein Bild von Burroughs zeichnen und seine Bedeutung für ihre eigene Entwicklung betonen. Dabei wird auch deutlich, dass der aus der Oberschicht stammende Portraitierte zeitlebens ein distanzierter Einzelgänger war, der sich weder Regeln unterwarf noch von irgendwelchen Gruppen vereinnahmen ließ und dem es schwer fiel, Gefühle zu zeigen. Insofern lässt sich Burroughs‘ eingangs erwähnte letzte Tagebucheintragung auch als spätes emotionales Bekenntnis eines einsamen Menschen verstehen.

Der Junge mit dem Fahrrad

(B / F / I 2011, Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne)

Suche nach Liebe und Vertrauen
von Wolfgang Nierlin

Wie Rosetta, die jugendliche Titelheldin aus einem früheren Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, so ist auch der 12-jährige Cyril (Thomas Doret) aus ihrem neuen Werk „Der Junge mit …

Wie Rosetta, die jugendliche Titelheldin aus einem früheren Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, so ist auch der 12-jährige Cyril (Thomas Doret) aus ihrem neuen Werk „Der Junge mit dem Fahrrad“ in ständiger Bewegung. Anfangs versucht er mit wütender, aber sehr zielgerichteter Energie aus einem Heim zu fliehen, um seinen Vater zu suchen, der ihn verlassen hat. Dabei wirkt er wie ein Getriebener, der seine innere, kaum zähmbare Unruhe in körperliche Aktivität übersetzt. „Ich träume nicht“, sagt Cyril, der sich nur schwer kontrollieren lässt und kooperatives Verhalten verweigert oder hintergeht. Wie ein Tier in freier Wildbahn, schutzlos und zugleich unbändig, ist der Junge seinen unverstandenen Gefühlen ausgesetzt. Sein rotes T-Shirt wirkt dabei wie ein Signal seines Protests.

Sehr nah und körperlich direkt inszenieren die belgischen Autorenfilmer die atemlose Suche ihres Helden nach Liebe und Vertrauen; und situieren diese in einem genau dargestellten sozialen Kontext. Erst als Cyril auf die Friseurin Samantha (Cécile de France) trifft, die ihn vorbehaltlos annimmt und ihm hilft, sein verloren geglaubtes Fahrrad wiederzubeschaffen, gewinnt er ein Mindestmaß an Stabilität. An den Wochenenden werden Samantha und ihr Freund Gilles (Fabrizio Rongione) für ihn zu einer Art Ersatzfamilie, die allerdings der Zerreißprobe nicht standhält. Als Cyril endlich seinen Vater Guy (Jérémie Renier) wiedersieht, heftig um ihn wirbt, aber damit konfrontiert wird, dass dieser nichts mehr von ihm wissen will, überträgt er diese Zurückweisung auf seinen „Ersatzvater“.

Mit einem elliptischen Erzählstil verdichten die Brüder Dardenne ihr intensives Drama über ein ausgesetztes Kind zu einer episodisch strukturierten Entwicklungsgeschichte mit vielen Rückschlägen. Deren Episoden werden von einem wiederkehrenden Streicher-Thema aus Beethovens 5. Klavierkonzert befriedet. Die von den beiden Regisseuren formulierte Ablehnung psychologischer Erklärungen verhindert jedoch nicht, dass ihr Film reich ist an emotionalen Verwicklungen und Widersprüchen. Als Cyril schließlich von dem Kleinkriminellen Wes (Egon di Mateo), der ihm Anerkennung und Respekt zollt, zu einem Verbrechen verführt wird, eröffnet der Film einen Kreislauf aus Schuld und Sühne, Rache und Vergebung; dieser wird schließlich auf geradezu märchenhafte Weise durchbrochen. Erst auf einer langen nächtlichen Fahrradfahrt kann sich Cyril von seinem Vater lösen, stirbt eine Hoffnung, um einem neu gewonnenen Vertrauen Platz zu machen.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

In Darkness – Eine wahre Geschichte

(D / P / CAN 2011, Regie: Agnieszka Holland)

In den Katakomben des Marienhof
von Ulrich Kriest

1943. Deutsche Sondereinsatzkommandos treiben nackte Jüdinnen in die Wälder um Lvov, um sie dort zu töten. Als das Ghetto von Lvov geräumt wird, flüchtet sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von …

1943. Deutsche Sondereinsatzkommandos treiben nackte Jüdinnen in die Wälder um Lvov, um sie dort zu töten. Als das Ghetto von Lvov geräumt wird, flüchtet sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Juden in die Kanalisation der Stadt, um sich dort zu verstecken. Der polnische Kanalarbeiter Leopold Socha, der sich wie kein Zweiter in der Kanalisation auskennt, wittert eine lukrative Chance zur Einkommenssicherung und bietet den Flüchtlingen an, ihnen gegen eine stattliche Entlohnung zu helfen. Socha tut dies aus rein materiellem Kalkül, antisemitisches Gedankengut ist ihm nicht fremd und gefährlich ist die Sache obendrein, denn demjenigen, der Juden hilft, droht die Exekution.

Die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“, „Klang der Stille“) hält sich einiges darauf zu gute, dass sie ihr Personal als gemischte Charaktere angelegt hat. Damit meint sie, dass ihre Figuren Menschen sind, nicht nur böse Täter und edle Opfer. Im Presseheft wird sie geradezu »philosophisch«: „Wie war dieses unglaubliche Verbrechen überhaupt möglich? Wo war der Mensch in dieser Krise? Und wo war Gott? Sind diese Ereignisse und Handlungen Ausnahmen in der Geschichte der Menschheit oder zeigen sie unsere dunkle, innere Wahrheit? Betrachtet man die vielen Geschichten aus dieser Zeit, so zeigt sich eine unglaubliche Vielfalt von menschlichen Schicksalen: Mit Charakteren, die vor schweren moralischen und menschlichen Entscheidungen stehen und dabei sowohl die beste als auch die schlechteste Seite der menschlichen Natur offenbaren.“

Allerdings unterschlägt Holland, dass ihre Figuren exemplarisch für bestimmte Haltungen stehen: da gibt es den reichen assimilierten West-Juden und den orthodoxen Ost-Juden, es gibt den Juden, der bereit ist, sich zu wehren und denjenigen, der sich seinem Schicksal ergibt. Wie ein Theaterstück der fünfziger Jahre erzählt „In Darkness“ vom Holocaust anhand einer Schicksalsgemeinschaft, die in einer extremen Krisensituation Erfahrungen von Liebe, Freundschaft, Zweifel, Verrat und Ressentiments sammelt. Hier wird im Dunkeln also schwer gemenschelt. In einer Mischung aus Schulfernsehen und Daily Soap steht jede Figur und jede Szene für etwas: wenn Leopold antisemitische Vorurteile hegt, dann klärt ihn seine Ehefrau auf, dass auch Jesus Jude war, weshalb sich der Pole vom Saulus zum Paulus wandelt.

Richtig böse sind hier eigentlich nur die ukrainischen Milizen, die Jagd auf Juden machen. Holland scheut drastischen Naturalismus so wenig wie dreiste Kolportage, wenn sie erzählt, dass ein Neugeborenes getötet werden muss, weil sein Schreien die Gruppe verraten hätte. Natürlich befindet sich das Versteck direkt unter einer Kirche, was für den pathetischen Soundtrack zum fürchterlichen Geschehen sorgt. Holland taucht tief ein in die dunklen Regionen des Holocaust, will aber zugleich ein Zeichen der Hoffnung setzen, die in der menschlichen Solidarität wider alle Klassengrenzen und Konfessionen gründet. So steht ihr Film in der Tradition der Holocaust-Kolportage á la „Schindlers Liste“ und „Der Pianist“, die entschuldende Märchen vom Überleben des Genozids wider alle Wahrscheinlichkeit erzählen.

Und im Umfeld von „In Darkness“ kann man lesen, unter welch schwierigen Bedingungen gedreht wurde, um Bilder zu bekommen, die »realistisch« davon erzählen, wie es sich anfühlt, länger als ein Jahr unter ständiger Todesgefahr in einer Kanalisation, in Dunkelheit, Gestank und Feuchtigkeit zu überleben. Den Realismus des Re-Enactments von Unbeschreiblichem zu behaupten, ist allerdings mehr als nur geschmacklos, sondern führt zum Punkt, wo gerade die Behauptung der Darstellbarkeit das Verbrechen des Holocaust verharmlost. Und deshalb wollen wir wirklich nicht hören, welchen Schwierigkeiten die Kostümbildnerin („Kalter Wind, Luftfeuchtigkeit und Lichtmangel für Stunden sind unvergessen.“) und der Produktionsdesigner („Die Hauptanforderung an das Setdesign war seine Wasserfestigkeit.“) bei ihrer Arbeit am Realismus begegneten. Und wir wollen auch nicht die Schauspieler in Talkshows darüber schwadronieren hören, dass das Geschehen ja eigentlich unvorstellbar sei und mit welchen Strapazen die Dreharbeiten verbunden waren.

Dass „In Darkness“ nun auch noch als polnischer Kandidat ins Rennen um die „Oscars“ geschickt wird, ist zudem ein Affront gegenüber dem polnischen Regie-Altmeister Andrzej Wajda (bei dem Holland einst als Regisassistentin ihre Karriere begann), der bereits in den fünfziger Jahren mit „Der Kanal“ eine durchaus vergleichbare Geschichte künstlerisch und moralisch integer verfilmt hat.

Gefährten

(USA 2011, Regie: Steven Spielberg)

Vom Reiten zum Leiden zum Retten
von Drehli Robnik

Zu Fragen der Tradition, Ethik und Sichtbarkeit in Steven Spielbergs 'War Horse – Gefährten' Angesichts von ,,War Horse – Gefährten', Steven Spielbergs Zweieinhalbstundenepos über die Liebe eines britischen Bauernbuben zu …

Zu Fragen der Tradition, Ethik und Sichtbarkeit in Steven Spielbergs 'War Horse – Gefährten'

Angesichts von ,,War Horse – Gefährten', Steven Spielbergs Zweieinhalbstundenepos über die Liebe eines britischen Bauernbuben zu seinem Pferd in den Wirren des Ersten Weltkriegs, besteht einerseits die Möglichkeit, sich über all den Kitsch zu ärgern oder auch lustig zu machen; anderseits gibt es die Option, darüber zu jubeln, dass hier das Herz ungeniert regiert. Von beiden Möglichkeiten wird im journalistischen Diskurs ausgiebig Gebrauch gemacht. Was aber, fragt es sich aus Skepsis gegenüber dieser Entgegensetzung, ist so schlimm an der Rührung oder so schlecht am Denken? Eine dritte Alternative – die beherzigt, dass Rührung, so sie nicht dumpf sein will, immer auch Hirnsache ist –, ein vielleicht sinn- und reizvollerer Zugang zeichnet sich ab, wenn man versucht, dem zu folgen, was 'War Horse' an Auseinandersetzung bietet; davon ist vielleicht mehr da als von jenen triefenden Erfüllungen, gar Übererfüllungen, die den Film ganz zu dominieren scheinen. Die schlicht (oder schlichtweg reaktionär) anmutende Adaption eines Kinderbuchs von Michael Morpurgo entfaltet insbesondere ein breites Spektrum an Wendungen des Konzepts Tradition; das geschieht mal auf komplexe, mal auf prätentiöse Art, reich an inneren Spannungen.

Tradition ist zunächst die ländliche Welt des versoffenen, verbitterten Kleinbauern-Vaters (Peter Mullan) wie auch des fiesen Grundbesitzers (David Thewlis), der ihn auspresst. Setzt sich schon der Vater einen verhängnisvollen, später bereuten Moment lang über gute Sitte und ökonomische Vernunft hinweg, indem er seinem Grundherren und Gläubiger bei einer Versteigerung ein für die Landwirtschaft viel zu heißblütiges Prachtpferd vor der Nase wegbietet, so bricht sein Sohn Albert (Jeremy Irvine) vollends mit den Gepflogenheiten, und zwar indem er pflügt: Er beharrt darauf, den nunmehr Joey getauften Hengst, zu dem ihn eine innige Liebe verbindet, zu behalten, obwohl dessen Verkauf zwecks Erhalt der Pachtfarm dringend geboten wäre, und um das Pferd zu behalten, muss er beweisen, dass es sich – entgegen aller Programmatik der Biologie (des 'Blutes') und des bäuerlichen Brauchs – zum Pflügen des harten Bodens eignet.

Um die ineinandergeschachtelten hürdenförmigen Bedingungszusammenhänge und Deadline-Strukturen dieser zugespitzten Situation – Kann Albert mit Joey den steinigen Hang pflügen oder nicht? – auf die Spitze zu treiben, lässt der Film diese Prüfung unter den Augen von Alberts Eltern, sowie des Grundbesitzers und der halben Landkreisbevölkerung stattfinden – noch dazu bei Einbruch eines starken Unwetters . Die ebenso penetrante wie facettenreiche neoklassische Manier, in der Spielbergs Inszenierung generell in 'War Horse' Wetterstimmungen, Himmels- und Lichttönungen in die Bedeutungsregister des Geschehens einspeist, wäre ein Thema für sich. Noch prägnanter ist jedoch der Status der Pflugszene, bei der Joey vorne zieht und Albert im Pfluggeschirr hinten nach schiebt, beide verbunden im Gang an die Grenze zur Erschöpfung, als Eröffnung einer Reihe: Mit ihr beginnt – nach einigen Auftakten zuvor – eine Serie von verdichteten Schlüsselmomenten der Bewährung angesichts vorgegebener Hindernisse, Aufgaben, Fristen (so folgt etwa alsbald ein als Pferderennen gestaltetes Kavalleriemanöver). So etwas ist nun erstens eine wohlvertraute, erzklassische, traditionelle Erzählbauweise im insbesondere US-amerikanischen Mainstream-Kino. Zweitens ist der ,,Du schaffst es!'-Spirit, den die betreffenden Szenen in 'War Horse' versprühen (in Verbund zumal mit John Williams‘ flächendeckendem Score), hier mit dem Motiv des Traditionsbruchs kurzgeschlossen – ein liberales Modernisierungsmotiv, das wir als ebenfalls Hollywood-klassisch oder auch als neoliberal-flexibilistisch verbuchen können: etwa wenn später im Film, in Frankreich, ein Mädchen, das zum Reiten zu jung aber zum Bravsein zu forsch ist, sich das Pferd durch Sprungübungen und kühnes Ausreiten zu eigen macht, unter den halb skeptischen, halb stolzen Blicken ihres Großvaters. Spielbergs Szenen pferdig-erdiger Selbstbehauptung vollziehen sich meist unter den Augen von in close-ups einmontierten, fassungslos bis begeistert kopfschüttelnden Zusehenden.

Von der Kavallerie zum Kalvarienberg

Ausgehend und weggehend von solcher Ideologie und Jubelästhetik einer Feier von 'Hochleistungsbereitschaft' zeichnet sich drittens ein Übergang ab: Von eben diesen Szenen, ins Filmspektakel integrierten Spektakeln, geht immer mehr ein appellatives Moment aus, das das Zuschauen ethisch fordert, auffordert – zum Mitleid seitens des Filmpublikums, zum engagierten Eingreifen seitens der Filmfiguren. Dies nun insbesondere insofern, als viertens die (neo)liberalen 'Leistungstest'-Szenen in die Bildlichkeit einer anderen Tradition übergehen bzw. sie als deren virtuelles Moment hervorkehren, nämlich in die des Kreuzwegs: Ein Hauch von Golgatha tritt schon am leidvollen Pflügen auf dem Hügel hervor; vollends akut wird die christliche Ikonografie, wenn Joey und andere Gäule, mit drückendem Geschirr behängt, riesige Kanonen eine Anhöhe hoch ziehen, immer wieder unter der Last zusammenbrechend; oder wenn dieses eine Pferd unter vielen an der Front verwerteten sich am Ende als auserwähltes, nachgerade gesalbtes Tier erweist, dessen Stirnmal inmitten aller Wunden freigelegt wird, in einem Offenbarungsmoment, der von ritueller Waschung ebensoviel an sich hat wie vom neutestamentarischen Sujet des ungläubigen Thomas, der im emphatischen Sinn glaubt, als er 'sieht'.

Die genannte Szene steht am Ende einer Serie von Momenten, in denen unverblümt bekräftigt wird, dass es sich bei diesem Pferd um ein 'ganz besonderes' handelt (was insofern redundant anmutet, als der Film ja nach seinem tierischen Held betitelt ist und dieser, mehr als sein menschlicher 'Gefährte' schon das Plakatmotiv prägt), und vor allem am Ende des Ersten Weltkriegs. In diesen muss Joey ziehen, und er geht im Krieg – nahe oder direkt an der Front in Frankreich, eine Zeit lang in Begleitung eines zweiten Pferdes, mit dem er sich angefreundet hat – von Hand zu Hand. Ein britischer Kavallerie-Captain (Tom Hiddleston), der Joey dem Vater abkauft, bevor Albert das verhindern kann, zwei junge deutsche Deserteure, das bereits genannte französische Mädchen (Celine Buckens), ein gutherziger deutscher Heeres-Pferdepfleger, sie alle verbringen jeweils einige Zeit mit Joey. Die Erzählung, an der diese Begegnungen aufgefädelt sind, macht nach zwei Dritteln einen Zeitsprung von einem noch naiven Zustand zu Kriegsbeginn 1914 zur illusionslosen, infernalischen Endphase des Grabenkrieges im Herbst 1918 und ist gerahmt von zwei dramatischen Auktionsszenen, in denen Joey jeweils in die Hand eines Vaters bzw. Großvaters und aus dieser Hand erstmalig bzw. endgültig wieder in Alberts Arme gelangt.

Entlang dieses Plots fungiert das Konzept Tradition im Sinn einer steten Weitergabe, die mehr von Ausstreuung und Entortung denn von Stabilisierung an sich hat und anhand derer Spielberg eine Utopie verfolgt, die er am nachdrücklichsten in 'Schindler’s List' (1994) formuliert hat: die Utopie, dass an der Verdinglichung, an der Logik der Abstraktion und Austauschbarkeit, die (transhistorisch) der Bann der Repräsentation und (universalhistorisch) die kapitalistische Waren- und Tauschökonomie dem Leben auferlegen, ein rettendes ethisches Moment hervortreten könnte; dass das Austauschen-gegen in ein Preisgeben-für umschlagen könnte – etwa in Szenen der Selbstaufopferung. So tritt Joey etwa freiwillig an die Stelle eines völlig erschöpften Pferdes in die Reihe der zum Kanonentransport vernutzten Zugtiere. Ein Pferd, das sich opfert, das ist hier als (Ausnahme-)Fall von Erwachen eines ethischen Bewusstseins dort, wo keines vorgesehen ist, gesetzt, mitten im blinden Vollzug des physischen Überlebens nämlich, und dieses Erwachen hat ein vielleicht kaum weniger wundersames Gegenstück unter den Menschen, wenn gegen Ende ein britischer und ein deutscher Soldat im Niemandsland zwischen den Schützengräben jeweils ihr Leben riskieren, um Joey aus dem Stacheldraht zu befreien. Dass in 'War Horse' die meisten Weitergaben des Pferdes durch im besten Sinn haarsträubende Wendungen der Erzählung erfolgen und so die Regeln der Wahrscheinlichkeit immer schon einem höheren Walten unterworfen scheinen, das steckt den Horizont ab, in dem sich solche Akte vollziehen können; sie erscheinen dann gleichermaßen als messianische Interventionen der 'einen gerechten Tat' in einen unheilvollen Lauf der Geschichte wie auch als Formen einer Solidarität, die insofern Schwundformen und am Rand des Sozialen, vielleicht sogar 'asozial' bleiben, als sie sich auf gesellschaftlich unqualifiziertes tierisches Leben beziehen.

Wimpy Wimpel

Im Zeichen der Wendung zu Joey als zoé, zum Pferd als Inkarnation einer universalistischen Ethik des 'bloßen Lebens', gibt Spielberg den Ersten Weltkrieg als Initialmoment der Stiftung einer neuen Tradition zu verstehen: Der Krieg, der das Brauchtum und den Habitus der Reiter als Ritter im Maschinengewehrfeuer schlagartig hinfällig macht – in einer Kriegsszene reihenweisen Hinfallens, die in sich selbst noch eine überraschende Wendung nimmt –, dieser Krieg wird zur Chance, dass Albert nicht nur das geliebte Pferd zurückzugewinnt, sondern auch jenen Stolz, der seinem verbitterten Vater abhanden gekommen ist. Zur Chance wird der Krieg allerdings nicht direkt, sondern über zwei Umwege.

Zum Einen muss hier Alberts Mutter (Emily Watson) als Mittlerin einer Weitergabe fungieren, die zwischen Vater und Sohn nicht mehr gelingt: Sie gibt Albert einen Armeewimpel, den der Vater – nebst einem Hinkebein – aus dem Burenkrieg in Südafrika mitgebracht und in einer Kiste versteckt hat. Mutters Appell an Albert, er möge seine Träume nicht aufgeben und sich so jenes Vermächtnisses würdig erweisen, zu dem der seines Stolzes verlustige Vater selbst nicht mehr steht, dieser Auftrag trägt Züge jenes 'Earn this!', das der von Tom Hanks gespielte, ein mütterliches Fürsorge-Ethos umsetzender Ersatz-Vater am Ende von Spielbergs 'Saving Private Ryan' der Titelfigur mit auf den Lebensweg gegeben hat. (Wie sich Alberts Mutter, die an Vaters Vermächtnis appelliert, zur ebenfalls bäuerlichen Mutter Ryan verhält, die in Spielbergs Film von 1998 nur eine Szene lang von hinten und im Zusammenbruch über die Nachricht vom Tod dreier Söhne zu sehen war, wäre an anderer Stelle auszuführen.)

Vaters alter Armeewimpel, ein bedruckter, mit Tradition imprägnierter Fetzen bunten Stoffs, geht zusammen mit Joey durch den Krieg und die Prozession der Weitergabe und übernimmt ein Stück weit die Rolle der schon recht zerfetzten amerikanischen Fahne in der Friedhofsrahmenhandlung am Beginn und Ende von 'Saving Private Ryan'. Dass allerdings die nationale Fahne in der Schlusseinstellung dieses (ebenso de- wie rekonstruktiv angelegten) World War II combat movie wieder Objekt einer pathetischen Gruß- und Ehrerbietungsgeste sein konnte, verdankte sich einem Dreh, einer Wendung analog jener, die sich auch in 'War Horse' während des gesamten Erzählverlaufs vollzieht. Das ist der zweite Umweg, durch den Krieg zur Chance einer Neugründung wird, fast ein Selbstwiderspruch des Krieges: Die traditionelle nationalheldische Tugend des Mutes wird postheroisch umdefiniert, in Richtung der genannten Bekundungen von Empathie und Stellvertretungs-Selbstopfer – verbunden mit einer empfindsamen Zartheit im männlichen Auftreten (wie sie Jeremy Irvine als Albert oder Tom Hiddleston als Kavallerie-Captain anrührend spielen); und der Krieg als nationalstaatlich definiertes, industriell routiniertes obsessives Massentöten wird hier im Bild umgewendet zur Initialerfahrung eines Projekts der Rettung, das sich ebenfalls obsessiv, vielköpfig und -förmig vollzieht, allerdings in Akten gerade des Routinebruchs und des Absehens von lokal und national tradierten Identitätsmustern, und das sich auf das Kreatürliche schlechthin richtet, ultimativ verkörpert in Joey.

Hier werden zwei Probleme virulent. Der Vorwurf, dass Spielberg ein Ethos und ein säkular-messianisches Geschichtsbild der Rettung allzu pauschal einer Ideologie 'humanitärer Kriegsführung' und US-amerikanischer Interventions- oder Rechtsdurchsetzungspolitik mit militärischen Gewaltmitteln anheimzustellen bereit ist, dieser Vorwurf geht an 'War Horse' nicht vorbei; mit noch mehr Dringlichkeit ließ er sich gegenüber 'Saving Private Ryan' formulieren. Das ist das eine Problem. Das andere betrifft die Beschränkungen, die Spielberg hier wie auch schon in 'Saving Private Ryan' seinem Konzept der Rettung durch Weitergabe auferlegt. Er unterstellt nämlich, dass die Rettung doch durch eine Eigenschaft des zu rettenden Lebens verdient sein will, dass sie also nicht in messianischer, ethisch radikaler 'Beliebigkeit' erfolgt (um eine weitere Chiffre aus dem Inventar der Geschichtsapokalyptik und Rettungsethik von Giorgio Agamben zu strapazieren), sondern: In dem Tier, das sich wiehernd und zuckend im Geschirr aus Holz und Gestrüpp aus Stacheldraht verfängt (so wie die menschlichen Massen im kriegerischen Gestell aus Uniformen und Ledergurten bis hin zu Gasmasken und Brustpanzern aus Metall – Erscheinungsbilder, die in der Ausstattung und Ikonografie des Films stark betont sind), in diesem leidenden bloßen Leben lässt Spielberg uns eine Christus-artige Figur sehen, was möglich wird, weil dieses Tier nicht eine anzuerkennende, unhintergehbare Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit verkörpert, sondern eben etwas Besonderes ist – nicht im Sinn einer Singularität, die (wie die Liebe) keiner Begründung ihrer Besonderung bedürfte, sondern eben 'tatsächlich', weil Joey so stark, schnell, schön etc. ist und überdies mit allerlei Erbaulichkeiten assoziiert, die der Film uns kredenzt.

Dieses Zurückscheuen (um ein Pferdesinnbild zu gebrauchen) vor einer radikalen Beliebigkeit – einer, der Spielberg in anderen seiner filmischen Rettungsprojekte näher und treuer gewesen ist –, es geht in 'War Horse' einher mit Momenten der offenbar ungeprüften, unkritischen Übernahme von Bild-Traditionen, die sich zu Klischees verfestigen. Das gilt für die christlich überlieferten Bilder in diesem Film und mehr noch für andere: Die Begegnung der Kriegsgegner zwischen den Gräben, hier nicht um Weihnachten 1914 zu feiern, sondern um 1918 ein Pferd zu retten, diese sich als Wunder aufspielende Anekdote ist als Teil einer stumpf gewordenen Menschlichkeit-im-Krieg-Folklore wenig mehr als ein Klischee. Und da ist die Art, in der die Einführung des französischen Mädchens und seines Großvaters das (in den Südengland-Sequenzen bereits angeklungene) Beschwören bukolischer Idyllik auf die Spitze treibt: Mit dem silberhaarigen grand-père, ausgerechnet Marmeladenmacher von Beruf, und der entzückend gemeinten Göre, die gleich einmal mit einem Topf frischer Erdbeeren in ihrer gemütlichen, charmant vollgeräumten Bauernstube ins Bild kommen, fühlt man sich fast in eine Episode zwischen der kecken Heidi und dem gutmütigen Almöhi versetzt, wäre nicht die Anmutung eines Werbespots für französischen Landkäse aus den 1980er Jahren noch stärker. Ja, schön ist die Welt, in die ein so schönes Pferd mit so kräftiger Mähne gehört. (Das Mädchen und der am Ende allein übriggebliebene Großvater zeichnet der Film ja als die moralisch am meisten legitimen Anwärter_innen auf den Besitztitel an dem – ureigentlich zu Albert gehörenden – Pferd, umso mehr als grand-père aus dem salomonischen Dialog mit Albert nach der finalen Auktionsszene mit einer Geste großmütigen Verzichts auf das Tier hervorgeht; gerade der Verzicht jedoch, so wird deutlich, kann ihm die ersehnte Erinnerung an seine Enkelin wiedergeben.) Dass 'War Horse' eine Sensibilität mit bedient, die auf die Präsenz von Ponypuppen und Pferdepostern in Kinderzimmern hinausläuft, ist zunächst unter Chiffren wie 'Familienfilm', 'Kernzielgruppenmarketing' und 'Dauerauswertung qua Merchandising' subsumierbar (und sieht immer wieder auch genauso aus).

Wer ein einziges Pferdeleben rettet, rettet die ganze Welt.

Spielbergs Inszenierung, seine ästhetische Ausformung des rettungsethischen Programms, gibt also vor, uns jene hohen Werte der Güte und Schönheit und jene nahezu paradiesischen, jedenfalls aber idyllischen und unberührten Welten, die der Rettung wert sind, wirklich zeigen zu können. Das unterscheidet seinen Zugang zur Rettung des Tiers wesentlich von einem Klassiker des Kreatur-Kinos, der im Zusammenhang mit 'War Horse' oft genannt wird, nämlich Robert Bressons 'Au hasard Balthazar' (1965). In diesem Film war es ein Esel, der von Hand zu Hand geht und leidet, ebenso unverdient wie unsere Anteilnahme an ihm, soll heißen: Weit entfernt von der Idee, Balthazars Anblick könnte ein Faible für das Aufhängen von Eselspostern inspirieren, spannte Bressons Film eine unvermittelte Konstellation auf zwischen dem bewusstlosen Tierkörper (Bressons erklärtermaßen bestes 'Modell') und unserem empathetischen Blick auf ihn; und dieser Blick kann immer nur eine Projektion sein, der nichts Gegebenes, Begründendes entspricht und die darin – in den 'traurig' erscheinenden Eselsaugen – ihr Gegenüber findet; in etwa dies wurde oft als Bressons Idee christlicher 'Gnade' bezeichnet (und mit einer Salbung des neugeborenen Eseleins beginnt ja der Balthazar-Film).

Zu solcher Wendung zu einem beliebigen Leben schwingt sich 'War Horse', wie gesagt, nicht auf. Der Film erzählt, vielmehr: prozessiert, die Weitergabe eines Dings, eines verdinglichten Lebens, dessen Seele in unserer anteilnehmenden Wahrnehmung ruhen könnte, sofern dieses Zusehen nicht mit 'zuvorkommenden' Versprechungen eines Sehens-Werts überhäuft und dadurch blockiert wird – was aber eben in 'War Horse' geschieht (ein so schönes Pferd hat es eben verdient, dass wir ihm mitfühlend zusehen). Und daher fällt dieser Film etwa auch ab gemessen am Maßstab von Spielbergs 'A.I. – Artificial Intelligence' (2001) – jenem Stationenlaufmärchen rund um einen seelenlosen mechanischen Buben, das seiner dekonstruktivistischen tagline 'His love is real, but he is not' treu blieb (während 'War Horse' eher ein Programm 'Their love is real, because they are real[ly beautiful]' vorführt). Und man könnte da auch den im japanisch besetzten Shanghai spielenden Stationenlauf eines verwirrten Buben durch Krieg, Lager und Überleben im Medium von buying and selling in 'Empire of the Sun' (1987) nennen, um einen weiteren wenig geschätzten Spielberg-Film zum sozusagen werk- und projektimmanenten Vergleich heranzuziehen. Letztere Art von Vergleich scheint jedenfalls ergiebiger als wenn man, angestoßen durch die Ähnlichkeit von Bildern 'War Horse' als 'Anti-Kriegsfilm' an Kubricks 'Paths of Glory' (1957) messen wollte oder Spielbergs englische Landschaft, samt 'Kultivierung' eines 'Heims', an der irischen von Fords 'The Quiet Man' (1952). Dieser Ford-Vergleich liegt ja auch deshalb einen Moment lang nahe, weil die telepathische Kraft der Zuneigung, die das nichtmenschliche Wesen und den Menschenknaben so eng verbindet wie die Liebe zwischen Joey und Albert, in Spielbergs 'E.T. – The Extraterrestrial' (1982) just anhand eines Ausschnitts aus 'The Quiet Man' (und dessen re-enactment in der Filmhandlung) hervortritt. Aber 'War Horse' ist kein Film, der mit John Wayne denkbar wäre, auch dann nicht, wenn seine deutsche Synchronfassung 'Schlachtross' hieße, und die Ford’schen Wolkenhimmel münden ja bei Spielberg schlussendlich in das – seine Unechtheit breit ausstellende – Klischeebild der wiedervereinigten Familie vor dem roten Studiohimmel, der in Richtung 'Gone With the Wind' (1939) weist.

Neben dem musealen, restaurativen Gestus, mit dem 'War Horse' sich zur filmhistorischen Tradition Hollywoods stellt, reiht der Film sich eben auch in die Spielberg’sche Überlieferung ein, und die gilt insbesondere dem Versprechen einer Rettung durch Bild-Werdung – durch eine Verbildlichung, die filmisch ist, indem sie eben gerade nicht 'alles' zeigt, sondern auswählt, aus- und abblendet, das zu Zeigende herauslöst aus einem Unsichtbaren, das als Impliziertes mit zum Bild gehört. Spielberg, in dessen Film- und Fernseharbeiten der Zweite Weltkrieg in verschiedensten Formen und Registern dauerpräsent ist, hat mit 'War Horse' zum ersten Mal einen im Ersten Weltkrieg spielenden Film gedreht; dies im Vorfeld des neuen geschichtsschlüsselhaften Status, den dieser Krieg durch den 2014 anstehenden hundertsten Jahrestag seines Beginns mit geschichtsmedienkultureller Unweigerlichkeit wiedergewinnen wird (und übrigens zeitgleich mit zwei Arbeiten von Martin Scorsese, in denen der Ersten Weltkrieg als Einbruch traumatisierender Geschichte gegen die Glücks- und Lichtversprechen des Entertainment im Allgemeinen und des Kinos im Besonderen gesetzt ist: die Referenzen auf nachlastende, unaussprechliche Schrecken des Grabenkrieges als Fremdkörper in der Glamourstadt zu Beginn der Serie 'Boardwalk Empire'; die Rivalität zwischen dem Wunderwerk des fühen Kinos und der toten Mechanik des Krieges und der rationalisierten Wirtschaft, verdichtet im quasiprothetischen Doppelmotiv Damenschuhabsatz und Beinschiene in “Hugo”).

Spielbergs Erster Weltkrieg ist – bei aller Aufmerksamkeit auf Handlungs- und Ausstattungsdetails des Grabenkampfes – ein versetzter Zweiter, der wiederum über den Ereigniskern der nationalsozialistischen Massenmorde definiert ist. Der moderne industrialisierte Krieg erscheint hier vor allem als eine totalisierende Gewalt, die die Welt in Totaleinstellungen fasst, als ein Panoptismus, der es mit der Immensität der Landschaft selbst aufnimmt und deren majestätischen Anblick (in den endlosen Hügelweiten Südenglands) durch Panoramen zerfurchter oder mit Leichen übersäter Erde ersetzt. Die Vogelschau auf die vom britischen Kavallerieangriff zurückbleibenden Toten (Menschen und Pferde) könnte aus 'Saving Private Ryan' stammen, ebenso die beiden Szenen, die deutsches Maschinengewehrfeuer vorführen (close-up des Laufs bzw. Totale einer MG-Stellung von unten). Gegenüber der am Vorbild des MGs ausgerichteten Optik, die alles 'erfasst', ist das rettende Bild intim mit dem Nicht-Sehen und Abschatten. Das beginnt beim Thema des Versteckens: Wenn das französische Mädchen die beiden Pferde vor den die Farm durchsuchenden deutschen Besatzungstruppen in einer Dachkammer versteckt, um sie vor jener 'Vernichtung durch Arbeit' zu bewahren, der das eine Tier später doch zum Opfer fällt, dann steht dies in einer Reihe mit Spielbergs Holocaust-Inszenierungen (übrigens aber ohne an der in manchen Animal Liberation-Diskursen bemühten 'Tier-KZ'-Metaphorik anzustreifen).

In diesem Zusammenhang kommt etwas ins Spiel, was dem Käsewerbungsbauernidyll vielleicht doch eine Rechtfertigung erteilen könnte: Im Bild des silberhaarigen Großvaters, der den seinen Hof durchsuchen lassenden, genüsslich rauchenden deutschen Offizier im Gespräch von dem, was seine Enkelin versteckt, abzulenken versucht, hallt zum einen die prominente Bauernhof-Eröffnungsszene von Tarantinos 'Inglourious Basterds' (2009) nach, zum anderen das Bild des französischen Bauern in Gilles Paquet-Brenners Holocaust-Erinnerungsdrama 'Elle s’appelait Sarah – Sarahs Schlüssel' (2010), der 1942 ein jüdisches Mädchen vor der Gestapo versteckt und später adoptiert. Diesem Retter ebenso wie Spielbergs grand-père leiht Niels Arestrup sein markantes Antlitz. Seine uniformierten Gegenüber im Hof-Durchsuchungsdialog von 'War Horse', zwei deutsche Offiziere, einer plaudernd, der andere plündernd, werden von Darstellern verkörpert (Rainer Bock und Sebastian Hülk), die beide in 'Inglourious Basterds' kleine Parts als Wehrmachtsangehörige, sowie zeitgleich unterschiedlich große Rollen in Hanekes 'Das weiße Band' (2009) gespielt hatten – einem Film, der auf seine Art ein hochfragiles agrarisches Lebensgefüge in einen Ersten Weltkrieg münden ließ, der als Vorgriff auf den Holocaust verstanden sein wollte. Die betreffende, quasi 1914 wie auch 1942 spielende Dialogszene in 'War Horse', auf die die Offenbarung des Dachgeschoss-Verstecks der Pferde folgt, ist als halbtotale Plansequenz inszeniert, die in ihrer Kadrage das Motiv des tödlichen Alles-Sehens und der rettenden Verborgenheit noch einmal abbildet: Ein Gutteil des Bildvordergrundes ist verdeckt von Marmeladegläsern, die während des Gesprächs von den deutschen Plünderern sukzessive abgeräumt werden.

So wie dieser Sichtschutz aus Marmeladegläsern – ein Archiv konservierter Süßlichkeit – sich auflöst, wird auch das eingangs im Bild der frischen Erdbeeren verdichtete, picksüße agrarische Klischee-Idyll gehüteter Unberührtheit hinfällig: Der Großvater kann die Enkelin, so erfahren wir allmählich und etwas indirekt, weder vor der Wahrheit über den kriegsbedingten Tod ihrer Eltern bewahren noch vor dem Verlust ihrer geliebten Pferde an die Besatzer – und auch nicht vor ihrem eigenen Tod. Sein Monolog über französische Brieftauben, deren Mut darin besteht, dass sie, um eine Botschaft zu überliefern, das Grauen der Front überfliegen, ohne hinunterzuschauen, diese herbeigeschriebene Rede steht hier als eine der vielen, oft breitspurigen Spielberg’schen Variationen auf das jüdische Thema des Bildverbots (von 'Duel' bis 'War of the Worlds' …), auf die Tradition eines Gesetzes, das Unterbrechung fordert, Unterbrechung des Sehens und des Lichts. Dem gegenüber kulminiert das Vernichtungswerk des Krieges im Einsatz von Giftgas, das sich als weißer Nebel in einem Graben ausbreitet, bis es das Bild auslöscht im leinwandfüllenden Weiß eines totalen Lichts, das gleichbedeutend mit totaler Blendung ist (und Albert zum Opfer einer vorübergehenden Erblindung macht).

'Like God taking a photograph,' hatte der junge Survivor in 'Empire of the Sun' das Negativ-Wunder des Atombombenabwurfs auf Nagasaki kommentiert. Der Licht-Blitz rührt bei Spielberg von der Totalgewalt einer mythischen, über- oder unmenschlichen Macht; das Rettende und Menschliche hingegen ist dort, wo Licht gerahmt und gefiltert wird: So fallen seine markenzeichenhaften Lichtkegel hier etwa durch die Fenster des englischen Farmhauses; und die Wunderszene von der deutsch-britischen Pferderettung im Niemandsland wird vielleicht dadurch vor dem gänzlichen Absinken ins Klischee gerettet, dass sie zu einem Gutteil zwischen Silhouetten im Gegenlicht abläuft. Das Spielberg’sche Bild hält fest am Blockieren der Sichtbarkeit als Keim der Rettung mitten im Vollzug des massenweisen Mordens, das seinen Lauf nimmt und keineswegs beschönigt wird: Die beiden jungen deutschen Pferdenarren und Armeedeserteure (einen von ihnen spielt David Kross, der 2009 der 'Vorleser' einer einstigen KZ-Aufseherin war) gelangen nie in jenes Italien, von dem sie als Ziel ihrer Flucht schwärmen. (Vielleicht hätten sie nicht von den Reizen italienischer Mädchen reden sollen, denn das ist eine illegitime, unlebbare Position im Kino von Spielberg, das Sex nur in biopolitischer oder 'lebenstechnischer' Vermittlung zulässt.) Stattdessen werden sie am Fuß der Windmühle, in der sie und die beiden Pferde versteckt waren, exekutiert. Die Szene ist in einer schrägen Vogelschau inszeniert, bei der die sich im Vordergrund drehenden Flügel der Windmühle die Gewehrsalve und den Zusammenbruch der beiden jungen Männer abschatten wie die Umlaufblende eines Analogfilmprojektors im Kino.

Drive

(USA 2011, Regie: Nicolas Winding Refn)

Der Skorpion
von Wolfgang Nierlin

“Ich bin ein Fahrer”, sagt der Protagonist des Films einmal, um sich vorzustellen. In diesem lapidaren Statement verdichtet sich eine Existenz, die um das Auto kreist und zwischen äußerer Bewegung …

“Ich bin ein Fahrer”, sagt der Protagonist des Films einmal, um sich vorzustellen. In diesem lapidaren Statement verdichtet sich eine Existenz, die um das Auto kreist und zwischen äußerer Bewegung und innerer Ruhe changiert. Zugleich beschwört diese knappe Auskunft eine Kunstfigur im Kosmos mythologischer Kino-Geschichten, in die sich Nicolas Winding Refn mit seinem preisgekrönten Film „Drive“ bewusst einreiht. Der von Ryan Gosling gespielte Driver, in einem Song des Soundtracks als „Real Hero“ besungen, ist ein „Light Sleeper“ und „Taxi Driver“, der sich in seinem Wagen, der wie ein zweiter Körper erscheint, mit coolem Flow durch die labyrinthische Stadtlandschaft von Los Angeles bewegt. Tagsüber fährt er Autostunts bei Filmproduktionen oder er arbeitet in einer Autowerkstatt; nachts verdingt er sich als Fluchtfahrer für Einbrecher. Der Driver ist ein Held der Geschwindigkeit: schweigsam und konzentriert, präzise und einsam.

Gleich die großartige Exposition von „Drive“, eine meisterlich inszenierte Flucht zwischen forcierter Bewegung und abruptem Stillstand, bringt dies zum Ausdruck. Dabei erfüllt der dänische Regisseur nur teilweise die Genre-Konventionen. Indem er gegen die Materialität des Autowettstreits immer wieder die Zeit anhält, setzt er Zäsuren, in denen die Spannung wächst. Damit evoziert er zugleich eine traumwandlerische Atmosphäre, die zum Element des Außenseiters wird und ihn wie eine Schutzhülle umgibt. Diese Unabhängigkeit wird emotional aufgebrochen, als der Driver seine Wohnungsnachbarin Irene (Carey Mulligan) und ihren kleinen Sohn Benicio kennenlernt. Da Irenes Mann Standard (Oscar Isaac) im Knast sitzt, übernimmt der Driver zunehmend die Rolle des Ersatzvaters, Freundes und Beschützers. Aber Refn spielt das nicht aus, stilisiert auch die aufkeimende Liebe über Andeutungen und Blicke. Einmal legt Irene ihre Hand auf diejenige des Drivers über der Gangschaltung.

Die Abhängigkeiten und Verwicklungen nehmen noch zu, als Standard entlassen und von früheren Auftraggebern brutal erpresst wird. Plötzlich findet sich der Driver, der sich selbstlos für die Familie einsetzt, inmitten von Schuld und zunehmender Gewalt. Deren brutale Exzesse folgen einer abstrusen Logik des Tötens, die etwa in den blutigen Codes des Mafiafilms gespeichert ist. „Woran erkennt man die Bösen?“, fragt einmal sinngemäß der kleine Benicio. Und der Driver zeigt ebenso plötzlich wie direkt seine dunkle, aggressive Seite. Allein gegen alle wird er zum Einzelkämpfer und wütenden Rächer, der mit hehren Idealen und dem Auto als Waffe in den Krieg gegen einen übermächtigen Feind zieht, um die Ordnung der Familie und der Gefühle und damit auch seinen Außenseiterstatus wiederherzustellen. Dabei wird seine Jacke mit dem Skorpion-Aufdruck immer blutiger. Denn in der Welt jenseits des Gesetzes, wo der Kreislauf der Rache immer neue Verbrechen zeugt, verspricht nur der Tod eine Erlösung. Nikolas Windung Refn inszeniert diese als eine Art Wiedergeburt zur Herstellung der alten Ordnung.

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Die Summe meiner einzelnen Teile

(D 2011, Regie: Hans Weingartner)

Der Wald vor lauter Bäumen
von Harald Mühlbeyer

Ich weigere mich, dem Film zu glauben. Ich glaube nicht, dass der Absturz ins Elend nach Klischee abläuft, nach der Abhakliste, gemäß der der Film vorgeht. Burnout, Nervenzusammenbruch, Psychiatrie: OK. …

Ich weigere mich, dem Film zu glauben. Ich glaube nicht, dass der Absturz ins Elend nach Klischee abläuft, nach der Abhakliste, gemäß der der Film vorgeht. Burnout, Nervenzusammenbruch, Psychiatrie: OK. Doch dann geht alles seinen allzu schnellen, allzu glatten Niedergang. Eine Menge Medikamente, deren Einnahmereihenfolge sich kein Mensch merken kann, keinerlei Fürsorge nach der Entlassung aus der Klinik, Verlust von Beruf, Freundin und Wohnung – Obdachlosigkeit und Alkoholismus bleiben. Dazu wird Martin, der brillante Mathematiker mit labiler Psyche, vom Aufsichtsratsvorsitzenden einer Bank(!) angefahren. Als ihn seine Klinikärztin in einer Unterführung (neben Nacht und Abrisshaus der bevorzugte Schauplatz dieses ersten Filmteils) erkennt, ermahnt sie ihn überflüssigerweise: „Kommen Sie zurück in die Klinik! So macht das doch keinen Sinn!“ Dann geht sie weiter. Und Martin bleibt zurück mit seinem einzigen Freund, der Flasche, in die er den wohlfeilen Ratschlag nicht hineinfüllen kann. Dann lernt er Viktor kennen, einen ukrainischen Jungen.

Was einem hier vorgesetzt wird, vor dem Hintergrund einer extrem kalten, unmenschlichen Welt, ist äußerst tragisch – und leider äußerst lieblos inszeniert. Station für Station geht es abwärts, einfach und allzu offensichtlich auf die dramatische Wirkung hin erzählt: Viktor sammelt Pfandflaschen, kauft der Mutter Wodka, die er aber dann zuhause tot auf dem Sofa vorfindet … Das grenzt an Tränendrüsen-Elendsvoyeurismus, ebenso wie die Traum-Rückblende Martins auf den prügelnden Vater.

Und erst, wenn Martin und Viktor in den Wald gehen, findet der Film zu sich, wie auch Martin sich hier sammeln kann. Die beiden bauen eine Hütte, leben von dem, was sie sich erarbeiten, was sie vorfinden, Weltflucht in Naturidylle ist das mit romantischem Einschlag Rousseau’scher und Thoreau’scher Prägung. Das ist die Stärke des Films, wie Ausgeschlossene aus der Gesellschaft sich ihren Ausstieg bewusst machen, ihn bewusst leben. Äste, Plastikplanen, Wellblech, später kommen Ofen und Spiegel dazu: Hier in der Natur kann man sich etwas Eigenes aufbauen, hier kann der Mensch Mensch sein, auf ganz archetypische Weise. In magischer Vollmondnacht trifft Martin tatsächlich auf einen Wolf, den wilden, mythischen Einsamen, der er im Grunde selber ist.

Was Hans Weingartner will, ist eine Anklage gegen die Leistungsgesellschaft und tatsächlich klagt er an, plädiert er aus voller Kehle wider den Zwang zu beruflicher und menschlicher Dauerbelastbarkeit, wider die Anpassung an ein System, in dem das Ökonomische das Soziale verdrängt hat. Und er will erzählen davon, wie dieses System krank macht, wie es letztlich selbst krank ist, weil es die, die anders sind, nicht integrieren, sondern „heilen“ möchte. Doch muss Weingartner so plakativ vorgehen, muss er so reißbrettartig inszenieren? Muss der Film immer wieder in Szenen münden, die vorhersehbar sich im Offensichtlichen auflösen?

Weingartner kann feinfühliger inszenieren – das Schizophrenie-Drama „Das weiße Rauschen“ (sein Debütfilm) oder der Zweitling „Die fetten Jahre sind vorbei“ beweisen es, ebenso wie einige Szenen in „Die Summe meiner einzelnen Teile“. Im Ganzen aber bleibt dieser Film leider stets unter seinen Möglichkeiten; er ist nicht, wie er gedacht wurde.

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Shame

(GB 2011, Regie: Steve McQueen)

Triebe ohne Liebe
von Harald Mühlbeyer

Michael Fassbender spielt fantastisch. Wie er in der U-Bahn sitzt, eine junge Frau anblickt – nicht starrt, nur blickt –, wie er irgendwas Subtiles mit seinen Lippen macht, sie leicht …

Michael Fassbender spielt fantastisch. Wie er in der U-Bahn sitzt, eine junge Frau anblickt – nicht starrt, nur blickt –, wie er irgendwas Subtiles mit seinen Lippen macht, sie leicht öffnet, leicht schließt, wie er damit die Frau in seinen Bann schlägt, bis sie zurückblickt zwischen Verlegenheit und Flirt: Fassbender ist ganz der Profi im Frauenaufreißen, das muss er sein, sie sind sein Lebenselixier – er ist sexsüchtig.

Sexsucht. Davon handelt Steve McQueens Film, und von wenig anderem. Fassbender als Brandon fickt, wichst, fickt und wichst, in One-Night-Stands, vor dem Laptop, mit Nutten, auf dem Klo. Emotionen: gleich Null. Abschussquote: Einhundert Prozent. Steve McQueen will das Phänomen erforschen. Dazu stellt er Brandon seiner Schwester Sissy gegenüber, die eines Tages bei ihm einzieht, und die hochemotional ist. Was beziehungstechnisch ein ähnliches Manko ist wie Brandons Gefühllosigkeit, seine Oberflächlichkeit, seine Körperbezogenheit. Ein unausgesprochener Konflikt liegt zwischen ihnen, es gibt Andeutungen über die Herkunft ihrer emotionalen Schäden in der Familiengeschichte: Wir sind nicht schlecht, wir kommen nur von einem schlechten Ort … Der Konflikt bricht aus, als Sissy singt, „New York New York“ in einer langsamen, traurigen Weise, als Brandons Boss David eine Träne auf dessen Wange bemerkt und dann Sissy abschleppt und bumst. Der Boss, der seine Schwester verführt: Brandon steht vor dem, was er selbst ist – naja: vor einer unscharfen Kopie.

Großartige Darsteller – auch Carey Mulligan als Sissy – und einige treffende Szenen, die pointiert die Erbärmlichkeit von Brandons einsamem triebhaftem Leben offen legen, schützen nicht davor, dass der Film quasi in Ehrfurcht vor seinem Thema erstarrt. Lange geschieht nichts, außer dass wir Brandon bei seinem Treiben, bei seinen Trieben beobachten. Wir sehen, wie er sich durch Frauen und Pornofantasien vögelt, wie er sich selbst anwidert, wie er mit einer Kollegin eine Beziehung wagen will, ein Rendezvous im Restaurant – und wie er dann, weil Emotionen im Spiel sind, im Bett versagt: ein Todesurteil. Wir sehen, wie er sich vor sich selbst schämt. Eine Handlung sehen wir nicht. Bis am Ende alles auf Brandon, auf den Zuschauer einstürzt. Bruch mit der Schwester, verzweifelte Versuche, zum Schuss zu kommen, selbstzerstörerische Provokation von Prügeln, zur Not ab in den Schwulentreff, man muss ja nicht hinsehen, wer da bläst. Und dann ein ultimatives Schockerlebnis, die völlige Erkenntnis des eigenen Versagens, das Ausbrechen von Emotionen – ja: er weint im Regen.

„Shame“ ist schonungslos, mit sich, mit dem Zuschauer, doch es fehlen Entwicklung in Charakteren und Konflikt. In der andauernden Selbstverachtung Brandons liegt der stete implizite Ausdruck einer Film-Moral: Alles ist darauf angelegt, den Zuschauer zu verstören, ihm ein (negatives) Urteil zu suggerieren. Als könnte er bei der ständigen mechanisch vollführten Triebabfuhr einer einsamen Existenz nicht selbst entscheiden, wie erstrebenswert ein solches Leben ist. Nur selten öffnet der Film den moralischen Raum, und das liegt an Fassbenders Spiel: wie er einmal die Annäherungsversuche seines Chefs in einer Bar verfolgt, wie sein breiter, schmallippiger Mund den linken Mundwinkel leicht nach oben geworfen hat zu einem ironischen Touch, wie in seinen leicht amüsierten, leicht abschätzigen Augen zu lesen ist: So ein Dilettant. Plapper nicht so! Hampel beim Tanzen nicht so rum! Es ist der Blick des Profis auf den Amateur.

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Once upon a Time in Anatolia

(TUR 2010, Regie: Nuri Bilge Ceylan)

Viel Dunkel, wenig Licht
von Wolfgang Nierlin

Durchs Dunkel der Nacht geht die Fahrt der kleinen Autokolonne, was die Identifizierbarkeit auf allen Seiten erschwert. Lange weiß man nicht so genau, wer spricht und was das Motiv dieser …

Durchs Dunkel der Nacht geht die Fahrt der kleinen Autokolonne, was die Identifizierbarkeit auf allen Seiten erschwert. Lange weiß man nicht so genau, wer spricht und was das Motiv dieser merkwürdigen Suchbewegung ist, die sich in den Lichtkegeln der Autoscheinwerfer vollzieht und von einem milden Vollmond beschienen wird. Weit über die Hälfte von Nuri Bilge Ceylans bemerkenswertem Film „Once upon a time in Anatolia“ spielt in der Nacht, in einem Zwischenreich aus Licht und Schatten, und ist allein deshalb schon außerordentlich. Eine polizeiliche Ermittlung wird durchgeführt. Unter Mithilfe der beiden Täter sucht die Gruppe nach dem Bestattungsort eines Mordopfers. Doch die Erinnerung trügt, die Orientierung fällt schwer und Alkohol und Müdigkeit vernebeln die Sinne. Als handle es sich beim Gesuchten um ein Phantom, landet die Gruppe immer wieder am falschen Ort.

Tatsächlich beschreibt Ceylan mit existentialistischem Unterton eine absurde Situation: den Leerlauf der schieren Bewegung, das ungewisse Warten und das Herumtappen im Dunkeln. Hunger und zunehmender Stress, Frust und Aggressionen zehren an der fragwürdigen Unternehmung. Und so vertreiben sich die Protagonisten, unter anderen ein Gerichtsmediziner, ein Staatsanwalt und ein Polizeichef, die Zeit mit Geschichtenerzählen. Doch in die harmlos und witzig erscheinenden Gespräche über alltägliche Begebenheiten und Sorgen mischt sich immer wieder das unglückliche Bewusstsein der Figuren, das von Schuldgefühlen, gescheiterten Beziehungen und einer allgemeinen Sinnkrise genährt wird. Die groteske Suche nach der Leiche, flankiert von schwarzem Humor, spiegelt gewissermaßen ein Unbehagen an der Welt und das vergebliche Streben nach einem Sinn.

Die Blätter der Bäume rascheln im Nachtwind, der ewige Atem der Natur legt sich über die Szenen der Vergänglichkeit und erzeugt immer wieder Kontraste zwischen Leben und Tod. Einmal fällt ein Apfel von einem Baum, kullert in ein schmales Flüsschen, treibt eine Zeitlang in der schwachen Strömung und strandet schließlich auf einer kleinen Sanddüne neben anderen Äpfeln. Es ist dies eine jener poetischen Sequenzen in Ceylans Film, in denen sich metaphorisch ein melancholisches Lebensgefühl verdichtet.

In einer anderen, der vielleicht schönsten Szene des Films, sitzen die Ermittler beim Nachtmahl in der Unterkunft eines Bürgermeisters, als plötzlich das Licht ausfällt. Eben noch hatte der Vorsteher des kleinen Ortes über die Probleme bei der Finanzierung einer neuen Leichenhalle geklagt; jetzt bekommt er von seinen Gästen zur Antwort, dass es wohl dringlicher sei, ins Stromnetz zu investieren. Als auf Geheiß des Gastgebers die junge Tochter des Hauses jedem einzelnen der Männer Tee bringt, erleuchtet das schwache Licht einer Petroleumlampe immer wieder für Augenblicke ihr Gesicht. Dabei wird dessen Staunen auslösende, fast überirdische Schönheit für die Anwesenden zu einer Epiphanie aus Trost und Hoffnung. In diesen wenigen Momenten vertreibt das Licht die Finsternis und mit ihr die Schatten aller Zweifel. Etwas verändert sich, bevor alles weitergeht.

Drive

(USA 2011, Regie: Nicolas Winding Refn)

Transzendierte Genre-Formen
von Andreas Busche

Der Däne Nicolas Winding Refn ist so etwas wie der Transzendentalist unter den Action-Regisseuren. Bei Refn ist Aktion kein Resultat von Kinetik sondern von reiner Konzentration; er beschleunigt nicht Objekte, …

Der Däne Nicolas Winding Refn ist so etwas wie der Transzendentalist unter den Action-Regisseuren. Bei Refn ist Aktion kein Resultat von Kinetik sondern von reiner Konzentration; er beschleunigt nicht Objekte, seine Filme durchdringen vielmehr durch Beschleunigung Bewusstseinszustände. Schon sein Wikinger-Film „Valhalla Rising“ hätte Terrence Malick gut zu Gesicht gestanden. „Drive“, seine erste Arbeit in Hollywood, überführt diesen Manierismus nun auf nahezu perfekte Weise in schönste Genre-Formen. Refn weiß den Pulp-Gehalt seines Films richtig einzuschätzen. Die Roman-Vorlage von James Sallis war eine schnörkellose Crimestory, die Introspektion eines einsames Großstadtwolfes, der sich neben seinem Job als Stuntfahrer ein Zubrot als Fluchtfahrer für Überfälle verdient. In den fünf Minuten, die er mit traumwandlerischer Sicherheit durch die Nacht rast, sind die Kriminellen dem Driver und seinen Fähigkeiten hilflos ausgeliefert. Dieses Ausgeliefertsein ist der Modus Operandi von Refns Film. Als Zuschauer ist man dem Regisseur ebenso augeliefert, seinen schamlosen 80er-Jahre-Referenzen (angefangen bei den pinken Miami Vice-Titeln bis hin zum SynthiePop/Electro-Soundtrack), aber mehr noch der kühlen Romantik des Drivers (Ryan Gosling, schon wieder in einer Paraderolle), in dessen schüchternem Blick die Umwelt langsam zu verschwimmen scheint, je mehr er in der Realität ankommt.

Auslöser ist seine hübsche Nachbarin (Carey Mulligan) und ihr kleiner Sohn, zu dem der schweigsame Driver vorsichtig Kontakt aufnimmt. Gosling spielt im Grunde einen Archetypen des Männerkinos, ein unverhohlenes Zitat von Walter Hills „The Driver“, der eine ähnliche Geschichte erzählte. Aber auf die Geschichte kommt es Refn gar nicht so sehr an (das einzig Enttäuschende vielleicht), es geht immer nur um Fortbewegung und Durchdringung. Das Verschmelzen von Raum und Zeit: wenn Irene bei einer gemeinsamen Nachtfahrt kurz die Hand des Drivers berührt, während draußen das neonerleuchtete Los Angeles vorbeizieht. Oder der unendliche Kuss im halbdunklen Fahrstuhl, der in einem beispiellosem Gewaltexzess kulminiert. Gewalt erdet alle Figuren Refns, aber mit „Drive“ hat man erstmals das Gefühl, dass sie darüber hinaus noch etwas motiviert. In Goslings meist unergründlichem Gesicht deutet sich das einmal an, als er das Ausmaß seines Handelns begreift. Er sieht, was Irene sieht: namenloses Entsetzen. Und in seinem hilflosen Gesicht zeichnet sich für den Bruchteil einer Sekunde die schmerzvolle Erkenntnis ab, dass er niemals ein anderer sein kann. Bevor sich die Tür zwischen den beiden schließt.

Dieser Text erschien zuerst in: Pony #70

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Drive

(USA 2011, Regie: Nicolas Winding Refn)

Vom Gleiten
von Oliver Nöding

Ein Appartementhaus. Ein Flur. Ein Aufzug. Zwei Menschen: der Driver (Ryan Gosling) und seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan). Sie lieben sich, aber sie haben es sich noch nicht gestanden. Das …

Ein Appartementhaus. Ein Flur. Ein Aufzug. Zwei Menschen: der Driver (Ryan Gosling) und seine Nachbarin Irene (Carey Mulligan). Sie lieben sich, aber sie haben es sich noch nicht gestanden. Das Schweigen zwischen ihnen, es spricht Bände. Die Aufzugtüren öffnen sich, sie treten ein. Ein fremder Mann nickt zur Begrüßung. Er ist ein Killer, soll den Driver umbringen. Doch der weiß bereits Bescheid, hat die Waffe unter der Jacke des Mannes gesehen. Zeitlupe: Der Driver dreht sich zu Irene um, er nimmt sie in den Arm und endlich, endlich begegnen sich ihre Lippen, endlich fasst er den Mut, ihr den Kuss zu geben, den er ihr von Anfang an geben wollte. Und sie empfängt ihn, erleichtert, sehnsuchtsvoll. Alles verändert sich: Das Licht nimmt plötzlich, unmerklich eine andere Qualität an. Es scheint nicht mehr länger von der Lampe an der Wand der Fahrstuhlkabine zu kommen, sondern geradewegs aus dem Himmel auf die beiden Liebenden herabzuscheinen. Es ist ein Moment, der für immer dauern soll. Ewigkeit. Stillstand. Auflösung. Doch da ist noch der Killer, er steht dem Glück noch im Weg. Der Driver lässt von Irene ab und stürzt sich zurück in die Realität und auf den Mann, überwältigt ihn, wirft ihn zu Boden und tritt immer und immer wieder auf dessen Kopf ein, wie in Raserei. Dann lässt er von ihm ab. Er dreht sich um, blickt in das Gesicht Irenes. Ihre Augen sind erschrocken, ihr Gesicht versteinert zwischen Enttäuschung und Schrecken. Ernüchterung. Sie liebt den Driver, aber sie wird nicht mit ihm zusammen sein können. Die Fahrstuhltüren schließen sich. Er ist wieder allein.

„Drive“ heißt Nicolas Winding Refns neuester Film, der erste, den der Däne in Hollywood drehen durfte, ja, den er in Hollywood drehen musste, weil er nur in Los Angeles spielen konnte. „Drive“, das bedeutet „fahren“, aber auch „Antrieb“. Beides wird verkörpert durch den Protagonisten des Films, den namenlosen Driver, der tagsüber in der Werkstatt des sympathischen Versagers Shannon (Bryan Cranston) arbeitet, seine Künste als Stuntfahrer sporadisch für Filmproduktionen zur Verfügung stellt und sich seine Kasse außerdem als Fluchtwagenfahrer for hire auffüllt. Aber das Fahren ist für ihn mehr als eine Tätigkeit, es ist der Ausdruck seiner ganzen Persönlichkeit, einer Sehnsucht, die sich mit sich selbst zufrieden gegeben zu haben scheint. Äußerlich ungerührt sitzt er in seinem Fahrzeug, die Hände in altmodischen Fahrhandschuhen, ein Skorpion auf dem Rücken seiner Jacke, ein Zahnstocher im Mundwinkel, Relikt einer von der Zeit vergessenen Coolness. So gleitet er durch die Straßen, auf der Windschutzscheibe der Film der Wirklichkeit, den er sich wie ein Unbeteiligter anschaut. Wie ein Schlafwandler geht er durchs Leben, hellwach immer nur, wenn er am Steuer seines Wagens sitzt. In diesem Mikrokosmos, diesem von der Außenwelt abgeschotteten Ort hat er die Kontrolle, die Übersicht, hier ist er der unangefochtene Herr. Seine Souveränität versucht er auch nach draußen mitzunehmen. Doch das ist nicht sein Film, der da läuft, er ist nicht länger der alleinige Hauptdarsteller. Und die anderen Menschen kann er nicht steuern. Weil er sie meistens nicht versteht. Sie sind nur Schatten.

Nicolas Winding Refn hat einen Film gedreht, der allein von diesem Gefühl des Dahingleitens handelt. Einen Film, der diesen Zustand der entspannten Konzentration, des in sich und der Tätigkeit Versunkenseins, das man vom Autofahren kennt, in Bilder von urbaner Melancholie übersetzt. Der diese Ruhe ausstrahlt, die man erst bemerkt, wenn man erstaunt feststellt, dass man die letzten zurückgelegten Kilometer gar nicht wahrgenommen hat, einfach nur gefahren ist, allein mit sich, dem Lenkrad und dem Gaspedal. Man hätte so bis ans Ende der Welt fahren können, ohne es zu bemerken. Und so ist auch „Drive“ ein Film, der für immer dauern möchte, wie ein entspannter Tagtraum, der – wie die Szene im Fahrstuhl – von der Realität da draußen sanft beleuchtet wird. Ein Film, bei dem man befürchtet, er könne enden, wenn man zu heftig blinzelt. Der sich anfühlt wie Elektrizität: Die Haut kribbelt, die Haare richten sich auf. Urinstinkte, die Ratio summt im Stand-by-Modus. Es gibt keine Brüche in „Drive“, alles ist eins. Selbst die Gewaltexplosionen sind Teil des Flusses, schlagen nicht mehr aus, sondern fügen sich als Unausweichliches in diesen ein. Liebe, Schmerz, Tod, Einsamkeit, Verlangen, Trauer, Freude: Es sind alles nur Fassetten Desselben, wie die Abschnitte einer Straße, auf der man träumend dahingleitet, in den Augenwinkeln das rhythmische Flackern von Licht und Schatten. Und Ryan Gosling ist das Gesicht dieses Traums. „You look like a Zombie!“, sagt sein Mentor Shannon einmal. Aber dann zeichnet sich auf diesem Gesicht plötzlich ein entwaffnendes Lächeln ab, ein Lächeln, das alles sagt und keine Fragen offenlässt. Und dann verschwindet es wieder. Wie der Driver am Ende. Er kann nur fahren. Alles andere ist Sterben.

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Amer

(B / F 2009, Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani )

Schnitte ins Fleisch der Lust
von Wolfgang Nierlin

Diesen Film kann man nicht nacherzählen. Seine alptraumhafte Struktur aus schmerzlich schönen Bildern und Tönen, sein rätselhaftes, mysteriöses Geschehen und seine surrealistische Formensprache machen ihn zu einer visuellen Sinfonie des …

Diesen Film kann man nicht nacherzählen. Seine alptraumhafte Struktur aus schmerzlich schönen Bildern und Tönen, sein rätselhaftes, mysteriöses Geschehen und seine surrealistische Formensprache machen ihn zu einer visuellen Sinfonie des Grauens und der Lust. „Amer“ von Hélène Cattet und Bruno Forzani setzt die Regeln des konventionellen Erzählkinos außer Kraft, verzichtet dabei weitgehend auf Dialoge und eine chronologische Handlung und ähnelt darin eher einem Experimentalfilm. Dazu kommt noch, dass die beiden Filmemacher leidenschaftliche Verehrer des italienischen Giallo-Films der siebziger Jahre sind, also jenes von Mario Bava, Dario Argento, Sergio Martino und Lucio Fulci kreierten Genres, das Eros und Thanatos mit den Mitteln eines hyperbolischen Kinos vereint. So sorgen auch in „Amer“ Großaufnahmen, ungewöhnliche Perspektiven, Zooms, eine eigenwillige Farbdramaturgie, ein ausgefeiltes Sounddesign und eine hohe Schnittfrequenz für extreme Stilisierung; und damit leider auch für einen Formalismus, der mitunter allzu abstrakt wirkt.

Inhaltlich arrangieren Cattet und Forzani ein düsteres Triptychon aus sexuellem Begehren, unerfüllter Lust und Tod. Dafür tauchen sie mit ihrem symbolgeladenen Film ein in die unheimliche Welt einer alten Villa auf einer Klippe über dem Meer, wo die kleine Ana (Cassandra Forêt) mit dem Tod ihres Großvaters konfrontiert wird. Neugierig schleicht sich das Mädchen durch dunkle Gänge und verschattete Zimmer, blickt durch Schlüssellöcher und erhascht immer wieder eine schwarz gekleidete Gestalt, die sie verfolgt und bedroht. Die Störung der Totenruhe geht hier einher mit der Entdeckung der elterlichen Sexualität, die für Ana zum Trauma wird.

Vom dichten, schwer erträglichen Horror dieses ersten Teils wechselt der Film zur gedehnten Zeit des Italo-Western: Ana (Charlotte Eugéne-Guibbaud), jetzt eine attraktive Teenagerin mit allen Zeichen sinnlicher Lust, wird zum sexuellen Objekt des Begehrens. Motorräder heulen auf, zwischen Leder und Schweiß wächst die Gier, bis sie förmlich aus den Hautporen dringt. Doch auf die Verführung folgt die mütterliche Strafe und das Begehren bleibt unerfüllt. Erst im letzten Teil, in dem die erwachsene Ana (Marie Bos) in das verlassene Haus ihrer Kindheit zurückkehrt, bricht etwas auf, um sich auf beunruhigende Weise wieder zu verschließen. Zwischen ekstatisch-orgastischem Geschwindigkeitsrausch und pathologischer Autoerotik, zwischen wilden Träumen und bedrohlichen Traumata vollzieht sich ein faszinierend montierter Exzess der Gewalt aus Schnitten ins Fleisch und aufbrechenden Wunden, mit dem die beiden Filmemacher Hitchcock und Buñuel ihre Referenz erweisen. „Amer“ ist ein verstörender Horrorfilm über unerfüllte Sexualität und die dunkle Seite der Lust.

I’m not a f**king Princess

(F 2010, Regie: Eva Ionesco)

Glamourös und traurig
von Wolfgang Nierlin

Es ist ein dunkles Reich, das die Künstlerin Hanna (Isabelle Huppert) bewohnt: Umgeben von schwarzem Satin und Symbolen des Todes, dazu noch mit Blick auf einen Friedhof, pflegt die angehende …

Es ist ein dunkles Reich, das die Künstlerin Hanna (Isabelle Huppert) bewohnt: Umgeben von schwarzem Satin und Symbolen des Todes, dazu noch mit Blick auf einen Friedhof, pflegt die angehende Fotografin einen antibürgerlichen, nonkonformistischen Lebensstil. Gewandet in extravagante, schrille Kleidung, wettert sie gegen das Mittelmaß der Spießer und predigt das Hohelied einer Kunst, die heilig sei. Ihr schillerndes Wesen vereint Wahn und Geltungssucht, Reizbarkeit und das Bedürfnis, anders zu sein. Das alles verträgt sich wenig mit ihrer Mutterrolle, die sie an die Oma abgegeben hat und erst wieder „entdeckt“, als ihre 12-jährige Tochter Violetta (Anamaria Vartolomei) zu ihrem Modell wird. Fortan beginnt sie, das Kind in einem Ambiente aus morbider Erotik als laszive Verführerin zu inszenieren. Auf den Spuren von Bataille, Balthus und Bellmer avanciert sie als „Päpstin der Erotik“ bald zum Star der Pariser Kunstszene.

Gegenüber dem exzessiven und in schillernden Dekors gezeichneten Künstlerportrait fällt die Geschichte eines Missbrauchs, um den es in Eva Ionescos Debütfilm „I’m not a f**king Princess“ eigentlich geht, etwas zurück. Die als Schauspielerin bekannt gewordene Regisseurin verarbeitet darin ihre eigenen (traumatischen) Erfahrungen als Modell ihrer Mutter Irina Ionesco, die in den 1970er Jahren mit kunstvoll stilisierten, in barocker Dekadenz schwelgenden Fotos ihrer damals minderjährigen Tochter Eva Erfolge feierte. Als „giftige Blume“, ebenso glamourös wie traurig, inszeniert auch Hanna, von Ehrgeiz und Besessenheit getrieben, ihre Tochter Violetta, indem sie ihr mondäne Kleider anzieht und sie mit düsteren Accessoires schmückt. Doch hinter der behaupteten abgöttischen Liebe und Verehrung verbergen sich eine ausbeuterische Selbstsucht und die Unfähigkeit, ihrer Mutterrolle gerecht zu werden. Hanna überschreitet Grenzen und ist selbst, so wird immer deutlicher, Opfer einer Grenzverletzung.

Bei Violetta wiederum führen die Übergriffe und Tabuverletzungen immer deutlicher zu einer gestörten Selbstwahrnehmung. Indem sie mehr unbewusst die fotografischen Inszenierungen in ihr normales Leben integriert und auf fast selbstverständliche Weise ausdrückt, gerät sie zunehmend in Konflikt mit ihrer (schulischen) Umwelt. Die Differenz zwischen Realität und Abbild, die ihre Mutter für die Freiheit der Kunst in Anspruch nimmt, ist ihrem Gefühl noch nicht eingeschrieben. Und gerade an dieser Nahtstelle verliert sich – in der Darstellung nicht ganz unproblematisch – auch Eva Ionescos Anliegen, von einer gestohlenen Kindheit, den Wirkungen körperlicher Ausbeutung und einer problematischen Mutter-Tochter-Beziehung zu erzählen. Denn ihr Film folgt keinem realistischen Konzept, das auch eine psychologische Entwicklung der Figuren integrieren würde, sondern eher der von Märchenmotiven inspirierten Darstellung einer Befreiung. Und dafür verlängert Eva Ionesco den Exzess fotografischer Inszenierung in die perfekten Bilder ihres Films.

The Artist

(F / B 2011, Regie: Michel Hazanavicius)

Bildgeklingel
von Andreas Thomas

„The Artist“ ist, das muss man sagen, ein Wohlfühlfilm. Ein Film, gegen den man nichts haben kann, weil er niemandem wehtun, sondern allen wohltun will. Das Leben jenseits des Kinosessels …

„The Artist“ ist, das muss man sagen, ein Wohlfühlfilm. Ein Film, gegen den man nichts haben kann, weil er niemandem wehtun, sondern allen wohltun will. Das Leben jenseits des Kinosessels ist hart genug. „The Artist“ ist ein großer, unterhaltsamer Spaß, ein fantasievoller, einfallsreicher, ein augenzwinkernder Film über die Zeit, in der der Stummfilm endete und der Tonfilm begann. Der Film ist eine gelungene Demonstration dessen, wie gut man heute Filme drehen kann, die so aussehen wie von „damals“ – ein für die Kundschaft von heute übrigens quasi nicht vorhandenes Damals, weil die aktuelle Kundschaft jemals weder einen Stummfilm noch einen frühen Tonfilm gesehen hat.

„The Artist“ ist für die meisten seiner Kunden sozusagen eine Zusammenfassung dessen, was man so glaubt, was so ein Stummfilm eben so war. Ich schreibe „Kunden“, weil der Film sich in erster Linie zu verkaufen anschickt und das auch ganz gut versteht. Der Film wendet sich nicht an eine Blockbusterkundschaft, eher an jene, die von einem Kinoerlebnis auch ein wenig „Tiefgang“ und „Poesie“, in diesem Fall die Poesie der Stummfilmära, oder eben das, was man so dafür hält (gleichwohl es nicht schlecht kopiert ist), erwartet, und eben auch bekommt, jedenfalls das, was sie so glaubt, was das sein muss. Eine ziemlich strunzige Rahmengeschichte und eine Lovestory, wie sie eigentlich heutiger nicht sein könnte, weil es fast nur um Karriere(n) geht und eine ganze Menge ziemlich verspielter Gags, die keinen weiterbringen, aber das müssen sie ja auch nicht. Der Film spielt geradezu mit der Erwartungshaltung, dass Stummfilme eher unaufregend daher kommen, um aber immer wieder zu zeigen, wie sehr das nicht stimmt, weil „The Artist“ natürlich kein Stummfilm ist, sondern ein Tonfilm, der z.B. extra so tut, als wäre er ein Stummfilm, um uns mit seinem Ton zu erschrecken, und um dann mit diesem Schrecken ganz schrecklich anzugeben.

Angeben, das ist wohl das zentrale Wort: „The Artist“ ruft die ganze Zeit: „Guckt mal, wie echt unser Hauptdarsteller den Errol Flynn nachmachen kann, guckt mal, wie original unsere Hauptdarstellerin Kusshändchen werfen kann, guckt mal, wie gut wir diese angeockerte Schwarzweiß-Filmpatina hinbekommen haben. Diese permanente Hui-Angeberei, dieses dauernde Zurschaustellen seiner nostalgischen Kopierkunst und seiner ach so hinreißenden kleinen Ideen ist das, was „The Artist“ exakt mit Filmen wie „Die fabelhafte Welt der Amelíe“ gemein hat. Der Film ist ein Konglomerat aus publikumsimmanenten Klischees, Kinomythen, Nostalgiebegrifflichkeiten, aufgepowert mit aktuellen technischen Effekten, Gags, Spielereien, welche das dazu aufgelegte Publikum (und es ist sehr dazu bereit, dazu aufgelegt zu sein!) meinen lässt, verzaubert worden zu sein, in eine andere Welt entrückt worden zu sein – und das noch auf kunstvollem, stilvollem, fantasievollem Niveau. Kulturelle Glückseligkeit! Abspannapplaus! Dabei waren wir Zeugen billiger Jahrmarktstricks und die Kernhandlung von „The Artist“ ist dünn, gedehnt und auch widersprüchlich; die Figuren, und das ist vielleicht das Beste, was man über den Film sagen kann, gehen in ihrer Flachheit kaum über ihre melodramatischeren Stummfilmvorbilder hinaus, immerhin ist diese Kopie-Mission erfüllt.

„The Artist“, das muss ich sagen, ist ein Angeberfilm, und ich fühl‘ mich wohl, wenn ich das wenigstens schreiben kann, und ich rate der Kundschaft: Wenn Sie wirklich eine schöne stumme Liebesgeschichte sehen wollen: Gucken Sie sich bitte mal lieber Murnaus „Sunrise“ an.

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Meek’s Cutoff

(USA 2010, Regie: Kelly Reichardt)

Ausweglos im Fremden
von Wolfgang Nierlin

“LOST”. Ein junger Mann ritzt das Wort in Großbuchstaben mit seinem Messer in einen abgestorbenen Baum am Wegesrand. Seit mittlerweile fünf Wochen sind die drei Siedlerfamilien mit ihren Planwagen und …

“LOST”. Ein junger Mann ritzt das Wort in Großbuchstaben mit seinem Messer in einen abgestorbenen Baum am Wegesrand. Seit mittlerweile fünf Wochen sind die drei Siedlerfamilien mit ihren Planwagen und Ochsen unterwegs auf unbekanntem Terrain und haben zunehmend das Gefühl, verloren zu sein. Das Vertrauen in ihren Führer Stephen Meek (Bruce Greenwood), einen Trapper und großspurigen Aufschneider, ist verbraucht. Zweifel und Ungewissheit, Ratlosigkeit und Angst machen sich unausgesprochen unter den ausgezehrten Reisenden breit. Aus Furcht vor Indianern haben sie die Hauptroute nach Westen, den sogenannten Oregon-Trail, verlassen. Doch „die Karten geben nicht viel her“, wie es einmal heißt, und die Hoffnung schwindet. Nur ein unerschütterliches Gottvertrauen und die Solidarität untereinander halten die Siedler aufrecht.

Das alles weiß man als Zuschauer von Kelly Reichardts außergewöhnlichem Western „Meek’s Cutoff“, der von historischen Figuren und Ereignissen inspiriert wurde (und durchaus auch politische Aktualität besitzt), zunächst nicht. Was uns die US-amerikanische Filmemacherin im langsamen, geduldigen Voranschreiten der unspektakulären Handlung, die die Bewegung des Erzählens mit derjenigen des Trecks (manchmal fast wie in Trance) synchronisiert, vor allem zeigt, sind die Mühen und Strapazen des Alltags. Mit genauem Blick verortet Reichardt ihre Protagonisten in der Weite einer nahezu unberührten Landschaft, registriert sie natürliche Grenzen, die mitunter unüberwindlich sind, und folgt dem Gleichmaß der Tage, deren Zeitfluss auch den Rhythmus des Films bestimmt. Der Konzentration aufs Gehen und auf das Dasein in der körperlichen Arbeit, die zwischen den Geschlechtern genau aufgeteilt ist, gilt dabei ihr besonderes Interesse. Und es ist schließlich ein spezifisch weiblicher Blick, der diesen Western so anders macht und damit das Bild der von diesem Genre erzählten Geschichten nachhaltig verändert.

Neben der ebenso kenntnisreichen wie realistischen Alltagsbeschreibung (verdichtet im nahezu quadratischen Academy-Bildformat, das seine Konzentration aufs Jetzt gegen die genreüblichen Cinemascope-Romantisierungen richtet), der Demaskierung von Meeks abenteuerlichen Heldengeschichten und Kelly Reichardts Weigerung, die nackte Existenz ihrer Figuren irgendwie zu idealisieren oder dem Mythos eines erreichbaren Ziels zu unterwerfen, gilt dies vor allem für die Erfahrung der Differenz in der Begegnung mit dem Fremden. Als die Siedler einen Indianer gefangen nehmen, weicht die Dämonisierung des Wilden immerhin zögerlich der Hoffnung, dass der Eingeborene den rettenden Weg zur nächsten Wasserquelle wissen könnte; doch die sprachliche und kulturelle Distanz, genährt von Vorurteilen, Hass und Angst, bleibt nahezu unüberwindlich. Zwar gelingt es der starken, selbstbewussten Emily Tetherow (Michelle Williams), sich dem Indianer zu nähern, doch kann auch sie den Abstand zu ihm kaum verringern. Der Fremde mit seinen Bedürfnissen und Interessen, seinen Absichten und Hoffnungen ist undurchschaubar. Gerade darin liegt die Radikalität von Reichardts Film: Dass er keine Geschichte der Annäherung, der Integration oder gar gelingender Freundschaft erzählt, sondern das die ungewisse Suchbewegung seiner Figuren in eine beunruhigende Ausweglosigkeit mündet.

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Hugo Cabret

(USA 2011, Regie: Martin Scorsese)

Kinozauber
von Harald Mühlbeyer

Martin Scorsese hat einen Kinderfilm gedreht, der sich dem ganz Alten widmet, einen Film in neuester Technik in 3D und mit Digitaltouch, der das Zauberbudenkino der 1900er und 1910er Jahre …

Martin Scorsese hat einen Kinderfilm gedreht, der sich dem ganz Alten widmet, einen Film in neuester Technik in 3D und mit Digitaltouch, der das Zauberbudenkino der 1900er und 1910er Jahre feiert. Scorsese hat eine Hommage an die Magie des Kinos geschaffen, indem er den ersten Magier des Kinos vorstellt und sich aus dem Arsenal des heutigen Inszenierungs-Illusionszauberkastens bedient.

In der Eingangssequenz fliegt die Kamera über das nächtliche, winterliche Paris der 20er Jahre in einen Bahnhof ein, über die Gleise, durch die belebte Halle, hinauf zur Uhr und in eine Großaufnahme des Gesichts von Hugo Cabret, der Hauptfigur. Industrial Light and Magic hat für diesen atemberaubenden Anfang einen eigenen Abspanncredit bekommen, mit diesem rasanten Flug holt der Film Schwung, einen Schwung, der ihm bis zum Ende nicht ausgehen wird.

Hugo, 10 Jahre, ist das Phantom des Bahnhofs, der nicht in unterirdischen Katakomben, sondern in den Gängen hinter den Wänden haust. Er ist der, der die vielen Bahnhofsuhren aufzieht, stellt, wartet. Er hat einen künstlichen Menschen, einen mechanischen Automaten in seiner Kammer stehen, und er beobachtet die Menschen in der Bahnhofshalle, all die Pendler und Reisenden, auch alle, die immer da sind, die Wirtin des Cafés, den Maler, die Blumenverkäuferin und den alten Mann mit den mechanischen Spielzeugen. Der Bahnhof: das ist das Konzentrat der typischen französischen Stadt, wie sie im Kino immer wieder aufersteht: vor dem Café spielen Musiker (ist einer davon Django Reinhardt?), zu denen die Gäste tanzen, zwischen der Wirtin und dem Maler bahnt sich eine Liebesgeschichte an, die nur vom kläffendem Kleinköter verhindert wird, und die Patentochter des Spielwarenhändlers sieht man mit Baskenmütze und Baguette. Nie macht der Film einen Hehl aus seiner Künstlichkeit und Konstruiertheit – es geht ihm ja auch nie um Realität, sondern um den Traum, der das Kino sein kann. Dante Ferretti, der Altmeister der Ausstatter, hat diese Welt designt, und sie ist die Hauptattraktion im ganzen ersten Teil des Films. Ein reiches, lebendiges Panoptikum voller kleiner, lustiger, liebevoller Details.

Die Handlung zu diesem Zeitpunkt: Hugo muss vor dem Bahnhofsvorsteher fliehen – der in einer Mischung aus Keystone Cop und Inspektor Clouseau von Sacha Baron Cohen gespielt wird –, und er will sein Notizbuch zurück, das ihm der Spielwarenhändler (Ben Kingsley als mürrischer alter Mann mit sicherlich goldenem Herzen) weggenommen hat. Dabei lernt Hugo Isabelle kennen, dessen Patenkind, ein Bücherwurm, die auf Abenteuer aus ist – womit das Stichwort ausgesprochen ist, das Abenteuer, der Wunschtraum, in den man versinken kann im Kino. Isabelle liebt Dickens „David Copperfield“, Hugo bekommt vom Buchhändler (Christopher Lee in einer Veteranenrolle) den „Robin Hood“ geschenkt; und sie liefern sich weitere Verfolgungsjagden mit dem Bahnhofsvorsteher, der alle Kinder ins Waisenhaus stecken will, jagen weiter dem Notizbuch nach und versuchen, das Automaton wieder in Gang zu setzen – ein turbulentes Sammelsurium an Haupt- und Nebenhandlungen, von denen auch gerne mal ein paar untern Tisch fallen können. So ist das Notizbuch irgendwann gar nicht mehr wichtig, der mechanische Schreibautomat auch nicht, nachdem er seine Funktion erfüllt hat, und Hugos Erinnerung an den verstorbenen Vater quält ihn auch nicht mehr, denn plötzlich verfolgt der Film eine ganz neue Spur: die von George Méliès.

Méliès, der Traumfabrikant des frühen Kinos, dem die beiden nachspüren, der längst vergessen ist zur Zeit der Handlung, der selbst nicht mehr von sich, von seiner Vergangenheit als Filmemacher wissen will. Vom Kinderabenteuer kommt Scorsese zu einer spielerischen Erforschung der Filmgeschichte, er skizziert kursorisch das Werden und das Wirken von Film, feiert das frühe Kino und damit die Kraft, die in der Filmkunst steckt. Wo die Bahnhofs-Abenteuergeschichte manchmal allzu flott von Action zu Action sprang und mitunter die Emotion vernachlässigte, da ist der Film hier ganz im Einklang mit sich selbst, jetzt, da er sich dezidiert mit dem eigenen Medium befasst.

Präzise und gleichzeitig wie aus einem Traum stellt Scorsese Méliès’ Dreharbeiten nach, im Glasatelier mit Schiebekulissen, Feuerwerk, Bühnenzauber und Kameratricks. Dass diese in 3D geschieht, hat eine eigentümliche innere Notwendigkeit; das frühe Kino und die heutige Technikrevolution werden kurzgeschlossen: denn die Mittel sind austauschbar. Es geht beim Film stets darum, was er auslöst. Wenn ein Zug in den Bahnhof einfährt, dann löst das eine Reaktion aus, ob sich bei einer Vorführung der Lumiere-Brüder in den 1890ern das Publikum vor Schreck wegduckt oder ob nun bei Scorsese der Zug den Prellbock durchstößt, durch den ganzen Bahnhof rast, bis er auf der anderen Seite auf die Straße stürzt.

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Die Frau in Schwarz

(GB / CAN 2012, Regie: James Watkins)

Schwarzer Tod
von Harald Mühlbeyer

Man sollte mal über „Ghost Rider: Spirit of Vengeance“ sprechen, auch wenn der Film nicht der Rede wert ist. Die Comicverfilmung – eine mystisch-verquaste Actionstory – sieht aus wie die …

Man sollte mal über „Ghost Rider: Spirit of Vengeance“ sprechen, auch wenn der Film nicht der Rede wert ist. Die Comicverfilmung – eine mystisch-verquaste Actionstory – sieht aus wie die bewegte Bebilderung von Heavy-Metal-Albumcovern aus den 80ern: Titelfigur ist ein feuerumtoster Totenkopfmann auf einem feurigen Motorrad, der kettenschwingend die Bösewichter bekämpft. Fürs vollends Stilechte fehlen nur noch nackte Frauen an seiner Seite. In diesem Film jedenfalls wird – unsinnig-eklektizistischerweise – unvermutet auch das Cover des Pink Floyd-Albums „Wish You Were Here“ zitiert, der Handschlag mit einem Brennenden – sinnfreie Referenz in einem sinnfreien Film.

Dieser zweite Ghost Rider-Film jedenfalls scheint eine Ära der Schallplattencoververfilmungen einzuläuten. Denn nicht so konkret, aber offenkundig genug wirkt „Die Frau in Schwarz“ wie das filmgewordene erste Black Sabbath-Album. Die schwarzgekleidete Frau vor einer halbverfallenen viktorianischen Villa inmitten eines verwilderten Gartens mit diversem Gestrüpp: das ist die Atmosphäre im Örtchen Crythin Gifford, wo das Anwesen Eel Marsh House, fast unerreichbar auf einer Watt-Insel gelegen, nach dem Tod der Besitzerin verkauft werden soll, und wo sich die Geister umtreiben, angeführt von der Frau in Schwarz: „What is this that stands before me? Figure in black which points at me!”

Dies ist der erste Film mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle nach den Harry Potter-Zeiten. Und wieder kriegt er es mit dem Übernatürlichen zu tun, ist mit dem Zug unterwegs an einen verzauberten Ort – aber nicht von Gleis 9 ¾ aus, sondern eher, wie Jonathan Harker in die Karpaten kutschiert. Er, der Anwalt Arthur Kipps, soll die Formalitäten von Erbschaft und Verkauf regeln. Der Film spielt in den 20ern, Autos und Telefon sind selten, der Aberglaube ist stark und die Traumata, die das Böse in Eel Marsh House heraufbeschworen, liegen erst ein paar Jahrzehnte zurück, in einer Zeit, als auf dem englischen Thron die in Trauerkleidung gewandete Königin saß … Doch es geht weniger um die viktorianische Gesellschaft zwischen Repression und Großmachtsempire als um die ganz persönlichen Trauermomente von verlorenen Ehefrauen und verlorenen Kindern. Der bösen schwarzen Frau ist die weiße Frau der Liebe gegenübergestellt, die Braut von Mr. Kipps, die im Kindbett starb, und dem rachsüchtigen Zorn der Toten die Trauer all derer, die ihre Kinder verloren haben an den Tod, zum Sterben verführt vom schwarzen Geist.

Es gibt die Hammer-Studios wieder, die in den 60er Jahren ihre eigenen stilbildenden Horrorfilme schufen und nun diesen Film produzierten, der den Geist des Unheimlichen hervorruft: höchst atmosphärisch die Ausstattung des Films, sowohl der paar ärmlichen Hütten des Dorfes wie auch des Herrenhauses, vollgestopft mit allerlei Nippes, Figuren, Puppen und Spieldosen. Kaltes, verregnetes, nebliges Wetter in einer kargen Küstenlandschaft, eine Villa auf einer Insel, die nur über einen Fahrweg erreichbar ist, der bei Flut verschwindet – der Hintergrund ist so klischeehaft wie perfekt, wie auch die Schauer- und Schockmomente des Films sich am traditionellen filmischen Repertoire bedienen, aber dennoch funktionieren.

Schatten und unheimliche Geräusche, Gesichter an Fenstern und Figuren in verregneter Nacht, kleine Suggestionen und große Effekte – man weiß, was kommen wird, und erschrickt doch. Das ist die Kunst der Gruselinszenierung. Gut, manchmal wird ein Schatten zu deutlich von unheimlicher Musik begleitet, und zwischendrin wird das allzu ähnliche Auftauchen der Erscheinungen fast eintönig – wie der Song „Black Sabbath“ allzu lange am Tritonus-Riff hängt. Doch der nächste Schock im Film – wie der nächste musikalische Einfall von Black Sabbath – folgt sogleich. Bis „Die Frau in Schwarz“ dann in einem perfekten Ende – soll man es happy nennen? – mündet.

Hugo Cabret

(USA 2011, Regie: Martin Scorsese)

Träume werden aus Filmen gemacht
von Siegfried König

Das Thema scheint in der Luft zu liegen. Ähnlich wie Michel Hazanavicius in seinem „The Artist“ sucht auch Martin Scorsese in seinem neuen Film eine Auseinandersetzung mit der Frühzeit des …

Das Thema scheint in der Luft zu liegen. Ähnlich wie Michel Hazanavicius in seinem „The Artist“ sucht auch Martin Scorsese in seinem neuen Film eine Auseinandersetzung mit der Frühzeit des Kinos. Doch anders als sein französischer Kollege verwendet er nicht die Form des Stummfilms, sondern nutzt ganz im Gegenteil mit 3D die neuesten technischen Möglichkeiten.

Der Film beginnt mit einer grandiosen Kamerafahrt über die Dächer des verschneiten Paris, fährt auf einen Bahnhof zu und steuert den Zuschauer durch die Menschenmenge in der Bahnhofshalle. Fast möchte man glauben, die entfesselte Kamera sei neu erfunden worden. Dieser Beginn zeigt, dass hier ein Filmemacher am Werk ist, der begriffen hat, wozu die 3D-Technik genutzt werden kann. Aber ist dieser Film wirklich von Martin Scorsese? Die letzten Zweifel verschwinden erst, wenn die lange Kamerafahrt ihr Ziel erreicht: Zwei Augen, die aus einem Versteck im Inneren der riesigen Bahnhofsuhr das bunte Treiben unter ihr beobachten. Diese Augen ziehen sich wie ein Leitmotiv durch den ganzen Film. Die Assoziation zu einer ähnlichen Szene am Beginn von „Goodfellas“ stellt sich fast zwangsläufig ein. In beiden Fällen gehören die Augen einem halbwüchsigen Knaben, der das Leben, von dem er ausgeschlossen ist, beobachtet, als sähe er auf eine Bühne oder eben auf eine Leinwand. Und wie man von Martin Scorsese weiß, haben diese Szenen einen biografischen Kern, denn ebenso stand der junge Martin, dessen Krankheit ihn zum Stubenhocker verurteilte, einst am Fenster der elterlichen Wohnung in Little Italy und verfolgte das Treiben auf der Straße.

Die Perspektive des heimlichen Beobachters, eine Rolle, die auch der Kinobesucher einnimmt, weckt Assoziationen an einen anderen Klassiker der Filmgeschichte, an Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“. Und wie dort gibt es auch in „Hugo Cabret“ eine Reihe von wiederkehrenden Szenen, die Geschichten in der Geschichte erzählen: Ein alter Mann, dessen Avancen für eine alleinstehende Dame regelmäßig an der Bissigkeit ihres Hündchens scheitern, oder die scheue Liebe des kriegsversehrten Bahnhofinspektors für die hübsche Blumenverkäuferin.

Die eigentliche Geschichte ist jedoch die des Waisenjungen Hugo Cabret, der die Uhren des Bahnhofs in Gang hält. Lange Zeit weiß niemand davon, dass der Junge allein ist, und sein Versteckspiel vor dem Bahnhofsinspektor, eine sehr untypische aber gelungene Rolle für Sacha Baron Cohen, dominiert die Handlung in der ersten Hälfte des Films, bevor sich später sein Fokus verschieben wird.

Hugo lebt in einer Welt hinter der Welt, er lebt in den Räumen und Gängen hinter und über der Bahnhofshalle. Er bewegt sich zwischen den Rohren und gigantischen Zahnrädern, die diese Welt am Funktionieren halten. Damit nicht genug, ist sein eigentlicher Lebensinhalt ein Schreibroboter, ein mechanischer Mensch, den er von seinem verunglückten Vater erbte und den er reparieren will. Die nötigen Teile stiehlt er im Vorbeigehen bei einem alten Spielzeughändler (Ben Kingsley), bis er eines Tages ertappt wird und der Händler ihm das Notizbuch seines Vaters wegnimmt. Bei seinen Versuchen, das Buch zurückzuerhalten, findet Hugo die Unterstützung von Isabelle, der Pflegetochter des Alten, einer Waisen und Außenseiterin wie er selbst. Die beiden Kinder, denen das Leben eine unbeschwerte Kindheit verweigerte, lieben das Abenteuer und ziehen die Welt der Fantasie der öden Wirklichkeit vor.

Eines Nachmittags schleichen sich Hugo und seine Freundin in ein Kino, wo gerade Harold Lloyds „Ausgerechnet Wolkenkratzer“ läuft, mit der berühmten Szene, in der Lloyd an einem Uhrzeiger über den Straßenschluchten baumelt. Es ist wahrscheinlich unnötig zu erwähnen, dass wenig später Hugo ebenso an einem riesigen Zeiger der Bahnhofsuhr über den Straßen von Paris hängen wird.

Sein eigentliches Thema findet der Film, wenn der Zuschauer erfährt, dass der alte Spielzeughändler niemand anderes ist als Georges Meliés, der Pionier des Kinos. Doch Meliés ist zur Zeit der Handlung, Anfang der dreißiger Jahre, weitgehend vergessen, und schlimmer noch, er verdrängt seine Vergangenheit so erfolgreich, dass er selbst sie vergessen zu haben scheint. Die Verbindung zwischen Hugo Cabret und Meliés ist vielschichtiger als es zunächst den Anschein hat, wobei dem Maschinenmenschen im wahrsten Sinn des Wortes eine Schlüsselrolle zukommt. Diese Zusammenhänge aufzudecken und Meliés die ihm gebührende Stellung zu verschaffen, ist das Thema der zweiten Hälfte des Films.

Ganz nebenbei präsentiert Scorsese einen regelrechten Kurs über die Anfänge des Kinos. Der Zuschauer bekommt Ausschnitte aus den klassischen Werken der Frühzeit des Mediums geboten: Szenen von den Brüdern Lumiere bis Charles Chaplin, Ausschnitte aus „Intolerance“, „The General“, „Doktor Caligari“, und anderes mehr. Der Schwerpunkt liegt natürlich bei den Werken von Georges Meliés. Der Film hat die Macht, Träume zu fangen und zu erzeugen, erfahren Hugo und Isabelle.

Bei den Stichworten Traum und Magie fallen die Motive des Films zusammen und verschränken sich: Das Innenleben bewegter Maschinen und die Herstellung künstlichen, mechanischen Lebens auf der einen, das Kino als realisierter Traum und die Herstellung dieser Träume mit Illusionsmaschinen auf der anderen Seite. Der Zuschauer lernt in Rückblenden Meliés als Zauberer und Regisseur kennen, der mit seinen Maschinen Illusionen erzeugt. „Hugo Cabret“ ist ein sehr persönlicher Film, vielleicht sogar der persönlichste seit „Hexenkessel“. Denn Scorsese erzählt hier über seine Leidenschaft für das Kino, die größte Maschine zur Herstellung von Illusionen und Träumen, die es jemals gab. Und er tut es, ohne auf irgendwelche Erwartungshaltungen Rücksicht zu nehmen. Denn das hat er schon lange nicht mehr nötig.

„Hugo Cabret“ basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Brian Selznick und auch im Trailer wird er als Kinderfilm präsentiert. Doch dies halte ich für ein Missverständnis, das die falschen Leute ins Kino locken oder zumindest falsche Erwartungen wecken könnte. Wer einen typischen Familienfilm erwartet, wird zu wenig Action und zu wenige Lacher finden, vielleicht gar die die filmhistorischen Einschübe als Bremse empfinden. Manchen Cineasten dagegen könnte der Film zu verspielt sein.

Martin Scorsese wendet sich mit seinem „Hugo Cabret“ an ein Publikum, das den Film als kunstvolles Medium mit ganz eigenen Gesetzen begreift und sich nicht einfach von seinen Illusionen vereinnahmen lässt, das aber bei allem Wissen über die Technik die Freude des kindlichen Staunens noch nicht verloren hat, oder sich zumindest manchmal nach dieser Unbefangenheit zurück sehnt.

[Link zu einer weiteren Filmkritik]

Die Thomaner

(D 2011, Regie: Paul-Ludwig Smaczny, Günter Atteln)

Verunglückte Adidas-Streifen
von Andreas Thomas

„Herz und Mund und Tat und Leben“: Ganz Programm ist der Kantatentitel und Untertitel des Dokumentarfilms über das Leben und Arbeiten im Leipziger Thomanerchor. Und ganz Bach ist er. Johann …

„Herz und Mund und Tat und Leben“: Ganz Programm ist der Kantatentitel und Untertitel des Dokumentarfilms über das Leben und Arbeiten im Leipziger Thomanerchor. Und ganz Bach ist er. Johann Sebastian Bach besitzt wohl kaum an einem anderen Ort der Welt heute noch eine größere Präsenz als an seiner Wirkungsstätte als Kantor der Thomaskirche von Leipzig von 1723 bis 1750.

Und doch feiert der Thomanerchor in diesem Jahr seinen 800. Geburtstag, und die angegliederte „Thomas“-Schule gilt als älteste Schule Deutschlands. 800 Jahre ungebrochene Tradition ist das Thema und zum Gutteil auch Methode dieser Dokumentation der auf Musikfilme und Musikerportraits spezialisierten Autoren und Regisseure Günter Atteln und Paul-Ludwig Smaczny. Methode, weil kaum etwas an den „Thomanern“ die Pfade herkömmlicher Dokumentationen zu verlassen wagt. Alles, von der Chronologie der Ereignisse während eines Jahres im Thomaner-„Alumnat“ angefangen, bis zur augen- und hirnschonenden Bildkadrierung, ist ästhetischen und ordnenden Kriterien unterstellt, die, positiv ausgedrückt, vertraut wirken. Aus Bewährtem muss nun nicht zwangsläufig Langweiliges erwachsen, und „Die Thomaner“ ist tatsächlich ein runder Film geworden, der beides weniger hinterfragt als bestätigt: Die Tradition der guten alten Thomaner und die Tradition des guten alten Dokumentarfilms.

Ein Film, beginnend mit Abschied und Ankunft. Das tränenreiche Ausscheiden der jungen Abiturienten nach acht oder neun Jahren und die aufregende Aufnahmeprüfung der 10-jährigen Jungen stehen am Anfang und am Schluss dieser ein Jahr dauernden Observation. U.a. steht die Frage im Raum: „Wie cool kann ein Thomaner sein?“ und dass die Leipziger Externen sie als „Thomaner-Schwulies“ bezeichnen, scheint schwer vermeidlich, obgleich, wer sie besser kennt, wie die Freundin eines Thomaners, weiß, dass sie hetero und nett sind und lustig und es nie langweilig mit ihnen wird. Sie tragen zwar fast durchweg uncoole Frisuren und das Muster an den Krägen ihrer Trikots sieht so aus wie verunglückte Adidas-Streifen, dennoch muss ihrer Gemeinschaft etwas Besonderes zu eigen sein, was die Schüler und Chorknaben dazu bringt, z.B. sogar den Weihnachtsabend lieber im Internat als bei ihren Eltern zuhause zu verbringen. Überhaupt können sich die Thomaner nicht entscheiden, was für sie eher ihr Zuhause ist, der „Kasten“, wie das Alumnat genannt wird, oder das Elternhaus.

Ein bisschen rätselhaft bleiben uns die Thomaner, denn so ganz schafft der Film es nicht, die wichtige Frage zu beantworten, was denn am Thomanerdasein so aufregend ist, sodass einige derer, die das Internat verlassen, meinen, eine so schöne Zeit im Leben nie mehr erleben zu werden. Aber der Film zeigt einen straff durchorganisierten und mit Arbeit durchsetzten Stundenplan und „Thomasser“, wie sie intern genannt werden, die sich fragen, wie denn die Externen die ganze Zeit nach Schulschluss ab 15:30 Uhr verbringen mögen, wenn diese doch nicht vollgestopft ist mit Chorproben (jede Woche muss eine neue Kantate erlernt sein), Klavierstunden, Hausaufgaben und dem Fach Stimmbildung. Natürlich kreist der Internatsbetrieb um die Musik, den Chor, der Bach-Kantaten, -Motetten und -Passionen übt oder aufführt. Wir sehen Kinder als Kinder, so etwa beim Fußballspielen gegen den Kreuz-Chor, Dresden, und Kinder als Künstler: Der Film begleitet eine Gruppe Auserwählter auf ihre Auslandstournee, São Paulo, Montevideo, Buenos Aires mit der ausnahmsweisen Lizenz zur „Divenhaftigkeit“. So nennt es der Kantor Georg Christoph Biller, der mit seinen langen geföhnten Haaren ein wenig aussieht wie eine Kreuzung aus Rudolph Mooshammer und Johann Sebastian Bach. Eine Lizenz, weil sie sie sich als Teil von etwas Besonderem fühlen dürfen, ein Gefühl, das mitunter „ein Leben lang vorhält“, ein „geiler Moment“ sagt einer von den Älteren, sei es, wenn sich der Chor erhebt und das Publikum frenetisch applaudiert. „Geil“, eben, die Thomaner sind trotzdem ganz normale Jungs, auch wenn sie Goldkehlen besitzen.

Da wo die Bachfrage dominiert, da liegt die Glaubensfrage nicht weit. Der Thomanerchor steht zwar unter der Trägerschaft der Stadt Leipzig, seine Hauptaufgabe allerdings ist eine kirchliche, nämlich das gesangliche Begleiten der Gottesdienste. Gern gesehen ist, wenn die Thomanerjungen christlich orientiert sind, aber etwa ein Drittel kommt zunächst konfessionslos oder fremdkonfessionell, jedenfalls nicht protestantisch in die „Familie“. Sichtlich bewegt berichtet jedoch Thomaskantor Biller, wie die Musik von Bach und das Leben im Alumnat immer wieder bekehrende Wirkungen erzielen.

Nur ein junger Mann erzählt, dass das mit dem Glauben bei ihm nicht so recht funktioniere, auch hadert er ein wenig mit seiner Internatsvergangenheit, weil er so nicht mehr die Entwicklung seiner eigenen Familie verfolgen konnte und bei manchen tritt zum Ende ihrer Internatszeit und zum Anfang ihres Erwachsenenlebens so etwas wie Ratlosigkeit auf: vielleicht kein Wunder, wenn das Leben vorher so schön geordnet und gefüllt war. Aber, als wolle er uns beruhigen, zeigt der Film vor dem Abspann noch auf Texttafeln, was aus drei Jungs geworden ist, alle streben sie ordentliche Berufe an, und überhaupt haben die Thomaner traditionell immer die besten Abiture gemacht.

Da sind Thomaner-Pannen wie die „Prinzen“ wohl doch und hoffentlich eher die Ausnahme und nicht Konsequenz. Jedenfalls interessant, dass diese Ex-Thomaner sich offenbar nicht aus ihrer Gemeinschaft lösen wollten und sozusagen als kleine „Thomanergruppe“ zusammenblieben – um dann eine einigermaßen geschmacklose Popmusik zu machen. Tja, sehr cool sind sie wahrscheinlich wirklich nicht, die Thomasser, und Stilbildung scheint nicht wirklich zum Hauptpensum ihrer langen Tage zu gehören, aber sowas wie Style ist sowieso Teufelszeug, nicht wahr, Herr Bach?