Huhn mit Pflaumen

(F / D / B 2011; Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud)

Blätter aus dem Buch des Lebens

„Es war einmal, es war keinmal“: So beginnen persische Märchen, sagt der Off-Erzähler des Films „Huhn mit Pflaumen“ (Poulet aux prunes), der nach „Persepolis“ neuen, zweiten Zusammenarbeit der beiden Comic-Zeichner Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud. Doch dieses Mal haben sie aus der gleichnamigen Comic-Vorlage einen ganz zauberhaft-romantischen Realfilm in Cinemascope gemacht. Ihrem angestammten Metier, also ihrer Lust am Fabulieren und Phantasieren sowie ihrem Talent, ganz eigene imaginäre Räume zu gestalten, sind sie aber treu geblieben. Schon der gezeichnete Vorspann mit seinen Ranken aus Pflanzen und Ästen, eine animierte Traumsequenz im letzten Drittel des Films, die gemalten, teils expressionistisch wirkenden Kulissen der im Studio Babelsberg entstandenen Produktion oder auch der ständige, von Erinnerungen geleitete Wechsel der Zeitebenen zeigen an, dass wir uns hier in einem Reich der Phantasie befinden. Für Satrapi ist das Medium Film „ein Mittel der Erkundung des Imaginären“. Demgemäß wechselt „Huhn mit Pflaumen“ ständig Stimmungen und Stile, ist mal witzig und humorvoll, dann wieder melancholisch und traurig.

Im noch weltoffenen Teheran des Jahres 1958 – Marjane Satrapi hat sich wiederum von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirieren lassen – ist der Geigenvirtuose Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric) in einer unheilbaren Schwermut gefangen. Bei einem heftigen Ehekrach hat seine Frau Faringuisse (Maria de Medeiros) die wertvolle, vom Lehrer seines Lehrers geerbte Violine zerschlagen. Die verzweifelten Versuche, ein neues, adäquates Instrument zu finden, scheitern. Weil für Nasser-Ali die Kunst und das vom Leben erfüllte Mittel ihrer Realisierung untrennbar verbunden sind, wird aus dem schmerzlichen Verlust ein existentieller Schmerz. Der melancholisch veranlagte Künstler beschließt zu sterben und entscheidet sich schließlich, von diversen Selbstmordphantasien abgeschreckt, in Würde dem Leben zu entsagen und im Bett auf den Tod zu warten, als wolle er sich damit gegen sein eigenes Schicksal stemmen.

Damit beginnt eine Zeit der Erinnerung und der Reflexion. Wie Blätter aus dem Buch des Lebens vergegenwärtigen Satrapi und Paronnaud in einzelnen Episoden, die kunstvoll ineinander verwoben sind, Nasser-Ali Khans wichtigsten Lebensstationen. Kunst und Liebe bilden auf diesem Weg eine unauflösbare Einheit. Denn erst als sich der Geigenschüler unsterblich in die wunderschöne Irâne (Golshifteh Farahani) verliebt, gewinnt sein technisch perfektes Spiel eine Seele; und nur das Leiden am versagen Liebesglück, das am Realitätssinn von Irânes Vater zerbricht, erzeugt schließlich jenen „Seufzer“, den, so Nasser-Alis Lehrer, jede wahre Kunst einfängt. Die Musik des Geigers wird also ebenso vom Verlorenen genährt wie sie andererseits immer wieder an dieses erinnert. „Durch die Kunst begreifen wir das Leben“, wird in einem von Nasser-Alis Fieberträumen einmal dem sterbenden Sokrates in den Mund gelegt. So wird durch den Verlust der Violine nicht nur das Band der Erinnerung durchschnitten, sondern der Künstler zugleich jenes Mediums beraubt, das als Therapeutikum der Seele wirkt. Was für Nasser-Ali schließlich bleibt, ist – um mit Faulkner zu sprechen – die Wahl zwischen „grief and nothing“, also zwischen leidvollem Kummer und Tod.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Huhn mit Pflaumen
(Poulet aux prunes)
Frankreich / Deutschland / Belgien 2011 - 90 min.
Regie: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud - Drehbuch: Marjane Satrapi, Vincent Paronnaud - Produktion: Hengameh Panahi - Kamera: Christophe Beaucarne - Schnitt: Stéphane Roche - Musik: Olivier Bernet - Verleih: Prokino - FSK: ab 12 Jahre - Besetzung: Mathieu Amalric, Edouard Baer, Maria de Medeiros, Golshifteh Farahani, Chiara Mastroianni
Kinostart (D): 05.01.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1663321/