Ziemlich beste Freunde

(F 2011; Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano)

Streichelzoo für Unberührbare

Im Zuge des anhaltenden Authentizitätswahns will auch dieser Film nicht darauf verzichten auf die „wahren Begebenheiten“ zu verweisen, auf denen er basiert. Dabei ist natürlich nichts an der Grundidee von „Intouchables“, so der Originaltitel, von solcher Außergewöhnlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit, dass es einer Authentifizierung durch reale Ereignisse bedürfte. Der Film des Regie- und Autorenduos Olivier Nakache und Éric Toledano erzählt die bereits als Autobiografie verwertete Geschichte von Philippe Pozzo di Borgo und seinem Pfleger Abdel Yasmin Sellou nach: Philippe ist ein reicher und kultivierter Franzose, der nach einem Paragliding-Unfall querschnittsgelähmt ist und in Depressionen versinkt. Erst durch die Freundschaft zu seinem lebenslustigen Pfleger Abdel, einem Algerier, gelingt es ihm, neuen Lebensmut zu schöpfen.

Wer noch nicht wusste, dass es möglich ist, sich mit Menschen anderen ethnischen und sozialen Hintergrunds anzufreunden, der kann das hier lernen und außerdem, dass das Leben nicht unbedingt die besten Geschichten schreibt. Das mögen sich auch die Macher von „Intouchables“ gedacht haben und so legen sie ihr Werk trotz Rückgriffs auf die „wahre Geschichte“ voll und ganz als Filmmärchen in der Tradition von Hollywood-Produktionen wie „Pretty Woman“ und „Sister Act“ an. Um das bekannte Schema reibungslos abklappern zu können, nimmt sich der Film einige Freiheiten: So lassen Nakache und Toledano etwa einen weiteren Algerier aus der französischen Öffentlichkeit verschwinden und ersetzen den Abdel aus der Wirklichkeit kurzerhand durch die Figur des Senegalesen Driss, während Philippe Philippe bleibt. Abweichungen und Übereinstimmungen zwischen Film und der Wirklichkeit, auf die so vehement hingewiesen wird, werfen Fragen auf, zum Beispiel warum aus Abdel überhaupt Driss wurde? Oder ob ein Charakter wie Philippe in einem französischen Spielfilm als Senegalese oder Algerier denkbar wäre und inwiefern das Weißsein als notwendiger Bestandteil der Figur angesehen wird? Oder anders: Würde das Publikum einen bürgerlichen, intellektuellen Schwarzen für glaubhaft halten?

Solche Fragen scheinen sich Nakache und Toledano nicht gestellt zu haben, denn sie erzählen völlig unreflektiert die alte Geschichte von der Erziehung des schwarzen durch den weißen Mann. Das Personal von „Intouchables“ mit seinen stummen asiatischen Masseusen, dem impotenten, intellektuellen Krüppel und nicht zuletzt dem zugleich kindlich-naiven und sexuell-aggressiven Schwarzen mag anmuten wie aus einer Satire à la „Adams Äpfel“. Tatsächlich bleiben die Stereotypen und Klischees aber unangetastet und werden nie ernsthaft herausgefordert. Stattdessen wird anhand fragwürdiger Karikaturen, die trotz aller Übertreibungen ja ihre Wurzeln in der außerfilmischen Realität haben sollen, eine kitschige Geschichte vom sozialen Aufstieg und der heteronormativen Liebe als Allheilmittel erzählt; Philippe ist am Ende von seiner Depression erlöst, was er Driss‘ Lektionen in Sachen Liebe, Authentizität und Coolness zu verdanken hat. Und Driss ist dank einem Anzug und Ausflügen in die bürgerliche Kultur zu einem neuen, besseren Menschen geworden, der die heile Welt von Philippes Villa verlassen kann. Das Publikum wird mit dem guten Gefühl entlassen, dass Driss mit seinem Wissen um Malerei und Versmaße bestens für die Welt da draußen gerüstet sei.

Die Prämisse der Geschichte und vieler ihrer Gags ist, dass man sich auf völlig überholte Vorstellungen von Gesellschaft und Kultur einlässt, um dann zuzusehen, wie deren Spießigkeit durch kaum weniger altbackene Ansichten entlarvt wird. „Intouchables“ scheint mit dem 21. Jahrhundert zu hadern, einzig Philippes Maserati ist auf dem neuesten Stand und wirkt dadurch wie ein Artefakt aus der Zukunft. Der Rest des Films ist Material aus vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. In diesem Kontext gilt das Bild von einem kiffenden Bürgerlichen schon als gelungene Pointe und Driss‘ Tanzeinlage vor Philippes verklemmter Verwandtschaft als subversiv und befreiend (obwohl man die Szene eigentlich schon 1996 besser im Musikvideo zu „Wannabe“ von den Spice Girls gesehen hat). Passenderweise hört der Kleinkriminelle aus den Banlieues hier keinen harten Hip-Hop, sondern tanzt am liebsten zu Discomusik aus den 70ern. Das sieht nicht nur lustiger aus, es lässt sich als Soundtrack auch sicherlich besser vermarkten.

Das Kinopublikum darf sich aber nicht bloß an harmlosen Witzen über piefige Vorstellungen von Oper und moderner Kunst ergötzen, sondern sich gleichzeitig auch den Banlieues, vermittelt durch graue Wackelbilder und Moll-Töne vom Klavier, ganz nah fühlen. Ernsthaft etwas zu sagen hat der Film zu beiden Welten nicht, die Vorstadt im tristen Sozialdrama-Look wirkt zudem seltsam isoliert vom Rest der Geschichte, die sich größtenteils in Philippes Villa abspielt. Auch viele der Nebencharaktere bleiben auffallend unbeteiligt und wirken deplatziert; Philippes pubertierende Adoptivtochter etwa ist nur ein einziges Mal mit ihrem Vater auch nur im selben Raum, ohne dass diese räumliche Trennung gleich als Reflektion einer inhaltlichen Parallele interpretiert werden könnte. Vielmehr verstärken solche Patzer den Eindruck von einem unausgereiften und oberflächlichen Drehbuch, das nicht nur frei von Überraschungen und Spannung ist, sondern Behinderung und soziale Not zu plot devices degradiert. Selbst für eine Wohlfühl-Komödie sind die Hindernisse und Widrigkeiten allzu schnell überwunden und Philippe-Darsteller François Cluzet betont die Behinderung seiner Figur zur Freude mancher KritikerInnen nicht zu sehr. Der vermögende Querschnittsgelähmte kann es sich leisten – wie es sich für Behinderte auf und vor der Leinwand gehört – normaler als normal zu sein. Die Schlüsselszenen seiner Wiedergeburt als glücklicher Mensch zeigen ihn nicht umsonst im Sportwagen und beim Paragliding.

Dass „Intouchables“ trotz seiner Formelhaftigkeit ein äußerst ungelenker Film ist, der unreflektiert fragwürdige Klischees en masse reproduziert, scheint den Großteil des Publikums und der Kritik nicht zu stören. Dazu ist alles zu sehr auf Gefälligkeit getrimmt, die Ironie angenehm sanft und die Witze schön vorhersehbar und harmlos; das Vorhandensein von Unmengen an Klischees und Stereotypen wird geradezu zu einer Notwendigkeit, wenn nicht zur Essenz des Unterhaltungskinos erklärt. Gleichzeitig darf man sich ein bisschen betroffen und interessiert an vermeintlich schwierigen Themen geben. Viel gefühlt wird da, aber auch von Solidarität und Utopie ist die Rede und fast schon meint man im Schlange-stehen-vor-dem-Kino einen politischen Akt zu erkennen, „Intouchables“ wird zum Film der Krise. Ob der Technokratie tatsächlich mit Alexandrinern und Disco beizukommen ist, wie der Film zeigt, darf weiterhin bezweifelt werden.

Benotung des Films :

Carsten Moll
Ziemlich beste Freunde
(Intouchables)
Frankreich 2011 - 110 min.
Regie: Olivier Nakache, Eric Toledano - Drehbuch: Olivier Nakache, Eric Toledano - Produktion: Nicolas Duval-Adassovsky, Laurent Zeitoun, Yann Zenou - Kamera: Mathieu Vadepied - Schnitt: Dorian Rigal-Ansous - Musik: Ludovico Einaudi - Verleih: Senator - Besetzung: François Cluzet, Omar Sy, Audrey Fleurot, Joséphine de Meaux, Clotilde Mollet, Anne Le Ny, Alba Gaïa Kraghede Bellugi
Kinostart (D): 05.01.2012

DVD-Starttermin (D): 07.09.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1675434/