Shame

(GB 2011; Regie: Steve McQueen)

Leider geil

Brandon ist ein gut gebauter Mittdreißiger und Teil der burschikosen Belegschaft eines New Yorker IT-Unternehmens. Sein Leben gilt ganz dem gierigen Konsum von Sex: ob online, mit Callgirls oder Aufrisspartnerinnen aus Nachtlokalen, onanierend im Personal-WC oder daheim im Badezimmer, am Ende gar gay in einem Darkroom.

Dieser im Dauerorgasmus unter mönchisch anmutender Selbstkontrolle erlebte Alltag wird gestört: Brandons leichtlebige, anhängliche Schwester Sissy taucht auf, ohne Job und Bleibe, dafür mit lustigen Neo-Hippie-Klamotten und spielerischen Suizidneigungen; sie zieht zu ihm in seine schicke Wohnung, malträtiert sein Rauchtischchen und seine Seventies-Disco-Schallplatten, nimmt ihm die Abgeschiedenheit, die er braucht, um schamlos kommen zu können. Doch im Leben geht‘s oft her wie in einem Film von – Robert, Bresson nämlich (um Tocotronic zu paraphrasieren): Als entstammte Brandon dem Bresson-Film 'Pickpocket', den zwei sorgsam choreografierte U-Bahn-Augensex-Szenen zitieren (oder Paul Schraders 'Pickpocket'-Remake 'American Gigolo', dessen stylishe Anmutung in Sachen Verzweiflungssex hier als Permanenzfluidum präsent ist), tut sich in der Konfrontation mit Sissy eine Erlösungshoffnung auf – die Chance, dass dieser automatisierte Leib eine Art Gnade erfahren könnte.

Aber abgesehen von filmhistorischen Binnenbezügen und in Übergehung des naheliegenden kleinbürgerlich-hämischen Witzes, Brandons Sorgen, den ganzen Tag mit attraktiven Gespielinnen rummachen zu müssen, hätten wir gerne: Der Mann leidet. Er leidet an Sexsucht, und diese Krankheit gibt es wirklich. Eine Kulturkrankheit, sozial fabrizierter psychophysischer Zustand, zweifellos; die bei jedem Fall dieser Art, von Hysterie über narzisstische Störungen bis hin zum Burnout-Phänomen, gegebene Möglichkeit, entsprechende Symptome und Umgangsformen existenziell bis sozialdiagnostisch aufzuladen, nutzt der Film reichlich.

Audiovisuelle Montagen aus Uhrenticken, Anrufbeantworterstimmen und J.S. Bach-Klavier, Leitmotive rund um prekäre Innen-Außen-Grenzen in einem von Glasscheiben und Eisregen geprägten Stadtambiente, Entblößungen von Körpern und Gesichtern in attraktiver Präsenz, mal lapidar, mal ostentativ, stets streng kalkuliert: Hier wird ein Panorama von Leere, Einsamkeit und Entfremdung virtuos zelebriert. Wenn Brandon sein hard-on zur brand wird, gerät alles zur Suche nach Sinn. Oder sich. Oder Sex. Oder so.

'Zynismus wird zur Ehrfurcht,' heißt es eingangs in einem Motivationsmonolog von Brandons kindischem Chef vor bruderhordenhaft versammelter Büromannschaft, und zwei Nachtclubszenen später wird ebendies anhand der zerdehnten Gesangsdarbietung von 'New York, New York' durch Sister Sissy in endloser Großaufnahme durchexerziert: Der unerschütterliche Brandon weint kurz und in verschämter Rührung, auch wir sind bewegt (und klicken die entsprechende Szene demnächst millionenfach auf Youtube); Brandons Boss – Familienvater und Dampfplauderer – begleitet Sissy zum Quickie nach Hause und bekräftigt damit seine Rollenfunktion als das in seiner eitlen Geschwätzigkeit und unbeholfenen Aufreißerattitüde realitätstüchtigere (zynische) Pendant zu Brandon; der hat sich in einer Düstervariante von Existenzästhetik zum Grenzgänger mit Doppelleben geformt, geiles Fleisch aus Stein, das sich eine Herzensbindung nicht leisten kann.

Allerdings macht es der Film sich und uns immerhin nicht so leicht, den Loner, der keine Nähe duldet, als gänzlich gefühllosen Unsympathler zu zeichnen. Brandon hält durchaus mal einer Nachbarin die Haustür auf; und die zaghaft keimende (eben nicht gleich per Paarungsakt 'konsumierte') Romanze mit einer Arbeitskollegin, samt detailreich beobachteter Befangenheit beim fancy Dinner in plansequenter Inszenierung, sowie der Meinungsaustausch pro und contra fixe Beziehung und die entspannenden Witzeleien am Ende des Dates, das zeichnet sich ob seines unprätentiösen Verlaufs im doppelten Sinn wie ein Hoffnungsschimmer der Erlösung in diesem Film ab. (Exemplarisch dafür der Scherzdialog rund um das Neandertaler-Knochenrelikt an Brandons Nacken, der eben einfach so als selbstreflexiver Witz eines bildungsprivilegierten Großstadtmännchens im Raum des schlendernden Gesprächs stehen bleiben kann, ohne Mehrwert an existenzieller Einsicht realisieren zu müssen.)

Jedoch: Spätestens wenn Brandon beim Mittagspausensexausflug mit der womöglich doch ernstlich geliebten Frau (toll gespielt von Nicole Beharie) in einem vollverglasten Designerhotelzimmer ein Impotenzerlebnis hat, das er gleich darauf vor Ort durch die Dienste eines Callgirls besänftigt, stellt sich jene Ehrfurcht wieder ein, die die Sozialpathologie-Inszenierung dieses Films gegenüber der Tiefgründigkeit ihrer eigenen Vergletscherungsmetaphern hegt. In Sachen Ausmalen des Leblosen im Gelebten kann man 'Shame' nicht vorwerfen, hier würde sich jemand nicht um viel Deutlichkeit und Bedeutsamkeit bemühen. Neues ist da an der Front bildförmiger Authentizitätsbesorgtheit allerdings nicht zu erfahren, und das kunstvolle Umkippen von verdinglichter Sinneslust in blutleere Vanitas gerät, wie denn auch anders, seinerseits zum Augenschmaus.

Mit 'Shame' legt der von Turner Prize-prämierter Installationskunst her kommende britische Regisseur Steve McQueen einen Komplementärfilm zu seinem IRA-Gefängnis-Hungerstreikkreuzwegsschocker 'Hunger' aus dem Jahr 2008 vor. Auch 'Shame' bietet plansequente Dialoge in packender Länge, breitet tägliche Exerzitien einer anderen Art von Selbstmarterung aus, komponiert Aufbahrungsszenen mit schönen Bleichen als Pietà oder auf (Plakatsujet gewordenen) Laken, die hier, anders als in 'Hunger', nur im Sinn einer schamhaften Imagination befleckt sind. Als Unbeirrter, der seinen Weg geht (und abermals dauerläuft), beeindruckt nach seiner Rolle als IRA-Suizid-Mönch ein nach wie vor extrem drahtiger – und beim Filmfestival in Venedig ausgezeichneter – Michael Fassbender. Carey Mulligan als Sissy gibt – wie in 'Drive', dem anderen (sympathischeren) Existenzritual-Hipsterfilm der Saison – die attraktiv leidende Naive, die einen feschen Einzelgänger und Routinier aus der Bahn zu ziehen droht.

Benotung des Films :

Drehli Robnik
Shame
(Shame)
Großbritannien 2011 - 100 min.
Regie: Steve McQueen - Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan - Produktion: Iain Canning, Emile Sherman - Kamera: Sean Bobbitt - Schnitt: Joe Walker - Musik: Harry Escott - Verleih: Prokino - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Hannah Ware, Amy Hargreaves, Nicole Beharie, Mari-Ange Ramirez, Alex Manette, Elizabeth Masucci, Rachel Farrar
Kinostart (D): 01.03.2012

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1723811/