Bamboo Stories

(DE/BG 2019; Regie: Shaheen Dill-Riaz)

Ausgesaugt

Normalität zu zeigen ist ein Problem im Kino, das doch das Besondere liebt. Die Normalität von Arbeit in ihrer Besonderheit zu zeigen, ist die brillante Kunst des Ausnahme-Dokumentarfilmers Shaheen Dill-Riaz. Seine Alltagshelden zerlegen Ozeanriesen oder pauken den Koran auswendig. Sie haben selten Erfolg. Oft sind sie in einem Gewerbe zugange, das es nicht mehr lange geben wird oder hoffnungslos ist. Dill-Riaz gibt ihnen ein Bild, nein: tolle Bilder.

In seinem neuen Film porträtiert er Bambusarbeiter in Bangladesh. Sie bringen die Stämme zum Fluss, binden sie zu Flößen zusammen und leben auf und mit ihnen die 300 Kilometer bis zum Markt. Im Wald und auf dem Wasser existieren sie nicht auf Stundenrechnung. Es dauert, bis man irgendwo ankommt, und bis dahin wird man von Blutegeln und Mücken angefressen.

Viel Zeit, das Leben in die Kamera zu erzählen. Abgehauen auf die Flöße sind die Bambusschneider vor Ehe, Schule, dem Leben. Es hat sie eingeholt: Jetzt, wo die zwangs-angeheirateten Familien zu Hause warten, hassen sie es, dorthin zurückzukehren. Und die Frauen hassen zurück. Beschweren sich über die Verlierer, die sie geheiratet haben.

Oder das Unglück passiert: wie bei der Frau des Vorarbeiters, die bei der Küchenarbeit verbrannte. Weil sie ihre brennende Kleidung ausziehen wollte, hat sie – die Tradition gebot es – die Tür abgeschlossen, niemand konnte zu Hilfe kommen. Ihr Witwer rennt zur Arbeit vor sich selber weg, hier erzählt er, warum. Eine lebhafte Übersetzung tut in diesem Film ihr übriges: „Ach, du Scheiße!“; „Ich zieh dir die Ohren lang!“ Der letzte Satz geht an den Elefanten, der dort badet, wo die Flöße lang sollen.

Am Fluss warten Piraten und Schutzgelderpressung. Obendrein ist nicht viel Geld im Geschäft. „Ich will angemessen bezahlt werden. Immerhin saugen die Viecher unser ganzes Blut“, sagt der Bambusarbeiter. Sucht euch aus, wer gemeint ist, Mücke oder Chef.

Dieses Parabeluniversum zeige eine Welt, die nach sehr alten Regeln funktioniere, sagt Dill-Riaz. Vor allem die Natur sei in ihr mächtig. „Man muss mit ihr zusammenarbeiten.“

Weitere Erkenntnisse? „Wir könnten uns alle viel mehr handwerklich betätigen. Dann müssten wir auch nicht so oft ins Fitnessstudio rennen.“

Diese Kritik erschien zuerst in: KONKRET 11/2019

Bamboo Stories
Bangladesch, Deutschland 2019 - 96 min.
Regie: Shaheen Dill-Riaz - Drehbuch: Shaheen Dill-Riaz - Produktion: Shaheen Dill-Riaz - Kamera: Shaheen Dill-Riaz - Schnitt: Andreas Zitzmann - Musik: Eckart Gadow - Verleih: Sabcat Media - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Liakot Ali, Ali Akbar, Basu Dev, Birbol Dev, Mohammad Shoheedul, Mohammad Hossain, Mohammad Siraz, Mosharraf Hossain
Kinostart (D): 14.11.2019

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt9081466/
Foto: © Sabcat Media