Dolemite is my name

(USA 2019; Regie: Craig Brewer)

Once upon a time … Hollywood adjacent

Wenn Eddie Murphy wie angekündigt im Dezember bei „Saturday Night Live“ auftreten wird, wird das ein Comeback sondergleichen, da Eddie Murphys Wichtigkeit für SNL und afroamerikanische TV-Sketch-Comedy allgemein nicht hoch genug einzuschätzen ist. Wenn er dann auch noch nächstes Jahr wieder Standup-Comedy machen wird, dann ist das für Fans wahrscheinlich von noch höherer Bedeutung. Wie sein offenkundiges Herzensprojekt über Untergrundlegende Rudy Ray Moore wahrgenommen wird – eben als großes Comeback –, hat mehr mit einer kritischen Rezeption zu tun, die beschränkt und verlogen ist.

Wenn sie schreiben, dass es seine beste Leistung seit fast 30 Jahren sei, dann muss man aber auch einfach feststellen, dass er als ernsthafter Schauspieler zu seiner Hochzeit in den 1980ern gar nicht wahrgenommen wurde. Außerdem tut sich die Kritik schon immer mit Komödien, vor allem mit der hohen Kunst des lowbrow humour schwer. Und Stimmperformances werden selbst im Zeitalter von CGI-Charakteren und Pixar immer noch nicht so richtig gewürdigt. Kinderfilme sind eben genau das: Filme, die man als Erwachsener höchstens zwangsläufig als Elternteil angucken muss. Nur so ist es zu erklären, dass Mehrfachperformances (seine Spezialität) wie die Familienmitglieder der Klumps in zwei äußerst erfolgreichen Filmen, oder seine fein zisellierte Zweifachperformance in „Bowfinger“, oder seine vokale Charakterisierung des Esels im lukrativen „Shrek“-Franchise, die ihn zum gar nicht mal so heimlichen Star dieser Reihe machte – dass nun das alles einfach mal abgewertet wird, indem man jetzt von einem großen Comeback des Stars und Schauspielers Eddie Murphy schwadroniert. Wie gesagt: Seine Rückkehr auf so vielen Plattformen ist durchaus bemerkenswert, aber als Filmschauspieler und Zuschauermagnet war er nie wirklich weg.

Das Einzige, was diese Rolle und Performance von seinen anderen unterscheidet, ist, dass es sich um eine historisch reale Figur handelt (wobei er ja eigentlich gerade als Celebrity-Parodist zu den Besten gehört).

Rudy Ray Moore war gleichzeitig ein Träumer und ein Macher. Er war so sehr davon überzeugt, dass er ein Star sein müsste, dass er relevant sei, dass er sich einfach dazu machte. Eine klassische amerikanische Geschichte von einem Selfmademan, vom Aufstieg von ganz weit unten bis relativ weit oben. Und seine wichtigsten „Talente“ waren dabei ein unglaubliches Selbstbewusstsein, eine geradezu übermenschliche Beharrlichkeit, ein Gespür für „etwas“ (schwierig zu definierendes) und eine allergische Unfähigkeit mit dem „Nein“ umzugehen, das er von Kindheit an immer wieder von allen denkbaren Seiten zu hören kriegte.

© Netflix

In einer von vielen Schlüsselszenen sitzt er mit seinen Freunden im Kino und schaut sich Billy Wilders „The Front Page“ an. Seine Freunde können es nicht fassen, dass das hauptsächlich weiße Publikum sich köstlichst amüsiert, er hingegen ist schon einen Schritt weiter: Er sieht buchstäblich das Licht (des Projektors), wie er seinen bisherigen Erfolg mit seiner „neuen Art“ von Comedy noch weiter ausbauen kann: mit einem Film.

Eddie Murphy bewies den richtigen Riecher, als er sich vor knapp 16 Jahren mit seinem Herzensprojekt an das Drehbuchgespann Larry Karaszewski und Scott Alexander wandte, denn nicht nur waren sie die Autoren des von ihm sehr geschätzten Films „Ed Wood“, sie waren seit ihren gemeinsamen Studententagen auch begeisterte Dolemite-Anhänger. Und obwohl ihnen der Ruf anhängt, allenfalls Biopic-Autoren mit einem Faible für skurrile Randgestalten amerikanischer Popkultur zu sein, sind sie doch weitaus mehr, nämlich regelrechte Kulturhistoriker der Randbereiche Hollywoods und der Unterhaltungsindustrie.

So lernt man in diesem Film etwas über die vergangene Tradition der „Party Records“ (versaute Comedy-Alben), deren Meister Redd Foxx war, die aber auch ein Karrieresprungbrett für hauptsächlich afroamerikanische Standup-Comedians waren, wie z. B. Richard Pryor. Außerdemwird noch der Chitlin Circuit, der afromamerikanische Kleinkunstuntergrund (segregierte Clubs, manchmal auch Scheunen) vor allem im Süden, beleuchtet. Vor allem aber zeigt der Film quasi das Fundament afroamerikanischer Folklore, das Bindeglied z. B. zwischen Muhammed Alis öffentlichem Auftreten, Rudy Ray Moores in der Figur Dolemite gebündeltem Comedy-Stil und heutigem Battle-Rap – the dozens: diese verbale/mentale Wettstreitkultur des kreativen, häufig poetischen (nicht nur der Reimkunst wegen), meist witzigen, maßlos übertreibenden Angebens (Braggadocio, boasting) und das Runterputzen (putdown) des Gegners: „Dolemite is my name, and fucking motherfuckers up is my game.“

Diesem inhaltlichen Blick für historische Details entspricht auch die äußere Form: die Locations (teilweise dieselben, an denen der Film im Film entstanden ist), das Produktionsdesign, die Musik (nicht nur Rudy Ray Moores‘), aber vor allem das Kostümdesign.

Ruth Carter, die nach vielen Jahrzehnten der Arbeit für unter anderem Spike Lee, John Singleton, Robert Townsend und eben auch Eddie Murphy – dabei häufig an afroamerikanischen period pieces wie „Malcolm X“, das Tina-Turner-Biopic „What’s love got to do with it“, Spielbergs „Amistad“, „Selma“ – nun endlich einen wohlverdienten Oscar für „Black Panther“ bekommen hat, beweist einmal mehr, dass sie eine regelrechte afromamerikanische Edith Head ist, indem sie Eddie Murphy und Da`Vine Joy Randolph, Wesley Snipes und das restliche Ensemble im besten Sinne des Wortes gepimpt hat.

Trotz seines Hangs zur Mehrfachperformance, des an arrogante Cockiness grenzenden Selbstbewusstseins und der blitzschnellen Wort-und Denkgewandtheit seiner besten Charaktere (darin ähneln z. B. Billy Ray Valentine und Axel Foley auch Rudy Ray Moore) war er doch stets eher Co-Schauspieler denn alles überstahlender Star. Im Kern sind seine Figuren Underdogs und Außenseiter, die einander verbunden sind. Ein Reggie Hammond braucht eben auch einen Jack Cates, ein Foley braucht Taggert und Rosewood. Und Moore brauchte schon vor dem gemeinsamen Filmemachen seine Entourage.

Diese wird wiederum von einem der besten Ensembles der letzten Jahre gespielt. Der Film wimmelt nur so von Besetzungscoups (Snoop Doggy Dog, T.I., Bob Odenkirk und Chris Rock, um nur ein paar Kurzauftritte zu nennen). Hier sollen nur zwei hervorgehoben werden: Für Wesley Snipes, der hier mal wieder seine komödiantischen Fähigkeiten unter Beweis stellen darf, dürfte diese Rolle und Leistung tatsächlich ein Comeback sein. Wie er den eitlen Pfau von Schauspieler und Regisseur D`Urville Martin gibt, ist eine wahre Freude. Und Da`Vine Joy Randolph ist eine Entdeckung als Rudy Ray Moores Protege und Herz des Films.

Der Film ist vor allem inspirierend. Die Begeisterung, die die Figuren bei ihren Dreharbeiten an den Tag legen, die sie an vulgärem Humor und Gossensprache und afroamerikanischer Folklore haben, überträgt sich auf die Macher und springt wie ein Funken vom Film auf den Zuschauer über.

Ebendiese Vulgarität bewahrt den Film vor allzu viel Sentimentalität, und es ist wohl auch dem Lebenstrotz, dem unbedingten Willen Rudy Ray Moores kein Niemand zu sein, zu verdanken, dass dieses Biopic keine wirklichen Tiefen zulässt, dies ist keine Nummernrevue des Aufstiegs und Falls. Das ist ihm hoch anzurechnen, erlaubt aber auch wenig menschliche Substanz. Das, was er an Substanz hat, entsteht vor allem im Zusammenspiel der Schauspieler, das eine große Loyalität Moores zu seinen Leuten, einen generosity of spirit so groß wie sein Mundwerk vermuten lässt.

Dolemite Is My Name
USA 2019 - 117 min.
Regie: Craig Brewer - Drehbuch: Scott Alexander Larry Karaszewski - Produktion: Eddie Murphy, John Davis, John Fox - Kamera: Eric Steelberg - Schnitt: Billy Fox - Musik: Scott Bomar - Verleih: Netflix - Besetzung: Eddie Murphy, Wesley Snipes, Keegan-Michael Key, Kodi Smit-McPhee, Chris Rock, Craig Robinson
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt8526872/
Foto: © Netflix