Graf Dracula (beißt jetzt) in Oberbayern

(I/BRD 1979; Regie: Carl Schenkel)

Dante schreibt jetzt in Oberbayern

Bevor die Filmographie Carl Schenkels unter eigenem Namen mit einem Schlag in die Magengrube begann, dem West-Berlin-Exploitation-Mini-Epos „Kalt wie Eis“, drehte er noch unter dem Pseudonym Carlo Ombra eine von der unter anderem für ihre Komödien einst berühmt-berüchtigten Lisa-Film mitfinanzierte deutsch-italienische Co-Produktion, die auf ihre ganz eigene Art wohl grausamer ist, als sein ganzes restliches Werk zusammengenommen.

Ein Dorf in Oberbayern wird hier zu einem Ort, in den einzutreten bedeutet, jede Hoffnung fahren zu lassen – und zwar endgültig. Zu Beginn werden immer wieder durch kontrastive Schnitte verschiedene Welten gegeneinander gestellt, die hier co-existieren und alle gemein haben, dass sie auf eine in tiefste Verzweiflung treibende Art bizarr sind. Schnitt von dem Dorf vor idyllischer Alpenkulisse auf einen Cabrio-Käfer, in dem junge Leute – deren Verhalten und Aufzug in diesem Film von 1979 die ganze Geschmacklosigkeit der Achtziger in ihren hässlichsten und derangiertesten Momenten vorwegnehmen – durch seine Straßen fahren, um für die Eröffnungsparty der Disko im örtlichen Schloss zu werben. Eröffnet wird sie von einem Nachfahren des dortigen Adelsgeschlechts Stani (Gianni Garko), der hier nebenher als Fotograf auch äußerst spärlich bekleidete Frauen in Szenarien ablichtet, die sehr direkt auf Folterszenen aus der Welt des Exploitation-Kinos verweisen. Nun begibt es sich aber dass durch den Lärm der Disko auch sein in seiner Gruft ruhender Urahn Graf Stanislaus (natürlich noch mal: Gianni Garko) aus langem Schlaf erweckt wird – und mit ihm sein unstillbarer Durst nach Blut.

Schnitt von der Geburtstagsfeier einer älteren Dame, vor die ein in Packpapier eingewickeltes Geschenk gestellt wird, auf eine andere etwas jüngere Dame, Ellen Van Helsing (Ellen Umlauf), die ebenfalls ein Packpapier-Paket auf einen Tisch stellt, der sich nun aber vor einer Wirtschaft befindet, an dem der Bürgermeister des Ortes in zünftig bayerischer Tracht, Mario, eine italienische latin lover-Karikatur (Giacomo Rizo), und seine natürlich blonde, junge, attraktive und deutsche Freundin Mausi (Bea Fiedler) sitzen. Paket eins sollte eigentlich einen riesigen Gartenzwerg beinhalten, Paket zwei hingegen eine große Penisstatue, eine Art Riesendildo, der als Beweismaterial Steinschwanz des Anstoßes ist, den Frau Van Helsing an der Diskothek nimmt. Nun begibt es sich aber, dass die Pakete vertauscht wurden, sehr zum Glück der älteren Dame, die sich sichtlich lüstern über ihr Geschenk freut, und zum Leid der jüngeren, die nun erklären muss, was an einem Gartenzwerg, wie ihn doch hier jede/r hat, so schlimm sein soll. Damit ist über den Humor des Films alles gesagt. (Na ja, vielleicht nicht ganz: Dass in diesem – unter anderem auch – Vampirfilm einmal Zahnpastawerbung im Fernsehen läuft, sollte wohl ebenso noch erwähnt werden wie ein Dialog zwischen Mario und seiner Freundin, die es gerade im Schlafzimmer mit einem anderen Mann treibt: „Mausi, kommst du?“ „Ja, ich komme!“)

Schnitt vom Wirtschaftstisch auf zwei „exotische Schönheiten“ (für die Art, wie die Frauen gezeigt werden, gibt es beim besten Willen keine anderen Worte), die auf der Eröffnungsparty der Diskothek in knappen Bodys mit Leopardenmuster tanzen: „Uhhh, Uhhh, Uhhh, love me Dracula“. Überhaupt, wie der Film seinen lüsternen male gaze auf kaum oder gar nicht bekleidete Frauenkörper immer wieder ausstellt auf eine Art, die natürlich entlarvend ist – längst nicht nur, wenn er manchmal direkt durch den Sucher von Stanis Kamera gerahmt wird –, zeugt von von einer Schamlosigkeit, die einem Hören und Sehen vergehen lässt – und bei der letztlich nur ein ausgesprochen flaues Gefühl im Magen zurückbleibt.

Schnitt vom Party-Treiben auf die Gruft, zu der noch die Musik dringt und Blut in einen Teller gegossen wird. Zu versuchen, genauer nachzuvollziehen und zu -erzählen, wie der Film seine Prämisse weiterspinnt, erscheint mir von keinerlei Nutzen für niemanden. Deshalb nur noch eins: In der Inszenierung erkennt man schon immer wieder die Hand des Meisters und die Art, wie Schenkel das „(phallische) Vögeln“, wie Ekkehard Knörer einmal richtig schrieb, das der Biss des Vampirs in den meist weiblichen Hals immer schon ist, expliziert, steht auf derselben Stufe mit der Art, wie Tobe Hooper das später in seinem – zwar vollkommen andersartigen, aber ähnlich bizarren – Achtziger-Meisterwerk „The Texas Chain Saw Massacre 2“ (1986) für den Kettensägen-Phallus tat.

Die erste, aber gewiss nicht letzte Szene dieser Art, soll hier etwas eingehender beschrieben werden. In ihr geht eines von Stanis Models nach einem Fotoshooting, ihre Brüste noch orange bemalt, unter die Dusche. Nun kommt Stanislaus hinzu, ihren Körper mit seinen Blicken erforschend, den Hals fixierend, in den er beißen will. Dazu eine langsam die Spannung steigernde Musik, die wohl nicht von ungefähr an die berühmte Melodie von „Jaws“ (Steven Spielberg, 1975) erinnert. Als er aber zubeißen will, entzieht sich ihm die Frau, ohne ihn zu bemerken, indem sie die Dusche verlässt. Als er im Zimmer einen weiteren Biss-Versuch unternimmt, dreht sie sich um, sieht ihn nun endlich, erschrickt zunächst, meint dann aber beruhigt, in ihm Stani zu erkennen: „Falls du mich erschrecken wolltest, ist dir das gelungen. Du siehst ja aus wie ein Vampir. Warst du wieder in der Gruft?“ Es ist nicht so, dass sich diese Szene vom oben skizzierten Humor des Films wirklich abheben würde, der nun in ein und derselben Einstellung vom durchaus kompetent inszenierten Horrorfilm wieder zum vollkommen derangierten Klamauk wird. Dennoch ist die Art, wie der Vampirzahn-Phallus hier quasi am Körper der vollkommen unbeeindruckten Frau abzuprallen scheint, ein sehr schöner Moment. Es geht aber noch weiter, leitet ihn die Frau doch nun an, nötigt ihn regelrecht dazu, erst einmal ein Bad zu nehmen. Der so in seiner Potenz gekränkte Mann wird nun auch noch symbolisch zum Kind, das von der Mutter gewaschen wird. Wenn sie wenig später im Bett landen und er sie schließlich doch beißt, ist das natürlich auch eine Rache für die Kränkung, die damit sogleich die phallische Ordnung wiederherstellt. Schenkel inszeniert das mit der assoziativen Verbindung von rotem Nagellack und Blut.

(Der Schmerz, den es mir verursachte, diesen Film ganz anzusehen, war so groß, dass ich ihn in Häppchen aufteilen musste. Dabei war er aber immer wieder auch sehr erhellend – sicherlich nicht zuletzt, weil ich jetzt gerade, unmittelbar nach der Sichtung, so froh bin, im Berlin des Jahres 2018 zu leben wie lange nicht mehr.)

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Graf Dracula (beißt jetzt) in Oberbayern
(Graf Dracula in Oberbayern)
Italien/BRD 1979 - 89 min.
Regie: Carl Schenkel - Drehbuch: Grünbach, Erich Tomek - Produktion: Martin Friedmann, Carl Spieß - Kamera: Heinz Hölscher - Schnitt: Jutta Hering - Musik: Gerhard Heinz - Verleih: MCP - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Gianni Garko
Kinostart (D): 12.10.1979

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt0079230/
Foto: © MCP