Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

(D 2017; Regie: Julian Radlmaier)

Der kommunistsiche Filmemacher als bürgerlicher Hund im neurotischen Gewebe unserer Gegenwart

Der Filmemacher-Schaffenskrisen-Film war im Autorenkino der sechziger und siebziger Jahre beinahe so etwas wie ein eigenes Genre: von Fellini über Fassbinder bis Cassavetes. Ich persönlich tue mich mit diesen Filmen manchmal etwas schwer. So war zum Beispiel voriges Jahr in Frankfurt „Roulette der Liebe“ (1965) der wirklich einzige Film von Bo Widerberg, mit dem ich wegen seiner wirklich unangenehm wehleidigen Hauptfigur nicht so recht warm geworden bin.

Wie sich nun Julian Radlmaiers „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ zu diesen Filmen (aber auch unzähligen anderen kulturellen wie weltanschaulichen Dingen) verhält, ist eine wichtige und gar nicht so leicht zu beantwortende Frage. Als Parodie? Als Satire? Jedenfalls ist klar, dass das alles in diesem Film da ist und mitgedacht werden muss. Das beginnt schon bei dem, seit Fernseher, Computer- und Smartphone-Bildschirme in 16:9 ausgeliefert werden, eigentlich gänzlich ausgestorbenen Seitenverhältnis von 1,37:1, in dem der Film gedreht wurde. Und setzt sich nahtlos fort in der Geschichte um einen in Berlin lebenden Hipster-Filmemacher (Julian Radlmaier heißt er und wird von Julian Radlmaier gespielt), der mangels Drehbuchfördergeldern gerade von Sozialhilfe lebt. Sein Sachbearbeiter fordert ihn dazu auf, einen Job als Erntehelfer zu übernehmen. Er traut sich nicht, so sagt er, zu widersprechen.

Nun braucht ein Künstler aber natürlich auch eine Muse, sodass es sich gut trifft, dass er in einem Museum Camille (Deragh Campbell) trifft, die er, so erzählt er uns per Voice-Over, nur oberflächlich kennt, auf deren Facebook-Profil er allerdings schon etliche Stunden zugebracht hat – es sind gleichermaßen liebevoll skurrile wie schonungslos ehrliche Details wie dieses, mit denen Radlmaier seinen Film ganz tief ins neurotische Gewebe der Gegenwart einflicht. Dann gibt sein ehemaliger Professor, „der berühmte Dokumentarfilmer Rudolf Botow“ eine Party (Carlos Bustamente gibt ihn als jemanden, der seinen ausschließlich jungen Gästen in zackig autoritärem Ton von seiner Jugend als zweifacher Vater und strammer Maoist, der zur Umerziehung in einer Fabrik arbeitete, erzählt, und außerdem, so sagt er, obwohl es doch eigentlich wohl niemand so genau wissen wollte, hat er damals „gefickt, gefickt und nochmals gefickt“. Ficken tut unser Julian übrigens (Spoiler!) solange dieser Film dauert nicht, aber er kann dann ja auch einfach in dreißig, vierzig Jahren Leuten, die es wahrscheinlich auch nicht hören wollen werden, erzählen, dass er es getan hätte.).

Hier hat Julian die zündende Idee, seinen Zwangsaufenthalt auf der Apfelplantage als Recherche für sein neues (so kommunistisches wie nicht existentes) Filmprojekt auszugeben, in dem er Camille zuvor die Hauptrolle angeboten hatte („When you told me about it the other day, I thought it was just a hipster excuse to date me.“ „Do I look like that?“ „Yeah.“). Jedenfalls bietet sie sich an, ihn zu begleiten, und bald sind sie auf der Plantage – wo seine Annäherungsversuche aber eben konsequent ins Leere laufen und sie ihm nur immer wieder unterstellt, er sei ziemlich dieses oder jenes für einen kommunistischen Filmemacher. Schließlich wird sie besonders deutlich: „You’re quite an asshole for a communist filmmaker.“

Auch wie die Figuren, die sie dort treffen und die sie nun den restlichen Film begleiten, dargestellt werden, ist nicht leicht zu fassen. Ich glaube, Radlmaier nimmt Klischees als Grundlage für sie, die er dann zu Karikaturen überzeichnet. Natürlich können dabei keine Figuren herauskommen, mit denen man im wirklichen Leben gerne mal einen Kaffee trinken würde, aber so abgrundtief böse wie etwa die Nebenfiguren-Karikaturen in Verhoevens „Elle“ (2016) sind sie dann auch wieder nicht gezeichnet.

Jedenfalls sind da: Sancho (Beniamin Forthi) und Hong (Kyung-Taek Lie), die sich zuvor als „selbstständige Flaschensammler“ versuchten und hier auf der Plantage nun ihre ganz eigenen amerikanischen Traum finden wollen. Der aus Korea stammende Hong hat einen gewissen Hang zum Esoterisch-Spirituellen und beschert uns damit eine wirklich sonderbare Vorstellung vom Paradies. In der skurrilsten Einstellung, die ich seit langem in einem Film gesehen habe (und ich sah diesen Monat immerhin schon Lommels „Der zweite Frühling“ (1975)). Da sind die Figuren beim Picknick am See auf einer Decke angeordnet, auf der allerlei Getränke stehen, lesen und unterhalten sich unter anderem über Donald Duck, zwei von ihnen werfen sich aus ca. einem halben Meter Entfernung im Bildhintergrund einen Plastikball zu. Ja, so sieht er wohl aus, der Garten Eden der Freizeitgesellschaft. Dann, neben anderen, zum Beispiel noch Zurab (Zurab Rtveveliasvili), den seine Sozialisierung in der ehemaligen UDSSR zu einem besonders fiesen und groben Kapitalisten mit stark ausgeprägten autoritären Tendenzen gemacht hat.

Die unterschiedlichen Migrationshintergründe der Figuren, von denen einige etwa den Staatskommunismus des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben (ob in der DDR, der Sowjetunion oder auch Korea) bzw. die Gespräche, die sich dadurch ergeben, machen schon klar, dass der diktatorische „Sozialismus“ scheiße war. Andererseits sind aber da auch die Arbeitsbedingungen auf einer Apfelplantage im real existierenden Kapitalismus, wie sie die Vorstehende unterbreitet, über die eine Untergebene in Kolonialherrinnenart einen Sonnenschirm hält: Es wird ein gewisses Pensum an Arbeit erwartet, wenn jemand das mal nicht erreicht, weil er oder sie einen schlechten Tag hat, an sich kein Problem, das muss er oder sie dann halt einfach nur unentgeltlich abends nachholen, und wer sich nur genug den Arsch aufreißt, der bekommt dann einen Bonus in Form eines Amazon-Gutscheins über 20 Euro. Es bekommt also jede Weltanschauung und jedes Gesellschaftssystem hier ordentlich ihr Fett weg.

Als ebendiese Plantagenvorstehende vorübergehend tot zu sein scheint, meinen die ArbeiterInnen nun ganz und gar frei zu sein, versammeln sich zum Festschmaus (natürlich ist sich Radlmaier nicht zu schade, dass als letztes Abendmahl zu inszenieren – und das ist auch gut so) und grölen mehrsprachig die Internationale. Mit dem Tod der Chefin ist es aber bald Essig – und die Figuren machen sich nun bald auf den Weg zu verschiedenen neuen Ufern. Also Julian zurück nach Berlin, wo er endlich seine Drehbuchförderung erhält und nun einen Film machen kann, in dem sich Camille, Hong und Sancho aufmachen nach Italien, wo sie sich nun in einem utopischen Land wähnen. Camille hatte zuvor durch einen Geistesblitz festgestellt, dass nicht der Kommunismus das Problem ist, sondern die Kommunisten und es also gelte, einen Kommunismus ohne Kommunisten zu schaffen, den unsere drei eifrigen Reisenden also dort zu finden glauben, wo die Zitronen blühen. Sie werden dann allerdings auf vielfache Weise eines Besseren belehrt, wieder und wieder von der Realität eingeholt – und landen schließlich im Knast.

Der Film-im-Film, den wir mit Julian und seinem Publikum bei der Premiere in Venedig sehen, fügt sich dann relativ nahtlos als weiteres Kapitel in den eigentlichen Film ein. Wenn auch, und das will nun wirklich etwas heißen, als besonders absurdes. Das Publikumsgespräch nach dem Film wird übrigens moderiert von Toby Ashraf, mit dem ich im Arsenal schon das eine oder andere Q&A nach einer Vorstellung sah. Das belegt einmal mehr mit welcher Detailversessenheit sich Radlmaier unserer Gegenwart widmet, die er dann eben satirisch überspitzt und zur Kenntlichkeit entstellt. Ein Gespräch zwischen den Figuren des Radlmaier-Films im Radlmaier-Film, „The Pursuit of Happiness“ heißt er übrigens, zeigt auch auf, wie der ideologiegeschichtliche Quatsch des Film dann irgendwie doch immer wieder zu wirklich interessanten Fragen führen kann: Wer macht eigentlich im Kommunismus die wirklichen Scheißjobs, die auch dazu gehören, eine Gesellschaft am Laufen zu halten, putzt also etwa öffentliche Toiletten?

Im Gespräch mit seinem Publikum entpuppt sich unser kommunistischer Filmemacher dann übrigens als ziemlich bürgerlicher Hund, der nicht glaubt, dass man gegen die Übermacht des Kapitalismus irgendetwas tun könnte – als Strafe für seine Resignation, so nehme ich zumindest an, wird er dann tatsächlich in einen ziemlich windigen Hund verwandelt, als der er uns nun in Rückblenden seine Geschichte erzählt.

absolut MEDIEN bringt den Film am 9. Februar auf DVD heraus. Als Bonusmaterial gibt es Radlmaiers Vorgänger, den einstündigen „Ein proletarisches Wintermärchen“ (2014), der übrigens auch sehr interessant ist und dem ich noch einen eigenen Text widmen werde.

Hier und hier finden sich weitere Kritiken zu „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes
(Selbstkritik eines büregerlichen Hundes)
Deutschland 2017 - 96 Minuten min.
Regie: Julian Radlmaier - Drehbuch: Julian Radlmaier - Produktion: Hanna Cramer, Kirill Krasovski, Andreas Louis - Kamera: Markus Koob - Schnitt: Julian Radlmaier - Verleih: absolut MEDIEN - FSK: 12 - Besetzung: Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Beniamin Forthi, Kyung-Taek Lie, Ilia Korkashvili, Zurab Rtveveliasvili, Johann Orsini-Rosenberg, Anton Gonopolski, u.a.
Kinostart (D): 10.02.2017

DVD-Starttermin (D): 09.02.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6354108/fullcredits?ref_=tt_ov_st_sm
Link zum Verleih: https://www.absolutmedien.de/
Foto: © absolut MEDIEN