Elle

(FR, D, BE 2016; Regie: Paul Verhoeven)

Katzen, Menschen, Vergewaltigungen

Nur die Katze war Zeuge. Exponiert in der ersten Einstellung nimmt sie die Perspektive der Zuschauenden ein. Und wie sie wissen auch wir zunächst nicht, wovon genau wir da Zeugen werden. Das Stöhnen, das schon vor dem ersten Bild zu hören ist, könnte auf sexuelle Ekstase, aber auch auf eine Vergewaltigung hindeuten. Somit geht es in „Elle“ von Anfang an um die Vermengung von Bereichen, die die meisten Menschen klar und sicher voneinander getrennt wissen wollen: einvernehmlicher Sex auf der einen, sexuelle Gewalt auf der anderen Seite. Das ist eine große Provokation und der Regisseur des Films, Paul Verhoeven, ist einer der begnadetsten Provokateure der Filmgeschichte, für den seit Anfang der Siebziger die Regeln dessen, was auf der Leinwand gezeigt und erzählt werden darf, vor allem da sind, um gebrochen zu werden, der immer noch einen entscheidenden Schritt weitergeht und mit der konsequenten Zuspitzung seiner Szenarien ins Obszöne der Obszönität der Realität ein ums andere mal näher kommt, als es Tausend „regeltreue“ (Arthaus-)Filmemacher könnten.

So ist denn auch das Gediegene an „Elle“ – die Art etwa, wie der Film die Vergewaltigung (denn um eine solche handelt es sich) zu Beginn ausblendet, sie zunächst nur durch Blut im anschließenden Schaumbad erahnen lässt, aber auch die in geschmackvollen Cinemascope-Einstellungen eingefangenen stilbewussten Interieurs – eine riesengroße Falle. Das beinahe Geleckte der Oberflächen kann immer weniger verbergen, wie sehr es darunter brodelt, sich immer größere menschliche Abgründe auftun. Michèle Leblanc (Isabelle Huppert), die aus allzu nachvollziehbaren Gründen nach ihrem Erlebnis nicht zur Polizei geht, macht sich nun selbst daran ihren maskierten Peiniger zu suchen, der sie weiterhin beobachtet, ihr obszöne Kurznachrichten schickt, in einer Szene in ihre Wohnung eindringt und seinen Samen als Gruß auf ihrer Seidenbettwäsche hinterlässt. In seinem sadistischen Spiel nimmt sie unterdessen keine rein passive Rolle ein. Mehr und mehr trachtet auch sie danach, ihm wieder zu begegnen, ihr Trauma zu wiederholen, wobei eben die Grenze zwischen Lust und Gewalt immer durchlässiger, immer schwerer nachvollziehbar werden.

Mit „Elle“ legte Verhoeven letztes Jahr auf dem Filmfestival in Cannes seinen ersten Kinofilm nach genau zehn Jahren vor, in denen er nur als Regisseur des Fernsehprojekts „Tricked“ (2012) aufgetreten war. Schon der Vorgänger „Black Book“ war durch eine Frau perspektiviert, die sich als Jüdin im von den Nazis besetzten Holland des ausgehenden Zweiten Weltkriegs versteckte und dabei in Kreise des Widerstands geriet. Schon in diesem mutigen Film verstand der Regisseur es, das Bedürfnis des Publikums nach einfachen Antworten und Schwarzweißmalerei ebenso zu unterminieren wie zumindest teilweise das nach Rache und Gerechtigkeit, indem er von Allianzen und Verrat über alle Grenzen nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit oder politischer Ideologie hinweg erzählte. Statt darum, die Welt ordentlich in Täter und Opfer zu unterteilen, ging es, mit den denkwürdigen Worten Jacques Rivettes, um das „Überleben in einer Welt, die von Arschlöchern bevölkert ist.“

Letzteres trifft gewiss auch auf „Elle“ zu. Dabei sind die Nebenfiguren aber durchweg ziemlich ätzende Karikaturen, Arschlochkarikaturen. Michèles Mutter Irène (Judith Marge) hat ein geradezu grotesk mit Botox aufgespritztes Gesicht und ist bei ihrem ersten Besuch der Tochter mit einem Mann zusammen, der wohl nicht nur ihr Sohn, sondern gleich ihr Enkel sein könnte, und den sie später zu heiraten gedenkt. Sie versucht die Tochter dazu zu animieren, sich den Monstern ihrer Vergangenheit zu stellen und ihren Vater zu besuchen, der im Knast sitzt, weil er einst, da war Michèle noch ein Kind, der Familie zu trauriger Berühmtheit verhalf, indem er 27 Menschen ermordete (dass das Familiendrama derart ins Groteske, ja Absurde überspitzt wird, ist bezeichnend für diesen Film). Ihr Sohn Vincent (Jonas Bloquet) ist vielleicht die einzige einigermaßen sympathische Figur, nicht obwohl, sondern gerade weil er ein ziemlicher Loser ist, der unter der gnadenlosen Fuchtel seiner, wie Michèle gleich mehrmals betont, „komplett verrückten“ Freundin steht. Als diese später ein Kind bekommt, dessen dunkle Hautfarbe partout nicht zu der des Vaters passen will, wandelt Verhoeven gar auf den Spuren der Farrelly Brothers, in deren Meisterwerk „Me, Myself & Irene“ Jim Carrey einen Mann spielt, den seine Unfähigkeit, sich selbst zu behaupten schließlich bis in eine Persönlichkeitsspaltung treibt. Michèles Ex-Mann Richard (Charles Berling) ist ein Schriftsteller mit Geldsorgen und Writers Block, der gerne ein Videospiel entwerfen würde und mit einer seiner Schülerinnen ein Verhältnis anfängt (Michèles Kommentar dazu: „Frauen, die „Das andere Geschlecht“ gelesen haben, fressen dich auf und spucken dich wieder aus.“). Abgerundet wird das Figurenpersonal, das in seiner Diversität eint, dass man im wirklichen Leben mit keinem dieser Menschen gerne mal einen Kaffee trinken würde, durch Anna (Anne Consigny), mit der Michèle ihre Firma für Videospiele leitet und mit deren Mann sie eine Affäre hat. Und dann ist da natürlich noch der nette Nachbar Patrick (Laurent Lafitte), dem seine Frau offensichtlich nicht zu der sexuellen Befriedigung verhelfen kann, nach der er sich sehnt.

Mich „Elle“, deren Perspektive, darauf verweist schon der Titel, der Film schonungslos einnimmt, fügt sich als extrem unterkühlte Geschäftsfrau erst einmal ziemlich gut ins sinistre Gesamtbild. Ähnlich gefasst und gefühllos wie sie zu Beginn über ihre Vergewaltigung hinweg geht, nimmt sie später auch den zeitnahen Tod ihrer beiden Eltern in Kauf. Ganz zu Beginn sehen wir sie auf einem Meeting in ihrer Firma, bei dem sie von der Vorabversion eines Computerspiels feststellt, dass es nicht brutal genug sei. Wenn ein Monster in einem buchstäblichen Kopffick mit einer seiner Tentakeln in den Kopf seines weiblichen Opfers eindringt, will sie ihre „orgiastischen Zuckungen“ sehen, will das die Spielenden später das Gefühl haben, dass ihnen das Blut aus dem Control Pad durch die Finger rinnt.

Wie eigentlich alle Filme Verhoevens, aber vielleicht ganz besonders seine dystopischen Zukunftsvisionen „Robocop“, „Total Recall“ und „Starship Troopers“, spielt auch dieser Film in einer Welt, in der Gewalt allgegenwärtig ist, die gezeigte Gesellschaft geradezu von ihr zersetzt, aber dann auch irgendwie von ihr zusammengehalten wird. Sie findet sich im Boxkampf im Fernsehen. Im YouTube-Video von Menschen, die Insekten zertrampeln („crushing“ nennt sich dieses eigenwillige Hobby). In den Nachrichtensendungen, die die Verbrechen von Michèles Vater rekapitulieren und in der Schändung seines Grabs auf dem Friedhof, auf dem der Film mit einer beinahe versöhnlichen letzten Einstellung endet. Ganz besonders aber in der innerfamiliären Kommunikation. Die messerscharfen Dialoge des bislang überwiegend auf niedrig budgetierte Serienkillerfilme spezialisierten Drehbuchautors David Birke machen die Sprache zu einer bedingungslosen Waffe, jede Zwiesprache zu einem erbarmungslosen Gefecht.

Wenn die am Anfang noch dezent zurückgehaltenen Bilder der Vergewaltigung, dann immer wieder ziemlich unvermittelt in den Film einbrechen, in Flashbacks der Protagonistin, die das Geschehen an einer Stelle auch zu einer Rachefantasie ummünzen, die einfache Katharsis eines Rape and Revenge-Narrativs als Möglichkeit formulieren, die der Film dann aber doch nicht zulässt, erscheint die sexualisierte Gewalt nur als konsequente Zuspitzung der Gewalt, die eh schon überall ist, alles durchdringt, die Menschen von innen her auffrisst. In einer solchen Gesellschaft wird das Rape Game mit echtem Vergewaltiger, dem man in einer Szene anmerkt, dass er erst einen hoch kriegt, wenn sein Opfer sich erbittert wehrt, zu einer letzten Form Sexualität zu leben. „Elle“ ist das großartige Spätwerk eines großen Meisters des (exploitativen) Kinos. Vielleicht Verhoevens grimmigster Film. Und das will nun wirklich etwas heißen.

Dieser Text ist zuerst gekürzt erschienen auf: Perlentaucher.de

Hier findet sich eine weitere Kritik zu ‚Elle‘.

Benotung des Films :

Nicolai Bühnemann
Elle
(Elle)
Frankreich, Deutschland, Belgien 2016 - 130 min.
Regie: Paul Verhoeven - Drehbuch: Philippe Djian, David Birke, Harold Manning - Produktion: Saïd Ben Saïd, Michel Merkt - Kamera: Stéphane Fontaine - Schnitt: Job ter Burg - Musik: Anne Dudley - Verleih: MFA+ FilmDistribution - Besetzung: Isabelle Huppert, Christian Berkel, Anne Consigny, Virginie Efira, Laurent Lafitte, Jonas Bloquet, Vimala Pons, Charles Berling, Olivia Gotanègre, Raphaël Lenglet, Lucas Prisor
Kinostart (D): 16.02.2017

DVD-Starttermin (D): 21.07.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3716530/
Link zum Verleih: http://www.mfa-film.de/kino/id/elle/
Foto: © MFA+ FilmDistribution