Call me by your name

(I/F/BR/USA 2017; Regie: Luca Guadagnino)

Idealische Liebe

Gesellschaftliche und soziale Probleme oder gar innerfamiliäre Konflikte spielen keine Rolle im norditalienischen Sommeridyll der Perlmans. Hier, in der malerischen Umgebung des Gardasees, verbringt die bildungsbürgerliche jüdische Familie ihre Ferien in einem ebenso stattlichen wie geschmackvollen Anwesen mit Dienstpersonal. Im störungsfreien, idealischen Setting dieses Films hat alles seine Ordnung. Abgeschirmt von der Außenwelt und dem wirklichen Leben des Jahres 1983 produziert die Hitze Langeweile und Müßiggang, aber auch Leichtigkeit und eine gewisse erwartungsvolle Offenheit. Die Perlmans geben sich tolerant und aufgeschlossen, sind gebildet und kultiviert und widmen ihre Arbeit den schönen Künsten. Während Professor Perlman (Michale Stuhlbarg) kunsthistorische Forschungen betreibt und seine Frau (Amira Casar) als Übersetzerin arbeitet, widmet sich ihr hochbegabter 17-jähriger Sohn Elio (Timothée Chalamet) dem Lesen und Klavierspielen. Nebenbei pflegt er eine zarte Liebelei mit der gleichaltrigen Französin Marzia (Esther Garrel).

Einmal sagt der intelligente, für sein Alter ziemlich belesene Junge: „Ich weiß fast nichts über die Dinge, auf die es im Leben ankommt.“ In Luca Guadagninos bezauberndem Liebesfilm „Call me by your name“ ändert sich das mit der Ankunft des amerikanischen Stipendiaten Oliver (Armie Hammer), dem Elio sein Zimmer überlässt und mit dem er das Bad teilt. Dem sehr vital, ungezwungen und distanzlos wirkenden Schönling fliegen bald alle Herzen zu. Besonders Elio verliebt sich in den allseits bewunderten jungen Mann, der eine Lebenslust verströmt, die bald auch Elio erfasst. Zwischen sehnsüchtigem Hoffen und Träumen verbringt er fortan seine Tage, während sein Begehren stetig wächst und sich zwischen den beiden ein teils ironisches, vor allem aber leidenschaftliches Spiel zwischen Nähe und Distanz entwickelt. Bald belauern sie sich aus ihren selbstgeschaffenen Verstecken heraus, nur um sich irgendwann doch einander zu ergeben.

Was sie dann erleben, ähnelt jener totalen, völlig entgrenzten Liebe, die es nur selten und vielleicht nur einmal im Leben gibt. Luca Guadagnino inszeniert sie in sehr sinnlichen, körperbetonten Bildern als eine ebenso schöne wie schmerzliche Erfahrung, die sich im idealischen Raum seines Films frei und entspannt entfalten darf. Dass die gesteigerte Lebendigkeit der Verliebten in der fruchtbaren Naturfülle ihren Widerhall findet, und ihr hitziges Tun trotz visueller Diskretion nicht ohne symbolischen Überbau auskommt, der unter anderem durch die Beschäftigung mit antiken Skulpturen aufgerufen wird, mag man je nach Standpunkt leicht schwülstig empfinden. Den Tränen des Abschieds und der emotional bewegenden Rede über Freundschaft und die Kraft der Liebe, mit der Elios Vater seinen Sohn tröstet, kann und will man sich allerdings dann doch nicht entziehen.

Call me by your name
Italien, Frankreich, Brasilien, USA 2017 - 132 min.
Regie: Luca Guadagnino - Drehbuch: James Ivory - Produktion: Emillie Georges, Luca Guadagnino, James Ivory, Marco Morabito, Howard Rosenman - Kamera: Sayombhu Mukdeeprom - Schnitt: Walter Fasano - Musik: Sufjan Stevens - Verleih: Sony Pictures - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Armie Hammer, Timothée Chalamant, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel
Kinostart (D): 01.03.2018

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt5726616/
Foto: © Sony Pictures