filme 0-9 a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z     

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Sven Jachmann

Warshow ist im Kino

Robert Warshow starb mit 37 - zu früh, um heute als filmtheoretischer Klassiker zu gelten. Der Herzinfarkt ereilte ihn 1955. Die Form, in der sich über Film angemessen sprechen lässt, wurde da noch gesucht; die Idee, mit postmodernistischer Rückendeckung E und U zu versöhnen, war noch nicht geboren; wie dem Film als Zwittererscheinung aus Industrie und der Kunst begegnet werden kann, war längst nicht ausgemacht. Ist es auch heute nicht, nur spricht kaum jemand mehr darüber.

Warshow bewegte sich im Kreise der New York Intellectuals, schrieb für den "Commentary" und die "Partisan Review" über jüdischen Humor, Hemingway, Kafka und "Krazy Kat", vor allem aber über Film. Er war dezidiert links und zugleich Antikommunist, beherrschte das ethische Räsonieren des bürgerlichen Intellektuellen, ließ sich aber nicht von Arthur Millers mechanischem Humanismus oder den Mittelschichtsleitlinien des "New Yorker" verarschen.

Das Hauptwerk, seine Filmtexte, ist nicht ganz Theorie und nicht ganz Kritik, eher ein phänomenologisches, vorurteilsloses Herantasten an die Bausteine der Emotionserzeugung, dem er sich mit Verve hingab. Dahinter steht die Verabschiedung zweier Positionen der damaligen Kritik: Warshow akzeptiert Film als Kunst, reduziert ihn aber nicht darauf, und er registriert den Film soziologisch als Indikator gesellschaftlicher Prozesse, übersieht aber darüber nicht die eigene Verflechtung in Normen, Wertesysteme und Ideologien ("Ich bin es, der ins Kino geht."). Also weder Rudolf Arnheim noch Siegfried Kracauer - beide sind aber notwendiger Ausgangspunkt für die "unmittelbare Erfahrung", wie Warshows nun ins Deutsche übersetztes Textvermächtnis heißt.

In Filmen und dem Nachdenken darüber bündelt sich nach Warshow ein Verhältnis zur Welt. In seinen noch am ehesten kanonisierten Texten zum Western und Gangsterfilm klingt das so: "Im Grunde ist der Gangster zum Scheitern verurteilt, weil er zum Erfolg gezwungen ist, nicht weil die Mittel, die er anwendet, unrecht sind." Und der Cowboy "will nicht seine Macht vergrößern, sondern seine eigenen Werte behaupten, und seine Tragik besteht darin, dass selbst solch begrenzte Bedürfnisse nicht erfüllt werden können".

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung. Filme, Comics, Theater und andere Aspekte der Populärkultur.
Aus dem Englischen von Thekla Dannenberg. Vorwerk 8, Berlin 2014. 256 Seiten. 24 Euro

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 2/2015

Artikel teilen:          
im kino:aktuelldemnächst
kinostart: 23.02.2017

A Cure for Wellness

(USA, D 2017; Gore Verbinski)
Gore dreht auf - und Aale zittern von Drehli Robnik

Boston

(USA 2016; Peter Berg)
Armes Amerika! Tod, Cops, Trost, Lob, Stolz - Boston (eine rechtspopulistische Actionperle) von Drehli Robnik
kinostart: 16.02.2017

Elle

(FR, DE, BE 2016; Paul Verhoeven)
Angstlust von Wolfgang Nierlin
kinostart: 09.02.2017

Fifty Shades of Grey - Gefährliche Liebe

(USA 2017; James Foley)
Shades of Verwertung von Jürgen Kiontke

The LEGO Batman Movie

(USA/DK 2017; Chris McKay)
Zusammen ist man weniger allein, oder: Brothers in Crime von David Auer
kinostart: 02.02.2017

The Salesman

(IR, FR 2016; Asghar Farhadi)
Der schuldige Mensch von Wolfgang Nierlin
kinostart: 26.01.2017

Hacksaw Ridge - Die Entscheidung

(USA/AUS 2016; Mel Gibson)
Im rechten Licht gesehen von Drehli Robnik

Resident Evil 6: The Final Chapter

(F/D/CA/AUS 2016; Paul W.S. Anderson)
Erkenntnisschock im Horrorschlock: In der Zombienormalität ist Geist Minorität von David Auer
kinostart: 19.01.2017

Die Hölle - Inferno

(AT/D 2016; Stefan Ruzowitzky)
Relativ böse, absolut fremd von Drehli Robnik

Personal Shopper

(F 2016; Olivier Assayas)
Gespenstische Welt von Nicolai Bühnemann

Where to, Miss?

(D 2015; Manuela Bastian)
Selbstbestimmte Autofahrt von Jürgen Kiontke
kinostart: 12.01.2017

La La Land

(USA 2016; Damien Chazelle)
Morgen soll wie gestern sein von Ricardo Brunn

Wild Plants

(DE/CH 2016; Nicolas Humbert)
Widerstand aus der Nische von Wolfgang Nierlin
kinostart: 05.01.2017

Passengers

(USA 2016; Morten Tyldum)
Was ist faul an Bord? von Drehli Robnik

Terror in der Oper

(IT 1987; Dario Argento)
Das überwältigte Auge von Ricardo Brunn
auf dvd:aktuelldemnächst

kurzkritik

The Purge: Election Year

(USA / F 2016; James DeMonaco)

Black Power versus Nationalwahn im Wahljahr

von Drehli Robnik

America's Sweethearts

(USA 2001; Joe Roth)

Satire als Flaschenkorken

von Marit Hofmann

Riverbanks

(GR / D / T 2015; Panos Karkanevatos)

Liebe auf der Flüchtlingsroute

von Jürgen Kiontke

ältere filme

Chuckys Baby

(USA, RO, GB 2004; Don Mancini)

Glenda / Glen und der Rest der Bande

von Nicolai Bühnemann

Big Bad Man

(USA 1989; Carl Schenkel)

Tiefenentspannt durch Jamaika

von Nicolai Bühnemann

Abwärts

(BRD 1984; Carl Schenkel)

Die Steckengebliebenen

von Nicolai Bühnemann

bücher

Wim Wenders: Die Pixel des Paul Cézanne und andere Blicke auf Künstler

Filmemacher Wim Wenders wird siebzig und veröffentlicht eine neue Textsammlung

von Wolfgang Nierlin

Matthias Wannhoff: Unmögliche Lektüren. Zur Rolle der Medientechnik in den Filmen Michael Hanekes

Denken wie Film

von Lukas Schmutzer

Robert Warshow: Die unmittelbare Erfahrung

Warshow ist im Kino

von Sven Jachmann

interviews

"Es ist schwerer geworden die inneren Konflikte der Menschen abzubilden"

Ein Gespräch mit dem Dokumentarfilmregisseur Andreas Voigt

von Ricardo Brunn

"Der europäische Film ist online nicht sichtbar"

Dr. Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH, im Gespräch über den deutschen Kinomarkt

von Ricardo Brunn

"Extreme Charaktere in einem extremen Raum"

Im Gespräch mit Nikias Chryssos über seinen Film "Der Bunker"

von Wolfgang Nierlin

texte

Die besten Filme des Jahres 2016

And the winners are...

Arschgesichter, Disneykinder und poetische Überschüsse - Die Filme von Brian Yuzna und Stuart Gordon

Ein Dossier, sechs Verbeugungen

Tief im Westen tanzt der Kongress

Notizen zu Film & Musik

von Ulrich Kriest

comic

Volltreffer

Walter Hills Graphic Novel "Querschläger"

von Johannes Binotto

Glücklich, was sonst?

Maria und Miguel Gallardos illustrierte Erzählung "Maria und ich" korrigiert viele Klischees über Kinder mit Autismus

von Sven Jachmann

An der Wand die Fuchsmaske

Nicolas Wouters′ und Mikael Ross′ Graphic Novel "Totem"

von Christoph Haas

kolumne

Angewandte Filmkritik

Episoden 1-12

von Jürgen Kiontke

Magische Momente #31

The Night of the Hunter (Die Nacht des Jägers)

von Klaus Kreimeier

Magische Momente #30

Im Juli

von Klaus Kreimeier

festival

Berlinale 2015 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

Berlinale 2014 - Notizen und Kritiken

Der Berlinale-Kanal der filmgazette

9. Achtung Berlin Festival 2013

von Ricardo Brunn