Mauerpark

(D 2011; Regie: Dennis Karsten)

Berlin, du bist so wunderbar

Im Jahr 2005 wurde der amerikanische Fotograf David Burnett für seine Fotografien der Olympischen Spiele 2004 mit dem „World Press Photo Award“ ausgezeichnet. Das Besondere dieser Bilder war, dass die Sportdisziplinen im Modus extremer Tiefenunschärfe aufgenommen wurden. Diese Tilt-Shift-Effekt genannte Technik lässt alle Objekte im Bildmittelgrund als Miniaturen erscheinen, weil Bildvorder- und Bildhintergrund unscharf bleiben. Gerade in der Sportfotografie, wo jede Bewegung, jeder Augenblick entscheidend sein können, verleiht dieser über eine Neigung der Bildebene in der Kamera (oder ein entsprechendes Objektiv) erzeugte Effekt den Bildern eine geradezu irreale Spannung. Auf gewöhnliche Orte und Objekte angewandt, überwiegt jedoch schnell der Eindruck schnöder Verkleinerung. Hinter dem durch die Unschärfen verengten Bildausschnitt kann im langweiligsten Fall die Idee stecken, das Bild für den Betrachter interessanter zu machen, als es ist.

Der Dokumentarfilm „Mauerpark“ von Dennis Karsten beginnt mit Totalen, die diesen Tilt-Shift-Effekt ebenfalls nutzen. Sie zeigen den Mauerpark in Berlin aus der Vogelperspektive. Sofort wird klar, hier geht es um Menschen in einem Mikrokosmos. Im Folgenden geben Anwohner, Zugezogene, Künstler, Alt-Raver und Jung-Hippies Interviews und ihre Sicht auf den Mauerpark preis. Weil der Film ein lebendiges Portrait im Sinn hat, bemüht er sich um ein größtmögliches Spektrum an Persönlichkeiten aus der näheren Umgebung des Parks. Da steht der glatzköpfige Ex-Marzahner Conny neben dem (tatsächlich nicht wie fünfzig Jahre alt aussehenden) Dr. Motte und dem fast schon stoischen BSR-Mann Horst, der als einziger nicht in der Nähe des Parks wohnt und somit ansatzweise einen Blick von außen repräsentiert. Leider sind die Aussagen der Interviewpartner nicht so vielfältig wie deren Herkunft geraten und pendeln sich allzu schnell auf den Vollsuffslogan einer bekannten Großstadt-Kinowerbung ein, um sich im weiteren Verlauf des Filmes in redundantem Geplauder zu verlieren. Berlin präsentiert sich einmal mehr als Partyhauptstadt im Feel-Good-Movie. Die eingesetzte Musik unterstützt das Lebensgefühl vieler Dauertouristen dieser Stadt zusätzlich. Nur der Müll nervt und die diffusen Pläne des Senats zur Bebauung des Geländes. Oder die Red-Bull-Trucks, die das Selbstgemachte und damit die Einzigartigkeit der ansässigen Bohème zu Grabe tragen. Was nach dem Film bleibt, ist das Bewusstsein, dass der Mauerpark eine riesige Spielwiese für allerlei kreatives Personal der Sonderbewirtschaftungszone Prenzlauer Berg ist. Und so sehr sich das Gefühl, dass da was geht im Prenz’lberg, auch auf den Zuschauer überträgt, es braucht dazu einfach keine 79 Minuten.

„Mauerpark“ leidet unter seiner Montage und der mangelhaften Strukturierung mit Tendenz zum Unkonkreten. Er schafft es nur selten, Figuren und Themen zu ordnen oder herauszuarbeiten. So werden dem Publikum im Verlauf des Filmes verschiedenste Musikgruppen und Solokünstler vorgestellt, deren Aussagen sich jedoch kaum voneinander abheben, dadurch Gewichtung verlieren und über den Film hinaus nicht im Gedächtnis des Zuschauers präsent bleiben. Stellenweise verliert sich der Film in der Masse seiner Figuren, verpasst es Überflüssiges auszusortieren. Da platzen die Basketball-Mädchen Evi und Maike mal eben unerwartet in die Erzählung, obwohl deren Geschichte schon 25 Minuten zuvor behandelt und zu einem sinnvollen Ende geführt wurde. Solche Momente fühlen sich an, als wollte der Regisseur auf Biegen und Brechen einen Langfilm aus dem Material stemmen, welches dem klassischen Reportagestil näher ist als dem forschenden Dokumentarfilm.

Bei aller ausladender Geste bezüglich seines Figurenrepertoires verweigert der Film vehement einen größeren Rahmen oder den von Maler Eldar im Film angesprochenen Perspektivwechsel. So passen auch die Aussagen der beiden Alt-DJ‘s Tanith und Dr. Motte zur Techno-Szene im vereinten Berlin nicht in den Film. Denn weder hat das etwas mit dem Mauerpark zu tun, noch spannt der Film einen Bogen und bezieht tatsächlich die Geschichte der Stadt Berlin in seine Betrachtungen mit ein, um zu erläutern, was an so einem Ort unter bestimmten (auch historischen) Bedingungen entstehen kann, wenn es von Staat und Gesellschaft mehr oder weniger zugelassen wird. Über die Geschichte dieses Ortes, der immerhin einmal Teil des Todesstreifens war, erfährt die Zuschauerin so gut wie gar nichts. Und auch Themen wie die Gentrifizierung, die direkt an der Mauerparkgrenze neue Mauern durch die Stadt zu ziehen begonnen hat, gehört eigentlich genauso zum Bild dieses Parks wie die rasant steigenden Mietpreise, die viele Anwohner bald in die Peripherie vertreiben werden. Plötzlich wirken da die extremen Unschärfen der Anfangsbilder wie die Scheuklappen eines Rennpferdes. Dahingehend verhält sich der Film kongruent zum Statement von Wladimir Kaminer: Alles abbauen, wegschmeißen und so tun, als wäre nie etwas gewesen. „Mauerpark“ von Dennis Karsten ist somit ein kurzweiliger, aber ebenso oberflächlicher Film über den Mikrokosmos eines Parks geworden, der kein Außen zu kennen scheint. Den Ansprüchen an einen Dokumentarfilm wird er damit allerdings nicht gerecht.

Benotung des Films :

Ricardo Brunn
Mauerpark
(Mauerpark)
Deutschland 2011 - 79 min.
Regie: Dennis Karsten - Drehbuch: Dennis Karsten - Produktion: Dennis Karsten - Kamera: Matthias Börner - Schnitt: Dennis Karsten - Verleih: Filmblut Productions - Besetzung: Dr. Motte, Wladimir Kaminer, Joe Hatchiban
Kinostart (D): 01.05.2011

DVD-Starttermin (D): 30.06.2012

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1823162/?ref_=fn_al_tt_1
Foto: © Filmblut Productions/Dennis Karsten

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