Dresden

(D 2006; Regie: Roland Suso Richter)

Make love not war

Wir befinden uns am Anfang des Jahres 1945. »Die britische Luftwaffe beherrscht den deutschen Luftraum …« Den ganzen deutschen Luftraum? Nein! Es »gibt immer noch Städte, die vom Bombenkrieg nahezu unberührt sind«. Man könnte die Einleitungsfloskel zum Primetime-Ereignis »Dresden« wie folgt ergänzen: Das von unbeugsamen Nazis bevölkerte Dresden hält unbeirrt am Willen zum Endsieg fest. Und das Leben ist nicht leicht für britische Bomberpiloten, die versehentlich vom Himmel stürzen.

Was wie »Asterix« unter anderen Vorzeichen beginnt, ist eine »Fernsehfilmproduktion der Superlative«, ein »Film gegen den Krieg, für eine größere Mitmenschlichkeit – verbunden mit dem großen Wunsch nach Frieden« (Nico Hofmann, Produzent), ein »zu Herzensverstand gehender Film«, ein Film darüber, dass »in einem Bombardement doch auch die Liebe zwischen die Menschen findet« (Hans Janke, ZDF-Fernsehspielchef), andererseits aber auch »nicht nur ein Film der großen Emotionen, des Kampfes um Leben und Tod und der Suche nach der großen Liebe, sondern auch ein hochpolitischer Film; ein Film, der die Frage stellt nach Verantwortung, Schuld und Sühne – auf deutscher und alliierter Seite« (Jan Mojto, Koproduzent) resp. »emotional einer der schwersten Wege, die ich als Regisseur gegangen bin« (Roland Suso Richter, Regisseur). Es ist ein Film über die Bombardierung Dresdens im Februar 1945, die »bis heute als eines der furchtbarsten Symbole für den Schrecken des Zweiten Weltkriegs gilt«, über »eine der großen Wunden Europas« bzw. »den ›Beinahe-Tod‹ einer Stadt, die ein Gesamtkunstwerk war« (Sascha Schwingel, Produzent).

Die Handlung im Schnelldurchlauf: Britischer Bomberpilot fällt vom Himmel und versteckt sich in Dresdner Krankenhaus. Propere Krankenschwester entflammt in Liebe zu dem geheimnisvollen Fremden, obwohl sie doch dem Oberarzt versprochen ist! Auf der Flucht vor Nazischergen findet das Paar Unterschlupf beim Pastor in der Frauenkirche. Britischer Bomberpilot: »Ick muss dir was gestehen, ick bin ein Bomberpilot.« – Deutsche Krankenschwester: weinend ab. Verlobungsfeier mit Oberarzt platzt dennoch, weil der Bomberpilot die Krankenschwester über die miesen Geschäfte aufklärt, die ihr (eigentlich grundguter) Vater und der (eigentlich grundgute) Oberarzt mit Obernazis abwickeln. Die gemeinsame Flucht von Bomberpilot und Krankenschwester scheitert. Doch auch Bomber Harris kennt keine Gnade. Krankenschwester, Bomberpilot und Oberarzt kämpfen im Feuersturm um ihr Leben. Heulen, Rennen, Zähneklappern, Krankenschwester im roten Kleid vor Trümmerwüste. Harter Schnitt. Originalaufnahmen von der Weihe der wiedererrichteten Frauenkirche 2005. Glockengeläut, Gesichter alter Menschen in Nahaufnahme. Versöhnung. Ende.

Den hochpolitischen Gehalt habe man durch Fiktionalisierung »verstehenszugänglich« (Janke) machen müssen, denn das »große Fernsehpublikum … hat ein Recht darauf, Geschichte so zu erfahren, dass sie nicht nur seinen Intellekt anspricht« (Günther van Endert, Redakteur). Schöner ist der öffentlich-rechtliche Bildungsauftrag selten in Worte gekleidet worden. Dennoch will sich das Fernsehteam streng »an die historischen Fakten« gehalten haben: »Der Film zeigt Nazischergen und die tödliche Isolierung der wenigen jüdischen Deutschen, die noch in Dresden leben. Aber er zeigt eben auch Menschen, die nicht verfolgt werden, nichts mit dem Regime gemein haben und einfach nur den Krieg überleben wollen.« Menschen wie unsere ebenso unschuldige wie couragierte Krankenschwester, die pikiert wegschaut, wenn ein Jude exekutiert wird. Es treten auch nicht nur von Hass auf die Krauts zerfressene britische Berserker auf, sondern unter den Militärs sind auch einige Besonnene, die das »Inferno« verhindern wollen: »Dresden is the most beautiful town I’ve ever seen«, gibt ein tapferer Soldat vor der Bombardierung zu bedenken. Allein, Bomber Harris hat weder Sinn für Barockfassaden noch für Meißner Porzellan.

Der Zweiteiler ist so sehr den historischen Fakten verpflichtet, dass Sven Felix Kellerhoff (»Welt«) seine ganz persönliche Version der Geschichte in der Verfilmung (»schlicht großes Fernsehen«) wiederfindet: »Die Vernichtung Dresdens aus der Luft war militärisch nicht notwendig und zudem bewusst grausam – also ein Kriegsverbrechen im engeren Sinne des Wortes.« Und während die Frauenkirche, die exemplarisch für die Verschmelzung von Christentum und Nazismus stehen kann, im Film zu einer Oase des Widerstands umgemodelt wird, darf der 13. Februar 1945 wieder mal als zeitlose Mahnung herhalten, zum Beispiel gegen den Irakkrieg, »einer der verlogensten Kriege der Gegenwart … Dresden ist nicht nur das Ende eines Krieges, es ist der Anfang eines anderen … Die Bombe kennt keinen Unterschied, sie demokratisiert das Sterben« (Stefan Kolditz, Drehbuchautor).

So hat das Filmteam sein selbstgestecktes Ziel, den Intellekt auszuschalten, bereits vor der Ausstrahlung der Schmonzette überplanmäßig beherzigt. Der Krankenschwesterdarstellerin Felicitas Woll wurde bei den Dreharbeiten »klar, dass der Krieg so männlich ist. Die Frauenkirche hat etwas Weibliches. Sie ist hell und nicht erdrückend. Dresden ist weiblich. Es haut einen um.« Aber das ist noch gar nichts gegen den Hau, den Wolfgang Stumph, Darsteller des barmherzigen Frauenkirchenpfarrers, weg hat: Während »Hamburg viel, viel eher zerbombt worden is und in ‘nem fürchterlich aktiven Krieg«, führte er bei Johannes B. Kerner aus, sei Dresden »eben sinnlos zerbombt worden 1945 … und hatte mehr Symbol und Kräftemessen. Und hatte och no die Sinnlosigkeit, dass diese Stadt gar nicht so strategisch wichtig war, sondern nur ‘n Kräftemessen äh der, der Alliierten miteinander war. Und dann war das eine Kunststadt … das war wie Hiroshima, nä … Und das, das warn Kunstwerte. Und das war die Sinnlosigkeit, dass die die Flüchtlinge, Kriegsgefangenen, also flüchtende Soldaten und och Flüchtende aus den schlesischen Gebieten, in eben dieser Stadt warn. Und das war einfach menschlich inhuman, dass das in der Zeit damals passiert worden ist … Und das bewegt heute och Engländer und Amerikaner. Deswegen ist nich bloß, dass die Deutschen ihre Frauenkürsche aufgebaut haben, sondern da haben och viele Engländer und Amerikaner … Das hat eine große Symbolik, dass das eigentlich wieder geschaffen is … Und äh, das is schon schön. Wie wir uns insgesamt darüber freuen, wie diese Stadt blüht. Und, und och manchma mit dem Auge gekuckt wird: Kuck ma an, die kleinen Sachsen machen Sempernopernball und nich son Opernball wie äh, wie äh in Wien, sondern ‘n ganz andern. N deutscheren odern sächsischeren … Und man spürt das auch in ganz Deutschland, dass das der Stadt zum Vorteil gereicht.« Die spinnen, die Dresdner. Die Römer waren nichts dagegen. O tempora! O mores!

Dieser Text erschien zuerst in: Konkret 03/2006

Dresden
(Dresden )
Deutschland 2006 - 176 min.
Regie: Roland Suso Richter - Drehbuch: Stefan Kolditz - Produktion: Nico Hofmann, Nikolaus Kraemer, Sascha Schwingel - Kamera: Holly Fink - Schnitt: Bernd Schlegel - Musik: Harald Kloser, Thomas Wanker - Verleih: ZDF / Warner (DVD) - Besetzung: Felicitas Woll, John Light, Benjamin Sadler, Heiner Lauterbach, Katharina Meinecke, Marie Bäumer, Kai Wiesinger, Wolfgang Stumph
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt0461658/

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