Crossfire

(F 2008; Regie: Claude-Michel Rome)

Fakten schaffen ohne Waffen

Die Sonne brennt unbarmherzig auf verdörrtes Land, die Luft flirrt, liegt wie heiße Folie über allem und selbst die türkisfarbene Oberfläche der nahe gelegenen Bucht scheint von der Hitze wie gelähmt, so regungslos glitzert sie im gleißenden Licht. Die Polizeistation, ein verwittertes Provisorium, erinnert an einen gestrandeten Schiffscontainer inmitten einer industriellen Brachlandschaft und in dem Ort, für den sie zuständig ist, herrschen illegale Einwanderer und maghrebinische Gangs wie in einer Wildweststadt. Die verbliebenen Polizeibeamten führen ein nur noch halbherziges Rückzugsgefecht gegen das Verbrechen, das diese entlegene Region an der Südküste Frankreichs für sich erobert hat. Bis der schweigsame Polizist Vincent Drieu (Richard Berry) in die Stadt kommt …

Wie der US-amerikanische Western oder der Kriegsfilm konnte sich auch der französische Polizei- und Crimefilm durch die Jahrzehnte behaupten. Trends und Wellen und die mit diesen einhergehenden Modernisierungs- und Dekonstruktionsversuche hinterließen zwar ihre Spuren, doch konnten sie seiner Essenz letztlich nichts anhaben – wie der Flic seinen Einsatz zwar mit körperlichen und seelischen Narben bezahlt, aber aus seinen Gefechten zumindest als ideeller Sieger hervorgeht. Auch „Crossfire“ (der in den Opening Credits merkwürdigerweise mit „Unter Beschuss“ betitelt wird) führt über den Umweg über Michael Mann – die eröffnende Actionsequenz erinnert in ihrer zupackenden Inszenierung frappierend an die Straßenschlacht in „Heat“ – und John Carpenters „Das Ende“ – von dem er das vor der Schließung stehende Polizeirevier inmitten des Feindgebiets als Haupthandlungsort sowie die finale Belagerungssituation übernimmt – weit in die Vergangenheit zu George Stevens „Mein großer Freund Shane“, in dem möglicherweise zum ersten Mal ein tapferer Fremder mit dunkler Biografie den Guten im Kampf gegen die Bösen zur Hilfe eilte. Eine Situation, in der beide nur gewinnen können: Die auf verlorenem Posten Kämpfenden, weil sie ganz direkt von der Erfahrung des Neuankömmlings profitieren und in dessen Glanz auch selbst etwas heller leuchten, und der Neue, weil er Abbitte für vergangene Sünden leisten und so den Wiedereinstieg in die menschliche Gemeinschaft finden kann.

Schauspielveteran Richard Berry verleiht diesem Vincent Drieu nicht nur die kantigen, ausgemergelten und asketischen Gesichtszüge, die sowohl von der Härte eines entbehrungsreichen Polizistenlebens als auch von der Besessenheit, mit der dieses gelebt wird, künden, sondern auch die wortkarge, fast greifbare Autorität, die ihn in jeder Situation zum Zentrum des Geschehens macht. „Sie sind ein Mann, den man nicht duzen kann“, sagt seine junge Kollegin und bringt es auf den Punkt: Drieu ist nicht so sehr Individuum, Person, Charakter als vielmehr abstraktes Ordnungsprinzip, Verkörperung eines instinktiv verstandenen Gerechtigkeitsbegriffs. Er hat kaum seinen neuen Arbeitsplatz betreten, da haben sich die bestehenden Hierarchien bereits zu seinen Gunsten verkehrt: Seine Vorgesetzte Vasseur (Zabou Breitman), die verantwortlich für den nur noch zurückhaltend versehenen „Dienst nach Vorschrift“ ist, kann seiner Energie nichts entgegensetzen, die schleichende Meuterei ihrer Untergebenen schon nicht mehr verhindern. Wenn Drieu das Wachbuch und die Misserfolgsbilanz seiner Kollegen studiert, macht er das nicht aus denunziatorischem Eifer, sondern weil er seinen Job wie eine Wissenschaft betreibt. Und wie der Mad Scientist sich in sein Labor oder der Mönch in seine Klause zurückzieht, so hat er sein karg eingerichtetes Hotelzimmer, in dem ihn nur die Anrufe einer unbekannt bleibenden Frau aus seiner Vergangenheit für ein paar Minuten am Tag davon abhalten, weiter über seinem Fall zu brüten. Dass er keine Dienstwaffe bei sich trägt, erklärt das Drehbuch zwar als Ausdruck eines auf Schuldgefühlen beruhenden Bedürfnisses nach Selbstkasteiung und einer gewissen Lebensmüdigkeit, aber noch mehr unterstreicht dieser Verzicht seine fast messianischen Fähigkeiten: Drieu braucht so etwas Profanes nicht.

Regisseur Claude-Michel Rome inszeniert „Crossfire“ offen als Kreuzung aus sonnengegerbtem Western und urbanem Polizeifilm mit feinem Gespür für spannungsreichen Szenen- und Bildaufbau und die kleinen Details, die die schablonenhaften Figuren für den Zuschauer glaubwürdig machen. Der Brückenschlag zwischen den beiden Genres äußert sich vor allem in der Diskrepanz zwischen visueller Gestaltung, die dank moderner Kamera- und Schnitttechnik und den Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung alles in Bewegung setzt, zum Fließen bringt, und dem moralischen Rigorismus, mit dem Gut ganz eindeutig von Böse geschieden wird. Es ist Drieu, der die Klarheit zurückbringt und dafür den Dank der Bekehrten erntet: Am Ende sammeln sie sich um ihn wie die Jünger um den Propheten. Seine Mission ist damit beendet, er kann seine wenigen Habseligkeiten einpacken und in den Zug steigen, der ihn an einen anderen Ort bringen wird, dahin, wo man seine Hilfe braucht …

Benotung des Films :

Oliver Nöding
Crossfire
(Les insoumis)
Frankreich 2008 - 91 min.
Regie: Claude-Michel Rome - Drehbuch: Olivier Dazat, Claude-Michel Rome - Produktion: Etienne Comar, Philippe Rousselet - Kamera: Jean-Marc Fabre - Schnitt: Stéphanie Mahet - Musik: Frédéric Porte - Verleih: Koch Media - Besetzung: Richard Berry, Pascal Elbé, Zabou Breitman, Aïssa Maïga, Bernard Blancan, Guilaine Londez u.a.
Kinostart (D): 30.11.-0001

DVD-Starttermin (D): 03.12.2010

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt1034397/
Link zum Verleih: http://www.kochmedia-film.de/dvd/details/view/film/crossfire/

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