Aus unerfindlichen Gründen

(UNG 2014; Regie: Gábor Reisz)

Die vielen Tode des Àron F.

Der Film „Aus unerfindlichen Gründen“ läuft etwa so: Man schlägt einen Pflock des Unglücks in die Mitte der Geschichte und bindet den Protagonisten an ein kurzes Seil. Dann sieht man ihm dabei zu, wie er hin und herläuft und nicht weg sondern vor allem sich selbst in die Quere kommt.

Àron hat einen Uniabschluss in Filmwissenschaften und lebt in Budapest – „leben“ ist vielleicht übertrieben, denn er liegt eher apathisch auf Kinderspielplätzen rum, gerade so vom Sauerstoff am Leben gehalten, und imaginiert sich gleich zu Beginn des Filmes lustvoll in seinen eigenen Tod hinein. Wie er auf der Straße einfach zusammenbricht; oder vor dem Museum, im Bus, auch mitten auf der Straße. In der ganzen Stadt verteilen sich tote Àrons, nur scheint das niemanden zu interessieren, denn Menschen und Autos laufen wie an Seilen gezogen einfach weiter.

Recht viel Lebensenergie kann der junge Mann mit den zerzausten Haaren, der Cordhose und dem Hundeblick also gerade nicht aufbringen. Der Grund? Seine Freundin Esther ist weg. Sie hat sich nicht nur von ihm getrennt, sondern auch dazu entschlossen, ihr neu gefundenes Liebesglück in digitaler Form mit der ganzen Welt zu teilen. Ihre Sachen hat sie als kleine Erinnerungspatronen in Àrons Wohnung zurückgelassen. Die Haare im Ausguss, derentwegen sich das Paar öfter gestritten hat, hat Esther aber – zu Àrons Unglück – mitgenommen. Dass Àron sich ohne Plan vom eigenen Leben mit Gelegenheitsjobs durchschlagen muss und, mit knapp 30 Jahren, immer noch bei seinen schrulligen Eltern wohnt, macht seine Situation nicht besser. Obwohl das Leben also schon in großen Schritten voran geht, scheint es ohne ihn abzulaufen. Da passt es, dass er sich im Vollrausch ein Flugticket nach Lissabon kauft, ohne sich daran zu erinnern.

Regisseur Gábor Reisz hat für die Innenräume dieses Menschen nicht nur passende Bilder und originelle Erzählmotive gefunden, er hat sie auch gekonnt und mit einem Gespür für Timing und Rhythmus umgesetzt. Absurde Dialoge, Zeitlupen, surreale Sequenzen und ein Indiesoundteppich aus gezupfter Gitarre und Glockenspiel machen die Loser-Komödie perfekt. Man sieht dem orientierungslosen Melancholiker Àron gern dabei zu, wie er am Herzschmerz leidet, seinen Blick ins Nichts bohrt, seine Gefühlswelt den Dingen überstülpt und in wechselseitigem Unverständnis mit der Welt zwischen magischen, traurigen und komischen Momenten des Alltags hin und her geworfen wird. Das ist nicht nur gut gemacht, sondern wirkt unheimlich nah und vertraut. Man kennt sich eben schon gut in solchen Innenräumen aus.

Gábor Reisz hat solche Momente gut beobachtet – im echten Leben wie in Filmen. Und er weiß, wie man solche Momente in Film überträgt oder daran anknüpft. Ob das alles so gut funktioniert, weil man als Zuschauer solche Situationen gut kennt (verlassen in der Wohnung, verloren auf einer Party, nachdenklich in der Bahn) oder weil man sie schon häufig in Filmen gesehen hat, ist da beinahe irrelevant. Mit ein, zwei Triggern ist das Gewünschte jedenfalls da. Erst später stellt sich das Gefühl ein, dass man erstaunlich wenig über diesen jungen Menschen, seine Probleme oder die Situation der Jugend in Ungarn erfahren hat. Das muss der Film natürlich nicht erzählen, aber es gibt einem als Zuschauer zu denken, dass man dies beinahe nicht bemerkt hätte – bei all den einfallsreichen Spielereien, Befindlichkeiten und putzigen Nebenfiguren.

„Aus unerfindlichen Gründen“ strickt eine wohl bekannte, im Film der letzten 20 Jahre groß gewordene – und dabei schon immer seltsam künstliche – Figur (junger Verlierer mit liebenswürdigen, aber weltinkompatiblen Eigenschaften) mit ein paar guten Ideen und neuen Einfällen weiter, hinterfragt dabei aber kaum, ob die Figur noch etwas mit dem Leben, von dem sie erzählen wollte, zu tun hat. Ungefähr so, als würde man ein Konservengericht mit ein paar frischen Zutaten und Geschmacksverstärkern aufpeppen. Das schmeckt gut, sieht gut aus, nur man kann nicht mehr wirklich sagen, was da eigentlich drin ist.

Benotung des Films :

Ilija Matusko
Aus unerfindlichen Gründen
(VAN valami furcsa és megmagyarázhatatlan)
Ungarn 2014 - 96 min.
Regie: Gábor Reisz - Drehbuch: Gábor Reisz - Produktion: Júlia Berkes, Miklós Bosnyák, Viktória Petrányi - Kamera: Gábor Reisz - Schnitt: Zsófia Tálas - Musik: Lóránt Csorba, Gábor Reisz - Verleih: déjà vu Filmverleih - Besetzung: Áron Ferenczik, Miklós Horváth, Bálint Györiványi, Tamás Owczarek, Roland Lukács, Juli Jakab, Katalin Takács, Zsolt Kovács, Zalán Makranczi, Erika Kapronczai, Judit Tarr, Gábor Hermann, Kata Bach, Maria Leite, Lóránt Csorba
Kinostart (D): 29.10.2015

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3496334/

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