Alma & Oskar

(AT/DE/CH/CZ 2022; Regie: Dieter Berner)

Im Klischeesumpf

1911 probt Gustav Mahler (Marcello De Nardo) in New York. Seine junge Frau Alma (Emily Cox), die selbst musikalische Ambitionen hegt und komponieren möchte, assistiert ihm genervt. Dann öffnet der herzschwache Komponist einen Liebesbrief, der zwar an ihn adressiert, aber an seine Frau gerichtet ist und vom Architekten Walter Gropius (Anton von Lucke) stammt. Es kommt zu einem Streit, in dessen kurzem Verlauf Alma Mahler schlagwortartig sagt, sie fühle sich vernachlässigt, wolle leben und begehre den Körper des Jüngeren. Außerdem träume sie davon, Komponistin zu sein. Geballter weiblicher Lebenshunger trifft hier auf ängstliche Eifersucht und ungeordnetes Begehren auf die Sorge um geordnete Lebensbahnen. Vier Monate später stirbt Mahler in Wien und ein junger, geheimnisvoller Maler namens Oskar Kokoschka (Valentin Postlmayr) fertigt seine Totenmaske. Als er sich dabei in die Handfläche schneidet, leckt die Witwe zumindest in ihrer Fantasie Blut.

So holzschnittartig gerafft und plakativ erzählt Dieter Berner nach dem Buch „Die Windsbraut“ von Hilde Berger die leidenschaftliche Amour fou zwischen „Alma & Oskar“, wie der kumpelhafte Titel des flotten, in bewegten Einstellungen inszenierten Films lautet. Denn schon kurz darauf entbrennt der Maler mit dem bohrenden Blick und der Gabe zur Seelenschau in heftige Liebe zur freigeistig und unabhängig gezeichneten Alma Mahler, die sich gerne, so sagt sie selbst, mit Genies umgibt. Er malt ihr Portrait in der Pose der „Olympia“, hat rasenden Sex mit ihr im Atelier und reagiert auf die anderen Liebschaften der Angebeteten mit besessener Eifersucht: „Ich dulde keine Götter neben mir.“ Ähnlich überhöht und klischeehaft ist entsprechend seine eigenwillige, unbequeme Künstlernatur charakterisiert. Wie so oft in oberflächlichen Filmen sind auch in „Alma & Oskar“ Arbeit, Künstlergespräche sowie Alltägliches nur Behauptung und Vorwand für Liebeskämpfe und Gefühlsausbrüche.

Daneben erheben Berner und Berger mit ihrem Künstlerfilm aber zugleich und vor allem den Anspruch, in der Charakterisierung von Alma Mahler eine fortschrittliche, sexuell freizügige und künstlerisch kreative Frau zu zeigen, die sich selbstbewusst gegen den herrschenden Zeitgeist behauptet. Doch zwischen Anpassung ans bürgerliche Leben und dem Willen zur Unabhängigkeit legt sich immer wieder der Schatten ihres verstorbenen Mannes über ihre eigenen Ambitionen. So probt sie etwa zusammen mit dem Dirigenten Bruno Walter (Mehmet Ateşçi) für die Uraufführung von Mahlers nachgelassener 9. Sinfonie. Ihre Sehnsucht nach Ruhm und Anerkennung führt schließlich zum Konflikt mit Kokoschka und zu einer nicht ganz klaren Entzweiung. Doch weil der sich sehr heutig gebende, diverse Hintergrundinformationen aussparende Film „Alma & Oskar“ in der Beziehung seiner Protagonisten vor allem ein Liebesbegehren zeigen will, das sich mutig der Angst vor dem Leben entgegenstellt, sind die beiden zumindest ideell und in der Logik dieser Anekdote auf ewig vereint.

Alma & Oskar
Österreich, Schweiz, Deutschland, Tschechien 2022 - 88 min.
Regie: Dieter Berner - Drehbuch: Dieter Berner, Hilde Berger - Produktion: Alexander Glehr, Johanna Scherz - Bildgestaltung: Jakub Bejnarowicz - Montage: Christoph Brunner - Musik: Stefan Will - Verleih: Alamode Film - FSK: ab 16 - Besetzung: Emily Cox, Valentin Postlmayr, Anton von Lucke, Tana Pauhofova, Wilfried Hochholdinger, Viiginia V. Hartmann
Kinostart (D): 06.07.2023

DVD-Starttermin (D): 26.01.2024

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt15157318/
Foto: © Alamode Film