Die versteckte Stimme

(FR/IR 2020; Regie: Jafar Panahi)

Die Realität der leeren Leinwand

Aus politischen Gründen wurden im Jahr 2010 die iranischen Filmemacher Jafar Panahi und Mohammad Rasulof verhaftet und zeitweise inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt. Während Panahi mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt wurde, kann Rasulof zumindest unter den Bedingungen der Zensur arbeiten. Auch Auslandsreisen sind den beiden prominenten Regisseuren nicht (oder nur zeitweise) erlaubt, weshalb beispielsweise Rasulof unlängst als Mitglied der Berlinale-Jury nicht in die deutsche Hauptstadt reisen konnte. Dort wurde im Jahr zuvor sein Film „Doch das Böse gibt es nicht“, der, bedingt durch die Pandemie, immer noch auf eine Kinoauswertung wartet, mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Denn sowohl Rasulof als auch sein befreundeter Kollege Panahi haben seit nunmehr zehn Jahren immer wieder kreative Wege gefunden, um heimlich oder offiziell Filme zu drehen. Dem 1960 in der iranischen Provinz Ost-Aserbaidschan geborenen Jafar Panahi gelang dies zuletzt etwa mit seinem preisgekrönten Film „Drei Gesichter“ (Drehbuchpreis in Cannes), der wie zuvor schon „Taxi Teheran“ (ebenfalls mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet) in einem Auto spielt. Damit verweist der Regisseur zugleich auf ein beliebtes Motiv seines berühmten Lehrers Abbas Kiarostami.

Auch in seinem neuen Kurzfilm „Die versteckte Stimme“, der thematisch an „Drei Gesichter“ (IR 2018) angelehnt ist, ist das der Fall. Das Auto fungiert dabei als mobiler Schutzraum, der trotz seiner Begrenzung räumliche Bewegung ermöglicht. Zwei einfache Handykameras zeichnen direkt und fast in Realzeit das Geschehen auf. Während die eine an der Windschutzscheibe befestigt und auf den Innenraum des Wagens gerichtet ist, wird die andere Kamera von Panahis Tochter Solmaz bedient. Der Regisseur wiederum sitzt am Steuer und ist meist nur aus dem Off zu hören. Dieses Setting verleiht dem Film einen spontanen, improvisierten Charakter zwischen Dokumentation und Inszenierung.

In der kurdisch geprägten Stadt Mahabad, die im Nordwesten Irans liegt, steigt die junge Theaterproduzentin Shabnam Yousefi zu den beiden in den schwarzen Geländewagen. Sie ist mit Solmaz befreundet und erklärt zunächst einmal ihr Projekt: Während eines Castings für eine Theaterinszenierung hatte sie zuvor in einem kurdischen Dorf eine junge Frau mit einer wunderschönen Gesangsstimme entdeckt. Weil deren Eltern dem Mädchen die Teilnahme an dem Projekt versagten, kehrt Yousefi nun mit Panahi an den Ort in West-Aserbaidschan zurück. Dieser hatte in seinem Film „Drei Gesichter“ einen ähnlichen Fall behandelt und scheint deshalb als „Unterstützer“ prädestiniert. Doch Panahi verweist trotz des dokumentarischen Ansatzes zunächst auf eine wesentliche Differenz zu seinem eigenen, auf einem Drehbuch basierenden Film: „Die Realität ist etwas anderes.“

In den Gesprächen während der Fahrt, in denen es um kulturelle und sprachliche Unterschiede innerhalb des großen Landes sowie um absurde Vorschriften und überholt erscheinende Bräuche geht, lässt Yousefi durchblicken, dass sie mit ihrer Arbeit vor allem die Öffentlichkeit informieren und aufklären möchte. Im Dorf angekommen, muss das kleine Filmteam allerdings feststellen, dass sich traditionelle Verbote nicht einfach aufheben lassen. Weder darf die junge Frau das Theaterstück mit ihrer Stimme bereichern, noch darf sie sich überhaupt zeigen. Das visuelle Medium Film stößt hier an eine empfindliche Grenze. Allerdings ist es Trife Karimian erlaubt, hinter einem großen weißen Leintuch versteckt, ihre Stimme zum Klingen zu bringen; was eine irritierende Dialektik zwischen An- und Abwesenheit, Sichtbarem und Unsichtbarem erzeugt. Zugleich wird das Laken als leere Leinwand nicht nur zum Abbild des Zeigeverbots, sondern auch zur Projektionsfläche für die Imaginationen der Zuschauer.

Die versteckte Stimme
(Hidden)
Frankreich, Iran 2020 - 18 min.
Regie: Jafar Panahi - Produktion: Dimitri Krassoulia-Vronsky, Philippe Martin - Kamera: Jafar Panahi, Solmaz Panahi, Nader Saeivar - Schnitt: Amir Etminan - Verleih: MK2 Films (World Sales) - FSK: ohne Angaben - Besetzung: Leyla Khezri, Jafar Panahi, Solmaz Panahi, Shabnam Yousefi
IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt13241704/
Foto: © MK2 Films