Yalda

(FR/DE/CH/LU/LB/IR 2019; Regie: Massoud Bakhshi)

Freude des Vergebens

Für Maryam läuft es – vergleichsweise – gut: Die junge Iranerin wartet seit zwei Jahren im Gefängnis auf die Vollstreckung des Todesurteils, sie soll ihren Ehemann Zia auf Zeit erschlagen haben, „zufällig“, wie sie sagt. Jetzt, es ist der Abend des Yalda-Festes, der persischen Wintersonnenwende, sitzt sie in der populären Fernsehshow mit dem schönen Titel „Freude des Vergebens“. Millionen Zuschauer wollen miterleben, wie Mona, die Tochter des Getöteten, der Delinquentin vergibt. In dem Fall sind „nur“ drei bis sechs Jahre Haftstrafe zu erwarten.

Dass Mona kooperativ sein wird, daran haben TV-Produzentinnen, Moderatoren und Technikerinnen der beliebten Sendung keinen Zweifel, sonst wäre sie gar nicht gekommen. Allerdings nehmen die Ereignisse dann doch einen unerwarteten Verlauf: Nicht zuletzt ihre Jugend macht der Verurteilten einen Strich durch die Rechnung, weil sie ihre vorlaute Klappe nicht halten kann. So zumindest kommt es bei der geschädigten Mona an. Die hatte sich um Maryam wie eine große Schwester gekümmert. Beide Familien waren auf unterschiedlichste Weise verbandelt. Allerdings hadert die Täterin auch immer noch mit dem Gebaren und vor allem den sexuellen Wünschen des Verstorbenen. Maryam war umgehend schwanger geworden, und Mona sah zu, dass das Kind schnellstens von der Bildfläche verschwand.

Der Moderator ist dann auch leicht überfordert und rät Maryam: „Du kannst gern dein Leben ruinieren, aber nicht die Show.“ Denn die ist auch ein großes Gewinnspiel, wo per SMS („Senden Sie 1 für ja, 2 für nein“) um einen Riesenhaufen Geld gezockt wird.

„Yalda“ besitzt eine extrem dicht gestrickte Handlung, permanent wenden sich die Ereignisse überraschend, selten zum Guten. Und wenn die Lage erst mal richtig aussichtslos erscheint, geht es immer noch etwas trostloser, als hätte Franz Kafka das Drehbuch geschrieben. Beispiel: Selbst wenn Mona Maryam vergibt, kann das Kind immer noch Jahre später entscheiden, ob seine Mutter sterben soll.

Der Film spielt auf reale Formate des iranischen Fernsehens an und ist als krasse Mediensatire angelegt. Heraus kommt ein Film, der existenzielle Fragen nach dem Zusammenleben und -sterben stellt. Und zwar absolut sehenswert.

Diese Kritik erschien zuerst in: KONKRET 7/2020

Yalda
(Yalda – A Night For Forgiveness)
Frankreich, Deutschland, Schweiz, Luxemburg, Libanon, Iran 2019 2019 - 89 min.
Regie: Massoud Bakhshi - Drehbuch: Massoud Bakhshi - Produktion: Jacques Bidou, Marianne Dumoulin, Nicole Gerhards, Joëlle Bertossa, Flavia Zanon, Bady Minck, Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Georges Schoucair, Fred Premel, Ali Mosaffa - Kamera: Julian Atanassov - Schnitt: Jacques Comets - Verleih: Littlle Dream Pictures - FSK: ab 12 Jahren - Besetzung: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari, Fereshte Sadre Orafaiy, Forough Ghajabagli, Arman Darvish
Kinostart (D): 27.08.2020

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt9834492/
Foto: © Little Dream Pictures