Alien: Covenant

(USA/GB 2017; Regie: Ridley Scott)

Bund mit dem Biest

Es soll ja Raumschiffe geben, die heißen „Unternehmertum“ (Enterprise). Das neue Schiff von Ridley Scott ist nun Covenant benannt und (anders als beim Frachter Nostromo im „Alien“-Franchise-Auftakt aus dem Jahr 1979) der ganze Film nach ihm. Ursprünglich hätte er „Alien: Paradise Lost“ heißen sollen. In der Heilslehre bleiben wir freilich trotzdem im „Land of the Covenant“, im gelobten Land. Covenant heißt „Bund”, im Sinn von „Alter Bund“ für „Altes Testament“.

„Alien: Bund“ – das klingt wie ein Werbefilm der Bundeswehr. Da konveniert doch eher Covenant als Titel. Aber anstelle jüdisch-christlicher Verheißung bleibt Regisseur Scott, der in seinem Moses-Film „Exodus“ 2014 biblische Visionen in den Sand gesetzt, nämlich skeptizistisch auf Wüstenwetter- und Hautpickelkapriolen heruntergebrochen hat, der Alien-Gott-Mystik von „Prometheus“ (2012) treu. Sprich: Es gibt nun noch mehr quests und capes, Schöpfer und Space-Jockey-Priester – als wäre dies „Alien vs Predator 3“. Könnten wir nächstes Mal nicht noch die Eierschädel auf den Osterinseln mit ins Spiel bringen?

Kein Bund ohne Michael Fassbender: Der von ihm gespielte Prometheus-Robot, der sich nach der Lichtsucher-Dandy-Figur des Peter O’Toole in „Lawrence Of Arabia“ stylt und modelt, ist wieder mit dabei. (Er heißt diesmal nicht David, sondern Walter, nachdem er schon letztes Mal als waltende Gewalt agiert hatte.) Dieser prometheische Humanoid ist Teil der Art, wie sich die Selbstvergöttlichung eines zur großen Geste neigenden (und in den frühen Achtzigern auch wirklich großen) Regisseurs in Selbstschöpferfiguren selbst abbildet: sei es als der Gladiator als selbstbewusster Entertainer, der das Zentrum politischer Macht von Senat und Thron weg in die Arena verlegt, sei es zuletzt als der Marsianer, der aus archivierter Scheiße als Dünger eine Welt baut, die bewohnbar ist, so wie Scott mit „Alien“ und „Blade Runner“ aus Rost, Fleisch und alten B-Movie-Motiven Biotope designte, die auf Jahrzehnte bewohnt und kultisch beackert werden können. (Beide, „Alien“ und „Blade Runner“, werden 2017 rebooted, so wie übrigens auch der „Predator“-Franchise.)

© 20th Century Fox

„Wer hat den Weizen gepflanzt?“, fragen im „Covenant“-Trailer die Siedler, als sie auf einem fernen Planeten Weizen vorfinden. Na, der Marsianer Matt Damon mit seinem Scheißearchiv! Dazu läuft eine Version des 1947 von Nat King Cole berühmt gemachten Songs „Nature Boy“, der (kein Scherz) auf deutsche Lebensreform-Wandervögel um 1900 zurückgeht. Das ist eine der vielen Verschiebungen der „Alien“-Biopolitik: weg von dem Konnex Cyborg-Proll-Folk und Black History, von schwarzen Arbeits- und Sträflings-„Sklaven“ (Höhepunkt: die Malcolm-X-Anklänge in David Finchers „Alien 3“, 1992) hin zur Öko-Mystik. (Wobei angemerkt sei: Donna Haraways früher Manifest-förmiger Entwurf zur Cyborg-Existenz war vor allem eine Studie zu post-patriarchalen, postfordistischen Arbeitsformen. Und in Sachen Cyborg-Prolls hätte der nun zugunsten von „Covenant“ auf Eis gelegte „Alien“-Film von Neill Blomkamp – nach der Concept Art zu schließen wieder mit Sigourney Weaver und in Anknüpfung an die Siedler/Space-Marines-Welt von James Camerons „Aliens“ – wohl etwas mehr Akzente gesetzt.)

Je mehr „Alien: Covenant“ ins Schöpfungs-Spirituelle abhebt, desto mehr gilt es, darauf hinzuweisen, dass covenant auch schlicht „Vertrag“ bedeutet. Der „Alien: Vertrag“ bindet alte und neue Zielgruppen in Konsumtreue und Verehrung an ein Franchise. Und das ist hier hochrelevant: Der Schatz des 40 Jahre alten „Alien“-Erbes wird von strengen Fanpriesterkulturen gehütet, denen „Prometheus“ viel Wirrnis und Motivverrat zugemutet hatte. Ein „Covenant“-Trailer beginnt mit der Anrede: „You’ve all sacrificed so much to be here.“ Was übersetzt in Fan-Sprache so viel heißt wie: „Sorry.“ Ein weiterer Trailer fordert zum Auftakt: „Follow the light!“ Das ist eine Neu-Einschwörung auf den Bund mit dem Biest.

Dieser Bund bringt eine Neu-Bündelung von mittlerweile weit in der Popkultur verstreuten „Alien“-Motiven mit sich: Guter, alter Facehugger aus dem Ei, du bist auch dabei! Dazu gibt es auch eine Anspielung auf die unerwartete Geburt des Aliens bei Tisch: Was im vierminütigen „Covenant“-Prolog-Film biblisch als Last Supper tituliert ist, meint das Dinner einer Crew aus zerknautschten Tech-Proll-Typen. An den Habitus dieses 1979er Modells von Mikrosozietät knüpft der neue Film merklich wieder an, lässt sogar Leute mitwirken, die heute eher als Komiker renommiert sind (James Franco, Danny McBride mit Cowboyhut).

© 20th Century Fox

Was „Alien: Covenant“ wohl nicht erreichen wird, ist die genuine Obszönität, die Alien insofern aufwies, als das ein Film über Arbeitsalltag in technisierten Büroumgebungen war – samt Kaffeefleck auf der Raumschiffkonsole und dem Witz (nur in der Synchro) von Yaphet Kotto als Maschinist Parker über das Bordmenü „Spaghetti Nostromo“. Allerdings: Mehr als nur Nudeln quellen gleich darauf hervor – und zwar jeweils unmittelbar nachdem 1979 Parker beim Essen eine weiße Kollegin anmachte und 2012 Charlize Theron mit Idris Elba ins Bett geht. Und auch der Teaser legt die falsche Fährte mit dem verdächtigen Husten beim Last Supper auf ein interracial couple. Die Vorstellung, dass das Zusammenkommen, das „convenire“ von schwarzem Mann und weißer Frau, das Signal zur deskruktiven Eruption von Physis setzt, scheint auch in „Covenant“ noch zu tragen. Oder es ist bloße Konvention.

Der Frachter Nostromo war, ganz unmythologisch, benannt nach Joseph Conrads gleichnamigem Roman über Ausbeutung in einer Minenkolonie. Im Vertrag von „Covenant“ klingt auch der Aufruf „Vertragt euch!“ an, denn: „Alien“, dem sich der neue Film demütig nähert wie einem Altar, zeigte im Modus des Wahrheitsschocks, wie sozialer Konflikt, wie der Antagonismus von race, class & gender, nicht loszuwerden ist: Er ist auch einem flach-hierarchischen Teamkollektiv „innerlicher“ als alle liberale Integrationsfähigkeit (oder Integrationsillusion). Und: Meeting your maker hieß 1979 nicht Begegnung mit Vater/Fucker/Gott, auch nicht mit Mutter; die war MU/TH/UR („Alien“), Bitch („Aliens“), „womb as tomb“ (Barbara Creed) – und der Bund implizierte jeweils die Möglichkeit der Ent-Bindung tougher Frauen wie Ripley und Vasquez und auch noch der sich prometheisch selbst entbindenden Noomi-Rapace-Figur in „Prometheus“ von organischer mothership beziehungsweise -hood, sowie ein Aufrücken in Führungsrollen und männliche Actionkino-Domänen.

Dem begegnen, was dich gemacht hat (und kaputt macht), hieß damals Begegnung mit dem Businessplan der Corporation, mit einer Politik, die in der Infrastruktur deiner Vitalfunktionen sitzt. Ohne alle Mystik war „Alien“ tief gedacht. Und super.

Übrigens: Auch Faschismus leitet sich vom Bund ab, vom fascio: Wir werden’s ja erleben. Den Neuen Bund nicht mehr erleben wird John Hurt, der damals beim Spaghetti-Dinner das Alien gebar. Der englische Schauspieler starb Ende Januar. Vermutlich hustend.

Dieser Text erschien zuerst in: Spex No. 374

Alien: Covenant
USA, Großbritannien 2017 - 122 min.
Regie: Ridley Scott - Drehbuch: Jack Palgen, Michael Green - Produktion: David Giler, Walter Hill, Mark Huffam, Michael Schaefer, Ridley Scott - Kamera: Dariusz Wolski - Schnitt: Pietro Scalia - Musik: Jed Kurzel - Verleih: 20th Century Fox - FSK: ab 16 Jahren - Besetzung: Michael Fassbender, James Franco, Katherine Waterston, Noomi Rapace, Guy Pearce, Billy Crudup, Carmen Ejogo
Kinostart (D): 18.05.2017

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt2316204/
Foto: © 20th Century Fox