Augenblicke: Gesichter einer Reise

(FR 2017; Regie: Agnès Varda, JR)

Porträtgalerie unter freiem Himmel

„Gemeinsam Bilder machen, aber auf andere Weise“, lautet die relativ offene Projektidee, mit der sich Agnès Varda und JR gemeinsam auf den Weg begeben. Gegenseitige Bewunderung und die gemeinsame Liebe zur Fotografie haben die fast 90-jährige französische Filmemacherin und den jungen Streetart-Künstler zusammengeführt. Dabei spielen die beiden zu Beginn ihres gemeinsamen Films „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ („Visages Villages“) auf humorvolle Weise mit jenen zufälligen Koinzidenzen, die für einmal gerade nicht zu einer Begegnung zwischen ihnen führen. Stattdessen habe man sich gezielt verabredet für einen Film, der verspielt und luftig leicht vom Suchen und Finden handelt und dem, so Varda, der Zufall assistiere. Insofern ist ihr dokumentarisches Roadmovie nicht nur ein Zeugnis ihrer (beginnenden) Freundschaft unter den mit einem Augenzwinkern inszenierten Bedingungen eines großen Altersunterschieds, sondern auch eine Hommage an die Imagination. Vor allem aber verknüpft der Film Begegnungen der jüngsten Gegenwart mit solchen aus der erinnerten Vergangenheit.

Dieses Konzept erinnert an Agnès Vardas früheren Film „Die Strände von Agnès“ (Les plages d’Agnès“, 2008) und trägt unverkennbar wie jener – wenngleich weniger ausdrücklich – autobiographische Züge. Mit der großformatigen, vielfach multiplizier- und teilbaren Porträtkunst von JR kommen zugleich sehr zeitgenössische künstlerische Strategien hinzu. Die beiden Ansätze treffen sich gewissermaßen im sozialen Gedanken ihres Projekts, das Menschen und Orte, Lebenswege und Erinnerungen miteinander verknüpft. In einem zu einer Art mobilem Fotostudio umfunktionierten Wohnmobil fahren Agnès Varda und JR „kreuz und quer“ und von Nord nach Süd durch Frankreich, um Geschichten des Wandels, aber auch des Beharrungsvermögens aufzuspüren. „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“, sagt die Grande Dame des französischen Kinos. Auf ihrer gemeinsamen Reise gestalten die beiden Künstler in der Begegnung mit Menschen eine „Porträtgalerie unter freiem Himmel“.

Der soziale Aspekt ihrer Unternehmung, der die Arbeit und Selbstauskünfte der Porträtierten miteinbezieht, ist dabei von größtem Wert. So besuchen sie eine ehemalige Bergarbeitersiedlung im Norden, die abgerissen werden soll; sie thematisieren den Strukturwandel in der Landwirtschaft; und sie porträtieren Frauen von Hafenarbeitern, um sie aus dem Schatten ihrer Männer zu holen. Immer geht es darum, mit den vergrößerten Porträts dieser Menschen, die als großformatige Plakate auf Fassaden, Container und Güterwaggons geklebt werden, die Erinnerung gegen das Vergessen zu bewahren. Ein nur halb aufgebautes Dorf wird mit den Gesichtern der aus der Umgebung stammenden Menschen belebt; ein alter, auf einen Strand in der Normandie gestürzter Bunker dient als temporäres Kunstobjekt für ein Bild (das verwendete Foto zeigt den später berühmt gewordenen Modefotografen Guy Bourdin 1954 in Saint-Aubin-sur-Mer), das die Flut am nächsten Tag wieder abgewaschen hat.

So sind bei aller Leichtigkeit immer wieder Vergänglichkeit und Tod die subkutanen Themen des Films. Der Besuch des Grabes von Henri Cartier-Bresson auf einem kleinen Friedhof des Örtchens Montjustin in der Provence und die Begegnung mit JRs 100-jähriger Großmutter erzählen davon ebenso wie Agnès Vardas nachlassende Sehkraft oder die Pensionierung eines Chemiearbeiters, der sich vor einem „Sprung ins Leere“ wähnt. Als die beiden schließlich Vardas Nouvelle Vague-Weggefährten Jean-Luc Godard in Rolle am Genfer See besuchen möchten, kommt es zu einer schmerzlichen Enttäuschung. Der menschenfreundliche, in Teilen fast schon idyllisierende Film, der präzise und in einem zügigen Tempo montiert ist, erhält dadurch eine unerwartet kontrastierende Stimmung; und eine Spannung, die letztlich zurück ins Offene, Unbestimmte, nur verschwommen Sichtbare führt.

Augenblicke: Gesichter einer Reise
(Visages villages)
Frankreich 2017 - 94 min.
Regie: Agnès Varda, JR - Drehbuch: JR, Agnès Varda - Produktion: Rosalie Varda - Kamera: Roberto De Angelis, Claire Duguet, Julia Fabry, Nicolas Guicheteau, Romain Le Bonniec, Raphaël Minnesota, Valentin Vignet - Schnitt: Maxime Pozzi-Garcia, Agnès Varda - Musik: Matthieu Chedid - Verleih: Weltkino Filmverleih - FSK: ohne Altersbeschränkung - Besetzung: Jean-Paul Beaujon, Amaury Bossy, Yves Boulen
Kinostart (D): 31.05.2018

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt5598102/
Link zum Verleih: https://www.weltkino.de/film/kino/augenblicke_gesichter_einer_reise_
Foto: © Weltkino