Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

(D 2017; Regie: Julian Radlmaier)

Der komische Aufstand

Manch eine Landschaft ist so schön – die kann gar nicht nur Privateigentum einer einzigen Person sein. Und: Wenn alle Italiener*innen zum Putzen aller öffentlichen WCs Italiens zur Verfügung stünden, dann käme jede/r von ihnen nur alle 30 Jahre zum Putzen dran. Diese und andere Schrullen treten in ‚Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes‘ an, um die praktische Möglichkeit von Kommunismus zu veranschaulichen.

Bürgerlich beginnt’s zunächst in Berlins Kreativ- und Projektarbeitsmilieu: Kulturforum, Filmsubvention, Salonabend, Museumsbesuch. Dann heißt’s ab zur Apfelernte nach Brandenburg, der Liebe und HartzIV-Auflagen wegen. Kreativ gestaltet sich auch das Landleben unter Lohnarbeitszwang: Johanna Orsini-Rosenberg (aus den mit dem ‚Bürgerlichen Hund‘ motivisch verwandten Daniel Hoesl-Oesi-Farcen ‚Soldate Jeanette‘ und ‚Win Win‘) hält als gestrenge Agrarmagnatin ihrem entrechteten Pflückpersonal Reden voller Motivationspoesie: Aufrufe zum Lohnverzicht aus Solidarität gegen hinterlistige US-Obst-Trusts, zur ‚lustigen Ernte-Olympiade‘ (wer pflückt mehr im Akkord?), zur Rückkehr zu Kern-Tugenden (es geht um Äpfel, nicht um Pseudo-Sozi-Kanzler am Reichtumsstandort Österreich). Den Habitus jeweils der Bohème und des Kapitals kontrastiert der Film nun nicht etwa mit bodenständig-rauer Arbeitsalltagsrealität; vielmehr halten die Hackelnden in der Freakigkeit ihrer Klamotten, Marotten, Sprachen und Erfahrungen, Akzente und Zitate dagegen, tricksen, feiern, revoltieren, pilgern schließlich mit einem Bettelmönch, der mit Vögeln redet, gen Italien. Im letzten Drittel hat sich die Personnage des Films auf Camille, Hong und Sancho (Deragh Campbell, die Vollprofi im Cast, sowie Kyung-Taek Lie und Benjamin Forti) reduziert; sie ziehen durch ein sonniges Utopia, als sei es das Land Oz. Auf Grammophon und als Midi-Gedudel läuft dazu die ‚Internationale‘.

Wer nicht an die proletarische Macht zum Gemeinsamhandeln ohne Ressentiment glaubt (sondern womöglich an die Selbstgenügsamkeit der Kunst), wird in einen Windhund verwandelt – und sei es der Regisseur selbst, der am Ende seinen Film-im-Film beim Festival in Venedig präsentiert und sich pessimistisch über die nichtbesitzenden Massen äußert. Ihn, also sich, spielt der Wahlberliner Julian Radlmaier. In klaren Tableaus und schön steifen Reihum-Aufsagern nimmt er sich’s von Godard, Achternbusch, Buñuel, Rossellini, Pasolini und gibt es uns mit großer Geste: Roadmovie, Märchen, Wunder, Debatten, Witze. Manche davon – zumal jene mit einem falsch auf heutige Situationen applizierten altlinken Genossen-Jargon – mühen sich. Insgesamt aber ist hier ein ‚Kommunismus ohne Kommunisten‘ das Ziel einer so hochreflexiven wie clownesken Komödie ohne Komödiantisches: statt Gags die Anmutung von deren Ankunft. Wie der Kommunismus ist auch der Schmäh im Kommen; und oft kommt er ja auch gut. Und mit Radlmaier, wie er hängenden Hemdes in der Non-Lovestory seines dffb-Abschlussfilms (und abendfüllenden Regiedebüts) zappelt, geht auch ein veritabler Slapstick-Gebrauchswert lockig im Hier und Jetzt um: ein Hauch von Woody Allen aus jener Zeit, als er noch leiwand und bananas war. Auch dass Radlmaier aussieht wie Heath Ledger, freut das Auge und dient der Sache.

Hier gibt es eine weitere Kritik zum Film.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes
Deutschland 2017 - 99 min.
Regie: Julian Radlmaier - Drehbuch: Julian Radlmaier - Produktion: Kirill Krasovskiy - Kamera: Markus Koob - Schnitt: Julian Radlmaier - Verleih: Grandfilm - Besetzung: Toby Ashraf, Deragh Campbell, Beniamin Forthi, Kyung-Taek Lie, Julian Radlmaier
Kinostart (D): 08.06.2017

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6354108/
Link zum Verleih: http://grandfilm.de/selbstkritik-eines-buergerlichen-hundes/
Foto: © Grandfilm

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