Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus

(F 2015; Regie: Eva Husson)

Emotionale Häutungen

Das Motto von Eva Hussons Film „Bang Gang – Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus“, der im französischen Original allerdings „Bang Gang, une histoire d’amour moderne“ heißt, stammt vom Tiefenpsychologen C. G. Jung: „Man wird nicht dadurch hell, dass man sich Helles vorstellt, sondern dadurch, dass man sich Dunkles bewusst macht.“ Es geht in Hussons teilnehmender Darstellung von zeitgenössischer Adoleszenz also nicht um die Abwehr des Negativen, sondern um einen mitunter schmerzlichen Prozess der Bewusstwerdung und der Häutung in einer emotional schwierigen Phase. Die Suche nach (sexueller) Identität, Liebe und gesellschaftlicher Teilhabe vollzieht sich demnach in der Erforschung von Grenzen und in der Konfrontation mit persönlichen Abgründen. Zwischen der Erfahrung des Andersseins und dem Wunsch nach Zugehörigkeit wächst das Ich. Nur die Bedingungen, unter denen dies geschieht, scheinen sich zu ändern. Darauf bezieht sich der französische Titel des Films, während der deutsche etwas reißerisch aufs Spekulative zielt.

Inspiriert von wahren Begebenheiten, zeichnet Eva Husson die Portraits von Jugendlichen, die an der Atlantikküste bei Biarritz leben und sich irgendwann regelmäßig zu Sexpartys treffen. Doch bis es zu diesem orgiastischen Grenzübertritt kommt, folgt Hussson behutsam der Entwicklung ihrer Protagonisten. Die beiden 16-jährigen Schülerinnen Laetitia (Daisy Bloom) und George (Marilyn Lima) sind beste Freundinnen. Während Laetitia, die von ihrem Vater kontrolliert wird, leicht unsicher wirkt und sexuell unerfahren ist, hat die mehr Freiheiten genießende George bereits mit mehreren Jungs geschlafen. Deren Namen verzeichnet sie wie Trophäen stolz in ihrem Tagebuch. Als sie sich jedoch mit dem etwas älteren Alex (Finnegan Oldfield) einlässt, der seine Affären schon nicht mehr zählt, wahlweise Pornos und Rhythmische Sportgymnastik schaut sowie Nähe und Gefühle meidet, erfährt die hübsche George eine tiefe Enttäuschung. Als schließlich auch noch Laetitia ihr erstes Mal ausgerechnet mit Alex erlebt, kommt es zum Bruch der Freundschaft.

In der Folge lässt sich George gehen und treiben. Ihre verletzten Gefühle und ihr verzweifelter Liebeswunsch werden zum Auslöser für Sexpartys, die zunächst harmlos und verspielt beginnen, sich unter dem Druck der Gruppe und der Dynamik eines hedonistischen Lustprinzips aber zu einer sexuell entgrenzten Parallelwelt auswachsen. In ihr finden nicht nur jugendliches Triebverhalten, sondern auch die Sehnsucht nach „Glück und Wärme“ ihren rauschhaften Widerhall. Sich lebendig und frei und „für immer gut fühlen“, lautet das Ziel. George will gar ein „Kernkraftwerk“ sein, „das im Innern Glücksenergie erzeugt“ und ihre Gefährten „in kleine Sonnen verwandelt“. Doch dann explodiert die instabile Utopie: Ein diskreditierendes Video zirkuliert, Geschlechtskrankheiten werden diagnostiziert, der „Skandal des Jahrzehnts“ wird öffentlich und die kollektive Ernüchterung unabwendbar.

Eine melancholische Verlorenheit grundiert den sexuellen Eskapismus dieses sehr sinnlichen Films, der gleich zu Beginn eine traumhafte, leicht entrückte Atmosphäre etabliert. Zwischen körperlicher Ekstase und schläfrigem Drogenrausch, getragen von sanften Synthie-Sounds und fernen Naturgeräuschen, bewegt sich die schweifende Kamera fast wie in Trance durch die vernebelte Szenerie aus nackten Körpern und zärtlicher Lust. Eva Hussons poetischer Blick gilt aber auch immer wieder dem Meer, bizarren Wolkenformationen und den in warme Rottöne getauchten Sonnenuntergängen. Ein anderes Mal sprechen die Bilder stumm. Der zunehmende Realitätsverlust und die Zerbrechlichkeit der Teenager, die nicht zuletzt Folgen sich auflösender Familienstrukturen sind, werden schließlich konfrontiert mit einer Reihe medial vermittelter Katastrophen: Mehrere Zugunfälle und eine große Hitzewelle fordern zahlreiche Opfer. Es scheint, als sei das „instabile System“ der Jugendlichen nicht nur in seinen Ursachen, sondern auch in seinen Wirkungen nichts anderes als ein Spiegelbild der Wirklichkeit.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Bang Gang - Die Geschichte einer Jugend ohne Tabus
(Bang Gang, une histoire d'amour moderne)
Frankreich 2015 - 98 min.
Regie: Eva Husson - Drehbuch: Eva Husson - Produktion: Laurent Baudens, Didar Domehri, Gael Nouaille - Kamera: Mattias Troelstrup - Schnitt: Emilie Orsini - Musik: Morgan Kibby - Verleih: Universum Film - Besetzung: Finnegan Oldfield, Marilyn Lima, Lorenzo Lefèbvre, Daisy Broom, Fred Hotier, Manuel Husson
DVD-Starttermin (D): 15.07.2016

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt3838728/
Link zum Verleih: http://pierrotlefou.de/
Foto: © Universum Film

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