Austerlitz

(DE/UA 2016; Regie: Sergei Losnitza)

Keine Antworten

Ein Dokumentarfilm über KZ-Touristen. Ströme von Besuchern aus dem In- und Ausland. Gedränge. Regisseur Sergei Losnitza, Ukraine, lässt sie vor der Kamera passieren. Er fragt sich was. Was treibt die Menschen an? KZ-Massentourismus an einem heißen Sommertag. Regenschirme aufgespannt gegen die grelle Sonne. Kinderwagen, Kinder, junge Leute vor allem. Die Kamera steht jeweils Minuten lang fest positioniert. Die Touristen sind das Thema. Welches KZ ist eher egal. Zufällig rückt im Hintergrund ein Gedenkstein ins Bild. KZ Sachsenhausen also. Ja, und in der zweiten Filmhälfte wird wie von ungefähr eine Stimme vernehmbar. „Es geht weiter mit der Führung. Hört auf zu mampfen. In fünf Minuten könnt ihr wieder essen.“ Es geht weiter. Eine balanciert eine Flasche auf dem Kopf. Schon wieder wird in die Tüte mit den Erdnüssen gegriffen. Einige lächeln nicht – vor den Öfen im Krematorium. Selfies ohne Ende. Jemand posiert, an den Folter-Pfahl gepresst. Die Kamera bleibt unerbittlich stehen. Und fragt sich was.

Was? Sergei Losnitza, der überaus konsequente Regisseur, sagt es nicht. Er überlässt die Antwort uns. Oder genauer gesagt, mir. Und mir fällt was ein, an das ich seit meinem Kindesalter nicht mehr gedacht hatte. So alt wie viele Kinder in Losnitzas Film. In Lübeck, Holstentor. Die mittelalterliche Folterkammer. Die Streckbank. Die Zange zum Fingernägel-Rausziehen. Siebzig Jahre lang ist das jetzt gespeichert. Im Kopf. Was ich damit sagen will? Es ist leicht, sich darüber aufzuregen, wie Touristen sich benehmen. Oder die, die die eine Führung machen. Warum insistiert solch einer, dass es an Fakten fehle, die besagen, dass der Krematoriumsofen je in Betrieb genommen wurde? Warum sagt er das drei mal, während Geführte sich Tränen aus den Augen wischen? Was ist eigentlich mit den Führenden los? „Die Häftlinge bekamen täglich ein Stück Brot und Wassersuppe“. Wenig später: „Pause für Toilette und halben Sandwich!“.

Die Lösung? Da Losnitza seinen Film nicht kommentiert, liegt es an mir. Der Film ist mir nahe gekommen. Intensiv. Und ich will nicht, dass mir jemand und sei es eine Fernsehredaktion die Verantwortung abnimmt. Der Film ist ein großer internationaler Festivalerfolg. Und das ist keine Frage.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Konkret 12/2016

Austerlitz
Deutschland / Ukraine 2016 - 94 min.
Regie: Sergei Losnitza - Drehbuch: Sergei Losnitza - Produktion: Sergei Losnitza - Kamera: Sergei Loznitsa, Jesse Mazuch - Schnitt: Danielius Kokanauskis - Verleih: Imperativ Film - Besetzung:
Kinostart (D): 15.12.2016

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt6042860/

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