Am Sonntag bist du tot

(IRL / GB 2014; Regie: John Michael McDonagh)

Bildfüllend rechtschaffen

Die Stimme eines an Körper und Seele Missbrauchten kommt aus dem Off – der Dunkelheit ungezählter Opfer sexueller Gewalt. Er sei ab seinem siebten Lebensjahr fünf Jahre lang von einem mittlerweile verstorbenen katholischen Priester vergewaltigt worden, sagt der Unbekannte in einem harten, anklagenden Tonfall. Der ihm mit zunehmender Erschütterung und Anteilnahme zuhört, ist ebenfalls Geistlicher und sitzt bildfüllend und mit aufmerksamer Miene im schwachen Licht eines Beichtstuhls. James Lavelle (Brendan Gleeson), der Priester einer kleinen Gemeinde an der rauen Nordwestküste Irlands, ist ein lebenskluger, erfahrener Mann, der die dunklen Seiten des Lebens kennt und allem Weltlichen gegenüber keine Berührungsängste hat. Doch als das Missbrauchsopfer plötzlich ankündigt, ihn, den Rechtschaffenen, stellvertretend für die bösen Taten eines Anderen und damit auch der katholischen Kirche töten zu wollen, schleicht sich zunehmend Unruhe in seinen Geist. Als Hinrichtungsdatum nennt der Ankläger den kommenden Sonntag. Er solle „sein Haus in Ordnung bringen“ und „Frieden mit Gott schließen“. Sieben Tage bleiben dem Priester James Lavelle.

„Calvary“, also Kalvarienberg, heißt John Michael McDonaghs neuer, in Deutschland mit einem leicht irreführenden Titel und missverständlicher Werbung startenden Film „Am Sonntag bist du tot“ im Original. In Verbindung mit dem vorangestellten Augustinus-Zitat über das ungleiche Schicksal der beiden Diebe an der Seite des gekreuzigten Christus folgt der Film, gegliedert nach den einzelnen Wochentagen, vor allem den Stationen eines Kreuzweges. Eingangs versammelt bei der Kommunion, begegnet der ebenso umgängliche wie schlagfertige Lavelle nach und nach den „sündigen“ Mitgliedern seiner Gemeinde. Dabei wird er unter anderem mit ehelicher Gewalt, Ehebruch, sexueller Freizügigkeit, Habgier, provozierender Gottlosigkeit und nicht zuletzt einem jungen Mörder konfrontiert. Schroff, ablehnend und sarkastisch tritt ihm diese Welt aus Schuld und Gemeinheit entgegen. Doch Lavelle, der sich in bezug auf den Glauben der Menschen keinen Illusionen hingibt, reagiert nicht als weltfremder, prinzipientreuer Kirchenvertreter, sondern als verständiger Mensch.

„Gott ist groß. Die Grenzen seiner Gnade wurden noch nicht festgelegt“, antwortet er auf die Verzweiflung des besagten Mörders. Und doch ist sein Plädoyer für die Kraft der Vergebung im Verlauf der Woche immer wieder heftigen, hasserfüllten Anfeindungen und persönlichen Rückschlägen ausgesetzt, die schließlich auch Lavelles menschliche Schwäche und Zerbrechlichkeit zeigen. Dicht und konzentriert erzählt John Michael McDonagh ein düsteres Drama vor rauer Naturkulisse, dem alle Hoffnung auf Versöhnung ausgetrieben scheint. Inmitten einer desillusionierten, zynischen Gesellschaft gerät der Opfergang des Priesters zur vielschichtigen, von schwarzhumorigen Anspielungen und (falschen) Fährten durchwirkten Parabel über Gut und Böse. Noch im Abspann, in den Bildern der Abwesenheit, ist diese Ambivalenz auf poetische Weise zu spüren.

Benotung des Films :

Wolfgang Nierlin
Am Sonntag bist du tot
(Calvary)
Irland / Großbritannien 2014 - 100 min.
Regie: John Michael McDonagh - Drehbuch: John Michael McDonagh - Produktion: Chris Clark, Elizabeth Eves, Aaron Farrell, Flora Fernandez-Marengo, James Flynn, Norman Merry, Patrick O'Donoghue - Kamera: Larry Smith - Schnitt: Chris Gill - Musik: Patrick Cassidy - Verleih: Ascot Elite - Besetzung: Brendan Gleeson, Chris O'Dowd, Kelly Reilly, Aidan Gillen, Dylan Moran, Isaach De Bankolé, M. Emmet Walsh, Marie-Josée Croze, Doug Matthews, Domhnall Gleeson, David Wilmot, Gary Lydon, Killian Scott, Orla O'Rourke, Owen Sharpe
Kinostart (D): 23.10.2014

DVD-Starttermin (D): 30.11.-0001

IMDB-Link: http://www.imdb.com/title/tt2234003/

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