Berlinale 2011 – Impressionen, Rezensionen, Kurzkritiken

von Redaktion


Berlinale – unterm Strich

von Ira Kormannshaus

Die Berlinale ist unter Kosslick dabei, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln. Der Wettbewerb besteht fast ausschließlich aus Produktionen mit der ein oder anderen deutschen Beteiligung und/oder von Match Factory weltweit vertriebenen Filmen. Wenn das der ganze Kredit ist, den ein A-Festival in der Filmwelt noch hat – dann ist es allerhöchste Zeit umzudenken!
Sicher ist die Konkurrenz um gute Filme durch die Festivals in Rom und Dubai härter geworden, aber das darf keine Entschuldigung sein.

Es wäre Zeit für den Filmfremden, seine Ausweitung des Kölschen Karnevalsprinzips (man kann sich nicht in der Stadt aufhalten, ohne auf das Ereignis zu stoßen) zurück zu fahren. Das kulinarische Kino bringt nach Hörensagen nicht einen Bruchteil des erhofften Geldes ein, der Mülleimer des Festivaldirektors (genannt ‚Spezial‘) ist obsolet in Zeiten, da die Hälfte des Wettbewerbsprogramms außer Konkurrenz läuft. Es müssen auch Fragezeichen erlaubt sein, ob denn Kurzfilm notwendig eine eigene Sektion sein muss oder die Berlinale nicht mit gutem Beispiel vorangehen sollte und, wie früher, im Wettbewerb und Panorama vor den Langfilmen Kurzfilme zeigen. Die Ausweitung des Forums, das Forum expanded befasst sich teils nicht einmal mehr mit visueller Kunst – es werden reine Hörstücke geboten.

Mehr Konzentration auf einige Kernbereiche und deren inhaltliche Gestaltung täte not, statt der Pfennigfuchserei der ständig steigenden Akkreditierungsgebühren und des sich ausweitenden Merchandising.

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Beantwortete Umnachtung

von Janis El-Bira

Wettbewerb: The Turin Horse (Béla Tarr, 2011)

Bei schwarzer Leinwand wird sozusagen der Urknall geschildert: Friedrich Nietzsche erbarmt sich eines geschundenen Gauls, fällt ihm um den Hals, wird abgeholt, lebt noch Jahre in Umnachtung, spricht seine letzten Worte: „Mutter, ich bin dumm.“ Berühmt ist diese Anekdote, allein, so der Sprecher weiter, über das Pferd und den Kutscher wissen wir nichts. Dann öffnet sich das Auge der Kamera und durch den Friedrichstadtpalast rauscht die pure Kinetik: Ein Sturm – hat man je einen solchen Sturm, ein solches Unwetter auf einer Leinwand gesehen? – peitscht eine Kutsche voran durch ein gesichtsloses Niemandsland. Beinahe endlos geht das so und man kann kaum glauben, welche Wucht diese Schwarzweißbilder übertragen; als würde es in den Saal hinein wehen. Dann wird lange, sehr lange nicht gesprochen und über die gesamten 150 Minuten fallen ohnehin – man erwartet das freilich von Béla Tarr – nur wenige Sätze. Wir verfolgen das Leben und Vegetieren von Pferd, Kutscher und Kutscherstochter in oft minutenlangen, äußerst verlangsamten Einstellungen.

Die immer gleichen Alltagsprozesse – das Ankleiden des alten Mannes durch die Tochter, das Verzehren der Kartoffeln mit den bloßen Händen, das Wasserschöpfen aus dem Brunnen – wiederholen sich drei-, vier-, fünfmal. Die Szenerie, eine Hütte im Nirgendwo, wechselt nicht. Und doch entsteht hier eine Sogwirkung, wie sie dieser Tage im Film ihresgleichen nicht hat. Tarrs völlig entfesselte Kamera vermittelt in schier unbeschreiblichen Schwarzweißkontrasten räumliche Spannung, Weite und Nähe in einer Kunstfertigkeit, die man schlicht sensationell nennen muss. Ein Unheimliches schleicht dann alsbald ums Haus, eigentümliche Dinge geschehen, seltsame Gäste treffen ein. Eine große Finsternis wird kommen. Ist das die Antwort der Geschichte auf die Umnachtung Nietzsches, auf das Ende der abendländischen Metaphysik? Man stolpert halbwegs benommen aus dem Kino ins Tageslicht zurück. Ein weit offenes Meisterwerk hat man gesehen, das nun im Kopf unaufhörlich nachrattert. „Für mich war das wie eine Passion; eine Leidensgeschichte in sechs Tagen“, sagt uns unvermittelt ein Mann auf der Straße.

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Gänseflüge und Softcore-Bauern – Eine Kurzkritikensammlung 1

von Ira Kormannshaus

Majki (Mothers) von Milcho Manchevski (MAK/F)

Drei Geschichten an drei Orten – Skopje, Mariovo und Kicevo. Ein Film über Mütter. Manchevski will erklärtermaßen einen Bericht über den Zustand der mazedonischen Gesellschaft abgeben. Dabei verrennt er sich. Ja, der Film zeigt verschiedene Facetten des heutigen Mazedonien.
Zwei neunjährige Mädchen zeigen einen Exhibitionisten bei der Polizei an, obwohl sie ihn nie gesehen haben. Drei Filmemacher besuchen die einzigen Bewohner eines verlassenen Dorfes, alte Menschen. Schwester und Bruder haben seit 16 Jahren nicht miteinander gesprochen. In einer Kleinstadt werden ältere Putzfrauen vergewaltigt und stranguliert. Festgenommen wird ein Reporter, der über die Morde schreibt.
Aber er bringt uns weder die Personen näher noch entwickelt er eine Haltung zu dem Geschehen.
(3 Punkte)

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Keeper’n til Liverpool/The Liverpool Goalie (R: Arild Andresen)

Jo ist 13, Klassenbester und überzeugt, dass das Leben gefährlich ist. Um die Schule zu überleben, muss man tödliche Fallen wie sadistische Mitschüler, grundsätzlich gefährlichen Sport und süße Mädchen vermeiden. Und sich mit harmlosen Dingen wie mathematischen Gleichungen und dem Sammeln von Fußballbildern befassen. Alles läuft nach Plan, bis ein neues Mädchen in die Klasse kommt: Mari. Die spielt gut Fussball und ist ein Mathe-Ass. Und wirklich süß. Sie ist Jos Traumfrau. Um sie zu beeindrucken, muss Jo Risiken eingehen. Alles gerät durcheinander und wird so stressig, dass Jo fürchtet, seinen 14. Geburtstag nicht zu erleben. All seine Hoffnung setzt er auf das Auftauchen eines seltenen Sammelbildes – der Liverpooler Torwart könnte sein Leben retten.
Sympathische, klare Figurenzeichnung und eine dem Humor offene Erzählweise folgen dem Formelwurm Jo bei seinem Anlauf zum Sprung ins Leben, das macht Spaß.
(6 Punkte)

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Bad o Meh (Wind & Fog) (R: Mohammad Ali Talebi)

Des kleinen Sahands Vater arbeitet in der Erdölindustrie, weswegen sie vom (vegetativ, nicht politisch) grünen Norden in den von Wüste bestimmten Süden des Iran gezogen sind. Kurze Zeit später bricht Krieg aus und die irakische Bombardierung tötet Sahands Mutter. Sahand selber wird durch die Druckwelle der Explosion krank und kann nicht mehr sprechen. Der Vater bringt ihn und seine ältere Schwester Shooka nach Hause zurück, wo die Ruhe der Natur und die Hilfe des Großvaters zur Heilung Sahands beitragen sollen. Er selber kehrt zu den Erdölfeldern des Südens zurück. Eines Tages gehen sie mit dem Großvater zum Angeln an den nahen See, dort sehen sie eine von einem Schuss verletzte weiße Gans. Sahand erinnern die weissen Federn des Vogels an seine Mutter, die ihn in einem weißen Kleid in den Arm nimmt. Er will die Gans mit nach Hause nehmen, was ihm der Großvater verbietet. Sahand geht nachts raus, die Gans suchen. Am Morgen suchen ihn dann alle. Die Suche geht Stunden und schließlich weisen am Himmel ziehende weiße Gänse den Weg zu ihm.
Eine intensive Geschichte mit starker Atmosphäre, aber auch häufig symbolisch und nicht immer verständlich.
(5 Punkte)

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Stadt Land Fluss (Harvest) (R: Benjamin Cantu)

Bei der Ernte wird auch sonntags gearbeitet, der Stall muss immer sauber abgefegt sein, und wenn die Mutterkuh ihr Kalb nicht annimmt, wird es von Hand aufgezogen. Marko ist Auszubildender in einem großen Agrarbetrieb im Nuthe-Urstromtal, 60 km südlich von Berlin. Besteht er seine Abschlussprüfung, ist er Landwirt. Ob er das überhaupt sein will, weiß er nicht. Außerhalb der Arbeit hat er wenig Kontakte, die elf anderen Auszubildenden halten ihn für einen verschlossenen Einzelgänger. Aber als Jacob, ein neuer Praktikant, im Betrieb auftaucht, wagt sich Marko langsam aus der Rolle des Außenseiters heraus. Bei der Ernte, beim Abfahren des Getreides und beim Umbuchten der Kälber kommen die beiden jungen Männer sich näher. Für einen Tag reißen sie nach Berlin aus und danach ist nichts mehr wie zuvor. Eine Liebesgeschichte nimmt ihren Anfang – doch keiner von beiden hat sich bislang gefragt, wie und vor allem wie offen er in der Gesellschaft leben will.
Eine zarte Liebesgeschichte, unaufdringlich erzählt. Doch ist die Kameraarbeit schlicht unterirdisch und die Motivwahl lässt schon die Vermarktung als Softcore auf DVD erahnen. Da wäre mehr Arbeit an der inneren Welt der Figuren als an der Ausstellung ihrer nackten Oberkörper visuell spannender und würde auch der sich arg dahinschleppenden Erzählung mehr dienen.
(2 Punkte)

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Der große Knall

von Janis El-Bira

Wettbewerb: Coriolanus (Ralph Fiennes, 2010)

Sehr sonderbar kommt Fiennes‘ Regiedebüt um den römischen Kriegsherrn, Konsul und Verräter Coriolanus daher. Sonderbar und über weite Strecken überaus fragwürdig. Da ist die glattweg faschistische „ultimate warrior“-Ästhetik der ersten rund dreißig, vierzig Minuten, bei der man inständig auf einen ironischen Wink hofft, der nicht kommen mag, da sind Shakespeare-Zeilen, denen man durchaus mit Genuss lauschen könnte, würden sie nicht von so deppert dreinschauenden Gladiatorköpfen gesprochen werden und da ist die Vorstellung, dass das hier irgendwie vielleicht noch „aktuell“ oder politisch werden könnte, bis man merkt, dass es sich eigentlich um eine erzkonservative Shakespeare-Inszenierung ohne Zeitbezug handelt – nur die Klamotten, die sind andere. Und Längen gibt es. Quälende, nicht enden wollende Längen des sich Ergehens im selbstgefälligen, reichlich aufgesetzten Rezitieren. Sprachgewalt und Ausdrucks(un)vermögen (inszenatorisch wie darstellerisch) fallen alsbald soweit auseinander, dass es zur unfreiwilligen Komik gereicht. Am Ende knallt der tote Coriolanus mit einem satten Geräusch auf die Ladefläche eines Pickups. Man ist einigermaßen erleichtert.

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Abschiede und Anfänge – Eine Kurzkritikensammlung 2

von Ira Kormannshaus

Mondo Lux – die Bilderwelten des Werner Schroeter (R: Elfi Mikesch)

Werner Schroeter, einer der größten europäischen Regisseure erfährt 2006, dass er Krebs hat. In der Kunsthalle Düsseldorf arbeitet er gerade an SCHÖNHEIT DER SCHATTEN, einer musikalischen Inszenierung zu Robert Schumann und Heinrich Heine. Zwischen Hoffnung und Bangen beginnt Werner Schroeter einen Wettlauf mit der Zeit. Elfi Mikesch, die bei mehreren Filmen von Werner Schroeter die Kamera geführt hat und persönlich eng in seine Welten eingebunden war, gewährt einen intimen Einblick in die Arbeiten der verbleibenden 4 Jahren voller Schaffensdrang und Begeisterung für Kino, Theater und Fotografie: Bei den Theaterproben zu ANTIGONE/ELEKTRA, den Vorbereitungen für die Foto-Ausstellung AUTREFOIS & TOUJOURS und den intensiven Synchronarbeiten zu seinem letzten Film DIESE NACHT, den er noch 2008 in Portugal gedreht hat. MONDO LUX ist ein intimer Raum – ein Raum, in dem jeder Tag unvergleichlich wird angesichts der verbleibenden Lebenszeit. Werner Schroeter starb am 12. April 2010.

Elfi Mikesch macht nicht nur mit die feinste Kameraarbeit hierzulande, sie hat ein untrügliches Gespür für Dinge, die der Film braucht und Sachen, die auch gut wegbleiben können. Zu keinem Zeitpunkt stellt sie ihr gutes Verhältnis zu Schroeter aus, um sich selbst zu erhöhen – macht es aber an Stellen nutzbar, wo es den Film weiterbringt. So schafft sie ein sehr dichtes, lebendiges Porträt dieses großen Regisseurs, das uns Überzeugungen und Arbeitsweise wie auch Philosophie und Sein nahebringt.
(9 Punkte)

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Qualunquemente (R: Giulio Manfredonia)

Cetto La Qualunque ist ein einfacher Mafioso. Er will einfach alles und es ist ihm egal, wie er es bekommt. Nach einem längeren „Urlaub“ kehrt er mit Freundin und Kind zurück, die er seiner Frau nicht einmal vernünftig vorstellen kann – Frau und Sohn sind mäßig begeistert. Seine alten Kumpels haben Ablenkung von den Anfällen seiner Frau auf Lager – die Gesetzestreue muss wieder aus ihrem Dorf vertrieben werden. Wer wäre da geeigneter als Cetto – er soll Bürgermeister werden.
Eine etwas überdrehte Komödie mit vielen Anspielungen auf die aktuelle politische Situation in Italien. Letztlich aber für den internen Gebrauch, denn Etliches erschließt sich auch nicht und beruht rein auf Wortwitz, der bekanntlich der Übersetzung zum Opfer fällt.
(2 Punkte)

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Amnistia (R: Bujar Alimani)

Ein neues Gesetz erlaubt Ehepartnern einmal im Monat Besuch im Gefängnis zu Zwecken des Sexualverkehrs. So reist Elsa von Pogradec nach Tirana um ihren Mann zu sehen, während Shpetim in Tirana lebt und seine Frau besucht. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebesgeschichte. Elsas Schwiegervater wird immer tyrannischer, sie nimmt die Kinder und geht nach Tirana, findet dort Arbeit und Unterkunft. Doch der Tag der Amnestie rückt näher, Elsas Mann kommt frei.
Mit einigen Holpern in der Inszenierung entwickelt dieser Film eine schöne, ruhige Atmosphäre und gibt Einblick in eine uns weitgehend verborgene Kultur.
(4 Punkte)

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Löwen, die wie Hühner tanzen

von Janis El-Bira

Panorama: Into the White Night (Yoshihiro Fukagawa)

Abbruch schon nach einer knappen Stunde. Einen Mord gibt es, Polizeiarbeit wie aus einem vierzig Jahre alten Fernsehkrimi-Lehrbuch gibt es, einen kindlichen Zeugen gibt es, ein gehänseltes Mauerblümchen und eine schöne, clevere, schlicht: makellose Schulballkönigin gibt es auch. Allein, warum irgendetwas davon interessieren sollte, bleibt trotz des ganzen Geschwafels und Erzählaktionismus‘ offen. Zunehmend zu Tode gelangweilt folgt man herbeigesuchten Wendungen und Begegnungen, immer neuen (und stereotypen) Figuren, mäßigem Slapstick und einer Regie, die alles über Schnitt-Gegenschnitt weiß und doch nichts zu sagen hat. Unerträglich.

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Wettbewerb: Cave of Forgotten Dreams (Werner Herzog)

Verkürzt betrachtet reiben sich hier zwei Ebenen aneinander auf: Zum einen die der Steinzeit-Doku, wie sie auch bei n-tv laufen könnte, samt ausführlicher Wissenschaftlerinterviews über vorzeitliche Waffen- und Jagdtechniken. Zum anderen der Höhlentrip als Reise zum Anbeginn der Kunst, zur Frage, warum jemand damit beginnt, einen Löwen, ein Pferd oder die eigenen Handabdrücke im Fackelschein an eine Felswand zu malen. Aber dann ist dort Werner Herzog, der einfach mal feststellt: „Es gibt hier nebeneinander die Fußabdrücke eines Wolfes und eines Jungen von vielleicht 13 Jahren. Hat der Wolf ihm aufgelauert? Sind sie als Freunde durch die Höhle gegangen oder liegt vielleicht einfach nur ein Abgrund von 5000 Jahren zwischen ihren Schritten?“ Diese „Werner Herzog-Ebene“ des Films, inklusive flötender Wissenschaftler in Inuitkleidung und eines hinreißend wirren Epilogs über verstrahlte Albinokrokodile, ist unwiderstehlich. Herzog-typisch vermengen sich Pathos und Albernes, Ergriffenheit und Distanz zu einem rätselhaften, aber strahlend schönen Ganzen, das – ganz wie sein Sujet: eine Höhle, in der Jahrtausende nur ein Augenblick sind – sein Geheimnis nicht preisgeben will. Denkbar, dass man nach „Cave of Forgotten Dreams“ von den Löwen an den Wänden träumt. Denkbar auch, dass sie dann tanzen wie das Huhn am Ende eines anderen Films dieses weisen Kindskopfs.

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Ein deutscher Playboy und tschechische Behördengänge – Eine Kurzkritikensammlung 3

von Ira Kormannshaus

También la lluvia (R: Icíar Bollaín)

Der ewige Idealist Sebastián will einen Film über Kolumbus machen. Was sein Imperialismus ausgelöst hat: den Goldrausch, den Sklavenhandel wie auch die fürchterliche Brutalität gegen die Indigenen, die sich zu wehren wagten. Sein hervorragender Hauptdarsteller hinterfragt ihn ständig, bezichtigt ihn der Heuchelei und billigen Manipulation. Sein Freund und Produzent Costa ficht das alles nicht an – er will den Film im Zeit- und Budgetrahmen verwirklicht sehen. Daher wird der Film in Bolivien gedreht, dem ökonomisch günstigsten, indigensten Land Lateinamerikas. Während der Dreharbeiten beginnen in der nächsten Stadt politische Proteste, da die Wasserwerke an einen britisch-us-amerikanischen Multi verkauft werden. Die Ereignisse schaukeln sich hoch und werden gewalttätig.
Das ist alles sehr ehrenwert, zerfällt aber arg in zwei Teile. Einen in der Inszenierung theatralischen, der die Dreharbeiten und Eitelkeiten beschreibt und in einen Teil in der Stadt, der nicht wirklich weiß, was er will. Einer dieser Filme, die eher nach Thema und Namen (Bernal spielt die Hauptrolle) ausgesucht sind als nach Filmkunst.
(2 Punkte)

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Apflickorna (R: Lisa Aschan)

Als Emma und Cassandra sich begegnen, beginnt eine Freundschaft voller physischer und psychologischer Herausforderungen. Emma tut alles, um die Spielregeln einzuhalten. Grenzen werden überschritten, die Einsätze werden höher. Emma entwickelt eine Sucht, totale Kontrolle zu haben. Der Film hat keine wirkliche Geschichte und die innere Welt der Protagonistinnen bei ihren psychologischen Spielen um Macht und Kontrolle bleibt unter den geleckten Bildern „schöner“ Teenager verborgen.

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The Big Eden (R: Peter Dörfler)

Rolf Eden ist Deutschlands letzter Playboy. Als Diskothekenkönig hat er die ersten Misswahlen ins Leben gerufen und machte im prüden Westdeutschland den Striptease populär. Er hat mit den Rolling Stones gefeiert, mit Ella Fitzgerald getanzt und mit sieben Frauen sieben Kinder gezeugt. Ein Achtzigjähriger mit blondem, langem Haar, dessen Freundin jünger ist als sein Enkel.Peter Dörfler („Achterbahn“) schafft es auch diesen „letzten Playboy Deutschlands“ äußerst interessant zu porträtieren.
(7 Punkte)

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On the Ice (R: Andrew O. MacLean)

Ein Debütfilm, der die Freundschaft zweier Heranwachsender wie auch ihr dunkles Geheimnis erzählt. Aivaaq ist mit einem Dritten raus aufs Eis zur Seehundjagd gefahren. Im Streit hat er Andrew getötet. Das versuchen Aivaaq und sein Freund Qalli nun zu verstuschen und verstricken sich in ein immer durchsichtigeres, rissigeres Netz aus Lügen. Trotz Schwächen in der Schauspielerführung ist „On the Ice“ ein intensives Drama, das auch Einblicke in das Leben der Inuit im nicht mehr so ganz ewigen Eis gibt.
(5 Punkte)

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Eighty Letters (R: Václav Kadrnka)

Früher Morgen, der Junge wird wach, geht in die Küche, sieht das Frühstück. Zieht sich an, läuft durch die Kleinstadt, bis er am Busbahnhof seine Mutter findet. Sie fahren nach Prag. Behörden, Eingaben … Václav Kadrnkas Spielfilmdebüt erzählt, wie im Laufe eines einzigen Tages ein Junge erstmalig den minutiös geplanten Alltag seiner Mutter wahrnimmt, deren aussichtslos erscheinende Amtsgänge den Weg für die erhoffte Ausreise nach Großbritannien ebnen sollen. Ruhig erzählt, bleibt der Film bis zum Schluss kryptisch.
(5 Punkte)

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Sampaguita, National Flower (R: Francis Xavier E. Pasion)

Nach einer wunderschönen Einführung (die gut einen eigenständigen Kurzfilm hergäbe) über die Philippinen prägende Elemente geht es auf die Sampaguita-Felder, wo die kleine weiße, duftende Blume geerntet wird. Nach der Ernte muss sie innerhalb von 24 Stunden verkauft werden, da sie sich nicht lange hält. In der Pampanga-Provinz, wo die Felder sind, gibt es keinen Strom. Ronalyn steht kurz davor, in die Stadt, zur Schule zu gehen. Doch sie hat Angst vor ihrer Mutter, die in der Kirche Sampaguita verkauft. Sie beschließt, ihrer gewalttätigen Mutter zu entkommen.
Marlon ist Sampaguita-Verkäufer. Heute ist sein Geburtstag und er wünscht sich nichts mehr, als eine Torte kaufen zu können, die er mit seiner Familie essen will. Doch diesen Geburtstag wird er nie vergessen.
Der Film beruht auf vorherigen Interviews mit den Kindern, die alle selber im Sampaguita Business arbeiten. Es handelt sich jedoch nicht um einen Dokumentarfilm, sondern ein Dokudrama und leider ein schlecht und schwer nachvollziehbar konstruiertes, in dem die Geschichte von Ronalyn und Marlon völlig unverbunden nebeneinander stehen.
(2 Punkte)

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Rote Hunde, tanzende Puppen und ungesicherte Karrieren – Eine Kurzkritikensammlung 4

von Ira Kormannshaus

Las Malas Intenciones (R: Rosario G. Montero)

Peru, 1982. Die neunjährige Cayetana hat wohlsituierte Eltern und Bedienstete. Letztere sind einige Zeit ihre einzige Gesellschaft – ihre Mutter und Stiefvater sind mehrere Monate im Ausland. Bei deren Rückkehr erfährt Cayetana, dass die Mutter schwanger ist. Ihre Welt bricht zusammen, sie ist überzeugt, dass sie sterben muss, wenn ihr Bruder geboren wird. Sie sucht Trost bei ihrem Vater, einem verantwortungslosen und unzuverlässigen Menschen, den sein Auto und die neue Freundin deutlich mehr interessieren. Sie vergräbt sich in ihre Phantasiewelt, bevölkert von historischen Nationalhelden – wenn sie schon untergeht, dann als Heldin. Im Haus wird die Weihnachtsfeier vorbereitet, terroristische Anschläge des marxistischen Sendero luminoso (Leuchtender Pfad) diskutiert. Als ihre Großmutter sie und ihre Kusine mit ans Meer nimmt, wird das Leben etwas besser.
Magischer Realismus vom Feinsten prägt die Erzählhaltung dieser Reise in die Phantasiewelt von Cayetana. Es hilft, die peruanische Geschichte der 80er zu kennen, denn die wird nur zart angedeutet.
(5 Punkte)

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Shanzha shu zhi lian (Under The Hawthorn Tree) (R: Zhang Yimou)

Während der Kulturrevolution wird Jing zur Umerziehung – ihr Vater ist politischer Häftling – aufs Land geschickt. Von ihren Fortschritten hängt auch das Wohlergehen ihrer Mutter und Geschwister ab. Auf dem Land verliebt sie sich in den Studenten Sun aus einer wohlsituierten Militärfamilie. Eine Beziehung der beiden ist undenkbar, doch die Gefühle sind stark. Es muss tragisch enden.
Schöne Bilder können die sich arg in die Länge ziehende pure Aneinanderreihung von und dann, und dann, und dann nicht wirklich attraktiv machen. Auch die Kritik am Drei-Schluchten-Staudamm gegen Ende kann diesen vermutlich schwächsten Film Zhang Yimous (der 1988 den Goldenen Bär für ‚Rotes Kornfeld‘ erhielt) nicht retten.
(3 Punkte)

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Life in a Day (R: Kevin Macdonald)

Wäre nicht Ridley Scott der Produzent, diesem Film wäre wohl kaum diese Aufmerksamkeit zugekommen.
Geschnitten aus Material, das Menschen in aller Welt am 24. Juli 2010 gedreht und auf YouTube hochgeladen haben, versucht der Film diesen Tag zu proträtieren. Das ist noch ganz nett, wenn es um verschiedene Aufsteh- und Frühstücksgewohnheiten geht. Sobald der Film aber das chronologische Prinzip aufgibt, endet er in Beliebigkeit. Die zumal in der zwangsläufig zu Wünschen übrig lassenden technischen Qualität auch keinen sonderlichen Schauwert darstellt.
(2 Punkte)

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The Dynamiter (R: Matthew Gordon)

Sommer in Glen Allan, Mississippi. Der vierzehnjährige Robbie Hendrick ist allein mit seiner Großmutter und seinem Halbbruder Fess. Seine unberechenbare Mutter ist mal wieder weggelaufen, fürchtet einen weiteren Zusammenbruch. Robbie sehnt sich nach Familie, nach Stabilität. Doch die Realität sind ein ständig seine Mutter sehen wollender Lehrer und Arbeitszwang, damit überhaupt etwas zu essen da ist. Sein älterer Bruder Lucas kommt nach Hause und Mutter schickt Postkarten.

Doch allzu viel Hoffnung darf er sich nicht machen. Der ältere Bruder spielt sich als Boss auf und das Sozialamt hängt als Damoklesschwert über dem bescheidenen Haus. Gedreht mit Laien aus der Region hat der Film viel von dokumentarischem direct cinema, fügt dem aber geschickt die innere Welt des extrem ausdrucksstarken Robbie hinzu.
(7 Punkte)

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Utopia Ltd. (R: Sandra Trostel)

Anton Spielmann (18) und seine jüngeren Freunde Basti Muxfeldt und Jonas Hinnerkort leben mit ihren Eltern in Einfamilienhäusern in einer Vorstadt Hamburgs, wo Basti und Jonas auch zur Schule gehen. Sie sind die Band 1000 Robota. Schon nach ein paar Monaten können sie mit dem kleinen Hamburger Label Tapete Records einen Plattenvertrag abschließen. Danach geht es Auf und Ab. Wer Geduld mitbringt für 90 weitgehend höhepunktfreie Minuten, dem erschließt sich, dass mit dem Plattenvertrag die Karriere nicht gesichert ist. Eine interessantere Kameraarbeit hätte hier viel ausmachen können.
(3 Punkte)

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The Advocate for Fagdom (R: Angélique Bosio)

Ob er nun als sündiger Künstler in des Wortes reinstem Sinn, geistiger Ziehsohn von Kenneth Anger und John Waters, oder als Ikone der Queercore Bewegung gesehen wird, eins ist sicher: Bruce LaBruce macht mit Minimalbudgets Filme mit Hardcore Sex, politischen Botschaften wie auch viel Gewalt und Weichheit. Mit Vorliebe zerstört er Klischees, spielt mit Genrekonventionen bis zu deren völliger Dekonstruktion und hat sicher nichts mit Modetrends in der Kunst zu tun.
So interessant sein Schaffen, so langweilig dieses Porträt. Man reiht Interview-Schnipsel an Interview-Schnipsel, wirft ein paar Filmausschnitte rein und schickt das Ganze ans Panorama, das Bruce LaBruces Filme gerne zeigt. Bruce LaBruce hat ein Porträt verdient, das auch seine Art des Schaffens formell stärker reflektiert.
(1 Punkt)

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Yelling to the Sky (R: Victoria Mahoney)

Das Regiedebüt der Schauspielerin Victoria Mahoney verfolgt eine erfrischend andere Strategie der Figurenzeichnung und Erzählung. Wir springen mitten rein ins Leben von Sweetness, deren Leben am unteren Rand der sozialen Skala alles andere als Zuckerschlecken ist und keine Perspektive eröffnet. Ist es zu Beginn noch ihre ältere Schwester, die auf den Jungen eindrischt, der Sweetness‘ Fahrrad klauen will, muss sie sich bald alleine zurechtfinden – ihre Schwester ist hochschwanger zu ihrem Freund gezogen, die Mutter in der Nervenheilanstalt und der Alkoholiker-Vater meist abwesend, was auch besser ist.
Sie ist zu intelligent, um nicht zu spüren, dass sie eine Perspektive braucht. Eine Zeit lang scheint ihr das im Drogen dealen zu liegen – relativ die einzige Möglichkeit in ihrer Umgebung. Der Job entfällt, als ihr Chef von den Bullen erschossen wird. Ihr wird klar, dass sie untergeht, wenn sie in diesem Viertel bleibt und bittet den Sozialarbeiter der Schule, sie auf ein College anderswo zu bringen.
In souveräner, halbdokumentarischer Manier aus dem Milieu heraus statt von oben draufblickend zeigt Victoria Mahoney mit ihrem Erstling, dass die ausgetrampelten Pfade der Dramaturgie nicht der Nabel der Welt sind und Direktheit eher mit anderen Mitteln zu erreichen ist.
(7 Punkte)

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Pina (R: Wim Wenders)

Mit Technik-Bombast und 3 D lässt Wim Wenders die „Puppen“ tanzen und drückt seine Verehrung für Pina Bausch aus.
Er inszeniert vier ihrer Stücke nach – eine fragwürdige Methode per se und lässt Tänzer auch unter freiem Himmel tanzen und bezieht so die Stadt Wuppertal mit ein, die tatsächlich in nicht unbeträchtlichem Maße ihren Bekanntheitsgrad eben Pina Bausch verdankt.
Allerdings braucht der Film wirklich kein 3 D, das ist überflüssige Spielerei. Während ich mich so von den schönen Bildern durch die Mittagszeit tragen ließ, wollte mein Hirn auf einmal wissen, warum wir nicht mehr Bilder von Pina Bausch selber zu sehen kriegen. Hier ist es nicht die beste Entscheidung, nur selbstgedrehtes Material zu verwenden.
Auf Dauer wird der Film auch arg glatt, was auch die wenigen gesprochenen Sätze der TänzerInnen nicht verhindern können. Es fragt sich einfach, ob dies hier eine würdige Art der Hommage ist. Ich setze zumindest ein Fragezeichen dahinter.
(4 Punkte)

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Khodorkovsky (R: Cyril Tuschi)

Mikhail Khodorkovsky, der reichste Russe, steht Präsident Putins Machtexpansion im Wege. Der Kampf Macht gegen Geld beginnt – mit auch für Khodorkovsky voraussehbarem Ende. Dennoch kehrt er nach Russland zurück. Und wird verhaftet. Das erweckte das Interesse des russischstämmigen Regisseurs Cyril Tuschi – warum zog Khodorkovsky sich nicht mit seinem Geld zu einem bequemen Leben im Ausland zurück? In Russland gibt es die unterschiedlichsten Meinungen über ihn. Khodorkovskys Karriere ist von dramatischen Auf und Abs geprägt– und sein harter Fall kann mit jeder Shakespeare-Tragödie mithalten. Der Film will hinter die Maske des charismatischen Phantoms Mikhail Khodorkovsky gucken. Hinter die Dämonisierung der Putin Propaganda wie auch hinter die pure Idealisierung als Opfer. Dieses Bild soll auch Russland im dritten Jahrtausend charakterisieren, was dazu beitragen könnte, eine Brücke des Verständnisses zwischen dem neuen Russland und dem Rest der Welt zu bauen…

Am stärksten ist der Film, wenn er die Einführung des bis dahin unbekannten Kapitalismus im postsowjetischen Russland Mitte der 90er erzählt. Jean Marc Barr ist als Erzähler phantastisch, Pärts Musik bis auf wenige kleine Stellen passend und angenehm unaufdringlich. ‚Khodorkovskii‘ ist visuell durchaus interessant, leider etwas detailverliebt – mehr Konzentration hätte ihm gut getan.
(6 Punkte)

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Lo Roim Alaich (Invisible) (R: Michael Aviad)

Friedensaktivisten unterstützen vom Militär bedrohte Palästinenser bei der Olivenernte: Eine Journalistin macht eine Doku darüber und erkennt auf dem Material eine Frau, die – wie sie selber – 1978 von einem Serientäter vergewaltigt wurde. Sie treffen sich und beginnen ihr Trauma aufzulösen. Schicht um Schicht bringen sie die verdrängten Ängste, Gefühle und Fakten an den Tag.
Die schönen Schauspielerinnen bleiben unter dem Strich das große Plus eines Filmes, der durch mangelnde Wechsel in Erzählhaltung und Atmosphäre seinen eigenen Anspruch nur rudimentär einlösen kann.
(4 Punkte)

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Von Dichtern und Freundschaftsfilmen – Eine Kurzkritikensammlung 5

von Ira Kormannshaus

BRASCH – Das Wünschen und das Fürchten (R: C. Rüter)

Am 3. November 2001 verstarb mit 56 Jahren der Dichter Thomas Brasch. Wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit balancierte er auf einem dünnen Seil zwischen der DDR und der BRD, zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Jüdischsein, Deutschsein und Dasein. Dieser Film bietet die Möglichkeit, indem er von Braschs widersprüchlichem Leben und Schaffen erzählt und mit Hilfe von Braschs selbstgedrehtem DV-Material, ein radikales Bild von einem Suchenden und sich Versuchenden zu entwerfen. Er störte und verstörte alles und jeden; niemand und nichts war vor ihm sicher, sein Lebensgefühl die Auflehnung. Zuerst widersetzte er sich der staatstragenden Vätergeneration in der DDR und dann, im anderen Teil Deutschlands, jeder Form von Autorität. „Künstler oder Krimineller“, das war seine Devise. Christoph Rüter, der Dokumentarfilmer, war mit Thomas Brasch bis zu seinem Tod befreundet. Öfter begleitete er Brasch mit der Kamera und so auch 1999, nach überstandener Krankeit und Operation. Hinterlassen hat Brasch auch 28 DV-Kassetten, viele davon selbst bespielt mit Aufnahmen von sich, seinem Umfeld, Dingen, die ihn beschäftigten. Einige davon, auch von Christoph Rüter aufgenommen, zeigen Brasch in unterschiedlichsten Momenten seines Lebens, auf eigenen Wunsch des Dichters völlig ungeschminkt. Braschs Leben und Sterben war außergewöhnlich. Hier musste einer auf dem Messer gehen, wie Christa Wolf sagt, um vorwärts zu kommen. Thomas Braschs größter Wunsch war immer, dass er und seine Arbeit ‚gebraucht’ wird. Dieser Wunsch geht nun endlich in Erfüllung.
Allerdings in der Arbeit eines Freundes, dessen dramaturgisches Gespür eher mittelmäßig ist, der weder strukturiert noch gestaltet. Einer dieser Filme für sich selber und Freunde.
(2 Punkte)

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Rundskop (R: Michaël R. Roskam)

Der junge Limburger Viehzüchter Jacky Vanmarsenille bekommt durch einen skrupellosen Veterinär das Angebot eines dreckigen Geschäftes mit einem berüchtigten west-flämischen Rinderhändler. Doch die Ermordung eines Bundespolizisten und die unerwartete Konfrontation mit einem mysteriösen Geheimnis aus seiner Vergangenheit setzt eine Kette von Ereignissen mit weitreichenden Konsequenzen in Gang.
„Bullhead“ ist eine Schicksalstragödie um verlorene Unschuld und Freundschaft, um Verbrechen und Strafe, aber auch um widersprüchliche Begehren und die Unumkehrbarkeit des Schicksals.
Wäre nicht die sinn- und verstandlos drübergekippte, völlig unpassende Musiksoße – es wäre ein anständiger Thriller, der, wie so häufig in diesem Genre, am Schluss etwas überdreht und sich zieht. Durchaus sehenswert, akustisch eher mit Ohropax zu genießen.
(6 Punkte)

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Unter Kontrolle (R: Volker Sattel)

Der Film gibt Einblick in den unbekannten Alltag hinter den Mauern deutscher Kernkraftwerke. Der Regisseur besucht atomtechnische Anlagen, auch ein Schulungszentrum. Wir sehen gleißend helle Leitstellen, Schutzanzüge, Dekontaminierungsschleusen, Vernebelungsmaschinen, fahren ein in die Tiefe der Lagerstätten, sehen, wie die Macht der kleinsten Teile unter Kontrolle gebracht werden soll. Der Film bleibt ruhig, nimmt keine erkennbare Haltung ein. Er bleibt auch unklar, was sein Konstruktionsprinzip betrifft, warum er welche Einrichtungen in welcher Reihenfolge aufsucht. Das ist zu wenig.
(3 Punkte)

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Nesvatbov (Matchmaking Mayor) (R: Erika Hníková)

In ihrer dritten Langdokumentation begibt sich Erika Hníková nach Zemplínske Hámre, einem slowakischen Dorf, dessen ordnungsliebender Bürgermeister es sich zum Ziel gemacht hat, alle Singles „seines“ Dorfes zu verkuppeln, um der demografischen Realität zu trotzen. Der Film folgt seinen Bemühungen, eine Norm durchzusetzen, die keine Verweigerer akzeptiert. Eine Situationskomödie, die nicht das Fernsehen, sondern das Leben schreibt. Der Ex-General müht sich redlich.
Ein erfrischender Blick, intelligent konstruiert zeigt diese Doku mit einem Augenzwinkern, welche Macht in scheinbar unpolitischem Verhalten liegt.
(7 Punkte)

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De sterkste man van Nederland (Regie: Mark de Cloe)

Der zwölfjährige Luuk Bos, der bei seiner Mutter lebt, ist in dem Glauben aufgewachsen, sein Vater sei der stärkste Mann der Welt. Seine Mutter Dorien hat ihm immer die unglaublichsten Geschichten über seinen Vater erzählt. Als er sich den Stärkster Mann-Wettbewerb anschaut, sieht er den Teilnehmer René Doornbos. Luuk vermutet, er sei sein Vater. Als er eines Tages alte Fotos des nun glatzköpfigen Rene sieht, auf dem dieser – wie er selber – rote Haare hat, hält Luuk das für den Beweis, dass Rene sein Vater ist. Als Dorien davon erfährt, schenkt sie ihm reinen Wein ein: er ist durch künstliche Befruchtung entstanden. Trickreich und mit Hilfe seiner Freundin findet Luuk den Samenspender – entscheidet sich aber anders.
Von A-Z ein gelungener Film, der viel Freude macht!
(9 Punkte)

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Foto: ©

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