Past Lives

(FR/KR 2023; Regie: Celine Song)

Zwischen Zufall und Notwendigkeit

Die 12-jährige Na Young ist ein kluges und ehrgeiziges Mädchen. Auf dem gemeinsamen Heimweg mit ihrem gleichaltrigen Schulfreund Hae Sung hat sie Tränen in den Augen, weil in der letzten Klassenarbeit ausnahmsweise nicht sie, sondern er die beste Note geschrieben hat. Die scheue, selbstverständliche Freundschaft der beiden Kinder, die nur in wenigen Szenen und tiefen Blicken behauptet wird, bedeutet vor allem dem zurückhaltenden Jungen mehr. Einmal, auf der Heimfahrt vom Spielplatz, halten sie sich geschwisterlich die Hände. Kurz darauf kommt es zu einem stummen, verstockten Abschied, denn die Eltern von Na Young, die beide als Künstler tätig sind, wollen mit ungewisser Perspektive nach Kanada auswandern. Der Grund dafür bleibt unklar. Doch die Mutter erklärt einmal bedeutungsschwanger: „Wenn man etwas zurücklässt, entsteht Platz für Neues.“ Celine Songs Film „Past lives“ („In einem anderen Leben“) handelt auch davon, wie die Vergangenheit die Gegenwart einholt und sich nicht einfach abschütteln lässt.

12 Jahre später befindet sich Na Young tatsächlich in einem neuen Leben: Sie heißt jetzt Nora Moon (Greta Lee), wohnt in New York und gilt als vielversprechende Dramatikerin, weil sie schicke Sätze schreibt. Doch auch über diesen Lebensabschnitt wird kaum etwas erzählt. Stattdessen meldet sich unerwartet Hae Sung (Teo Yoo) aus Südkorea, der angeblich schon länger nach Nora sucht, weil er sie seit der gemeinsamen Kindheit schmerzlich vermisst. Nach seinem Armeedienst hat er Maschinenbau studiert, ist aber offensichtlich Single geblieben. Das erfährt man über eine arg kursorische Internetkommunikation, deren Parallelmontage nur eine oberflächliche Bebilderung bietet und die Gewichte außerdem ungleich verteilt. Dann entscheidet sich Nora gegen ihre Gefühle und bricht den Kontakt abrupt ab. Später wird Hae Sung über ihre berufliche Zielstrebigkeit, der alles Private untergeordnet ist, sagen, sie habe immer alles machen, alles haben wollen.

Der Determinismus und die Zwangsläufigkeit, die daraus sprechen, werden in „Past lives“ kontrastiert von der Idee der schicksalhaften Fügung, bei der Seelenverwandte, die sich aus einem früheren Leben kennen, füreinander bestimmt sind. Die Gegenwart wäre in diesem Sinne also von der Vergangenheit geprägt. Zwar heiratet Nora ihren Schriftstellerkollegen Arthur (John Magaro), den sie in einer Künstlerresidenz von Montauk kennenlernt, doch in einem weiteren Zeitsprung von 12 Jahren wird sie in einem selbstverständlich verregneten New York von ihrem Kindheitsfreund besucht. In langen Gesprächen und noch längeren Blicken zwischen Nora und Hae Sung werden die Möglichkeitsformen eines nicht gelebten Lebens durchdekliniert und die Anteile des Zufalls erwogen. Dabei werden auch die besonderen Bedingungen von Migranten gestreift, die in der neuen Heimat immer auch Fremde geblieben sind und weiterhin in ihrer Muttersprache träumen.

Die südkoreanisch-kanadische Dramatikerin Celine Song erzählt die unausgesprochene, schwelende Liebesgeschichte ihres stimmungsvollen Debütfilms, der von eigenen Erlebnissen inspiriert ist, in einer ausgewogenen Mischung aus Nähe und Distanz. Der Akzent liegt dabei auf langen, behutsam inszenierten Dialogen, in denen das Schweigen und die Blicke beredt sind und die befangenen Gefühle nur mühsam unterdrückt werden können. Bevorzugt vor pittoresken Manhattan-Ansichten inszeniert, scheut die Regisseurin weder bildliche Klischees noch die Statik einer auf der Stelle tretenden, kaum greifbaren und wenig realitätshaltigen Erzählung. So besticht „Past lives“ allenfalls durch die subtile Ausdehnung eines ebenso schmerzlichen wie vergeblichen Gefühls, das ideell unterfüttert wird mit Überlegungen zur Frage, ob das Leben von Zufällen oder Notwendigkeiten bestimmt wird.

Past Lives
Frankreich, Südkorea 2023 - 106 min.
Regie: Celine Song - Drehbuch: Celine Song - Produktion: Christine Vachon - Bildgestaltung: Shabier Kirchner - Montage: Keith Fraase - Musik: Christopher Bear, Daniel Rossen - Verleih: Studiocanal - Besetzung: Greta Lee, Teo Yoo, John Magaro, Moon Seuung-ah, Leem Seung-min, Ji Hye Yoon
Kinostart (D): 17.08.2023

DVD-Starttermin (D): 16.11.2023

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt13238346/
Foto: © Studiocanal