Land of Dreams

(USA 2021; Regie: Shoja Azari, Shirin Neshat)

Land der Albträume

Die USA in naher Zukunft: Das Land hat seine Außengrenzen weitestgehend dicht gemacht. Wo die Behörden allerdings alles offen halten wollen, das ist bei denen, die in den Grenzen leben. Die Regierungsbehörden stöbern sogar schon in den Träumen der Bürger*innen herum.

In ihrem neuen Spielfilm „Land of Dreams“ entwirft die New Yorker Künstlerin Shirin Neshat die Dystopie eines Staates, der wirklich alles kontrolliert – und zeigt zugleich, wie sich einzelne dieser Überwachung entziehen. Simin, die zentrale Figur des Films, mit den Eltern aus dem Iran eingewandert, als dies noch ging, ist im Außendienst eines „Zensusamtes“ tätig. Was erst einmal recht unverdächtig klingt, ist ein Kernbereich der Regierungsarbeit: Es geht darum, Gehirninhalte, genauer: die Träume auszuforschen. Die Interviewerin klopft für ihren Job an diverse Türen. Sie arbeitet als Protokollantin und lässt sich von den Bürger*innen deren Nächte schildern. Daraus erstellen die Behörden Überwachungsprofile. Eine Kommission wertet die Traumstatements aus. Nichts soll dem Zufall überlassen werden.

Simin ist eine Reisende, auf diese Weise kartografiert sie ihr Arbeitsgebiet, den mittleren Westen der USA. Die dramatische Grundanlage des Films fordert geradezu das Format des Roadmovie. Sie trifft eine Reihe skurriler wie abweisender oder verrückter Gestalten. Hoffnungen und Ängste in der Gegenwart der USA kommen deutlich zum Ausdruck. Ungefährlich ist der Job nicht immer, daher ist sie mit dem Aufpasser Alan unterwegs. Die Behörden rechnen jedoch nicht mit der Eigenwilligkeit der Beteiligten. Und auch Simin verarbeitet die Erfahrungen der ihr fremden Menschen mit ihren eigenen. Sie stellt die Träume auf Farsi vor der Kamera nach, teilt ihre Videos in den sozialen Medien.

Gibt es eine Grenze zwischen Traum und Realität? Hier ist sie auf jeden Fall nicht so dicht wie das US-Territorium nach außen. Überwachung und individuelle Freiheit kollidieren in vielerlei Weise. Neshat selbst sagt, sie habe in Vorbereitung des Films mit rund 200 Menschen Gespräche geführt, unterm Strich sei ein Kaleidoskop einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft entstanden. Enormer Reichtum und Ablehnung („So weit sind wir schon gekommen, Araber befragen Amerikaner.“) treffen auf krasse Armut – eine Betrachtung der Gegenwart aus nächster Zukunft.

„Land of Dreams“ ist dabei weniger analytisches denn assoziatives Kino – Neshat lässt die Bilder rauschen, setzt auf prägende Szenen. Wie etwa beim Besuch einer radikal-evangelikalen Sekte, deren Mitglieder in weißen Engelsgewändern und mit knallrot gefärbten Haaren um eine Greisin im Rollstuhl kreisen, die das Porträt ihres im Krieg verschollenen Enkels vor der US-Flagge im Arm hält. In diesem Land herrsche Gott, erklärt die Zeremonienmeisterin Simin. Ihr Kommentar: „Aus so einem Land komme ich auch.“

Ein eindrucksvoller Film, wenn auch alles andere als eingängig! In den Arbeiten Neshats – selbst 1957 im iranischen Qazvin geboren und seit geraumer Zeit Wahl-New Yorkerin – spielt die Kunst für das Streben nach individueller Freiheit, also ein zentrales menschenrechtliches Anliegen, eine große Rolle. Bereits ihr letzter Film „Auf der Suche nach Oum Kulthum“ (2018) über Ägyptens großen weiblichen Gesangsstar thematisiert diese Funktion künstlerischen Ausdrucks. Die Kunst bietet bei ihr das Potenzial, die Verhältnisse zu überwinden, indem man über sich selbst hinauswächst.

Daher stehen auch die Menschenrechte immer wieder im Zentrum ihres Schaffens. 2019 steuerte Neshat eine Arbeit ihrer Reihe „The Home of My Eyes“ der Grafikmappe „ART 19 – Box One“ bei. Ziel dieser Initiative ist es, mit dem Erlös der limitierten Kunstedition die Arbeit von Amnesty International für Menschenrechte zu unterstützen. Der Titel „Art 19“ steht dabei für den Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung“.

Diese Kritik erschien zuerst in: Amnesty Journal

Land of Dreams
USA 2021 - 113 min.
Regie: Shoja Azari, Shirin Neshat - Drehbuch: Shoja Azari, Jean-Claude Carriére - Produktion: Amir Hamz, Christian Springer, Sol Tryon - Bildgestaltung: Ghasem Ebrahimian - Montage: Mike Selemon - Musik: Michael Brook - Verleih: W-film - FSK: ab 12 - Besetzung: Sheila Vand, Matt Dillon, William Moseley, Isabella Rossellini, Anna Gunn, Christopher McDonald
Kinostart (D): 03.11.2022

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt11886384/
Foto: © W-film